DIE KULTUR DER GEGENWART heraUvSgbciebp:n von paul hinneberq ZELLEN» UND GEWEBELEHRE ^^lU',•;^^^'i^:^• MÖI^mOLÖDlE UND ENTWiCkLUNtJSGESCHICHTE L; BOTANISCHER TEIL VERLAQ VON B.G. TEUBNEK IN LEIPZIG UND BKRLIN MARINE BIOLOGIGAL LABORATORY. Received J^o^^^^er 13, 1935 Accession No. 45327 Given by pr, Jö seph C. Herrick Dio^^ Chn.rch of St. Mary Mag Place, New York Gl ty *;j.*]*lo book oP Pamphlet is to be pemoved fpom ihe Uab- OPatopy uaithout ttoe pepmission ot tbe Trustees. dale DIE KULTUR DER GEGENWART IHRE ENTWICKLUNG UND IHRE ZIELE HERAUSGEGEBEN VON PROF. PAUL HINNEBERG In 4 Teilen. Lex.-8. Jeder Teil in inhaltlich vollständig in sich abgeschlossenen und einzeln käuflichen Bänden (Abteilungen). Geheftet und in Leinwand ge- bunden. In Halbfranz gebunden jeder Band M. 2. — mehr. Die „Kultur der Gegenwart" soll eine systematisch aufgebaute, geschichtlicla be- gründete Gesamtdarstellung unserer heutigen Kultur darbieten, indem sie die Fundamen- talergebnisse der einzelnen Kulturgebiete nach ihrer Bedeutung für die gesamte Kultur der Gegenwart und für deren Weiterentwicklung in großen Zügen zur Darstellung bringt. Das Werk vereinigt eine Zahl erster Namen aus allen Gebieten derWissenschaft und Praxis und bietet Darstellungen der einzelnen Gebiete jeweils aus der Feder des dazu Berufensten in gemeinverständlicher, künstlerisch gewählter Sprache auf knappstem Räume. Seine Majestät der Kaiser hat die Widmung des Werkes Allergnädigst anzunehmen geruht. Prospekthefte werden den Interessenten unentgeltlich vom Verlag B. G. Teubner in Leipzig, Poststr. 3 , zugesandt. I. Teil. Die geisteswissenschaftlichen Kulturgebiete, i. Hälfte. Religion und Philosophie, Literatur, Musik und Kunst (mit vorangehender Einleitung zu dem Gesamtwerk). [14 Bände.] (* erscbi *Die allgemeinen Grundlagen der Kultur der Gegenwart. (I, 1.) 2. Aufl. [XIV u. 716 S.] 1912. M. 18.—, M. 20.— Die Aufgaben und Methoden der Geistes- wissenschaften. (I, 2.) ♦Die Religionen des Orients und die altgerman. Religion. (I, 3, i.) 2. Aufl. 1913. [U. d. Presse.] ca. M. 7. — , M. 9. — Die Religionen des klassisch. Altertums. (1,3,2.) »Geschichte der christlichen Religion. MitEin- leitg. : Die israelitisch-jüdische Religion, (1, 4, i.) 2. Aufl. [X u. 792 S.] 1909. M. 18.—, M. 20.— ♦Systematische christliche Religion. (1,4, 2.) 2., verb. Aufl. [VIII u. 279 S.] 1909. M. 6.60, M.8.— ♦Allgemeine Geschichte der Philosophie. (I, 5.) 2. Auflage. 1913. [U. d. Presse.] ca. M. 12.— , M. 14. — •Systematische Philosophie. (I, 6.) 2. Auflage. [X u. 435 S.] 1908. M. 10.—, M. 12.— ♦Die orientalischen Literaturen. (I, 7.) [IX u. 419 S.] 1906. M. ID.— , M. 12. — enen.) ♦Die griechische und lateinische Literatur und Sprache. (1,8.) 3. Auflage. [VIII u. 582 S.] 1912. M. 12.—, M. 14. — ♦Die osteuropäischen Literaturen und die slawischen Sprachen. (I, 9.) [VIII u. 396 S.] 1908. M. 10. — , M. 12. — Die deutsche Literatur und Sprache. (I, 10.) ♦Die romanischen Literaturen und Sprachen. Mit Einschluß des Keltischen. (I, 11, i.) [VIII u. 499 S.] 1908. M. 12.— , M. 14. — Englische Literatur und Sprache, skandina- vische Literatur und allgemeine Literatur- wissenschaft. (I, II, 2.) Die Musik. (I, 12.) Die orientalische Kunst. Die europäische Kunst des Altertums. (I, 13.) Die europäische Kunst des Mittelalters und der Neuzeit. Allgemeine Kunstwissenschaft. (1,14.) II. Teil. Die geisteswissenschaftlichen Kulturgebiete. 2. Hälfte. Staat und Gesellschaft, Recht und Wirtschaft. [10 Bände.] (♦ erschienen.) Völker-, Länder- und Staatenkunde. (IT, i.) ♦AUg. Verfassungs- u. Verwaltungsgeschichte. (II, 2, I.) [VIII u. 375 S.] 19H. M. 10.—, M. 12.— Staat und Gesellschaft des Orients von den An- fängen bis zur Gegenwart. (II, 3.) Erscheint 1913. ♦Staat und Gesellschaft der Griechen u. Römer. (II, 4, I.) [VI u. 280 S.] 1910. M. 8.—, M. 10.— Staat und Gesellschaft Europas im Altertum und Mittelalter. (II, 4, 2.) ♦Staat u. Gesellschaft d. neueren Zeit (b. z. Franz. Revolution). (II, 5,1.) [VIU.349S.] 1908. M. 9.— , M.ii.- Staat und Gesellschaft der neuesten Zeit (vom Beginn der Französischen Revolution). (II, 5, 2.) System der Staats- und Gesellschaftswissen- schaften. (II, 6.) Allgemeine Rechtsgeschichte mit Geschichte der Rechtswissenschaft, ill, 7, i.) Erscheint 1913. ♦Systematische Rechtswissenschaft. (II, 8.) 2. Aufl. 1913. [U. d. Presse.] ca. M. 14. — , M. 16. — Allgemeine Wirtschaftsgeschichte mit Ge- schichte der Volkswirtschaftslehre. (II, 9.) ♦Allgemeine Volkswirtschaftslehre. (U, 10, i.) 2. Aufl. 1913. [U. d. Presse.] ca. M. 7. — , M. 9. — Spezielle Volkswirtschaftslehre. (II, 10, 2.) System der Staats- uad Gemeindewirtschafts- lehre (Finanzwissenschaft). (II, 10, 3.) III. Teil. Die mathematischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen Kulturgebiete. [19 Bände.] (* erschienen: I, i. 111,2. IV, 2; f unter der Presse: 1,2. III, i. III, 3. IV, i. IV, 4. VII, i.) IV. Abt. Organische Naturwissenschaften. Abteilungsleiter: R. von Wettstein. tBand i. Allgemeine Biologie. Bandredakteure: C. Chun und W. L. Johannsen. Bearbeitet von E. Baur, P. Claußen, A. Fischel, E. Godlewski, W. L. Johannsen, E. Laqueur, B. Lidforss, W. Ostwald, 0. Porsch, H. Przibrara, E. Radi, W. Roux, W. Schleip, H. Spemann, O. zur Straßen, R. von Wettstein. ♦Band 2. Zellen- und Gewebelehre, Morphologie u. Entwicklungsgeschichte, i. Botanischer Teil. Bandredakteur: -j- E. Strasburger. Bearbeitet von W. Benecke und f E. Strasburger. 2. Zoologischer Teil. Bandredakteur: O. Hertwig. Bearb. von E. Gaupp, K. Heider, O. Hertwig, R. von Hertwig, F. Keibel, H. Poll. Band 3. Physiologie und Ökologie. Bandredak- teure: M. Rubner und G. Haberlandt. Bearbeitet von E. Baur, Fr. Czapek, H.von Guttenberg u. a. +Band 4. Abstammungslehre, Systematik, Paläon- tologie, Biogeographie. Bandredakteure: R. v. Hertwig und R.v. Wettstein. Bearbeitet von O.Abel, 1. E. V. Boas, A. Brauer, A. Engler, K. Heider, R. v. Hertwig, W. J. Jongmans, L. Plate, R. v. Wettstein. V.Abt. Anthropologie einschl. naturwissen- SChaftl. Ethnographie, (j Bd.) Bandredakteur: G. Schwalbe. Bearb. von E. Fischer, R. F. Graebner, M. Hoernes, Th. MoUison, A. Ploetz, G. Schwalbe. VI. Abt. Die medizin. Wissenschaften. Abteilungsleiter: Fr. von Müller. Band i. Die Geschichte der modernen Medizin. Bandredakteur: K. SudhofF. Bearb. von M. Neuburger, K. Sudhoff u. a. Die Lehre von den Krankheiten. Bandredakteur: F.Marchand. Mitarb. noch unbestimmt. Band 2. Die medizinischen Spezialfacher. Band- redakteure : W. His und Fr. von Müller. Mitarbeiter noch unbestimmt. Band 3. Beziehungen d. Medizin zum Volkswohl. Bandredakteur: M.v. Gruber. Mitarb. noch unbestimmt. *I. Abt. Die math. Wissenschaften, (i Band.) Abteilungsleiter und Bandredakteur: F. Klein. Zu- nächst bearbeitet von P. Stäckel, H. E. Timerding, A. Voß, H. G. Zeuthen. i. Lieferung. [IV u. 95 S.j Lex.-8. 1912. Geh. M. 3. — II. Abt. Die Vorgeschichte der modernen Naturwissenschaftenu.d. Medizin. (iBand.) Bandredakteure : J. Ilberg und K. Sudhoff. Bearb. von F.Boll, S.Günther, LL. Heiberg, M.Hoefler, J. Ilberg, E.Seidel, H.Stadler, K. Sudhoff, E.Wiedemann u.a. III. Abt. Anorgan. Naturwissenschaften. Abteilungsleiter: E. Lecher. •f-Band I. Physik. Bandredakteur: E. Warburg. Bearb- von F. Auerbach, F. Braun, E. Dom, A. Einstein, J. Elster, F.Exner, R. Gans, E.Gehrcke, H.Geitel, E.Gum- lich, F. Hasenöhrl, F. Henning, L. Holborn, W. Jäger, W. Kaufmann, E. Lecher, H. A. Lorentz, O. Lummer, St. Meyer, M. Planck, O. Reichenheim, F. Richarz, H.Rubens, E. v.Schweidler, H.Starke, W.Voigt, E. Warburg, E.Wiechert, M.Wien, W.Wien, O.Wiener, P. Zeeman. *Band 2. Chemie. Bandredakteur: E. v. Meyer. Allgemeine Kristallographie und Mineralogie. Bandredakteur: Fr. Rinne. Bearbeitet von K. Engler, H. Immendorf, f O. Kellner, A. Kossei, M. Le Blanc, R.Luther, E.v. Meyer, W.Nernst, Fr. Rinne, O.Wal- lach, O.N.Witt, L. VVöhler. •j-Band 3. Astronomie. Baudredakteur:J. Hartmann. Bearbeitet von L. Ambronn, F. BoU, A. v. Flotow, F. K. Ginzel, K. Graff, J. Hartmann, J. v. Hepperger, H. Kobold, E. Pringsheim, F. W. Ristenpart. Band 4. Geonomie. Bandredakteure: fl.B. Messer- schmitt und H. Benndorf. Mit einer Einleitung von F. R. Helmert. Bearbeitet von H. Benndorf, f G. H. Darwin, f H. Ebert, O. Eggert, S. Finsterwalder, E. Kohlschütter u. a. Band 5. Geologie (einschließlich Petrographie). Bandredakteur : A. Rothpletz. Bearbeitet von A. Ber- geat, E. V. Koken, J. Königsberger, A. Rothpletz. Band 6. Physiogeographie. Bandredakteur: E. Brückner, i. Hälfte: Allgemeine Physiogeographie. Bearbeitet von E. Brückner, S. Finsterwalder, J. von Hann, f O. Krümmel, A. Merz, E. Oberhummer u. a. 2. Hälfte : Spezielle Physiogeographie. Bearbeitet von E. Brückner, W. M. Davis u. a. Vn. Abt. Naturphilosophie u. Psychologie. tBand I.Naturphilosophie. Bandredakteur: C.Stumpf. Bearbeitet von E. Becher. Band 2. Psychologie. Bandredakteur: C. Stumpf. Bearbeitet von C. L. Morgan und C. Stumpf. VIII. Abt. Organisation der Forschung u. des Unterrichts. (l Band.) Bandredakteur: A.Gutzmer. IV. Teil. Die technischen Kulturgebiete. [i8 Bände.] Abteilungsleiter: W. von Dyck, O. Band i. Vorgeschichte der Technik. Band- redakteur und Bearbeiter: C. Matschoß. Band 2. Verwertung der Katurkräfte zur Gewin- nung mechanischer Energie. Bandredakteur: M. Schröter. Bearbeitet von H. Bunte, R. Escher, K. v. Linde, W. Lynen, R. Schüttler, M. Schröter. Band 3. Umwandlung und Verteilung der Ener- gie. Bandredakteur : M. Schröter. Bearbeitet von W. V. Oechelhaeuser, A. Schwaiger u. a. Band 4. Bergbau und Hüttenwesen. (Stoff- gewinnung auf anorganischem Wege.) I.Teil. Berg- bau. Bandredakteur: W. Bornhardt. Bearbeitet von H. E. Böker, G. Franke, Fr. Herbst, M. Krah- mann, M. Reuß, O. Stegemann, L.Tübben. — U. Teil. Hüttenwesen. Bandredakteur und Mitarbeiter noch unbestimmt. Band 5. Land- und Forstwirtschaft. {Stoff- gewinnung auf organischem Wege.) I.Teil. Land- wirtschaft. Bandredakteur und Mitarbeiter noch unbestimmt. — II. Teil. Forstwirtschaft. Band- redakteure und Bearbeiter: R. Beck und H. Martin. Band 6. Mechanische Technologie. (Stoffbear- beitung auf maschinentechnischem Wege.) Band- redakteure : E. Pfuhl und A. Wallichs. Bearbeitet von P. V. Deuffer, Fr. Hülle, O. Johannsen, E. Pfuhl, M. Rudeloff, A. Wallichs. Band/. Chemische Technologie. (Stofftearbeitung auf chemisch-technischem Wege.) Bandredakteur und Mitarbeiter noch unbestimmt. Kammerer. (* erschienen: Band 12.) Band 8 und 9. Siedelungen. Bandredakteure : W. Franz und C. Hocheder. Bearbeitet von H. E. von Berlepsch -Valendas , W. Bertsch, K. Diestel, ]VL Dülfer, Th. Fischer, H. Grässel, C. Hocheder, R. Rehlen, R. Schachner, H. v. Schmidt. Band 10 und 11. Verkehrswesen. Bandredakteur: O. Kammerer. Mitarbeiter noch unbestimmt. ♦Band 12. Technik des Kriegswesens. Band- redakteur: M.Schwarte. Bearbeitet von K. Becker, O. V. Eberhard, L. Glatzel, A. Kersting, O. Kretsch- mer, O. Poppenberg, J. Schroeter, M. Schwarte, W. Schwinning. Mit Abbildungen. [X, 886 S.] Lex.-8. 1913. Geh. J( 24. — , geb. Ji 26. — Band 13. Die technischen Mittel des geistigen Verkehrs. Bandredakteur: A. Miethe. Bearbeitet von A. Miethe, E. Goldberg u. a. Band 14. Die technischen Mittel der Beobach- tung und Messung. Bandredaktaur: A. Miethe. Mitarbeiter noch unbestimmt. Band 15. Entwicklungslinien der Technik im 19. Jahrhundert. Bandredakteur: W. v. Dyck. Mitarbeiter noch unbestimmt. Band 16. Organisation der Forschung. Unterricht. Bandredakteur: W. v. Dyck. Mitarb. noch unbestimmt. Band 17. Die Stellung d. Technik zu den anderen Kulturgebieten. I. Bandredakteur: W. v. Dyck. Bearbeitet von Fr. Gottl von Ottlilienfeld u. a. Band i8. Die Stellung der Technik zu den anderen Kulturgebieten. II. Bandredakteur: W. v.Dyck. Bearb. von H. Herkner, C. Hocheder u.a. DIE KULTUR DER GEGENWART IHRE ENTWICKLUNG UND IHRE ZIELE HERAUSGEGEBEN VON PAUL HINNEBERG DRITTER TEIL MATHEMATIK • NATURWISSENSCHAFTEN MEDIZIN VIERTE ABTEILUNG ORGANISCHE NATURWISSENSCHAFTEN UNTER LEITUNG VON R.v. WETTSTEIN ZWEITER BAND ZELLEN- UND GEWEBELEHRE MORPHOLOGIE UND ENTWICKLUNGSGESCHICHTE UNTER REDAKTION VON tE. STRASBURGER UND O.HERTWIG DRUCK UND VERLAG VON B. G.TEUBNER • LEIPZIG • BERLIN .1913 ZELLEN- UND GEWEBELEHRE MORPHOLOGIE UND ENTWICKLUNGSGESCHICHTE UNTER REDAKTION VON t E. STRASBURGER UND O. HERTWIG BEARBEITET VON t E. STRASBURGER • W. BENECKE • R. HERTWIG H. POLL • O. HERTWIG • K. HEIDER • F. KEIBEL • E. GAUPP I: BOTANISCHER TEIL UNTER REDAKTION VON t E. SJTRAS BURGER BEARBEITET VON t E. STRASBURGER UND W. BENECKE MIT 135 ABBILDUNGEN IINI TEXT .-.<11 DRUCK UND VERLAG VON B. G.TEUBNER • LEIPZIG • BERLIN • 1913 COPYRIGHT 1913 BY B.G.TEUBNER IN LEIPZIG ALLE RECHTE, EINSCHLIESSLICH DES ÜBERSETZUNGSRECHTS, VORBEHALTEN VORWORT. Als die Aufgabe an mich herantrat, das Programm für die Behandlung der Biologie in der „Kultur der Gegenwart" zu entwerfen, ergab sich eine Schwierigkeit. Einerseits hat die notwendige Arbeitsteilung und Speziali- sierung zu einer so weitgehenden Selbständigkeit der beiden Zweige der Biologie, der Botanik und Zoologie, geführt, daß eine einheitliche Darstellung des Tatsachenmateriales unmöglich erschien. Anderseits haben die beiden Schwesterwissenschaften gerade in neuester Zeit soviel übereinstimmende Resultate geliefert, daß es als eine dankbare Aufgabe begrüßt werden mußte, den Versuch zu unternehmen, dieses Gemeinsame zusammenfassend eine allgemeine Schilderung des Lebens zu geben. Das Programm, welches den vier Bänden der „Kultur der Gegenwart", in denen die gesamte organische Naturwissenschaft ihre Bearbeitung findet, zugrunde liegt, trachtet beiden Gesichtspunkten Rechnung zu tragen. Der erste Band, welcher seinem Abschluß nahe ist, wird nach einer Darstellung der Geschichte der modernen Biologie, nach der Besprechung* ihrer Methoden und Arbeitsrichtungen in Kürze zu schildern versuchen, in welchen Erschei- nungen das Leben sich überhaupt äußert und was wir über das Leben im allgemeinen wissen; er wird in diesem Sinne einen kurzen Abriß der all- gemeinen Biolog'ie bringen. In den drei übrigen Bänden wird die getrennte Behandlung- der Pflanze und des Tieres mit ihren Lebenserscheinungen stärker hervortreten. Dies gilt namentlich von dem nunmehr vorliegenden II. Bande, dessen Aufgabe die Besprechung der Zellen- und Gewebelehre, der Morphologie und Entwicklungslehre ist, so daß hier auch eine äußerliche Trennung des Bandes in zwei Teilbände vorgenommen wurde. Schon die verschiedene botanische und zoologische Terminologie ließ eine solche Zweiteilung wünschenswert erscheinen, dazu kam noch der Umstand, daß gerade in der morphologischen Gestaltung sich der Unterschied des tierischen Lebens vom pflanzlichen Leben ausprägt. An die morphologischen Darlegungen des IL Bandes wird sich die Behandlung der Physiologie und Ökologie im III., die Besprechung der Ergebnisse der Abstammungslehre, der Systematik, Biogeographie und Paläontologie im IV. Bande anschließen. Insofern, als der IL Band das morphologische Tatsachenmaterial darstellt, w^elches der Inhalt der übrigen Bände verwertet, erscheint es motiviert, wenn im Erscheinen dieser Band den übrigen vorauseilt. VI Vorwort In die Redaktion des IL Bandes haben sich die Herren E. Strasburger in Bonn und O.Hertwig in Berlin geteilt. E. Strasburger übernahm den botanischen Teil, für den er auch die Abfassung des Artikels über die „Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre" selbst besorgte. Das Schicksal gönnte ihm nicht, das Erscheinen des Bandes zu erleben. Zwei Tage nach der Ein- sendung des Manuskriptes des von ihm übernommenen Abschnittes ereilte ihn der Tod. So stellt der erwähnte Abschnitt die letzte Arbeit dieses her- vorragenden Meisters der Botanik dar. Ein merkwürdiger Zufall fügte es, daß gerade diese letzte Arbeit ihm Gelegenheit bot, seine Gesamtauffassung über die pflanzliche Gestaltung zusammenhängend darzustellen, und es wird auch für den Fachmann von besonderem Reize sein, zu sehen, wie eine un- geheure Summe von Einzeleindrücken sich in dem Geiste eines Mannes wie Strasburger zu einem Gesamtbilde vereinigte. Nach dem Hinscheiden Strasburgers übernahm der Gefertigte die Fortführung der Redaktion des botanischen Teiles. Es obliegt ihm die angenehme Aufgabe, allen jenen zu danken, welche ihn bei dieser Aufgabe unterstützten, den Herren Prof. Dr. W. Benecke und Dr. Clemens Müller, Bonn, welche die Korrekturen des Strasburger- schen Artikels übernahmen, und Herrn Privatdozenten Dr, E. Jan che n, der die Ausarbeitung des Namen- und Sachregisters besorgte. Die größten Verdienste um das Zustandekommen der ganzen, die orga- nischen Naturwissenschaften behandelnden Abteilung erwarben sich die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Verlages, die Herren Dr. C. Thesing und Dr. A. Günthart. Es ist mir ein Bedürfnis, ihrer sachlichen und un- ermüdlichen Hilfe in dem Momente zu gedenken, in welchem der erste Band dieser Abteilung der Öfl'entlichkeit übergeben wird. . Wien, im Februar 1913. R. V. WETTSTEIN. ,:y t Vi INHALTSVERZEICHNIS. Seite PFLANZLICHE ZELLEN- UND GEWEBELEHRE 1-174 Von E. strasburger. MORPHOLOGIE UND ENTWICKLUNG DER PFLANZEN 175-327 Von W. benecke. REGISTER 328-338 Von E. janchen. PFLANZLICHE ZELLEN- UND GEWEBELEHRE. VON Eduard Strasburger. Den grünen Anflug, der eine feuchte Baumrinde deckt, die grünen Fäden, nie Grenzen die im Wasser eines Teiches fluten, die Kräuter einer Wiese, die Bäume eines pAantenreichs Waldes erkennt auch der Laie als Pflanzen an. Ist er sich dessen bewußt, was ihn bewogen hat, diese untereinander so verschiedenen Wesen in derselben Be- zeichnung zu vereinigen? Möglicherweise war es in allen diesen Fällen die grüne Farbe, die seine Schlußfolgerung beeinflußte. Auch mag er mit dem Begriff eines Tieres die Vorstellung freier Ortsveränderung verbinden, die er hier ver- mißte. Aus dem gleichen Grunde sind ihm auch die Pilze Pflanzen, ungeachtet das Grün auf sie nicht paßt. Dafür vermißt er auch bei ihnen Öffnungen zur Aufnahme fester Nahrung, die ihm für das Tier bezeichnend erscheinen. Alle üblichen Vorstellungen von Tier und Pflanze werden aber bei dem Un- eingeweihten versagen, wenn er im Schatten eines Waldes, zwischen totem Laub oder auf moderndem Holz, ein schleimiges Netzwerk, oft von auffälliger Fär- bung, erblickt, das, wenn auch nur träge, seine Gestalt verändert und auf der Unterlage fortkriecht, also unter allen Umständen ein lebendes Wesen sein muß. Ein Sachkundiger könnte hier zu Hilfe kommen und die Aufklärung geben, daß dieser zähflüssiger Körper einen bestimmten Entwicklungszustand der Schleim- pilze oder Myxomyceten darstelle. Seine Fähigkeit, von Ort zu Ort zu wandern, habe freilich auch manchen Forschern so imponiert, daß sie es vorzogen, diese Organismen nicht weiter als Schleimpilze, sondern als Schleimtiere oder Myce- tozoen zu bezeichnen. Heute reihe man sie, ihren sonstigen Beziehungen nach, ganz allgemein dem Pflanzenreich an. An den Grenzen der beiden organischen Reiche verwischen sich eben die Unterschiede; dort liegen die gemeinsamen Ausgangspunkte des Lebens. Erst nach und nach, im Laufe der fortschreitenden Entwicklung, welche die lebenden Wesen durchgemacht haben, um von der einfacheren zur zusammengesetzteren Organisation zu gelangen, und die seit Ernst Haeckel ihre Phylogenie heißt, markierten sich immer stärker die Unterschiede und prägten sich jene Merk- male aus, die man als tierische oder pflanzliche aufzufassen pflegt. Ob wir aber den grünen Anflug einer feuchten Rinde, die grünen Fäden Der zeiiijre Bau. eines Tümpels, oder zarte Schnitte durch höher organisierte Pflanzen bei hin- reichend starker Vergrößerung untersuchen, stets treten uns bestimmte Ein- heiten in ihrem Aufbau entgegen, die wir als Zellen bezeichnen. Dieser Name: Zelle, Cellula, reicht auf das Jahr 1667 zurück, auf die erste Betrachtung von Pflanzenteilen mit solchen Vergrößerungsgläsern, die eine, K. d. G. III. IV, Bd 2 Zellenlebre etc. j 2 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre wenn auch noch so unvollkommene Unterscheidung innerer Strukturen in ihnen zuließen. Was der englische Mikrograph Robert Hooke*, der Schöpfer dieses Na- mens, damals in seinen Objekten zu sehen bekam, waren Hohlräume, die er mit den Zellen der Bienenwaben verglich und daher wie jene als Zellen bezeich- nete. Wir wissen heute, daß es nur die Wände von Zellen waren, die er sah. Und es dauerte bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein, bevor er- kannt wurde, daß die Substanz, an welche die Lebensvorgänge gebunden sind, in solchen Hohlräumen bei den Pflanzen erst eingeschlossen ist. Diese Sub- stanz entspricht ihrer Natur nach jener zähflüssigen Masse, mit der wir zuvor bei den Schleimpilzen bekannt wurden. Sie trat uns dort als selbständiges Wesen entgegen; in jeder höher organisierten Pflanze füllt sie jene Hohlräume aus, die Robert Hooke Zellen nannte und ist dementsprechend in ebenso viele Elementar- gebilde zerlegt, Sie macht in Wirklichkeit das Wesen der organischen Zelle aus, sie ist es, mit der wir heute diesen Begriff verbinden. Das Proto- Diese Substanz hat durch Hugo von Mohl*, zuerst bei Pflanzen, den Namen pasma. p j-q ^q pl g^g j^ g^ erhalten, welcher Name dann auf das ganze organische Reich ausgedehnt wurde, um überall die Trägerin des Lebens zu bezeichnen. Der protoplasmatische Leib jeder Zelle heißt in Verbindung damit Protoplast. Die Phyiogenie Die nackte Protoplasmamasse, die uns bei den Schleimpilzen entgegentrat, nUche^n Rekhe stellt ciu Plasmodium dar. Es ist eine ,, Amöbe", wie solche an den Grenzen der beiden organischen Reiche verbreitet sind. Bei den Schleimpilzen geht aus dieser Amöbe, wenn sie einen bestimmten Entwicklungszustand erreicht hat, ein Fruchtkörper hervor, der oft sehr zierlich gestaltet ist und je nach der Bewegung. Spezies, die er vertritt, verschiedenen Bau zeigt. Das Plasmodium verändert, wie andre Amöben, fortdauernd seine Gestalt. Hier wölbt es die Masse seines Körpers vor, hier zieht es sie ein, und so führt es auch seine kriechenden Be- wegungen auf der Unterlage aus. Solche Formänderung des Körpers und solche Bewegungsart ist aber auf die untersten Abteilungen des organischen Reiches beschränkt. Weiterhin wird der Körper, auch der noch einzelligen, nur einen einzigen Protoplasten darstellenden Wesen, starrer und, um von der Stelle zu kommen, bilden diese an ihrer Oberfläche feine protoplasmatische Fortsätze aus, die als Geißeln oder Zilien das umgebende Wasser schlagen. Diese Be- wegungsart hat sich für die als Schwärmsporen bekannten, ungeschlechtlichen Fortpflanzungszellen der Algen und bestimmter Pilze im Pflanzenreich noch längere Zeit erhalten, zudem blieb sie bei Tieren und bis in die höher organi- sierten Abteilungen der Pflanzen hinein, das Lokomotionsmittel der männ- lichen Geschlechtsprodukte, der Spermatozoen, während die weiblichen Ge- schlechtsprodukte, die Eier, in beiden Reichen frühzeitig unbeweglich wurden. Diese durch Geißeln vermittelteBewegung kann nur in einem flüssigen Medium erfolgen, während andererseits zum Kriechen stets eine feste Unterlage er- forderhch ist. UmhüUung der I"^ Weiteren Verlauf der phylogenetischen Ausgestaltung umhüllten sich Protoplasten mit ^^q einzelligen, nackten Protoplasten in einzelnen Entwicklungsreihen mit einer einer Membran. o ? r o von der Substanz ihres Körpers chemisch verschiedenen, starren Membran, Begrift" der Zelle 3 und das war der Weg, der zur Ausbildung des Pflanzenreichs führte. Zunächst versuchten es auch noch die so umhülltenProtoplasten, sich die freieBeweglichkeit im umgebenden Wasser zu wahren, indem sie Geißeln durch feine Öffnungen ihrer Haut nach außen vorstreckten. Manche Vertreter der als Pflanzen gelten- den Diatomeen sparten zu gleichem Zweck enge Spalten in ihrer verkieselten Zellhaut aus, durch welche ihr Protoplast als schmaler Saum die Oberfläche erreichen konnte. Doch blieben solche Bewegungseinrichtungen beschränkt auf die einzelligen Wesen, fanden allenfalls noch Anwendung auf Kolonien nackter, von einer gemeinschaftlicher Membran umgebener Zellen, aus der diese ihre Geißeln hervorstrecken. Das kann man sehen bei dem einst so bewunder- ten ,, Kugeltierchen"*, Volvox globator, das grün gefärbt ist und tatsächlich zu den Algen gehört und einst für einTier nur deshalb gehalten wurde, weil es sich frei im Wasser umhertummelt. Es stellt eine dem bloßen Auge eben noch sichtbare, sandkorngroße Kugel dar, an deren Wandung sich eine Schicht grüner Proto- plasten befindet, die je zwei Geißeln nach außen entsenden. Im Innern ist diese Kugel mit Wasser erfüllt. Wunderbar erschien sie einst den Forschern, weil sie ihnen oft das Schauspiel ineinandergeschachtelter Generationen darbot. Dieses Wesen pflanzt sich nämlich auf ungeschlechtlichem Wege dadurch fort, daß einzelne seiner Protoplasten in Teilung eintreten und neuen Kugeln den Ur- sprung geben, die sich von der Außenwandung loslösen, um ihre drehenden Bewegungen im Hohlraum der Mutter auszuführen. In ihnen kann sich der Vorgang wiederholen, so daß man dann drei Generationen dieses Wesens vereinigt sieht. Die Töchter und Enkelinnen werden erst frei, wenn die Wand ihrer Erzeugerinnen Risse erhält. — Mehrzellige Organismen mit umhülltenProtoplasten können zunächst noch frei geblieben sein, um mit Hilfe von Krümmungen, die ihr Körper ausführt, sich kriechend fortzubewegen, oder sich auch nur noch passiv durch Wasserströmungen von einer Stelle zur andern befördern zu lassen. Das geschieht im allgemeinen aber so lange nur, wie sie aus völlig gleichwertigen Zehen bestehen. Ein derartiger Fall hegt bei solchen unserer Süßwasseralgen vor, deren Fäden miteinander verfilzt frei im Wasser schweben. — Alle pflanzlichen Wesen, die es soweit brachten, daß ein Unterschied von Scheitel und Basis bei ihnen besteht, sitzen an ihrer Basis fest, haben somit die ursprüngliche, freie Lebensweise, die einst Festsitzende allen Wesen eigen war, aufgegeben, um die spezifisch pflanzliche anzunehmen. So lange sie untergetaucht lebende Wasserpflanzen verblieben, befestigten sie sich nur mit Haftorganen an einer erreichbaren Unterlage; als sie zum Landleben übergingen, bildeten sie eine Wurzel aus, die in den Boden ein- drang und ihre Lage dort fixierte. Doch was die Pflanzenwelt damit ein- büßte, war nicht das Bewegungsvermögen an sich, vielmehr nur die MögHch- keit, den Aufenthaltsort zu wechseln. Im Innern der umhüllten Protoplasten dauert eine mehr oder weniger auffällige Bewegung fort, und auch der Pflan- zenkörper als Ganzes führt Bewegungen aus, indem er wächst; er bewegt sich auch, wenn seine schon ausgewachsenen Teile sich krümmen, um eine bestimmte, ihnen zusagende Lage anzunehmen. Die Zellhäute, durch welche die freie Lebensweise. 4 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Ortsveränderung in der Pflanzenwelt aufgehoben wurde, ermöglichten es ihr andererseits durch mannigfache Krümmungen und Drehungen ihre Glieder in erwünschte Lagen zu bringen und auch etwaigen Hindernissen, auf die sie stießen, auszuweichen. Die Blätter der Robinie sieht man in unseren Gärten sich jeden Abend zum ,, Schlaf" zusammenlegen und am folgenden Morgen wieder ausbreiten. Ja, selbst die Fähigkeit, auf mechanische Reizung mit einer Bewegung zu antworten, kommt den Pflanzen zu, denn ihre Ranken krümmen sich bei Kontakt, die Staubblätter mancher Blüten verändern Gestalt und Lage, wenn man sie berührt, und die Blätter der Mimosen senken sich dann ab- wärts am Sproß. Daß die Bewegungsfähigkeit der festsitzenden Pflanzen wenig auffiel, ja, daß sie in früheren Zeiten sogar in Abrede gestellt wurde und unter den Unterscheidungsmerkmalen von Tier und Pflanze figurierte, hing damit zusammen, daß sie für gewöhnlich zu langsam sich vollzieht, um direkt sichtbar zu sein. Rasche Bewegung als Folge mechanischer Reizung, die sich bei Tieren so allgemein einstellt, stellt bei Pflanzen nur eine seltene Ausnahme vor. — Dem Nachteil, der für das Fortpflanzungsgeschäft der Gewächse daraus er- wächst, daß sie ihren Aufenthaltsort nicht zu verlassen vermögen, um ihres- gleichen aufzusuchen, daß sie ihre Früchte und Samen nicht selber durch die Welt tragen können, wird durch die Art und Weise, wie sie Wind und Wasser für diese Zwecke ausnutzen und die unbewußte Hilfe, die ihnen die Tierwelt da- bei bringt, sehr wirksam abgeholfen. Zudem sind die Landpflanzen ihrer größten Mehrzahl nach hermaphrodit, was eine Vereinigung ihrer Geschlechtsprodukte ermöglicht, wenn die äußere Vermittlung versagt. Ernährung. Dic an ihren Keimungsort gebannte Pflanze war nur existenzfähig, soweit sie sich in solcher Lage ernähren konnte. Diese Eigenschaft mußte sie zuvor schon erlangt haben. Sie gewann sie, indem ein Teil ihres Protoplasma sich in einen Apparat verwandelte, der es vermochte, aus anorganischen Stoffen, die ihm in Luft, Wasser und Erde zur Verfügung standen, organische Stoffe, wie Ei- weißkörper und Kohlenhydrate, herzustellen. Die Kraft zu dieser Leistung entnahm sie der Energie des Sonnenlichtes, und sie speicherte diese Energie in den erzeugten, organischen Stoffen auf. Letztere dienen dann einerseits zum Aufbau ihres Körpers, andererseits wird bei der Atmung aus ihnen die auf- gespeicherte Energie wieder in Freiheit gesetzt, um die Betriebskräfte des Lebens zu liefern. Solche fortgeschrittene, an Arbeitsteilung im Protoplasten geknüpfte Fähigkeiten wurden aber erst im Laufe der phylogenetischen Entwicklung er- langt. Sie konnten nicht schon jenen Wesen eigen sein, die am Ursprung des Lebens standen. Von dem Lebensbetrieb* solcher Wesen wären wir kaum in der Lage, uns eine Vorstellung zu bilden, hätten nicht die Forschungen aus letzter Zeit uns gelehrt, daß es auch heute noch Organismen niederster Art gibt, die ihre Betriebsenergie nicht dem Sonnenlicht, sondern bestimmten, chemi- schen Kraftquellen der anorganischen Welt entnehmen. Das vermögen gewisse Ursprüngliche Bakterien, indem sie Ammoniak zu salpetriger Säure, oder salpetrige Säure zu '^"weise"^^ Salpetersäure, oder Schwefelwasserstoff zu Schwefelsäure, oder Eisenoxydul zu Kraftquellen der Pflanzenzelle e Eisenoxyd, oder Methan zu Kohlensäure und Wasser, oder Wasserstoff zu Was- ser oxydieren. Sie ,, verbrennen", um es allgemeinverständlich auszudrücken, diese Substanzen und verwerten die dabei freiwerdende Energie, um mit ihrer Hilfe ihren Lebensbetrieb zu unterhalten. Bei dem ,, Abbau" aller der von Or- ganismenerzeugten, chemische Energie speichernden Verbindungen, wird genau die gleiche Menge Energie frei, die zu ihrem,, Aufbau" verbraucht wurde. Ammo- niak und salpetrige Säure, die bestimmten Bakterien als primäre Energie- quellen dienen, entstehen, wenn auch nur in sehr geringer Menge, bei elektrischen Entladungen in der Atmosphäre, entstammen bei solchem Ursprung also ganz der unbelebten Natur. Diese ist aber zurzeit arm an solchen oxydierbaren Sub- stanzen. Daher der Zuschuß an organischer Materie, den heute derartige Bak- terien unserer Welt liefern, seiner Menge nach kaum mehr in Betracht kommt. Das wird zur Jugendzeit unserer Erde sich anders verhalten haben, als die Atmo- sphäre selbst reich an oxydierbaren Gasen gewesen sein muß. Unter solchen Be- dingungen entwickelte sich aber das erste Leben auf unserem Erdball, und die ent- stehenden Wesen schöpften zunächst aus dieser reichen Kraftquelle. Erst als diese spärlicher zu fließen begann, kam die Ernährungsweise mit Verwertung der Sonnenenergie auf. Sie wurde zum Monopol jener Wesen, in welchen die grünen Verwertung des Assimilationsapparate zur Ausbildung gelangten. Diesen Wesen, mit bereits Sonnenlichtes, ausgeprägt pflanzlichem Charakter, fiel nun die Aufgabe zu, aus Stoffen, die ihnen die unbelebte Natur lieferte, und die an sich noch keinen Energievorrat darstellten, organische Stoffe mit aufgespeicherter Sonnenenergie zu bilden. Das war dann die Nahrung, aus der, so gut wie ausschließlich, die ganze lebende Welt ihren Lebensbetrieb zu decken begann. Denn das Tier vermag nicht wie die grüne Pflanze aus Kohlensäure und Wasser, mit Verwendung von Sonnen- energie, organische Substanz zu bilden. Das Tier wurde in seiner Existenz von jener der Pflanze ganz abhängig. Allein auch in der Pflanze selbst konnten Nährstoffe mit Energievorrat nur in den grünen, d. h. mit Chlorophyllapparat ausgestatteten, hinreichend starkem Lichte zugänglichen Protoplasten ent- stehen. Ihre übrigen Protoplasten blieben, ganz so wie die Tierwelt, auf die Arbeit der grünen angewiesen. — Übrigens geriet ihrerseits auch die grüne GrUne pflanzen Pflanze in eine gewisse Abhängigkeit von solchen biochemischen Leistungen, die im Laufe der phylogenetischen Entwicklung zu einem besonderen Attribut der Bakterientätigkeit wurden. Denn Bakterien sind es, welche die stickstoff- haltigen Substanzen, die als Stoffwechselprodukte der Tiere und als tote, tie- rische und pflanzliche Leiber in den Boden gelangen, dort in solche Verbin- dungen überführen, aus denen die grüne Pflanze heute der Hauptsache nach den zum Aufbau ihrer Lebenssubstanz nötigen Stickstoff schöpft, und be- stimmte Bakterien sind es auch, w^elche den atmosphärischen Stickstoff zu binden und so der grünen Pflanze nutzbar zu machen vermögen. So hat sich im Laufe der Zeit das Ineinandergreifen der biochemischen Arbeit auf unserem Erdball ausgestaltet. Der Lichtbedarf der Pflanze beherrschte in den Hauptzügen die Art ihrer Gestaltung Gestaltung. Immer wieder machte sich das Bestreben bei ihr geltend, den ""'^ Emahrungs- o ö ) weise. 6 Eduard Straseurger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre größten Teil ihres Körpers in laubartige Flächen von geringer Dicke auszu- breiten. So wurde sie von möglichst vielen Lichtstrahlen getroffen und konnte sie entsprechend ausnutzen. Submers lebende Wasserpflanzen kamen dadurch zugleich mit größeren Wassermassen in Berührung, aus denen sie ihre anorga- nische Nahrung schöpften. Bei Landpflanzen übernahm die Wurzel die Auf- gabe, anorganische Nährlösungen dem umgebenden Erdreich zu entziehen, und auch sie schritt nun ihrerseits dazu, ihre Berührungsflächen mit dem Boden durch reiche Verzweigung möglichst zu vergrößern. — Bei den Wesen, deren Entwicklung die tierischen Bahnen einschlug, mußte hingegen die Ausbildung aller den Ortswechsel erleichternden Apparate gefördert werden, damit sie in den Besitz jener organischen Nahrung gelangen, die sie selbst sich nicht zu be- reiten vermögen. Freilich gibt es auch Tiere, sowohl niederer als auch höherer Festsitzende Organisation, die verschiedenen Abteilungen des Tierreichs angehören, welche zum mindesten auf bestimmten Entwicklungszuständen eine ebensolche festsitzende Lebensweise wie die Pflanzen führen. Sie ernähren sich aber wie die sonstigen Tiere von der Substanz anderer Wesen, und da sie diesen nicht nachjagen kön- nen, so müssen sie in anderer Weise sie erbeuten. Der Bewegung dienende, freie Gliedmaßen sind bei ihnen unterdrückt, dafür verfügen sie über mannigfache Fangapparate und die Fähigkeit, Wasserströme zu erzeugen, die ihnen die Beute sichern. Solche Ernährungsweise ist aber nur im Wasser möglich, da- her es festsitzende Tiere auf dem Lande nicht gibt. Wie lehrreich ist es, daß bei festsitzenden Tieren, im Gegensatz zu freilebenden, sich, wie bei Pflanzen, wieder Hermaphroditismus einzustellen pflegt ! Aufnahme fester Mcmbranlosc Wcseu mit amöboidem Körper vermögen außer flüssiger auch '^Amcfbei^'^'^ fcstc Nahrung in ihren protoplasmatischen Leib aufzunehmen. Ein Plasmodium, wie wir es bei den Myxomyceten fanden, umfließt allmählich Stärkekörner, die man in seinen Weg streut und verdaut sie dann. Man kann unter dem Mikro- skop feststellen, daß solche Stärkekörner im Innern des Plasmodiums langsam gelöst werden und schließlich schwinden. Auch eine kieselschalige Diatomee würde dieses Plasmodium nicht verschmähen, ihren Protoplasten verdauen, die unverdauliche Schale aber dann ausstoßen. Solche Auswurfstoffe bezeichnen auf einer Unterlage, über die ein Plasmodium hinwegkroch, den Weg, den es verfolgt hat. — Nach ihrer Umhüllung mit allseitig abgeschlossenen Membranen hört für pflanzliche Zellen die Möglichkeit auf, feste Körper von außen in ihre Flüssige Nahrung Protoplasten aufzunehmen. Es können fortan nur noch solche Stoffe in ihren Zelleib gelangen, denen die Membran den Durchgang nicht verwehrt. Es sind das Stoffe ,,kristalloider" Natur, d. h. solche, welche mit dem Kristallisations- vermögen auch die Fähigkeit verbinden, echte Lösungen zu bilden, sowie Gase, die sich in dem Wasser lösen, das die Membranen durchtränkt, die somit auch in gelöstem Zustand diese Membranen passieren. Im Gegensatze zu den Kristalloiden vermögen Kolloide, d. h. Stoffe, die nicht kristallisieren, und die keine echten Lösungen bilden, vielmehr nur in feiner Verteilung im Wasser schweben, Membranen nicht zu durchqueren. Auf Lösungen von Gasen und kristalloiden Stoffen bleibt die Pflanze somit bei der Aufnahme anorganischer Die Nahrung der Pflanzen und Tiere 7 Nahrung aus der unbelebten Natur beschränkt. Es handelt sich dabei um all- Die anorgani- gemein verbreitete Stoffe, durchaus aber nicht um solche, die am reichlichsten ^'^'^^"stlf^'^""^^' auf unserem Erdballe vertreten sind. Denn nicht alle anorganischen Stoffe ver- "^^r pflanzen, fügen über jene chemischen und physikalischen Eigenschaften, die zur Bildung organischer Körper erforderlich sind. Der geeignetste unter diesen Stoffen, ein Grundstoff, dessen Bestehen den Aufbau der organischen Welt tatsächlich er- möglicht hat, ist der Kohlenstoff, den die Pflanze als Kohlensäure auf- nimmt. Der Kohlenstoff bildet demgemäß das wichtigste, anorganische Nahrungsmittel der Pflanze, die ihn aber erst dem sie umgebenden Wasser oder der atmosphärischen Luft entnehmen muß, worin er nur in geringen Bruchteilen von Prozenten vertreten ist. Unter den Stoffen, welche die Membranen der Zellen passieren können, treffen die Protoplasten dann noch eine weitere Auswahl, und nur solche Stoffe, denen auch sie, unter bestimmten Voraussetzungen, den Eingang gewähren, machen in letzter Instanz ihre Nah- rung aus. Das Vermögen, auch feste Stoffe in das Innere des Körpers aufnehmen zu Die feste Nah- können, blieb ein Attribut des Tierreichs. Doch änderten sich die Mittel und '^""^ Wege dieser Aufnahme im Laufe der phylogenetischen Entwicklung. Ein Ver- schlingen des fremden Körpers durch Umfließen mit Leibessubstanz, wie es das Plasmodium uns zeigte, ist nur bei amöboiden Wesen möglich. Auch einzellige, nackte Wesen mit festerer, bestimmt geformter Oberfläche brauchen bereits vor- gebildete Öffnungen, sollen feste Stoffe in ihr Protoplasma gelangen, bzw. dieses wieder verlassen. Bei mehrzelligen Wesen werden besondere Hohlräume zwischen den Protoplasten ausgebildet, in welche die feste Nahrung durch die Mundöffnung gelangt, worauf nicht der aufgenommene, feste Körper selbst, sondern die in ihm enthaltenen, in Lösung versetzten Nahrungsstoffe es sind, die in das Innere der Protoplasten Eingang finden. Die Pflanze, die nur gelösten Stoffen gestattet, in ihren Körper einzudringen und zugleich schon eine Auswahl unter diesen Stoffen trifft, häuft auch unbrauchbare Reste nicht in solcher Masse an, daß sie besondere Öffnungen nötig hätte, um sie zu beseitigen. In der festen Nahrung, die das Tier ohne voraus- gehende Sonderung ihrer Bestandteile in seinen Körper aufnimmt, gelangen in diesen aber sehr viele nicht verdauliche Substanzen, die von den verdaulichen getrennt und schließlich aus dem Körper entfernt werden müssen. So bilden sich in den Körpern höher organisierter Tiere immer komplizierter werdende Darmsysteme aus, um die Ausnutzung einer derartigen Nahrung zu ermög- lichen. Die Aufnahme der Nahrungsstoffe in die lebendigen Zelleiber erfolgte aber dabei grundsätzlich nicht anders als in pflanzliche Protoplasten, nämlich ebenfalls in gelöster Form und mit Auswahl. Das Tier vermag weder Kohlen- hydrate noch Eiweißkörper, diese beiden Grundsubstanzen der organischen Organische Nau- Nahrung, aus Stoffen, welche die anorganische Welt liefert, zu erzeugen, es '^"°° entnimmt sie der Pflanzenkost, oder in konzentrierterer Form der Fleisch- nahrung, d. h. der Leibessubstanz anderer Tiere, die in letzter Instanz ihren Körper der pflanzlichen Nahrung verdanken. — Wie die Tiere von der Arbeit > 8 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Krnährung nicht- grüner Pflanzen, leben auch solche pflanzliche Organismen, die nicht selber grün grüner anzen. ggfg^j.^^ sind, SO die große Abteilung der Pilze, von dieser. Sie brauchen orga- nische Nährstoffe, die sie in gelöster Form durch ihre Membranen in das Innere der Protoplasten aufnehmen. Ihre Ernährung ist vom Lichte unabhängig, wie denn beispielsweise künstliche Champignonkulturen stets im Dunkeln ge- halten werden. Die flächenartigen Ausbreitungen für Lichtgenuß fallen bei solchen Pflanzen demgemäß auch fort, hingegen macht sich bei ihnen Ober- flächenvergrößerung nach Art von Wurzelverzweigung geltend, sofern als die Ernährungsbedingungen das verlangen, d. h. der Nahrungserwerb dadurch erleichtert wird. Vertreter der obersten Abteilungen des Pflanzenreichs, die sich einer parasitischen Lebensweise anpaßten, büßten zu gleicher Zeit ihren grünen Apparat und ihre Blattflächen ein und leben ähnlich wie die Tiere von Ungewohnte Er- organlschcr Substanz. — Anderseits richteten sich gewisse niedere Tiere, '^''dlTrlJrT'^ wie manche Infusorien und Schwämme, ja, selbst einige Strudelwürmer, auf pflanzliche Lebensweise dadurch ein, daß sie sich mit grünen Pflanzenzellen assoziierten. Statt kleine, grüne Algen einer bestimmten Art, die sie in ihre Protoplasten aufgenommen haben, zu verdauen, lassen sie diese im Lichte für sich arbeiten und entnehmen ihnen die erzeugten organischen Stoffe. Dadurch werden sie einem mit grünem Apparat ausgestatteten Pflanzenkörper physiologisch ähnlich. Manchen Infusorien kann bei solcher Lebensweise die Mundöffnung zuwachsen, so daß sie dann nicht weiter vermögen, feste Nahrung aufzunehmen. Eine ähnliche Folge, doch aus anderen Ursachen, hatte bei den Bandwürmern {Cestoden), also Vertretern einer weit höheren Ab- teilung des Tierreichs, das Leben im Darm anderer Tiere, aus deren Speisebrei sie sich ernähren. Diesem entnehmen sie gelöste Nährstoffe mit den Protoplasten ihrer Haut, in ebensolcher Weise, wie es die den Darm ihres Wirtes auskleiden- den Zellen tun. Bei solcher Lebensweise haben die Bandwürmer Mundöffnung und Darm ganz eingebüßt. Leistungsfähig- Dic Zcllhäutc, mit denen sich die Protoplasten auf ihrer zum Pflanzenreich durch ^'^Membr'a" führenden Bahn umhüllt hatten, mußten ihr Zusammenwirken in den immer nen herabgesetzt, yigj^elliger wcrdcndcn Wesen erschweren. Dadurch blieben naturgemäß die Gesamtleistungen des Pflanzenkörpers in allen durch ein unmittelbares Zu- sammenwirken der Protoplasten geförderten Funktionen hinter jenen des Tier- reichs zurück. Das betraf vor allem die Fortpflanzung der Reize, die im Ver- gleich nur träge durch die trennenden Wände bei den Pflanzen sich vollziehen konnte. Daher auch die Ausbildung von Sinneszentren zu einer bevorzugten Eigenart der Tiere sich entwickelte. Das hat des weiteren eine mangelhafte Zentralisation des Körpers, auch der höchst organisierten Pflanzen, im Ver- gleich zu den Tieren, zur Folge gehabt. Ihre Individuahtät ist weniger aus- geprägt, die einzelnen Teile des Körpers von einander unabhängiger, so daß sie getrennt meist zu selbständiger Weiterentwicklung sich befähigt zeigen. Körperwärme. Dic inucrc Temperatur des Pflanzenkörpers gleicht, wenn von nur geringen, zudem schwankenden Abweichungen abgesehen wird, ganz der der Umgebung. Nur bei gewissen, an eng begrenzte Entwicklungsvorgänge geknüpften An- Unterschied von Tier und Pflanze g lassen, wird bei bestimmten Pflanzen durch Steigerung des Atmungsvorgangs die Innenwärme merklich über die Temperatur der angrenzenden Luft gestei- gert. Ein ähnliches Verhalten gilt aber der Hauptsache nach auch für das Tier- reich, denn nur die Vögel und Säugetiere haben es mit Hilfe der Atmung er- reicht, eine höhere, dauernd regulierbare Körperwärme sich zu schaffen, die sie, innerhalb bestimmter Grenzen, von der Temperatur der Umgebung un- abhängig macht. Zu einem auffälligen Unterschied zwischen ausgeprägten Tieren und Pflan- oatogenie der zen wurde auch die Art ihrer ,, individuellen Entwicklung", d. h. ihre Onto- ^nJre."" genie. Hoch organisierte Tiere schließen mit dem Reifezustand ihre in- dividuelle Entwicklung im wesentlichen ab. Ihre embryonalen Anlagen sind dann aufgebraucht worden, bis auf einen Rest, der bestimmt ist, weiterhin die Geschlechtsprodukte zu liefern, und bis auf etwaige Zellmassen, die im em- bryonalen Zustande verharren, um für den Ersatz verbrauchter, älterer Ge- webe zu sorgen. Das gilt beispielsweise für die tieferen Lagen der ,, Matrix" bei Fischen, Vögeln und Säugern, die bestimmt ist, ältere Teile der Epider- mis, die dauernd abgestoßen werden, zu ersetzen, und in welchen daher fort- gesetzte Zellvermehrung stattfindet. Auch bei solchen Tieren, von denen es heißt, daß sie zeitlebens wachsen, wie manche Fische und Schildkröten, ist die individuelle Entwicklung in Wirkhchkeit eine begrenzte, und nur die der Fortpflanzung dienende, embryonale Substanz verharrt als solche in ihrem Körper und liefert die Geschlechtsprodukte, die den ununterbrochenen Zu- sammenhang zwischen den aufeinanderfolgenden Generationen der betreffen- den Art erhalten. Im Gegensatz zu der abgeschlossenen Ontogenie des Tier- reichs sehen wir schon in den untersten Abteilungen des Pflanzenreichs sich eine Entwicklungsart ausbilden, die ihrem Wesen nach unbegrenzt ist. Die em- bryonalen Anlagen, welche die Entwicklung des Individuums einleiten, fahren als solche fort, die Zahl ihrer Zellen durch Teilung zu vermehren und geben dauernd neue Zellen für den Aufbau des Körpers ab. So schließen die fertigen Teile des Körpers mit embryonalen Vegetationspunkten ab, in welchen die Ent- wicklung sich fortsetzt. Dort erfolgt auch die Sonderung in vegetative und generative Anlagen, so oft als die Pflanze zur Bildung von Geschlechtspro- dukten schreitet. An die unbegrenzte, pflanzliche Entwicklungsart erinnert jene, die gewisse Tierische stock. kolonienbildende Tiere aufweisen. Denn es gibt unter ihnen welche, die es zu Ver- zweigungssystemen bringen, die den pflanzlichen auffällig ähnlich werden können. Eine solche äußerliche Ähnlichkeit hat einer Klasse von Tieren, die im System meist in der Nähe der Würmer untergebracht werden, den Namen , , Moostierchen oder Bryozoen verschafft. Sie sitzen wie Pflanzen fest ihrer Unterlage an und erheben sich von ihr in Gestalt kleiner Büsche oder Bäumchen. Bei den zu den ,, Pflanzentieren" oder Cölenteraten gehörenden Korallentieren entstehen, durch dauernde Vermehrung der in gegenseitiger Verbindung bleibenden Einzeltiere, individuenreiche Stöcke, deren mit kohlensauremKalk imprägnierte Skelette die Bildung mächtiger Riffe veranlassen können. Doch handelt es sich jo Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre im Gegensatze zu den Pflanzen bei diesen kolonienbildenden Tieren nicht um die Weiterentwicklung an fortbestehenden, embryonalen Vegetationspunkten, vielmehr um eine sich fort und fort wiederholende Vermehrung der in der Kolo- nie vertretenen Einzeltiere durch Teilung oder Knospung. Falls die Vermehrung durch Teilung vor sich gehen soll, nimmt das Muttertier gleichmäßig an Größe zu, um hierauf in zwei Tochtertiere sich zu spalten; gilt es die Bildung einer Knospe, so entsteht am Muttertier durch lokalisiertes Wachstum eine Aus- stülpung, die sich zu einem Tochtertier gestaltet. Aus dieser einleitenden Übersicht gewinnen wir ein Bild, wie es sich etwa zurzeit von den Entwicklungswegen entwerfen läßt, die zur Ausbildung des Tier- und Pflanzenreiches führten. Zugleich brachte es uns eine Charakteristik jener lebenden Wesen, die wir hier als Pflanzen zusammenfassen wollen. Gliederung der Dic Aufgabc, dic uns an dieser Stelle innerhalb der biologischen Abteilung Aufgabe, ^g^ ,, Kultur der Gegenwart" zufällt, umfaßt nur einen bestimmten Abschnitt der Botanik. Sie soll die Gestaltung des pflanzlichen Körpers behandeln, und ist demgemäß seine Morphologie. Soweit sie den Bau und die Entwicklung der einzelnen Zelle erforscht, nennt man sie Zellenlehre oder Zytologie, wenn sie an die Zellenverbände sich wendet, Gewebelehre oder Histologie; an letzte schließt dann weiter die Anatomie an, das Studium größerer Gewebekomplexe. Dieser Behandlung des inneren Baues der Gewächse soll dann weiter die ihrer äußeren Gestalt sich anschließen. Im Vordergrunde unserer Darstellung wer- den, wie es die uns zugeteilte Aufgabe verlangt, die morphologischen Tatsachen stehen. Doch wollen wir uns der Einsicht nicht verschließen, daß ein tieferes Verständnis des inneren Baues und der äußeren Gestalt eines lebenden Wesens nur zu gewinnen ist, wenn wir sie in Beziehung zu ihren Leistungen bringen. Daher wir auch physiologische Erörterungen in unsere morphologischen Schil- derungen einflechten wollen. Wir werden auch noch weiter gehen und, wo es uns geboten scheint, versuchen, den gegebenen Tatbestand in Beziehung zu den Bedingungen der Außenwelt zu bringen. Eine solche ,, ökologische" Betrach- tungsweise, die es anstrebt, die morphologischen und physiologischen Befunde als Anpassungserscheinungen begreiflich zu machen, ist, auch wo sie auf weni- ger sicherem Boden sich bewegt, doch geeignet, das Interesse an dem Gegen- stand noch zu heben. Die pflanzUche Um gleich vollen Einblick in die Merkmale zu gewinnen, die für eine ausgeprägt pflanzliche Zelle bezeichnend sind, müssen wir uns an ausgewach- sene, grüne Körperteile höher organisierter Pflanzen wenden und die Zellen dort im gegenseitigen Verband, innerhalb eines ,, Zellgewebes" betrachten. Das ist nur bei entsprechend starker Vergrößerung an Schnitten möglich, die wir durch den betreffenden Pflanzenteil ausgeführt haben, und die dünn ge- nug sind, um dem Lichte den Durchgang zu gestatten. Solche Schnitte legen wir auf eine Glastafel in einen Wassertropfen und bedecken sie mit einem dün- nen Deckglas. Die Untersuchung nehmen wir mit einem Mikroskop, im durch- fallenden Lichte, bei etwa 300 maliger Linearvergrößerung vor. Zelle. Der Bau der Pflanzenzelle II ■m Was uns zuerst im Bilde (Fig. i) auffällt, das dürften die Zellwände [in], und innerhalb der Räume, die sie umgrenzen, grün gefärbte Körner (cl) sein. Den Zellwänden liegt von innen eine dünne, lückenlose Schicht von Protoplasma {c) an. Sie umschließt den mit wässerigem Zellsaft erfüllten Saftraum der Zelle (Z). In dieser farblosen, mehr oder weniger feinkörnigen Protoplasmaschicht wer- den wir ein annähernd kugeliges oder scheibenförmiges, ebenfalls farbloses Ge- bilde erbhcken (w), das den ,,Kern" der Zelle darstellt. In seinem Innern tritt uns ein kugeliges ,,Kernkörperchen" (nl), auch wohl mehrere solche Kernkör- perchen, mit stärkerem Lichtglanz entgegen. In die Protoplasmaschicht sind auch die grünen, ellipsoidischen Körner, die Chlorophyllkörner [cl), eingebettet. In ihrem Innern lassen sie meist noch kleinere, körnige Einschlüsse erkennen. Die Protoplasmaschicht kann in solchen Zellen so dünn sein, daß es Schwierigkeit bereitet, sie an der Zellwand zu unterscheiden. Man wendet alsdann die ,, Plasmolyse" an, damit sie deutlicher sichtbar werde. Man setzt zu diesem Zwecke dem Präparat eine an sich unschädliche Flüssigkeit hinzu, die eine starke Anziehung auf Wasser ausübt, etwa Glyzerin oder Salpeterlösung. Zu diesen wandert Wasser aus dem Zellsaft über, so daß der Saftraum sich verkleinert und eine Zusammenziehung des ganzen Protoplasten be- wirkt. Dieser hebt sich von der Zellwand, der er dicht an- geschmiegt war, ab und bietet sich nun frei der Beobach- tung dar. So stellt man mit Sicherheit, und zwar in jeder noch am Leben befindlichen Pflanzenzelle ausnahmslos, fest, daß der Protoplast, auch wenn er auf eine ganz dünne Protoplasmaschicht eingeschränkt war, einen in sich völlig abgeschlossenen Schlauch darstellt und auch dann noch einen Kern besitzt. Das den Körper des Protoplasten bildende Proto- plasma nennen wir Zellplasma oder Zytoplasma. Dieses schließt, wie wir zuvor sahen (Fig. i), als besondere Ge- bilde, den Kern und die Chlorophyllkörner ein. Alle lebenden Bestandteile des Protoplasten fassen wir in dem Begriff des ,, Protoplasma" zusammen. Dieser Begriff ist somit auch auf die Chlorophyllkörner auszudehnen, da sie lebendige Gebilde darstellen, und als solche Träger des grünen Farbstoffes sind. Der Protoplast wird an seiner Oberfläche von einer Plasmahaut, der sog. Hautschicht. ■ 1 xT • 1 1 1 u Vakuolenwände. „Hautschicht" abgeschlossen, die zytoplasmatischer Natur ist und als leben- diger Bestandteil zu ihm gehört. Dieser Hautschicht fallen wichtige Aufgaben am Protoplasten zu. Denn sie bestimmt über die Stoffaufnahme in sein Inneres und spielt, allem Anschein nach, eine bedeutende Rolle beim Reizempfang. Ge- gen den großen Saftraum und sonstige etwa noch vorhandenen Saftbehälter ist der Zelleib ebenfalls durch zytoplasmatische Häute abgegrenzt. Diese ,, Vaku- olenwände" zeichnen sich durch besondere Widerstandsfähigkeit aus. Sie können noch am Leben sein, wenn der übrige Protoplast durch schädliche Stoffe, Fig. I. Schematische Darstel- lung aneinander grenzender Pflanzenzellen. Nur eine Zelle \onständig. Bezeichnet mit (.- der zytoplasraatischeWiindbe- l.ng, mit /.' der Zellkern, mit /// das Kernkörperchen, mhr/ die Chlorophyllkörner, dieStärke- einschlüsse führen, mit m die Zellwand ' Membran), mit / der Saftraum, mit / die Zwischea- zellräume. Vergr. etwa 300. Protoplasma. 12 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre die man auf ihn einwirken ließ, getötet wurde. Sie beherrschen den Stoffaus- tausch zwischen den Safträumen und dem Zytoplasma; ihre Widerstands- fähigkeit ermöglicht es, daß bestimmte Vakuolen unter Umständen solche Stoffe abschließen, die giftig für die Protoplasten sind. Von den die Zellwände bildenden Membranen unterscheiden sich die Hautschichten und Vakuolen- wände der Protoplasten in ihren osmotischen Eigenschaften rein physikalisch dadurch, daß sie ,, semipermeabel" sind.* Denn jene Membranen lassen Lösun- gen kristalloider Körper passieren, sie verwehren nur den kolloiden Körpern, die keine echten Lösungen bilden, vielmehr in der Flüssigkeit suspendiert sind, den Durchgang. Die zytoplasmatischen Hautschichten und Vakuolenwände sind hingegen auch für kristalloide Körper schwer oder gar nicht durchlässig, nur für Wasser sind sie unbegrenzt wegsam. Doch diese ihre physikalische Eigenschaft steht unter dem Einfluß von Lebensfunktionen. Diese vermögen ihr entgegen- zuwirken und zu veranlassen, daß ein Austausch gelöster Stoffe zwischen den Protoplasten nach Bedarf stattfindet, solche Stoffe auch, wenn nötig, in Va- kuolen, Zwischenzellräume, oder selbst an die Oberfläche des Pflanzenkörpers befördert werden. Durch die Semipermeabilität der Zytoplasmahäute, die Eigenschaft somit, daß sie ohne das Eingreifen spezifischer Lebensvorgänge, fast Turgor. ausschließlich dem Wasser den Durchgang gewähren, wird der ,,Turgor" der lebenden Zellen bedingt. Es ist das der hydrostatische Druck, der in ihnen herrscht, und der sehr hohe Werte erreicht. Verfügbares Wasser muß, den all- gemeinen Gesetzen der Diffusion folgend, von dem Orte seiner höheren Konzen- tration zu dem seiner geringeren sich bewegen, also von reinem Wasser, wo die Wassermoleküle am zahlreichsten sind, zu einer Salzlösung etwa, die sie in kleinerer Zahl enthält. Das ist die Ursache der Erscheinung, die als die Anziehung einer solchen Salzlösung auf Wasser bezeichnet wird. Das ist auch die Ursache der Anziehung, die der Zellsaft auf Wasser ausübt. Besonders sind es die in ihm gelösten, kristalloiden Körper, denen hohe osmotische Leistungsfähigkeit zu- kommt. Diese hält an, weil die semipermeablen, zytoplasmatischen Häute auch den Kristalloiden den Durchgang nicht gewähren. Das Vorhandensein von fünf Prozent Rohrzucker in einem gegebenen Zellsaft würde genügen, um innerhalb des betreffenden Zelleibes osmotische Druckhöhen bis zu 3^2 Atmosphären zu erzeugen. Der weiche, den Saftraum umhüllende, zytoplasmatische Belag wür- de einem solchen Druck nicht standhalten. Doch dieser Belag findet ein Wider- lager an der festen, äußeren Zellwandung, auf die der Druck sich überträgt. Die- se wird elastisch gespannt und ihr Gegendruck verhindert schließlich eine wei- tere Wasserzufuhr in den Saftraum, er bewirkt es, daß ebensoviel Wasser aus der Zelle herausgepreßt wird, als durch osmotische Saugung in sie eintritt. — Legt man pflanzliche Schnitte in Lösungen kristalloider Körper ein, die stärker sind als die Lösungen in den Protoplasten, so wandert Wasser aus diesen zu jenen, und es ziehen sich die Protoplasten zusammen, eine Erscheinung, die wir als Plasmolyse bereits kennen gelernt haben. Die Stärke der Lösung, die nötig ist, Plasmolyse um cinc Plashiolysc einzuleiten, klärt uns, falls diese Lösung den Protoplasten sonst nicht schädigt, über die Druckverhältnisse auf, die innerhalb der Zellen Der Turofor der Zelle 'o herrschen. Wir stellen auf solche Weise fest, daß dieser Druck für gewöhnlich nicht unter fünf Atmosphären beträgt.* Der in den Zellen herrschende Turgor ist es, der vor allem die Steifheit grüner Pfianzenteile bedingt. Fehlt es solchen Pflanzenteilen an dem nötigen Wasser, so welken sie. Das lehren uns besonders Das Weiken häufig die in Töpfen kultivierten Pflanzen. Haben wir vergessen, sie zu be- gießen, so lassen sie ihre Sprosse hängen. Baldige Versorgung mit neuem Wasser kann ihnen ihren Turgor wiedergeben. Daß es die lebendigen Zytoplasmahäute sind, unter deren Herrschaft der Turgor steht, zeigt der Umstand, daß ihr Tod die Steifheit eines weichen Pflanzenteils sofort aufhebt. Eine rote Rübe, die wir durch tiefe Kältegrade getötet haben, ist nach dem Auftauen schlaff und läßt sich wie ein Schwamm auspressen. Die rote Färbung der vortretenden Flüssig- keit lehrt uns zugleich, daß es auch die lebenden Zytoplasmahäute waren, wel- che den roten Farbstoff in den Safträumen bannten, und daß, nachdem ihr Wi- derstand gebrochen ist, die Zellwandungen ihm den Durchtritt nicht zu ver- wehren vermögen. Das mußte afles hier schon in die morphologische Aufgabe, die uns ob- liegt, eingeschaltet werden, um uns einen Begriff von der Bedeutung und der Leistungsfähigkeit jener lebendigen Substanz der Zelle zu geben, auf die wir in unseren Schilderungen unausgesetzt werden zurückzukommen haben. Also eine ganz dünne Lage dieser lebenden Substanz, die lückenlos einen Saftraum umschließt, ermöglicht es, mitsamt ihrem Kern, daß sich alle Vor- gänge des Lebens in einer pflanzlichen Zelle abspielen. Auf einen so dünnen Wandbelag zeigt sich aber das Protoplasma einer le- benden Zelle höher organisierter Gewächse erst dann eingeschränkt, wenn diese Zelle ihre voHe Ausbildung erreicht hat. Wenden wir uns an die embryonalen Zellen dieser Gewächse, so finden wir sie mit Protoplasma mehr oder weniger vollständig angefüllt. So tritt uns als erste Zelle, mit der ihre Entwicklung be- Embryonale ginnt, das Ei entgegen. Es klingt für den Uneingeweihten etwas eigen, wenn er hört, daß auch eine solche Pflanze ihren Ursprung aus dem Ei nimmt. Tatsäch- lich beginnt aber die Ontogenie aller Wesen, die eine bestimmte Höhe der phylo- genetischen Entwicklung erreicht haben aus einer einzigen Zelle, der eine der- artige Bezeichnung zukommt. Das Ei müssen wir bei einer hoch organisierten Pflanze, etwa bei einer Lilie, im Innern des Fruchtknotens suchen, jenes Gebil- des, das sich in der Mitte der Blüte erhebt. Dieser Fruchtknoten schheßt Sa- menanlagen ein. Halbiert man eine Samenanlage der Länge nach, so weist sie eine mittlere, dem bloßen Auge noch eben kenntliche Höhlung auf, in deren oberen Ende sich erst bei stärkerer Vergrößerung das in Betracht kommende Ei auffinden läßt. Es stellt einen rundlichen Protoplasten dar, der in seinem zytoplasmatischen Körper einen, im Verhältnis zu dessen Gesamtmasse, groß erscheinenden Kern und einen nur kleinen Saftraum birgt. Die Eier der Pflan- zen sind, ebenso wie jene der Tiere, nackte Protoplasten, und sie scheiden, erst nachdem ihre Befruchtung erfolgt ist, eine dünne Zellhaut aus. Das befruchtete Ei beginnt dann zu wachsen, und sich zu teilen. Auf diese Weise geht aus ihm eine Keimanlage hervor, die zunächst aus gleichförmig embryonalem Gewebe H Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Punkte. Wachstum der embry onalen Ge webe. besteht, an der sich aber alsbald bestimmte Gewebe von den embryonal vegetations- bleibenden Vegetationspunkten zu sondern beginnen. Die Vegetationspunkte behalten auch an der erstarkten Pflanze ihren embryonalen Charakter bei und geben dauernd neue Zellen an ihren Körper ab, die sich entsprechend weiter differenzieren und schließlich die ihnen zukommende Ausbildung erlangen (Fig. 2). Das embryonale Gewebe der Pflanzen zeichnet sich durch seinen Proto- plasmareichtum dauernd aus. Das lehrt der Anblick selbst solcher Schnitte, die man den Sproßgipfeln eines ganz alten Baumes entnommen hat. Auch sie wei- sen kleine, mit Protoplasma angefüllte Zellen auf. Solche embryonale Zellen schließen stets lückenlos zusammen und weisen sehr dünne Zellwände auf. In jedem der von dichtem, körnigem Zytoplasma gebildeten Zellkörper (Fig. 3, I) liegt zentral der große, meist noch dichter als dieses Zytoplasma erscheinende Zellkern {n) ein- gebettet. Sein Durchmesser mag zwei Drittel des Gesamtdurchmessers der Zelle betragen. In diesem embryonalen Zustand ist, sofern man von den dün- nen Zellhäuten (m) absieht, der pflanzliche Charak- ter der Zellen noch wenig ausgeprägt; sie gleichen in ihrem Verhalten annähernd den tierischen. Auch wächst dieses embryonale, pflanzliche Gewebe als solches, nicht anders als das tierische, d. h. durch Neubildung von Protoplasma in den Zellen, was eine Vergrößerung ihres Körpers und ihre darauf- folgende Vermehrung durch Teilung bedingt. Ein auf Protoplasmazunahme beruhendes, pflanzliches Wachstum kann aber nicht ergiebiger als jenes eines tierischen Körpers sein. Die auffällig rasche Größenzunahme, durch Eigenart des welchc dic Pflauzcn vor den Tieren sich auszeichnen, und die es manchen Ge- w^cWura^s" wachsen ermöglicht, ihre Sprosse in einem Tage um einen halben Meter und selbst mehr zu verlängern, stellt eine spezifische Einrichtung bei Pflanzen dar, die erst auf das embryonale Wachstum bei ihnen folgt. Ihr Wesen ergibt sich uns aus dem Studium der Veränderungen, die eine pflanzliche Zelle durchmacht, nachdem sie aus dem embryonalen Zustand her- ausgetreten ist. Betrachten wir einen zarten, medianen Längsschnitt durch den Sproßscheitel einer höher organisierten Pflanze, der für gewöhnlich Kegelform besitzt und daher Vegetationskegel heißt (Fig. 2), so flnden wir sein oberes Ende von embryonalem Gewebe eingenommen. Indem wir uns nun langsam von die- sem oberen Ende entfernen, sehen wir die Zellen an Größe zunehmen. Das ge- wasser schieht dann aber nicht mehr durch entsprechende Vermehrung ihres Proto- plasmas, sondern durch Aufnahme von Wasser in blasenförmige, als Vakuolen [v) bezeichnete Hohlräume, die jetzt im Zytoplasma auftreten (Fig. 3, II). Die Zahl dieser Vakuolen vermehrt sich ; schließlich verschmelzen sie miteinander und bilden den Saftraum (Fig. 3, III, z£;), um welchen das Protoplasma schließlich nur noch eine Schicht von geringer Dicke bildet. Die Zelle mag währenddem wohl das Fig. 2. Sproßscheitel einer phaneroga- men Pflanze. Bei v Vegetationskegel, / Blattanlagen, ^ Achselknospenanlagen. Vergr. 42. als Wachstums- material. Embryonaler Zustand und Wachstum der Zelle 15 Vielfache ihres ursprünghchen Volumens erreicht haben. Das ist die Ursache des raschen Pflanzenwachstums. Die Pflanze verwertet hierzu ein Material, das die unbelebte Natur ihr in unbegrenzter Menge darbieten kann, das sie sich somit nicht selber herzustellen braucht, das sie vielmehr, falls sie im Wasser lebt, mit ihrer ganzen Oberfläche aus dem umgebenden Medium, falls sie das Land be- wohnt, mit ihren Wurzeln aus dem Boden schöpft. Auch bei Tieren spielt übrigens in den Phasen schnell- sten Wachstums die Wasseraufnahme in das Proto- plasma eine weit größere Rolle, als man früher glaub- te.*) Bei der Froschlarve beträgt beispielsweise der Prozentsatz des Wassers im Verhältnis zu dem Ge- samtgewicht des Körpers, am Tage des Auskriechens 56 und nach 15 Tagen 96. Das Protoplasma ist dann von entsprechend mehr Wasser, bzw. Zellsaft durch- tränkt und hat in demselben Maße an Volumen ge- wonnen. Die Ausbildung eines einzigen, zentralen Saftraums und dessen besondere Verwertung beim Wachstum, bleibt bei alledem eine spezifisch pflanz- liche Einrichtung, die auch das Vorhandensein sol- cher Zellhäute, wie sie den Pflanzen eigen sind, ver- langt.*) Dieselben Kräfte, die wir als die Bewerk- steller desTurgors in den pflanzlichen Zellen erkannt haben, sind es auch, die über ihre ergiebige Größen- zunahme bestimmen. Dort, wo es nur darauf an- kommt, einem gegebenen Pflanzenteil durch Turgor die nötige Festigkeit zu verleihen, wird ein stetiger Gleichgewichtszustand zwischen der Wasseran- ziehung durch den Zellsaft und der elastischen Span- nung der Membran hergestellt. In wachsenden Zellen, deren Membran eine Flächenzunahme erfährt, nimmt naturgemäß deren Spannung ab, so daß der Zellsaft neues Wasser an sich reißen kann. Er wird dabei ver- dünnt und seine osmotischeLeistungsfähigkeit herab- gesetzt. Die Membran müßte schließlich bei solchem ^ , ,. ,. ■ -„r ^ " Z\ toplasma hier nur noch einen Wand- Vorgang ihre Spannung ganz einbüßen, wenn der beiag bildend. « Zeiikem, /// Kem- , . ,., ...p^,, .,_, körperchen ; ir// Chondriosomen,r'Vaku- Protoplast nicht für gleichzeitige Erhöhung des i ur- oien, rf.saftraum, rZytopiasma, ?«zeii. gors in seinem Saftraum sorgen würde. Das tut er ^^=^"'' ^-i^"-i^-"^- vergr.etwa 300. durch Erzeugung neuer, osmotisch wirksamer Stoffe. Das ist auch sonst notwen- dig, weil die Dehnbarkeit der Membran sich allmähhch verändert: sie ist am größten in der Jugend und nimmt mit dem Alter ab. Daher greift die lebendige Regulation durch Substanz durch aktive Arbeit fortgesetzt in die physikalischen Vorgänge regu- " "^"'"'^ ''^"''' lierend ein und wacht darüber, daß jene Spannung der Membran, die zudem zu ihrem Wachstum notwendig ist, erhalten bleibe. Diese Spannung ist aber je nach der Pflanzenart und den gegebenen Bedingungen verschieden. — Die ge- Fig. 3. Scheraatische Darstellung von Zellen, die dem Sproßscheitel einer hö- her organisierten Pflanze entnommen sind. I amVegetationspunkt, noch ganz embryonal. II mit verschieden großen Vakuolen im Zytoplasma. III mit nur einem Saftraum, der aus der Verschmel- zung der Vakuolen hervorging; das i5 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre dehnte Membran müßte dauernd an Dicke einbüßen, wenn ihr nicht, vom Proto- plasten aus, immer neue Membranschichten angelagert, bzw. solche Membran- stoffe geliefert würden, die in schon vorhandene Membranschichten eindringen, um sie zu vergrößern. Der ganze Vorgang schreitet bei den höher organisierten Pflanzen derart fort, daß sowohl im Sproß wie in der Wurzel eine Erscheinung zur Geltung kommt, die Julius Sachs als die große Periode des Wachstums be- Große Periode zeichuct hat. Sic äußcrt sich in einer zunächst steigenden, dann sinkenden des Wachstums. Schnelligkeit der Streckung, in dem Maße, als die Entfernung von dem Vege- tationspunkte zunimmt, bis schließlich dieses Wachstum ganz aufhört. Man kann feststellen, daß der großen Periode des Wachstums entsprechend, die Atmungskurve zunächst steigt und dann fällt. Der vitale Verbrennungsvorgang in den Zellen erfährt eben bei zunehmender Schnelligkeit des Wachstums eine Zunahme, um bei dessen Abnahme zu sinken. Mit wachsender Entfernung vom Vegetationspunkt haben sich an der pflanzlichen Zelle, die dort in ihrem embryonalen Zustand so tierähnlich war, durch fortschreitende Ausbildung des Saftraums und Förderung der Membran- Die Ausprägung bildung, dic pflanzlichen Merkmale immer stärker ausgeprägt. Ist das Längen- pflanzhcher -^^chgtuni Vollendet, so nimmt die Membrandicke meist noch merklich zu. Manche Zellen verlegen ihre Aufgabe jetzt ganz in diesen Vorgang und brauchen ihren lebendigen Zelleib dabei auf, um als Skeletteile der Pflanze zu fungieren. Andere büßen schon während ihres Längenwachstums, oder bald danach, ihren protoplasmatischen Zelleib ein, um die Wasserbahnen der höher organisierten Pflanze zu bilden. Chemische Natur Das Protoplasma wird nicht von einem einzigen chemischen Stoffe gebildet, desProtoplasmas. ^jgjj-^-^g]^j. ^qj^ einer Vielheit solcher. Wieviel von dem, was uns als Protoplasma entgegentritt, aus lebendiger Substanz besteht, d. h. organisiert und reiz- empfänglich ist, aktiv in die Entwicklungsvorgänge eingreift und die Stoff- wechselerscheinungen reguliert, wieviel nur plastisches Reservematerial dar- stellt, läßt sich nicht entscheiden. Sicherlich spielen aber im lebenden Proto- plasma die Eiweiß- oder Proteinstoffe die Hauptrolle. In die chemische Zu- sammensetzung dieser Eiweißstoffe gehen außer Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, auch Stickstoff in erheblicher Menge, etwa zu 15 bis 19 Prozent und außerdem Schwefel, teilweise auch Phosphor ein. Es handelt sich um sehr kompliziert gebaute Körper, um hochmolekulare Verbindungen im Sinne der Chemie, die eben aus diesem Grunde geeignet waren, das Substrat des Lebens zu bilden. Sie stellen auch die zusammengesetztesten chemischen Bestandteile der lebenden Wesen dar und werden zumal dort angehäuft, wo die Lebens- vorgänge sich besonders energisch abspielen. In ihrer Aufgabe unterstützt sie Kolloidale ihre kolloidale Natur, d. h. die Eigenschaft mit ihren Lösungsmitteln nicht igensc a ®°- ^Qg^j^ggj^ jj-^^ Wahren Sinne des Wortes, sondern nur Suspensionen sehr feiner Teilchen zu bilden. Solche kolloidale Lösungen sind durch einen hohen Grad von Veränderlichkeit ausgezeichnet und können oft durch äußerst geringe Ein- flüsse zu einer Änderung ihres Zustandes veranlaßt werden, so wie es eben die Chemische Natur des Protoplasmas I 7 mannigfachen Erscheinungen des Lebens verlangen. Zudem gehen Eiweiß- stoffe unter sich und mit anderen Substanzen weitere Verbindungen von stei- gender Komplikation ein. Unter diesen nehmen die wichtigste Stelle die Nu- ProteVnkörper kleoproteide ein, die vornehmlich in den Zellkernen der organischen Wesen ihren Sitz haben. Die gewohnten Reaktionen auf Protoplasma, die der Mikroskopiker Mikroskopische anzuwenden pflegt, rühren von den Eiweißkörpern her. Es ist das die dunkel- violette, bzw. rote Färbung mit Kupfersulfat und Kalilauge, sog. Biuretreaktion, eine gelbe Färbung beim Erwärmen mit starker Salpetersäure, sog. Xantho- proteinreaktion, eine violette Färbung mit a-Naphtol und konzentrierter Schwefelsäure, sog. Furfurolreaktion, eine Braunfärbung durch Jodlösung, eine ziegelrote Färbung bei Einwirkung von salpetersaurem Quecksilberoxydul, dem sog. Millonschen Reagens, eine rosenrote Tönung mit Schwefelsäure, nach vorausgehendem Zusatz von Zucker, bekannt als Raspailsche Reaktion. Diese Erkennungsmittel erfüllen innerhalb des in Betracht kommenden Gebietes meist ihren Zweck, sind aber nicht in allen Fällen maßgebend, da es auch anderweitige Stoffe gibt, denen ähnliche Farbenreaktionen zukommen. An- derseits geben oft gerade die wichtigsten Eiweißstoffe des lebenden Organismus einzelne dieser Reaktionen nicht, so die Nukleoproteide nicht die Biuret- und Millonsche Reaktion. Daher das Ergebnis solcher Reak- tionen stets kritisch zu prüfen ist. Die Wichtigkeit dieser Nukleoproteide als Nukleoproteide. der eigentlichen Bildungsstoffe des Protoplasma ergibt sich auch daraus, daß sie in hungernden Organismen am längsten dem Abbau widerstehen. In fast endloser Mannigfaltigkeit sind als weitere Bestandteile des Protoplasmas bestimmte, sehr kompliziert gebaute, durch Äther und andre analoge Lösungs- mittel ausziehbare, mit Eiweißstoffen verbundene Körper, die sog. Lipoide, und Lipoide, als ihr wichtigster Vertreter das Cholesterin, nachgewiesen, außerdem die höchst unbeständigen, äther- und alkohollöslichen, phosphorhaltigen, organi- schen Verbindungen, die man als Phosphatide zusammenfaßt. Man möchte Phosphatide, jetzt von chemischer Seite annehmen, daß jeder Organismus über eine besondere Kernsubstanz verfügt, und daß jeder Zellenart eigenartige Phosphatide zu- kommen. So dürfte wohl nach alledem auch der Laie eine Vorstellung davon gewinnen, um was für komphzierte Probleme es sich bei der Erforschung der Lebenssubstanz handelt*. Den unermüdlichen Bemühungen von Emil Fischer ist es bereits gelungen, Synthese der synthetischen Herstellung der Eiweißkörper im chemischen Laboratorium, '^"^ ^^'''ß«'^ d. h. deren künstliche Erzeugung aus ihren Elementen, recht nahe zu kommen. Wie die Pflanze verfährt, um aus stickstoffhaltigen Nährstoffen Eiweißkörper zu bilden, ist noch wenig aufgeklärt. Vom rein chemischen Standpunkte müßte eine vorausgehende Reduktion der Nitrate des Bodens durch die Pflanze zu Ammoniak und dessen Verwertung zur Synthese von Aminosäuren, sowie deren weitere Verkettung, am wahrscheinlichsten erscheinen. Allein es nimmt neuerdings die Zahl der Pflanzen dauernd zu, in welchen sich Zyanwasserstoff nachweisen läßt und dort möglicherweise eine der Vorstufen der Eiweißsyn- Biausäure- these darstellt.* Man könnte daraus folgern, daß vielleicht ganz allgemein in '"' Mtzin/'° K.d.G. III. IV, Bd 2 Zellenlehre etc. -, i8 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre den sich selbständig ernährenden Pflanzen, als erste Stufe der Vereinigung von Stickstoff und Kohlenstoff Zyanwasserstoff, d. h. die wegen ihrer Giftigkeit all- bekannte Blausäure, entsteht, für gewöhnlich aber sofort weiter verarbeitet wird und nur in gewissen Fällen sich nachweisbar anhäuft. Doch darüber müs- sen weitere Untersuchungen erst entscheiden. Außer den durch die Pflanze von außen aufgenommenen Stickstoffverbindungen treten in die Eiweißbildung die von ihr erzeugten Kohlenhydrate ein, woraus sich erklärt, daß der bevorzugte Entstehungsort der Eiweißkörper in der höher organisierten Pflanze die grünen Blätter sind, also die hauptsächlichsten Laboratorien für Kohlenhydratdar- stellung. Bei Vorhandensein von Kohlenhydraten kann die Eiweißbildung auch im Dunkeln vor sich gehen, wird aber in bestimmten ihrer Phasen, wie die Ver- suche von E. Godlewski besonders lehrten, durch das Licht gefördert. Wie schon hervorgehoben wurde, befindet sich unter Führung von Emil Fischer die Chemie bereits auf dem Wege zur Eiweißsynthese. Daß künstliches Eiweiß, wenn es wirklich erreicht wird, dem natürlichen als Nahrungsmittel Konkurrenz machen sollte, ist auch nach der Ansicht von Emil Fischer nicht anzunehmen, da die Natur hier auch weiter zweifellos billiger produ- zieren wird. Durch höhere Temperaturen und bestimmte Chemikalien können wir am Protoplasma jene irreversible, d. h. nicht mehr rückgängig zu machende Ver- änderung veranlassen, die als Gerinnung bezeichnet wird. Chemikalien, von Fixierung dcucn wir annehmen, daß sie diese Wirkung auf das Protoplasma ausüben, ohne ro op asten, g^j^^ Struktur merklich zu verändern, spielen heute eine wichtige Rolle in der mikroskopischen Technik. Wir verwenden sie, um die Protoplasten zu fixieren, d. h. zu härten, und sie dann in diesem Zustande, ohne daß sie eine weitere Veränderung erfahren, untersuchen zu können. Am längsten ist zu diesem Zwecke möglichst starker Alkohol angewandt worden; doch stellt sich neuerdings heraus, daß er bestimmte Strukturen des Zytoplasmas zerstört, anderseits künstliche Gerinnsel in ihm veranlaßt, die dem Zustande im Leben nicht entsprechen. Als wesentlich günstiger erwiesen sich in dieser Beziehung 0,5- bis I prozentige Lösungen von Chromsäure und Osmiumsäure, und mehr noch deren Gemische, auch mit Zusatz, je nach Umständen ohne, von einigen Tropfen Essigsäure. Sowohl Alkohol als auch verdünnte Säuren gehören zu denjenigen Stoffen, denen die Plasmahaut den Durchgang nicht zu verwehren vermag. Sie dringen daher rasch in den Protoplasten ein, was dessen Fixierung fördert. Da Fixierungsmittel künsthche Gerinnungsbilder erzeugen können, die nicht präexistierten, ist kritische Arbeit auf diesem Gebiete stets erforderlich. Als besonders schwierig hat sich die Erforschung der Struktur des Zytoplasmas er- wiesen, was mit dessen relativ flüssigem Zustande im Leben zusammenhängt. Viel bestimmtere und bei Anwendung verschiedener Fixierungsmittel stets gut über- einstimmende Bilder ergaben die Kerne, denen von Natur eine wesentlich festere Konsistenz zukommt. So sind wir denn zurzeit über den Bau der Kerne und die Veränderungen, die sie in verschiedenen Stadien ihrer Entwicklung durchmachen, besser unterrichtet, als über die Struktur, die dem Zytoplasma Mikroskopische Technik. Struktur des Zytoplasmas ig vor seiner Fixierung schon zu eigen war. Da den Kernen die wichtigsten Auf- gaben in den Protoplasten zufallen, der Einblick in ihren feineren Bau uns un- geahnte Gebiete der Forschung erschlossen hat, so dürfen wir uns im Grunde genommen darüber nicht beklagen, daß sie sich ihrer Erforschung williger füg- ten, als das Zytoplasma, Lebende Protoplasten gewähren nur wenig Einblicke in jene feineren Bau- verhältnisse, welche das fixierte Objekt offenbart. Es hängt das mit der über- einstimmenden Farblosigkeit und dem annähernd gleichen Lichtbrechungs- vermögen aller der an ihrem Aufbau beteiligten Stoffe im lebenden Zustande zusammen. Die Fixierung steigert bereits die optischen Unterschiede, sie würde trotzdem die Aufgaben der Untersuchung nur in begrenzter Weise fördern, kämen nicht als wichtiges Hilfsmittel die jetzt üblichen Färbungsverfahren hin- zu. Wie auch sonst leblose Eiweißkörper, speichern die durch die Fixierung ge- töteten Farbstoffe auf. Nicht alle tun es aber mit gleicher Begierde und halten Färbung den Farbstoff mit gleicher Kraft fest. Man kann bestimmte Farbstoffe daher be- nutzen, um das Präparat zu differenzieren, d. h. die einzelnen Teile gegen die anderen deutlich vortreten zu lassen. Dazu kommt, daß das fixierte Objekt sich. Mikroskopische ohne anderweitige Veränderung, mit solchen Stoffen imprägnieren läßt, die sein Zerlegen in sehr dünne Lamellen ermöglichen. Man wählt zu diesem Zwecke meist Paraffin, das man verflüssigt, und mit dem man hierauf das Objekt sich langsam in der Wärme durchtränken läßt. Dann bringt man das Paraffin zum Erstarren und zerlegt es mit Hilfe äußerst genau arbeitender Schneideappa- rate, der Mikrotome, in Schnittserien, deren Dicke bis auf 0,001 mm zurück- gehen kann. Wie entrückt erscheinen dann dem Forscher jene Zeiten, in wel- chen er sich damit begnügen mußte, Schnitte von kaum unter o, i mm Stärke, aus freier Hand, mit einem Rasiermesser ausgeführt zu haben ! Die mit dem Mikrotom hergestellten Schnittbänder werden kunstgerecht auf Glastafeln be- festigt, dann der Einwirkung von verschiedenen Farbstoffen ausgesetzt und schließlich in Kanadabalsam unter Deckglas aufbewahrt. Bei der Betrachtung jugendlicher, von Protoplasma noch ganz angefüllter struktur Zellen lassen sich, unter besonders günstigen Beobachtungsbedingungen, schon im lebenden Zytoplasma, überaus zarte Fäden, Stäbchen und Körner inner- halb einer scheinbar homogenen Grundsubstanz unterscheiden. Jede nach- teilige Einwirkung veranlaßt eine Vakuolisierung dieses Zytoplasmas. Ent- sprechende Fixierungen und Färbungen lassen die Fäden und Körner im Zyto- plasma deutlich hervortreten. Man hat diese Gebilde als ,,Chondriosomen" zu- chondriosomen. sammengefaßt, und die eingehende Untersuchung ergab, daß tierische und pflanzhche, embryonale Zellen in dem Besitz dieser Chondriosomen überein- stimmen. Je nachdem sie sich als homogene Fäden, Körnerfäden oder getrennte Körner darstellen, hat man sie als Chondriokonten, Chondriomiten und Mito- chondrien unterschieden"'-' (Fig. 4). Zur Zeit der Kernteilung, wenn es sich in erhöhter Tätigkeit befindet, zeigt sich das Zytoplasma zudem von noch andern Fäden durchsetzt, die ihr besonderes Färbungsvermögen kenntlich zu machen gestattet. 20 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Protoplasma- Viclfach fällt in den Zellen eines Präparates, das man sich aus einem in vol- stromung. j^^ Lebcnstätigkeit befindlichen Pflanzenteil, etwa einem Laubblatt, herstellte, eine deutliche Bewegung im Zytoplasma auf. Diese hätten wir auch in den Plasmodien der Schleimpilze, die uns schon mehrfach beschäftigt haben, nachweisen können. Die glashelle Grundsubstanz der Plasmodien ist zäher an ihrer Oberfläche, dünnflüssiger im Innern. Dort führt sie körnige Einschlüsse mannigfaltiger Art, darunter auch zahlreiche Kerne. Dieses dünnflüssigere Zytoplasma ist in Strömung begriffen. Die Ströme eilen dem Rande des Plas- modiums zu, etwa in Ausstülpungen, die dort gerade vorgestreckt werden, oder sie sind gegen das Innere gerichtet, während der Rand sich zurückzieht. Im allgemeinen wechseln diese beiden Richtungen der Strömung miteinander ab, wobei jede allmählich anhebt, ein Maximum ihrer Schnelligkeit erreicht, sich dann verlangsamt und schließlich aufhört, worauf die entgegengesetzte Be- wegung einsetzt. Das Plasmodium zeigt also außer der mit Gestaltsveränderung verbundenen, kriechen- den Bewegung, die uns früher schon auffiel, auch eine innere Strömung: ein so anziehendes Bild des Lebens, daß es den Beobachter stets von neuem fesselt! Es erschien von jeher sehr verlockend, dem Mechanismus dieser Bewegungen nachzuforschen, doch ihn aufzuklären, gelang nur in sehr beschränk- tem Maße. Selbstverständlich folgt auch diese zäh- flüssige Protoplasmamasse den physikalischen Ge- setzen, welche die Materie beherrschen. Die Bewe- gung eines Plasmodiums läßt sich äußerlich mit dem Fig. 4. Vier der stengelspitze eines Füeßeneincs zähcu Flüssigkeitstropfcns auf nicht K.eimlings von Asparagusorhcmahs eilt- " ^ nommene Zellen. /(Kern, r/ichondrio- benetzbarer Unterlage, für welches Oberflächen- soraen. Nach G.LEwirsKY.Vergr. 1400 • -i-> i 1 1 • 1 11 Spannungen m Betracht kommen, vergleichen, doch im Gegensatz zu leblosen Tropfen vermag das Protoplasma diese Spannungen nach Bedarf zu beeinflussen. Es fügt sich den äußeren Einwirkungen auch nicht passiv, wie eine tote Substanz, es verrichtet vielmehr als lebendiger Kör- per auch innere Arbeit, mit Hilfe der Energie, die es sich durch Oxydation organischer Nahrungsstoffe verschafft. Diese Kraft stellt es in den Dienst seiner Lebensfunktionen. Wie denn auch die Strömungen in seinem Innern für eine entsprechende Mischung und Verteilung der Nahrungsstoffe und deren Be- förderung nach den Verbrauchsorten Sorge tragen, und die Ortsveränderung Reizbarkeit, seiner ganzen Masse sich nach der wechselnden Anregung äußerer Reize richtet, um es nach den Orten passendster Beleuchtung, förderlichster Ernährung und geeignetstem Wassergehalt hinzuleiten. Zudem ändert noch das Plasmodium, je nach dem Reifezustand, den es erreichte, seine ,, Stimmung" und sucht, um zu fruktifizieren. Orte auf, die es zuvor gemieden hätte. In der Protoplasmaströmung, die eine Zelle innerhalb ihrer geschlossenen Wände aufweist, handelt es sich um dieselbe Erscheinung wie im Innern eines Plasmodiums. Ist das Zytoplasma einer solchen Zelle auf einen den Saftraum Strömungserscheinungen im Zytoplasma 2i umhüllenden Belag beschränkt, so pflegt der Strom in breitem Bande ihrer Wand zu folgen, dieselbe Richtung, zum mindesten während der Beobachtungs- dauer, einhaltend. Man nennt das Rotation. Kern und auch Chlorophyllkörner, wenn letztere vorhanden, werden durch den Strom mitgeführt. Anders bietet sich das Bild dar, wenn außer dem zytoplasmatischen Wandbelag auch Zyto- plasmastränge vorhanden sind, die den Saftraum durchsetzen. Dann sieht man die Ströme ihre Richtung wechseln, sowohl an der Wandung als auch in den Strängen. Sogar in einem dünnen Strange können gleichzeitig entgegengesetzte Ströme verlaufen. Die inneren Stränge ändern Gestalt und Lage und verlagern damit den Kern, der meist bei dieser Art der Protoplasmaverteilung sich zwi- schen ihnen aufgehängt zeigt. Eine solche Protoplasmaströmung wird als Zir- kulation bezeichnet. Was aber für uns große Wichtigkeit erlangt, ist die Kon- statierung der Tatsache, daß in allen behäuteten Zellen, welche Protoplasma- verhalten Strömung zeigen, die Hautschicht des Protoplasten sich an dieser Bewegung nicht beteiligt. Dadurch wird die Ansicht, daß diese Hautschicht die Reiz- empfängerin am Protoplasten sei, ganz wesentlich gestützt. Denn wenn alle Teile des Protoplasten dauernd ihre Lage zu der Richtung der von außen auf sie einwirkenden Kräfte verändern würden, so müßten deren Wirkungen sich gegenseitig aufheben, und es könnte die Pflanze nicht in eine bestimmte, durch sie bedingte Stellung gelangen. Die Hautschicht ist äußerst dünn, daher der Nachweis, daß sie ruht, während das übrige Zytoplasma sich bewegt, nur mit Hilfe der Plasmolyse sich führen läßt. Wendet man zu diesem Zwecke Lösungen an, die dem Saftraum zwar Wasser entziehen, den Protoplasten aber nicht schä- digen, so hält während seiner beginnenden Kontraktion die Strömung in ihm noch an, und man stellt dann sicher fest, daß die Hautschicht sich an dieser Be- wegung nicht beteiligt. Es gibt übrigens eine Gruppe grüner, algenähnlicher Pflanzen, die unsere Gewässer bewohnen, die Armleuchtergewächse oder Characeen, welche die Konstatierung dieser Tatsache auch ohne alle künstliche Behandlung zulassen. Diese Pflanzen sind noch so wenigzellig und daher durch- scheinend, daß man sie direkt unter dem Mikroskop beobachten kann. Im be- sonderen ist dazu die Gattung Nitella geeignet, weil die langen Zellen, die ihre Astquirle als Internodien trennen, unberindet sind. Diese Zellen weisen einen besonders mächtigen Rotationsstrom des Protoplasmas auf, so auffällig, daß er selbst den frühesten, mit schlechten Instrumenten ausgestatteten Mikrosko- pikern nicht entgehen konnte. Der italienische Botaniker Bonaventura Corti beschrieb ihn schon im Jahre 1772. Da mit dieser Entdeckung sich damals noch nichts anfangen ließ, so hat man sie wieder vergessen; ihre Bedeutung ge- wann sie erst, als das Wesen des Protoplasmas erkannt wurde. In diesen Inter- nodialzellen liegt nun der lehrreiche Fall vor, daß die Chlorophyllkörner durch den Strom nicht mit bew^egt werden; sie bilden eine ruhende Schicht außerhalb des Stromes, und das ist nur möglich, weil sie dort eine Stütze an der ruhenden Hautschicht finden. So wie wir dies für die inneren Strömungen der Plasmodien schon geäußert Nutzeffekt haben, wird auch die Protoplasmabewegung in den behäuteten Zehen der höher '"''j^!!!^!^^!,^^'"''" 2 2 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre organisierten Pflanzen zur Stoffmischung beitragen und den Stofftransport von Zelle zu Zelle fördern. Man hat festgestellt, daß bei der Vallisnerie {Vallisneria spiralis) und der Wasserpest {Helodea canadensis, Rieh.), zwei Wasserpflanzen, die sich zu solchen Versuchen sehr eignen, der Transport bestimmter Salz- lösungen mit Hilfe der Protoplasmaströmung sich drei bis viermal so rasch voll- zieht, wie durch einfache Diffusion. Freilich steht für eben diese beiden Pflan- zen andererseits auch fest, daß sie in unversehrten Geweben von einer Proto- plasmaströmung kaum etwas erkennen lassen. Erst die Verwundung hat eine solche Steigerung der Strömungsvorgänge zur Folge. Diese sind dann der sicht- bare Ausdruck der erhöhten Tätigkeit, welche die Verwundung in den Proto- plasten auslöste, und die sich auch in erhöhter Atmung äußert. Dadurch soll der Heilungsprozeß gefördert werden. Schneidet man in lebenskräftige, pflanzliche Gewebe hinein, so findet man meist, daß sich Zytoplasma und Kerne an den Wänden sammeln, die der Wundfläche zugekehrt sind. In den Fäden der Spiro - gyra, einer Süßwasseralge, deren Zellen man leicht in Teilung antrifft, sieht man zarte, mit feinkörnigen Reservestoffen beladene Protoplasmaströme den Orten zueilen, wo Baumaterialien zur Anlage neuer Zellwände erforderlich sind. Ein- seitige Licht- und Schwerkraftreize können auch Umlagerungen in den Proto- plasten veranlassen, die zu den Tätigkeiten, die dann eingeleitet werden sollen, in Beziehung stehen. So reagiert denn der Protoplast überall in einer Eigenart, die ihn als lebendigen Körper kennzeichnet, er reagiert in einer Weise, welche die Erhaltung seines Lebens fördert. Im Laufe der phylogenetischen Entwick- lung erworbene, erblich fixierte Eigenschaften sind es, welche das spezifische Wesen seines Verhaltens bestimmen. An den Plasmodien der Myxomyzeten, die uns so auffällige Einblicke in die Bewegungsfähigkeit einer lebendigen Substanz gewährten, ruft Wasser- verlust einen Zustand hervor, der äußerlich ganz dem Tode gleicht. Das Plas- modium wird zunächst dickflüssiger und träger, beginnt dann sich zusammen- zuballen und knollige Körper zu bilden, denen ihre gefurchte Oberfläche das Aussehen kleiner, tierischer Gehirne verleiht. Schließlich wird die ganze Masse wachsartig zäh und läßt sich mit dem Messer schneiden. Sie stellt einen Ruhe- zustand der Plasmodien dar, den man als Sklerotium bezeichnet. In diesem Zu- Latentes Leben. Stande führt das Plasmodium ein sogenanntes ,, latentes" Leben, das man auch als Scheintod oder ,,Anabiose" bezeichnet hat. Das Sklerotium hat aufgehört zu atmen, und man müßte es wirklich für tot halten, ließe es sich nicht durch Wasser- zusatz zum Leben zurückerwecken. Da beginnt es nach einiger Zeit wieder Fort- sätze vorzustrecken und kehrt zu dem früheren, beweglichenZustand zurück. Man hat Sklerotien von Fuligo septica, jenem Schleimpilze, der die gelben Plasmodien auf der Gerberlohe, die sogenannte ,, Lohblüte", bildet, monatelang trocken auf- bewahrt, ohne daß sie ihre Lebensfähigkeit einbüßten. Unbegrenzt hält diese Fähigkeit aber nicht an, und dann ist das Sklerotium wirkhch tot, ohne daß der Unterschied gegen früher sich in irgend welcher sichtbaren Form geäußert hätte. In Wirklichkeit stellen auch zahlreiche Flechten und Moose, die auf Felsen, Mauern oder Dächern wachsen und dort zeitweise völlig austrocknen, um bei Latentes Leben des Protoplasten. Der Zellkern 23 jeder Befeuchtung wieder aufzuleben, eine Art Sklerotien dar. Das gleiche gilt im Prinzip von den Samen selbst der höchst organisierten Gewächse, die unter Umständen sehr lange Ruhezeiten durchzumachen vermögen. An manchen dieser Samen war, nachdem man sie künstlich ganz wasserfrei gemacht hatte, weder irgend ein Verbrauch von Sauerstoff noch Kohlensäurebildung nach- zuweisen, und doch blieben sie keimfähig. Das Aussetzen der Atmung, das den Pflanzen, von welchen diese Samen stammten, den baldigen Tod gebracht hätte, wurde also von den trockenen Protoplasten ihrer Samen ohne Nachteil ertragen. Dünne Schnitte, die man sich aus einer trockenen Erbse herstellt, zeigen unter dem Mikroskop den Inhalt aller Zellen wie erstarrt. In einer gequollenen Erbse haben die Protoplasten ihr lebendiges Aussehen bald wieder zurückerlangt. Das latente Leben vermag in manchen Samen sich dezennienlang zu erhalten, eine Fabel hingegen ist es, daß man Weizenkörner aus ägyptischen Mumiengräbern zur Keimung gebracht habe. Andererseits gilt es als gesichert, daß Samenkörner derLotospflanze {Nelumbium speciosum), die in wohlverschlossenen Kästchen im British Museum in London aufbewahrt worden waren, nach mehr denn 150 Jahren zum Teil noch keimten. — Die meisten Samen unserer Gewächse verlieren freilich ihre Keimfähigkeit nach verhältnismäßig kurzer Zeit, es gibt darunter sogar solche, die das Austrocknen überhaupt nicht vertragen. Das strömende Zytoplasma stellt eine zähflüssige, kolloidale Masse dar, Konsistenz die zu 75 % und mehr aus Wasser aufgebaut ist. Daß aber an die halbflüssige ^^ «■otop^smab Beschaffenheit nicht das Wesen des Protoplasmas gebunden ist, das zeigen die Fälle, wo dieses Protoplasma, in voller Ausübung seiner Lebensfunktionen, eine andere Konsistenz zeigt. Im Aufbau der Kerne weist es schon eine viel größere Dichte auf; um die Geißeln von Schwärmsporen oder Spermatozoiden zu bilden, wird es fast zu einem festen Körper. Im lebenden Kern {nucleus) der Zelle erkennt man wenig Struktur; nur die Der Bau des Kernkörperchen (wM6-/g(7/j) treten als stärker lichtbrechende Kügelchen meist "^^ ^° *° ^^"^"^ deutlicher in ihm hervor. In embryonalen Zellen hat der Kern annähernd kuglige Gestalt; in älteren, mit Saftraum versehenen Zellen flacht er sich meistens scheibenförmig ab; in Zellen, die bedeutend in die Länge wachsen, folgt er auch wohl der Streckung, nimmt unter Umständen selbst Spindelform an. In verein- zelten Fällen ist er verzweigt. — • An fixierten und entsprechend gefärbten Präparaten stellt man fest, daß solchen Kernen, die noch in voller Lebenstätigkeit stehen und vermehrungsfähig sind, der Bau eines wabig- netzartigen Gerüstwerks zukommt. Die Substanz, aus welcher die Fäden dieses Gerüstwerks bestehen, nimmt Kernfarbstoffe nur wenig auf. Sie wird als ,,Linin" bezeichnet, im Gegen - Linin. satz zu den stark färbbaren Körnchen, die ihr eingebettet sind, und die auf Grund dieses Verhaltens den Namen ,, Chromatin" erhielten. Die Kernkörperchen Chromatia. liegen innerhalb der Maschen des Gerüstwerks. Dieses als Ganzes nimmt einen Hohlraum ein, der mit sogenanntem ,, Kernsaft" erfüllt und mit einer ,, Kern- membran", die in Wirklichkeit eine Vakuolenwandung, umgeben ist. Mit dieser schließt sich das angrenzende Zytoplasma gegen die Kernhöhle ab. 24 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Höher organisierte Pflanzen und Tiere stimmen darin überein, daß ihre Protoplasten einkernig sind. Die phylogenetische Entwicklung führte in beiden organischen Reichen schon frühzeitig zu diesem übereinstimmenden Ergebnis. An den unteren Grenzen der beiden organischen Reiche sind hingegen Vielkernigkeit, mehrkernige und sogar vielkernige Protoplasten nicht selten. Sie stellen bei den Pilzen eine häufige Erscheinung dar und kommen auch bei den Algen vielfach vor. Eine grüne Alge, die in unseren Gewässern weitverbreitet ist, und deren buschig verzweigte, an irgend einer Unterlage festsitzende Fäden durch den Strom hin und her bewegt werden, die Gattung Cladophora, besitzt in jeder ihrer langen Zellen wohl an hundert Kerne, die gleichmäßig in dem Zytoplasma verteilt sind. In einer anderen, sehr verbreiteten Süß- wasseralge, deren Körper einen sattgrünen, gabelig verzweigten Schlauch bildet, der Vaucheria, könnte man Tausende von Kernen zählen, ungeachtet sie einzellig ist. Chlorophyll- Nur die oberirdischen Teile einer höher organisierten Landpflanze, und an dieser nur die außen gelegenen Gewebe, sind grün gefärbt. Das ist auch ganz begreiflich, da die grünen Gewebe ihre Aufgabe nur im Licht erfüllen können, und dieses eine bestimmte Intensität dazu besitzen muß. In allen höher orga- nisierten Pflanzen ist der grüne Farbstoff an protoplasmatische Gebilde von etwas abgeflachter Körnerform gebunden, während bei den niederen Algen diese Gebilde auch andere Gestalten, wie beispielsweise die von Bändern, Ster- nen oder Platten besitzen können. Holt man sich ein Glas voll grüner Algen- fäden aus einem Teich und betrachtet sie unter dem Mikroskop, so wird man solche besonders gestaltete Chlorophyllkörper sicherlich zu sehen bekommen. Für die in unseren süßen Gewässern mit am häufigsten vorkommende Algen- gattung Spirog^'ra ist die Ausbildung der Chlorophyllkörper in Form von Bändern so bezeichnend, daß man diese Gattung unschwer daran erkennt. Die grünen Bänder sind, je nach der Spezies von Spirogyra, die man vor Augen hat, in Ein- oder Mehrzahl in jeder Zelle vertreten. Die Zellen folgen, einen Faden bildend, in einfacher Reihe aufeinander. Ihre Chlorophyll- bänder verlaufen schraubenförmig innerhalb des zytoplasmatischen Belags der Seitenwände. — • Im weiteren Fortschritt der phylogenetischen Entwick- lung haben die Pflanzen ihren Chlorophyllapparat endgültig in einzelne Körner zerlegt. Das hat sich augenscheinlich am besten bewährt, weil es, wie G. Senn zeigte, jedem Chlorophyllkorn gestattet, sich innerhalb seiner Zelle mit einer gewissen Selbständigkeit auf das ihm am besten zusagende Licht einzustellen. Bei der grundlegenden Bedeutung, die der Arbeit zukommt, die von der grünen Pflanzenzelle geleistet wird, konnte es nicht an Bemühungen fehlen, tie- Farbstoflfe fcr in ihr Wesen einzudringen. Veröffentlichungen über den grünen Farbstoff, ^' körp°er.'' ^ " ^^^ ^^^ Chlorophyllkörper tingiert, füllen an sich schon Bände. Die Ausdeh- nung, welche diese Untersuchungen gewannen, spricht beredt für die Schwierig- keiten, mit denen sie zu kämpfen hatten. Die Chemie des Chlorophylls kann noch nicht als abgeschlossen gelten, sie darf sich aber bereits sehr großer Erfolge Chlorophyll 2 5 rühmen. Es handelt sich dabei um chemische Probleme, denen nur der Ein- geweihte folgen kann. Die Ergebnisse der Untersuchung würden sich jetzt aber dahin zusammenfassen lassen, daß die Chlorophylline hochmolekulare, kohlen- stoff-, Sauerstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff- und magnesiumhaltige Verbindungen darstellen, die mit einem Alkohol verestert sind und Pyrrholkerne enthalten.* Für den Nichtchemiker will diese Definition nicht viel sagen, sie soll ihm nur zeigen, um was für komplizierte Dinge es sich hierbei handelt. Es muß der Pflanze Eisen dargeboten werden, damit sie Chlorophyll bilde, doch ist in diesem Farbstoff Eisen selbst nicht vertreten. Für uns ist es wichtig, vor allem hervorzuheben, daß die Chlorophyllkörper ihre grüne Färbung nicht einem einzigen Farbstoff verdanken. Übergießt man grüne Pflanzenteile mit sehr starkem, am besten absolutem Alkohol, so hat dieser alsbald eine schöne, grüne Färbung angenommen. Die erhaltene Lösung ist smaragdgrün, wenn man sie zwischen Lichtquelle und Auge hält, sie erscheint blutrot, wenn man sie gegen eine dunkle Unterlage betrachtet. Dieses eigenartige, optische Verhalten dankt die Chlorophyllösung einer Eigenschaft, welche die Physiker als ,, Fluoreszenz" bezeichnen. Daß der alkoholische Auszug nicht einen ein- Fluoreszenz heitlichen Farbstoff in Lösung führt, davon überzeugt man sich durch einen sehr einfachen Versuch. Taucht man nämlich einen herabhängenden Fließ- papierstreifen mit seinem unteren Ende in die grüne Lösung, so färbt er sich dort alsbald grün, weiter hinauf aber gelb. Der grüne, alkoholische Auszug wird als Rohchlorophyll bezeichnet. Auch mit Äther, Petroläther oder fetten Ölen kann man sich solche Rohchlorophyllösungen herstellen. Es steht heute fest, daß die Chlorophyllkörper eine Mehrzahl nächst verwandter, grüner Chlorophylline chiorophyUine, in Mischung führen. Auch der gelbe Bestandteil des Chlorophyllkörpers ist nicht " ''°Ka°rotk!^^"'' einheitlich, man hat in ihm vielmehr Xanthophylle und Karotine (oder Karo- tinoide, wie man sie jetzt nennen möchte) zu unterscheiden. Die Xanthophylle sind reingelb, die Karotinoide orangerot wie das Karotin der Möhre, d. h. Ka- rotte, nach der dieser Kohlenwasserstoff den Namen führt. Interessant ist die chemische Verwandtschaft, die sich zwischen den Chlorophyllinen und dem Hämatin, d.h. dem roten Blutfarbstoff hat nachweisen lassen, in dessen Aufbau, im Gegensatz zum Chlorophyll, Eisen eingeht. Die physiologischen Aufgaben, die dem Chlorophyll im Körper der Pflanzen und dem Hämatin im Körper von Wirbeltieren zufallen, sind zudem durchaus verschieden. Man hat auch die Frage aufgeworfen, ob die Tiere ihr, das Hämatin enthaltende, Hämoglobin nicht aus den Zersetzungsprodukten des mit der Pflanzennahrung aufgenom- menen Chlorophylls aufbauen. Die grünen Pigmente sind es allein, denen eine Rolle bei der Arbeit zu- Die Roiie fällt, welche die Chlorophyllkörper mit Hilfe des Sonnenlichtes in der Pflanze ""^pigmeiue!"^" leisten; bei alledem beträgt ihre Menge in intensiv grün gefärbten Laubblättern nur 0,5 bis i % von deren Trockensubstanz. Die gelben Pigmente sind an der spezifischen Arbeit der Chlorophyllkörper nicht beteiligt. Wäre dem anders, so müßten auch gelbe Blumenblätter, die zumeist dieselben Xanthophylle wie die Laubblätter führen, zu den gleichen Leistungen wie sie befähigt sein, was 2 6 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre nicht zutrifft. Auch das Chlorophyll bedarf aber, um sich zu betätigen, der le- bendigen, protoplasmatischen Unterlage des Chlorophyllkörpers. Man hielt es bisher für das Wahrscheinlichste, anzunehmen, daß das Chlorophyll, dieser le- bendigen Unterlage gegenüber, die Rolle eines Sensibilisators spielt, ähnlich jener von Eosin oder anderen Anilinfarben in den orthochromatischen, photo- graphischen Platten. Durch Zusatz dieser Farbstoffe macht man die ge- bräuchlichen, bromsilberhaltigen, photographischen Platten für Lichtstrahlen empfindlich, die sonst nicht auf sie wirken. So sollte auch das Verhältnis des Chlorophylls zu seinem protoplasmatischen Träger sein. Die Fortschritte der Chlorophyllchemie eröffnen jetzt aber auch andere Möglichkeiten, sich die Rolle, die dem Chlorophyll in der lebendigen Unterlage zufällt, vorzustellen. Seitdem der Magnesiumgehalt des Chlorophylls sichersteht, wird man nämlich dahin geführt, Vergleiche zwischen ihm und gewissen metallorganischen Magnesiumverbindungen, mit deren Hilfe sich leicht organische Synthesen durchführen lassen, anzustellen. Solche Dienste könnte das magnesiumhaltige Chlorophyllin im Chlorophyllkorn leisten. — Man hat sich vielfach bemüht, Die die photochemische Synthese der Kohlenhydrate, also jenes Ergebnis, zu Synthese°außer- wclchcm dic Lichtarbcit des Chlorophyllapparates in der lebendigenPflanze führt, halb der Pflanze. j^j{- ^j^^ ohnc Hilfc von Chlorophyllösungcn, außerhalb des Pfianzenkörpers zu erreichen.* So gelanges durch Verwendung stiller elektrischer Entladungen, bei welchen ultraviolette Strahlen auftreten, als Energiequelle, Kohlensäure und Wasser zu Formaldehyd zu vereinigen, und durch Polymerisation des Formal- dehyds mittels Alkali Kohlenhydrate sich aufbauen zu lassen. Doch über die Mittel, deren sich die Pflanze bei der Photosynthese bedient, vermögen wir noch immer keine sicheren Angaben zu machen. Die Chlorophyllkörner lassen bei sehr starker Vergrößerung meist einen Bau der Chioro- porösen Bau erkennen, und dann stellte man auch fest, daß es ihre Poren sind, p y orner. ^.^ ^^^ grüncn Inhalt führen. Zudem sieht man bei der großen Mehrzahl der höher organisierten Pflanzen noch größere, farblose Einschlüsse in den Chloro- phyllkörnern. Es sind das Stärkekörner, die uns schon früher in ihnen auffielen. Die photochemi- Sic Stellen das erste geformte Produkt jener photochemischen Synthese dar, ^'^ d^er Pflanze. " bei wclcher der Chlorophyllapparat der Pflanzen, unter Verwendung der Ener- gie der Sonnenstrahlen, aus Kohlensäure und Wasser, unter Abspaltung von Sauerstoff, Kohlenhydrate produziert. Man hält es heute für das Wahrschein- lichste, anzunehmen, daß bei diesem Vorgang Formaldehyd entsteht, der zu Zucker polymerisiert wird. Formaldehyd ist freilich eine für lebende Wesen sehr giftige Substanz, von der V. Gräfe aber neuerdings zeigen konnte, daß sie von den grünen Pflanzenteilen, selbst in bedeutenderen Mengen, vertragen wird. Entsteht mehr Zucker, als gleichzeitig abgeleitet werden kann, bzw. steigt die Konzentration der Zuckerlösung in der ihn produzierenden Zelle über ein be- stimmtes Maß hinaus, so wird ein Teil von ihm in Stärke verwandelt. Dazu Bildung müssen mehrere Zuckermoleküle zusammentreten, um die hochmolekulare Stärke zu bilden, was unter Wasseraustritt geschieht. Verschiedene monokotyle Ge- wächse lassen es bei der Zuckerbildung bewenden; bei ihnen würden wir daher Funktion der Farbstoflfkörper 27 keine Stärke in Chlorophyllkörnern vorfinden. Doch auch bei den Pflanzen, die dort Stärke erzeugen, wird diese, wenn der Gehalt an Zucker in der Zelle sinkt, in solchen wieder zurückverwandelt, was durch den Einfluß von Enzymen, unter Wasseraufnahme, d. h. Hydrolyse, geschieht. Daher die Stärke zur Nachtzeit, während welcher die Kohlensäureassimilation stillesteht, die Pflanze somit neuen Zucker nicht hinzubildet, aus den Chlorophyllkörnern schwindet. Um Stärke in den Chlorophyllkörnern anzutreffen, dürfen wir also unsere Beobach- tung nicht zu früh am Morgen anstellen, müssen der Pflanze vielmehr Zeit für Neuerzeugung von Stärke lassen. Wintergrüne Gewächse sind zur Winterzeit, nach Lidforß, zuckerreich, doch stärkefrei. Sie erhöhen dadurch ihren Turgor, wodurch die Gefahr des Verwelkens vermindert wird und ziehen daraus auch den weiteren Vorteil, daß der Gefrierpunkt ihres Zellsaftes sinkt. Die Trockensubstanz einer grünen Landpflanze besteht aus etwa 45% Koh- lenstoff, 42% Sauerstoff, 6,5% Wasserstoff, 1,5% Stickstoff und 5% Aschen- bestandteilen. Mehr als 90% ihrer Trockensubstanz hat der ChlorophyUapparat dieser Pflanze aus der Kohlensäure der Luft und aus dem Wasser des Bodens hergestellt. Durch die Ansammlung der in dem Chlorophyllapparat der grünen Pflanze erzeugten Kohlenhydrate, wird eine entsprechende Ansammlung von potentieller Energie in ihr bewirkt. Mit der Behauptung, daß die Kohlenstoffassimilation bei unseren Land- Rotgefarbte pflanzen an das Vorhandensein von Chlorophyfl gebunden sei, scheint es im ""^ ^ *°^^°' Widerspruch zu stehen, daß es so viele Kräuter gibt, die wir zu Teppichbeeten in unseren Gärten verwenden, so manche Sträucher und Bäume, die wir in unseren Anlagen ziehen, deren Laub nicht grün, sondern rot ist. Dessenungeachtet gedei- hen diese Pflanzen ersichtlich und nehmen an Größe zu, müssen somit in der Lage sein, sich so wie andre Pflanzen, die grün sind, zu ernähren. In Wirklich- keit rührt das daher, daß auch diese blutfarbigen Gewächse Chlorophyllkörner in ihren Blättern führen, und daß ihre grüne Farbe nur durch den rot gefärbten Zellsaft einer äußersten Gewebeschicht verdeckt ist. Das Grün des Chlorophyfls kombiniert sich mit dem Rot des Zellsaftes zu jenem Rotbraun, das diesen Pflanzen die Bezeichnung von Blutpflanzen verschaffte, wie uns das für ,, Blut- buchen" besonders geläufig ist. Doch wird man sich weiter an solche Gewächse des Meeres erinnern, deren Rot- und gesamter Körper eine andere Farbe als Grün aufweist. Es handelt sich dabei "eeaigeL '^ um die mannigfaltig ausgestatteten Seealgen, Gewächse, die in der äußeren Gliederung ihres Körpers zum Teil auffällig an hoch organisierte Landpflanzen erinnern. Besonders an den Ufern des Mittelmeeres, das nur sehr schwache Ebbe und Flut hat, dürfte es jedem Beobachter auffallen, daß die Vegetation der flachen Stellen fast durchweg grün ist. Nach einem Sturme wird der Strand aber auch von braunen und roten Algen bedeckt sein, die größerer Tiefe entstam- men. Statt grüner Körner in ihrem Innern werden die Zellen solcher Algen un- ter dem Mikroskop braun und rot gefärbte zeigen. Diese anders tingierten Kör- ner verrichten in ihnen aber dieselbe Arbeit, wie anderswo die grünen. Sie dan- ken aber auch tatsächlich ihre Färbung Pigmenten, die mit dem Chlorophyll 2 8 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre nächstverwandt sind. Es ist noch nicht für alle in Betracht kommenden Fälle entschieden, ob es sich um ein Gemisch von Chlorophyll mit anderen Farbstoffen oder einen einheitlichen Farbstoff bei ihnen handelt, einen Farbstoff, der aber leicht Chlorophyll abspaltet. Man braucht in der Tat rote Meeresalgen nur in Süßwasser zu übertragen, damit dieses sich rot färbe, die Algen selbst aber grün werden. Den schönen Farbstoff, der sich solchermaßen den roten Meeresalgen Phykoerythriu. abgewiuucn läßt, hat man Phykoerythrin genannt. Er ist im durchfallenden Lichte rosenrot und im auffallenden orangerot. Es kommt ihm somit, wie dem Fluoreszenz. Chlorophyll, die sonst nicht eben häufige Eigenschaft der Fluoreszenz zu. x\uch die Farbe der braunen Meeresalgen führen die einen auf einen einheitlichen Phaeophyii. Farbstoff, das Phaeophyll, andere auf ein Gemisch grüner, rotbrauner und gelber Farbstoffe zurück. Tötet man solche braune Algen mit siedendem Wasser, so werden sie grün. — Wir sahen in den oberen Schichten des Meeres die grüne Farbe bei den Algen vorherrschen und fanden das nicht eben auffällig, weil dort ganz ähnliche Beleuchtungsverhältnisse wie auf dem festen Lande herrschen. In dem Maße, als das weiße Tageslicht tiefer ins Wasser dringt, muß es dort eine Änderung in seiner Zusammensetzung erfahren. Denn die Strahlen verschiede- ner Wellenlängen, aus denen es zusammengesetzt ist, werden vom Wasser un- gleich rasch verschluckt. Schon in geringen Tiefen fehlen jene Strahlen in der Beleuchtung, die auf unser Auge den Eindruck von Rot machen. Dann schwin- det Gelb, dann Grün; am tiefsten vermögen die blauen Strahlen vorzudringen. Th, W. Engelmann* suchte nun zu begründen, daß die Abweichungen, welche die Meeresalgen in ihren Färbungen von den Landpflanzen zeigen, bedingt seien durch die Verhältnisse der Beleuchtung, unter denen sie leben. Um das Licht, von dem sie erreicht werden, am besten für die Arbeit der Kohlenstoffassimi- Kompieraentär- lation ausnutzcn zu können, müßte ihre eigene Färbung die Komplementärfarbe " ""algen'^^^ zu jcucr der Umgebung sein. Dagegen hat man nun manchen Einwand geltend gemacht, vor allem hervorgehoben, daß vielfach rote Meeresalgen auch in ge- ringer Tiefe zwischen grünen anzutreffen sind. Die Anhänger der Engelmann- schen Auffassung suchen aber diesen Einwand, so wie andere, dadurch zu ent- kräften, daß sie geltend machen, die Zusammensetzung des umgebenden Lich- tes sei die phylogenetische Veranlassung der gegebenen Algenfarbe gewesen, was aber nicht ausschließe, daß eine so gefärbte Alge dann auch in einem ihr weniger zusagenden Lichte zu existieren imstande sei. Den Nachteil, der ihr dort aus ihrer Färbung erwachse, könnten andere günstige Bedingungen der Umgebung mehr oder weniger ausgleichen. Ja, Ernst Stahl möchte die Engel- Das Grün der manuschcn Deutungen auch auf die Landpfianzen ausdehnen. Deren grüne ^^it^plTun^^' Farbe sei auch als Anpassung an die auf unserem Erdball herrschenden Be- leuchtungsverhältnisse aufzufassen, als Anpassung an das bei seinem Gang durch die Atmosphäre und ihre Einschlüsse modifizierte Sonnenlicht. Die Laub- blätter unserer Landpflanzen erscheinen uns grün, weil der größte Teil von Rot, sodann Orange, Blau und Violett, durch den Farbstoff ihrer Chlorophyll- körner verschluckt werden, die grünen Strahlen hingegen nicht. Die grünen Strahlen sind aber jene, die in unserem Tageslicht am schwächsten vertreten Phykoerythrin und Phaeophyll. Herbstfärbung des Laubes 20 sind. Im direkten Sonnenlicht, das die Landpflanzen trifft, herrschen die roten und gelben Strahlen vor, im zerstreuten Tageslichte die blauen und violetten; dagegen treten die von der Atmosphäre absorbierten ultraroten und die grünen Strahlen merklich zurück. Noch weiter würde die Anpassung reichen, wenn die Pflanze auch die grünen Strahlen verschlucken möchte und demgemäß eine graue Farbe besäße. Doch dann wäre, wie Ernst Stahl des näheren ausführte, ihr Körper, bei intensiver Bestrahlung, zu sehr der Gefahr der Ver- sengung ausgesetzt. Im direkten Sonnenlichte verwertet tatsächlich ein grüner Pflanzenteil nur einen Bruchteil der auffallenden Energie für die Arbeit der Koh- lensäureassimilation, in bestimmten Fällen bloß etwa 0,5%. Die schönen Laubfärbungen der Holzgewächse, die unserer Landschaft im Herbstfärbung Spätherbst einen so hohen Reiz verleihen, rühren von Veränderungen her, die sich in den Geweben der Blätter vollziehen, wenn sie am Ende ihrer Lebensauf- gabe stehen. Ihre Chlorophyllkörner werden dann desorganisiert, und was an ihren Abbauprodukten sowie sonstigen Bestandteilen der Protoplasten für den fortlebenden Pflanzenkörper Wert hat, wird nach diesem abgeleitet. In den schließlich nur noch mit vorwiegend wässerigem Inhalt erfüllten Zellräumen sieht man einigeÖltröpfchen und Kristalle, außerdem gelbe, stark lichtbrechende Kugeln. Das Laub erscheint dann gelb, in satten, oft schon aus weiter Ferne leuchtenden Tönen. Andere Gewächse treten uns mit roten Herbstfärbungen entgegen, dies vornehmlich dann, wenn der Zuckergehalt ihrer Blätter verhält- nismäßig groß war. Der Saft in den Zellen nimmt unter solchen Umständen eine rote Färbung an. Bei starker Insolation werden die Herbsttöne des Laubes be- sonders kräftig. Wunderbar ist das Bild, das sich um jene Zeit im Hochgebirge dem Wanderer offenbart. Das leuchtende Gelb, das brennende Rot und das rot- schimmernde Braun des Laubes an den Sträuchern ersetzen ihm jetzt die feh- lenden Blüten. — Nicht um eine Farbenänderung des abzuwerfenden Laubes handelt es sich hingegen bei solchen Nadelhölzern, deren Blätter in unseren Gärten im Winter sich bräunen. Im Frühjahr sieht man die nämlichen Blätter wieder ergrünen. Ihr Chlorophyll hatte zeitweise, wohl um sich besser gegen den Einfluß des Lichtes während der winterlichen Ruhezeit zu schützen, diese Veränderung erfahren, um hierauf seine ursprüngliche Farbe wieder anzu- nehmen. Anders das Braunwerden absterbender Laubblätter, das eine Zer- setzungserscheinung ist, bei welcher braune, wasserlösliche Farbstoffe auftreten. Die Chlorophyllkörper der grünen Pflanzen, sowie die ihnen entsprechen- den, der Kohlenstoffassimilation ebenfalls dienenden, anders gefärbten Gebilde, die uns bei Seealgen entgegentraten, stellen nur ein bestimmtes Endglied der Entwicklung vor, welche die Chromatophoren der Pflanzen einschlagen kön- nen. Unter dem Begriff Chromatophoren faßt man alle die als Chloro-, Chromo- curomatophoret und Leukoplasten bezeichneten Formelemente pflanzlicher Zellen zusammen. Ihren Ursprung finden diese Gebilde, nach den Ergebnissen der neuesten Forschung, in jenen winzigen Anlagen, die wir bereits als Chondriosomen inner- halb der embryonalen Zellen kennen gelernt haben.* Die hanteiförmigen Ge- stalten, die sich unter ihnen einstellen (Fig. 4), sind Teilungszustände, die mit 30 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre einer Trennung der angeschwollenen Enden abgeschlossen werden. Aus diesen Anlagen gehen in älteren, vom Licht betroffenen Zellen, sofern die sich an der Arbeit der Kohlenstoffassimilation beteiligen sollen, die verschieden ausge- chioropiasten. stalteten Chlorophyllkörper, d. h. die Chloroplasten, hervor. In Blumenblättern und Früchten mit einer bestimmten, von der grünen abweichenden Färbung chromopiasten. haben sich diese Anlagen zu Chromoplasten ausgebildet. Sie erscheinen gelb oderorangeund verdanken diese Färbung ganz ähnlichen Pigmenten, wie es jene sind, die den gelben Bestandteil der Chloroplasten ausmachen. Chlorophylline erzeugen sie nicht. Sie bedürfen ihrer nicht für ihre Aufgabe, die nur darin bestehen soll, die Sichtbarkeit der betreffenden Pflanzenteile zu erhöhen. Das tun sie entweder für sich allein oder in Verbindung mit Farbstoffen, die der Zellsaft in Lösung enthält. Diese Chromoplasten können Körnerform haben, in ihrer Gestalt aber auch mehr oder weniger den Kristallen gleichen. Letzteres geschieht dann, wenn ein Teil des Eiweißes, das an dem Aufbau ihres protoplas- matischen Körpers beteiligt ist, oder des Farbstoffes, der sie tingiert, auskristal- lisiert. Die Blütenfarben dienen zur Anlockung der Insekten, welche den Honig in den Blüten sammeln und zugleich unbewußt deren Bestäubung vermitteln. Gefärbte Früchte fallen Tieren schon aus der Ferne auf, werden von ihnen ver- zehrt, und die Samen, soweit sie dabei unversehrt bleiben und den Körper des Tieres unbeschädigt verlassen, verbreitet. Man hat festgestellt, daß Vögel die Samen verzehrter Früchte nicht selten schon nach fünf Minuten wieder aus- brechen, und daß solche Samen auch nicht mehr als eine halbe bis anderthalbe Stunde in deren Darm verweilen. Für manche Samen ist nachgewiesen, daß diese durch Passage des Darmkanals von Vögeln und Säugern an Keimfähigkeit ge- winnen. Die Färbung der Früchte pflegt sich erst dann einzustellen, wenn ihre Samen reifen, dann auch erst werden sie schmackhaft. Im Innern des Pflanzen- körpers, dort wo das Licht sie nicht erreicht, Stärke aber als Reservestoff depo- Leukopiasten. niert wcrdcu soll, bilden sich die Anlagen der Chromatophoren zu Leukoplasten aus. Wie der Name es schon verrät, bleiben die Leukoplasten ungefärbt. Sie zeigen kugelige, scheibenförmige oder elliptische Gestalten, werden in ihrem Aussehen unter Umständen auch durch auskristallisierendes Eiweiß beeinflußt. Es fällt ihnen in den Reservestoffbehältern die Aufgabe zu, aus der Zuckerlösung, die ihnen zugeführt wird, Stärkekörner zu bilden. In ihrem Innern werden diese als winzige Gebilde angelegt, die weiter wachsen und bei manchen Pflanzen so an- sehnliche Größe erreichen, daß man sie als weiße Punkte mit dem bloßen Auge schon unterscheiden kann. Den Nachweis ihrer Verwandtschaft mit den Chloro- plasten vermögen selbst die Leukoplasten der ausgeprägtesten Reservestoff- behälter unter Umständen noch zu erbringen. Eine Kartoffelknolle, die man längere Zeit der Wirkung des Tageslichtes aussetzt, ergrünt an der beleuchteten Seite. Man kann dann feststellen, daß es dort die Leukoplasten der peripheren Zellschichten sind, die sich grün gefärbt haben, die zugleich auch porös wurden, Vermehrung der in cincm Wortc, den Charakter von Chlorophyllkörnern annahmen. körner°durch Dic Chlorophyllkörncr können auch nach ihrer Fertigstellung fortfahren, Teilung. gj(,j^ durch Zweiteilung zu vermehren. Das Korn nimmt an Länge zu, schnürt Chloro-, Chromo-, Leukoplasten. Vermehrung der Chromatophoren; Stärke 31 sich in der Mitte ein und wird schließlich in zwei gleich große Körner zerlegt. In dem Laube immergrüner Gewächse, kann dieser Vorgang über mehrere Vegetationsperioden sich erstrecken und die grüne Färbung der Blätter da- durch verstärken. Wir haben schon darauf hingewiesen, daß der Kohlenstoff wie vorbestimmt Die Mannig- war, den Grundstoff des Lebens zu bilden. Denn er ist zu einer besonders großen ^KoUeTsto^s-'^ Zahl von Verbindungen befähigt. Diese stellen chemische Körper von außer- Verbindungen, ordenthcher Mannigfaltigkeit dar, die zudem mehr oder weniger leicht inein- ander übergehen. Das gibt der lebenden Pflanze die Möglichkeit, von einigen wenigen Stoffen ausgehend, überaus zahlreiche Körper aufzubauen, die ent- sprechend ihrer chemischen Verschiedenheit auch durch besondere physika- lische Eigenschaften sich auszeichnen. Dazu verwendet die Pflanze, und in weiterer Instanz auch das Tier, nur Organisciie und die von der Pflanze erzeugten, daher als organische bezeichneten Kohlenstoff- Ko^meTstöffver- verbindungen, welche, um es allgemeinverständlich auszudrücken, ,, verbrannt" bindungen. werden können, also einen Energievorrat darstellen. Das ist bei den ,, anorga- nischen" Kohlenstoffverbindungen nicht der Fall, womit ein physiologisch grundsätzlicher Unterschied zwischen ihnen bedingt wird. Wir sahen bei der Arbeit des Chlorophyllapparats der grünen Pflanzen im Lichte Zucker entstehen und diesen Zucker sich dann innerhalb der Chloro- phyllkörner als Stärke gewissermaßen niederschlagen. Es ist für die Pflanze stärke. sicherHch das Vorteilhafteste, ein Assimilationsprodukt, das nicht unmittelbare Verwendung findet, auch nicht rasch genug fortgeleitet werden kann, in einen festen Zustand überzuführen. Denn in diesem Zustand beansprucht es den ge- ringsten Raum, ist zugleich am indifferentesten. Die Zunahme des Zuckers in der Zelle steigert den osmotischen Druck in ihr über das zulässige Maß. Durch seine Überführung in Stärke wird dem abgeholfen. Daher etwa 80 Prozent aller höher organisierten Pflanzen zu diesem Mittel greift und zur Zeit starker Assi- milation Stärke in ihren Chlorophyllkörnern ablagert. Der Chlorophyllapparat wird aber nicht dauernd durch diese Stärke belastet. Des Nachts findet sie Zeit, mehr oder weniger vollständig aus den Chlorophyllkörnern auszuwandern, wo- bei der aus ihr wiedererzeugte Zucker nach Orten des Verbrauchs oder Orten der Aufbewahrung, den Reservestoffbehältern, den Weg einschlägt. Auf diesem Wege wird er, sobald seine Zufuhr über die Abfuhr dominiert, mit Hilfe von Chloro- oder Leukoplasten wieder in kleine Stärkekörner umgesetzt, die daher oft als ,,transitorische" Stärke seine Leitungsbahnen bezeichnen. Erst in den Reservestoffbehältern, soweit diese die ihnen zugeführte Zucker- lösung in Form von Stärke speichern sollen, werden in Leukoplasten umfang- reichere Stärkekörner erzeugt, die nach Größe, Form und innerem Bau oft cha- rakteristische Merkmale darbieten. Jeder Schnitt, den wir durch eine Kartoffel- knolle ausführen und bei hinreichender Vergrößerung untersuchen, zeigt uns alles Gewebe vollgepfropft mit Stärke. Die Körner sind hier verhältnismäßig groß (Fig. 5), denn ihre Länge beträgt bis 0,09 mm und kann bei bestimmten Kartoffelsorten selbst auf das Doppelte steigen. Hätten wir Schnitte durch den Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Wurzelstock des Riesenblumenrohrs, Canna gigantea Desf.*, vor Augen, so wür- den uns diese bis 0,175 mm große Stärkekörner vorführen, mit die allergrößten, welche das Pflanzenreich aufzuweisen hat. Solche Körner lassen sich schon ein- zeln mit dem bloßen Auge unterscheiden. Im allgemeinen begnügen sich die Pflanzen aber, auch in ihren Reservestoffbehältern, mit Stärkekörnern von weit bescheideneren Dimensionen, die bis auf 0,002 mm zurückgehen. Die Stärke- körner pflegen mehr oder weniger deutliche Schichtung zu zeigen; es kann diese Schichtung zentrisch oder exzentrisch sein. Unsere Weizen- und Roggen- stärke ist zentrisch gebaut, d. h. der Bildungskern, um den sich die Schichten während der Größenzunahme des Korns lagerten, liegt annähernd in der Mitte. Diese Körner sind linsenförmig, ihr größter Durchmesser schwankt um 0,04 mm. Stets sieht man viel kleinere, eckige Stärkekörner zwischen diesen größeren lie- gen. Die Kartoffelstärke ist eiförmig, meist deutlich und zwar stark exzen- trisch geschichtet. Zwischen den ein- fachen Körnern weist sie auch ein- zelne zusammengesetzte Körner auf, die aus zwei oder drei zu einer Ein- ^ heit verbundenen Körnern bestehen. fiBm I^ ^^^ Erbse fänden wir ovale, deut- lich zentrisch geschichtete Körner Fig. 5. Stärkekörner aus der KartoffelknoUe. ^ ein einfaches, VOr, dicbis 0,005 mm lang Werdcn j5 ein halbzusammengesetztes Stärkekorn. C und D ganz zu- i • i t-) • r ' TT' sammengesetzteStärkek.iraer <• der Bildungskern des Stärke- UUd radiale RlSSC aUIWClSen. Hin kornes. Vergr. 540. Hafcrkom würde uns in entsprechend ausgeführten Schnitten ellipsoidische, bis 0,05 mm lange Stärkekörner zeigen, jedes Korn aus 200 bis 300 Teilkörnern zusammengesetzt sein und leicht in sie zerfallen. Diese Beispiele glaubte ich aufzählen zu müssen, um zu zeigen, daß man verschiedene Stärkesorten unter dem Mikroskop unterscheiden kann, was für die Nahrungsmittelforschung oft von großer Bedeutung ist. Freilich kann die mikroskopische Untersuchung in bestimmten Fällen auch versagen, so z. B. wenn es die sehr ähnliche Weizen- und Roggenstärke zu unterscheiden gilt. Da muß man nach anderen Anknüpfungspunkten für die Bestimmung suchen. Um die Stärke aus den pflanzlichen Reservestoffbehältern zu befreien, ver- reibt man das Gewebe mit Wasser und trennt die Stärke von der ,, Pulpe" durch Sieben und Schlämmen. So gewinnt man die Kartoffelstärke des Handels, während bei der Herstellung von Getreidemehl das die Stärke führende Ge- webe mit zermahlen wird. In der Kartoffelknolle stellt die Stärke 25 Pro- zent des Gesamtgewichts dar, beim Weizenkorn sogar 70 Prozent der Trocken- substanz. Man weiß, daß die Stärke zu durchscheinendem, gallertartigem Kleister verquillt, wenn man sie im Wasser auf 60 bis 70^ C erhitzt. Mit Jodlösung be- handelt wird sie blau, bei Überschuß von Jod fast schwarz. Doch gibt es auch solche, ebenfalls als Stärke in den Pflanzen bezeichnete Körner, die durch Jod Bau und Reaktionen der Stärkekörner 72 nicht blau, sondern weinrot gefärbt werden. So verhält sich unter anderen die sogenannte Klebstärke, die bestimmten Sorten von Reis eigen ist und den Japanern zur Kleisterbereitung dient. Wir stellten fest, daß eine Mehrzahl von Traubenzuckermolekülen sich ver- bindet, um das Stärkemolekül zu bilden. Wir haben es somit bei der Stärke chemisch mit einem Polysaccharid zu tun. Bei der Rückverwandlung der Stärke in Zucker ist als erstes Enzym die Diastase tätig. Sie stellt ein Gemenge von zwei Enzymen, der Amylase und der Maltase dar. Die Amylase zerlegt die Stärke durch Spaltung ihres Moleküls unter Wasseraufnahme, d. h. durch Hy- drolyse, in Maltose, einen Malzzucker, dessen Moleküle, so lehrt uns die Chemie, aus zwei Traubenzuckermolekülen bestehen. Die Maltase vergreift sich an dem Malzzucker und spaltet ihn in Traubenzucker. An der Herstellung von Stärkekörnern aus Zucker sind in derPflanze lebende, protoplasmatische Gebilde, die Chromatophoren, beteiligt. Die Spaltung der Stärke durch die wirksamen Enzyme läßt sich ebenso auch außerhalb des pflanzlichen Organismus durch- führen. Bei ihrem Eingreifen handelt es sich um Wirkungen, die denen der so- genannten ,, Katalysatoren" ähnlich sind, undderen Wesen darin besteht, daß sie durch ihre Anwesenheit langsam verlaufende, chemische Prozesse beschleunigen. Sie wirken schon in äußerst geringen Mengen ein, so daß ein Gewichtsteil Dia- stase zwei Tausend Gewichtsteile Stärke zerlegen kann. — Viel Arbeit ist darauf verwendet worden, festzustellen, ob die Stärkekörner, wie sie die Pflanzen uns liefern, aus einem einheitlichen chemischen Stoff oder aus verschiedenen solchen, nächstverwandten Stoffen sich aufbauen. Der Hauptbestandteil der gewöhn- lichen Stärkekörner ist sicherlich die sogenannte Amylose, jenes Polysaccharid, das uns schon bekannt ist. Untersuchungen aus letzter Zeit suchen es nun wahr- scheinlich zu machen, daß die bisher angenommene Verschiedenheit unter den, in den Aufbau eines jeden Stärkekorns eingehenden, Substanzen nur bedingt sei durch eine verschiedene Einlagerung von Mineralstoffen in die Amylose.* Stärkekörner, die mit Jod rote Färbungen annehmen, dürften dies ihrem Gehalt an dextrinartigen Körpern verdanken. Den Bau der Stärkekörner hat man mit dem der Sphärite verglichen, d. h. von Kristallkugeln, die aus radial angeordneten, in Schichten gelagerten Kristall- nadeln zusammengesetzt sind. Die lebendige Substanz der Leukoplasten, in welcher dieser Kristallisationsvorgang sich vollzieht, läßt ihn aber nicht unbe- einflußt, wie das ja der Umstand lehrt, daß die Ausgestaltung der Stärkekörner, je nach ihrem Ursprung, spezifische Verschiedenheiten zeigt. Die Annahme, daß ein Kristallisationsvorgang die Grundlage für die Stärkeform abgibt, wird da- durch gestützt, daß auch ein der Stärke nächstverwandtes Polysaccharid, das Inulin, das ihre Stelle in den Reservestoffbehältern der Kompositen, beispiels- weise der Georginenknollen, einnimmt und dort in gelöstem Zustand gespeichert wird, beim Auskristallisieren Sphärite bildet. Dieses Auskristallisieren wird künstlich, etwa durch Einlegen inulinreicher Gewebe in 50prozentigen Alkohol veranlaßt. Es vollzieht sich somit ohne das Eingreifen von Lebensvorgängen und liefert demgemäß ausgeprägte Kristallkugeln. K. d.G. III. TV, Bd 2 Zellenlehre etc. -j 34 Eduard Strasburger-. Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Kleber Wenn wir einen dünnen Querschnitt durch ein Weizenkorn (Fig. 6), einen oder Aieuron. g(,jjj^j|.^^ ^gj. mindestens an einzelnen Stellen auch die Außenschale in sich faßt, mit Jodlösung behandeln, so sehen wir, daß in einer Zellschicht, die dicht unter dieser Schale liegt, die vorhandenen, kleinen Körnchen sich nicht blau, sondern gelbbraun färben. Diese Körner stellen Kleber oder Aieuron dar. Erst auf die Kleberschicht folgt im Weizenkorn nach innen das stärkeführende Gewebe. Der Kleber oder Gluten ist ein Eiweißstoff, der demgemäß, so wie andere Ei- weißstoffe, eine gelbbraune Färbung mit Jod annimmt. In diesem Falle zeigt der Kleber die Gestalt kleiner Körnchen. Diese Körner gehen aus Vakuolen des Zytoplasmas hervor, die sich mit Eiweißlösungen füllten, und deren Eiweiß bei steigender Konzentration der Lösung, und infolge des durch das Austrocknen der reifenden Frucht veranlaßten Wasserverlustes, schließlich in fester Form er- starrte. Diese Kleberschicht, die in un- Fig. 6. ÄußererTeil eines Querschnittes durch einAVeizen- körn (Triticum vulgare). /> Fruchthülle, ^ Samenhaut. An die Samenhaut grenzt das Endosperm. In diesem a/Aleuron- körner, n Zellkern, am Stärkekörner. Vergr. 240. serenGetreidekörnern das innere, stärke- haltige Gewebe deckt, wird beim Mahlen mitsamt der Schale als Kleie von ihm getrennt. Am vollständigsten geschieht das beim Verfahren, das jetzt allgemein beim Mahlen der Weizenkörner befolgt wird. Dadurch büßt das Mehl annähernd vollständig die durch den Kleber ver- tretenen Eiweißstoffe ein. Das bedeutete aber bis jetzt insofern nicht einen Ver- lust an Nährwert für das Mehl, als bei dem üblichen, trockenen Vermählen der Kleie die Aleuronzellen nicht zermalmt werden, man das Aieuron aus ihnen somit nicht befreit. Bleiben aber die Aleuronkörner von den Membranen ihrer Zellen umschlossen, so kommt es nicht zu ihrer Ausnutzung im Verdauungskanal des Menschen. Erst neuerdings gelang es , durch nasse Kleievermahlung die Aleuronzellen zu öffnen. Die so erhaltene, breiartige Masse wird getrocknet, dann für sich nochmals ver- mählen und dem übrigen Mehle zugesetzt. Sie wird nunmehr verdaut so wie das übrige Mehl. Das aus solchem Mehl hergestellte Brot ist aber dunkler. — Eiweiß wird als Reservestoff im Samen oft deponiert. Chemisch handelt es sich hierbei im allgemeinen um Eiweißstoffe, die als GlobuHne bezeichnet werden, und die man außerdem als Legumin in den Erbsensamen, Konglutin in Lupinensamen, Edestin in fetthaltigen Samen, u. dgl. m. unterscheidet. Fettes Öl ist neben dem Aieuron in dem Gewebe trockener Samen aufgespei- chert. In lehrreicher Form würde uns diese Erscheinung bei der Untersuchung von Schnitten durch Rizinussamen entgegentreten (Fig. 7). Wir bekämen dort verhältnismäßig große, ellipsoidische Aleuronkörner zu sehen, zudem in jedem Eiweiß- dieser Körner einen Eiweißkristall und ein Kügelchen, das aus dem Magne- kristaUoide. g.^^g^j^ ciuer gepaarten Phosphorsäure mit organischem Paarung besteht. Kleber. Eiweißkristalloide 35 des Eiweißes. ß^ Ein Teil des Eiweißes ist also in diesem Falle auskristallisiert zu recht inter- essanten Gebilden, die Kristallform haben, dessenungeachtet quellbar sind und nach Art sonstiger Eiweißkörper Farbstoffe aufspeichern. Man hat sie daher von den echten Kristallen als Kristalloide unterschieden. In ihrer Gestalt ent- sprechen sie aber durchaus echten Kristallen, die A. F. W. Schimper durch An- wendung der in der Mineralogie üblichen Methoden bei Rizinus als ,, isotrope Kristalloide regulär tetraedrisch-hemiedrischer Symmetrie" bestimmen konnte. Das Zytoplasma, in welches die Aleuronkörner bei Rizinus eingebettet sind, führt reichliche Mengen von Öl, dem bekannten Rizinusöl, das sich, durch das Wasser, in welchem wir unsere Schnitte untersuchten, aus diesen verdrängt, an den Rändern in großen, stark lichtbrechenden Tropfen sammelt. — In saftigen Reservestoffbehältern, sofern diese auch Eiweiß speichern, ist dieses im Zellsaft gelöst. Dieses Eiweiß kann man auch in einer Kartoffelknolle nachweisen, wenn man auf dünne, durch sie geführte Schnitte Alkohol einwirken läßt. Es bildet sich dann ein feinkörniger Niederschlag in den Zellen, der aus diesem Eiweiß und in naher Beziehung zu ihm stehenden Amiden besteht. Wir wissen bereits, daß die Eiweißsynthese in den Pflanzen sich auch ohne MobiUsierung Zutun des Lichtes vollzieht. Die zu dieser Synthese erforderliche Energie ge- winnen die grünen Pflanzen ihren Kohlenhydraten ab. Das Eiwxiß kann, als kolloider Körper, nicht die Membranen der Zellen passieren. Die Landpflanzen, ja schon gewisse Abteilungen massigerer Seealgen, bilden für den direkten Transport von Eiweiß be- stimmte Zellenzüge aus, die durch offene Poren mit- einander kommunizieren. Wir werden uns später mit ihnen beschäftigen. Um durch geschlossene Mem- branen wandern zu können, muß das Eiweiß wieder ,, abgebaut" werden. Die Zerlegung seines Riesen- moleküls in kleinere Moleküle geht auf hydrolytischem Wege vor sich, wie die der hochmolekularen Stärke, wenn sie wandern soll. Sie erfolgt ebenfalls unter dem Einfluß von Enzymen, und zwar ganz ähnlicher, proteolytischer Enzyme, wie es auch jene sind, die in den Verdauungswegen des tierischen Körpers die als Nahrung aufgenommenen Eiweißkörper zerlegen. In den grünen Pflanzen treten unter den für die Wanderung bestimmten, aus fortgesetzten Spaltungen hervorgegangenen Abbauprodukten des Eiweißes besonders auffällig die Amide hervor, unter ihnen am häufigsten das Asparagin, d. h. das Amid der Amino- bernsteinsäure. Doch scheinen in diesen Amiden nicht mehr die primären Abbau- produkte des Eiweißes, sondern aus diesen durch neue Synthesen wieder herge- stellte Körper vorzuliegen. Bei Sauerstoffabschluß findet nur die primäre Eiweiß- hydrolyse statt, und es stellen sich als Produkte dieser, Tyrosin und Leuzin, und nur ganz unbedeutende Mengen von Asparagin ein. Bei Luftzutritt hin- gegen, somit wenn Sauerstoff zur Verfügung steht, geht aus diesen primären Pro- dukten durch synthetische Reaktion Asparagin hervor. Das Asparagin führt den Namen nach den Spargelsprossen, die man für kulinarische Zwecke vergeilen Fig. 7. .»/Zelle aus dem Eudosperm von Ricinus communis unter Wasser beobachtet. B einzelne Aleuron- körner unter Olivenöl. /• Eiweiß- kristalle, g- Globoid. Vergr. 500. ^5 Eduard Strasburger-. Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre läßt, und aus denen man es zuerst gewann. In Spargelstücken, die man in Alkohol einlegt, bilden sich Sphärokristalle von Asparagin, welche beweisen, daß hier ein kristalloider, also für die Wanderung durch Membranen wohl geeigneter Körper vorliegt. Man hat daher die Rolle des Asparagins für die Beförderung von Eiweißkörpern mit jener des Zuckers bei dem Transport der Kohlenhydrate verglichen.* Die an geeignete Orte beförderten Abbauprodukte der Eiweiß- körperwerden dort zu deren Wiederaufbau verwendet. Fehlen die hierzu nötigen Kohlenhydrate, so häuft sich das Asparagin an solchen Stellen an. So in den vergeilten Spargelsprossen, die in der Dunkelheit erzogen werden, nicht ergrünen und daher aus Mangel an Chlorophyll und Licht keine Kohlenhydrate bilden können. — Untersucht man mikroskopisch auf Schnitten Rizinussamen während der Keimung, so sieht man in dem Maße, als letztere fortschreitet, die Aleuron- körner schwinden. Sie werden mit Hilfe von Enzymen abgebaut und der Re- servestoff, den sie darstellen, wird in solcher Weise mobilisiert. Abbau und Wie dlc Pflanze die Kohlenhydrate und die Eiweißstoffe mit Hilfe von Synthese im tie- Enzvmen abbaut, um aus diesen Bausteinen erst wieder die Substanz ihres rischen Körper. •' Körpers aufzubauen, oder sie als Energiequellen zu benutzen, so tut dies auch das Tier. Es herrscht in dieser Beziehung zwischen der Tätigkeit pflanzlicher und tierischer Protoplasten die größte Übereinstimmung. Auch im tierischen Körper geht eine Zerlegung der großen Moleküle der aufgenommenen Nahrungs- stoffe durch Hydrolyse, ihrem Wiederaufbau durch Synthese voraus. Aus die- sem Nachweis, der im besondern durch Emil Abderhalden geführt wurde, hat sich ergeben, daß die synthetische Leistungsfähigkeit des tierischen Körpers weit größer ist, als man noch bis vor kurzem angenommen hat. Es ist Emil Abderhalden auch durch direkte Versuche gelungen, die komplizierten Ver- bindungen der Nahrungsmittel durch ihre chemischen Bausteine zu ersetzen, und da die Chemie diese bereits aus anorganischen Stoffen künstlich herzu- stellen vermag, so ist damit auch eine künstliche Ernährung der Tiere mit Umgehung der Pflanze theoretisch gelungen. Nur theoretisch, denn praktisch wird auch weiterhin die Pflanze fortfahren, die Ernährerin des Tieres zu sein, da ihre Arbeit in Schaffung der Kraftquellen durch Verwertung des Sonnen- lichtes, so wie das schon für die künstliche Synthese der Eiweißkörper betont wurde, die billigsten, und man darf wohl auch annehmen, die schmackhaftesten Nahrungsmittel liefern wird. Eingreifen der Wie übrigcus dic grüucu Pflanzen des Beistandes solcher Bakterien be- Bakterien in den ^jürfcn, wclchc dlc Stickstoffvcrbindungen, die den Stoffwechselprodukten der Kreislauf der ' o • o i organischen Ticrc und dcn Leibern toter Tiere und Pflanzen entstammen, zu Salpetersäure oxydieren, die der grünen Pflanze im Salpeter als Stickstoffquelle dient, so vermögen die höher organisierten Tiere andererseits, allem Anschein nach nicht, das in größter Menge von den grünen Pflanzen erzeugte Kohlenhydrat, die Zellulose, zu verwerten, ohne Mithilfe der ihren Darm bewohnenden Bakterien. Kalziumoxalat. Da wir das Ziel verfolgen, zunächst die geformten Einschlüsse pflanzlicher Zellen kennen zu lernen, so wenden wir uns jetzt an den Oxalsäuren Kalk, dessen Kristalle als eine äußerst häufige Erscheinung in pflanzlichen Geweben Eiweißabbau und Synthese. Kalkoxalat 77 gelten müssen. Selbst solche Pflanzen, die als kalkfeindlich bekannt sind, die dementsprechend kalkarme Standorte bevorzugen, nehmen erhebliche Mengen gelöster Kalksalze aus dem Boden in ihren Körper auf. In diesem wird aber meist der größte Teil des Kalkes durch Oxalsäure, welche die Protoplasten nach Bedarf hierfür bilden, in der Form von sehr schwer löslichem Kalziumoxalat gebunden. Man findet dieses dann im Innern der Zelle deponiert oder in deren Membran eingelagert vor. Protoplasten, die als Behälter von Kalziumoxalat fungieren, sterben meistens alsbald ab. Das Kalziumoxalat kann mit sehr zahl- reichen und winzigen Kristallen seinen Behälter füllen und stellt dann den so- genannten Kristallsand dar. Oder es hat sich zu einem einzigen, verhältnis- mäßig großen Oktaeder, oder einer morgensternförmigen Kristalldruse, oder endlich zu einem Bündel nadeiförmiger Kristalle geformt. Ganz allgemein bleibt das Kalziumoxalat von einer weiteren Verwen- dung im Pflanzenkörper ausgeschlossen, doch hat man, wenn auch nur unter künstlichen Bedingungen, Erscheinungen beobachtet, die seine Wiederauflösung in einer Zelle unter bestimmten Be- dingungen nicht mehr als ganz unmöglich erscheinen lassen. Die Auflösung erfolgte aber auch in dem erwähnten Falle nicht, um das Kalziumoxalat wieder in den Stoffwechsel der Pflanze einzu- führen, vielmehr nur, weil die Zellen künstlich zu einer bedeu- tenden Erhöhung ihres osmotischen Druckes veranlaßt wurden. Sie mögen dabei den Säuregehalt ihres Zellsaftes so gesteigert haben, daß dieser das Kalziumoxalat löste. — Doch ein ganz be- deutender, abgeleiteter Nutzeffekt, also ein ökologischer Vorteil, erwächst den Pflanzen, die damit ausgestattet sind, aus den ,,Ra- Fig. 8. Eine mit Raphiden. phiden", jenen zuvor erwähnten Kristallnadeln, die in Bündeln nem Raphiden- innerhalb ihres Behälters liegen (Fig. 8). Wenn solche Raphiden ^Z^""^ r'!i"'^ ° ^ ° ' ^ Zelle aus derRin- einer Pflanzenart zukommen, hält jedes ihrer Individuen auch de von Dracaena zäh daran fest, sie auszubilden. Man kann, wie es durch W. Benecke phidenbündei. geschehen ist, die Ernährung einer Pflanze im Versuch durch Dar- vergr. 100. reichung entsprechender Nährstoffe so regulieren, daß die Veranlassung zur Bil- dung von Oxalsäure für sie wegfällt. Dann kommt es auch nicht zur Bildung von Kalziumoxalat in ihren Geweben, ausgenommen die Raphiden, die auch unter solchen Umständen fast vollzählig sich einstellen. Diese Raphiden schützen aber in wirksamster Weise die Keimlinge und jüngeren Teile einer Pflanze gegen Schnecken, die zu den gefährlichsten Feinden der Pflanzenwelt gehören. Diese Tiere zerkleinern mit ihrer wie eine Raspel wirkenden Zunge das pflanzliche Gewebe, um es zu verzehren, müssen aber an dieser Tätigkeit durch Raphiden, wo solche vorhanden sind, rasch gehindert werden. Denn diese feinen Nadeln bohren sich naturgemäß in die Zunge des Tieres ein. Unter Umständen kann auch der Mensch die Wirkung solcher Raphiden an sich erproben, und zwar dann, wenn er viel Weinbeeren verzehrt hat und deren Haut mit Zunge und Zähnen ausquetschte. Dann stellt sich bei ihm nach einiger Zeit ein Brennen auf Zunge und Gaumen ein, dessen Ursache er sich wohl meist nicht zu erklären weiß. Es 38 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre rührt von den in diese Teile eingedrungenen Kristallnadeln her. Gewisse Wein- beersorten sind besonders reich an Raphiden und daher für Weintraubenkuren nicht geeignet. Zum Unterschied von den meisten anderen, Kalziumoxalat- kristalle führenden Zellen behalten die mit Raphiden ausgestatteten ihren le- bendigen Zustand bei. Das aus zahlreichen, einander parallelen Nadeln von gleicher Länge zusammengesetzte Raphidenbündel liegt im Protoplasten ein- gebettet innerhalb einer mit Schleim erfüllten Vakuole. Besonders eigenartig wird das Verhalten der die Raphiden führenden Zellen bei manchen Arongewächsen (Araceen), so vornehmlich bei Pistia stratiotes, einer in den Tropen weit verbreiteten, auf der Oberfläche des Wassers schwim- menden Pflanze, die in unseren ,,Victoria"-Häusern häufig anzutreffen ist. In Westindien wird diese Pflanze sehr treffend Wasserlattich genannt, da sie in der Tat äußere Ähnlichkeit mit einem Salatkopf zeigt. An Schnitten durch die Blätter dieser Pflanze fallen bei mikroskopischer Betrachtung die Raphidenzellen als spindelförmige Gebilde auf, deren mittlerer Teil zwischen andern Zellen eingefügt ist, welche Luft- höhlen umgeben, deren beide Enden aber frei in diese Lufthöhlen hineinragen (Fig. 9, A). An ihren beiden Enden sind die Raphidenzellen nur durch eine sehr zarte Membran abgeschlossen. Wird eine solche Zelle von einem Tier verletzt, so quillt der ihre Raphiden umhüllende Schleim aus und drückt die Raphiden, meist einzeln nacheinander, durch die zarte Wand der Enden nach außen hervor (Fig. 9, B). Dieses Abschießen der Nadeln erfolgt mit ansehn- hcher Gewalt, kann also das angreifende Tier sehr wohl verwunden. — Da man leicht geneigt sein kann, ökologische Nutzeffekte sich zurechtzulegen, so erlangen sie im wesentlichen erst dann wissenschaftlichen Wert, wenn sie durch Versuche gestützt sind. Dem- entsprechend war Ernst Stahl bemüht, durch Verfütterung raphidenhaltiger, sowie künstlich von ihren Raphiden befreiter, Pflanzenteile an Schnecken ihren tatsächlichen Schutzwert nachzuweisen. Da aber auch der Ausfall solcher Ver- suche durch sekundäre Ursachen beeinflußt werden kann, so bleiben sie viel- fach nicht unangefochten. Das soflte auch Ernst Stahl erfahren. In der Haupt- sache dürfte er aber Recht behalten. Eine Aufzählung aller Stoffe, die in Tropfenform oder gelöst im pflanz- lichen Zytoplasma oder Zellsaft vertreten sind, würde fast ins Unendliche an- wachsen und hätte an dieser Stelle auch keinen Zweck. Also beschränke ich mich auf die Heranziehung solcher Stoffe, welchen eine besondere Bedeutung im Leben der Pflanze, in physiologischer oder ökologischer Beziehung, zu- kommt. Zucker. Welche wichtige Rolle den Zuckerarten hierbei zugefallen ist, wissen wir bereits, ja es läßt sich dreist behaupten, daß sie das vornehmste organische Fig. 9. In A intakter Raphideii- schlauch im Blatt von Pistia stratio- tes. In B offenes Ende eines Raphi- denschlauches mit teilweise entleerten Raphiden. Nach G. Haberlandt. Vergr. etwa 150. Bedeutung" der Raphiden. Zucker. Inulin. Organische Säuren ^g Nahrungsmittel der lebenden Wesen sind. Sie stellen denjenigen Vorrat an Spannkräften dar, aus dem diese der Hauptsache nach schöpfen, um ihren Lebensunterhalt zu decken. Traubenzucker ist in den meisten pflanzhchen Zellen, nur jene der Pilze ausgenommen, vertreten, auch Rohrzucker sehr ver- breitet, Zucker als solcher aber weniger als die Stärke geeignet, in Reserve- stoffbehältern aufbewahrt zu werden. Denn er nimmt in gelöster Form viel mehr Raum als diese in Anspruch, entwickelt zudem in stärkerer Konzen- tration zu hohe osmotische Druckkraft. Immerhin haben sich gewisse Pflanzen darauf eingerichtet, Rohrzucker zu speichern, und aus ihnen schöpfen wir unseren Vorrat an kristallinischem Zucker, so aus dem Zuckerrohr und der Zuckerrübe. Wie groß die Zuckerrüben dabei werden, weiß jeder, und wenn in besonders zuckerreichen unter diesen Rüben die Konzentration des Rohr- zuckers im Zellsaft bis auf 20 Prozent steigt, so wird dadurch ein Druck erzeugt, der weit über das gewohnte Maß hinausgeht und ganz besondere Anpassungen verlangt. Von dem Traubenzucker, der ein Monosaccharid ist, unterscheidet sich der Rohrzucker dadurch, daß er zwei Zuckermoleküle in einem Molekül vereinigt: er gehört zu den Disacchariden. Er zerfällt in ein Molekül Trauben- zucker und ein Molekül Fruchtzucker. Auch diese Spaltung vollzieht sich unter dem Einflußeines Enzyms, des Invertins (Saccharase). Das entstandene Zucker- gemisch wird als Invertzucker bezeichnet. — Schon wesentlich vorteilhafter muß es erscheinen, wenn die Kompositen ihr Kohlenhydrat als Inulin in den Reserve- stoffbehältern speichern. Zwar ist auch das Inulin dort im Zellsaft gelöst, inuiin. allein in kolloidaler Form, so daß es durch die Membranen nicht geht und so- mit ohne Schwierigkeit in der Zelle zurückgehalten werden kann. Andererseits verlangt es, weil gelöst, große Reservestoffbehälter, wie man das an den Wurzel- knollen der Georgine oder des Topinambur sieht. Die Konzentration der Lösung kann bis auf 15 Prozent steigen, dann fällt der Zellsaft in den Schnitten auch durch seine stärkere Lichtbrechung auf. Fügt man Alkohol hinzu, so schlägt sich das Inulin in solchen Zellen in Gestalt eines feinen Pulvers nieder. Ersetzt man den Alkohol durch Wasser und erwärmt ein wenig das Präparat, so löst sich der Niederschlag wieder auf. Wir haben schon früher erfahren, daß man das Inulin auch in Sphäriten aus inulinreichen Geweben auskristallisieren lassen kann. Bei der Spaltung zerfällt das Inulin in lauter Fruchtzuckermoleküle, und auch für diese Spaltung ist ein Enzym, die Inulase, notwendig. Die Flüssigkeit, die den Saftraum der Zelle erfüllt, reagiert für gewöhnlich organische sauer, weil sie organische Säuren, bzw. saure Salze dieser Säuren, in Lösung hält, Apfel- , Wein-, Zitronensäure wiegen unter den Säuren vor. Sie stellen, wie oft nach- weisbar ist, Produkte unvollständiger Oxydationen des Zuckers bei der Atmung vor. So ist es bei den Fettpflanzen, den sogenannten Sukkulenten, die auf solche Weise einen Verlust an Kohlensäure vermeiden. Darauf müssen sie aber be- dacht sein, da ihre dem Leben an trockenen Standorten angepaßten, fleischigen Gewebe und einen festen Abschluß bietenden Oberhäute den Gasaustausch mit der Umgebung erschweren. Daher sie des Nachts die Verbrennung des Zuckers nur bis zur Entstehung organischer Säuren oxydieren und den Vorgang Säuren im Zell- saft. 40 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre erst am Tage weiter bis zur Bildung von Kohlensäure fortsetzen, die, statt in die umgebende Atmosphäre wie sonst zu entweichen, von dem Chlorophyllapparat ergriffen und zu erneuter Synthese von Kohlenhydraten verwendet wird. Doch auch in anderen Fällen dürfen die organischen Säuren im Zellsaft als Produkte unvollständiger Oxydation des Zuckers gelten, wobei ihre Aufgabe darin besteht, im Verein mit andern kristalloiden Stoffen, den Turgor der Zelle, dessen hohe Bedeutung uns bereits bekannt ist, zu regulieren. — Rote und blaue Farbstoffe, die in bestimmten Fällen auch dunkelrot, violett, dunkelblau und selbst schwarzblau werden, färben den Zellsaft bunter Pflanzenteile. Man Anthokyane. faßt sic als Authokyauc zusammen. Ihre chemische Natur ist wenig aufgeklärt. Sie werden in letzter Zeit als Oxydationsprodukte eines farblosen Chromogens, einer Verbindung, die durch Hydrolyse von Glykosiden entstehen soll, ange- sehen. Ihre roten Färbungen deuten auf eine saure, die blauen auf eine alka- lische Reaktion des Zellsaftes hin. Wie Hans Fitting neuerdings fand, zeigen die in Wasser gelösten Rückstände der Alkohol- bzw. Wasserextrakte solcher Blüten, wenn sie abwechselnd erwärmt und abgekühlt werden, meist reversible Farbenänderung. Diese Erscheinung wurde von Hans Fitting an den Blüten zweier Reiherschnabelarten [Erodium gruinum. und ciconium) auch in lebendem Zustande beobachtet. Die bei kühler Witterung intensiv blauen Blüten werden bei hinreichender Erwärmung weinrot bis rosa, um bei fallender Temperatur zum Blau zurückzukehren. — Die auffällige Rotfärbung junger Triebe, die be- sonders bei starkerBelichtung und trocknem Wetter sich einstellt, wird mit der Anhäufung von Zucker in den Zellen, die unter solchen Bedingungen sich einstellt, in Verbindung gebracht. Wir erwähnten früher, daß auch bei der herbstlichen Rotfärbung der Laubb lätter der Zucker eine Rolle zu spielen scheint. Nach Ernst Stahl soll die Absorption der Wärmestrahlen durch den roten Farbstoff bei tro- pischen Gewächsen die Transpiration in erwünschter Weise fördern. Daß roter Farbstoff in den Geweben ohne alle Beziehung zum Licht und sicherlich auch ohne allen Nutzeffekt gebildet werden kann, lehrt augenscheinlich die rote Rübe, die ihren Farbstoff im Erdboden erzeugt. Es gibt auch Fälle, wo ein gelber Farbstoff im Zellsaft gelöst ist, so in den Blüten gelber Georginen; doch kommt das im ganzen genommen selten vor, das Gelb der meisten Blüten wird vielmehr durch entsprechend gefärbte Chromoplasten bedingt. Gerbstoffe. Gcrbstoffe sind so verbreitet in den Pflanzen, zudem für den Menschen in technischer Beziehung so wichtig, daß sie von jeher die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. Sie füllen im Zytoplasma kleinere oder größere Vakuolen an, und diese fallen dann durch ihre starke Lichtbrechung auf. Sie stellen wohl stets ein Endprodukt des Stoffwechsels dar, das keine Verwendung mehr findet. Nutzlos sind sie dessenungeachtet für den Pflanzenkörper nicht, da sie ein wirksames Schutzmittel gegen Atmosphärilien, Mikroben und auch höhere Tiere bilden. Die dikotylen Holzgewächse imprägnieren die Zellwände ihres ,, Kern- holzes" meist mit Gerbstoffen, bzw. Gerbstoff derivaten, und erhöhen dadurch seine Widerstandsfähigkeit. Es ist antiseptisch geschützt gegen niedere Orga- nismen und wird auch gemieden von Holzwürmern. Auch die Rinden der Bäume Gerbstoffe, Glykoside. Alkaloide ai ziehen meist aus dem gleichen Schutzmittel einen Vorteil, und wo der Gerbstoff in solchen Mengen in einer Rinde angehäuft ist, wie etwa bei der Eiche, ver- wenden wir sie zum Gerben tierischer Häute, die dadurch auch sehr resistent gegen äußere Einflüsse werden. Eine Bezeichnung wie Gerbstoff knüpft auch bei dem Uneingeweihten an Glykoside bestimmte Vorstellungen an. Weniger dürfte das bei dem Namen Glykosid der Fall sein. Der Chemiker gibt die Erklärung, daß es sich um Verbindungen von Zucker mit organischen Resten verschiedener Art, wie Phenolen, Alkoholen u.dgl. m. handelt. Sie bilden zweifellos keine chemische Gruppe von einheitlichem Charakter und spielen auch physiologisch verschiedene Rollen. So können sie Reservestoffe darstellen, von welchen der Zucker nach Bedarf wieder abgespal- ten wird, oder auch keine weitere Verwendung im Stoffwechsel der Pflanze fin- den. Dann dienen sie ihr aber des öfteren noch durch ihre Giftigkeit oder ihren üblen Geschmack. Das Digitalin hält wirksam die Tiere von den Fingerhut- arten ab, die scharfen Senföle von bestimmten Arten der Gattung Sinapis und Brassica. Bei diesen liegt noch eine besondere ökologische Einrichtung vor. Die durch ihren Schwefelgehalt ausgezeichneten Senföle sind nämlich in den be- treffenden Pflanzen nicht als solche, sondern in Form verschiedener Glykoside, wie Myronsäure, Sinaibin u. dgl. m. vertreten, aus denen erst unter Einwirkung eines Enzyms, des Myrosins, das Senföl frei wird. Diese Glykoside und das En- zym sind aber in verschiedenen Zellen der Pflanze eingeschlossen und wirken daher aufeinander nicht ein. Es geschieht das erst, wenn durch Verwundung diese Zellen geöffnet werden und ihr Inhalt sich vermischt. Ebenso sind es ver- schiedene Gewebe, die in den Samen von Pfirsich, Aprikosen, bittern Mandeln und vieler anderen Pomaceen und Prunaceen einerseits das Amygdalin, an- dererseits das dieses Glykosid spaltende Enzym, das Emulsin, führen. Kommen aber beide Stoffe beim Zermalmen solcher Samen in Berührung, so wird das Glykosid in Blausäure (Zyan Wasserstoff säure), Bittermandelöl und Zucker aufgespaltet. Die zu den furchtbarsten Giften gehörende Blausäure kann dann in Wirkung treten. So gibt es denn auch zahlreiche, giftige Alkaloide, mit deren Hilfe die Pflan- Aikaioide. zen sich verteidigen. Ihre Namen sind uns zum Teil geläufig aus ärztlichen Ver- ordnungen: so Strychnin, Veratrin, Atropin, Chinin, Morphin, Akonitin, Ko- kain, und zu ihnen gehört auch das in der Tabakpflanze vertretene Nikotin. Leo Errera machte schon vor längeren Zeiten darauf aufmerksam, daß es be- sonders häufig die Früchte und Samen der giftigen Pflanzen sind, in welchen der giftige Stoff sich häuft. Sie bedürfen ja aber auch des erhöhten Schutzes. An- dererseits vermag auch das wirksamste Gift nicht alle Feinde von der Pflanze abzuhalten. Es gibt unter denTieren ,, Spezialisten", wie Ernst Stahl sie nannte, speziaUsten die sich dem Gift gewachsen zeigen. Kaninchen, Meerschweinchen, verschiedene Vögel, vor allen die Amseln, sind verhältnismäßig immun gegen Atropin. Die giftige Zypressenwolfsmilch {Euphorbia cyparissias) wird von den Wieder- käuern, Nagern, Schnecken, Heuschrecken und den meisten anderen Tieren ge- mieden, während die Raupe des Wolfsmilchschwärmers {Sphinx euphorbiae) Antitoxine, 42 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre sich an ihr labt. Verschiedene Schnecken ernähren sich sowohl von Pilzen, die für uns eßbar sind, als auch von solchen, mit denen wir uns vergiften würden. Und so, wie in den Beziehungen zu den Giften, gibt es Spezialisten auch gegen- über den von uns zuvor behandelten Raphiden. Für die Raupen der Schmetter- lingsgattung Sphinx, Untergattung Deilephila, scheinen die Raphiden geradezu einen notwendigen Bestandteil der Nahrung auszumachen. Purinkörpef. Den Alkaloidcn wcrdeu auch die sog. Purinkörper angereiht, aus denen der Mensch die von ihm am meisten begehrten Reizmittel, das Coffein bzw. Thein, und das Theobromin schöpft. Er genießt sie im Kaffee, im Tee und in der Scho- kolade. Es sind Körper sehr naher Verwandtschaft mit der Harnsäure, Pro- dukte des Zerfalls protoplasmatischer Substanzen. Aus dem tierischen Körper werden sie ausgeschieden, während sie im pflanzlichen, wie so viele andere Endprodukte des Stoffwechsels, verbleiben, weil es nicht so leicht ist wie im tierischen Körper, sie nach außen zu schaffen. Ein Schutz scheint aus ihrem Vorhandensein für die Pflanze nicht zu erwachsen. Toxine und Die Toxine sind außerordentlich starke Gifte, welche das Protoplasma ge- wisser Organismen als Angriffsmittel gegen andere erzeugt, um sie zu töten. Das Protoplasma der Bakterien ist im besonderen durch solche Fähigkeiten ausgezeichnet. Das Protoplasma des angegriffenen Organismus setzt sich durch Bildung von Gegengiften, Antitoxinen, zur Wehr. Fette. In einer gewissen Beziehung ist es noch vorteilhafter für die Pflanze, Fette in ihren Reservestoffbehältern aufzuspeichern, als wie Kohlenhydrate. Denn die Fette sind sauerstoffärmer als die Kohlenhydrate, entwickeln daher beim Verbrennen noch mehr Wärmeeinheiten (Kalorien) wie diese, stellen somit einen noch größeren Energievorrat für sie dar. Daher fetthaltige Samen überaus verbreitet bei den phanerogamen Pflanzen sind, und zwar enthalten diese Samen fettes Öl. Ihr Gehalt an letzterem kann so groß sein, daß er bis 70 Prozent des Trockengewichts der ganzen Samen beträgt. Das Ol wird in dem reifenden Samen aus Kohlenhydraten, vornehmHch Glykose, erzeugt.* Es stellt in che- mischer Beziehung eine Mischung von Glyceriden gesättigter und ungesättigter Säuren dar. Letztere dominieren im reifen Samen, was von Vorteil ist, weil sie bei der Keimung besonders viel Wärme liefern. Bei dieser Keimung treten wieder die Kohlenhydrate, Zucker und Stärke auf, während das Ol schwindet. Auch diese Umwandlungsprozesse stehen unter der Herrschaft eines Enzyms, der Lipase. Ähnliche Vorgänge spielen sich in den Rinden vieler unserer Bäume ab, wenn dort die Stärke schwindet und an ihrer Stelle Fett auftritt. Die Stärke, mit der die Rinde unserer Bäume im Herbst sich angefüllt zeigt, nimmt dort bei den weichholzigen Arten, wie Linde und Birke, bei sinkender Temperatur zu Wintersanfang ab und wird durch Fett und Zucker ersetzt. Spätestens Mitte De- zember ist i n unseren Breiten der ganze Vorgang vollzogen. Im Frühjahr beginnt bei den nämlichen Bäumen die Stärke wieder zu erscheinen. Bei höheren Tem- peraturen geht diese ihre Bildung so rasch vonstatten, daß man sie direkt in mikro- skopischen Schnitten, die man durch geeignete Mittel eine Zeitlang am Leben erhält, verfolgen kann. Die Pflanzen wandeln mit Leichtigkeit Kohlenhydrate Fette, Ätherische Öle, Harze, Kautschuk 42 in Fette, und umgekehrt Fette in Kohlenhydrate, um. Solche Prozesse des wiederholten Umbaus sind im Pflanzenreiche eine häufige Erscheinung, so ja auch wenn innerhalb der Bahn des wandernden Zuckers vorübergehend die schon früher erwähnte ,,transitorische" Stärke auftritt. Das sind Leistungen, welche der lebende Protoplast spielend zu vollbringen scheint, an welchen unsere Bemühungen in chemischen Laboratorien aber noch scheitern. Ganz anderer chemischer Natur wie diese pflanzlichen Fette sind die von Ätherische öie den höher organisierten Gewächsen produzierten, ätherischen Öle und Harze, die unter denTerpenen ihrenPlatz finden. Man findet sie als stark lichtbrechende Tröpfchen im Zellinhalt verteilt. Sie stellen wirksame Schutzmittel für die Pflanzen dar. Den ätherischen Ölen kommt ein scharfer, brennender Ge- schmack zu; zudem wirken sie oft als Gifte auf die Tiere ein. Neuerdings hat ein ätherisches Öl, das von den Endzellen der Haare unserer Zimmerprimel, der Primula sinensis und ohconica erzeugt wird, infolge der schädigenden Wirkung, die es auf manche Menschen ausübt, die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. Die- ses ätherische Öl macht sich durch seinen besonderen Duft bemerkbar, für die meisten Menschen ist es unschädlich. Wer aber eine Idiosynkrasie gegen dieses flüchtige Öl hat, setzt sich durch Berührung der Pflanze einer Hautentzündung aus; er kann sich zudem Anschwellungen im Gesicht, wenn er dieses der Pflanze nähert, und auch schwer heilbare Augenentzündungen zuziehen. — • Anderseits dienen die flüchtigen Öle in den Blüten unserer höchst organisierten Pflanzen zur Anlockung der Insekten, die deren Duft schon aus weiter Ferne spüren. Solche In- sekten suchen die Blüten nicht auf, um sie zu schädigen, sondern um den Nektar oder Pollen in ihnen zu sammeln, wobei sie unbewußt deren Bestäubung ver- mitteln. — Harze bieten den Pflanzen, die sie führen, den Vorteil, daß sie an der Luft erstarren und so den raschen Abschluß einer entstandenen Wunde bewirken können. Der Wundverschluß soll auch durch die kautschukartigen Substanzen, die Kautschuk, in den Milchsäften mannigfacher Pflanzen vertreten sind, gefördert werden, doch gehen die Ansichten darüber noch auseinander. Sein milchiges Aussehen verdankt der Milchsaft eben diesen kautschukartigen Stoffen, die in ihm in Ge- stalt winziger, erst bei starker Vergrößerung sichtbarer Kügelchen suspendiert sich zeigen. Man weiß jetzt, daß im Kautschuk ein ,, ungesättigter Kohlen- wasserstoff" von hohem Molekulargewicht, zudem ein kolloidaler Körper vor- liegt. Es sind ungeheure Werte, die heute der Kautschuk einschließlich der ihm nächst verwandten Guttapercha und Balata repräsentiert, und das Gebiet seiner Verwendung wächst noch in solchem Maße, daß die Anstrengungen begreiflich erscheinen, die seit längerem schon gemacht werden, um ihn künstlich, d. h. auf dem Wege chemischer Synthese, außerhalb des pflanzlichen Organismus, herzustellen. Das ist nun F. Hofmann und auch C. Harries durch Polymeri- sation des leichtflüssigen Kohlenwasserstoffes Isopren gelungen, ohne daß sich zurzeit voraussagen ließe, ob dieses künstliche Produkt in Wettbewerb mit dem natürlichen wird treten können. Als Kautschukpflanzen kommen die Fa- milien der Euphorbiazeen, Urtikazeen, Apozynazeen vornehmlich in Betracht, 44 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Guttapercha und Balata werden von Sapotazeen geliefert. Da der Milchsaft in diesen Pflanzen weitverzweigte, zusammenhängende Röhrensysteme füllt und unter dem Druck von gespannten Membranen steht, so tritt er bei Verletzungen aus der Wunde hervor. So kann er auch ein Schutzmittel durch die giftigen Stoffe, vornehmlich Alkaloide, die er öfters führt, abgeben. Glykogen. Auch Glykogen, ein Polysaccharid, das man früher für ein spezifisch tieri- sches Staffwechselprodukt hielt, und das, weil in der Leber der Tiere besonders reichlich vertreten, den Namen ,, Leberstärke" erhielt, konnte durch LeoErrera in den unteren Abteilungen des Pflanzenreichs in reichlichen Mengen nachge- wiesen werden. Es scheint für die Pilze eine ähnliche Bedeutung zu haben, wie Stärke und Zucker für die höher stehenden Gewächse. Im tierischen Körper wird es synthetisch aus Monosacchariden aufgebaut, in welche das kompli- zierte Molekül der als Nahrung aufgenommenen, pflanzlichen Kohlenhydrate zuvor zerlegt wurde. Enzyme, Euzyme (Fermente)* haben wir schon oft zu nennen gehabt. Je mehr un- ermeno. g^^^ Kcnntnissc f ortschrcitcn, um so bedeutender erscheint die Rolle, die wir diesen Katalysatoren in den Lebensvorgängen zusprechen müssen. Würden sie nicht in die mit diesen verknüpften chemischen Prozesse eingreifen, so wäre, bei der in den Organismen herrschenden Temperatur, ihr Gang so langsam, daß das Leben zum Stillstand kommen müßte. Die lebenden Wesen verfügen über ein noch vor kurzem nicht geahntes Rüstzeug solcher Enzyme, welche ihr Protoplasma nach Bedarf bilden, deren Menge es den Umständen gemäß regulieren, deren Wirkungen es nötigenfalls durch ,,Antienzyme" aufheben kann. Es werden nicht etwa verschiedene Umsetzungen durch dasselbe En- zyn5 bewerkstelligt, vielmehr benutzt der Protoplast für einen jeden bioche- mischen Vorgang ein besonderes Enzym. Die Enzyme sind, wie sich W. Palladin ausdrückt, die wichtigsten Arbeiter im Dienste des Protoplasmas. Das haben wir bereits für eiweißspaltende Enzyme, für Diastase, Invertin, Inulase, Myrosin, Emulsin, Lipase erfahren. E. Buchner hat sogar ein Atmungsenzym, die Zymase, aus der Hefe befreit, und W. Palladin sucht zu begründen, daß auch die Atmung der höheren Pflanzen nur eine Summe fermentativer Vor- gänge darstelle. Und so mehrt sich dauernd die Zahl der Lebensprozesse, für die das Eingreifen der Enzyme festgestellt ist und eröffnet überaus frucht- bare Ausblicke in die Zukunft. Von großer Tragweite ist die Tatsache, daß man mit Enzymen, die man den lebenden Wesen abgewonnen hat, die Vorgänge, die sie in deren Körpern einleiten, auch außerhalb derselben zu veranlassen vermochte. So verwandelt die in den Pflanzen sehr verbreitete Diastase, wie früher schon angegeben wurde, Stärkekleister in Zucker; man kann mit pro- teolytischen Enzymen, die man den Organismen entzogen hat, Eiweißkörper spalten; ja, es machte E. Buchner im Jahre 1897 die fundamentale Entdeckung, daß sich mit Zymase eine Zuckerlösung in alkoholische Gärung versetzen läßt. Bei entsprechender Behandlung vermag man eine Pflanze zu töten, ohne daß ihre Enzyme unwirksam werden; oder man zerstört nach Wunsch auch diese, so wenn man die Temperatur bis auf 100° erhöht. Solche tote Pflanzen, in Enzyme 45 welchen die Enzyme nicht mehr wirksam sind, hat man vorgeschlagen als „ab- gestorben", im Gegensatz zu ,, abgetöteten", bei denen sie noch wirken, zu be- zeichnen. Man neigt dazu, die allermeisten der in denlebendenWesen wirksamen En- zyme für den Eiweißstoffen nahe verwandte Verbindungen zu halten, doch ist bis jetzt keines von ihnen mit voller Sicherheit synthetisch dargestellt. Die Syn- these mancherEnzyme könnte tief in unsere ökonomischenVerhältnisse eingreifen. Die wichtigste Eigenschaft der Enzyme ist, daß sie bestimmte chemische Vor- gänge beschleunigen. In chemischen Laboratorien sucht man diesen Effekt durch erhöhte Temperaturen zu erreichen. Das kann die Pflanze nicht, da sie solche Temperaturen nicht ertragen würde. So sind denn die Enzyme für sie von un- schätzbarem Wert. Sie wirken in minimalen Mengen ein, ohne bei dieser Wirkung sich selbst aufzubrauchen, und sie werden, ebenso wie das Wesen, in dem sie sich betätigen, durch Erhitzung auf 75° C dauernd unwirksam gemacht, entsprechen also ganz seinen Lebensbedingungen. — Durch bestimmte, theoretische Erwä- gungen geleitet, hat sich J. Rosenthal* die Frage gestellt, ob nicht durch elek- trische Schwingungen von geeigneterWellenlänge sich ähnliche Zerlegungen hoch- komplizierter Stoffe, wie sie Enzyme bewirken, würden durchführen lassen. Das Ergebnis der Versuche fiel positiv aus und eröffnet uns nunmehr neue Ein- blicke in die physikalische Chemie dieser merkwürdigen Körper. Die verschie- densten, hochkompliziert gebauten Stoffe, welche durch Enzyme hydrolytisch spaltbar sind, werden in ganz entsprechender Weise durch die Einwirkung elek- tromagnetischer Schwingungen zerlegt. Dabei zeigte es sich, daß für jeden Stoff bestimmte Frequenzen dieser Schwingungen wirksam sind. Eine für Stärke wirksame Frequenz liegt zwischen 440 und 480 Schwingungen in der Sekunde. Ist die passende Frequenz getroffen, so wird der dicke Stärkekleister nach J. Rosenthals Schilderung dünnflüssiger, die großen Klumpen zerfallen in einen feinkörnigen Schlamm, dessen Körnchen sich senken und von einer fast klaren Flüssigkeit abscheiden. Letztere wird anfangs bei Zusatz von Jod noch rein blau, in späteren Stadien rosenrot, endlich bleibt sie ganz ungefärbt. Die gewöhnlichen Zuckerproben fallen anfangs vollkommen negativ aus, dann tre- ten sie andeutungsweise auf, später werden sie ganz deutlich. Dabei wird die- selbe Reihenfolge in den auftretenden Zuckerarten eingehalten wie bei der Enzymwirkung, zuerst Maltose, dann Traubenzucker. Zum Gegenstand eindringlicher Untersuchungen, die besonders von Oxydasen. R. Chodat ausgingen, wurden in letzter Zeit auch die oxydierenden Wirkungen von Pfianzensäften, für die man bestimmte, als Oxydasen bezeichnete Stoffe verantwortlich macht. Solche Oxydasen sollen Sauerstoff absorbieren, Sauer- stoff auch auf andere Substanzen übertragen und so in den Chemismus der lebenden Zelle eingreifen. Die Stoffe, die der Protoplast zum Aufbau seiner Hüllen, also der pflanz- zeiihaut, liehen Membranen verwendet, scheidet er an seiner Oberfläche aus. Nur äu- ßerst dünne Wandungen sind es, von welchen embryonale Zellen umgeben werden. Auch ausgewachsene Zellen pflegen ihre Membranen nicht stark zu der Membran. a() Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre verdicken, sofern sie an den Lebensvorgängen sich lebhaft beteiligen sollen. Anders wenn sie bestimmt sind, ihre Tätigkeit stark einzuschränken oder ab- zusterben, während ihren Wandungen eine dauernde, mechanische Aufgabe zu- fallen soll. Dann fährt der Protoplast fort, Membranstoffe auszuscheiden und verdickt die Zellwandung ganz bedeutend, unter Umständen fast bis zum vollen Schwund des ursprünglichen Zellraumes. Eine stärker verdickte Zell- wand pflegt Schichtung zu zeigen, was dadurch veranlaßt ist, daß der Proto- plast die Lamellen, aus denen sie aufgebaut wurde, nacheinander ausschied, Wachstum um sic dcn schon vorhandcncn hinzuzufügcn. Dieses Verfahren wird als Wachs- tum durch Anlagerung, oder Apposition, bezeichnet, ein Wachstumsvorgang, der es nicht ausschließt, daß neue Membranteilchen in schon vorhandene Lamellen eindringen, um sie zu verdicken. Dann liegt Wachstum durch Einlagerung, oder durch Intussuszeption vor. Auch- andere Stoffe als die ur- sprünglichen können auf solche Weise in eine Zellwandung gelangen und ihre früheren Eigenschaften verändern. Durch Anwendung von Mitteln, welche eine Quellung der Zellwände veranlassen, etwa starker Säuren und Alkalien, kann man ihre Schichtung deutlicher machen. Dann erinnert das erhaltene Bild nicht selten an jenes, das uns die Stärkekörner in ihrer Schichtung dar- boten. Öfters lassen stärker verdickte Zellwände, die man von der Fläche aus betrachtet, auch eine schräge Streifung erkennen, wobei die Streifen aufeinan- der folgender Schichten entgegengesetzt geneigt sein können, so daß sie ein- ander, sofern man sie gleichzeitig sieht, im Bilde schneiden. Aus solchen Sonde- rungen im Innern der Zellhäute lassen sich gewisse Schlüsse auf ihre innere Or- ganisation ziehen, und diese Schlüsse werden unterstützt durch das Verhalten, welches solche Zellhäute bei der Quellung zeigen. Da wird das Wasser nicht gleichmäßig zwischen ihre Membranteilchen eingelagert, vielmehr in ungleicher Menge, nach den verschiedenen Richtungen des Raumes. So kommt es, daß ein Steigen oder ein Sinken des Wassergehalts in den Zellwänden unter Umständen zu hygroskopischen Bewegungen führt. In Zellen, die untereinander zu einem Gewebe verbunden sind, erscheint es Wand- fast selbstverständlich, daß die Wandverdickung zentripetal fortschreitet. Denn die Innenseite der Membran ist es ja, die in jeder Zelle im Kontakt mit dem Protoplasten steht, der sie aufbaut. Die Vorgänge der Intussuszeption ermög- lichen tatsächlich aber auch eine Verdickung der Wand an ihrer Außenseite. Diese wird sich im besonderen an einzelligen Organismen, oder an den Außen- wänden der vielzelligen, bzw. auch an der Außenseite ihrer inneren Zellen, wenn diese frühzeitig aus dem gegenseitigen Verbände treten, einstellen können. In allen solchen Fällen kann das Intussuszeptionswachstum zur Bildung äußerer Höcker, Warzen oder sonstiger Erhebungen führen. Besonders regelmäßig und reichlich werden diese an der Oberfläche von Sporen und Pollenkörnern ausge- bildet, für deren Trennung die Mutterpflanze frühzeitig sorgt und sie dann mit Membrananhängseln versieht, die ihre Verbreitung fördern sollen. Im besonde- ren kommt das den durch Insekten beförderten Pollenkörnern zugute, die dann um so besser an dem Tierkörper haften. Es gibt übrigens auch Sporen, die verdickung Wachstum und Aufbau der Zellmembranen a-j kompliziert gebaute Membranen nicht mit Hilfe von Intussuszeptionswachstum, sondern durch Auflagerung von außen erhalten. So verfahren beispielsweise die Wasserfarne (Hydropterideen), um ihre Sporen entsprechend auszurüsten. Für die Wandverdickung von außen sorgt da eine innere, protoplasmatische Zell- schicht des Sporenbehälters, deren Protoplasten frei werden und zu einer Art Plasmodium miteinander verschmelzen, das sich um die jungen Sporenanlagen legt. Dieses Plasmodium umhüllt nun die Sporen mit Außenhäuten, die dem Schutz und der Anheftung dienen, unter Umständen auch kunstvolle Schwimm- apparate darstellen. Unter den Stoffen, die der pflanzliche Protoplast zum Aufbau seiner Mem- Membranstoffe, bran verwendet, ist die Zellulose am stärksten vertreten. Man nahm früher an, daß die Zellulose ein ganz ausschließlich pflanzliches Erzeugnis dar- stelle, bis es gelang, sie auch in verhältnismäßig hoch organisierten Tieren nachzuweisen, und zwar im Mantel der Seescheiden (Aszidien). — Daß an den Grenzen der beiden Reiche die Zellulose ebensowenig wie andere Merkmale zur sicheren Unterscheidung von Tieren und Pflanzen dienen kann, ging aus unse- ren früheren Erörterungen schon hervor. Auch die Zellulose ist ein Kohlen- hydrat. Sie hat somit dieselbe empirische Formel Cg Hio O5 wie die Stärke und wie andere Kohlenhydrate, mit denen wir uns zuvor befaßt haben, d.h. sie besteht aus einer Verbindung von 6 Atomen Kohlenstoff mit 10 Atomen Wasserstoff und 5 Atomen Sauerstoff. Eine solche empirische Formel gibt nur die quali- tative und quantitative Zusammensetzung der betreffenden Verbindung an, ohne über ihre rationelle Formel, d. h. ihre Konstitutionsformel etwas auszu- sagen. Erst eine solche klärt uns über die Natur der Verbindung auf, d. h. über die Gruppierungsweise der Elementaratome, wie sie die Chemie nach dem derzeitigen Stand unseres Wissens annimmt. Seitdem in die Konstitution der Kohlenstoffverbindungen ein tieferer Einblick gewonnen worden ist, und man die Reihenfolge in der gegenseitigen Bindungsweise der das Alolekül zusammensetzenden Atome, sowie die als Struktur gedachte Art ihrer Ver- kettung im Molekül, erkannt zu haben meint, bedient man sich für sie auch der Strukturformeln. Diese stellen somit dar, in welcher Anzahl und gegen- seitigen Bindungsweise die Atome der gegebenen Elemente das Molekül der in Betracht kommenden Verbindung zusammensetzen. Der Weg zu solchen For- meln ist durch Emil Fischer auch für Kohlenhydrate angebahnt. Doch handelt es sich dabei um so schwierige, chemische Probleme, daß wir auf sie hier nur hin- weisen können. Für uns genüge es zu wissen, daß auch die Zellulose wie die Stärke ein Polysaccharid ist, d. h. eine große Zahl von Zuckermolekülen, und zwar Traubenzuckermolekülen, in ihrem Molekül vereinigt. Genau wie die Stärke spaltet sich auch die Zellulose bei Behandlung mit Säuren in Trauben- zucker auf. Entsprechend der Aufgabe, die sie im pflanzlichen Organismus zu lösen hat, ist sie aber wesentlich widerstandsfähiger als die Stärke. Durch Jod- lösungen wird sie braungelb gefärbt; nach Vorbehandlung mit Schwefelsäure, Phosphorsäure oder Chlorzinkjod stellt sich aber blaue Jodreaktion ein. In frisch bereitetem Kupferoxydammoniak löst sich die Zellulose auf. Man kann ^g Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre sich hiervon leicht überzeugen, indem man reine Baumwolle in ein solches Rea- gens taucht. Aus dieser Lösung kristallisiert sie in dendritischen Gebilden oder in Sphäriten aus. Die Membranen älterer, den Körper der höher organisierten Gewächse auf- bauenden Gewebe bestehen nicht aus reiner Zellulose, enthalten vielmehr auch andere Membranstoffe. Unter diesen kommt eine besondere Bedeutung den Pektinstoffen zu, über deren chemische Natur man nicht ganz im klaren ist, die jedenfalls aber mit Pentosanen und Hemizellulosen, die man aus den pflanz- lichen Membranen gewonnen hat, nahe zusammenhängen. Die Pentosane lassen sich durch Hydrolyse in Pentosen, Zuckerarten mit fünf Kohlenstoffatomen im Molekül, die Hemizellulosen, im Gegensatz zur Zellulose, nicht in Trauben- zucker, sondern andere Zuckerarten, meist in Galaktose, Mannose oder in Ara- binose spalten. Zudem ist die Spaltung der Hemizellulosen durch Säuren leich- ter als jene der Zellulose zu bewerkstelligen. Für die Pektinstoffe gelten ge- wisse Tinktionen, die man an mikroskopischen Schnitten vornimmt, für be- zeichnend, so im besonderen die intensive Färbung mit Rutheniumrot. Die Pektinstoffe sollen es sein, welche die gallertartigen Substanzen liefern, aus denen wir für Herstellung unserer Fruchtgelees Nutzen ziehen. — In ältere Zellhäute pflegen mineralische Bestandteile eingelagert zu werden, vor allem Kalk- und Kieselverbindungen. An der Oberfläche mancher Pflanzen, so der Schachtelhalme, enthalten die Zellwände so viel Kieselsäure, daß ihr vollstän- diges Kieselskelett zurückbleibt, wenn man peripherische Schnitte glüht. Dar- aus erklärt es sich, daß man Schachtelhalme zum Scheuern und Polieren be- nutzen kann. Die Härte solcher verkieselter Zellhäute schützt sie vorzüglich gegen Tierfraß und das Eindringen von Parasiten. — In allen Zellhäuten, die Verbolzung. man als verholzt zu bezeichnen pflegt, sind besondere Stoffe vertreten, durch welche die Zellulosereaktion mehr oder weniger vollständig verdeckt wird, und die ihrerseits charakteristische Reaktionen bedingen, die als Holzstoffreak- tionen gelten. Diese rühren vornehmlich von sog. aromatischen Verbindungen, d. h. Benzolderivaten her, deren Sonderung auf bedeutende Schwierigkeiten stößt und daher noch immer einander widersprechende Auffassungen zeitigt. Man braucht, um sich hiervon zu überzeugen, nur einen Blick in jenen um- fangreichen Abschnitt der von Friedrich Czapek verfaßten ,, Biochemie der Pflanzen" zu werfen, der dem Zellhautgerüst der Pflanzen gewidmet ist. Fr. Czapek hat einen aromatischen Aldehyd, den er Hadromal nennt, aus den ver- holzten Zellwänden isoliert und führt auf diesen Stoff die Holzstoffreaktion zurück. Dieser Stoff bildet nur wenige Prozente der in Betracht kommenden Membranen, 50 bis 60 Prozent ihrer Masse besteht aus Zellulose, etwa 20 Pro- zent aus pektinartigen Substanzen, und dazu kommen noch die Ligninsäuren, die man ebenfalls für charakteristische Bestandteile der Verholzung ansieht, und die durch ihre sauren Eigenschaften sich auszeichnen. Der Holzchemie sind auch aus praktischen Gründen zahlreiche Mitarbeiter zugeführt worden, wegen der vielseitigen Verwendung, die das Holz in der Technik findet. Zu dieser gehört jetzt auch die Papierindustrie. Aus dem Material, welches das Holz Verholzung, Kutinisierung, Verkorkung der Membran aq zu diesem Zwecke liefert, muß aller Holzstoff entfernt werden, denn da- von hängt die Güte des Papiers ab. Bei Anwesenheit von Holzstoff stellen sich im Papier die Farbenreaktionen ein, die man auch sonst zur Feststellung der Verholzung verwendet. Eine mit Salzsäure und hierauf mit o,5prozentiger, al- koholischer Phlorogluzinlösung betupfte Stelle wird purpurrot gefärbt, mit I prozentiger Lösung von schwefelsaurem Anilin nimmt sie intensiv gelbe Fär- bung an. Ist gut gebleichte Holzzellulose zur Herstellung des Papiers benutzt worden, so stellen sich diese Farbenreaktionen an ihm nicht ein. — Behandeln wir Querschnitte aus verholzten Pflanzenteilen in ebensolcher Weise, so werden wir die Holzstoffreaktion besonders an den ,, Mittellamellen" zwischen den Zel- len und an der Hauptmasse der sich ihnen anschließenden Wandverdickung hervortreten sehen. Eine innerste, dünne Verdickungsschicht dürfte sie hin- gegen überhaupt nicht oder nur in schwachem Maße zeigen. Bei Einwirkung von Chlorzinkjodlösung auf solche Schnitte färbt sich diese innerste Ver- dickungsschicht öfters violett und zeigt so ihren Zellulosecharakter direkt an. Die übrigen Verdickungsschichten nehmen gleichzeitig eine gelbbraune Tink- tion an, so wie sie verholzten Membranen zukommt. Wenn sich, wie in dem hier angenommenen Falle, die aufeinander folgenden Schichten einer verdickten Zellwand deutlich gegeneinander abheben, so pflegt man die der Mittellamelle anliegende, starke Verdickungsschicht als sekundäre, die auf sie folgende schwache, innere als tertiäre zu bezeichnen. So trifft man die Verhältnisse ziem- lich allgemein im Holz unserer Holzgewächse an. — Die Mittellamellen der Ge- webe aller höher organisierten Gewächse zeichnen sich durch den Reichtum an jenen Stoffen, die Mär als Pektinstoffe bezeichnet haben, aus. In unverholzten Geweben erleichtert die verhältnismäßig größere Löslichkeit der Pektinstoffe die stellenweise Trennung der Zellen voneinander in dem Maße, als es das Durch- lüftungsbedürfnis verlangt. In manchen reifenden Früchten kann es auf diesem Wege zu einer mehr oder weniger vollständigen Isolierung der Zellen kommen, das Gewebe wird ,, mehlig". — Auch bei starker Verdickung und Verholzung bleiben die pflanzlichen Membranen für Wasser durchlässig und quellbar. Auf der großen Festigkeit und Elastizität, die solchen Zellwänden eigen ist, beruht der große Nutzen, den wir aus dem Holze ziehen. An Biegsamkeit und Zähig- keit kann die Holzfaser noch von den besonders stark verdickten, zumeist schwächer verholzten Bastfasern überboten werden. Daher uns letztere für die Herstellung von Geweben von unersetzlichem Wert sind. Was eine Land- pflanze mit Hilfe ihrer verdickten Zellwände mechanisch zu leisten vermag, das zeigt sie an, indem sie einen Roggenhalm 1500 mm hoch werden läßt, während seine Dicke nur 5 mm beträgt. Dabei läßt sie diesem Roggenhalm die schwere Last der Ähre tragen. Unsere menschlichen Bauten reichen an eine solche Lei- stung bei weitem nicht heran. Zellwände, die den Pflanzenkörper an seiner Oberfläche schützen sollen, Kutinisierung oder bestimmte Zellen oder Gewebe in seinem Innern abzuschließen haben, wer- "'"^ verkorkung. den mit Kutin imprägniert. — Im Korkgewebe, das den äußeren Schutz älterer Pflanzenteile übernimmt, oder das eine Wunde decken soll, sind die Zellwand- K. d. G. III. IV, Bd 2 Zellenlehre etc. 4 50 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre schichten gleich bei ihrer Anlage suberinhaltig. — Kutin und Suberin stellen chemisch sehr nahe verwandte Stoffe dar, an deren Bildung Fettsäuren beson- ders sich beteiligen. Beide Stoffe sind besonders schwer durchlässig für Flüssig- keiten, so, daß ihnen der Schutz gegen Verdunstung an der Oberfläche der Pflanzenkörper übertragen wurde. Hemizeiiuiosen Dic Hcmizellulosen, die uns bereits beschäftigt haben, kommen meist als ^^^ s^o^sr"^^ Mannane und Galaktane, im Gegensatz zu den anderen Membransubstanzen, nicht allein für Festigungszwecke, sondern auch als Reservestoffe in Betracht. Manche Pflanzen deponieren sie als Verdickungsschichten der Zellwände in ihren Samen. So vor allem die Palmen. Wir bekommen sie zu sehen, wenn wir beispielsweise dünne Schnitte aus einem Dattelkern untersuchen. Sie erscheinen glänzend weiß. Daß sie zugleich sehr hart sind, merken wir beim Schneiden. Letzteres trifft im besonderen für das ,, vegetabilische Elfenbein" zu, das Ge- webe der Samenkerne der Elfenbeinpalmen, der Gattung Phytelephas. Man im- portiert diese Kerne in bedeutender Menge aus Südamerika, um aus ihnen Manschettenknöpfe und dergleichen zu drechseln. Bei der Keimung solcher Samen werden ihre sekundären, aus Hemizellulose bestehenden Verdickungs- schichten aufgelöst, so daß schließlich nur die primären Zellwände unverbraucht zurückbleiben. Verdickungsschichten aus Hemizellulose für Reservezwecke bilden auch manche unserer Bäume in ihren Holzfasern aus, so der in unseren Gärten allgemein verbreitete ,, Goldregen" {Cytisus Laburnum L.), die Feldulme {Ulmus campestris L.) oder der weiße Maulbeerbaum {Morus alba L.). Solche Verdickungsschichten haben knorpelig-gallertartige Beschaffenheit. Sie wer- den im Herbst in den Holzfasern gebildet, dann im Frühjahr wieder aufgelöst und als Reservestoff verbraucht. Chitin. Eine Überraschung, die fast noch größer war als jene des Nachweises von Zellulose bei höher organisierten Tieren, brachte die Entdeckung des Chitins bei Pilzen. Das Chitin, das man schon 1823 im Panzer der Gliederfüßler (Arthro- poden) nachgewiesen hatte, galt als ausschließlich tierischer Membranstoff. Jetzt steht es fest, daß ein ihm jedenfalls sehr ähnlicher Stoff den verbreitetsten Bestandteil der Zellhaut der Pilze darstellt. In ihr ist es mit anderen noch wenig bekannten Kohlenhydraten vereinigt. Es handelt sich beim Chitin um einen stickstoffhaltigen, komplizierten Körper, dem ein ,,am Stickstoff azety- liertes Polysaccharid" zugrunde liegt. Diesem schwierigen, chemischen Pro- blem können wir hier nicht nachgehen und wollen nur hinzufügen, daß das Chitin mit Jodjodkaliumlösung intensiv braunrot wird und mit Chlorzinkjod- lösung sich violett färbt. Auf Grund dieses letzten Verhaltens hat man oft auf Zellulose in den Objekten geschlossen. Gasbewegung Aus dcn Vcrsuchcn von Wiesner und Molisch* hat sich ergeben, daß die Membranen Gase sich durch Membranen nur auf dem Wege der Dialyse oder Osmose, wie etwa auch durch eine feuchte Tierblase, bewegen, und zwar um so leichter, je stärker diese von Wasser durchtränkt sind. Bei diesem Vorgange werden die Gase in der Membran absorbiert oder gelöst. Am leichtesten bewegen sie sich durch die Membranen untergetauchter Pflanzenteile. Unverkorkte und Hemizellulose. Chitin. Gasbewegung durch Membranen. — Urzeugung e j unverholzte Membranen lassen im trocknen Zustande keine Gase auf dem Wege der Osmose durch, hingegen ist die Diffusion der Gase auch durch trockne verholzte und verkorkte Membranen möglich, d. h. derjenige Durchgang, bei welchem die Membran sich ganz indifferent, nicht anders etwa als eine poröse Tonzelle verhält. So kommt es, daß verkorkte und kutinisierte Membranen an| der Luft befindlicher Pflanzenorgane erfolgreich gegen Verdunstung schützen, ohne den Gasaustausch völlig zu hindern. Bei dem Durchtritt von Flüssigkeiten durch die Membranen einer Pflanze haben wir es nur mit osmo- tischen Vorgängen zu tun. Wie wir schon früher erfahren haben, sind es nur die Kristalloide, welche die Membranen durchdringen können, die Kolloide vermögen es nicht. Es tritt nunmehr die Aufgabe an uns heran, die Fortpflanzung der Proto- zeiibUdung. plasten zu erörtern. Es wird sich zeigen, daß die Vorgänge, an welche die Ent- stehung neuer Zellen geknüpft ist, in engster Beziehung stehen zu allen Fragen der Befruchtung und Vererbung, das ganze Problem somit im Zusammenhang behandelt werden muß. Zunächst ist vorauszuschicken, daß die Zeiten vorüber sind, in welchen Das Problem man einen Abschnitt der Zellenlehre mit der Schilderung solcher Fälle beginnen '^^'^ U"®"g"°°- konnte, wo ,, Zellen ohne Einfluß einer schon vorhandenen Zelle" entstehen. So stand das noch zu lesen in den ,, Grundzügen der Wissenschaftlichen Bo- tanik" von M. J. Schieiden, einem Lehrbuch, das in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts veröffentlicht wurde, rasch mehrere Auflagen erlebte, seinen Erfolg auch verdiente, da es tatsächlich einen großen Fortschritt in der Entwicklung unserer wissenschaftlichen Botanik bedeutet. Damals war ,, Ur- zeugung" oder ,, Generatio spontanea" eben ein Begriff, mit dem man noch ope- rieren konnte, und demgemäß schilderte M. J. Schieiden, wie in gärungsfähi- gen Flüssigkeiten ein Kügelchen stickstoffhaltiger Substanz entstehe, eine Höh- lung erhalte, zu einer fertigen Zelle heranwachse, sich mit einer Haut aus Zell- stoff schließlich überziehe, ohne daß man den Zeitpunkt der Entstehung dieses ganzen Gebildes angeben könne. Heute wissen wir, daß, soweit wie das Gebiet unserer Erfahrung reicht, lebendige Substanz nur von schon vorhandener ab- stammt, eine unabhängige Neubildung neuer Wesen nicht stattfindet. Die Frage nach der Urzeugung lebendiger Substanz ist zu einem Problem theoretischer Er- örterung geworden. Die meisten Biologen dürften der Ansicht sein, daß die lebendige Substanz auf einem gewissen Entwicklungszustand unseres Erdballs auftrat, als mit fortschreitender Abkühlung seiner Oberfläche die Bedingungen für ihre Entstehung sich einstellten, daß sie dann mit derselben Notwendigkeit sich einstellte, wie zuvor andere chemische Verbindungen einfacherer Zusam- mensetzung, daß die steigende Komplikation in der Wechselwirkung dieser ihr vorausgegangenen Stoffe schließlich zu ihrer Bildung führen mußte. Die wieder- kehrende Vorstellung von einem kosmischen Ursprung der lebendigen Substanz, die von allem Anfang an von der leblosen verschieden, von Himmelskörper zu Himmelskörper durch Meteore übertragen worden wäre , hat meines Wissens 4* 52 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Biologen kaum gefesselt. Ihre Annahme stößt für diese auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Um Bestand zu haben und entwicklungsfähig zu sein, d. h. um den Ursprung der organischen Welt geben zu können, mußte die lebendige Substanz von Anfang an die Eigenschaft besitzen, in ihrer Umgebung fort- zubestehen, zu wachsen, d. h. fremde, von ihr aufgenommene Stoffe in Substanz ihres Körpers zu verwandeln, sich fortzupflanzen, d. h. nach erfolgtem Wachs- tum durch Teilung zu vervielfältigen, endlich neue Eigenschaft zu erwerben und sie erblich auf die Nachkommen zu übertragen. Um zu leben, d. h. ihren Lebensbetrieb zu erhalten und um zu wachsen, d. h. neue körpergleiche Sub- stanz zu bilden, mußten sie aber imstande sein, Kraftquellen der Umgebung für diese Arbeit dienstbar zu machen. Die Annahme, daß eine ursprüngliche, lebendige Substanz auch sofort chlorophyllhaltig hätte sein müssen, ist hingegen, wie wir bereits erfahren haben, heute nicht mehr nötig. Geschichtliches In der Jctztzcit fehlen alle Anknüpfungen für eine weitere, spontane Neu- e ung. j^j^^^j^g yQj-^ lebendiger Substanz. Wir haben nur noch mit der Entstehung le- bender Wesen aus ihresgleichen zurechnen. Doch auch nachdem dies feststand, schien noch die Vorstellung möglich, daß bei jeder Zellvermehrung der alte Kern der Mutterzelle aufgelöst werde, und die Kerne für die Tochterkerne neu entstehen. Das konnte auf botanischem Gebiete noch die Ansicht eines der allerbedeutendsten Vertreter im vorigen Jahrhundert, Wilhelm Hofmeisters, bis ans Ende der sechziger Jahre sein. Heute steht es für Botaniker, wie für Zoo- logen fest, daß auch ein Zellkern nicht neu entstehen kann, daß er vielmehr durch Teilung aus einem älteren hervorgeht, und daß ein gleiches für das Zyto- plasma gilt. Die Untersuchung der Protoplasten, die bis dahin an die lebendigen Ob- jekte sich gehalten hatte, wandte sich in densiebziger Jahren dem fixierten und tingierten Zellinhalt zu. Das ermöglichte erst die Entdeckungen, die so schwer- wiegend für unsere Erkenntnis alles Fortbestehens des Lebens werden sollten. Als der Verfasser dieser Zeilen sich im Jahre 1874 dem Zellstudium zu- wandte, bestanden nur ganz vereinzelte und zusammenhangslose Angaben über solche Kernbilder, wie sie ihm an fixierten Objekten zu Gesichte kamen, in zoologischen und botanischen Werken. Die Literatur, über die er in seinem 1875 erschienenen Buche ,,Uber Zellbildung und Zellteilung" zu berichten hatte, ließ sich für dasTierreich und Protistenreich auf 26 Seiten zusammenfassen. Heute könnte sie zahlreiche Bände füllen.* Es zeigten die neuen Untersuchungen vor allem, daß der Kern der Zelle, wenn er sich teilt, in seinem Innern ganz eigenartige Sonderungen durchmacht, und daß er es damit erreicht, daß seine Teilungsprodukte einander an Masse und Beschaffenheit völlig gleichen. Der Schwerpunkt der Vorgänge, die sich bei der Fortpflanzung aller höher organisierten Wesen abspielen, liegt im Kern. An diesen müssen wir uns daher zunächst wenden, und ich will es versuchen, in gemeinverständlicher Form die entscheidenden Momente aus dem Gang der Erscheinungen herauszulösen, die er bei seiner Teilung darbietet. Kernteilung 53 Wir vergegenwärtigen uns zunächst den ruhenden Kern in den entspre- Kernteilung, chend fixierten und tingierten Präparaten, als einen mehr oder weniger ku- gehgen Körper von netzartigem Bau (Fig. lo, i). Wir sehen kleine mehr oder weniger stark gefärbte ,,Chromatinkörnchen" in dem ungefärbt gebliebenen ..■.■ ''S- - ■ ^ '' " - ^ fL ch 11 ^^^w ^V* kp ^^T^^ s , .'/ ( (^Mt^ KT^ii./p^) ^-^iii-^t/- M 11 r V »^-»^^ " z^^^,^^ ^ ^^^^ -^^^-^^ Fig. lo. Aufeioanderfolgende Stadien der typischen Kern- und Zellteilung aus dem embryonalen Gewebe einer höher organisierten Pflanze. Etwas schematisiert. Als Vorlage dienten Längsschnitte mit Chrora-Osmium-Essigsäure fixierter Wurzelspitzen von Najas marina, nach Färbung mit Eisenhämatoxylin. »j Kern, n/ Nucleolus, w Kernwandung, r Zytoplasraa, c/i Chromosomen, /f Polkappen, J Spindel, i-/> Kernplatte, / Tochteranlage, 7j Verbindungsfäden, z Zell- platte, m neue Scheidewand. Die Chondriosbmen sind bei solcher Fixierung und Färbung nicht sichtbar. In / der Kern in Ruhe. In 2, 3 und 4 fortschreitende Trennung der Chromosomen und Sonderung ihrer Substanz in dichtere und weniger dichte Abschnitte. In 6 die Längsspaltung der Chromosomen. In 7 und 8 die bereits gespaltenen Chromosomen werden allmählich kürzer und dicker; an den Kernpolen Anlage der Polkappen. In 9 Auflösung der Kernwandung, Bildung der Spindelfasern von den Polkappen aus und Einordnung der gespaltenen Chromosomen in die äquatoriale Kernplatte. In 10 fertiggestellte Kernplatte. In 11 beginnende Trennung der Tochterchromosomen in Richtung der Pole. In 12 die getrennten Tochterchromosomen in der Nähe der Spindelpole. In 13 bis 16 Bildung der Tochterkerne; in 13 und /4 zugleich Anlage der Verbindungsfäden mit Zellplatte, in 15 und i6 Ausbildung der neuen Scheidewand. Vergr. ca. looo ,,Linin"-gerüst verteilt und ein stark gefärbtes „Kernkörperchen," oder mehrere solche, in dessen Maschen. Das Ganze wird von der zarten Kernwandung um- schlossen. Das Gerüstwerk stellt sich als ein einheitliches Gebilde dar; doch kommt es bei Pflanzen häufig vor, daß sich die stärker färbbare Substanz an be- CA Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Stimmten Knotenpunkten vornehmlich angesammelt zeigt, daß diese Ansamm- lungen annähernd gleichmäßig durch den Kernraum verteilt sind und eine kon- stante Zahl aufweisen. — Soll nun ein ruhender Kern in den Teilungszustand eintreten, so beginnt eine Sonderung in seinem Gerüstwerk sich zu vollziehen. Es treten dichtere Stellen hervor, auf welche das übrige Gerüstwerk langsam ein- gezogen wird (2, 3). Wo Knotenpunkte im Gerüstwerk zuvor schon sich mar- kierten, bilden sie auch die Orte der nunmehrigen Sammlung. Während dieser Zeit nimmt die Färbbarkeit der ganzen Kernmasse dauernd zu. Schließlich ist das gesamte Gerüstwerk in regenwurmförmige Gebilde von bestimmter Länge und Zahl, die sich stark färben lassen, umgewandelt (4, 5). Diese Gebilde hat man wegen der Anziehung, die sie auf spezifische Kernfarbstoffe ausüben, ,, Chro- mosomen" genannt. Die gefärbte Substanz ist in ihnen oft zu annähernd gleich starken Körnern oder Scheibchen, die durch ungefärbte Zwischenräume ge- trennt werden, in regelmäßiger Aufeinanderfolge angesammelt (4, 5). Die wurmförmigen Chromosomen flachen sich nun bandartig ab, und es wird in ihnen ein Spalt sichtbar (6), der sie in je zwei gleiche Längshälften zerlegt (7). In- zwischen hat sich von außen an der Kernwandung Zytoplasma angesammelt und ist dann nach zwei entgegengesetzten Seiten des Kerns, den Stellen, an welchen die beiden Teilungspole entstehen sollen, gewandert(7, 8^). Dort sondert sich dieses Zytoplasma in Fasern, die an einem gemeinsamen Punkt, dem,, Pol", zusammentreffen {Sk). Hierauf verschwinden im Kerninnern die Kernkörper- chen, die zwar zuvor schon an Substanz eingebüßt hatten, w^eil sie zur Ernäh- rung der Chromosomen beitrugen, im übrigen aber noch fortbestanden. Zu- gleich löst sich die Kernwandung auf, und die Zytoplasmastrahlen wachsen, ver- mutlich die Substanz der geschwundenen Kernkörperchen hierzu verwendend, von den Polen aus in die Kernhöhle hinein, um, von entgegengesetzten Seiten her, einerseits auf die Chromosomen zu stoßen, andererseits einander zu begegnen und von einem Pol zum andern reichende Fasern zu bilden (9). Es sind das jedenfalls besonders aktive Bestandteile des Zytoplasmas, die in solche Faser- bildung eintreten, Bestandteile, die von den Botanikern aus diesem Grunde viel- fach mit dem Namen ,, Kinoplasma" belegt wurden, während das übrige Zyto- plasma, das vorwiegend nur Ernährungszwecken zu dienen scheint, den Namen ,,Trophoplasma" erhielt. Das Kinoplasma läßt sich in solcher fadenförmigen Dif- ferenzierung mit Hilfe bestimmter Tinktionsmittel anders als dasTrophoplasma färben. Die Botaniker wenden mit Vorliebe zu diesem Zweck nacheinander Safranin, Gentianaviolett und Orange an und erreichen so, daß dann in den Teilungsbildern der Kerne die Chromosomen sich rot, das faserförmige Zyto- plasma violett, das übrige Zytoplasma braungelb gefärbt zeigen. Das glaubte ich hier einschalten zu müssen, damit man daraus ersehe, wie die modernen Hilfsmittel der Forschung es selbst einem Anfänger ermöglichen, Dinge un- mittelbar wahrzunehmen, die auch dem bedeutendsten Forscher vor 40 Jahren verborgen bleiben mußten. Die auf die beiden Teilungspole zentrierten Fasern stellen zusammen eine spindelförmige Figur dar (9, 10), die demgemäß die Be- zeichnung, ,Kernspinder' erhielt. In die Äquatorialebene dieser Spindel werden Karyokinese 5 5 von den Spindelfasern die Chromosomen eingereiht, um die „Kernplatte" oder „Äquatorialplatte" zu bilden (10). An die eine Längshälfte jedes Chromosoms setzen die von dem einen Pol kommenden, an die andere die vom entgegen- gesetzten ausgesandten Spindelfasern an. Mit diesem Zustand sind die vorbe- reitenden Vorgänge der Kernteilung, die man,, Prophase" nennt, durchlaufen, und die ,,Metaphase" ist erreicht. Diese hält länger als die anderen Stadien an; es ist, als wenn eine bestimmte Zeit dazu erforderlich wäre, um die fortschreitende Bewegung innerhalb des Teilungsvorgangs, welcher der Mutterkern bisher folgte, in jene rückschreitende zu verwandeln, die zur Bildung der beiden Tochterkerne führen soll. Diese Bewegungsrichtung wird mit der sich nunmehr einstellenden ,, Anaphase" eingeschlagen. Die Längshälften jedes Chromosoms trennen sich voneinander (11) und bewegen sich in der Richtung der Pole (12). Man hat den Eindruck, daß es die Spindelfasern, an denen die Chromosomen haften, sind, die, sich zusammenziehend, die Tochterchromosomen nach ihrem Bestimmungs- ort befördern. Dafür spricht der Umstand, daß die Befestigungsstellen der Chromosomen polwärts voraneilen, was eine entsprechende Krümmung der Chromosomen zur Folge hat (12). Daher man die Spindelfasern, an welchen die Chromosomen befestigt sind, als ,, Zugfasern" bezeichnet hat. Den Gegen- satz zu ihnen bilden die ,, Stützfasern", die von einem Pol zum andern reichen und so gewissermaßen das Gerüst bilden, das die Teilungspole in ihrer gegen- wärtigen Lage festhält. Sind die Tochterchromosomen an ihren Bestimmungs- ort gelangt (12, 13), so beginnt die ,,Telophase" des Kernteilungsvorgangs, die in rückläufigen, zum Gerüstwerk des Ruhezustandes hinleitenden Veränderungen genau das wiederholt, was der Mutterkern an fortschreitenden Veränderungen durchgemacht hat. Die Chromosomen rücken eng aneinander (13), und alsbald grenzt sich das umgebende Zytoplasma gegen sie durch eine Kernwandung ab. Nunmehr nehmen die jungen Tochterkerne an Größe zu, während sich ihre Chromosomen vakuolisieren (14), dadurch wabig werden und untereinander zu dem gemeinsamen Gerüstwerk des fertigen Kerns vereinigen (15, 16). In den jungen Tochterkernanlagen bilden sich auch neue Kernkörperchen (15), um schließlich ganz denselben Zustand wiederherzustellen, wie es der war, von dem unsere Schilderung ausging (16). So vollziehen sich, in fast völlig übereinstimmender Weise, die Vorgänge übereinstim- der Kernteilung bei allen höher organisierten Pflanzen und Tieren. Der einzig 't^^^li^ngstlrginge wirklich auffallende Unterschied, den die Tiere darbieten, besteht darin, daß '^f höheren ' / ... Pflanzen und bei ihnen an den Polen der Kernspindeln geformte Gebilde individualisiert sind, Tieren, die als Kraftzentren fungieren, als solche im Zelleib fortbestehen und zu Beginn jeder neuen Kernteilung, eine Zweiteilung erfahren, um an die Stellen zu rücken, welche zu den Polen der neuen Kernteilungsfigur werden sollen. Man bezeichnet sie meistens als ,,Zentrosomen". Ihnen ähnliche Gebilde kommen auch in den unteren Abteilungen des Pflanzenreichs vor. Weiter aufwärts konnte man sie dort aber nicht nachweisen, so eifrig man auch bemüht war, sie aufzufinden. Ein solcher Kernteilungsvorgang wie der geschilderte wird, weil er mit Direkte und fadenförmigen Sonderungen des Kerninhaltes verbunden ist, als ,, mitotischer"'" "teiiunn/'"' e5 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre oder als, ,Mitose"bezeichnet, noch häufiger als ,,Karyokinese" (vonKaryon, Kern und Kinesis, Bewegung). Man spricht auch von „indirekter Kernteilung", wenn man den Gegensatz zu ,, direkten" Teilungsvorgängen, mit denen wir uns noch werden zu beschäftigen haben, und die auf einer einfachen Durchschneidung des sich teilenden Gebildes beruhen, betonen will. Deutung der Vergegenwärtigen wir uns alle die Erscheinungen, welche eine solche Karyo - vorgängebeider j^-j^ggg darbietet, SO wirft sich uns vor allem die Frage auf, warum der Vorgang indirekten Kern- ' o > o o teUung. dermaßen verwickelt sei. Wir können uns dabei durch die Vorstellung leiten lassen, daß er sich in einfacherer Weise vollziehen würde, läge nicht eine Not- wendigkeit für diese Verwicklung vor. Bestünde der Kern aus einer gleich- artigen Masse, so ginge sicherlich seine Halbierung ganz einfach in Form von Durchschnürung vor sich. Das lehren uns andere lebendige Gebilde des Proto- plasten, die sich so verhalten, ja sein zytoplasmatischer Zelleib selbst. Wenn sich die Chromosomen für jede Karyokinese einzeln heraussondern, und jedes von ihnen halbiert wird, um die Tochterkerne übereinstimmend auszugestalten, so läßt sich daraus schließen, daß die Chromosomen untereinander verschieden sind, sonst brauchten nicht jedem Tochterkern die sämtlichen Chromosomen des Mutterkerns auf solchem Wege gesichert zu werden. Aber auch jedes ein- zelne Chromosom muß aus aufeinander folgenden, ungleichwertigen Teilen auf- gebaut sein, denn wäre das nicht der Fall, so vollzöge sich seine Teilung in ein- facherer W^eise, der Quere nach. Folgen aber im Chromosom ungleichwertige Abschnitte aufeinander, so vermag nur eine Längsspaltung sie alle den Tochter- chromosomen zu sichern. Ein einfarbiges, seidenes Band von übereinstimmen- der Breite und Dicke, das wir mit der Schere in zwei völlig gleiche Hälften zu teilen hätten, würden wir genau in halber Länge durchschneiden. Um von einem Band, das aus aufeinanderfolgenden Streifen verschiedener Stoffe zusammenge- setzt wäre, zwei gleichwertige Hälften zu erhalten, müßten wir wie die Natur bei der Chromosomenteilung verfahren, und es der Länge nach in zwei gleich breite Hälften trennen. Es kompliziert die Natur sicherlich nicht in überflüssiger Weise den Kernteilungsvorgang. Sie schlägt vielmehr den einzigen Weg bei ihm ein, der zum Ziele führt. Und so darf es uns denn nicht wundernehmen, daß bei Tieren wie bei Pflanzen dieser Vorgang uns in übereinstimmender Weise ent- gegentritt. Individualität Wo Kernteilungen rasch aufeinanderfolgen, läßt sich feststellen, daß aus ^, ^^^ denselben Abschnitten des Kerngerüstes, die in der Telophase aus den einzelnen Chromosomen. o / i ^ Chromosomen hervorgingen, in der nächsten Prophase dieselben Chromosomen sich wieder heraussondern. Das wird besonders auffällig in solchen Kernen, deren Chromosomen eine verschiedene Größe besitzen. Bei jeder Prophase tau- chen sie aus dem Kerngerüst mit den gleichen Größenunterschieden wieder auf. Ist also das Gerüst eines ruhenden Kerns auch scheinbar gleichmäßig und zu- sammenhängend, die Chromosomen, die es aufgebaut haben, dauern in ihm fort, nur sind ihre Grenzen eben nicht zu erkennen. Doch lernten wir ja bereits auch solche ruhende Kerne kennen, in deren Gerüst Substanzansammlungen von bestimmter Zahl und Verteilung auf die Lage der einzelnen Chromo- Karyokinetische Probleme. Zellteilung cy somen in dem gemeinsamen Verbände hinweisen. Die Lehre von der Individu- alität der Chromosomen*, die auf solche Beobachtungen sich stützt, nimmt somit an, daß die Chromosomen durch alle aufeinanderfolgenden Kernteilungen fortdauern, ungeachtet dessen, daß man sie in ruhenden Kernen nicht ge- schieden sieht. Die sorgfältigen Halbierungen, welche die Chromosomen bei der Kern- teilung erfahren, mußten, bald nachdem sie bekannt wurden, auch den Gedan- ken erwecken, daß den Kernen eine wichtige Rolle bei der Vererbung zufalle. Denn diese Teilungsart erschien nur begreiflich bei der Annahme, daß sie allen Kerngenerationen in einem gegebenen Organismus die volle Zahl der ihm zu- kommenden und seine Eigenart bedingenden Erbanlagen zu sichern habe. Da in beiden organischen Reichen Einkernigkeit der Protoplasten schon früh- Zeuteiiung. zeitig zur Regel wurde, so folgte daraus auch die Notwendigkeit, die Kern- und Zellteilungsvorgänge miteinander organisch zu verbinden. Auf solche Weise waren den beiden neuen Zellen, die aus der Teilung der alten Zelle hervorgingen, die ihnen notwendigen Kerne gesichert. Im Pflanzenreich mußte bei jedem Zell- teiluagsvorgang noch dem besonderen Umstand Rechnung getragen werden, daß eine feste Membran den Protoplasten umhüllt. Zwischen den neu entstande- nen Tochterzellen galt es somit auch eine Scheidewand aus Zellhautstoff einzu- schalten. Diese Aufgabe lösten die pflanzlichen Zellen mit Hilfe von ,,Phragmo- plasten". Um diese zu bilden, dringt körnchenfreies Zytoplasma zwischen die Stützfasern der Kernspindel (Fig. lO, 12), die als ,, Verbindungsfäden" zw^ischen den beiden Tochterkernanlagen zurückblieben, ein und vermehrt ihre Zahl, indem es neue Fasern bildet (13, 14). Diese stimmen mit den älteren Verbin- dungsfäden in ihrem Verhalten überein, dürften somit auch aus jenem Zyto- plasma bestehen, das wir als Kinoplasma bezeichnet haben. So kommt zwi- schen den beiden Tochterkernanlagen der Phragmoplast als tonnenförmiger, längsgestreifter Körper zustande; er erweitert sich an seinen Rändern und ge- winnt dadurch linsenförmige Gestalt. In seiner Äquatorialebene schwellen die Fasern knötchenförmig an und erzeugen in solcher Weise die sogenannte Zell- platte (14). Die Knötchen dieser Zellplatte verschmelzen hierauf miteinander zu einer zusammenhängenden, zytoplasmatischen Hautschicht (15). Innerhalb dieser Hautschicht wird schließlich Membranstoff (16), und zwar, wie wir schon wissen, Pektinstoff, ausgeschieden, in Form einer zarten, mittleren Lamelle, durch deren Anlage eine Spaltung der ursprünglich einfachen Hautschicht in zwei Hautschichten bedingt wird. Hat der Phragmoplast während seiner Ausbrei- tung allseitig die Hautschicht der Mutterzelle erreicht, so setzt die neue Haut- schicht, die in ihm entsteht, gleich im ganzen Umkreis an die alte an. Dann kann auch die neue Zellhaut sich gleich als vollständige Scheidewand der Mutter- zellhaut anfügen. Wenn der Phragmoplast nicht den ganzen Querschnitt der Zelle ausfüllt, und das ist besonders in den mit einem Saftraum versehenen Zehen, die sich noch teilen, der Fall, so führt er mitsamt den beiden Tochter- kernen, an denen er haftet, seitliche Bewegungen aus, die ihn schließlich überall in der Teilungsebene mit der Hautschicht der Mutterzelle in Berührung bringen. 58 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Von denjenigen Stellen, an welchen die Scheidewand bereits fertig ist, zieht der Phragmoplast sich zurück und ergänzt sie an ihren noch freien Rändern. Die Bildung der Scheidewand ist in solchen Fällen nicht eine simultane, sondern eine sukzedane. Kernteilung in Es gibt Haarzellcn bei den höheren Pflanzen, die im lebenden Zustande sichtbar. einen annähernden Einblick in den Kernteilungsvorgang gestatten. Das war erwünscht, weil sich bei ihnen nachprüfen ließ, ob man sich aus den fixierten Zuständen eine richtige Vorstellung von der Aufeinanderfolge der Teilungs- phasen gebildet habe. Andere Vorgänge der Zellbildung, die uns in den Geweben der höher organi- sierten Pflanzen begegnen könnten, lassen sich von den eben geschilderten ab- leiten, sie würden uns somit nichts grundsätzlich Neues bieten. Doch auf einen, Freie Kern- als ,,Vielzellbildung" bezeichneten, Vorgang möchte.ich eingehen, weil er ein his- teilung und Viel- . .,-. ,. ..,,. ttt- zeiibiidung. torisches Interesse darbietet und m auffälligster Weise wieder lehrt, welche Vor- teile aus den neuen Untersuchungsmitteln uns erwachsen sind. Nehmen wir etwa aus dem befruchteten, bereits merklich angeschwollenen Fruchtknoten der aus Persien stammenden Kaiserkrone [Fritülaria imperialis), die im ersten Frühjahr in unseren Gärten blüht, eine Samenanlage heraus und halbieren sie der Länge nach, so erblicken wir in ihrem Innern einen schon dem bloßen Auge sichtbaren Hohlraum. In diesem Hohlraum, der Embryosack heißt, hatte sich zuvor die Befruchtung vollzogen. Auf diesem Entwicklungszustand würden wir bereits in dessen oberem Ende eine junge, noch wenigzellige Keimanlage vorfinden. Außerdem enthält aber dieser Hohlraum einen Schleim, der aus der geöffneten Samenanlage herausfließt. In einem Wassertropfen, mikroskopisch untersucht, würde uns dieser Schleim kleine Körner vorführen, die zum Teil wie Kernkörperchen aussehen; wir bekämen in ihm auch freie Zellkerne zu sehen und zudem in Bläschen eingeschlossene Kerne. M. J. Schieiden glaubte nun in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, hier die ganze Geschichte der Kern- und Zellbildung vor Augen zu haben: Neu entstandene Kernkörperchen, die eine Kernwandung erhalten und zu Kernen werden, und Kerne, um welche der Zelleib sich abgrenzt. Tatsächlich lag ihm nur ein in Desorganisation be- griffenes, kernhaltiges Protoplasma vor. Heute fixieren wir den Zellinhalt sol- cher Samenanlagen, bevor wir sie schneiden, und stellen nun fest, daß in ihrer auffallend großen Embryosackzelle ein protoplasmatischer Wandbelag sich be- findet, der zahlreiche Kerne führt. Seine Vielkernigkeit ist dadurch bedingt, daß der Teilung seines ersten Kerns eine Zellteilung nicht folgte, und daß auch weiterhin die Kerne fortfuhren, sich durch Teilung zu vermehren, ohne daß es zur Bildung von Scheidewänden zwischen ihnen kam. Der gehärtete, proto- plasmatische Wandbelag läßt sich aus dem Embryosack befreien und erscheint dann wie ein zartes Häutchen, in welchem die Kerne gleichmäßig verteilt sind. Man läßt die Kerne durch entsprechende Färbung deutlicher hervortreten. Der Zufall kann es fügen, daß man sie in Teilung antrifft. Die Teilungen pflegen an dem einen Ende des Embryosackes zu beginnen und gegen das andere fort- zuschreiten. Man hat daher alle Zustände der Teilung in solchen Fällen vor Freie Kernteilung und Vielzellbildung 59 Augen. Das sind äußerst anziehende Bilder, zudem lehrreich, da sie über die Aufeinanderfolge der Phasen keinen Zweifel lassen. Diese freien Kernteilungen dauern im gemeinsamen, protoplasmatischen Wandbelage des Embryosackes so lange fort, als dieser wächst. Erst wenn er seine volle Größe erreicht hat, umgeben sich seine Kerne mit kinoplasmatischen Strahlungen, denen die Rolle von Phragmoplasten zufällt, und die in ihrem Innern Scheidewände aus- bilden, durch welche der protoplasmatische Wandbelag in entsprechend viel Zellen zerlegt wird (Fig. ii). Daher wird dieser Vorgang als Vielzellbildung bezeichnet. Es ist klar, daß er eine Art verkürzte Entwicklung darstellt, die, statt in entsprechend vielen Zellteilungen fortzuschreiten, zunächst nur mit freien Kernteilungen operiert und dann erst auf einmal die den Kernen ent- sprechende Zahl von Zellen bildet. Bei den Palmen erreicht der Embryosack oft eine ganz auffallende Größe, bevor er zur Zellbildung an seiner Wandung schreitet. Man braucht sich nur die Kokosnuß zu vergegen- wärtigen, deren Embryosack auf diese Weise ein Volumen von 500 und mehr Kubikzenti- metern erlangt. Er stellt auf solchem Zustand eine der allergrößten Zellen vor, deren das or- ganische Reich sich rühmen kann. Dann finden die Vielzellbildungen an seiner Wandung statt, worauf die erzeugten Zellen durch fortgesetzte Zweiteilungen jene weiße Gewebeschicht er- ^ zeugen, die uns zu Gesicht kommt, wenn wir eine Kokosnuß öffnen. Wir haben dann vor Augen die harte Schale, die wir zerbrachen, und die als solche noch zur Fruchtwandung gehört, die ihrer Innenseite anhaftenden, ge- bräunten und abgestorbenen Reste der Samen- schale sowie der Embryosackwandung, und auf diese folgend das sogenannte Endosperm, eben jene weiße, etwa einen Zentimeter starke Gewebeschicht, die mit Reservestoffen angefüllt ist. Man findet in ihren Zellen Aleuron und Öltropfen vor, auch Kristallnadelbüschel von auskristallisiertem Fett. Ist die Kokosnuß noch jung, so füllt ,, Kokos- milch" ihre innere Höhlung aus. Diese Höhlung stellt den vom Gewebe nicht angefüllten Rest des ursprünglichen Saftraums der Embryosackzelle dar. Ihr Saft ist eine wässerige Emulsion von Fett und Eiweiß. — Embryosäcke, die weniger groß werden, pflegen sich mit Endosperm ganz auszufüllen. In sol- chen Pflanzenfamilien, welchen schmale, sich schlauchförmig während ihres Wachstums streckende Embryosäcke zukommen, geht die Endospermbildung nicht durch Vielzellbildung, sondern durch aufeinanderfolgende Zellteilungen von statten. So lassen sich direkte Anknüpfungspunkte für die phylogene- tische Ableitung des aus Vielzellbildung hervorgehenden Endosperms von dem durch Zellteilung erzeugten gewinnen. Fi^. II. Stück des protoplasraatischenWand- belags aus dem Embryosack vou Reseda odo- rata, bei beginnender Vielzellbildung. Der Vorgang schreitet von unten nach oben fort. Nach einem fixierten und tingierten Präparate. Vergr. 220. 6o Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Direkte Kernteilnng. i Außer der indirekten Kernteilung gibt es im Pflanzenreich auch eine direkte. Es kommt ihr zwar nur eine begrenzte Verbreitung zu, doch theoretisch ist sie sehr lehrreich, denn sie zeigt uns, daß ein Kern sehr wohl imstande ist, sich zu teilen, ohne zuvor verschiedene Sonderungen durchzumachen. Er geht aber eine direkte Teilung nur unter solchen Umständen ein, die seine genaue Zer- legung in zwei völlig übereinstimmende Hälften nicht verlangen. In den Ge- weben mancher Pflanzen sind in unregelmäßiger Durchschnürung begriffene Kerne, sowie schon getrennte Produkte ihrer Durchschnürung, stets anzutreffen (Fig. 12). Das Kerninnere hat bei diesem Vorgang das Aussehen des Ruhezu- standes. Die erzeugten Teilkerne brauchen nicht in ihrer Größe übereinzustim- men. Niemals ist ein solcher Teilungsvorgang mit einer Zellteilung verknüpft! Die Nachkommen des einen Kerns verbleiben in demselben Protoplasten. Der Teilungsvorgang ist aber mit einer Massenzunahme der Kernsubstanz verbunden, und darauf kommt es allem Anschein nach nur an. Daß dem wirklich so ist, lehren uns in überzeugender Weise jene ,,Inter- nodialzellen" der Charazeen, mit welchen wir uns schon einmal mit Beziehung auf Protoplasmaströ- mung befaßt haben. — Durch diese langen Inter- nodialzellen werden bei den Charazeen die aufein- anderfolgenden ,, Knoten" getrennt. Den letzteren entspringen alle seitlichen Glieder der Pflanze, und sie allein sind überhaupt befähigt, neuen Anlagen den Ursprung zu geben. Im Gegensatz zu ihnen stellen die Internodialzellen die bevorzugten Erzeu- gungsstätten von Assimilaten dar; sie sind die Er- nährer der Pflanze. Eine junge Zelle, diezurlnter- nodialzelle werden soll, wächst auf das Mehrhundert- fache in die Länge. Da ihr Protoplast bei solcher Größenzunahme mit einem Kern nicht auskommen kann, so bildet er deren Tausende. Weil aber die betreffende Zelle nie mehr an Gestaltungsvorgängen teilnehmen, vielmehr nur Ernährungszwecken dienen soll, so vermehrt sie ihre Kerne auf dem Wege direkter Durchschnürung. Die in dem ersten Kern, von dem diese ,,Fragmentation" ausging, enthaltenen Erbeinheiten haben, so dür- fen wir jedenfalls annehmen, währenddessen keine Vermehrung erfahren, sie wurden auf die vielen sich trennenden Kerne verstreut. Andere Kernstoffe, darunter stark färbbare, die in ihrem Verhalten an die Substanz der Kernkör- perchen erinnern, haben hingegen entsprechend an Menge zugenommen. Hier- aus möchten wir schließen, daß die Kerne nicht nur die Träger erblicher Eigen- schaften sind, sondern daß ihnen auch eine ernährungsphysiologische Aufgabe in den Protoplasten zukommt. Nur sofern ihren Teilungsprodukten alle Erb- einheiten gesichert werden sollen, führen sie jene Sonderungen bei der Teilung aus, die wir bei der Karyokinese kennen lernten. Ist es nur um nahrungsphysio- logische Teilungen der Kernsubstanz zu tun, so genügen einfache Durchschnü- Fig 12. Kerne älterer Zellen aus dem Stengel von Tradescantia virginica, in direkter Teilung. Vergr. 540. Fragmentation. — Typische und allotypische Teilung 6i rungen; sie gewährleisten augenscheinlich jedem Teilstück die Fähigkeiten, die €s für diese Aufgaben braucht. Beziehungen der Kernsubstanz zu bestimmten Vorgängen im Zelleib ergaben sich auch aus Versuchen, in denen es gelang, einer aus einem Teilungsvorgang hervorgehenden Zelle, oder dem Teilstück einer Zelle, künstlich den Kern vorzuenthalten. Solche kernlose Protoplasten sind nicht imstande, Zellhautstoff zu bilden, ihr Chlorophyllapparat leidet bald, ihre Widerstandsfähigkeit nimmt ab, sie vermögen zwar noch zu atmen und in be- stimmten Fällen auch Stärke zu bilden, doch hält ihr Leben nicht lange an. Die ernährungsphysiologische Tätigkeit des Kerns im Protoplasten läßt sich als vegetative der generativen gegenüberstellen, die er als morphologisches Gebilde bei den Gestaltungsvorgängen und der Fortpflanzung zu leisten hat. Auf vege- tative Funktionen weist auch das Verhalten der Kerne in sezernierenden Zellen hin. Sie müssen zu dem Prozeß der Ausscheidung in Beziehung stehen, sonst würden im Pflanzenreich wie im Tierreich sezernierende Zellen nicht durch besonders große Kerne ausgezeichnet sein. B Fig. 12. In A scbematisclie Darstellung der Äquationsteilung, in B der Reduktionsteilung;. In ^ ist zu sehen, daß jedes längsgespaltene Chromosom für sich in die Kernplatte eingeschaltet wurde, und daß seine Längshälften sich hierauf trennen, um an die beiden Pole der Spindel zu gelangen. Die Chromosomen sind in dem angenommenen Falle ungleich groß, ihre Verschiedenheit durch die verschiedene Schattierung ausgedrückt. In j5 sieht man die Chromosomen von A paarweise zu Gemini vereinigt. Die Längsspaltung zeigt nur das mittlere Paar, dessen Längs- achse dem Beobachter zugekehrt ist; in den seitlichen Paaren liegt der Längsspalt in der Ebene der Figur. Dieselbe Figur Ö zeigt auch das Auseinanderweichen der ganzen Chromosomen, die ihre Längshälften demselben Pol zuführen. Die mit Längsspaltung der Chromosomen und ihrer Zuweisung an die Toch- terkerne verbundene, indirekte Kernteilung (Fig. ii und 13 A) ist nicht die ein- zige Art von Karyokinese, welche das organische Reich auf einer bestimmten Höhe der phylogenetischen Entwicklung aufzuweisen hat. Es gibt noch eine andere Karyokinese von tiefeingreifender Bedeutung, die man als ,, allotypische" der typischen, die uns schon bekannt ist, gegenüberstellen muß (Fig. 13 B). Es hat viel Mühe und Arbeit gekostet, diese beiden Arten der Kernteilung als prin- zipiell verschieden zu erkennen und ihre Merkmale festzulegen. Und auch heute noch bereitet die Deutung bestimmter Phasen der allotypischen Kernteilungen AUotypische nicht geringe Schwierigkeiten und bewegt sich zum Teil in Gegensätzen.* Über ^emteUung. den wichtigsten Unterschied, der beide Teilungsarten trennt, sind aber die meisten Forscher jetzt einig, und das dürfte für den Zweck, den wir hier befolgen, genügen. In der allotypischen Kernteilung (Fig. 14) sind zwei aufeinanderfolgende Teilungsschritte eng vereinigt: der „heterotypische" Teilungsschritt, der meist jetzt kurzweg als ,, Reduktionsteilung" (i — 12) bezeichnet wird, und der „homöotypische" Teilungsschritt (13 — 16). 62 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Redukrions kernteilung. Um gleich vorweg zu nehmen, worin der Schwerpunkt der Reduktions- teilung liegt, so ist es, daß sie zur Halbierung der Chromosomenzahl führt. Während somit das für die typische Kernteilung (Fig. 13 A) entscheidende Er- eignis in einer Trennung der Längshälften von Chromosomen liegt, ist dieses mmm .>■?,--. ij-^ r^'VL ■'',' 'r '.■-'■ :l.'t-.' -■ > ^.' \ ■■ '"'- ■ . 1»''* :'r>.''i '. ■;■ - :> i V ■i- 'V •'■/*■, "' ■ ■■ H .•■»■^V'.-%ay ■ i : 'i-f^ ■-*■■-:-'• -^ ■-'■* - . . ■.-•--- t£S^- — / , ■■'. .1 'yi?..,..-:;:^} . '^=^&*::x', ■>*>Ä-'''i. &■ ■_"■■' -■- "^ ■■■■- Fig. 14. Allot3'pisclie Kernteilung. Reduktionsteilung i — //, homöotypische Kernteilung iL' — \6. Pollenmutterzellen einer Lilie in Teilung, etwas scliematisiert. Nach Fixierung mit Chrom-Osmium-Essigsäure Eisenhämatoxyliufärbung. — Die Chondriosomen nach solcher Fixierung und Färbung nicht sichtbar. / JMutterzeUe mit ruhendem Kern. 2 die Sonderung der Chromosomen. 3 als Synapsis bezeichneter Zustand der Zusammenziehuug. 4 Doppelfäden in A"er- schmelzung begriffen. '< der aus diespn Fäden entstandene, einen scheinbar einfachen Faden darstellende Knäuel. 6' wiedererfolgende Trennung der zuvor vereinigten Fäden. 7 der Knäuel in Segmentierung begriffen. 8 Diakinese. .'' Multipolare Spindelanlage. 10 Mutterkernspindel mit der aus Doppelchromosomen gebildeten Kernplatte. 11 Re- duktionsteilung; die auseinanderweichenden Chromosomen eine teilweise Trennung ihrer Längshälften zeigend. 12 Anlagen der Tochterkerne. 13 die Läugshälften der Chromosomen (Tochterchromosomen) werden zu Paaren ver- bunden in die Kernspindeln eingereiht, li Tochterkernspindeln. 7.5 Auseinanderweichen der Tochterchromosomen. ICi Anlagen dci Knkelkerne. Vergr. etwa 750. für die Reduktionsteilung (Fig. 13 B) in der Zuweisung ganzer Chromosomen an die Tochterkerne gegeben, so zwar, daß jeder Tochterkern die eine Hälfte der Chromosomen des Mutterkerns erhält. Daher die Bezeichnung Reduktions- teilung für diesen Vorgang. Reduktionsteilung 63 Die volle Tragweite dieser Einrichtung wird uns erst klar werden, wenn wir uns mit den Befruchtungsvorgängen befassen, denn mit ihnen stellte sich die Notwendigkeit der Reduktionsteilung ein. Kennzeichnend für die Reduktionsteilung (Fig. 14, l — 12) sind bereits ihre Prophasen (i — 9). Da stellt sich alsbald ein Zustand ein, der das ganze Kern- gerüst, mitsamt dem Kernkörperchen, stark einseitig zusammengezogen, inner- halb der Kernhöhlung zeigt (3) . Man hat ihn , , Synapsis" genannt. Dann entwirrt sich dieser Knäuel, indem Fadenschlingen aus ihm hervortreten (4), sich weiter- hin bedeutend strecken und durcheinanderwinden. Stellenweise erkennt man eine doppelte Zusammensetzung der Fäden (4) und eine Abwechslung stärker und schwächer tingierbarer Stellen in ihrem Verlauf. Dann beginnen die Fäden sich wieder zu verkürzen und zu verdicken, was zu einer entsprechenden Ent- wirrung der Schlingen führt (5). Nun wird die doppelte Zusammensetzung der Fäden überall deuthch (6). Zugleich befreien sich die Schlingen von ihrer ge- meinsamen Einfügungsstelle, verkürzen sich immer stärker und stellen schließ- lich gekrümmte Stäbchenpaare dar, in welchen die beiden Faarlinge sich völlig gesondert und nur mehr oder weniger stark umeinandergewunden zeigen (7). In jedem Paarling erkennt man einen Spalt; er hat eine Längsteilung vollzogen, die aber nur angedeutet bleibt. Die verschiedenen Paare berühren sich nicht gegenseitig und suchen daher eine Stütze an der Kernwandung, an der sie sich annähernd gleichmäßig verteilen (8). Das ist das Stadium der, ,Diakinese". Jetzt stellen sich Kinoplasmastrahlungen um den Kern ein, die anfangs meist auf mehrere Pole hin gerichtet sind (9). Es schwindet das Kernkörperchen und die Kernwandung, die Kinoplasmafasern dringen in den Kernraum vor und erfassen mit ihren Enden die Stäbchenpaare. Alsbald haben sich die Kinoplasmafasern auf zwei Pole zentriert, und es liegt eine Kernspindel vor, deren Kernplatte von den Stäbchenpaaren gebildet ist (10). Diese Stäbchenpaare hat man ,, Gemini" genannt. Sie orientieren ihre Hälften nach entgegengesetzten Polen und sind dementsprechend an den Zugfasern der Spindel befestigt. Die Stützfasern laufen auch hier von Pol zu Pol. Damit ist die Metaphase der Teilung erreicht. Die Reduktionskernplatte besitzt meist ein charakteristisches Aussehen, und wer auf karyokinetischem Gebiet arbeitet, vermag sie für gewöhnlich gleich als solche zu erkennen. Die beiden Chromosomen in jedem Geminus pflegen sich durch ihre Kürze und Dicke, den Chromosomen einer typischen Kernplatte gegenüber, auszuzeichnen. Die beiden Paarlinge werden schon in den Meta- phasen von den Spindelfasern mehr oder weniger stark auseinandergezogen (10), wodurch sehr bezeichnende Bilder entstehen, in welchen die Gemini häufig die Gestalt von Kreuzen aufweisen. Nach einer Ruhepause stellt sich die Anaphase ein, und die getrennten Chromosomen werden in Richtung der Pole befördert (il). Schon auf diesem Wege lassen sie oft deutlich erkennen, daß sie aus je zwei Längshälften bestehen (11). Also stellte die Längsspaltung, die in jedem der zu Paaren vereinigten Chromosomen während der Prophasen dieser Teilung angedeutet wurde, wirklich ihre Längshalbierung dar, die aber zunächst keine Verwendung finden sollte. 64 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre In den Prophasen der Reduktionsteilung fällt somit die sonst gewohnte Längs- spaltung der Chromosomen nicht fort, doch sind beide Längshälften jedes Chro- mosoms bestimmt, in denselben Tochterkern zu gelangen. Die Zugfasern sorgen durch die Art, wie sie die Chromosomen erfassen, dafür, daß dem so geschieht. Homöotypische Die beiden Tochterkerne bringen es nach ihrer Anlage meist kaum zu einem vollen Ruhezustand. Sie treten vielmehr fast unmittelbar in die Pro- phasen der nächsten Teilung ein. Diese Teilung nun, die an die Reduktions- teilung anschließt, ist dadurch ausgezeichnet, daß in ihr keine neue Längsspal- tung der Chromosomen vorgenommen wird, daß sie vielmehr dazu dient, die im vorigen Teilungsschritt schon erzeugten Spaltungsprodukte voneinander zu Teilung. Fig. 15. Schematische Darstellung der allotypischeu Teilung in einer Sporenmutterzelle. In A, a und b, die Reduktions- teilung, in A, r und (/ die honiöotypische Teilung. A, a und h zeigen, daß ganze, durch besondere Schattierung kenntlich gemachte Chromosomen sich trennen, und daß deren Längshälften nach demselben Pol gelangen ; '\i\ A b spreizen diese Längshälften äquatorialwärts. Ac zeigt, daß es die Tochterchromosomenpaare, die in .y, und 1^ nach demselben Pol gelangten, sind, die in die Kernplatte eingereiht werden und in Ad sich trennen, um die Enkelkerne zu versorgen. In B, II und /' ist eine Sporenmutterzelle zu sehen, die ihre Vierteilung durch zwei aufeinander folgende Zellteilungen, d. h. sukzedan, in B, c und d eine solche, die ihre Vierteilung auf einmal, d. h. simultan vollzog. trennen. Man hat diesem Teilungsvorgang daher auch einen besonderen Namen erteilt: er verläuft ,, homöotypisch". Die je einem Chromosom der Reduktions- teilung entstammenden Schwesterchromosomen werden zusammen der sich nun bildenden, homöotypischen Kernspindel eingefügt (13, 14) und in der dann fol- genden Anaphase (15) getrennt, um in die Enkelkerne (16) zu gelangen. Tat- sächlich sind es also Tochterchromosomen und nicht Enkelchromosomen des Reduktionskerns, welche den Enkelkernen zufallen (Schema beider Teilungen in Fig. 15). Die in dem Reduktionskern vorbereitete Längsspaltung der Chromosomen, die als solche somit schon den Tochterkernen überwiesen wird, zwingt diese sofort zu nochmaliger Teilung. Daraus erklärt es sich, daß im ganzen organischen Reich die Reduktionsteilung fast unmittelbar von einer zweiten Kernteilung gefolgt wird, und daß im Ergebnis allgemein eine Vierzahl von Zellen vorliegt (Fig. 15). Homöotypische Teilung. Befruchtung 65 Es war notwendig, hier in solche Einzelheiten einzugehen, weil ohne ihre Kenntnis ein Einblick in das Wesen der Befruchtungsvorgänge nicht zu ge- winnen ist. Diese müssen jetzt aber in der Behandlung folgen, weil die Befruchtung* Befruchtung, auch zu den zellbildenden Vorgängen gehört, wenn auch mit ihr als solcher zu- nächst nicht eine Vermehrung, sondern eine Verminderung der Zellenzahl ver- bunden ist. Denn der Befruchtungsvorgang geht von der Vereinigung zweier Zellen zu einer einzigen Zelle aus. Steigen wir von den untersten Abteilungen des Pflanzenreichs zu den höheren empor, so finden wir, daß dort, wo die Befruch- tungsvorgänge uns in ihrer ursprünglichsten Art entgegentreten, sie auf der Vereinigung von zwei Zellen beruhen, die einander völlig gleichen. Man stellt fest, daß bei diesem Vorgang die Kerne der beiden Zellen zu einem einzigen Kern sich vereinigen, und daß auch eine Verschmelzung der beiden zytoplas- matischen Zelleiber vor sich geht. Wer über Erfahrungen verfügt, die größere Beobachtungsgebiete umfassen, kommt zu der Überzeugung, daß geschlecht- liche Sonderungen sich unendlich viele Male in der phylogenetischen Entwick- lung der organischen Welt vollzogen haben. Sie stellten sich jedesmal ein, wenn eine bestimmte Höhe der organischen Entwicklung erreicht war. Sie traten stets in übereinstimmender Weise auf und verkörperten augenscheinlich phylo- genetische Notwendigkeiten, die sich aus den Eigenschaften der lebendigen Substanz ergaben, und die während ihres fortschreitenden Entwicklungsganges daher auch dauernd wiederkehren mußten. Mit auffälliger Gleichförmigkeit schritt dann auch stets von den Ausgangspunkten die weitere Sonderung der Geschlechtsprodukte und die mit ihr verbundene Arbeitsteilung fort. Bei der einen der beiden Geschlechtszellen erfuhr der zytoplasmatische Anteil eine fortgesetzte Einschränkung, während der Kern unvermindert sich erhielt, bei der andern verharrte der Kern ebenfalls in dem früheren Zustand, der zyto- plasmatische Zelleib wurde aber nicht reduziert, er füllte sich vielmehr mit Reservestoffen an und nahm dementsprechend an Größe zu. Nicht allein im Tierreich, sondern auch im Pflanzenreich wurde die in ihrem Plasmaleib ver- minderte Geschlechtszelle mit Wimpern ausgestattet und auf Bewegung ein- gerichtet, während die andere, größer gewordene sie ruhend zu erwarten hatte. So gingen aus den einander zunächst gleichenden ,, Gameten" einerseits ,,Sper- matozoen", andererseits ,,Eier" hervor. Im Pflanzenreich kommen bewegliche männliche Geschlechtszellen, also Spermatozoen, was der Laie kaum ahnt, noch in den höchsten Abteilungen der Farnkräuter vor. Diese Spermatozoen wer- den aus ihren Behältern entlassen und gelangen durch Vermittlung von Wasser schwimmend zu den Eiern, den weiblichen Geschlechtszellen, die in ihren Be- hältern eingeschlossen bleiben. Aus den weiblichen Behältern aus.geschiedene Stoffe bestimmen durch chemische Reizwirkungen den Weg, den die Sperma- tozoen einzuschlagen haben, um zu den Eiern zu gelangen. Bei den ,,offen- blütigen" Gewächsen, den Phanerogamen, werden die männlichen Geschlechts- produkte den Eiern mit Hilfe eines Schlauches zugeführt, den das Pollenkorn im oberen Ende der Samenanlage (so bei den Gymnospermen) oder auf der K. d. G. III. tv, Bd 2 Zellenlehre etc. c 66 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Narbe des Fruchtknotens (so bei den Angiospermen) treibt, und der bis zum Ei abwärts wächst. Beweghche Spermatozoen entstehen im Pollenschlauch nur noch bei den Cycadeen und dem merkwürdigen, japanischen Ginkgo-Baum {Ginkgo biloba L.), einer Konifere, Pflanzen, die wir phylogenetisch für die ältesten Phanerogamen halten müssen; bei allen anderen Phanerogamen führt der Pollen- schlauch die männlichen Kerne in unveränderter Gestalt als ,, Spermakerne" nach ihrem Bestimmungsort. Bei solchen Phanerogamen läßt sich nicht nach- weisen, daß außer dem Spermakern auch das Zytoplasma an der Befruchtung beteiligt sei. Das veranlaßte mich im Jahre 1884 zu dem Ausspruch, daß die Kerne allein die Träger der erblichen Eigenschaften seien.* Zu dem nämlichen Er- gebnis gelangte Oskar Hertwig auf tierischem Gebiet in dem gleichen Jahre.* Doch stehen dieser unserer Anschauung auch andere Auffassungen gegenüber und verfügen heute noch über zahlreiche Anhänger.* Diese behaupten, daß auch das Zytoplasma an der Befruchtung teilnehme und Träger der erblichen Eigenschaften sei. Ich selbst bin geneigt, auch weiterhin im Zytoplasma nur das Substrat zu erblicken, in welchem der Zellkern seine erblichen Funktionen verrichtet. Es ist klar, daß er nur in dieser Mitte existieren und wirken kann, so daß in diesem Sinne Kern und Zytoplasma organisch zusammengehören und nicht voneinander zu trennen sind. Auch muß schlechterdings angenommen werden, daß das Zytoplasma verschiedener Wesen nicht übereinstimmt, daß also zu der spezifischen Wirkungsweise des Kerns auch ein bestimmtes Zyto- plasma gehört. Dieses Zytoplasma wird aber auf der Höhe geschlechtlicher Sonderung im Pflanzen- wie im Tierreich nur von der Mutter geliefert. Es kann auch nicht, wie der Kern, aus untereinander verschiedenen, konkreten Erbein- heiten zusammengesetzt sein, solchen Erbeinheiten wie jene des Kerns, die bei jedem Teilungsschritt halbiert und in lückenloser Zahl auf die Nachkommen übertragen werden müssen. Das Zytoplasma kann vielmehr seiner ganzen Masse nach nur mit übereinstimmenden Eigenschaften ausgestattet sein. Das zeigen die Vorgänge der Strömung in ihm an, bei welchen alle seine Teile fort- dauernd ihre gegenseitige Lage verändern, in größtem Gegensatz zum Kern, der sorgsam an der Anordnung seiner Teile festhält; das geht weiter aus der Teilungsart des Zytoplasma hervor, die sich in ganz einfacher Weise vollzieht, ohne alle jene Sonderungen, durch welche den Teilungsprodukten der Kerne die volle Zahl der Speziesmerkmale durch alle Generationen gesichert wird. Hätte das Zytoplasma eine ähnliche Rolle bei der Vererbung wie der Kern zu spielen, so würde zweifellos seine Teilung in ebenso komplizierter Weise wie die des Kerns sich vollziehen, verdoppeiungder Kommt dic aus dcm Studium der Kernteilungsvorgänge erschlossene In- zahiT^rlTBc- cüvidualität den Chromosomen tatsächlich zu, so muß jede Befruchtung ihre Zahl frucbtung. verdoppeln. Das ist auch wirklich der Fall. Daher die Einschaltung der Re- duktionsteilung in den Entwicklungsgang der Organismen notwendig wurde, um die verdoppelte Chromosomenzahl wieder auf die einfache zurückzuführen. Sonst brächte jeder Befruchtungsakt eine weitere Verdoppelung dieser Zahl, Der Kern als Vererbungsträger. Haploid und Diploid 67 und sie müßte ins Unendliche steigen. Bald wäre kein Kern mehr imstande, die wachsende Chromosomenzahl zu bewältigen. Es ist anzunehmen, daß die durch einen Befruchtungsakt veranlaßte Verdoppelung der Chromosomenzahl die Bedingungen für das Auftreten einer Reduktionsteilung schafft. Sonst hätte Befruchtung ver- dieser Vorgang sich nicht stets im organischen Reich im Gefolge der geschlecht- ^° teLns. °"^ liehen Sonderung eingestellt. Zunächst schloß sich die Reduktionsteilung un- vermittelt der Befruchtung an, d. h. der erste Teilungsschritt, den das Befruch- tungsprodukt, die sogenannte Zygote, meist nach einer Ruhezeit ausführte, war eine Reduktionsteilung. Im weiteren Verlauf der phylogenetischen Ent- wicklung änderte sich dieses Verhalten. Das Befruchtungsprodukt trat mit sei- nem doppeltchromosomigen Kern in einen selbständigen Entwicklungsgang ein und bildete einen besonderenKörper, ein zuvor nicht vorhandenes, doppelt- chromosomiges Wesen aus. Erst nach vollendeter Ausgestaltung schreitet die- ses doppeltchromosomige Wesen zur An- lage bestimmter Zellen, die man als,, Go- notokonten" zusammenfassen kann, Zellen, in welchen die Reduktionstei- lung sich vollzieht. Zwischen die Be- fruchtung und die Reduktionsteilung wurde also ein neuer Entwicklungsab- schnitt eingeschaltet, der uns lehrt, daß die Bedingungen für den Vorgang der Reduktionsteilung nicht unmittelbar nach der Befruchtung sich einzustellen brauchen, wenn diese sie auch fordert. So kam im Pflanzenreich wie im Tierreich der ,, Generationswechsel" im Entwick- Generations- lungsganggeschlechtlicherWesen zustande.* Es mußte eine einfachchromosomige und eine doppeltchromosomige Generation durchlaufen werden, damit der ganze Entwicklungskreis dieser Wesen abgeschlossen sei. — Die einfachchromosomige oder ,, haploide" Generation ist die geschlechtliche; aus ihr geht die doppelt- chromosomige oder ,,diploide" Generation hervor, welche die Gonotokonten bildet. Im Pflanzen- wie im Tierreich gelangte die diploide Generation weiter- hin zur Herrschaft. Die Pflanzen und Tiere, die uns umgeben, so auch wir selbst, sind mit diploiden Kernen ausgestattet. Die haploide Generation erfuhr eine Einschränkung in dem Maße, als die Ausbildung der diploiden Generation Fortschritte machte. Schließlich wurde die haploide Generation ganz in die diploide eingezogen, so daß sie aufhörte, ein selbständiges Wesen zu sein. — Wenn man die Sporen eines Farnkrauts aussäet, so entwickeln sich aus ihnen G<-nerations- unscheinbare Gebilde, die der Uneingeweihte kaum beachtet, und die als kleine, ,^^7 f grüne Blättchen (Fig. 16 A) dem Boden angeschmiegt sind. Sie stellen die F i g. 1 6. laA das haploide Prothallium eines Farnes mit den männlichen Geschlechtsorganen, Antheridien an, die in ihrem Innern Sperraatozoen erzeugen, und den weiblichen Geschlechtsorganen, Archegonien, ar, die je ein Ei ein- schließen. Der Befestigung des Prothalliums an der Unterlage dienen die haarähnlichen Rhizoideu rA. Das Prothallium kehrt seine Unterseite dem Beobachter zu. So auch das Prothallium in ß, das aus einem befruchteten Ei die junge, diploide Farnpflanze erzeugt hat. An letz- terer : b das erste Blatt, w die erste Wurzel. Vergr. etwa 8. Wechsel amen. 68 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre »Ä-^. Geue rations- wcchsel bei Phanerogamen. Fig. 17. Mittlerer Längs- schnitt des Fruchtknotens aus der Blüte des windenden Knöterichs (Folygonum con- volvulus L.) nach erfolgter Bestäubung. BeiA der Stiel des Fruchtknotens,/« der Stiel der Samenanlage, r/ta die Chalaza, der Ort an dem das dunkel gehaltene Gefäß- bündel endet, Ji^/ der sog. Nu- cellus der Samenanlage, der in seinem Innern den Em- bryosack e einschließt. In diesem oben der aus drei Zellen bestehende Eiapparat ei, die unterste dieser Zellen ist das Ei. Im unteren Ende des Embryosacks die drei Gegenfüßleriunen oderAnti- poden ««, in dessen Mitte der Embryosackkern f.<',der spä- ter, wenn die Befruchtung er- folgt ist, den Ausgangspunkt der Endospermbildung bil- den wird. Die Samenanlage ist mit zwei Hüllen, den In- tegumenten i'e und i'i ver- sehen. Diese lassen oben eine Öffnung, das Fenster- chen oderdie Mikropyle frei, durch welches ein PoUen- schlauchbis zuraEi gelangen soll. Auf der Narbo « des Fruchtknotens die PoUen- körner />, welche PoUeu- schläuche /jsia den Griffel jir treiben. Der Embryosack gehört der haploiden, alles andere der diploiden Gene- ration an. Aus dem be- Phancrogameu- feuchteten Ei würde wieder Samen. ^-^^^ diploide Generation hervorgehen, die reifende Samenanlage den Samen bilden. Vergr. 40. haploide, geschlechtliche Generation des Farnkrauts vor, die als solche noch ein selbständiges Dasein führt. Diese Generation erzeugt Spermatozoen und Eier. Aus einem befruchteten Ei geht die diploide Generation, das eigent- liche Farnkraut (Fig. i6 B) hervor. Diese schreitet, nach- dem sie den Höhepunkt ihrer Entwicklung erreicht hat, an der Unterseite ihrer Blätter zur Bildung von Gonotokonten, hier ,,Sporenmutterzellen", deren Kern eine Reduktions- teilung ausführt und die im Anschluß an diese vier Sporen produzieren. Aus der keimenden Spore geht die haploide, geschlechtliche Generation wieder hervor. Schon bei diesen Farnen dominiert mächtig die diploide Generation über die haploide, doch ist letztere noch nicht ihrer Selbständigkeit beraubt. Sie büßt diese erst bei den Phanerogamen völlig ein, wo die haploide Generation ganz in die diploide auf- genommen wird (Fig. 17). Innerhalb der Samenanlagen, bei der Entstehung der Embryosäcke und ihrer inneren Aus- rüstung, spielt sich der ganze Lebenslauf der haploiden Generation bei den Phanerogamen ab. Die Embryosack- zelle {e) stellt eine Spore dar, die einem Reduktionsteilungs- vorgang ihre Entstehung verdankt, aber nicht wie bei den Farnen frei wird, vielmehr in der einen Bestandteil der diploiden Generation bildenden Samenanlage, von der sie erzeugt wurde, eingeschlossen bleibt. Im Innern dieser Em- bryosackzelle werden alle Entwicklungsvorgänge, die von der haploiden Generation noch übriggeblieben sind, bis zur Fertigstellung des Eies durchlaufen. Anderseits sind auch die Pollenkörner der Phanerogamen Sporen, die aus einem Reduktionsteilungsvorgang hervorgehen, in ihrenBehältern, den Staubfächern aber nicht verbleiben, vielmehr in dieser oder jener Weise an ihren Bestimmungsort befördert wer- den. Dort treiben sie den Pollenschlauch (/)j), der dem am Orte seiner Entstehung verbliebenen Ei den männlichen Kern, Spermakern zuführt, der die Befruchtung vollzieht. Dort entwickelt sich jetzt aus dem befruchteten Ei auch der Keim. Dieser Keim leitet somit die nächste diploide Generation innerhalb derselben Samenanlage ein, die zuvor die haploide Generation erzeugte. Die Samenanlage reift hierauf langsam zum Samen, wird mit Reservestoffen aus- gestattet, mit schützenden Hüllen versehen und schließlich abgeworfen. Was man also einen Samen bei einer phanero- gamen Pflanze nennt, besteht somit aus Geweben der Samen- anlage, die der diploiden Muttergeneration entstammen, aus Geweben der haploiden Generation, soweit solche innerhalb Generationswechsel. Parthenogenesis 6ü des Embryosackes noch erhalten sind, und aus den durch den Keim vertretenen, diploiden Geweben der diploiden Tochtergeneration. In den unteren Abteilungen des Pflanzenreichs hat es die ursprüngliche, haploide Generation wiederholt zu mächtiger Ausbildung gebracht. So in ver- schiedenen Abteilungen der meeresbewohnenden Algen. Unter den Landpflan- Generations- zen bilden die Moose ein Beispiel für das Vorherrschen der haploiden Generation; """^^ooL " denn das, was uns als Moospflänzchen bekannt ist und in der Abteilung der Laubmoose eine ganz ähnliche Gliederung aufweist, wie sie hoch organisierten Pflanzen eigen ist, führt nur einfachchromosomige Kerne. Doppeltchromosomig ist nur das, was uns als ,,Sporogon" bei diesen Moosen entgegentritt, die Sporen- Generations- kapsel mit ihrem Stiel. Im Tierreich wurde das diploide Produkt der Befruch- 'Tierreich? tung in seiner Entwicklung sofort gefördert, so daß die ursprüngliche, haploide Generation es kaum irgendwo zu höherer Ausgestaltung brachte. Schon ein- zellige Tiere sind, wenn geschlechtlich differenziert, im allgemeinen diploid, und die haploide Generation ist nur noch durch die Geschlechtsprodukte bei ihnen vertreten. Bei solchen niederen Gewächsen, die zwar schon geschlechtlich differenziert sind, aber noch keine selbständige, diploide Generation ausbilden, bei welchen vielmehr das Befruchtungsprodukt, d. h. die Zygote, sofort bei ihrer Keimung die Reduktionsteilung ausführt, ist ,, jungfräuliche Zeugung", d. h. Partheno- Parthenogenesis. genesis nicht eben selten. Unterbleibt die Befruchtung, so wächst einfach das Geschlechtsprodukt, das wir als Gamete bezeichnet hatten, ohne Reduktions- teilung zu dem haploiden Wesen aus. Wo aus der Zygote aber eine besondere diploide Generation hervorgeht, deren Körper zwischen Befruchtung und Reduk- tionsteilung eingeschaltet ist, da wird die Sache schwieriger. Da hilft sich der Organismus unter Umständen durch vegetative Kernverschmelzung über die ausgebliebene Befruchtung hinweg. Solches ist beispielsweise bei Farnen, und zwar besonders bei Kulturformen einzelner ihrer Arten beobachtet worden. An jenem kleinen, grünen, blättchenartigen Gebilde, das wir als die haploide Genera- tion der Farne kennen lernten, werden in solchen Fällen die Geschlechtsorgane mangelhaft oder gar nicht ausgebildet, dafür drängt sich an bestimmten Stellen der Kern einer Zelle durch eine der in der Wand vorhandenen Poren in die Nachbarzelle hinein und verschmilzt mit ihrem Kern. Die beiden haploiden Kerne haben auf diese Weise einen diploiden Kern gebildet, und dieser beginnt sich mitsamt seiner Zelle zu teilen und gibt der diploiden Farngeneration den Ursprung. — Eine ganze Anzahl angiospermer, d. h. mit einem Fruchtknoten, der die Samenanlagen umschließt, ausgestatteter Phanerogamen, so beispiels- weise Vertreter der Gattung Alchimüla, die unsere Wiesen bewohnt und den deutschen Namen Frauenmantel führt, haben sich so eingerichtet, daß sie die Reduktionsteilung bei der Bildung der Embryosäcke ausschalteten und solcher- maßen Eier mit unverminderter Chromosomenzahl erzeugen, die somit soviel Chromosomen besitzen, wie wenn sie befruchtet wären und daher der Befruch- tung für ihre Fortentwicklung zum Keim nicht bedürfen. Ein solches Ver- halten, ebenso wie das bei den Farnen geschilderte, wird als ,, Geschlechtsverlust" 70 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Apogamie, odcr „Apogamic" bezeichnet. Solche Entwicklung aus einem diploiden Ei wird von mancher Seite auch zu den Erscheinungen der Parthenogenesis gerechnet. Das geschieht durch Forscher, die den Schwerpunkt darauf legen, daß es eben doch ein Ei ist, von dem die Entwicklung ausgeht, und daß dieses nicht be- fruchtet wurde. Echte Parthenogenesis würde aber in Wirklichkeit nur dann vorliegen, wenn ein Ei mit reduzierter Chromosomenzahl ohne Befruchtung in die Keimbildung einträte. Aus der Verschmelzung von zwei haploiden Kernen zu einem diploiden Kern bei der Befruchtung ergeben sich aber noch andere wichtige Gesichts- punkte für die theoretische Beurteilung des letzteren. In einem solchen diploi- den Kern, dem ,, Keimkern", ist nämlich die eine Hälfte der Chromosomen vä- vätcriichor und terlichcn Ursprungs, d. h. sie stammt von dem Kern, den wir als Spermakern Sprung der bezcichnet haben, die andere ist mütterlicher Herkunft, d. h. es hat sie der Ei- chromosomen. j^gj.j^ geliefert. In beiden Geschlechtskernen waren sämtliche Merkmale der Art vertreten, Vater und Mutter sind daher in gleichem Maße an den Eigenschaften des Befruchtungsproduktes beteiligt. Sehen wir die Chromosomen in jedem der beiden haploiden Geschlechtskerne aus Gründen, die wir früher entwickelt ha- ben, als untereinander verschieden an, so wird der diploide Keimkern je zwei Chromosomen gleicher Art, die wir als homolog betrachten müssen, besitzen. Diese ihre Homologie markiert sich auch tatsächlich bei jedem Teilungsschritt im Aussehen der Kernplatten. Da sind die einander entsprechenden Chromo- Paarweise An- somen, in oft schr auffälliger Weise, zu Paaren angeordnet, d. h. je zwei Chromo- Chromosomen in somen Hegen einander genähert und parallel. In der haploiden Generation zeigen '^'^^°"^^"^°''°®°' die Chromosomen auf entsprechendenTeilungsstadien keine derartige Anordnung. In besonders eindringlicher Weise führen die homologen Chromosomen diploider Kerne ihre paarweise Gruppierung dem Beobachter in solchen Fällen vor, wo Konstante erhebüchc Größenunterschiede zwischen den nicht homologen Chromosomen schiede der bcstehcn. Jc zwei gleich große Chromosomen sind dann ausnahmslos in jedem Chromosomen, pg^g^j. vertreten (Fig. i8). Solche Erscheinungen sind wohl geeignet, auch die Vorstellung, daß die Chromosomen untereinander verschieden sind, in sehr ein- leuchtender Weise zu stützen. Ursprung Solche homologe Chromosomen sind es nun auch, die sich zu den Gemini ■ paaren, wenn der Zeitpunkt der Reduktionsteilung gekommen ist. Da erweisen sich wieder Kerne, denen verschieden große Chromosomen zukommen, als be- sonders lehrreich. In der Reduktionskernplatte bekommt man dann verschie- den große Gemini zu sehen (Schema Fig. 13 B) und kann feststellen, daß jeder Geminus aus zwei gleichgroßen Chromosomen zusammengesetzt ist. Die Gemini wenden, wie wir früher schon festgestellt, den einen ihrer beiden Komponenten dem einen, den andern dem andern Pol zu, doch nach welchem der beiden Pole sein väterliches, nach welchem sein mütterliches Chromosom ge- richtet ist, bleibt für jeden Geminus dem Zufall überlassen (Fig. 13 B). Den beiden Tochterkernen, die mit halbierter Chromosomenzahl aus der Reduk- tionsteilung hervorgehen, ist der volle Chromosomensatz gesichert, da sie von jedem Geminus eines der beiden einander homologen Chromosomen erhalten; rotno- somen im BefruchtuiiKs- Die Chromosomen während der Karyokinese 7 1 doch wieviel Chromosomen in diesem vollen Satz väterlichen und wie viel Tr.-imung eiter- 1 • j r^ lieber Cbromo- mütterlichen Ursprungs smd, unterliegt dem Wechsel. In der haploiden Gene- somen bei der ration, die nunmehr entsteht, wird an diesem Zustand nichts geändert, da ihre ^tei"ung"^ Kernteilungen sich typisch, d. h. mit Längsspaltung der Chromosomen voll- ziehen, den geschaffenen Zustand also festhalten. Dieser ist dementsprechend auch in den Geschlechtsprodukten vertreten, die von der haploiden Generation erzeugt werden. Alle die verschiedenen Kombinationen väterlicher und mütter- N.-ue Komw- licher Chromosomen, welche die Reduktionsteilung schuf, finden sich also "jcherch^ ^"^ schließlich in den Geschlechtsprodukten wieder, die ihren Ursprung von ihnen ableiten. Aus der Vereinigung verschiedener Geschlechtsprodukte im Be- Vorgang fruchtungsakt müssen sich dann weiter die mannigfaltigsten Mischungen er- geben. Man begreift es unter diesen Umständen wohl, daß Kinder die Eigenart ihrer Vorfahren nicht übereinstimmend aufweisen. Schon im Jahr 1865 war der Abt Gregor Mendel* in ^i^^\-S Brunn bei seinen Versuchen über Pflanzenhybriden zu ^^ ■■'<'^ äMr^^':^---^... Die Merkmai- spaltung. dem Ergebnis gelangt, ,,daß die Hybriden verschieden- artige Keim- und Pollenzellen bilden, und daß hierin der Grund für die Verschiedenheit ihrer Nachkommen liegt". Die Fortschritte der Zellenlehre gestatten es nunmehr, dieses aus Züchtungsversuchen abstrahierte Ergebnis an ''' j. ,r .. j. . . -n 1 1 i.- ^ -1 u ^'S- 18. Junge Gewebe- die Vorgange, die sich bei einer Reduktionsteilung ab- zeiie, dem Querschnitt einer spielen, anzuknüpfen, und sie von ihnen abzuleiten. Sie elTa^f rntn^^^.t'tu stärken zugleich die Annahme, daß der Kern der eigent- «»"^r Kempiatte in Poian- sieht, die Chromosomen zu liehe Träger der erblichen Eigenschaften sei. Die experi- Paaren angeordnet zeigend. mentellen Studien über Vererbung, die seit 1900 eine ergr. i 00. außerordentliche Ausdehnung und Bedeutung gewonnen haben, lehren uns, daß die Spaltungen bestimmter Merkmalpaare sich bei der Keimzellbildung in gegenseitiger Unabhängigkeit vollziehen. Die Zahl der unabhängigen Spal- tungen ist bei manchen Hybriden, so im besondern bei den schon durch Gregor Mendel studierten Hybriden von Erbsenrassen, so groß, daß die bei der Re- duktionsteilung gebotene Zahl sich spaltender Gemini — bei den Erbsen sieben — nicht ausreicht, um sie zu decken. Doch haben wir es bei Schilderung der Prophasen der Reduktionsteilung wahrscheinlich zu machen gesucht, — was freilich andere negieren — , daß eine Paarung der Chromosomen sich zur Zeit der Synapsis schon vollzieht, in jenem Stadium, welches das Kerngerüst zum Knäuel zusammengezogen zeigt. Die hierauf folgende Streckung der Paare böte ihnen zu stofflichem Austausch Gelegenheit genug. Es fiel wiederholt schon auf, daß Arten derselben Pflanzengattung sich in der Zahl ihrer Chromosomen unterscheiden, und daß eine Art zweimal, bezie- hungsweise auch viermal so viel Chromosomen führt als ihre nächste Ver- wandte. Für manche solcher Fälle läßt sich heute bereits mit Bestimmtheit an- nehmen, daß eine Vervielfältigung des Chromosomensatzes vorliegt. Diese Be- vcrvieifäitiguntj stimmtheit rührt daher, daß in einer jener Kulturen von Oenotheren, gelbblüti- chromosomen- gen ,, Nachtkerzen", wie wir sie von unserer Flora her kennen, und die Hugo ^''*^** 72 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre de Vries* auf Mutationen, d. h. sprungweise Änderungen hin studierte, eine neue Form mit plötzlich verdoppelter Chromosomenzahl auftauchte. Diese neue Form wurde von Hugo de Vries Oenothera gigas genannt, und zwar aus dem Grunde, weil sie in allen ihren Teilen vergrößert ist. Sie führt 32 statt 16 Chro- mosomen in ihren somatischen Kernen, die somit ihrem Ursprung nach tetraploid wären. Die Zunahme der Chromosomenzahl in den Kernen hat ihre entsprechende Vergrößerung veranlaßt, und diese wirkte weiter auf die Zellgröße ein, ein Beleg dafür, daß zwischen Kernmasse und Zellmasse ein bestimmtes Massenverhältnis besteht. Auch sonst, wenn von zwei nahe ver- wandten Arten die eine mehr Chromosomen als die andere führt, ihre Chromo- somen aber nicht kleiner sind, ist eine entsprechende Verschiedenheit der Kerngrößen vorhanden. Vegetative Kern- Nur als Wahrscheinlich läßt sich hinstellen, daß, wo eine Chromo- '''*"^^'' "^ '""^*"''' somenverdoppelung sich plötzlich einstellt, sie veranlaßt wurde durch die Verschmelzung zweier somatischer Kerne in der Keimanlage. Bei der ersten Teilung des befruchteten Eies dürfte in solchen Fällen eine Zellteilung auf die Kernteilung nicht gefolgt sein, was die erzeugten Schwesterkerne veran- laßte, sich zu einem Kern zu vereinigen. Ähnliche Erscheinungen sind auch sonst bekannt, sie können auch künstlich angeregt werden. So vermag man in wachsenden Wurzelspitzen, die man in Chloralhydratlösungen taucht, den Gang der Kern- und Zellteilungen aufzuhalten. Die Wurzeln ver- tragen eine solche Behandlung, falls sie nicht zu lange dauert. Man wäscht sie hierauf aus, läßt sie weiter wachsen und stellt dann fest, daß in Zellen, in welchen die Kernteilung schon vollzogen war, und man nur die Teilung des Zytoplasmas unterbrach, die erzeugten Schwesterkerne miteinander wieder verschmelzen. Chromatin und Schwerwicgcnde Gründe sprechen dafür, daß die Kerne die Träger erb- licher Eigenschaften sind. Welche Bestandteile des Kerns mit dieser Aufgabe aber besonders zu betrauen wären, ist zurzeit noch schwer zu entscheiden. Im allgemeinen besteht die Neigung, das ,, Chromatin", also die stärkst tingier- bare Substanz des Kerns, für diese Rolle in Anspruch zu nehmen. Doch das geht in so allgemeiner Fassung nicht an. Denn die im Kern vorhandene Chro- matinmenge schwankt je nach dem Entwicklungszustand, in dem sich der Kern befindet. Sie nimmt zu in den Prophasen der Teilung, sie nimmt ab wäh- rend der Telophasen. Im umgekehrten Verhältnis sinkt und steigt zu gleicher Zeit die Menge der übrigen Bestandteile des Kerns, was die Vorstellung erweckt, daß Stoffwandlungen im Kern die Ursache dieser Erscheinung sind. Bei höher organisierten Pflanzen läßt sich zudem feststellen, daß der Spermakern weit weniger Chromatin dem Eikern zuführt, als in diesem vorhanden ist (Fig. 19). Die beiden Geschlechtskerne müssen aber doch gleiche Mengen von Erbsubstanz der Keimanlage zuführen, da sie in ganz übereinstimmendem Verhältnis an den spezifischen Merkmalen beteiligt sind, die auf die Nachkommen übertragen werden. Die eigentlichen Erbeinheiten im Kern entziehen sich augenscheinlich unserer Wahrnehmung. Wir haben allen Grund, sie für sehr klein zu halten, da Chromatin und Erbsubstanz 73 die Gesamtmenge an Substanz, die ein Spermakern dem Eikern zuführt, an sich schon bei den höher organisierten Pflanzen sehr gering ist. Bei unserer zwei- häusigen Nessel {Urtica dioica L.) ergab mir die Messung der wurmförmigen Spermakerne (Fig. 19 5 5p), nach ihrem Eindringen in den Embryosack, eine durchschnitthcheLänge von drei Tausendstel Millimeter, bei einer Dicke vonsechs Zehntausendstel Millimeter. Der annähernd kugelige Eikern (Fig. igBn) hatte einen Durchmesser von sechs Tausendstel Millimeter aufzuweisen. Der Sperma- sns j^ ^ W^r B an nu } W: "■■|^ sns !>;i ^\. ^- Fig. ig. Befruchtung der zweihäusigen Nessel (Urtica dioica L). In A der gauze Embryosack e und der seinen Scheitel deckende Teil des sog. Knospenkerns oder Nucellus me der Samenanlage ; unten im Embryosack die Gegen- füßlerinnen oder Antipoden ««. Vergr. 400. In B die obere Hälfte von W stärker vergrößert, et Ei, n Eikern, ns dessen Nukleolus, sy Spermakern, sg- eine bereits desorganisierte Begleitzelle des Eies, Synergide, //i Pollenschlauch, en Embrj'osackkern, ns dessen Nucleoli, zwei an Zahl, weil dieser Embryosackkera aus der Verschmelzung von zwei Kernen hervorgeht; s/i" der zweite Spermakern des Pollenschlauches, der sich zum Embryosackkern bewegt, um mit ihm zu verschmelzen. Dieses Verhalten ist den angiospermen Phanerogamen eigen, erst nach der Aufnahme des Spermakerns tritt der Embryosackkern in Teilung ein, um das Endosperm zu liefern. In C die obere Hälfte des Embryosacks nach vollzogener Befruchtung; im Keimkern A'K der Nukleolus des Eikerns ns und der des Sperma- kerns uns zu sehen; im Endospermkern /n der große Nukleolus ns das Produkt der Verschmelzung der beiden Kerne, die den Embryosackkern gebildet hatten, und sns der Nukleolus des in den Verband aufgenommenen zweiten Spermakerns. Vergr. von ß und C 1600. kern war gleichmäßig dicht, stark tingierbar; der Eikern führte ein großes, sich ebenfalls stark färbendes Kernkörperchen {ns) , im übrigen nur geringe Mengen tingierbaren Inhalts. Ein Drittel der Substanz des Spermakerns wird nach seiner Vereinigung mit dem Eikern noch zur Bildung eines Kernkörper- chens {sns) verwendet. Man kann danach ermessen, was für die Substanzmenge 74 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Übrigbleibt, welche alle Merkmale des männlichen Erzeugers auf den Nach- kommen zu übertragen hat. Sie übersteigt nicht das Volumen eines der kleinen Stäbchenbakterien. Aus der Art und Weise, wie sich die Spaltungen der zu vererbenden Merk- male bei den Hybriden vollziehen, muß man den Schluß ziehen, daß die Arbeits- teilung innerhalb der Kerne, in Hinblick auf Vererbung, bei höher organisierten Pflanzen und Tieren so weit gediehen ist, daß die haploiden Kerne jede Erb- einheit nur einmal, die diploiden Kerne somit zweimal führen. Die Vervielfäl- tigung des Chromosomensatzes hätte eine entsprechende Vermehrung der homo- logen Erbeinheiten zufolge. Die homologen Erbeinheiten würden sich nur so- weit voneinander unterscheiden, als es ihr Ursprung bedingt. Je übereinstim- mender die Eltern, umso geringer auch die Unterschiede zwischen ihren homo- logen Erbeinheiten. Bei bedeutenderer Verschiedenheit der Eltern, wie sie in hybriden Befruchtungen vorliegt, wird manche Erbeinheit des einen Erzeugers keinen Partner in dem andern finden. Einfacherer Bau Solche Strukturen, wie sie der Protoplast der hoch organisierten Pflanzen rotop asten. ^^^^^.^^^ könueu nicht von Anfang an bestanden haben. Sie sind vielmehr das Ergebnis einer fortschreitenden, phylogenetischen Sonderung und Arbeits- teilung. So kommt es, daß man bei der Untersuchung desZelleibes von Organis- men, die zu den untersten Abteilungen des Pflanzenreichs gehören, auf unvoll- kommenere Sonderungen stößt, welche die Deutung der Teile erschweren. So werden bestimmte Körnchen, welche die üblichen Kernfarbstofle speichern, jetzt meist für den Kernsubstanzen der höheren Pflanzen entsprechende Be- Bakteriea und standtcüe in den Protoplasten der Bakterien und der sog. Spaltalgen (Zyano- pa ta gon. p}^y2ggn) gehalten. Wo solche Bestandteile im Zelleib verstreut sind oder sich nicht zu einem besonders abgeschlossenen Körper im Zytoplasma gesammelt haben, spricht man von „diffusen" Kernen. Ebenso fällt es unter Umständen schwer bei solchen niederen Organismen, wenn sie grün gefärbt sind, den ge- färbten Teil des Protoplasten gegen den ungefärbten als besonderen Chroma- tophor abzugrenzen: so vielfach bei den Spaltalgen. Zur Ergänzung des Bildes wäre hinzuzufügen, daß genannte Bakterien und Spaltalgen zu den allerunter- sten Abteilungen des Pflanzenreichs gehören. Zudem liegen in den Bakterien die kleinsten Wesen vor, die uns zurzeit bekannt sind. Sie stellen der Haupt- sache nach farblose Kügelchen, Stäbchen oder Schrauben vor, die uns erst durch die stärksten Vergrößerungen offenbart werden. Die Spaltalgen erreichen schon wesentlich größere Dimensionen und treten vornehmlich in Gestalt blaugrün ge- färbter, zylindrischer oder perlschnurförmiger Zellreihen auf. — Die Schleim- Ontogenie eines pilzc (Myxomyzetcn), in deren ,,Ontogenie", d. h. Entwicklungsgeschichte, jene eimpi zos. Plasmodien gehören, die uns als nackte Protoplasmamasse schon beschäftigt haben, besitzen gut abgegrenzte Kerne, und es sind bei ihnen auch paarige, auf Befruchtung hinweisende Kernverschmelzungen nachgewiesen worden, mit solchen darauf folgenden Kernteilungen, die wie Reduktionsteilungen aussehen. Befruchtungsvorgänge können sich somit in sehr tiefstehenden Abteilungen des Pflanzenreichs schon ausbilden, allem Anschein nach aber doch erst dann, wenn Der Protoplast niederer Kryptogamen yc bereits wohlabgegrenzte Kerne vorliegen. Den Bakterien und Spaltalgen gehen geschlechtliche Vorgänge demgemäß ab. In dem großen Algenreich, das die Gewässer unseres Erdballs belebt, das im Meere sich in so mannigfaltigen Richtungen fortentwickelt hat und dort zu so bedeutender Formvollendung gelangte, kam es auf einer höheren Stufe der Gestaltung stets zur Ausbildung echter, aus embryonalen Zellen bestehender Vegetationspunkte. Am Ausgangspunkt aller Entwicklungsreihen stehen aber solche Arten, deren sämtliche Zellen sich noch annähernd gleich verhalten und übereinstimmend die Merkmale älterer, pflanzlicher Zellen zeigen. Die Spiro- gyra, jene grüne Süßwasseralge, mit der wir uns schon befaßt haben, um ihre Ontogenie einer grünen Chlorophyllbänder zu betrachten, besteht aus lauter gleichwertigen, zu P^^°syra- einem unverzweigten Faden aneinander gereihten Zellen. Jede Zelle weist einen dünnen Wandbelag aus Zytoplasma auf, in welchem auch das grüne Chloro- phyllband verläuft, und einen weiten, mit wässriger Flüssigkeit erfüllten Saft- raum. Sie verhält sich also wie eine ältere Gewebezelle der höher organisierten Gewächse. Ihr Zellkern liegt entweder im Wandbelag, oder er ist inmitten des Saftraumes suspendiert an Zytoplasmafäden, die zum Wandbelag verlaufen, um dort an Stellen zu endigen, wo in den grünen Chlorophyllbändern je ein eiweißartiger, von kleinen Stärkekörnern umhüllter Körper, das sog. ,,Fyrenoid", sich befindet. Diese Tatsache ist interessant, weil sie wieder auf bestimmte Bezie- hungen des Kerns zu den Stoffwechselvorgängen in der Zelle hinweist, Bezie- hungen, die uns schon mehrfach entgegentraten. In der Art, wie sich eine solche ZcuteUung Spirogyrazelle teilt, weicht sie von einer mit Saftraum ausgestatteten Gewebe- *' ' p"'"^'"'*- zelle der höher organisierten Gewächse einigermaßen ab. Die Erscheinungen, die das lebende Objekt bei seiner Teilung darbietet, sind überaus lehrreich und geeignet, die Eindrücke zu ergänzen, die wir bei dem Studium der Kern- und Zellteilung an fixiertem Material gesammelt haben. Die Pflanze lebt im süßen Wasser, ist nur eine Zelle dick, also durchscheinend, läßt sich somit unter ihr zusagenden Verhältnissen ohne alle Präparation im Wassertropfen bei ent- sprechender Vergrößerung beobachten. Ihr einziger Fehler besteht darin, daß sie sich des Nachts teilt. Doch diesem Fehler ist abzuhelfen. Man kühlt des Abends das Wasser, in welchem sich die Pflanze befindet, unter 5° C ab und er- hält es kalt die Nacht über, indem man nur dafür sorgt, daß seine Temperatur nicht bis auf 0" sinkt. Erwärmt man das Wasser am nächsten Morgen, so stellen sich die Teilungen alsbald ein. Man hat für diese Untersuchung eine Spirogyra- art mit zentral aufgehängtem Kern gewählt. Das erste, was man bemerkt, ist eine Breitenzunahme dieses Kerns. An seinen beiden Endflächen hat sich zu- gleich mehr Zytoplasma angesammelt. Die Körnchen, die dieses Zytoplasma führt, bewegen sich hin und her, seine Grundmasse zeigt die Neigung, in Fäden, die senkrecht gegen die Endflächen des Kerns gerichtet sind, sich zu sondern. In den zytoplasmatischen Aufhängefäden wandern auch die Körnchen; sie strö- men als Nahrung dem Zellkern zu. Eine halbe Stunde etwa nach Beginn des Vorgangs hat die im Saftraum suspendierte Kernmasse wohl um das Vierfache y5 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen und Gewebelehre an Länge zugenommen. Sie erscheint jetzt als glasheller Zylinder. In diesem ist das Kernkörperchen, das sich zunächst scharf inmitten des Kerns zeichnete, nicht mehr zu unterscheiden. Die Körnchen, die an den beiden Endflächen des Kerns angesammelt waren, haben währenddem abgenommen. Eine Zeit lang herrscht dann Ruhe. Hierauf sieht man plötzlich die glashelle Substanz sich von den beiden Polen des Zylinders aus gegen seine Äquatorialebene hin in Fäden sondern. Zugleich läßt sich mehr oder weniger deutlich eine Verdichtung der Substanz in der Äquatorialebene erkennen. Es ist das die Kernplatte, die etwas stärker als die angrenzenden Spindelfasern das Licht bricht. Nähere Einblicke in den Bau dieser Kernspindel würden uns erst entsprechend fixierte und ge- färbte Präparate gewähren, dann auch zeigen, daß hier ähnliche Sonderungen wie bei höher organisierten Pflanzen vorliegen. Auffällig könnte es uns vielleicht nur scheinen, daß die Spindelfasern nach den Polen zu nicht konvergieren, son- dern daß sie annähernd parallel verlaufen; doch das kommt unter Umständen auch bei höheren Pflanzen vor. Der Fertigstellung der Kernplatte folgt eine Ruhepause, entsprechend der, auf die wir auch aus der häufigen Wiederkehr be- stimmter Bilder in fixiertenPräparaten höherer Pfianzenfrüher geschlossen hatten, und die den Wendepunkt im Teilungsvorgang bedeutet. Sie hält hier eine Viertel- stunde etwa an. Darauf sieht man die Kernplatte sich spalten und ihre Hälften auseinanderweichen. Sie entfernen sich so rasch voneinander, daß ihre Bewegung schon bei nicht allzustarker Vergrößerung verfolgt werden kann. Der Raum zwischen den beiden Tochterkernplatten schimmert rötlich durch, innerhalb der dichteren Zytoplasmamasse, die ihn umhüllt. Die Substanz, die den Raum füllt, muß schwächer lichtbrechend sein. Der tonnenförmige Körper, in welchem diese Vorgänge sich abspielen, streckt sich weiter in die Länge. Die rege Tätig- keit, die in ihm herrscht, gibt sich in seinen Lageänderungen zu erkennen. Er schwankt hin und her, neigt sich bald nach dieser bald nach jener Seite. An seinen beiden Enden strahlt das Zytoplasma in Fortsätze aus, die zum proto- plasmatischen Wandbelag verlaufen. Neue Fortsätze werden durch den Saft- raum entsandt, die tastend den äußeren Belag erreichen. Die beiden Tochter- kernanlagen stellen ihre auffällige Bewegung ein, worauf die zytoplasmatische Mantelschicht, durch welche sie verbunden werden, sich in einzelne Stränge spal- tet. So rasch spielt sich das alles ab, daß man vom Beginn des Auseinander- weichens der beiden Kernplattenhälften bis zu diesem Augenblick kaum 7 Mi- nuten gezählt haben dürfte. Die Tochterkernanlagen sehen wie homogene, das Licht stärker als die Umgebung brechende Scheiben aus. Letztere schwellen nun an, so daß sie einen elliptischen Umriß erhalten, worauf in ihrem Innern meh- rere durch besondere Lichtbrechung ausgezeichnete Kernkörperchen auf- tauchen. Schließlich vereinigen sich diese zu einem einzigen, großen Nukleolus. Die zwischen den beiden Tochterkernen ausgespannten Stränge wölben sich in- zwischen immer stärker nach außen vor. Zum Unterschied von dem Zell- teilungsvorgang bei höheren Pflanzen wird die Scheidewand, durch welche eine Spirogyrazelle halbiert werden soll, nicht zwischen den beiden Tochterkernen angelegt, sondern ihre Bildung schreitet von der Hautschicht der Mutterzelle Kern und Zellteilung von Spirogyra 77 langsam nach innen fort. Etwa 45 Minuten nachdem der Zellkern die erste Teilungsregung verriet, stellen sich in halber Länge der Zelle innerhalb des protoplasmatischen Wandbelags die beginnenden Anzeichen der Zellteilung ein. Der Wandbelag erscheint dort etwas dicker und körnchenreicher. Die Körnchen werden ihm durch Ströme zugeführt, deren Bewegung sich ver- folgen läßt. Seine ringförmige Anschwellung tritt bald deutlich vor. In Be- rührung mit der Hautschicht stellt sich eine Querstreifung des Zytoplasma- ringes ein, die an den faserigen Bau der Phragmoplasten höher organisierter Pflanzen erinnert. Ähnlich wie in letzteren bilden die Zytoplasmastreifen, denen auch hier wohl kinoplasmatische Natur zukommt, eine Hautschicht, die als schmale Leiste sich der Mutterhautschicht anfügt. Dann spalten sich sowohl Ansatzstelle wie Leiste durch Ausscheidung einer Zellhautstofflamelle, die bis zur Mutterzellhaut reicht. Dieses Verfahren wird fortgesetzt durch Ergänzung der Haut- schichtleiste und der Scheidewand in dieser an ihrer Innenkante. Der Ring aus Zytoplasma, in welchem dieses sich abspielt, verengt sich dementsprechend immer mehr. Er drückt gegen die Chlorophyllbänder, die dadurch gegen das Zellinnere vorgewölbt werden (Fig. 20 ch). Schließlich durchbricht er sie, um des weiteren auf die auseinanderspreizenden Stränge, welche die jungen Tochterkerne verbinden, zu stoßen und sie nach innen zu drängen. Die zusammen- gedrängten Stränge sehen alsbald wie eine Sand- uhr aus. SchheßHch begegnen sich die Innen- ränder des Zytoplasmaringes und verschmelzen zu einer Zytoplasmascheibe. Innerhalb dieser wird das noch fehlende Mittelstück der Querwand rasch ergänzt. Der ganze Teilungsvorgang einer solchen Spirogyrazelle von den ersten, sichtbaren Veränderungen am Zellkern an bis zur Fertigstellung der Scheidewand nimmt etwa 4 Stunden in Anspruch. Ich habe ihn hier eingehend geschildert, weil er mir besonders geeignet erscheint, unsere früheren, an fixierten Protoplasten gewonnenen Eindrücke zu ergänzen, und er uns zudem einen tieferen Einblick in das Leben eines solchen Mikrokosmos gewährt hat. — Daß alle Zellen eines Spirogyrafadens gleichwertig sind, zeigt dieser Faden durch die Fähigkeit an, unter Umständen in seine Zellen zu zerfallen. Die Zellen trennen sich voneinander, und jede gibt durch fortgesetzte Teilungen einem neuen Faden den Ursprung. Das ist die einzige Art ungeschlechtlicher Vermehrung, über welche diese Alge verfügt. Zudem pflanzt sie sich auf ge- schlechtlichem Wege fort und führt uns, wenn sie es tut, diesen Vorgang in einer seiner einfachsten Formen vor die Augen. Zwei Fäden, die einander sehr Befruchtung der ähnlich sind, dessenungeachtet als geschlechtlich verschieden gelten müssen, nehmen annähernd parallele Lage an und treiben gegeneinander kurze, warzen- förmige Ausstülpungen. Es sind aller Wahrscheinlichkeit nach Einflüsse che- F i g. 20. Eine Spirogyrazelle in Teilung. u einer der beiden Tochterkerne, w die wachsende Scheidewand, c/t ein durch letz- tere nach innen gedrängtes Chlorophyllband. Vergr. 250. Spirogyra. 78 Eduard Strasburger; Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre mischer Art, sog. chemotaktische Reize, welche diese Erscheinung veranlassen, und zwar geht die stärkere Wirkung von dem Faden aus, der sich weiterhin als der weibliche zu erkennen gibt. Die Ausstülpungen der beiden Fäden treffen aufeinander und vereinigen sich. An den Vereinigungsstellen schwinden die trennenden Wände, während in den beiden Zellen die Protoplasten sich von der Zellwandung zurückziehen, abrunden, gegeneinander bewegen und schließlich kopulieren (Fig. 21). Die Frotoplasten des einen Fadens fließen dabei in den an- dern über, weshalb man diesen letzteren als weiblichen bezeichnet. Aus den beiden Gameten, denn solche stellen diese beiden kopulierenden Protoplasten dar, geht die Zygote hervor. Diese Zygote stellt einen ellipsoidischen Körper dar, der mit Protoplasma dicht angefüllt ist, keinen Saftraum aufweist und an seiner Oberfläche sich mit einer derben Zellwandung umgibt. Sie macht einen längeren Ruhezustand durch, wobei ihr In- halt sich verfärbt und bräunliche Töne annimmt. Es wird an- gegeben, daß nur die vom weiblichen Protoplasten stammen- den Chlorophyllbänder in der Zygote erhalten bleiben, um auf die nächste Generation überzugehen, daß hingegen die vom männlichen Protoplasten stammenden der baldigen Desorga- nisation anheimfallen. Es wäre das einer der ersten Schritte, um die zytoplasmatischeVorherrschaft des weiblichen Game- ten zu begründen. Die in der Zygote vereinten beiden Kerne kommen zur Vereinigung, wodurch ein diploider Keimkern entsteht. Bei der Keimung wird die Wandung der Zygote ge- sprengt, ihr Inhalt streckt sich fadenförmig, und ihr diploider Kern führt eine Reduktionsteilung aus. Seine beiden Tochter- kerne teilen sich noch einmal und schaffen die Vierzahl der Kerne, wie sie uns von den Reduktionsteilungsvorgängen her schon bekannt ist. Alle vier haploiden Enkelkerne befinden sichin demselben Zellraum, da Zellteilungen ihre Vermehrung nicht begleitet haben. Da nun dieser Zellraum nur einen ein- zigen Kern brauchen kann, löst er drei Kerne auf und behält nur einen. Das be- kräftigt unsere Ansicht, daß der Reduktionsteilungsvorgang als solcher die Bil- dung von vier Kernen verlangt, sonst würde deren Bildung, da nur ein Kern hier nötig ist, unterbleiben. Und ähnlichen Erscheinungen begegnet man auch sonst häufig genug, sowohl im Pflanzenreich wie im Tierreich. — Georg Klebs* gelang Parthenogenesis CS, Spirogyreu, dic in Kopulation begriffen waren, Parthenogenesis aufzuzwingen, pirogyra. (jg^^jm-ch, daß er sie in öprozentige Zuckerlösung oder in i prozentige Nähr- salzlösung überführte. Dann entstanden außer normalen Zygoten ,,Partheno- sporen", und zwar aus Gameten, die ohne Kopulation sich mit einer derben Zell- wandung umgaben. Auch diese Parthenosporen geben dann je einem Spiro- gyrafaden den Ursprung. Es läßt sich annehmen, daß dies ohne vorausgehende Reduktionsteilung erfolgt. — - Schon die erste Zelle eines Spirogyrafadens, die aus einer Zygote oder Parthenospore sich entwickelt, bildet einen Saftraum aus und erhält dadurch das Aussehen einer älteren Pflanzenzelle. Von einem embry- Keimung bei Spirogyra. Fig. 21. Zwei Fäden voa Spirogyra quinina in Ko- pulation. In z je eine schon fertige Zygote. Vergr. 250. Befruchtung von Spirogyra. 15au der Cladophora 79 onalen Zustand könnte man somit bei einer solchen Pflanze nur in Beziehung auf die mit Protoplasma ganz angefüllte Zygote oder Parthenospore sprechen. Die Zellteilung der Spirogyren hat eine nicht geringe Rolle in der Geschichte unserer Bestrebungen, einen Einblick in das Wesen der Zellteilungsvorgänge zu gewinnen, gespielt. Da man hier am lebenden Objekt das allmähliche Vordringen der Scheidewand von außen nach innen direkt ver- folgen konnte, nahm man um die Mitte des vorigen Jahrhunderts an, daß dieses auch in allen anderen Fällen so geschehen müsse. Es kam sogar zeitweise die Vorstellung auf, es läge bei der Zellteilung eine mechanische Durchschnürung des Zellinhalts durch die in ihn hineinwachsende Zellhaut vor. Solche An- schauungen konnten sich nicht mehr halten, als die Erkenntnis durchbrach, daß im Protoplasma der Schwerpunkt aller Lebensvorgänge liege. Die Zellteilung schließt sich bei Spirogyra un- mittelbar der Kernteilung an, was jeder der beiden Tochterzellen einen Kern sichert. Doch ist die Ver- knüpf ung beider Vorgänge nicht so innig wie bei den höheren Gewächsen, deren Phragmoplast zwischen die Tochterkernanlagen eingeschaltet und an ihnen direkt befestigt wird. In Wirklichkeit verlaufen bei Spirogyra Kern- und Zellteilung unabhängig vonein- ander und treten in gegenseitigenVerband erst in dem Augenblick, wo der an der Innenkante der vordrin- genden Scheidewand befindliche Zytoplasmaring mit den Zytoplasmasträngen in Berührung kommt, die zwischen den beiden Tochterkernen ausgespannt sind. Daher man durch Abkühlung sich teilender Spirogyrazellen unter o^ sowie durch anästhesie- rende Mittel wie Chloroform, Äther oder Chloralhy- drat, die Trennung beider Vorgänge unschwer errei- chen kann. Dann erhält die eine Tochterzelle oft beide Kerne, die andere wird kernlos. In solchen kernlosen Zellen unterbleiben dann verschiedene Lebensvorgänge und zeigen damit ihre Abhängigkeit vom Kern an. Zeigt uns schon Spirogyra, daß Kern- und Zellteilung an sich selbstän- dige Vorgänge sind, die nur für gemeinsame Aufgaben verknüpft werden, so lehren uns dies noch auffälliger vielkernige Zellen. Aus solchen Zellen baut sich die Algengattung Cladophora (Fig. 22) auf, eine Algengattung, der wir noch häufiger als der Spirogyra im Süßwasser begegnen. Bei ihr handelt es sich nicht um einen einfachen, unverzweigten Faden wie bei Spirogyra, sondern um einen verzweigten Fadenbüschel. Dieser flutet auch nicht frei im Wasser, ist vielmehr an einer Unterlage befestigt. Er läßt Scheitel und Basis unterscheiden und weist auch Scheitelwachstum auf. Jeder Faden des Büschels schließt mit einer Das alte Zell- teilungsschema. Beziehungen von Kern- und Zellteilung. Fig. 22. Stück einer Cladophora glomerata. Vergr. 48. Teilung viel- kerniger Zellen. Ontogonie der Cladophora. 8o Eduard Str.\sburger : Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Ursprung der Scheitelzellen. Zellteilung bei Cladophora. Ungeschlecht- liche und geschlechtliche Fortpflanzung der Cladophora. Zelle ab, die seiner Entwicklung vorsteht, daher „Schei- telzelle" genannt werden kann. Sie ist es, die sich vor- nehmlich, bei einzelnen Arten dieser Gattung sogar aus- schließlich, teilt und „Gliederzellen" abgibt, die aus ihrem apikalen Ende sich seitlich ausstülpen, um je einem Seitenzweig den Ursprung zugeben. So weist auch die ganze Verzweigungsart auf eine Polarität von Scheitel und Basis hin. Im übrigen gleicht der Inhalt der Scheitel- zelle dem der Gliederzellen, sie zeigt nicht embryonales Gepräge, vielmehr den Charakter älterer Pflanzenzellen. In den Zellen unserer Cladophoren (Fig. 23) findet man einen ziemlich starken, zytoplasmatischen Wandbelag, der zahlreiche, plattenförmige Chlorophyllkörper und weiter nach innen eine Vielzahl von Zellkernen führt. Der große Saftraum wird bei den meisten Arten von Zytoplasmaplatten durchsetzt. Die Zellteilung spielt sich wie bei Spirogyra ab und weist eine Scheidewand auf, deren Bildung von außen nach innen fortschreitet. Das sieht man am lebenden Objekt, und hat es schon vor langer Zeit beobachtet. Wozu aber die modernen Fixie- rungs- und Färbungsmittel gehörten, das war der Nach- weis, daß sich die Kerne in dem zytoplasmatischen Wand- belag karyokinetisch teilen, und zwar in voller Unab- hängigkeit von der Zellteilung. Es leuchtet ein, daß bei Vielkernigkeit den entstehenden Tochterzellen die nöti- gen Kerne, die nach Bedarf weiter vermehrt werden kön- nen, auch ohne Verknüpfung der Kern- und Zellteilungs- vorgänge gesichert sind. — Die Cladophoren pflanzen sich, wie die meisten grünen Algen, auf ungeschlechtlichem Wege durch ,, Schwärmsporen" fort (Fig. 24). Um diese zu bilden, vermehren sich die Kerne und die Chlorophyllkörper im zytoplasmatischen Wandbelag der Zelle zunächst durch fortgesetzte Teilung, und dann spaltet sich der Wandbelag gleichzeitig in entsprechend viele Abschnitte. Diese runden sich gegeneinander ab und treten dann durch eine scharf umschriebene, in der Zellwand entstandene Öffnung aus ihrem Behälter heraus. Sie stellen birnförmig gestaltete, nackte Protoplasten dar (Fig. 24, 2^Ä)\ an ihrem vorderen, zugespitzten Ende sind sie je nach der Art, der sie angehören, mit vier (Fig. 25^!) oder zwei (Fig. 24) langen Wimpern versehen; sie führen einen Kern und einen Chlorophyllkörper, zudem unfern vom vorderen Ende, als Verdickung der Hautschicht, einen rot gefärbten Strei- pern;inetwahai- fen, dcn sog. Augcnflcck, untcr dem cin linsenförmiger, mit homo- ber Länge, der • -i t Zellkern; rechts gcncr Masse erfüllter Raum liegt, welcher die Vorstellung stärkt, ' '"vergr^^oo^'"''" ^aß CS sich in diesem Apparat um ein lichtempfindendes Organ Fig- 23. Eine Zelle von Cladophora gloraerata, nach einem mit l°/o Cbromsäure fixierten und mit Karmin tingierten Präpa- rate, n Kerne, ch Chromato- phoren,/ Pyrenoide, a Stärke- körnchen. Vergr. 540. Fig. 24. Eine mit 1 % iger Osmium- säure fixierte Schwärmspore von Cladophora glomerata.Unter- halb ihres vorde- ren, zugespitzten Endes zwejWim- Schwärmsporen und Gameten 8t handle. So treten uns hier an einer unzweifelhaften Pflanze im Dienste der un- geschlechtlichen Vermehrung nackte, bewegliche, mit Augenfieck versehene Protoplasten entgegen, die somit Eigenschaften in sich vereinigen, die einst als charakteristische Merkmale des Tierreichs galten. Solche bewegliche Schwärm- sporen kommen aber als Fortpfianzungsorgane fast allen grünen Algen zu. Nach einiger Zeit des Schwärmens setzen sie sich zur Ruhe, indem sie mit ihrem vorderen Ende an irgend einer Unterlage festhaften. Sie scheiden nunmehr Membranstoff an ihrer Oberfläche aus, umgeben sich mit einer Zellhaut, neh- men an Größe zu, bilden einen Saftraum aus und eignen sich so allmählich die spezifisch pflanzlichen Merkmale an. Die Kerne vermehren sich in dem Keimling, er führt Zellteilungen aus und ist bald zu einem neuen Cladophora- faden herangewachsen. — Dieselben Cladophoren, die sich in solcher Weise ungeschlechtlich vermehren, bilden auch beweg- liche Gameten für den Befruchtungsvorgang aus. Dann werden die Kern- und Chromatophorentei- lungen im zytoplasmatischen Wandbelag der Zelle länger fortgesetzt, und die sich einstellende Viel- zellbildung liefert entsprechend kleinere Schwärmer (Fig. 25 5). Bei solchen Arten, deren ungeschlecht- liche Schwärmer mit vier Wimperft ausgestattet sind (Fig. 2^A), kommen diesen geschlechtlichen nur zwei (Fig. 25 5) Wimpern zu. Wenn Gameten aus verschiedenen Zellen, die vielleicht auch ver- schiedenen Individuen angehören müssen, im um- gebenden Wasser einander begegnen, stürzen sie aufeinander los, um sich paarweise zu vereinigen (Fig. 255). Auch hier dürfte es eine chemotaktische Anziehung sein, die sie zusammenführt. Sie treffen mit dem vorderen Ende auf- einander, vereinigen sich dort, legen sich dann seitlich um, verschmelzen der Länge nach und fahren eine Zeitlang fort, weiter zu schwärmen. Daß es sich jetzt um eine schwärmende Zygote handelt, erkennt man daran, daß sie zwei Augenflecke (Fig. 2 5 5, c) hat; auch besitzt sie vier Wimpern statt zweier. Schließlich hört ihre Bewegung auf, sie rundet sich ab, scheidet eine Zellhaut aus und tritt nach verhältnismäßig kurzer Ruhezeit in Keimung ein (Fig. 256"). Eine eigenartige Ausgestaltung hat die pflanzliche Zelle in der Familie der GUederung der Schlauchalgen, der Siphonales, erlangt. Zu dieser Familie grüner Algen gehört die auffällige Gattung Caulerpa (Fig. 26). Ihre europäische Art, Caulerpa proli- fera, bildet im Mittelmeer in geringer Tiefe förmliche Wiesen. Der Uneinge- weihte, der diese Pflanze zu sehen bekommt, mag denken, daß sie einer weit höheren Abteilung des Pflanzenreichs angehört. Denn sie besitzt einen ge- streckten, stengelartigen Körperteil [a), der auf dem Grunde des Meeres hin- kriecht, nach oben flache, blattartige, grüne Gebilde (&), welche die Assimilations- arbeit verrichten, und nach unten reichverzweigte, wurzelartige Fortsätze ir), die der Befestigung dienen, entsendet. Dabei weisen diese Teile Dimensionen K.d.G.m.iv,Bd2 ZeUenlehre etc 6 Fig. 1$. Schematisierte Abbildung einer ungeschlechtlichen Schwärmspore in A, des Kopulationsvorgangs in li a, b, c und der Keimung einer Zygote C. o Augenfleck, n Kerne. Gewählt ist eine marine Cladophoraart mit Schwärmspo- ren, die vier, und Gameten, die zwei Wimpern besitzen. Vergr. etwa 400. 82 Eduard Strasdurger : Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre auf, wie sie bei höher organisierten Gewächsen übhch sind. Das AuffälHgste an dieser Pflanze ist aber das, was erst die mikroskopische Untersuchung offenbart. Sie zeigt, daß dieser ganze Organismus einzellig ist, und daß es sich bei aller seiner Gliederung nur um die Ausstülpungen desselben Zellraumes handelt. Die Membran an seinen Stengel- und blattartigen Gliedern erlangt bedeutende Dicke, wie solche unter den gegebenen Verhältnissen erforderlich ist. Ihr ent- springen Balken, die quer in den Zellraum hineinragen und aus demselben Membranstoff wie die Außenwand bestehen. Durch längsverlaufende Balken werden die quergerichteten verbunden. Der Außenwand schmiegt sich der von seiner Hautschicht umgrenzte Protoplast an. Sein Zytoplasma bildet einen Wandbelag, umhüllt die Balken und ist auch zu freien Strängen ausgespannt, die den mit wässeriger Flüssigkeit erfüllten Saftraum durchsetzen. Überall sind zahl- reiche Kerne im Zytoplasma vertreten ; zu ihnen gesellen sich in den blattartigen Or- ganen kleine Chlorophyllkörner. In den freien Protoplasmasträngen ist eine leb- hafte Strömung zu beobachten, die auch ausieinem Organ des Körpers in das andere sich fortsetzen kann. — Es liegt also in diesem ganzen Organismus schlechter- dings nur eine einzigeZellevor,ein einziger, von einer kontinuierlichen Hautschicht umgebener Protoplast. Seine Weiterent- wicklung vollzieht sich an dem vorderen Ende des stengelartigen Teiles. Dort be- findet sich der Vegetationspunkt, der mit Protoplasma besonders reichlich versehen ist. Er wächst weiter, während in einiger Entfernung von seiner Spitze sich die Anlagen für die blattartigen und die wurzelartigen Glieder vorstülpen. Was im Pflanzenreich sonst durch Zell- vermehrung, Gewebebildung und die Verteilung verschiedener Tätigkeiten auf bestimmte Zellen und Gewebe erreicht ward, kommt hier durch die Gliederung eines einzigen Zellkörpers und die Übernahme der einzelnen Aufgaben durch seine verschiedenen Abschnitte zustande. Diese haben auch die ihrer Funktion entsprechende Gestalt aufzuweisen. Die assimilierenden Teile, für die es gilt möglichst viel Lichtstrahlen aufzufangen, sind blattartig abgeflacht; die der Be- festigung am Meeresgrunde dienenden Organe wurzelartig gestaltet und wie Wurzeln verzweigt; der die Leitung der Assimilate nach den Verbrauchsorten besorgende Teil: stengelartig und lang gestreckt. Je nach ihrer Funktion rea- gieren diese verschiedenen Abschnitte desselben Protoplasten auch anders auf die von außen wirkenden Reize. Der durch das Licht bestimmte ,, Phototropis- mus", der unter dem Einfluß der Schwerkraft stehende,, Geotropismus" zwingen den stengelartigen Teilen eine horizontale, den blattartigen eine emporgerichtete, Fig. 26. Caulerpa prolifera. Die feinen Linien auf den Thallusblättern bezeichnen die Plasmaströme, a Fort- wachsende Spitze der Thallusacbse, bb junge Thallus- lappen, r Rhizoide. '/i nat. Gr. Caulerpa. Infusorien 83 den wurzelähnlichen eine abwärts strebende Richtung auf. — Die Caulerpa pro- lifera vermehrt sich dadurch, daß ihre stengelartigen Teile sich an ihrer vorderen, fortwachsenden Spitze reichlich verzweigen, an ihrem hinteren Ende aber langsam absterben, die Zweige also mit der Zeit selbständig werden. Eine andere Art der Fortpflanzung hat man bei den Caulerpen bisher nicht aufzufinden vermocht, wäh- rend andere Siphonales sich ähnlich wie Cladophora verhalten. Esist, als hätte jene GattungdieFähigkeit, Schwärmsporen und Gametenzu bilden, eingebüßt und sich ausschließlich auf vegetative Vermehrung eingerichtet, was sehr eigenartig wäre. Trotz seiner fortgeschrittenen, äußeren Gliederung und der weitreichenden Sonderungen im Arbeitsteilung unter diesen Gliedern zeigt der Protoplast einer Caulerpa an lelugeTTLre" allen Stellen seines Körpers einen übereinstimmenden, und zwar verhältnis- mäßig einfachen, pflanzlichen Bau. Man begegnet an ihm weder besonderen Strukturierungen der Hautschicht noch des Innenplasmas. Das pflegt im all- gemeinen anders bei einzelligen Tieren zu sein, deren Protoplast es oft zu auf- fälligen, mit bestimmten Leistungen zusammenhängenden Sonderungen brachte. Bei den Wimperinfusorien, den Ciliaten, erreichen letztere einen solchen Grad Bau der wim- der Komplikation, daß man diese Tiere lange Zeit nicht als einzellig wollte gelten lassen. An der Oberfläche des Körpers befindet sich da zunächst die deut- lich abgesetzte, festere ,,Pellikula" , die mit Wimpern bedeckt ist und an einer Stelle des Körpers sich trichterförmig einstülpt, um eine Art Speiseröhre herzustellen. Die durch diese Röhre eingeführte Nahrung wird in eine an ihrem Grunde sich bildende Vakuole aufgenommen, die von der im Körperinnern herrschenden Strömung erfaßt und herumgeführt wird. Die unverdaulichen Reste stößt der Körper dann an einer bestimmten Stelle seiner Oberfläche, die als ,, Zellenafter" bezeichnet wird, hinaus. Zu dem allem kommen noch kon- traktile Vakuolen in konstanter Zahl und Lagerung hinzu, oft auch Kanäle, die in sie münden und ihnen Stoffe zuführen, die dann nach außen gepreßt werden. Daß ein Protoplast es nur bei nacktem Körper, freier Beweglichkeit und den weit schwierigeren Bedingungen tierischer Ernährungsweise zu einem so zu- sammengesetzten Bau bringen konnte, ist leicht einzusehen. Die Kernverhält- nisse bei solchen Wimperinfusorien weichen von den gewohnten Befunden auch Zweierlei Kerne insofern ab, als sie in ihrem Körper neben einem großen ,, Hauptkern" einen ^'^fuso'rTe^n."'" kleinen ,, Nebenkern" führen. Es hat sich eine lehrreiche Scheidung der sonst in demselben Kern vereinigten Substanzen bei diesen Wesen vollzogen, so zwar, daß der mit Kernfarbstoffen sich intensiv tingierende Hauptkern, dem An- schein nach, nur noch zu den somatischen Leistungen des Zelleibs in Beziehung steht, der Nebenkern die generativen Vorgänge beherrscht, somit den Ge- schlechtskern des Protoplasten darstellt. Bei jeder Teilung eines Wimperinfusors verdoppelt sich der Nebenkern, mit Spindelbildung auf karyokinetischem Wege, während der Hauptkern sich streckt, biskuitförmig gestaltet und schließ- Teilung derWim- lich durchschnürt. Der Nebenkern benimmt sich also nicht anders als sonst der Kern bei Zellteilungen, an welche Entwicklungsvorgänge geknüpft sind, während der Hauptkern sich so verhält wie die Kerne jener pflanzlichen Zellen, die sich nicht w^eiter teilen sollen, von ferneren Gestaltungsvorgängen ausgeschlossen 6* teilung und Gene rarionswechsel 84 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre bleiben, und denen es nur darauf ankommt, gewisse Bestandteile der Kernsub- stanz für nahrungsphysiologische Zwecke zu vermehren. Wir erinnern uns im besonderen an das, was uns die langen Internodialzellen der Charazeen in dieser Befruchtung Beziehung lehrten. — Zur Einleitung des geschlechtlichen Vorgangs sehen wir ^'^fusori^n"" zwei Wimperinfusorien sich aneinander legen und durch eine Kopulations- brücke vereinigen. In jedem der beiden Individuen gehen aus dem Nebenkern vier Kerne hervor, was mit Bestimmtheit darauf hinweist, daß ein Reduktions- teilungsvorgang sich vollzogen hat. Die Berechtigung dieser Schlußfolgerung wird durch den weiteren Umstand bestärkt, daß von den vier Kernen nur einer erhalten bleibt, drei zugrunde gehen. Der verbleibende Kern teilt sich dann noch einmal, worauf jedes der beiden Individuen einen Kern durch die Kopu- lationsbrücke in das anderelndividuum entsendet, einenKern aber zurückbehält. Der eintretende Kern vereinigt sich mit dein zurückgebliebenen zu einem ein- zigen Keimkern. Hierauf trennen sich die beiden Tiere voneinander. Ihr Hauptkern zerfällt in Stücke und schwindet; ihr Keimkern teilt sich in zwei Kerne, von denen der eine als Nebenkern, Geschlechtskern, verbleibt, der an- Reduktions- dere zum neuen Hauptkern sich umbildet. Die zwei Kernteilungen, die zur Bil- dung von vier Kernen in jedem der beiden im Geschlechtsakt vereinten In- fusorien führen, müßten uns ganz unverständlich erscheinen, wüßten wir nicht, daß jede Reduktionsteilung die Entstehung von vier Kernen bedingt. Aus dem- selben Grunde sahen wir ja auch vier Kerne in der keimenden Zygote der Spiro- gyra auftreten, ungeachtet der Keimling nur für einen Kern Verwendung hat. Während bei Spirogyra die Reduktionsteilung auf die Befruchtung unmittelbar folgte, geht sie ihr bei den Wimperinfusorien ebenso unmittelbar voraus, und die neuentstandene Generation behält den dem Befruchtungsvorgang entstam- menden Kern lebenslänglich bei. Die Infusorien sind eben nicht haploideWesen, wie Spirogyren oder andere Fadenalgen, sondern diploide Geschöpfe. Ich habe früher schon darauf hingewiesen, wie sehr die Entwicklungsvorgänge im Tier- reich von Anfang an dazu neigten, das diploide Befruchtungsprodukt zu fördern. Es dürfte das Vorhandensein jedes Chromosoms in Zweizahl innerhalb der di- ploiden Kerne eine Zunahme der Leistungsfähigkeit bedingt haben, die bei der raschen Steigerung der an die Lebensführung der Tiere gestellten Ansprüche eine besondere Bedeutung für sie gewann und die Ausbildung einer diploiden Gene- ration begünstigte. Diese mag dann rasch die Herrschaft über die haploide Ge- neration gewonnen haben, die, da sie selbst noch auf einer niedrigen Stufe der Ausgestaltung sich befand, leicht in die diploide Generation ganz auf- genommen werden konnte. Von der haploiden Generation wäre somit bei den Wimperinfusorien nur der Reduktionsteilungsvorgang und die darauffolgende Teilung des einen der so erzeugten vier Kerne zurückgeblieben, so wie sie sich beide im Körper der diploiden Generation vollziehen. Auch dem Laien fällt auf, daß verhältnismäßig nahverwandte Pflanzen sehr bedeutende Größenunterschiede zeigen können. Die durch ihren Bau so auffälligen ,, Schmetterlingsblüten" der Papilionaceen sind ihm sowohl an den Generationswechsel. Gewebebildung 85 krautartigen Erbsen, als auch an den strauchförmigen Ginstern und der zum hohen Baum emporwachsenden Robinie begegnet. DievielenÜbereinstimmungen zwischen winzigen Gräsern und riesigen Bambusen werden ihm vielleicht auch 2eiij,Töß«. nicht entgangen sein, da diese Pflanzen diegemeinsamenMerkmaleder Gramineen deutlich zur Schau tragen. Die mikroskopische Untersuchung der Gewebe solcher Pflanzen lehrt trotzdem, daß sie aus annähernd gleich großen Zellen bestehen. Nur die Zahl der Zellen ist entsprechend verschieden. Zwischen der Gesamt- größe einer gegebenen Pflanzenart und der Größe ihrer Bausteine ist somit kein be- stimmtes Verhältnis vorhanden. Auch unterscheiden sich Riesen und Zwerge der- selben Pflanzenart nicht etwa durch die Größe ihrer Zellen, vielmehr nur durch ihre Zellenzahl. So wird ein klein ausgefallenes Laubblatt an einer Pflanze nur weniger Zellen wie ein bevorzugtes Nachbarblatt, nicht aber kleinere Zellen besitzen. Anderseits wissen wir bereits, daß die Chromosomenzahl in den Kernen, bei sonst gleicher Größe dieser Chromosomen, von Einfluß auf den Kernumfang ist, und daß im besonderen eine Vermehrung der Chromosomensätze, wie das Beispiel der Oenothera gigas uns lehrte, die Größenzunahme der Kerne und damit auch ihrer Zellen zur Folge hat. Als mittlere Größe für annähernd isodiametri- sche Zellen dünnwandiger Gewebe ist bei höher organisierten Pflanzen ein Durchmesser von 0,01 bis 0,09 mm festgestellt worden. Daraus läßt sich somit eine annähernde Vorstellung der Dimensionen gewinnen, die den Bausteinen der uns umgebenden Pflanzenwelt zukommt. Diese Größe kann aber von Zellen, die sich besonderen Aufgaben angepaßt haben, bedeutend überschritten wer- den. Die Bastfasern mancher Nesselgewächse {Urticaceen) erreichen ausnahms- weise bis 200 mm, und von den Milchröhren wissen wir bereits, daß sie bei ge- wissen Wolfsmilcharten meterlang werden können. Die Siphonales, dieselben Schlauchalgen, zu welchen die Caulerpen gehören, Gewebebildung haben, den eingeschlagenen Weg weiter einhaltend, durch Verzweigung ihres x^j^amtn^nschiuß einen Protoplasten auch sonst noch sehr eigenartige Pfianzenkörper hervorge- bracht. Da fällt am Mittelmeer unter den Algen, die der Sturm an den Strand geworfen hat, ein Gebilde auf, das ganz eine Opuntia in Miniatur ist. Abge flachte, nierenförmige Glieder, die nur an einer schmalen Stelle zusammen hängen, folgen aufeinander, in ganz ähnlicher Weise, wie das im großen die flachen Stengelglieder der amerikanischen Opuntien tun, die sich so stark in den wärmeren Mittelmeerländern verbreitet haben. Und ähnlich ist auch die Verzweigung in beiden Fällen, die darauf beruht, daß zwei Glieder dem oberen Rande des vorhergehenden Gliedes entspringen. Wird die Alge, die den Namen Halimeda Tuna führt, mikroskopisch untersucht, so stellt sich heraus, daß sie aus zahlreichen grünen Schläuchen aufgebaut ist, die sich in der Ebene des ab- geflachten Gliedes reichlich verzweigen, ihre letzten Zweige aber senkrecht zu dessen Oberfläche stellen, wo sie blasig anschwellend in festen seitlichen Ver- band treten. Daher die Oberfläche eines solchen Gliedes fazettiert erscheint. Durch das ganze innere Verzweigungssystem der Schläuche setzt sich derselbe ungeteilte Protoplast fort, der somit durch Zusammenfügung seiner Ausstül- 86 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre pungen einen solchen komplizierten Aufbau zustande bringt. Andere Beispiele würden zeigen, welche Mannigfaltigkeit der Gestaltung innerhalb dieses eigen- artigen Aufbaues möglich war. Doch das kann an dieser Stelle nicht geschehen, Nur möchte ich noch darauf hinweisen, daß auch jene bis kinderkopfgroßen, sammetartig schimmernden, grünen, außen dichten, im Innern ganz locker ge- bauten Kugeln, die das Mittelmeer manchmal an den Strand wirft, und die der Uneingeweihte mit Erstaunen betrachtet, zu den Schlauchalgen gehören und Codium bursa heißen. Ihre Oberfläche wird ebenfalls aus Schläuchen aufgebaut, die senkrecht zur Oberfläche gerichtet und seitlich aneinander gefügt sind. Ganz offen bleiben übrigens bei den Codiumarten die Wege nicht, die durch das ganze Schlauchsystem führen, indem an den Verzweigungsstellen nachträglich oft Wandverdickungen auftreten, die den Durchgang verengen oder auch ganz ab- schließen. Um einen Zellteilungsvorgang handelt es sich dabei nicht, sondern nur um örtliche Verstopfungen. Wie bei solchen Schlauchalgen durch bestimmte Zusammenfügung derVer- zweigungssysteme etwas zustande kommt, das an ein Gewebe der höher organi- Gewebebiidung siertcn Pflanzcn erinnert, so kann in anderen Fällen Ähnliches auch durch eine Verflechtung. Vcrflcchtung vou Zellfäden erreicht werden. Das zeigen uns im besonderen die Pilze. Fadenförmige Schläuche, sogenannte Hyphen, sind es, aus denen ihr vegetativer Körper besteht. Diese Hyphen sind ungegliedert oder gegliedert. Die ungegliederten Hyphen stellen einen einzigen, farblosen, vielkernigen Proto- plasten dar, die gegliederten einen solchen, der durch Querwände in eine Reihe vielkerniger Protoplasten sich zerlegt hat. Der vegetative Pilzkörper, das soge- nannte Myzel, besteht nun im einfachsten Falle aus getrennt verlaufenden Hy- phen, in weniger einfachen Fällen aus Strängen, zu denen sich die Hyphen ver- flochten haben. Solch eine Verflechtung pflegt in den äußeren Teilen des Stranges dichter als in den inneren zu sein, und dann eine Art Rinde und Mark herzu- stellen. Auch die größten Fruchtkörper der Pilze, so die Gebilde, die wir für ge- wöhnlich als Schwämme bezeichnen, wie Fliegenschwamm, Feuerschwamm u. dgl. m., sind nur Hyphen Verflechtungen. Unter Umständen werden solche Ver- flechtungen so fest, der seitliche Zusammenhang der Hyphen so innig, daß man wirklich an Querschnitten meinen könnte, das Gewebe einer höher organisierten Pflanze vor Augen zu haben. Gewebebiidung Doch die Leistungcu, die auf solchen Wegen im Pflanzenreich erzielt wur- ^'""^'den, blieben unvollkommen. Höhere Aufgaben vermochte erst die aus Zelltei- lung hervorgegangene Gewebebildung* zu erfüllen, an welche eine vollkom- menere Arbeitsteilung und fortschreitende Sonderung im Bau anknüpfen konn- te. Durch das Gerüstwerk der Wandungen solcher Gewebe wurde zudem die Festigung des ganzen Pflanzenkörpers sehr gefördert. Zunehmender lu dem Maßc, als die Zellenzahl im Körper des Individuums wuchs, prägte ^Scheftei ^°" ^^^^ auch die Polarität stärker an ihm aus: ein Gegensatz von Scheitel und Basis, und Basis. Die für das Pflanzenreich bezeichnende Art der Ontogenie, mit nicht abge- schlossener Entwicklung, führte zur fortschreitenden Ausgestaltung der Vege- tationspunkte und der Schutzeinrichtungen, die für sie dann nötig wurden. Entstehung von Geweben; Scheitel und Basis 87 pragune clrr Scheitelzelle. Am Scheitel der Cladophora fanden wir bereits eine Scheitelzelle vor, doch ihr Inhalt war nicht embryonaler, ihre Zellhaut nicht dünner, als die der auf sie folgenden Gliederzellen. Bei Cladophora sahen wir auch die Gliederzellen noch bei ihrem einfachsten Teilungsmodus verharren, d. h. nur quere Wände bilden. Bei höher organisierten Algen stellen sich in ihnen auch Längswände ein, und sie werden in ein Gewebe mit steigender Zellenzahl zerlegt, gegen welches die stärkere Aus Scheitelzelle immer auffälliger vortritt. Im weiteren Verlauf der pflanzlichen Entwicklung verändert die Scheitelzelle ihre Gestalt. Sie wird zweischneidig- keilförmig, oder dreiseitig-pyramidal (Fig. 27), grenzt dann ,, Segmente" ab, die abwechselnd nach rechts und links oder die nach drei verschiedenen Richtungen geneigt sind, und die im letzten Falle in einer Spirale auf- einander folgen. Solche Scheitel- zellen sind zwischen ihre jüngsten Segmente versenkt (Fig. 27). Ihre Grundfläche wölbt sich konvex nach außen vor. Ihr Inhalt, so wie jener der sich noch lebhaft teilen- den Segmente, hat embryonalen Charakter aufzuweisen ; die Wände aller dieser Zellen sind noch sehr dünn und müssen geschützt wer- den, was zunächst vielfach durch Vertiefung des Vegetationspunk- tes in älteres Gewebe, weiterhin durch das Zusammenneigen seit- licher Anlagen über ihm erreicht wird. Bei den Landpflanzen tritt an der diploiden Generation jetzt auch eine Wurzel auf, die das Nähr- wasser aus dem Boden schöpfen und den oberirdischen Sprossen ihre Entwicklung in der freien Luft ermöglichen soll. Auch diese Wurzel wächst mit einem Vegeta- tionspunkte (Fig. 28), der im Boden geschützt werden muß. Da sie nun nicht, wie die oberirdischen Sprosse, über Blattanlagen verfügt, welche die embryonalen Gewebe ihres Vegetationspunktes decken könnten, legt sie eine Wurzelhaube (Fig.28 ^"■), die , ,Kalyptra", an. Bei den farnartigen Gewächsen, die als die ersten zur Wurzelbildung schritten, weisen die Vegetationspunkte eine der zuvor schon Ursprung a.-r geschilderten entsprechende, dreiseitig pyramidale Scheitelzelle auf (Fig. 28/). An ^^"'■^^'''''"'"'■ der Wurzelspitze bildet diese Scheitelzelle aber nicht allein durch geneigte Wände seitliche Segmente, sondern auch durch Querwände Segmente nach außen (Fig. 28 k), welche letzteren durch ihre weiteren Teilungen die Wurzelhaube aufbauen. In dem Maße, als diese Wurzelhaube an ihrer äußeren, den Boden berührenden Oberfläche leidet, wird sie von innen aus ergänzt. ■ — ■ Der weitere Gang der phylo- Fig. 27. Medianer Längsschnitt durch den Vegetationskegcl von Equisetum arvense ; / die dreiseitig pyramidale Scheitelzelle. / die letzte Teilungswand dieser Scheitelzelle, .S'' das letzt- gebildete Segment, i>" das vorletzt gebildete, durch die Wand m geteilte Segment, f Ardage eines Blattwirtels, J ' die nächst- ältere Blattwirtelanlage, /" die noch ältere, g eine für die Anlage eines Seitensprosses bestimmte Zelle. Vergr. 240. 88 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Verlust genetischen Fortentwicklung bringt an Sproß und Wurzel den Verlust der Schei- der scheiteUeiie (■gi2elle mit sich. Es greifen die Teilungen der Segmente gewissermaßen auf die Scheitelzelle über, so daß sie in mehrere Zelle tagen zerlegt wird. Das Endergebnis dieser Veränderungen ist, daß ein medianer Längsschnitt den Sproßscheitel aus mehr oder weniger zahlreichen Schichten embryonaler Zellen aufgebaut zeigt, die sich mantelförmig decken (Fig. 29). Bei vollkommenster Ausgestaltung zeigen diese Zellschichten sehr regelmäßigen Bau und Verlauf. Sie stellen, wie Julius Sachs zuerst erkannte, eine Schar konfokaler Parabeln dar. Auch geben sie überall deutlich eine rechtwink- lige Schneidung der Scheidewän- de zu erkennen. Einsolcher ,,Ve- getationskegel" nimmt zugleich an Zellenzahl und an Ausdeh- nung zu. Er pflegt sich merk- lich vorzuwöl- ben und wird deshalb als Ve- getationskegel bezeichnet. — • Biattaiüagen. \^^S>/ Plerom, en Endodermis, i mit Luft sich _ ^t-« .. . • füllende Interzellularen, a Zellreihe, aus -welcher das zentrale Gefäß SUmpflgCU, VOU ZUm 1 Cll gll" hervorgehen wird, rabgestoßene Zellen der Wurzelhaube. Vergr., 80. ^^^^^ Q^^QVi erfüllten Bodcn wachsenden Gewächse durch starke Ausbildung solcher luftführenden Inter- Aerencbym. zellularen aus, die mit der atmosphärischen Luft kommunizieren. Derartige Gewebe haben den Namen ,,Aerenchym" erhalten. Es können aus Membran- spaltung hervorgegangene Zwischenzellräume in einzelnen Fällen auch dazu be- stimmt sein, Wasser zu führen oder auch Gummi, Schleim, Harz, ätherische Öle oder dergleichen. Die Harzgänge der Nadelhölzer haben, beispielsweise, einen solchen Ursprung. Meist sind aber Zwischenzellräume, die Wasser oder solche Produkte nicht aber Luft führen, von anderer Entstehung, nämlich aus der Zerreißung oder Auflösung bestimmter Zellkomplexe hervorgegangen. So, für Interzellularen. Tüpfel. Plasmodesmen 91 Tüpfel. Fig. 31. Stark verdickte Zellen aus dem Marke eines älteren Stammstückes von Clematis vitalba. m Mittellamellc, i Interzellularraum, i Tüpfel. In der einen Zelle ist die untere, getüpfelte Wand IV zu sehen. Vergr. 300. gewöhnlich, die Behälter von ätherischem Öl. Man unterscheidet die durch Schizogone und Membranspaltung entstandenen Interzellularen, als ,,schizogene", von den durch zeUuiarea. Zerreißung oder Auflösung von Zellen erzeugten, den ,,lysigenen". Sobald die Verdickung der Zellwände in den pflanzlichen Geweben ein bestimmtes Maß zu über- schreiten beginnt, pflegt sie nicht mehr gleichmäßig im ganzen Umfang der Zellen zu erfolgen. Einzelne Stellen bleiben weiterhin von der Verdickung ausge- schlossen und bilden so die ,, Tüpfel" (Fig. 31 t). Da macht sich eine gegenseitige Beeinflussung benach- barter Zellen dadurch bemerkbar, daß ihre Tüpfel genau aufeinander treffen. So werden selbst bei star- ker Verdickung der Wände die benachbarten Proto- plasten an solchen Stellen nur durch eine verhältnis- mäßig dünne Wandung, die sogenannte ,, Schließ- haut" getrennt. Immerhin würden die ein lebendiges, pflanzhches Zellgewebe aufbauenden Protoplasten voneinander ganz abgesondert sein, wenn nicht lebende Proto- plasmafäden, durch die Zellwände hindurch, sie ver- bänden (Fig. 32). Der Nachweis dieser Fäden bereitet große Schwierigkeiten, woraus sich erklärt, daß die ersten Angaben über sie nicht weiter als auf das Jahr 1879 zurückreichen. Man legt jetzt Schnitte, die man auf diese Plasma- brücken oder ,, Plasmodesmen" untersuchen will, unmittelbar nach ihrer Herstellung, in i prozentige Osmiumsäure, dann in Jodjodkaliumlösung und schließlich in 25 prozentige Schwefelsäure, in der man die Zellwände quellen läßt. Denn diese Quellung ist ,j notwendig, damit man die äußerst dünnen Fädchen innerhalb der Wandung zu erkennen vermöge. Die Schwefelsäure hatte man mit Jod und einem Pyok- tanin genannten Farbstoff versetzt, um die Plasmo- desmen zu färben und so ihre Sichtbarkeit zu er- höhen. Ist das Verfahren gut eingeschlagen, so zeich- nen sich die Plasmodesmen als intensiv blaue Striche in der Zellwand. Man wird sie bei stärkerer Ver- dickung der Wände auf die Schheßhaut der Tüpfel beschränkt finden. Erst durch diese Plasmodesmen wird ein pflanzlicher Körper zu einer lebendigen Ein- heit erhoben und das Zusammenwirken seiner Teile begreiflich. Die Plasmodesmen verbinden die Haut- schichten der Protoplasten untereinander, sind auch, allem Anschein nach, von derselben Natur wie sie. Da wir guten Grund hatten, die Hautschicht für die bevorzugte Reizempfängerin amZelleib zu erklären, so dürften auch ihre Plasmo- -^4 ^w^ '^, ch Plasmodesmen. .S Q> ■M IM m -■■-V- im Fig. 32. Eine Zelle aus der Rinde der Mistel (Viscum albura) nach entspre- chender Härtung und Färbung der Protoplasten und Quellung der Wände m. Die Schließhäute i- der Tüpfel von Plasmodesmen durchsetzt, ch Chloro- plasten, « Zellkern. In den Kanten, zwischen den Zellen, Interzellularen. Vergr. looo. 92 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Reiz- desmen für die Aufgaben der Reizleitung besonders geeignet sein. Daß sie trotz- Fortpflanzung. ^^^ in ihren Leistungen den tierischen Nerven bedeutend nachstehen, darf bei dem den Leitungszwecken speziell angepaßten Bau der letzteren nicht wunder- nehmen. Für tierische Nerven ist eine Schnelligkeit der Reizfortpfianzung von über 30 Meter in der Sekunde nachgewiesen. Sofern es sich hingegen noch sicher um Reizfortpfianzung durch Plasmodesmen bei Pflanzen handelt, hat man kaum Werte von mehr als 10 bis 20 Millimeter in der Sekunde gefunden, vielfach sogar nur I bis 2 Millimeter für den Zeitraum von je 5 Minuten. Im Blattstiel der be- kannten Sinnespflanze {Mimosa pudica), die auf mechanische Reize durch Be- wegung reagiert, kann die Geschwindigkeit der Reizleitung bis 100 Millimeter in der Sekunde betragen, doch soll es sich dabei nicht um eine Leitung durch die lebendigen Plasmodesmen, sondern um eine rein mechanische Reizfortpflanzung handeln, die auf einer Störung des hydrostatischen Gleichgewichts in langen, schlauchartigen Zellen beruht. Tierische Reizleitung hat auch dort, wo sie ohne Vermittlung des Nervensystems erfolgt, höhere Werte als die pflanzliche Plasmodesmenleitung aufzuweisen, so nach W. Engelmann in der Herzmus- kulatur 6,4 bis 177 Millimeter in der Sekunde. Maß der Selb- Jede Zcllc stcllt einen Elementarorganismus dar. Durch die Plasmodesmen standigkeit der werden diese Zellen im Pflanzenkörper zu der höheren Lebenseinheit vereinigt, einzelnen ^ ° ' Gewebezeiien. in deren Diensten sie stehen. Von der Selbständigkeit jeder einzelnen Zelle innerhalb ihres Gewebeverbandes, gelingt es in bestimmten Fällen, selbst bei den höchst organisierten Pflanzen, sich experimentell zu überzeugen. So ver- mochte G. Haberlandt durch vorsichtiges Zerzupfen kleiner Blattstückchen der roten Taubnessel {Lamium purpureum L.) in Nährstofflösungen, zahlreiche von den nur in lockerer Verbindung stehenden inneren Gewebezellen zu iso- lieren. Diese mit Chlorophyllkörnern ausgestatteten Zellen waren auch in die- sem Zustand imstande, die Kohlenstoffassimilation zu vollziehen und blieben viele Tage, ja manche bis zu drei Wochen am Leben. Im allgemeinen läßt sich aber sagen, daß, auf einer je niedrigeren Stufe phylogenetischer Entwicklung ein vielzelliger Pflanzenkörper steht, um so mehr in ihm die Individualität seiner Zellen zur Geltung kommt. Die gegenseitige Abhängigkeit der Zellen wächst im Gesamtorganismus in dem Maße, als die Sonderung und Arbeitsteilung in ihm fortschreitet. Ausbildung der Pflanzlichc Gcwcbc, die der Assimilationsarbeit oder Reservestoffspeiche- ziehung Vu"ihrtr^''J^g dienen sollen, pflegen mehr oder weniger isodiametrische Zellen auch im Aufgabe. ausgewachsenen Zustande zu behalten, auch die Wände ihrer Zellen nur schwach zu verdicken. Eine stärkere Verdickung der Wände unterbleibt im allgemeinen auch in Zellen, die für Stoffbeförderung Verwendung finden, doch sind sie in der Richtung der Leitungsbahn gestreckt. Zellen, denen mechanische Funktio- nen zufallen sollen, werden nicht nur bedeutend gestreckt, sondern auch an den Enden zugespitzt, ihre Wände gleichzeitig stark verdickt. Die Tüpfel in solchen Wänden sind sehr eng, meist spaltenförmig. Ist solches der Fall, so pflegen die Spalten schräg zur Längsachse der Zelle gestellt zu sein, mit übereinstimmendem Neigungswinkel und sie kreuzen sich in den Wänden der angrenzenden Zellen. Reizleitung. Gewebedifferenzierung 93 Ihre Neigung ist stärker oder schwächer, so daß sie mehr oder weniger steile Schrägzeilen bilden, unter Umständen fast longitudinal, oder auch nahezu quer verlaufen. Wie die Streifung innerhalb der Zellwände, gewährt auch die Orien- tierung ihrer spaltenförmigen Tüpfel Einblick in innere Strukturen, deren Wir- kungen sich bei der Quellung geltend machen. Bei steilem Tüpfelaufstieg ist die Quellungsintensität bedeutender in der Querrichtung der Zellen; sind die Tüpfel annähernd quer gestreckt, so ist die Quellungsintensität in der Längs- richtung größer. Diese stark verdickten, für mechanische Aufgaben bestimmten Zellen verbrauchen ihren Protoplasten während ihrer Ausbildung, so daß sie im fertigen Zustande Luft, bisweilen auch abgestorbene Inhaltsreste führen. Sie werden als Sklerenchymfasern zusammengefaßt. Zu ihnen gehören die Holz- fasern, die bei manchen Pflanzenarten über einen Millimeter Länge erreichen, und die Bastfasern, die, durchschnitt- lich noch länger, zwischen l und 2 Millimeter schwanken. Der feste Ver- band solcher Faserzellen im Gewebe wird dadurch erreicht, daß sie an ihren Enden weiterwachsen, sich dort zu- spitzen und zwischeneinander einkei- len. — Auch solche Zellen, die der Was- serleitung in denPflanzen dienen sollen, werden bedeutend in ihrer Längsent- wicklung gefördert und büßen ihren lebendigen Zelleib ein, sobald ihre Aus- gestaltung vollendet ist. Denn die Wasserleitung auf Entfernung wird im Pflanzenkörper nur durch protoplasma- freie Zellräume besorgt. An den Wänden solcher Zellen kommt eine beson- dere Art von Tüpfeln, die als ,,Hoftüpfer* bezeichnet werden, zur Ausbildung Hoftüpfei. (Fig. 33). Sie heißen so, weil sie an ihrem Grunde stark erweitert sind und von benachbarten Zellen aus aufeinandertreffend, zwischen diesen innerhalb der Wand, einen bikonvex- linsenförmigen Raum herstellen, der von einer , .Schließhaut" halbiert wird (Fig. 33 B, C). Die Schließhaut solcher Tüpfel hat eine mittlere, scheibenförmige Verdickung [t], den ,,Torus", aufzuweisen. Im Umkreis des Torus ist sie sehr dehnbar, so daß sie in Richtung des einen oder des anderen Zellraums sich vorwölben kann. Ihr Torus gelangt damit an die entsprechende Mündungsstelle des Tüpfels {B) und verschließt sie. Man darf annehmen, daß es sich in den Hoftüpfeln um eine Art Klappenventile handelt, die in der einen oder anderen Richtung, je nach den Druckverhält- nissen, die in den angrenzenden Wasserbahnen herrschen, angesogen werden, um die eine Bahn gegen die andere abzuschließen. W^o ein wasserleitender Zell- raum an eine lebendige Zelle grenzt, sind die Tüpfel nur an der Wasserbahnseite mit einem Hof versehen, hingegen nicht innerhalb der lebenden Zelle. Der Tüpfel ist dann ,,halbbehöft", auch seine Schließhaut ohne Torus. Ein solcher Fig. ^i. Aus dem Holze der Kiefer (Pinus silvestris). A Radialer Längsschnitt mit Hoftüpfel in Fläclienansicht. ß Tangentialer Längsschnitt mit Hoftüpfei im Querschnitt, t der Torus. C Querschnitt durch eine Tracheide, m Mittel- lamelle, m* ein Zwickel in dieser, i das Grenzhäutchen. Vergr. 540. 94 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Verdickungsart der AVasserbahnen. mMUOQQQ® i^öoci: Haibbehöfte halbbehöf ter Tüpfel hat dann auch nicht als Klappen ventil zu fungieren, er Tüpfel. ygj.j^i|-{-gi^ vielmehr den Eintritt von Wasser aus der Wasserbahn in die leben- dige Zelle und, nach Bedarf, den Übergang von gelösten Nährstoffen aus der lebendigen Zelle in die Wasserbahn, welche diese lebendige Zelle dort hinein- preßt, damit sie mit dem Wasserstrom rasch nach den Verbrauchsorten ge- langen. Um die Wasserbahnen für ihre Aufgabe entsprechend auszurüsten, verdickt der Protoplast die Wandung der Zellen, aus denen sie hervorgehen, ring-, schrauben- oder netzförmig. Die ring- und schraubenförmigen Verdickun- gen werden in Wasserbahnen angebracht, die eine weitere Streckung erfahren sollen, also in Pflanzenteilen sich befinden, die noch im Wachstum begriffen sind. Durch die Einfügung solcher Verdickungsleisten in Zellen, die alsbald ihren lebendigen Zelleib einbüßen sollen, wird für die Aussteifung der Wände auch nach Schwund des Tur- gors gesorgt und verhindert, daß die toten Zellräume von den angrenzen- den lebenden Zel- len, oder durch die Saugwirkung des Fig. 34. Teile von Siebröhren des Kürbis (Cucurbita Pepo) in Alkohol gehärtet. A eine r^ Siebplatte von oben gesehen. B und C je zwei aufeinanderfolgende Siebröhrenglieder strOmeS in ihrem im Längsschnitt. D die Inhaltraassen von zwei Siebröbrengliedem nach Schwefelsäure- behandlung, i Geleitzellen, ?< Schleimstrang, /r zj'toplasmatischer Wandbelag, c Kallus- innem, ZUSam- platte, c* kleines, seitenständiges Siebfeld mit Kallusplatte. Vergr. 540. TTlPnp-pdriirkt wer- den. In Pflanzenteilen, deren Längenwachstum im Erlöschen ist, gesellen sich netzförmige Verdickungen der Wasserbahnen zu den früheren. Ist das Längen- wachstum ganz vollendet, so stellen sich Hoftüpfel ein. Sollen den Wasserbah- nen noch besondere mechanische Aufgaben zufallen, so werden die Zellen, aus denen sie hervorgehen, entsprechend verdickt und an den Enden stärker zuge- schärft. Sie erhalten damit die Gestalt von Holzfasern, ohne zunächst aber ihr für Wasserleitung erforderliches weites Lumen einzubüßen. Dieses nimmt aber in dem Maße ab, als die Anforderungen an die Wasserleitung sinken und die mechanische Inanspruchnahme wächst. — Der Wasserleitung dienende Zell- räume, die nur einer Zelle ihren Ursprung verdanken, werden als ,,Tracheiden" Tracheiden und bezeichnet. Sie unterscheiden sich durch ihren einzelligen Ursprung von den ,, Tracheen" oder ,, Gefäßen", die aus Zellverschmelzungen hervorgehen. Wo sol- che Gefäße entstehen sollen, sieht man kurze, verhältnismäßig breite Zellen, geradlinig angeordnet, in Reihen aufeinanderfolgen. In allen Zehen der Reihe werden die Seitenwände entsprechend verdickt, während die Querwände frühzei- tig zu quellen beginnen. Ist die Verdickung der Seitenwände vollendet, so werden Tracheen. Leitungsbahnen. Zellfusionen 05 die Querwände aufgelöst bis auf einen schmalen Rand, der in Form einer Ringleiste erhalten bleibt. Geneigte Scheidewände in solchen Zellreihen pflegen nicht mit einer einzigen, runden Öffnung, sondern mit einer Anzahl ovaler Öffnungen ver- sehen zu werden, zwischen denen die stehengebliebenen Membranstreifen wie die Sprossen einer Leiter aussehen. Die Protoplasten der einzelnen Gefäßglieder werden gleichzeitig immer substanzärmer und schwinden schließlich vollständig. Zu einer Verschmelzung der Protoplasten nach Auflösung der Querwände kommt es nur bei den wenigsten Pflanzen. • — • In bestimmten Abständen unter- bleibt bei jeder Gefäßbildung die Durchbrechung einer Scheidewand. Dadurch ist bedingt, daß die Gefäßlänge nicht eine unbegrenzte wird. Sie beträgt bei Geiaßiängc. unseren Holzgewächsen im Durchschnitt etwa lO cm, kann aber unter Umstän- den auch mehrere Meter erreichen. Das ist im besondern bei gewissen Lianen der Fall, jenen Schlinggewächsen tropischer Urwälder, deren dünne Stämme von Baum zu Baum sich spannen. Schon bei unseren Eichen, deren Gefäße auch sehr lang werden können, erreicht ihr Querdurchmesser eine solche Weite, daß man sie mit dem bloßen Auge erkennen kann. Daher das poröse Aussehen des Eichenholzes, das wir verwenden. Auch eine unserer einheimischen Lianen, der Weinstock, zeigt uns seine Gefäße deutlich. Noch mehr ist dies aber bei den tropischen Lianen der Fall, wo der Gefäßdurchmesser bis zu 0,6 mm aufsteigen kann. Solche Gefässe können den Reisenden mit Wasser versorgen. Der Lia- nenstamm muß aber zu diesem Zweck zweimal durchschnitten werden. Das erste Durchschneiden liefert kein Wasser. Erst in dem Augenblick, wo der Stamm nochmals an höherer Stelle durchschnitten wird, entquillt dem unteren Querschnitt das Wasser. Das hängt mit der Wirkung des Luftdrucks zusammen, der zunächst den Ausfluß des Wassers verhindert. Er läßt ihn nur aus Gefäßen zu, die an beiden Enden geöffnet wurden, was erst nach dem zweiten Schnitt sich einstellt. — Zwischen Zellen, die ihren lebenden Inhalt bald einbüßen sollen, wie die oben genannten Sklerenchymf asern und Wasserbahnen, werden Zwischen- zellräume meist gar nicht angelegt. Sie sind in solchen Geweben überflüssig und würden deren Festigkeit nur herabsetzen. Zu Verschmelzungen lebender Zellen ist die Pflanzenwelt, der Hauptsache Verschmelzung nach, nur bei der Bildung der sogenannten,, Siebröhren" geschritten. Sie hat diese ^ ^° " Siebröhren zugleich mit einer besonderen Art von Tüpfeln an ihren Querwänden, bzw. auchanihren Seitenwänden, versehen, dieeinzeln als,, Siebtüpfel", in größere Zahlvereinigtals,,Siebplatten" bezeichnet werden. Die Siebröhren entstehen, wie die Gefäße, aus Reihen aufeinanderfolgender Zellen. Die Querwände zwischen diesen Zellen weisen dicht aneinandergedrängte Tüpfel auf, deren Schließhäute von Plasmodesmen durchsetzt sind. Dabei bleibt es aber nicht, es werden viel- mehr im weiteren Verlauf der Entwicklung die Plasmodesmen von Schleim- fäden durchbohrt. Farne und Nadelhölzer begnügen sich mit dieser ersten Durchbohrung. Bei den angiospermen Phanerogamen verschmelzen hingegen weiterhin alle Schleimfäden eines Tüpfels zu einem einzigen Schleimstrang (Fig. 34 A u, B). Nach vollzogener Durchbrechung ihrer Schließhäute durch Schleimfäden, und mehr noch durch Schleimstränge, erhalten die Siebtüpfel bzw. 96 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Siebplatten das Aussehen von Sieben (Fig. 34 A), was auch ihren Namen ver- anlaßte. Fast einzig in seiner Art ist der Umstand, daß die aufeinanderfolgen- den Glieder einer Siebröhre ihre Zellkerne einbüßen, ohne deshalb abzusterben. Ihr Zytoplast verbleibt vielmehr am Leben und erfüllt weiter seine Funktion, die für gewöhnlich freilich mit einer Vegetationsperiode abgeschlossen ist, sich in bestimmten Fällen aber doch über die nächste noch erstrecken kann. Die Hauptaufgabe der Siebröhren ist wohl sicher die, Eiweißlösungen auf weitere Ent- fernungen zu leiten, was durch die offenen Poren der Querwände geschieht. Die Wände der Siebröhren sind unverholzt und werden durch den Inhalt gespannt, auf den sie einen dementsprechenden Druck ausüben. Wird einer Siebröhre irgendwo durch angrenzende Zellen Inhalt entzogen, so sorgt der elastische Druck der Wände für Nachschub. So kommt es auch, daß aus geöffneten Siebröhren der Inhalt hervorquillt. Das fällt besonders auf, wenn man einen Kürbisstengel quer durchschneidet; er überzieht sich mit reichlichem Eiweißschleim. Denn die Kürbisgewächse {Cucurbitaceen) zeichnen sich durch besonders weite Siebröhren aus. Diese Eigenschaft teilen sie mit vielen andern Schling- und Kletterpflan- zen, bei denen die Weite der Siebröhren im Extrem bis zu 0,02 mm steigen kann. Also nicht nur die weitesten Wasserbahnen, sondern auch die weitesten Ei- weißbahnen kommen diesen Gewächsen zu. In Siebröhren, die außer Tätigkeit treten, werden die Siebtüpfel und Siebplatten durch stark lichtbrechende ,,Kal- lusplatten" abgeschlossen (Fig. 34 C, c). Die chemische Natur der ,, Kailose", die sich mit Korallinsoda und Anilinblau glänzend färbt, ist nicht klargelegt. In den Präparaten treten die Kallusplatten nach Behandlung mit den genannten Farbstoffen leuchtend rot oder blau hervor. In Siebröhren, die in einer nächst- folgenden Vegetationsperiode nochmals funktionieren sollen, schwinden die Kallusbelege wieder. Die Siebröhren, die nicht mehr dienen sollen, büßen allen Inhalt, mit Ausnahme der Kallusmassen, ein und werden von den benachbarten Geweben gleichzeitig zerquetscht. Milchröhren. Elnc gauz auffällige Länge erreichen in gewissen Familien höher organi- sierter Gewächse die mit Milchsaft erfüllten Zellen. Bei den Wolfsmilchgewäch- sen [Euphorhiaceen), und ähnlich verhält es sich auch bei anderen ,, Milch- röhren" führenden Pflanzenfamilien, werden diejenigen Zellen, aus welchen Milchröhren hervorgehen sollen, schon in der Keimpflanze hierzu bestimmt. Sie nehmen mit der Pflanze an Größe zu, ohne sich zu teilen; wohl aber vermeh- ren sie ihre Kerne durch fortgesetzte Karyokinese. Sie bilden seitliche Aus- wüchse und verzweigen sich auf diese Weise. Ihre Zweige dringen in die seit- lichen Glieder der Pflanze ein. Mit der Höhenzunahme des Pflanzenkörpers werden auch sie länger und lassen sich schließlich in den baumartigen Euphor- hiaceen über meterlange Strecken verfolgen. An Stellen, wo die Pflanze ein- zelne Glieder abwirft, werden die Milchröhren durch Pfropfen aus geronnener Substanz verstopft. Die dünnen, elastischen Wände der Milchröhren sind ge- spannt und drücken auf den Milchsaft, der so nach den Orten, wo er verbraucht wird oder ausfließt, gepreßt werden kann. Wären die Milchröhren durch Quer- wände geteilt, so könnte das nicht geschehen. Andere milchende Pflanzen- Milchsaftbahnen. Meristeme 97 familien, so die Mohngewächse, zu denen auch das durch seinen rötlichgelben Milchsaft ausgezeichnete Schöllkraut [Chelidonium majus) gehört, sind zu aus- gedehnten Milchsaftbahnen auf dem Wege von Zellverschmelzungen gelangt. Sie bieten ein weiteres Beispiel für die bei Pflanzen so seltene, weil durch das Vorhandensein von Zellwänden erschwerte Verschmelzung von lebenden Protoplasten zu einer höheren Einheit. Die ,, Milchgefäße", denn so muß man Miichgefäfio. sie nennen, da sie Zellverschmelzungen darstellen, gehen wo vorhanden aus Zellreihen hervor, deren Querwände mehr oder weniger vollständig aufgelöst werden. Diesen Zellreihen entspringen auch seitliche Zweige, die dort, wo sie aufeinander treffen, durch entsprechenden Schwund der Wände verschmelzen. So kommt das maschige, einheitliche Milchgefäßsystem bei den betreffenden Pflanzen zustande. Sowohl in Milchröhren, als auch in Milchgefäßen stellt der Zellsaft eine Emulsion vor, in welcher nicht nur Endprodukte des Stoffwechsels als Exkrete, sondern auch Assimilationsprodukte vertreten sind. Zu den Assi- milaten gehören vor allem Eiweißkörper und Zucker, bei den Wolfsmilcharten auch geformte Stärke. Letztere zeigt dort vielfach schenkelknochenförmige Ge- stalten. In dem Milchsaft des Feigenbaumes ist auch ein eiweißlösendes Enzym vorhanden und in dem Milchsaft des Papiermaulbeerbaums {Broussonetia pa- pyrifera L.) wurden neuerdings nicht weniger als drei Enzyme nachgewiesen, ein das Fett verseifendes, ein die Stärke lösendes und ein die Eiweißkörper pep- tonisierendes, also auffälligerweise ganz wie im Bauchspeichel, demPankreas- saft der Tiere. Erwähnt wurden schon früher die verschiedenen in Milchsäften gelösten Alkaloide, die in ihnen suspendierten Kautschuk-, Guttapercha-, Harz- und Gummikörnchen, Fett- und Gerbstofftröpfchen. Der Gehalt der Milch- saftbahnen an Assimilaten und Enzymen regt die Vorstellung an, sie müßten auch als Leitungsbahnen für diese Stoffe dienen. Hierfür scheinen die Fälle zu sprechen, in welchen eine starke Förderung der Milchröhren die schwache Aus- bildung anderer Leitungsbahnen auszugleichen scheint. Geeinigt hat man sich über diese Frage bisher aber nicht. Vegetativen Verschmelzungen unter lebenden Protoplasten begegnet man zeu- im Pflanzenreich wohl am häufigsten bei den Pilzen. Denn die Hyphen der '"^^^j'^^^""^^" letzteren neigen dazuj bei gegenseitiger Begegnung durch Auflösung derWände in offene Verbindung zu treten. Das von uns bisher als embryonal bezeichnete Gewebe der Vegetations- punkte führt auch den Namen ,, Meristem". Da aber das Meristem nicht allein Meristeme uud auf die Vegetationspunkte beschränkt ist, hat man es dort noch besonders als "''"^"'ß*'''**»« ,,Urmeristem" unterschieden. Fertige Gewebe stellt man den Meristemen als ,, Dauergewebe" gegenüber. Zwischen den Dauergeweben fortbestehende Meri- steme, die sich somit direkt von dem Urmeristem ableiten lassen, sind, ihrem Ursprung gemäß, als ,, primäre Meristeme" zu bezeichnen. Außer ihnen gibt es aber auch ,, Folgemeristeme". Letztere verdanken ihre Entstehung der Fähigkeit, die lebende, pflanzliche Dauergewebe, die nicht durch spezielle Aufgaben zu stark verändert wurden, besitzen, je nach Bedarf in den embryonalen Zustand K.d.G.m.iv, Bd2 Zellenlehre etc. 7 g8 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre zurückzukehren. Auf diese Begriffsbestimmungen mußte hier eingegangen werden, da wir ihrer für später bedürfen. Die verschieden ausgestatteten Ge webe, die wir zuvor schon in ihrem fertigen Zustand kennen gelernt haben, werden i'arenchymc und in zwcl Gruppcu, die ,,Parenchyme" und die ,,Prosenchyme" geschieden. Die Parenchyme bestehen der Hauptsache nach aus nicht stark verdickten, nach allen Richtungen gleichmäßig ausgedehnten oder nur mäßig gestreckten Zel- len, die ihren lebendigen Inhalt behalten, lufterfüllte Interzellularen zwischen sich führen, der Assimilationsarbeit, Stoffspeicherung oder Stoffbeförderung dienen, an ihren Enden nicht merklich zugespitzt und im allgemeinen unver- holzt sind. Die Prosenchyme weisen gestreckte Zellen auf, mit zugeschärften Enden und stark verdickten, meist verholzten Wänden; sie pflegen ihren le- bendigen Inhalt einzubüßen, der Interzellularen meist vollständig zu entbehren, und der Wasserleitung oder mechanischen Zwecken oder beiden Aufgaben zugleich zu dienen. Übrigens gibt es keine scharfe Grenze zwischen diesen Ge- webegruppen. Denn auch ein Gewebe aus Zellen, die gleiche Ausdehnung in jeder Richtung zeigen, kann Aufgaben zugewiesen erhalten, die eine starke Ver- dickung und Verholzung der Zellwände verlangen, welche von einem Rückgang oder Schwund der Protoplasten begleitet wird. So zeigt sich beispielsweise die Steinschale in der Pflaume aus annähernd isodiametrischen Zellen aufgebaut, deren Wände fast bis zum Verschwinden des Lumens verdickt und verholzt sind. Enge, sich nach außen zu verzweigende Tüpfelkanäle durchsetzen diese Wände und treffen, von benachbarten Zellen kommend, aufeinander. Der Zell- inhalt ist bis auf Reste geschwunden. Die Aneinanderfügung dieser Zellen in der Steinschale ist zudem so, daß sie dadurch Gewölbekonstruktion erhält und äußerst druckfest wird. • — ■ Die parenchymatische Natur ähnlich stark verdick- ter und auch entsprechend getüpfelter Zellen wird noch auffälliger in den steinieiien. , .Steinen", die viele Birnen innerhalb ihres saftigen Fruchtfleisches führen. Auf entsprechend geführten Schnitten durch solche Birnen bemerkt man in ihrem dünnwandigen, weitlumigen, saftigen Gewebe Gruppen dieser stark verdick- ten, weit kleineren Zellen. Diese sind es, die man beim Essen solcher Birnen als Steinchen empfindet. Sie mögen zur Erhöhung der mechanischen Festigkeit des die Samen umgebenden Gewebes beitragen. Ein Gewebe, das an- nähernd die Mitte zwischen Parenchymen und Prosenchymen hält, ist das Kon<^nchym. Kollcnchym. Je nachdem seine Zellen kürzer oder länger sind, nähert sich ihre Gestalt mehr jener des Parenchyms oder des Prosenchyms. Sie können im letzten Fall bis 2 mm lang werden. Sie behalten aber stets ihren lebendigen Inhalt und verdicken ihre Wände in ganz eigenartiger Weise. Sie verstärken sie nämlich nicht gleichmäßig im ganzen Umkreis, vielmehr nur ganz vorwiegend an den Zellkanten. So erhalten sie längsverlaufende Verdickungs- leisten, die durch schwächer verdickte Wandstreifen getrennt sind. Dadurch wird der Verband der Verdickungsleisten weniger starr und die Zufuhr von Nähr- , Stoffen durch die dünneren Wandteile zum Protoplasten erleichtert. An Quer- schnitten fallen die Verdickungsleisten durch hellen Glanz auf, der von ihrem starken Lichtbrechungsvermögen herrührt. Die ganzen Wände sind unverholzt. Gewebesysteme gg Wegen seiner Leistungen im Pflanzenkörper darf dieses Gewebe ein ganz be- sonderes Interesse für sich in Anspruch nehmen. Es stellt eine Art pflanzlichen Knorpels, d. h. eines Skelettgewebes dar, das auf Wachstum eingerichtet ist. . Seine absolute Festigkeit erreicht hohe Werte, sie steht jener der Bastfaser- stränge nur wenig nach. Seine Elastizitätsgrenze liegt aber viel tiefer, so daß jede stärkere Dehnung zu einer bleibenden Verlängerung führt. So ist es mög- lich, daß dieses Gewebe als mechanische Stütze einem Pflanzenteil dienen kann, ohne sein Längenwachstum zu hindern. Alles Dauergewebe, dessen Ursprung sich direkt von dem Urmeristem des Unterscheidung Vegetationspunktes ableiten läßt, wird ,, primäres Gewebe" genannt. Diese uud' seki^/ämi, Bezeichnung dehnt man auch auf solche Gewebe aus, die vor beendigtem Gewebe. Längenwachstum eines Pflanzenteils aus den primären Meristemen, d. h. aus jenen ursprünglichen Geweben hervorgehen, die ihren meristematischen Cha- rakter zwischen den Dauergeweben behielten. Alles Dauergewebe, das die primären Meristeme erst nach vollendetem Längenwachstum eines gegebenen Pflanzenteils erzeugen, sowie solches, das von nachträglich auftretenden Meri- stemen, die wir als Folgemeristeme unterschieden haben, gebildet wird, heißt , .sekundäres Gewebe". Die Gewebesonderungen nehmen im Pflanzenreiche naturgemäß in dem Fortschreitende Maße zu, als seine phylogenetische Entwicklung fortschreitet. Ihren Höhe- sonderun- im punkt erreichte sie erst bei den Landpflanzen, und zwar innerhalb jener Ent- ^^^"'^«''"■e'che. wicklungsreihe, die von den farnähnlichen Gewächsen aufwärts zu den Phanero- gamen führte. Es war die diploide Generation bei diesen Pflanzen, der allmäh- lich alle somatischen Funktionen zufielen. Das kommt zum Ausdruck in der Vollkommenheit der äußeren Ghederung und des inneren Baues, zu der diese Generation gelangte. Wir wollen den inneren Bau der Gewächse hier zunächst in dieser seiner höchsten Vollendung betrachten und daraufhin erst unsere Blicke auch den Wegen zuwenden, die das Pflanzenreich zurücklegte, um von den einfachen Gewebebildungen aus solche Höhen der Entwicklung zu er- reichen. Auf höheren Stufen der Sonderung lassen sich die Gewebe der Pflanzen Geweiesysteme. zu drei Gewebesystemen gruppieren: dem Hautgewebe, den Gefäßbündeln und dem Grundgewebe. Dicht unter dem Vegetationspunkt einer höher organisierten Pflanze be- Gewebe- sonderung" unter ginnt bereits die Sonderung in ungleichartige Gewebe, deren Zellen aber noch dem vegetations- protoplasmareich sind, dünne Wände besitzen und sich lebhaft durch Teilung ''""'" vermehren. Erst in größerer Entfernung vom Scheitel treten die besonderen Merkmale der verschiedenen Gewebe und Gewebesysteme hervor und kenn- zeichnen sich immer schärfer bis zum Augenblicke ihrer Fertigstellung. — Die erste Sonderung, die sich unter dem Vegetationspunkt geltend macht, ist die des Hautgewebes vom Binnengewebe. Dann wird ein Unterschied der Gefäß- bündelanlagen und des Grundgewebes kenntlich. Zellenzüge, aus denen die Gefäßbündel hervorgehen sollen, strecken ihre Elemente und bilden ,, Prokam- biumstränge". Diese behalten am längsten ihren meristematischen Zustand, 100 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre und sofern aus ihnen sogenannte „offene Gefäßbündel" hervorgehen sollen, verharrt ein Gewebestreifen in ihnen überhaupt in diesem Zustand. Diese Fertigstellung der Gewebe schreitet an den Sprossen und auch Wur- zeln der höher organisierten Gewächse im allgemeinen vom Scheitel gegen die Basis fort. Doch gibt es auch Sprosse, besonders bei Monokotylen, die Zonen intcrkaiares,,interkalaren" Wachstums behalten, bei welchen bestimmte, vornehmlich basale ac stum. j^jbschnitte der Stengelglieder meristematisch bleiben, um Orte der Weiter- entwicklung zu bilden. G. Haberlandt möchte den Vorteil solcher Einrichtun- gen darin erblicken, daß die Pflanze ohne die Fertigstellung aller ihrer Gewebe abzuwarten, das verfügbare Baumaterial verwenden kann, um frühzeitig ihre Blütenregion auszugestalten. Ein besonderer Nutzeffekt erwächst den Gräsern, so in auffälliger Weise unseren Getreidearten, aus den interkalaren Wachstum- zonen an der Basis ihrer Stengelglieder. Auch der Laie wird gelegentlich die Erfahrung gemacht haben, daß diese Stengelglieder dort ganz weich bleiben, daß man sie infolgedessen bei Zug von oben leicht an diesen Stellen durch- reißen und aus den Blattscheiden, in denen sie stecken, befreien kann. Ge- lagertes Getreide verwertet nun diese interkalaren Wachstumszonen, um sich gegebenenfalls emporzurichten. In einem Getreidehalm, der durch Wind oder Regen zu Boden gedrückt wurde, regt die Schwerkraft an der abwärts gerichteten Seite der interkalaren, meristematischen Zonen ein Wachstum an, das zu knieförmigen Krümmungen des Halmes führt und seine Empor- richtung veranlaßt. Biatw^acbstum. Untcr dcu Laubblättern zeichnen sich jene der Farne dadurch aus, daß sie an ihrer Spitze fortwachsen. Diese Spitzen sind schneckenförmig nach innen eingerollt und so durch ältere Blatteile geschützt. Manche tropische Farne weisen Blätter auf, die in solcher Weise fast unbegrenzt fortwachsen können, und ihre Spitze in dem Maße, als ihre Entwicklung fortschreitet, entrollen. Bei den Phanerogamen pflegt die Spitze der Blattanlagen rasch fertiggestellt zu werden, und die Weiterentwicklung an der Blattbasis, in manchen Fällen in mittlerer Blattlänge sich zu vollziehen , also durch interkalare Wachstums- zonen. Karl Göbel erblickt in dieser raschen Fertigstellung der Blattspitzen eine vorteilhafte Einrichtung zum Schutze der jüngsten Knospenteile. Be- sonders auffällig ist das Voraneilen der Blattspitzen in ihrer Ausbildung bei vielen tropischen Gewächsen, besonders Kletterpflanzen, an denen sie, nach den Beobachtungen von M. Raciborski, sofort in die Arbeit der Kohlenstoff- aneignung eintreten. Sehr deutlich ist eine interkalare Wachstumszone am Grunde der schwertförmigen Blätter unserer einheimischen, sowie auch der in unseren Gärten kultivierten M'^arten, deren Blätter im Frühjahr an ihrem Grunde sich verlängernd, gewissermaßen aus dem Boden hinausgeschoben wer- den. Auch hier überzeugt man sich leicht, indem man die Blätter an ihrem obe- ren Ende erfaßt und an diesem zieht, wie wenig Widerstand die Blattbasis der Durchreißung entgegensetzt. Die äußerste Mantelschicht der embryonalen Zellen des Vegetationskegels am Sproßscheitel hoch organisierter Pflanzen ist es, welche die ,, Oberhaut" oder Spitzenwachstum und interkalares Wachstum. Epidermis lOi „Epidermis" liefert, die als primäres Hautgewebe die fertigen Pfianzenteile be- Hautgewebe, deckt. Diese Mantelschicht hat daher den Namen „Dermatogen" oder ,,Proto- derm" erhalten (Fig. 29 d). Am Vegetationskegel der Wurzeln derselben Pflanzen, die diese Sonderung am Sproßscheitel aufweisen, wird eine äußerste Zellschicht als ,,Dermatogen", vielfach erst in einiger Entfernung vom Scheitel, von der nächstinneren Zellage abgegrenzt (Fig. 30 d). Der Oberhaut fällt vor allem die Aufgabe zu, die inneren Teile der Pflanze Oberhaut zu schützen. Je nach der Umgebung, in der die Pflanze lebt, werden aber ver- schiedene Ansprüche an diese ihre äußerste Zellschicht gestellt. An den ober- irdischen Teilen der Landpflanzen soll die Oberhaut die Gefahr beseitigen, wel- che zu starker Wasserverlust durch Verdunstung mit sich brächte; sie hat den physikalischen und chemischen Angriffen der Atmosphärilien zu trotzen, so- wie den Angriffen der niederen und nach Möglichkeit auch der höheren Orga- nismen zu widerstehen. Einförmiger wird ihre Aufgabe an den unterirdischen Teilen der Land- pflanzen, leichter an Wasserpflanzen, wo der Schutz gegen Verdunstung wegfällt, andererseits freilich die Notwendigkeit sich einstellt, die inneren Luftbehälter des Pflanzenkörpers dicht gegen das umgebende Medium abzuschließen. Die Epidermis ist in derAusgestaltung, die sie an der diploiden Generation der Pflanzen von den j.,., . , 1 1 r i- /-> •• 1 r ■• Ä F'g-3S- Flächenansicht der Epidermis auf flllkOlden, d. h. tarnartigen Gewachsen aufwärts derBlattoberseitevonMercurialisperennls. gewann, fast immer einschichtig. Ihre Zellen sind vergr. 300. meist senkrecht zur Oberfläche abgeflacht und lückenlos untereinander verbun- den. Eine häufige Erscheinung an ihnen ist ihre seitliche ,, Verzahnung" (Fig.35). Sie gibt sich in dem welligen oder zackigen Umriß der Zellen entsprechender Ober- häute zu erkennen, die man bei hinreichend starkerVergrößerung von ihrer Außen- seite betrachtet. Das erklärt sich leicht aus dem Umstände, daß diese Gewebe- schicht oft genug auf Zugfestigkeit in Anspruch genommen wird. Es geschieht das unter dem Einfluß vonTurgorspannungen, die sich in den inneren Geweben einstellen und die Epidermis dehnen möchten, so auch bei jeder Biegung, die ein Pflanzenteil durch den Wind erfährt. An oberirdischen Pflanzenteilen, soweit sie auf längere Lebensdauer eingerichtet sind, also an Stengelteilen, Laubblättern, hingegen nicht an Blumenblättern, weisen die Außenwände der Oberhautzellen eine stärkere Verdickung auf. Die Verdickung wird besonders bei solchen Verdickung Pflanzen gefördert, die ihre Transpiration möglichst einschränken müssen. Das ^' '^'^''""^ sind nicht nur Pflanzen trockener Klimate, sondern auch die, welche im Hoch- gebirge wachsen, wo die Luft verdünnt und die Besonnung sehr stark ist, ja, unter Umständen selbst Pflanzen feuchter Standorte, so des Meeresstrandes, die der starke Salzgehalt des Bodens nötigt, ihre Verdunstung einzuschränken, da- mit nicht zu viel Salz mit dem Bodenwasser in ihren Körper gelange. Doch steht eine solche Verdickung der Oberhautaußenwände nicht immer nur in Beziehung zu der Verdunstung, sie wird vielmehr auch in Hinsicht auf mechanische Inan- I02 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre spruchnahme erzeugt. Das gilt für die lederartigen Laubblätter vieler Tropen- gewächse, bei denen es auf Herabsetzung der Transpirationsgröße gar nicht ankommen kann. Wohl aber sollen sie dem heftigen Anprall der fast täghch sich einstellenden Regengüsse widerstehen. Naturgemäß werden stets an die mechanische Leistungsfähigkeit derjenigen Oberhautzellen, welche den Rand von Blättern einnehmen, die höchsten Ansprüche gestellt. Um die Gefahr des Einreißens der Blattspreite zu vermindern, müssen diese Oberhautzellen ganz besonders starke Wände erhalten. An manchen Blättern werden bestimmten Zellenzügen der Epidermis ausschließlich mechanische Funktionen zugewiesen, und dadurch die Biegungsfestigkeit des ganzen Organs erhöht. Solche Zellen sind langgestreckt, stark verdickt, von ausgeprägt prosenchymatischem Cha- rakter. Lehrreich ist es, wenn, wie in den Blättern verschiedener Seggen [Cype- raceen) namentlich Zypergras- {Cyperus-) Arten, in der Längsachse des Blattes aufeinanderfolgende, junge Epidermiszellen in mehrere Stockwerke zerlegt werden, und aus ihren dem Blattinnern zugekehrten Teilen ein Bündel von Sklerenchymfasern hervorgeht, während die äußeren als Oberhautzellen sich ausbilden. So kommt gewissermaßen ein Ausgleich der Bedürfnisse zustande, die sich an diesen Stellen geltend machen. Einer Verdickung der Außenwände der Oberhautzellen schließt sich in den Kutinisierung. allermeisten Fällen eine mehr oder weniger starke Kutinisierung ihrer äußeren Verdickungsschichten an. Die dem Zellinnern zugekehrten bleiben von diesem Vorgang ausgeschlossen. Durch die Kutinisierung wird die Undurchlässigkeit der Epidermisaußenwände für W^asser noch gesteigert. Auch ihre mechanische Leistungsfähigkeit wird dadurch noch erhöht. Mag die Epidermis im übrigen nur schwach oder stark verdickt, zum Teil kutinisiert oder gar nicht kutinisiert sein, stets zeigt sie sich an ihrer Außenseite von einem dünnen, ununterbrochen verlaufenden Häutchen überzogen, das besonders kutinreich ist, selbst kon- zentrierten Mineralsäuren und auch der Fäulnis längere Zeit widersteht und Kutikuia. ,,Kutikula" heißt. An sich vermag diese Kutikula, falls sie nicht besonders stark entwickelt ist, dem Wasser nur in beschränktem Maße den Durchgang zu ver- . wehren. Das beweisen die Wasserpflanzen, denen eine Kutikula auch zukommt, welche trotzdem in kürzester Zeit welken und vertrocknen, wenn man sie aus dem Wasser herausnimmt. Die Kutikula ist im allgemeinen wenig imbibitions- fähig und bereitet daher der Transpiration und dem diosmotischen Gasdurch- tritt erhebliche Schwierigkeiten. Doch richten sich die Bewohner besonders feuchter Standorte auf beträchtliche kutikulare Transpiration ein. In dem Maße, als sie imbibitionsfähig ist, läßt die Kutikula Kohlensäure und Sauerstoff passieren und zwar die Kohlensäure leichter als den Sauerstoff. — An den Laub- blättern tropischer Gewächse pflegt die Kutikula sich durch hohen Glanz auszu- zeichnen, was die starkenGlanzhchter desLaubes bedingt, die jedemReisenden auf- fallen. G. Haberlandt möchte darin ein Schutzmittel gegen zu intensive Insolation erblicken, weil sie die Spiegelung eines Teiles der Sonnenstrahlen an der Blatt- oberfläche bedingt. Diese wird weiter noch gesteigert durch die geneigten Stellungen, welche viele Tropenblätter zur Lichtquelle annehmen. Häufig Ausbau der Oberhaut. Inhalt ihrer Zellen 103 tragen auch ,, Wachsüberzüge" der Oberhaut zu der Herabsetzung der Tran- Wachsüberzu«. Spirationsgröße bei. Solche Wachsüberzüge sind uns als leicht zu entfernender ,,Reif" an Pflaumen und Weinbeeren wohl bekannt. Es handelt sich um eine Ausscheidung dieses Pflanzenwachses durch die Wände der Oberhautzellen nach außen, wo es sich in Gestalt von Körnchen, Stäbchen oder Krusten sammelt. Solche Wachsschichten können in manchen Fällen recht stark werden, so an den Blätternder Wachspalme [Coperniciacerijera Marl.), von denen man sie abstreift und als Carnaubawachs für Herstellung von Firnissen und Kerzen benutzt. Wachsüberzüge verhindern die Benetzung mancher Pflanzenteile vollständig. Ein anziehendes Schauspiel bietet es, Wasser den schildförmigen Blättern des indischen Lotos [N elumbium speciosum) aufzuspritzen. Die Tropfen rollen wie Quecksilberkugeln an der schräggehaltenen Blattfläche hinab. Es wird an- gegeben, daß Wachsüberzüge an den Stengeln mancher Pflanzen in der Blüten- region ein Schutzmittel gegen Ameisen bilden. Die durch Wachs schlüpfrig gemachte Oberfläche soll sie am Aufstieg verhindern. So können sie nicht zum Blütennektar gelangen, der den bei der Bestäubung tätigen Insekten vorbe- halten bleiben muß. — Die Widerstandsfähigkeit der Außenwände einer Ober- Mineraiuciu- haut nimmt noch zu und wird dann auch zum ergiebigen Schutzmittel gegen '" ^e''"'""^'^"- Tierfraß, wenn größere Mengen von Kieselsäure oder von kohlensaurem Kalk in ihre Verdickungsschichten eingelagert sind. Die verkieselte Epidermis der Schachtelhalme [Equiseten] bringt es dadurch bis zur Härte des Flußspates, Härte 4 der in der Mineralogie üblichen Mohrschen Härteskala; mit den Frucht- körnern des Grases [Co2x lacryma Yobi L.) kann man sogar noch Opal ritzen, sie erreichen die Härte 7 des Quarzes, Daher kommt es, daß diese Körner, die wie schwachviolette Perlen aussehen und Kirschkerngröße erreichen, zu Rosen- kränzen benutzt werden. Die Pflanze heißt in Brasilien Lagrimas da Nossa Senhora, zu deutsch Marienträne oder Tränengras. Der Protoplast der Epidermiszellen führt nur in bestimmten Fällen Chloro- ini'ait de. ui>ei- phyllkörner, so bei den Farnkräutern. Im allgemeinen hat die Arbeitsteilung unter den Geweben dahin geführt, daß die Epidermis von der Assimilations- arbeit entbunden wurde. Der Protoplast umschließt einen Saftraum, der für gewöhnlich farblose Flüssigkeit führt. Doch kann dieser Zellsaft unter Umstän- den rot sein, wie an jenen blutfarbigen Abarten verschiedener Pflanzen oder jenen roten Frühlingstrieben, mit denen wir uns schon einmal befaßt haben. Dem Saftraum der Oberhautzellen kommt eine wichtige Bedeutung zu, da es sich herausgestellt hat, daß zu den gewohnten Aufgaben der Epidermis von Land- pflanzen auch die Wasserspeicherung gehört. Demgemäß sind die Seitenwände Oberhaut au der Oberhautzellen dünn. Sie dürfen nicht starr sein, um das blasebalgähnliche '^^"^"^ ' Spiel zu ermöglichen, das der wechselnde Wassergehalt der Zellen verlangt. Bei Wasserzunahme werden sie glatt emporgerichtet, bei sinkendem Wasser- gehalt legen sie sich in Falten. Je höher die Epidermis ist, um so mehr Wasser vermag sie zu speichern. Querschnitte durch Begonienblätter oder etwa auch durch die Blätter der viel kultivierten Tradeskantien, führen dem Beobachter Epidermen vor, die höher als das übrige Blattgewebe sind. Unter den Wüsten- I04 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre pflanzen und sonstigen Pflanzen trockener Standorte gibt es solche, die einzelne Oberhautzellen nach außen vorstülpen, um ihren Wasserraum zu vergrößern; manche erzeugen sogar umfangreiche Wasserblasen auf diese Weise und be- kommen ein Aussehen, als wären sie mit Eisperlen besetzt; so das öfters bei uns kultivierte Eiskraut [Meseynhryanthemum crystallinum L.). — Zwischen den Ver- schieimbiidung dickungsschichtcn der Oberhautzellen und ihrer Kutikula tritt in bestimmten haut. "^^ Fällen eine schleimige und klebrige Substanz auf, welche die Kutikula abhebt und schließlich sprengt. Das geschieht besonders oft an Knospenschuppen, doch in vereinzelten Fällen auch an Stengeln, so am Stengel der Pechnelke [Viscaria vulgaris Roehl.) und anderer Leimkräuter, {Süeneen), die damit einen Klebring erhalten. Einen solchen Ring vermögen kleine Tiere nicht zu überschreiten. Er schützt die höher gelegenen Blüten vor unbefugten Gästen, ähnlich wie ein Pechring, den wir am Stamm unserer Obstbäume anbringen, größere Tiere hindert, deren Früchte zu erreichen. — Andererseits können Ober- Hydathoden. hautzellen, bzw. Oberhautzellgruppen, als aktive ,,Hydathoden" für Wasser- ausscheidung eingerichtet werden. Solche Zellen fallen durch ihren besonderen Inhalt, vor allem durch große Kerne auf. Einzelzellen, die einer solchen Auf- gabe obliegen, zeichnen sich auch wohl durch komplizierten Bau aus, so vor- nehmlich bei Pflanzen, die im feuchten Tropenklima leben. Auf Ausscheidung süßschmeckender Stoffe sind die Oberhautzellen der meist am Blütengrunde .Mektaricn. angebrachten ,,Nektarien" eingerichtet, und sie locken mit diesen Stoffen Bestäuber an. Vielfach fallen den Oberhautzellen trockner Früchte oder Samen, die den Einflüssen der Außenwelt längere Zeit widerstehen sollen, außer mechanischen Aufgaben auch noch besondere Leistungen zu, die in manchen Fällen in sehr eigenartigen Bauverhältnissen sich äußern. Ein Extrem in dieser Richtung dürften uns die Samenschalen von Weiderichgewächsen [Lythraceen) darbieten, die ich hier schildern will, um an ihrem Beispiel zu zeigen, bis zu welchen kunst- vollen Einrichtungen es eine pflanzliche Epidermis unter Umständen bringen konnte. Bei der in botanischen Gärten meist kultivierten, nordamerikanischen Cuphea viscosissima Jacq.*' wird in jeder Oberhautzelle der Samenschale, durch Verdickung einer mittleren Partie der Außenwand an ihrer Innenseite, ein langer, zylindrischer Auswuchs erzeugt, der bei weiterer Längenzunahme sich in Win- ScUeimapparat. dungeu Icgt Und den Zellraum schließlich fast ganz ausfüllt. Bei Wasserzutritt zu den Samen werden nach einiger Zeit die Stellen der Außenwände, denen die Auswüchse ansitzen, deckelartig geöffnet und die Auswüchse stülpen sich haar- ähnlich nach außen vor. Es handelt sich um ein wirkliches Umstülpen des Aus- wuchses, wobei sein zuvoriger Inhalt nunmehr an seine Oberfläche als Schleim gerät. Die spiraligen Einfaltungen, die der Auswuchs zeigt, so lange als er in der Oberhautzelle eingeschlossen ist, werden an der gedehnten Wand des vor- gestülpten Schlauches unkenntlich. Die Vorstülpung vollzieht sich sehr rasch, und die vorgeschossenen Schläuche müssen daher allseitig zwischen die Boden- teilchen eindringen und den Samen befestigen. Der Schleim hält das aufgenom- mene Wasser energisch fest und sorgt so für anhaltende Feuchtigkeit um den Exkrete der Oberhaut. Ozellen 105 Samen. Das mag ganz vorteilhaft sein; die Einrichtung, die zu diesem Ergebnis führt, ist bei alledem recht verwickelt. Es sind eben in Einzelfällen Apparate bei den Organismen zur Ausbildung gelangt, deren Komplikation nicht ganz im Verhältnis zu ihrem Nutzen zu stehen scheint. Seit einer Anzahl von Jahren sucht G. Haberlandt* zu begründen, daß an Oberhaut ais solchen Laubblättern, welche die Oberseite ihrer Spreite dem Lichte zuwenden, '"" Apparat!""^ — und das tun fast allgemein die ,,dorsiventralen", d. h. mit einer auf äußere Einflüsse verschieden reagierenden Rücken- und Bauchfläche versehenen Blät- ter, — 'die Oberhaut der Oberseite auch ein Organ der Lichtperzcption sei. Mit dieser Funktion bringt G. Haberlandt papillöse Vorwölbungen der Außenwände der Oberhautzellen, die an den Blättern mancher Schattenpflanzen kegelförmig werden können, in Verbindung. Sie wirken wie Sammellinsen und sollen das Licht auf das tiefer gelegene, die Chlorophyllkörner führende Gewebe konzen- trieren. Die Innenwand der Epidermiszelle wird bei diesem Strahlengang in ihrer Mitte am stärksten beleuchtet. Bei entsprechender Versuchsanstellung gelingt es, sich hiervon direkt unter dem Mikroskop zu überzeugen, auch auf photographischem Wege die erzielte Wirkung festzuhalten. An Oberhäuten, die an ihrer Außenfläche glatt sind, kann durch die Vorwölbung der Innenwand gegen das Blattinnere eine ähnhche Strahlenbrechung erzielt werden. Auch wirken in bestimmten Fällen vorgewölbte Außen- und Innenwände von Epi- dermiszellen zusammen, um bikonvexe Linsen herzustellen. Noch andere Pflanzen, wie Colocasia antiquortim Schott, Campanula persicifolia L., sind in der Mitte der Außenwände ihrer Epidermiszellen mit linsenförmigen Ver- dickungen aus oft besonders stark lichtbrechender Substanz versehen. Das sind Tatsachen, welche sicherstehen, während über den Nutzeffekt der Einrich- tung die Ansichten auseinandergehen. Nach G. Haberlandt handelt es sich um lichtperzipierende Organe der Pflanze, die er den Sinnesorganen der Tiere zur Seite stellt. Bei manchen Pflanzen, von denen hier nur die in Peru einheimische Acanthacee Fittonia Verschaffeltii {Lam.) Coem. genannt werde, wölben sich aus der Blattoberseite einzelne Epidermiszellen als große Kugeln vor und tragen eine sehr kleine, bikonvexe Zelle an ihrem Scheitel. Sie zeichnen sich durch be- sondere optische Leistungen aus. Auf den Blättern unseres Spitzahorns [Acer platanoides L.) kommt Gruppen abweichend gebauter Oberhautzellen ein sol- ches Verhalten zu. Bei entsprechendem Lichteinfall zeichnen sie sich vor den benachbarten Oberhautzellen dadurch aus, daß die Mittelfelder ihrer Innen- wände hell erleuchtet und von dunklen Randzonen umgeben erscheinen. G. Haberlandt bezeichnet solche Gebilde als ,, Ozellen", indem er sie mit den ,, Richtungsaugen" mancher niederer Tiere vergleicht. Der optische Apparat der Epidermen soll in allen Fällen dazu dienen, die Blattspreite über die für sie günstigste Lichtlage zu orientieren und ihre Einstellung in diese zu veranlassen. Das ist nun aber der Punkt, gegen den die Angriffe von anderer Seite gerichtet werden. Der Gegensatz ist nicht ausgeglichen. Tatsächlich gelang M. Nordhausen der Nachweis, daß Blätter, deren Oberhaut nach Ha- berlandt einen optischen Orientierungsapparat darstellen sollte, die richtige io6 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Kühltüpfcl d.T Oberhaut. Mehrschichtige Ob rhaut Trau1)enförmig< Körper der Urticales. Lichtlage annahmen, nachdem man diesen Apparat an ihnen zerstört hatte. Seine Leistungen für die Pflanze sind also noch unklar. Die optischen Erschei- nungen, die G. Haberlandt an ihm konstatierte, stehen andererseits als solche fest. Sich vorzustellen, daß ein so wirkender Apparat völlig nutzlos zur Ausbil- dung gelangt sei, hält zunächst schwer. — Als besondere Reizempfänger werden in der Epidermis gewisser Pflanzen ,, Fühltüpfel" ausgebildet.* Die Ranken der Kürbisgewächse {Cucurbitaceen) haben sie aufzuweisen, und zwar gewöhnlich nur an jener Seite, deren Berührung Krümmungsbewegungen auslöst. Dort zeigt bei den meisten Arten jede Oberhautzelle in der Mitte ihrer Außenwand einen solchen Tüpfel. Dieser erweitert sich trichterförmig gegen die Oberfläche und ist von dieser nur durch eine dünne Mem- bran abgeschlossen. Der Protoplast setzt sich in dem Tüpfelraum fort und füllt ihn in der Regel ganz aus. Es leuchtet ein, daß solche Tüpfel den Reiz jeder Berührung besonders stark empfinden würden. Nur verhältnismäßig selten kommen bei den hochentwickelten Pflanzen auch mehrschichtige Epidermen vor. Sie entstehen dadurch, daß die jüngeren Oberhautzellen sich entsprechend teilen. Das geschieht beispielsweise an den Blättern des Gummibaumes {Ficus elastica L.) (Fig. 2>^), der in Ostindien zu bedeutender Höhe heranwächst, bei uns in kleinen Exemplaren eine häufige Zierde der Blumentische bildet. Seine großen, an ihrer Oberseite stark glänzenden Blätter sind beider- seits mit einer dreischichtigen Oberhaut versehen. Die äußerste Schicht dieser Oberhaut ist klein- zellig und dient vornehmlich nur noch einer me- chanischen Aufgabe; die zweite und besonders die dritte Schicht besitzt weit größere Zellen und fungiert als Wasserbehälter. Alle drei Schichten sind chlorophyllfrei. Im mikroskopischen Bilde der Querschnitte fallen innerhalb der innersten Epidermisschicht in einzelnen besonders stark angeschwollenen Zellen traubenförmige Körper auf (Fig. 36c). Sie werden von einem Stiel getragen, der der Außenwand entspringt. Es handelt sich um einen aus aufeinanderfolgenden Membranschichten aufgebauten, mit Warzen besetz- ten Membranauswuchs, der mit kohlensaurem Kalk stark inkrustiert ist und einen Exkretbehälter für diesen Stoff darstellt. Solche ,,Zystohthen" sind in der Pflanzenreihe der Urticales, zu der auch Ficus gehört, verbreitet und auch noch in einigen anderen Familien anzutreffen. Den Blättern der die eßbaren Feigen liefernden Ficus carica L. kommen die Zystolithen ebenfalls zu. Sie füllen auch in ihnen vergrößerte Zellen der Epidermis aus, die aber bei dieser Ficusart nur einschichtig ist. Es sind außerdem mehrschichtige Epidermen den Blättern verschiedener Piperazeen und Begoniazeen eigen, und sie kommen auch an Fig. 36. Querschnitt durch das Blatt voa Ficus elastica. c Zystolith, eee drei- schichtige Epidermis, /j Palisadenparen- chyra, .y Schwamraparenchym. Vergr. 240. Mehrschichtige Epidermis. Wurzelhülle. Spaltöffnungen 107 Wurzeln vor. An gewissen Luftwurzeln erlangen sie sogar, so in den Familien der Orchideen und zum Teil auch der Arazeen, eine ganz eigenartige, mit besonderen Wurzeiuüu.- Aufgaben verbundene Ausgestaltung. Sie bilden dort das sog. ,,Velamen radi- cuni" (Fig.59z;0, eine oft recht starke, pergamentartige Hülle, die weiß erscheint, wenn sie Luft führt, hingegen grünlich, wenn sie mit Wasser gefüllt ist, weil dann die tiefer gelegenen, chlorophyllhaltigen Gewebe der Wurzel durchschim- mern. Auch diese ganze Hülle geht durch fortgesetzte Teilungen aus einer zu- nächst einfachen Epidermisanlage hervor. Im fertigen Zustande weist sie Zellräume auf, die mit schrauben- oder netzförmigen Wandverdickungen ver- sehen sind und nur Luft oder Wasser führen. Ihren lebendigen Inhalt haben alle Zellen dieser Hülle eingebüßt. Ihre Wände sind oft auch mit Löchern aus- gestattet. Der Nutzen, den solche Wurzelhüllen den epiphytischen, d. h. auf anderen Pflanzen oft in bedeutender Höhe über dem Boden in tropischen Wäl- dern wachsenden Orchideen und Arazeen bringen, ist leicht einzusehen. Denn das Velamen radicum saugt wie Fließpapier das Wasser auf und vermag es infolgedessen gleich festzuhalten. Die Oberhautzellen schließen, wie wir schon erfahren haben, seitlich lückenlos untereinander zusammen. Dadurch werden solche Lücken in ihrem Verbände vermieden, die unkontrollierbare Wasserverluste für die Pflanze zur Folge hätten. Andererseits muß die Pflanze für Transpirationszwecke und Gas- austausch mit der umgebenden Atmosphäre Öffnungen besitzen, die nach außen münden, Öffnungen aber, deren Weite nach Bedarf geregelt werden kann. Über eine solche Einrichtung verfügt sie in ihren Spaltöffnungsapparaten (Fig. 37). Die ,, Spaltöffnungen" können nur den von Luft umgebenen Pflanzenteilen von Spaitöffuuuger,. Nutzen sein und fehlen demgemäß jenen, die unterirdisch oder untergetaucht leben. Auch an oberirdischen Gliedern des Pflanzenkörpers haben sie nur dort einen Zweck, wo ein mit Zwischenzellräumen versehenes Gewebe an die Ober- haut grenzt, also nicht an Stellen, wo ein interzellularraumfreies, mechani- sches Gewebe dies tut. Entwicklungsgeschichtlich gehören die Spaltöffnungen stets der Oberhaut an, auch da, wo sie im fertigen Zustande nicht in gleicher Höhe mit ihr liegen. Sie verdanken ihre Entstehung der Teilung junger Ober- hautzellen, im einfachsten Falle einem Teilungsschritt, durch welchen solche Zellen in zwei ungleich große Schwesterzellen zerlegt werden. Aus der größeren Zelle geht eine Oberhautzelle hervor, die andere bildet durch eine weitere Tei- lung die Spaltöffnung, als deren Mutterzelle sie gelten kann. Vielfach folgen aber noch mehrere Teilungen in der ursprünglichen Oberhautzelle aufeinander, bevor es zur Anlage der Spaltöffnungsmutterzelle kommt. Jede Pflanzenart hält an ihrem Teilungsmodus fest und liefert charakteristische Bilder bei diesem Vor- gang. So können die aufeinander folgenden Scheidewände bogenförmig ge- krümmt sein und sich derart schneiden, daß sie einen elliptischen oder drei- eckigen Raum zwischen sich abgrenzen. Selbst ganz eigenartige, kreisförmige Wandbildungen kommen bei Farnen vor, durch welche die junge Oberhautzelle in eine mittlere, ovale Spaltöffnungsmutterzelle und eine sie wie ein Rahmen um- fassende, ringförmige Oberhautzelle zerlegt wird. Interessant ist es gewiß, daß io8 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre auch solche histologische Eigenheiten bei jeder einzelnen Spezies erblich fixiert sind, daß man zudem, bei hinreichender Ausdehnung der Untersuchungen alle Mittelformen zwischen den Extremen bei den jetzt existierenden Pflanzenarteii noch vorhanden findet und durch ihre Aneinanderreihung sich ein lückenloses Bild von ihrem phylogenetischen Zustandekommen entwerfen kann. Die Spaltöffnungsmutterzellen nehmen nach ihrer Anlage elliptische Ge- stalt an und werden durch eine Längswand in zwei Tochterzellen zerlegt. Diese verdicken hierauf den mittleren Teil dieser Längswand in ganz bestimmter Weise, für gewöhnlich so, daß sie dieser oben und unten je eine Leiste ansetzen. Hierauf spaltet sich diese Längswand an der so verdickten Stelle, und es entsteht ein Zwischenzellraum, der von außen in das Innere der Pflanze führt (Fig. ^y). Unter einer solchen Spaltöffnung, deren beide Zellen als ,, Schließzellen" bezeich- net werden, treten die Zellen des inneren Gewebes auseinander, um einen durch seine Größe sich auszeichnenden Inter- zellularraum, den man ,, Atemhöhle" (Fig. 38.ß) nennt, zu bilden. DieSchheß- zellen der Spaltöffnung führen stets Chlorophyllkörner, während die übri- gen Oberhautzellen, wie wir schon wis- sen, meist diese Gebilde nicht enthal- ten. Die Schließzellen benötigen der Chlorophyllkörner zur Ausübung ihrer Funktion, die an Turgoränderungen geknüpft ist. Sie assimilieren kräftig Fig. j7. Epidermis mit Spaltöffnungen auf der Blatt- ■ T j U|^g J ZCiffCn dcn Erfok ihrer Unterseite von Helleborus niger. Vergr. 120. HIl i^ICULC UHU /.ClgCU UCH i^liUlg IllICl Tätigkeit deutlich durch die verhältnis- mäßig großen Stärkekörner an, die sie in ihren Chlorophyllkörnern bilden. Aus dieser Stärke gehen aber dann weiter die Stoffe hervor, die, kräftig das Wasser anziehend, einen osmotischen Druck in den Schließzellen herzustellen vermögen, der auf 5 bis lO Atmosphären steigen kann. Der Bau der Schließzellen (Fig. 38), der es mit sich bringt, daß bei steigen- dem Turgor die Zentralspalte sich erweitert, bei sinkendem Turgor sich schließt, ist nicht bei allen Pflanzen der gleiche. Wir wollen uns hier darauf beschränken, die häufigst vorkommende Einrichtung zu erörtern. Das wird genügen, um uns den Einblick in diese Art von Mechanismen zu gewähren. Wir halten uns somit an jenen Typus, wo die Verdickung der die beiden Schließzellen trennen- den Wand zu beiden Seiten der Zentralspalte so angebracht ist, wie zuvor ge- schildert wurde (Fig. 38^, 39). Steigt der Turgor in derartig gebauten Schließ- zellen, so wirkt er dahin, sie zu vergrößern und ihre Wände zu strecken. Dieser Streckung leisten aber die Verdickungsleisten an der Spalte größeren Wider- stand als die unverdickten Wandstellen. Die der Spalte gegenüberliegenden Seiten der Schließzellen werden stärker gedehnt, und das hat ihre Krümmung und eine entsprechende Erweiterung der zwischen den beiden Schließzellen befind- lichen Spalte zur Folge. Sinkt der Turgor, so nehmen die Schließzellen an Größe Bau und Funktion der Spaltöffnungen lOQ ab, ihre Krümmung wird schwächer, die Spalte demgemäß verengt oder selbst geschlossen. Der Umstand, daß in beiden Schließzellen ein Streifen Wand, in halber Höhe an der Spalte zwischen den Verdickungsleisten, dünn blieb, hat zur Folge, daß er vorgewölbt wird, wenn bei sinkendem Turgor die Schließ- zellen an Größe abnehmen, und daß er damit zur Verengung der Spalte wirksam beiträgt. Zarte Schnitte, die einen Spaltöffnungsapparat genau quer halbiert haben (Fig. 38 ß, 39^1), zeigen, daß die verdickten Membranteile an der Spalt- seite der Schließzellen oberhalb und unterhalb der Spalte mehr oder weniger stark vorspringen, wobei sie über ihr oft schnabelartig geformt erscheinen. Ent- sprechende Reagenzien lehren, daß sie stark kutinisiert sind. An den nämlichen Querschnitten stellt man auch fest, daß die Schließzellen nicht starr zwischen den verdickten Außenwänden der angrenzenden Oberhautzellen eingefügt sind, sondern sich mit ihnen meist wie durch Scharniere seh sp verbunden zeigen (Fig. 39 A, seh). Diese kommen A Fig. 38. Epidermis der Blattunterseite von Tradescantia virginica. y'i von außen. />' im Querschnitt. Die Siialtöffnung zwischen Neben- zellen, in ä unter ihr die A-temhöhle zu sehen. Vergr. 240. Fig. 39. Scheraatische Darstellung des Querschnittes einer mit Schar- nieren sc/t versehenen Spaltöffnung in -4; y9 eine Hälfte der entsprechen- den Flächenansicht. ^ Schließzellen. jr/ Spalt. Vergr. 375. durch eine ganz plötzliche Verdünnung der Außenwände an diesen Anschluß- stellen zustande. S. Schwendener hat sie als ,, Hautgelenke" bezeichnet. So werden die Schließzellen in ihrer Beweglichkeit weniger gehindert. Den näm- lichen Nutzeffekt hat in anderen Fällen die Ausbildung von ,, Nebenzellen" am Spaltöffnungsapparat. Diese Nebenzellen sind angrenzende Oberhaut- zellen von abweichendem Bau, die sich durch schwächere Verdickung ihrer Außenwände, auch wohl durch geringere Höhe auszeichnen. Jene zuvor ge- schilderten Teilungen der jungen Oberhautzellen, die der Bildung des Spalt- öffnungsapparates vorausgehen, sorgen für diese seine Umgebung. In den meisten Fällen ersetzen übrigens, wie W. Benecke zeigte, die Nebenzellen der Spaltöffnungen nicht die Hautgelenke, sondern sie verhindern es, daß bei Schrumpfungen der Blätter die Leistungen der Schließzellen durch Zug- und Druckwirkungen zu sehr beeinträchtigt werden. Daher diese Einrichtung be- sonders häufig bei den durch fleischige Ausbildung ihrer Blätter und Stengel- teile ausgezeichneten ,, Fettpflanzen" [Sukkulenten) und anderen Bewohnern trockener Landstriche [Xerophyten) gegeben ist. Es trifft im allgemeinen zu, wenn man angibt, daß die Spaltweite zwischen den Schließzellen sich nach dem jeweiligen Bedarf der Pflanze richtet. Doch iio Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre fand Ernst Stahl, daß einer Reihe von Bäumen, die auf feuchtem Boden leben, so besonders den Weidenarten, die Fähigkeit, die Transpirationsgröße zu regu- lieren, abgeht. Sie vermögen nicht ihre Spaltöffnungen zu schließen. Daher ab- geschnittene Weidenzweige so rasch eintrocknen. Pflanzen, deren Spaltöff- nungen regulierbar sind, werden sie für gewöhnlich im Lichte öffnen, wodurch die Abgabe von Wasserdampf aus dem Innern der Pflanze an die Atmosphäre, die Zufuhrneuen Wassers und der darin gelösten Nährsalze an die assimilierenden Gewebe gefördert wird. Im Dunkeln, wo die Assimilationsarbeit aufhört, pfle- gen sich die Spalten hingegen zu schließen. Sie tun es aber auch im Lichte, falls die gegebenen Bedingungen es verlangen. So stellt sich ihr teilweiser oder gänzlicher Verschluß bei den meisten Pflanzen während des Welkens ein. Wo das der Fall ist, hören solche Blätter auch auf, Stärke zu bilden. Doch gibt es auch solche Pflanzen, wie Calla palustris, Caltha palustris, Hydrangea hortensis, die beim Welken ihre Spaltöffnungen nicht verschließen, und diese fahren dann fort, Stärke zu erzeugen. Die größten Spaltöffnungen, die man bis- her beobachtet hat, besitzen die Gräser. So sind sie beim Weizen 0,079 mni lang und 0,039 mm breit, ihre Zentralspalte weist dabei 0,038mm Länge bei 0,007mm größter Breite auf. Die meisten Spaltöffnungen bleiben aber hinter dieser Größe bedeutend zurück. Daß die Spaltöffnungen trotz ihrer Kleinheit so wirksam den Gasaustausch vermitteln, erklärt sich aus physikalischen Ursachen. Denn es ist in neuerer Zeit H. J. Brown und F. Escombe der wichtige Nachweis ge- lungen, daß die Geschwindigkeit der Diffusion durch Öffnungen in einer dünnen Scheidewand nicht der Fläche, sondern dem Radius der Öffnungen proportional ist. Die Diffusion durch eine Summe feiner Öffnungen ist aus diesem Grunde weitaus größer, als durch eine einzige Öffnung von entsprechender Gesamt- weite. Beträgt zudem die Entfernung der kleinen Öffnungen etwa das Zehn- fache ihres Durchmessers, so fällt die Diffusion fast ebenso stark aus, als wenn überhaupt keine trennende Membran vorhanden wäre. So aber liegen an- nähernd die Verhältnisse für die Verteilung der Spaltöffnungen in den Epider- men, sofern es auf eine möglichst vollständige Ausnutzung dieser Apparate ankommt. Die Pflanze hat in diesem Falle, wie in so vielen anderen ihrer Lei- stungen, im Laufe der phylogenetischen Entwicklung ein physikalisches Prin- zip mit Vorteil ausgenutzt, das wissenschaftlich aufzuklären erst der Neuzeit vorbehalten blieb. — Die größte Zahl von Spaltöffnungen, die bis jetzt auf einem Quadratmillimeter Blattfläche festgestellt worden ist, beträgt 716. Sie wurde vor langer Zeit schon durch Franz Unger für Rübsen [Brassica rapa L.) an- gegeben. Im allgemeinen bewegt sich diese Zahl zwischen 100 und 300, womit sie jedenfalls die für den Gasaustausch der Pflanze erwünschte Leistungsfähigkeit erreicht, auch in betreff der Kohlensäure, die, weil in geringer Menge in der Luft vertreten, eine schwache Partiärpressung besitzt und daher nur schwer auf anderem Wege dem Pflanzeninnern zugeführt werden kann. Ein Blatt des in unseren Gärten häufigen Katalpenbaumes absorbiert in der Zeiteinheit etwa zwei Drittel der Kohlensäure, die von einer gleich großen, freien Kalilaugen- fläche aufgenommen wird. Fritz Neil hat berechnet, daß einem einzigen, mittel- Größe, Zahl und L'inbildung von Spaltöffnungen iii großen Kohlblatt etwa ll Millionen, einem solchen Sonnenblumenblatt {Helian- thus annuus L.) 13 Millionen Spaltöffnungen zur Verfügung stehen. Bei den dorsiventralen Laubblättern der Landpfianzen hat die Arbeitsteilung meist da- hin geführt, daß nur noch die Unterseite der Spreite Spaltöffnungen führt. Schwimmende Laubblätter von Wassergewächsen können naturgemäß nur an ihrer der Luft zugekehrten Oberseite Spaltöffnungen gebrauchen. Manche sub- merse Wasserpflanzen haben ihre Spaltöffnungen noch nicht ganz eingebüßt, sie aber entsprechend der Umgebung verändert, man könnte sagen, unschädlich gemacht. Da gibt es Fälle, wo die Spaltöffnung zunächst noch normal ausge- bildet wird, aber ihre Spalte dauernd geschlossen bleibt, andre, wo diese Spalte besondere Verschlußeinrichtungen erhalten hat, schließlich solche, wo die beiden Schließzellen sich überhaupt nicht mehr voneinander vollständig an der Spalt- seite trennen. So wird dieses Organ nach und nach reduziert. Es liegt, so scheint es mir, nah, diejenigen Fälle, in welchen wir die Spalt- öffnungen in gleicher Höhe mit den übrigen Epidermiszellen angebracht, zudem in der vorteilhaftesten Entfernung voneinander verteilt finden, für die ur- sprünglichsten zu halten. Der oberste Grad der Leistungsfähigkeit der Spalt- öffnungen konnte aber in der Folge vielen Pflanzen gefährlich werden, wenn ihnen unter veränderten Bedingungen das Wasser für so ergiebige Transpi- ration nicht mehr zur Verfügung stand, oder die Bodensalze in zu konzentrierter Lösung ihre transpirierenden Organe erreichten. Da erst bildeten sich ver- schiedene sekundäre Einrichtungen aus, um die ursprüngliche Höhe der Lei- stung herabzusetzen. Am häufigsten wurde das durch Versenken der Spalt- öffnungen in die Epidermis erreicht. Die beiden Schließzellen kamen dann tiefer als die umgebenden Epidermiszellen zu liegen, so daß nur ein Kanal zwischen diesen zu ihrer Spalte hinabführte. So war ein ,, windstiller Hohlraum", eine ,, äußere Atemhöhle" über dem Spaltöffnungsapparat geschaffen. Unter Um- ständen wurde ein ähnliches Ergebnis durch starke Förderung der oberen Ver- dickungsleisten über der Spalte, die zusammenneigend einen windstillen Hohl- raum dort herstellten, erreicht. Eine baumartige Wolfsmilchart der afrikani- schen Dornbuschsteppe, die Euphorbia tiriicalliL., mit fingerdicken, besenartig angeordneten Zweigen, sezernierte einen Wachsring um jede Spaltöffnung und umgab sie auf solche Weise mit einer äußeren Atemhöhle. Die Aufgabe, die Transpirationsgröße herabzusetzen, kann auch den unter der Spaltöffnung be- findlichen, die Atemhöhle umgebenden Gewebezellen zufallen, und von diesen sogar, bei längerer Trockenheit, eine völlige Verstopfung der inneren Mün- dungsstelle der Spalte vollzogen werden. — Der in der mediterranen Region so verbreitete Oleanderstrauch, welcher dort alljährlich eine längere Dürrezeit zu überwinden hat , versenkt seine Spaltöffnungsapparate in mit Haaren ver- hüllte Höhlungen, die sich an der Unterseite der Lamina befinden. Von den Seitenwänden dieser Höhlungen ragen in ihr Inneres kegelförmige Erhebungen hinein, die mit je einer Spaltöffnung abschließen. Unter Umständen gilt es auch an feuchten, schattigen Standorten die Transpirationsgröße durch be- sondere Einrichtungen zu steigern. Zu diesen rechne ich die Erhebung der 112 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Spaltöffnungen über die Epidermis, die beispielsweise bei Farnen öfters vor- kommt. Einen ganz auffälligen Funktionswechsel haben die Spaltöffnungen in solchen Fällen erfahren, in welchen sie zum Zweck der Ausscheidung von tropf- barflüssigem Wasser Verwendung fanden. Sie führen dann den Namen von Wasserspalten.,, Wasserspalten" (Fig. 40). Sie unterscheiden sich von den dem Gasaustausch dienenden Spaltöffnungen dadurch, daß ihre Schließzellen von Anfang an un- beweglich sind oder ihre Beweglichkeit bald einbüßen. Demgemäß sind auch die charakteristischen Verdickungsleisten an der Spalte bei ihnen entweder gar nicht vorhanden oder doch nur schwach ausgebildet. Sie sterben auch bei ver- schiedenen Pflanzen frühzeitig ab oder verschwinden gänzlich. Sie zeichnen sich oft durch eine für solche Gebilde sehr auffällige Größe aus. Unsere Kapu- zinerkresse, {Tropaeolu77i7najus L.), würde ein Bei- spiel für Wasserspalten mit toten Schließzellen ab- geben. Man findet bei ihr die Wasserspalten, meist zu mehreren vereint, am Rande der schildförmigen Spreite, an den Stellen, wo dieser Rand schwache Einsenkungen zeigt. Ihre Spalten stehen weit offen . Früh am Morgen haften dem Blattrande an den Stellen, wo sie sich befinden, klare Wassertropfen an, die dann bald verdunsten. Aus den enormen Wasserspalten, die sich an den Blattspitzen ver- schiedener, auch in unseren Gewächshäusern kulti- Fig. 40. Wasserspalte vom Blattrande des . /->i • j/~>ij" t_£lj 1 Tropaeoium maj US, nebst angrenzenden Epi- vicrtcr Lolocasicn und Laladicn befinden, kann dermis^euen. Vergr. aoo. ^^^ ^^^^^ günstigcn Bedingungen Wasscr ab- tropfen sehen. So zählte Hans Molisch bei Colocasia antiquorum Schott bis zu 163 abfallende Tröpfchen in der Minute, und er sammelte von einem noch jungen Blatt von Colocasia nymphaeijolia Kih. 48 bis 97 Kubikzentimeter ausgeschiedener Flüssigkeit in einer Nacht. — An submersen Pflanzenteilen sind Wasserspalten eine verbreitete Erscheinung. Sie sterben meist frühzeitig ab, werden auch oft mitsamt dem angrenzenden Gewebe desorganisiert, so daß offene Grübchen entstehen, durch welche Wasser und in ihm gelöste Stoffe hervorgepreßt wer- den. Vorwiegend nehmen solche Grübchen als ,, Apikaiöffnungen" die Blatt- spitzen ein. Haare Einc außerordentliche Mannigfaltigkeit der Gestaltung und der Funktion der Oberhaut. j^Qj^^j^^ jcncn Anhangsgcbildcn der Epidermis zu, die als ,, Haarbildungen" zu- sammengefaßt werden. Ihre Bedeutung für die Pflanzen ergibt sich in ein- leuchtender Weise aus dem Umstände, daß nur wenige Pflanzenfamilien existie- ren, denen solche Gebilde ganz abgehen. Bei manchen Pflanzen sind sie aber nur an jugendlichen Teilen auffällig, um später mehr oder weniger vollständig zu schwinden. Sie decken beispielsweise junge Blätter, um sie gegen zu starke Belichtung und Verdunstung zu schützen, vornehmlich an jener Seite, die bei ihrer Entfaltung aus der Knospe zuerst zum Vorschein kommt. Die einfachste Art der Haarbildung beruht auf einer kegelförmigen Vorwölbung der Oberhaut- Papillen. Haarbildungen li^ Zellen, wodurch Papillen (Fig. 41) entstehen. Ernst Stahl hat auf den durch i^apuien. Papillenform der einzelnen Oberhautzellen veranlaßten, eigentümlichen Sam- metglanz der Blattoberseite vieler Tropenpflanzen hingewiesen. Diese Papillen sammetgianz fördern die Benetzbarkeit der betreffenden Blattseite bei Regengüssen. Das^^pfl^J"^*""" Wasser wird infolgedessen sofort über die Blattfläche verteilt und kann nur eine sehr dünne Schicht auf ihr bilden, da der Überfluß fortdauernd abträufelt. Solche Blätter werden demgemäß, wenn der Regen aufhört, sehr rasch trocken, was die Transpiration aus ihrem Innern in erwünschter Weise begünstigt. Zu- gleich sollen die Papillen dieser Blätter als Strahlenfänger fungieren, indem sie ähnlich wie Sammellinsen wirken und das spärliche Licht, welches diese an schattigen Stellen wachsenden Pflanzen erreicht, konzentrieren. Auch an Blu- menblättern sind solche Papillen verbreitet und verleihen ihnen ein sammet- artiges Aussehen. — In einer bestimmten Region der Wurzel, nicht fern von ihrer Spitze, wachsen die Oberhautzellen zu schlauchförmigen Haaren, den ,, Wurzelhaaren" aus, die je nach der Pflanzenart 0,15 bis 0,8 mm lang wer- wurzeihaare. den, zwischen die Erdteilchen eindringen, sich ihnen fest anschmiegen, durch Verschleimung ihrer äußersten Wandschicht mit ihnen verkleben und so dem Boden sogar die von ihm besonders stark festgehaltenen Nährstoffe, wie Kali- und Ammoniaksalze, Phosphate und Eisen zu entreißen vermögen. Aus dem nämlichenGrunde gelingt es den Wurzeln, einem Erdboden, der für Fig. 41. überbaut vom Biumenbiatte des unserGefühl fast trocken erscheint, noch namhafte f"^^ffr''T'^'1^'t°'°.nH''eliel" ' lea mit laltenartigeii Leisten au den bei- Mengen Wasser abzugewinnen. Infolge ihrer großen tenwänden und mit vorspringenden p.a- ... . Pillen. Vergr. 250. Zartheit sind die Wurzelhaare nur kurzlebig, so daß sie fortdauernd durch neue, die an den jüngeren Teilen der wachsenden Wurzeln entstehen, ersetzt werden. Die Wurzeln solcher Pflanzen, die sapro- phytisch leben, d. h. in humusreichem Boden von abgestorbenen, organischen Substanzen sich ernähren, bilden hingegen keine Wurzelhaare. Sie haben sich aber mit Pilzen vereinigt, deren Fäden als ,,Mykorrhiza" ihre Wurzeln um- Mykorrhiza. spinnen und die Aufgabe der Wurzelhaare verrichten. Auch der Pilz findet in diesem Verbände, dereinen Fall sog. Symbiose darstellt, seinen Vorteil: er erhält als Gegenleistung bestimmte Stoffe von der Wurzel zuerteilt. — Die Protoplasten der Haare, die an oberirdischen Sprossen als Lichtschirm wirken oder die Tran- Behaarung spirationsgröße herabsetzen sollen, pflegen frühzeitig abzusterben. Solche Haare p^^^^^^^J^^^p'^j^J sind im allgemeinen mehrzellig, dabei unverzweigt oder verzweigt. Die erste Scheidewand, die in einem solchen Haar angelegt wird, pflegt das in der Epidermis steckende Fußstück des Haares von seinem eigentlichen Körper zu trennen. In- dem die Haare durcheinander wachsen und sich mannigfach verflechten, stellen sie jene wolligen oder filzigen Haarkleider her, die den Pflanzen ein weißes, oft mattes, doch unter Umständen auch seiden- oder silberglänzendes Aussehen verleihen. An dorsiventralen Laubblättern wird eine solche Behaarung der Ober- seite einen Schutz gegen zu viel Licht bedeuten, an der Unterseite die Verdun- :stung mäßigen. Je nach den Standortsverhältnissen kann dieselbe Pflanzenart K.d.G. Iir.iv, Bd2 Zellenlehre etc. 8 114 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Borsten. Hrennhaare. ein verschieden starkes Haarkleid besitzen. — Besonders schön geformte Schuppenhaare weisen verschiedene Vertreter der Famihe der Ölweidengewächse {Elaeagnaceen) auf, so der in unseren Gärten kultivierte Oleaster {Elaeagnus an- gustijolia L.), oder jener Sanddorn {Hippophaes rhamnoides L.), der durch seine orangeroten Beeren im Herbst an den Ufern der Ostsee so sehr auffällt. Die Schoppenhaare. Schuppcnhaare dieser Pflanzen haben die Gestalt großer, flacher, der Unterlage angeschmiegter, aus schmalen, radial zusammengefügten Zellen aufgebauter Sterne. — Haare, die als Waffen Verwendung finden, treten in einfachster Ausbildung als steife, kurze, einzellige Borsten, die an ihrem Ende scharf zugespitzt sind und stark verdickte,oft verkalkte oder verkieselte Wände besitzen, in die Erscheinung. Die vorspringenden Höcker und Knötchen, mit denen diese Haare an ihrer Oberfläche besetzt sind, be- wirken es, daß sie in den Weichteilen eines Tieres, sofern sie in diese eingedrungen sind, festhaften. Ganz besonders ist das der Fall, wenn sie mit Widerhaken versehen sind, was jeder erfahren hat, falls er eine Opuntia berührte, deren Angelborsten ihm dann unvermeidlich in die Haut drangen. — Auch die Wirkung der Brennesselhaare hat jeder schon an sich erprobt. Es sind das steife, einzellige Haare, die so wie andere Haare, welche die Pflanzen zu ihrer Verteidigung tragen, annähernd senkrecht von ihrem Körper abstehen. Das Haar (Fig. 42) ist scharf zu- gespitzt, an seinem Grunde blasig angeschwollen. Diese Anschwellung, der ,, Bulbus" steckt in einem Becher, der sich als kleines, von Epider- miszellen überzogenes Säulchen aus der Unterlage erhebt und so dazu beiträgt, das Brennhaar vorzustrecken. Die Haarwände sind in den un- teren Teilen verkalkt, im oberen verkieselt. Die Spitze läuft in ein kleines, schief angefügtes Köpfchen aus. Dieses bricht bei der leisesten Berührung ab, entsprechend seiner schrägen An- satzstelle, an welcher die Haarwandung verdünnt ist. So endet das Haar nunmehr in einer scharfen Spitze, ganz ähnlich wie eine Einstichkanüle. Diese dringt in die Wunde ein, in welche p. u h der giftige Inhalt des Haares entleert wird. Nach G.Haberlandt rig. 42. Brennhaar von o o Urtica dioica, nebst einem besteht dicscs Gift in cincr gelösten, eiweißartigen Substanz, Stück Epidermis, auf _ , r^-r ■ ■> diesem rechts eine kleine dlc sich dcn Enzymcu anschlicßt. Die Giftwirkung unserer Borste. vergr.6o. Brcnncsselarten hat der Mensch bald überwunden, doch gibt es tropische Vertreter derselben Gattung Urtica, die dem, der sie berührt hat, langandauernde Schmerzen verursachen können, unter Umständen starrkrampf- ähnliche Zustände und selbst den Tod herbeiführen. Auffallend ist gewiß, daß ganz verschiedene, im System weit auseinanderstehende Pflanzenfamilien, welche Brennhaare besitzen, in der Ausgestaltung dieser Organe dem nämlichen Weg gefolgt sind. Denn derselbe auffäUige, zweckentsprechende Bau der Brennhaar- spitze kehrt bei Urtikazeen, Loasazeen und Hydrophyllazeen wieder. Die An- hänger der Vorstellung, daß die Entwicklung der Organismen durch zweckent- sprechende Reaktionen auf äußere Einwirkungen beeinflußt worden sei, erblicken in solchen Erscheinungen eine Stütze ihrer Auffassung. ■ — ■ An der Ausbildung des Trichome und Emergenzen 1 1 c Säulchens, das als Träger des Brennesselhaares fungiert, sahen wir bereits außer der Epidermis auch das unter ihr befindliche Gewebe sich beteiligen. Derartige nicht rein epidermale Auswüchse werden als,, Emergenzen" bezeichnet und den eigentlichenHaaren oder ,,Trichomen", denen die Epidermis allein den Ursprung Auswüchse, gibt, gegenübergestellt. Die ,, Stacheln" der Rose geben ein typisches Beispiel für ^'"^'■ee°""- Emergenzen ab. Sie sind von gestreckten, verdickten Oberhautzellen bedeckt und von subepidermalem Gewebe im Innern erfüllt. Die dem Stengel einer Rose aufsitzenden Stacheln lassen sich durch entsprechend starken, seitlichen Druck, den man gegen sie ausübt, glatt von dessen Oberfläche ablösen, weil eine Tren- nungsschicht unter ihnen vorhanden ist, mit deren Hilfe sie von älteren Stengel- teilen abgeworfen werden. Unter den Stacheln an den Blattstielen der Rose fehlt diese Trennungsschicht; da fallen eben die Stacheln zusammen mit dem ganzen Blatt von der Pflanze ab. Wir haben diese Waffen der Rose als Stacheln bezeichnet und nicht als ,, Dornen", weil in der botanischen Terminologie unter letzterem Namen nicht Hautgebilde, sondern ganze Glieder des Pflanzenkör- pers, die zu Verteidigungszwecken umgestaltet sind, zusammengefaßt werden, also metamorphosierte Sprosse, Blätter oder Nebenblätter. Der botanischen Terminologie nach müßte somit das Sprichwort ,, Keine Rose ohne Stacheln" lauten. Dornen lassen sich nicht so leicht wie Stacheln von der Oberfläche eines Pflanzenteils entfernen, weil sie weiter in seinem Innern ihren Ursprung nehmen und somit dort auch tiefer inseriert sind. Zudem erscheinen die Stacheln, als Emergenzen, regellos über die Pflanzenoberfläche zerstreut, während Dornen eine den Gliedern des Pflanzenkörpers, aus denen sie hervorgingen, entsprechend regelmäßige Verteilung zeigen. Wie die Haare und Emergenzen, die der Verteidigung dienen, müssen auch Kiettei-, Hatt-, solche Haare und Emergenzen, die den Pflanzen beim Klettern helfen, oder und Auswücble. Haftorgane, Flug- und Fühlapparate an ihnen darstellen, mehr oder weniger stark von deren Körper abstehen. In bestimmten Fällen läßt sich beobachten, daß Haare, die jugendlichen Pflanzenteilen angeschmiegt waren, um sie gegen zu starke Belichtung oder Ausdunstung zu schützen, an älteren Pflanzenteilen durch bestimmte Wachstumsvorgänge oder aus mechanischen Ursachen sich aufrichten. Kletterhaare pflegen meistens so eingerichtet zu sein, daß sie das Aufwärtswachsen der Pflanze, an der sie sich befinden, zwischen anderen Pflan- zen, die ihr als Stütze dienen, nicht hindern, wohl aber das Hinabgleiten. So kommt es, daß man das als ,, Kleber", auch wohl als ,, Teufelsdraht" bekannte, lästige Unkraut, das kletternde Labkraut {Galium aparine L.) viel leichter aus seiner Umgebung befreien kann, wenn man es aufwärts, als wenn man es ab- wärts zieht. Seine stark verdickten, spitzen Haare sind eben alle sichelförmig nach unten gekrümmt. Die schlingende Hopfenpflanze ist mit zweischenkligen ,, Ankerhaaren" ausgestattet, deren Schenkel in der Weise schräg gestellt sind, daß sie das Abwärtsgleiten erschweren. Den einzelligen Kletterhaaren der Loasazeen sitzen als Membranverdickungen wirksam ausgestattete, quirlig an- geordnete Widerhaken auf. Auch die Stacheln unserer Rosen- und Brombeer- arten dienen nicht allein als Waffen, sondern zudem als Kletterorgane und 8* ii6 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Fallschirme der Kompositen fruchte Baumwolleu- haare. zeigen demgemäß eine Abwärtskrümmung. Bei den „Hakenkletterern" der Tropen sind es im allgemeinen nicht Stacheln, sondern Dornen, welche die ent- sprechende Aufgabe in mannigfaltiger Ausbildung erfüllen. Die Mannigfaltigkeit der Formen, die sich in der Ausbildung von widerhakenförmigen und krallen- artigen Haftorganen äußert, wächst noch, wenn Früchte und Samen mit in Be- tracht gezogen werden. So ausgerüstete Früchte und Samen haften an Tieren fest, mit denen sie zufällig in Berührung kommen, und das fördert naturgemäß ihre Verbreitung auf Entfernung. Aus eigner Erfahrung wissen wir, wie schwer es oft ist, von solchen Gebilden unsere Kleider zu befreien, wenn sie an diesen sich festsetzten. An Früchten können diese Haftorgane ansehnliche Größe errei- chen und dann nicht rein epiderma- len Ursprungs sein, sondern Emergen- zen darstellen. Das gilt von den anker- förmigen Emergenzen, die den Früch- ten der Cynoglossen, ,, Hundszungen", aufsitzen und über einen halben Milli- meter lang werden. — Von den Haaren, die an Samen sich finden, haben für den Menschen die größte Bedeutung die Baumwollenhaare (Fig. 43) erlangt. Sie entspringen den Oberhautzellen der Samenschale von Gossypiumarten, Pflanzen, die den Malvengewächsen an- gehören. Diese Haare sind einzellig, erreichen dessenungeachtet eine Länge bis 6 cm. An reifen Samen führen sie Luft, sind etwas abgeflacht und um ihre Achse gedreht. Ihre Wand ist ziem- lich dick, sehr fest, dabei unverholzt und sehr biegsam, von einer zarten Ku- tikula umgeben. Die walnußgroße Fruchtkapsel springt bei der Reife klappig auf, und dann drängt sich die Wolle in Ballen aus ihr hervor. — Der Baum- wollsamen ist von solchen Haaren allseitig umhüllt. An anderen Samen bilden solche Haare Schöpfe oder Fallschirme. Bei den Kompositen sind es die sich nicht öffnenden, nur je einen Samen bergenden ,, Schließfrüchte", die an ihrem Scheitel einen fallschirmartigen Apparat tragen, der es bewirkt, daß eine solche Frucht durch den Wind weithin verbreitet wird. Der Fallschirm der Kompositenfrüchte geht fast stets aus dem zum ,,Pappus" umgestalteten Blütenkelch hervor und baut sich aus vielzelligen Borsten auf, die mit wenig- zelligen bis einzelligen Haaren besetzt sind. Wie ein solcher Flugapparat wirkt, weiß man von seinen Kindesjahren her sich zu erinnern, als man sich be- mühte, die sämtlichen Früchte aus einem Fruchtstand des Löwenzahns, der auch Kuhblume heißt [Taraxaciim officinale Weher), auf einmal fortzublasen. Fig. 43. Samenhaare der Baumwolle, Gossypium herbaceum. A ein Stück der Samenhaut mit Haaren, 3 mal vergrößert. ß, Ansatzstelle und unterer Teil, H^ mittlerer l'eil, ß^ oberer Teil eines Haares, 300 mal vergrößert. WoU-, Flug- und Köpfchenhaare 117 Der große Formenreichtum anTrichomen und Emergenzen, der uns bereits Sezemierende , . . , . 1 /-• 1 •! j Ilaarc und aufgefallen ist, wächst noch weiter, wenn wir uns zu den sezernierenden Gebilden Auswüchse, dieser Art wenden. In den verschiedensten Pflanzenfamilien treten uns wasser- ausscheidende Trichome als aktive Hydathoden, in Gestalt mehrzelliger Keu- len-, Köpfchen- und Schuppenhaare entgegen. Ihre Zellen pflegen mit Inhalt dicht angefüflt zu sein. Nach der Fußzelle hin, mit der sie in der Epidermis stecken, konvergieren tiefer gelegene Gewebezellen oft in auffälliger Weise. Die Kutikula ist an solchen Haaren sehr dünn, um dem Wasser den Durchgang nicht zu erschweren, in manchen Fällen sogar siebartig durchlöchert. • — An Knospenschuppen und jugendlichen Blattanlagen wird von ähnlichen Tricho- men Schleim ausgesondert, der ein Schutzmittel gegen Austrocknung darstellt. Entsprechende Schleime bilden an den Vegetationspunkten von Wasserpflanzen ein Abwehrmittel gegen Tiere. — An solchen Landpflanzen, deren jugendliche Teile von besonderen, fest anschließenden Blattscheiden umhüllt sind, erleich- tert der Schleim das Herausgleiten der sich entfaltenden Anlagen aus diesen. Die Menge des erzeugten Schleimes ist unter diesen Umständen oft recht be- deutend, wie man sich davon im besondern an sprossenden Knöterich- {Polygo7i um) oder Rha- barber- {Rheum) Arten überzeugen kann. — In Winterknospen pflegt der ausgeschiedene Schleim besonders reich an Harzen und äthe- rischen Ölen zu sein. Unter diesen an den freien Oberflächen der Pflanzen von Haaren ausge- schiedenen Stoffen sind oft Endprodukte des Stoffwechsels vertreten, die ein wirksames Schutzmittel gegen Tierfraß darstellen. Wir haben schon bei Besprechung der ätherischen Öle der giftigen Ausscheidung Erwähnung ge- tan, die von den Drüsenhaaren mancher Pri- meln geliefert wird. Diese Haare (Fig. 44) be- stehen aus einem in der Epidermis steckenden, einzelligen Fußstück, das sich in eine Reihe an Länge abnehmender Stiel- zellen fortsetzt, die in einem einzelligen, runden Köpfchen endigen. Dieses scheidet unter seiner Kutikula den gelben, stark lichtbrechenden, öligen Stoff aus. Durch ihn wird die Kutikula zunächst stark gedehnt und schließlich ge- sprengt. Ganz ebenso sind die Drüsenhaare gebaut, denen die Pelargonien ihren charakteristischen Duft verdanken. In anderen Fällen sehen wir die Köpfchen an den Drüsenhaaren mehrzellig oder vielzellig werden und ent- sprechend auch die Zellenzahl in ihren Stielen zunehmen. Wo ,, Drüsenschup- pen" vorliegen, hat sich das Köpfchen abgeflacht, dann auch nicht selten schüsseiförmige Gestalt angenommen. Ein Beispiel für Drüsenschuppen, das besonders häufig genannt wird, bilden die Hopfendrüsen (Fig. 45), welche das Hopfendrüseu Lupulin liefern, jenen harzigen Stoff, der dem Bier seinen bitteren Geschmack verleiht. Sie sitzen an den Deckblättern und Blütenhüllen der zapfenartigen, Fig. 44. Drüsen- haar vom Blattstiel der Primula sinen- sis, oben das^ekret. (Nach DB Baky.) Vergr. J42. Fig. 45. Drüsenschuppen von den weiblichenBlüten- ständen des Hopfens (Ku- mulus Lupulus) im senk- rechten Durchschnitt. A Vor Beginn der Sekret- bildung. B Die Kutikula durch das Sekret empor- gehoben, das Sekret durch Alkohol entfernt. (Nach DK Bary.) Vergr. 142. Prinielhaarc. ii8 Eduard Strasbubger; Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre weiblichen Kätzchen, weshalb der Hopfen, da er getrenntgeschlechtlich ist, nur in weiblichen Individuen angebaut wird. Jede einzelne Hopfendrüse gleicht einer kleinen, kurzgestielten Schüssel. Sie ist nur eine Zellschicht stark. Die Sekretion des Lupulins erfolgt an der konkaven Oberseite der Schüssel unter der Kutikula und treibt diese stark blasig auf. Dem bloßen Auge erscheinen diese Drüsen alsdann wie gelbliche, den sie tragenden Blattgebilden anhaf- Drüsenschuppen teudc Körncr. Kunstvollcr noch sind die kreisförmigen Drüsenschuppen ge- der Alpenrosen. ^^^^^ dic cinzcln in Grübcheu der Blattunterseite bei den Alpenrosen [Rhodo- dendron ferrugineum L., R. hirsutumL., R.inter medium Tausch) stehen (Fig. 46). Sie werden von je 60 bis 80 radial angeordneten Zellen gebildet und stellen eine ß c::) Fig. 46. Drüsenschuppen von Rhododendron ferrugi- neum L. /-V eine solche Schuppe von ihrer Außenseite. Vergr. 125. /-t im senkrechten Durchschnitt. Die Zellen der Schuppe sind mit protoplasmatischem Inhalt erfüllt. Die hell gelassenen Räume zwischen ihnen stellen die Interzellularen vor, die das Sekret führen. Vergr. 185. Fi g. 47. Rand eines jungeu, in Funktion getretenen Blattes von Pinguicula vulgaris L. im Querschnitt. Die drüsen- artigen Randzellen sind dunkel gehalten. Weiter blattein- wärts folgen papillfenartige Drüsenzellen, dann aus zwei Zellen bestehende Drüseugebilde. Diesen schließen sich Drüsen aus vierKöpfchenzellen an, dann ausgebildete Drüsen mit acht Köpfchenzellen und schließlich die gestielten Drü- sen mit sechzehn Köpfchenzellen. Darüber die Köpfcheu in Flächenansicht. Vergr. etwa 100. Nach C. A. Fennek. außen plane, innen konvexe Linse dar, die ein kurzer Stiel trägt. Die Zellen dieser Drüse sondern zwischen sich in spaltenförmige Interzellularräume ein Gemenge von Harz und ätherischem Öl aus. An jungen Blättern erscheinen die Drüsen hellgelb, an älteren rostbraun. Ihr duftendes Sekret hatte den Alpen- rosen einst den Namen Alpenbalsam verschafft. Bei Konrad Geßner heißen sie Balsamum alpinum. Der Balsam schützt sie vor Weidevieh; freilich nicht vor Ziegen, von denen es in C. Schroeters ,, Pflanzenleben der Alpen" heißt, daß sie auch den giftigen Germer {Veratrum) und den bitteren Enzian nicht verschonen. verdauungs- — Es gibt auch Vcrdauungsdrüscn. Sie kommen jenen Pflanzen zu, die als drüsen. insektivorcu bekannt sind und sich einer gewissen Berühmtheit erfreuen, seit- dem Charles Darwins Untersuchungen* die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf sie lenkten. Zu den nicht eben zahlreichen Insektivoren unserer Flora gehört Hnguicuia das Fcttkraut {Pinguicula vulgaris L.), das auf der Oberseite seiner eine grund- ständige Rosette bildenden, länglich-elliptischen, fleischigen Blätter zweierlei Drüsen trägt (Fig. 47). Die einen sind gestielt, die andern sitzend. Der Stiel der ersteren stellt eine Zellreihe dar, die mit einem Köpfchen abschließt, das aus sechzehn, radial angeordneten Zellen besteht. Diese Köpfchen scheiden ein Drüsen 119 klebriges Sekret aus, an welchem kleine Insekten sich fangen. Den sitzenden Drüsen kommt ein nur achtzelliges Köpfchen zu, auf dem man für gewöhnlich kein Sekret antrifft. Den Rand der Blattoberseite nehmen Reihen von Ober- hautzellen ein, die sich durch ebensolchen Zytoplasmareichtum und nicht minder große Kerne wie die Köpfchenzellen der Drüsen auszeichnen und auch Sekret liefern. Die sitzenden Drüsen sind es, denen die Aufgabe der Verdauung zufällt. Sie beginnen erst zu sezernieren, wenn sie durch Berührung mit einem Insektenkörper dazu gereizt werden. In ihrem Sekret befindet sich ein Ver- dauungsenzym. Die schwache Einwärtskrümmung, die ein Pinguikulablatt an sich schon zeigt, wird infolge von Reizung bedeutend gesteigert. Auf solche Weise kommen die gefangenen Insekten mit einer großen Zahl von Drüsen in Berührung, außerdem wird verhindert, daß der Regen sie abspült. Haben die gestielten Drüsen ein Insekt gefangen, so nimmt die Ausscheidung des Sekrets aus ihnen ganz bedeutend zu. In diesem Sekret ersticken sie. Durch das Einrollen des Blattrandes kom- men ihre Körper nun auch mit den sitzenden Drüsen in Berührung, und damit beginnt der chemische Prozeß. Das Sekret der sitzenden Drüsen enthält nicht nur ein verdauendes Enzym, das seiner Wirkung nach mit dem Pepsin unseres Magensaftes übereinstimmt, sondern auch einen antiseptisch wirkenden Stoff; es reagiert zu- , • 1 TT 1 1 j Fig. 48. Ein Blatt von Drosera ro- dem, so wie es der Verdauungsvorgang verlangt, sauer, tundifoiia, links mit teils einge- Die Absorption der verdauten Stoffe wird durch alle krümmten Tentakeln rechts mit ' .lusgebreiteten 1 entakeln, von oben Drüsen besorgt. Schließlich bleiben von den gefangenen gesehen. Vergr. 4. T 1 1-1 /^i • • 1 -TN T->i (Nach Ch. Darwin) Insekten nur die leeren Chitinpanzer zurück. Das Blatt entrollt sich nach getaner Arbeit, es kann dies aber nur zwei bis drei Mal wiederholen, so daß für dauernden Ersatz älterer Blätter durch jüngere an den Pflanzen gesorgt werden muß. Auf den Blättern, die am Fang beteiligt waren, bilden die unverdauten Chitinpanzer kleine schwarze Flecke. — Zier- licher als das Fettkraut ist, wie es sein Name schon andeutet, der rundblättrige Sonnentau {Drosera rotundifolia L.), ein Pfiänzchen, dessen Anblick uns stets Drosera, von neuem erfreut, wenn wir ihm auf unseren Mooren oder torfigen Wiesen be- gegnen. Bei sonnigem Wetter glänzen an ihm stark lichtbrechende, an Stie- len über seine Blattflächen emporgehobene Tröpfchen (Fig. 48) wie Edelsteine. Auch sie sind bestimmt, dem Tierfang zu dienen, denn Drosera gehört wie Pin- guicula zu unseren Insektivoren. Darauf wurde schon 1782 der Bremenser Arzt A.W. Roth aufmerksam. Er stellte fest, daß, wenn ein kleines Tier auf die Blattfläche dieses Pflänzchens gelangt, seine Bemühungen davonzulaufen durch das in Fäden ausgezogene, klebrige Drüsensekret vereitelt werden; daß ferner durch die Bewegung der Tiere die Haare gereizt werden und sich einkrümmen, und daß schließlich eine Einkrümmung der ganzen Blattfläche, bei ganz klei- nem Fang auch nur eines Teiles erfolgt. Es heißt dann bei A. W. Roth weiter: I20 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre ,,Es ist gewiß, daß wir nicht mit Gewißheit entscheiden können, was der weise Schöpfer für Absichten gehabt habe, daß er diesen Pflanzen einen be- stimmten Bau und reizbare Eigenschaften gab; indessen glaube ich doch, daß man nicht mit Unrecht annehmen könnte, daß der Bau und die Eigenschaften dieser Pflanzen dahin abzielen, um dadurch ihre Nahrung zur Erhaltung und Fortpflanzung ihrer Arten zu erhalten. Wir können ja nicht entscheiden, ob diese Pflanzen nicht vielleicht vor andern es besonders nach ihrem Bau bedür- fen, tierische Stoffe zu ihrer Nahrung und Erhaltung zu haben." Die , .Ver- dauungsdrüsen" der Drosera sind nicht einfache Haare, vielmehr Emergenzen. Man bezeichnet sie vielfach als ,, Fühler" oder,, Tentakeln". Sie stellen ansehnliche Gebilde dar, die den Eindruck von Borsten mit einem Flüssigkeitstropfen an der Spitze machen (Fig. 49). Sie erheben sich von der Oberseite der runden Spreiten, die langgestielt zu einer grund- ständigen Blattrosette vereinigt sind. Von der Mitte der Spreite nach ihrem Rande hin nimmt die Höhe der Verdauungsdrüsen zu. Auch schwellen sie alle an ihrem oberen Ende zu einem keulenförmigen Köpfchen an. Die Anschwellung wird vornehmlich durch Teilungs- vorgänge in der Oberhaut, die dort drei Zellschichten aufweist, ver- anlaßt. Der Stil der Drüsen zeigt sich von einer Reihe wasserleitender, schraubenförmig verdickter Tracheiden durchzogen. Innerhalb des Köpfchens schwellen diese Tracheiden zu einer Tracheidengruppe an. Die beiden äußeren Zellschichten der das Köpfchen deckenden Epidermis führen intensiv roten Zellsaft, der dazu beiträgt, die Schön- heit der Blätter noch weiter zu steigern. Von der äußersten Epider- misschicht des Köpfchens wird die schleimig-klebrige, sauer reagie- rende Flüssigkeit durch eine sehr durchlässige Kutikula nach außen sezerniert. Sie wächst zu einem ziemlich großen Trop- fen an, der selbst bei der größten Sonnenhitze nicht ver- schwindet. Der Lichtglanz der Tropfen lockt kleine Insekten an, die an diesem Tropfen kleben bleiben. Durch seine Ver- suche, sich zu befreien, vermehrt jedes gefangene Insekt den auf die Drüsen ausgeübten Reiz, wodurch die Sekretion noch zunimmt. Der Reiz pflanzt sich vom Köpfchen zur Basis der Drüsen fort. Die Drüsenstiele krümmen sich (Fig. 48) und lagern das Tier- chen der Spreite auf, die ihrerseits konkav wird. In dem Sekret erstickt das Tierchen und wird dann durch das eiweißlösende Enzym, das sich in dem Sekret einfindet, verdaut. Die Drüsen resorbieren die entstandenen Produkte. Wird auf die Verdauungsdrüsen ein Reiz nur mechanischer Art, etwa durch Glassplitter oder Sandkörner, ausgeübt, so löst er zwar auch vorübergehend erhöhte Schleimsekretion und Krümmungsvorgänge aus, vermag aber nicht die Ausscheidung des Enzyms zu veranlassen. Für letzteren Vorgang ist ein chemischer Reiz nötig, wie er von solchen Körpern ausgeht, die verdaut werden können. Da das Wurzelsystem bei unseren einheimischen Droseraarten sehr schwach entwickelt ist, und man sie in Mooren oft nur locker, mächtigen Torf- Fig. 49, Digestionsdrüsen \on Drosera rotundifolia. Vergr. 60. Beltsche Körper. Wasseraufnahme 1 2 1 moospolstern aufsitzen sieht, so begreift man wohl, daß ein Zuwachs an stickstoff- haltiger Nahrung, den sie durch Tierfang sich verschaffen, ihnen von Nutzen sein kann. Unter andern Verhältnissen gelingt es aber, Insektivoren auch ohne tierische Nahrung zu gedeihlicher Entwicklung zu bringen. Da wundert man sich wohl, daß bei so begrenztem Vorteil derartig komplizierte Einrichtungen zustande kommen konnten. Man darf doch nicht annehmen, daß man es auch in der Pflanzenwelt mit Feinschmeckern zu tun habe, die keine Anstrengungen scheuten, um Leckerbissen zu erlangen. — Zu drüsenartigen Emergenzen, denen eine ganz eigenartige Aufgabe zugefallen ist, gehören auch die sogenannten ,,Beltschen Körperchen", die bestimmten, zentralamerikanischen Arten der Gat- Beitsci.e A • n II • • 1 /• • Körperchen. tung Acacia, die zu den sogenannten Ameisenpflanzen zählen, eigen sind. Acacia sphaerocephala Willd., ein kleiner Strauch mit großen, doppeltgefiederten Blät- tern und köpfchenförmigen Blütenständen, weist solche Körperchen an den Enden ihrer Blättchen als birnförmige, orange-gelbe Gebilde auf. Sie bestehen aus zartwandigen Zellen, die mit Eiweißstoffen und fettem Öl erfüllt sind, und werden, ähnlich wie die Verdauungsdrüsen von Drosera, von einem zarten Ge- fäßbündel durchzogen. Eine bissige Ameisenart weidet diese nahrhaften Ge- bilde ab, zudem stellt ihr die Pflanze auch noch besondere Wohnräume zur Verfügung. Als solche dienen ihnen die großen, hohlen Dornen, die am Grunde der Blätter stehen und metamorphosierte Nebenblätter darstellen. Die Ameisen bohren sich eine Eingangsöffnung in der Nähe der Spitze dieser Dornen, um deren Höhlungen zu beziehen. Siezahlen aber der Pflanze die ihnen erwiesene Wohltat dadurch ab, daß sie schädliche Tiere von ihr fernhalten. Es gibt des weiteren auch epidermale Bildungen an den Pflanzen, die nicht Wasseraufnahme einer mit irgend welcher Ausscheidung verbundenen Aufgabe, vielmehr umge- Haare und Aus kehrt der Absorption dienen. Daß die Wurzelhaare eine solche Leistung in voll- ^"'^i's«'. endeter Weise vollziehen, wissen wir bereits, und sie erschien uns an Wurzeln fast als selbstverständlich. Es überrascht uns vielleicht aber, ähnlichen Funk- vvasseraufnahme tionen auch an Haaren zu begegnen, die sich auf oberirdischen Pflanzenteilen wurzeihaare, befinden. In Wirklichkeit stellen sie aber an der Oberhaut eine durchaus nicht isolierte Leistung dar. So nehmen die Moose alles Wasser, dessen sie bedürfen, nur mit ihrer der Luft ausgesetzten Oberfläche auf. Sie trocknen bei Wasser- wasseraufuaiime •1 T11- 1A 11-1 • mit der Oberhaut mangel ganz aus und führen ein latentes Leben biszudem Augenbhck, w6nn ein neuer Regen sie belebt. Und dasselbe leisten, freilich nur in begrenzter Zahl, selbst noch manche Pflanzenarten, die zu der obersten Abteilung der farnähn- lichen Gewächse, zu den Bärlappflanzen {Lycopodineen) gehören, so die mexika- nische Selaginella lepidophylla Spring., die deshalb Auferstehungspflanze heißt, und verschiedene terrestrische Arten von Brachsenkraut [Isoetes], die das Mit- telmeergebiet bewohnen. Doch auch sonst sind welkende Pflanzen, soweit ihre Epidermis nicht zu stark verdickt und kutinisiert ist, imstande, Wasser mit ihrer Oberfläche aufzunehmen, vorausgesetzt freilich, daß ihre Kutikula durch Wasser benetzbar ist. Eine geregelte Wasseraufnahme durch die oberirdischen Teile höher organisierter Gewächse verlangt aber besondere Einrichtungen. Spaltöffnungsapparate, die dem Gasaustausch dienen, werden hierzu niemals 122 Eduard Strasbltrcer : Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Wasseraufnahme verwendet, hingegen wohl Hydathoden, die unter solchen Umständen, statt de"'^uudFußzluen Wasser auszuscheiden, dieses aufnehmen. Außerdem sind die lebendigen Fuß- der Haare, zellcn dcr in ihrcu sonstigen Teilen abgestorbenen und als Lichtschirm fungie- renden oder die Verdunstung herabsetzenden Haare oft befähigt, Wasser bei Bedarf aufzusaugen. Auf Wasseraufnahme eingerichtete Haare von sehr ver- schiedenem Bau kommen den Wüstenpflanzen zu, mit der Aufgabe, jeden Tau- tropfen sofort aufzusaugen und ihn in das Innere der Pflanze zu leiten. Die voll- Saugschuppen. kommenste Einrichtung dieser Art weisen aber die,, Saugschuppen" der epiphy- tisch auf anderen Pflanzen lebenden Vertreter der Ananasgewächse [Bromelia- ceen) auf. Die Mehrzahl dieser Pflanzen besitzt rosettenartige Laubsprosse, deren steife Blätter unterwärts löffelartig erweitert sind und dort derartig zusammen- schließen, daß eine wasserdichte Zisterne entsteht, in der sich Regenwasser sammelt. In den Urwäldern des tropischen Amerika fand A. F.W. Schimper oft ein ganzes Liter Flüssigkeit in solchen Behältern vor. Sie enthielten zudem allerhand Detritus mineralischen, vegetabilischen und tierischen Ursprungs, der, wie das üppige Aussehen der Pflanzen zeigte, eine kräftige Nahrungsquelle für sie darstellte. Die Aufnahme des Wassers und der darin gelösten Stoffe er- folgt durch die zuvor genannten, schildförmigen Schuppen, die namentlich an dem verbreiterten, gewöhnlich unter Wasser befindlichen Grunde der Blätter sitzen. Ist kein Wasser vorhanden, so führen die Schuppen Luft. Jeder Wasser- tropfen wird von ihnen aber sofort eingesogen und durch die Tätigkeit plas- mareicher Basalzellen dem Blattinnern zugeführt. Diese plasmareichen Zellen bilden den Stiel des Schildes, der selbst aus abgestorbenen Zellen besteht. Die Zellwände seiner Randzellen laufen in einen membranösen, radialgerippten Saum aus. Eine Kutinisierung der Außenwände des Schildes unterbleibt, und selbst die Kutikula, von der sie bedeckt sind, ist äußerst zart oder ganz aufge- löst. Der Schild ändert bei der Benetzung seine Farbe von weißlich grau zu grün, indem sich seine Zellen mit Wasser füllen. Im trockenen Zustande schmiegt er sich der Blattfläche dicht an und deckt und schützt so die lebenden Zellen seines Stieles vor Verdunstung. Man begreift es, daß bei dieser Art der Ausstattung solche tropische Bromeliaceen ohne wasseraufnehmende Wurzeln auskommen können. Sie sind nur durch Haftwurzeln, d. h. der Befestigung dienende Wurzeln an ihre Unterlage fixiert. Das extremste Verhalten unter diesen eigenartigen Gewächsen zeigt Tülandsia usneoides L. Dieser merkwür- digste aller Epiphyten, wie ihn A. F. W. Schimper nennt, überzieht im tropi- schen und subtropischen Amerika die Bäume mit silbergrauen, über meterlangen, fadendünnen Sprossen, in ganz ähnlicher Weise, wie es bei uns die Bartflechte {Usnea barhata Fr.) tut. Nur in der Jugend ist diese Tülandsia durch schwache Wurzeln an der Baumrinde befestigt. Dann vertrocknen ihre Wurzeln, und sie hängt frei in die Luft von den Zweigen hinab, die sie umwunden hat. Die Saug- schuppen, mit denen sie bedeckt ist, ermöglichen ihr eine solche Lebensweise. Sie wird besonders durch Vögel verbreitet, die sich ihrer gern zum Nestbau bedienen. Zu den mannigfaltigen Leistungen, die für Trichome und epidermale Emer- genzen im Pflanzenreich schon bekannt waren, gesellt sich der Nachweis, den Saugschuppen. Fühlpapillen 123 besonders G. Haberlandt* neuerdings zu erbringen sucht, daß diese Gebilde in bestimmten Fällen auch Organe des Empfangs für mechanische Reize sind. Fühltüpfel waren uns bereits in der Oberhaut reizbarer Ranken entgegen- getreten. Nunmehr handelt es sich um besondere, nach außen vorgestreckte Reiz- empfänger, deren Bau mannigfache Verschiedenheiten zeigt. Im einfachsten Falle sind es nur kleine, warzenförmige Vorstülpungen aus der Mitte der Ober- Fühipapiiien hautzellen, ausgezeichnet dadurch, daß die Zellwand über ihnen sehr dünn ist. So findet man sie an den Staubfäden des in Gärten oft kultivierten großblütigen Portulaks {Portulaca grandijlora Hook), Staubfäden, die sich nach der gereizten Seite hin krümmen, wenn man sie berührt. — Bei den ebenfalls reizbaren Staub- blättern des Sauerdorns {Berberis vulgaris L.) wölben sich die Oberhautzellen an ihren ganzen, freien Außenflächen kegelförmig als Papillen vor. Die Wand der Papillen ist ziemlich dick; dafür sind diese Papillen im Umkreis an ihrer Basis wie auf einem Scharnier befestigt. Es ist das eine verdünnte Stelle der Wand, die an die Scharniere der Spaltöffnungsapparate erinnert. DaZyto- plasma diese verdünnte Stelle der Wand ausfüllt, so wird es jeden auf die Papille ausgeübten Druck sehr stark empfinden. Nur die Oberseite der flach in der Blüte ausgebreiteten Staubblätter ist reizbar, und sie trägt auch allein die Papillen. Von der Wirkung der Berührung kann sich jeder im Frühjahr überzeugen, wenn eine Berberisart in seinem Garten oder sonstwo an einer Hecke blüht. Tupft er die Oberseite eines Staubblattes in halber Länge etwas an, so verkürzt dieses sich dort plötzlich und schlägt nach innen, so daß seine Staubbeutel neben die Narbe des Fruchtknotens zu liegen kommen. Der Blü- tenstaub wird dann aber nicht auf die Narbe des Fruchtknotens befördert. Wohl aber gelangt er auf den Kopf oder den Rüssel eines die Blüte besuchenden Insektes, das nach Nektar spähend die Bewegung eines Staubblattes auslöste. Fliegt das Insekt nun zu einer andern Blüte der Berberitze, so berührt es dort mit derselben Stelle seines Körpers, welche zuvor den Blütenstaub aufnahm, die Narbe und vermittelt so die Fremdbestäubung. — Den ebenfalls reizbaren Staubblättern der Cynareen, etwa der Wiesenflockenblume {Centaurea jacea L.) oder der Kornblume [Centaurea cyanus L.), entspringen im mittleren Drittel ihrer Höhe ansehnliche Haare, die aus zwei der Länge nach verbundenen Zellen bestehen. Jedes Haar entstammt zwei in der Längsrichtung aufeinanderfolgenden Oberhautzellen des Staubblattes, und die Längswand des Haares bildet auch die Trennungswand der es tragenden Zellen. Die Protoplasten der Tragzellen setzen sich somit direkt in die Haarzellen fort. Berührt man letztere, so pflanzt sich der Reiz direkt auf die Unterlage fort, was eine Krümmungsbewegung des Staub- blattes veranlaßt. Auch diese Bewegung steht im Dienste der Bestäubung und wird durch Insekten bewirkt, die ihren Rüssel in die Blüten versenken, um Nektar zu saugen. — Als vielzellige Gebilde, an deren Aufbau nicht die Epidermis allein, sondern auch das tief erliegende Gewebe beteiligt ist, somit als Emergenzen, treten uns die Fühlborsten entgegen, die auf den muschelförmigen Blättern der Venus-Fliegenfalle [Dionaea muscipula L.) schon dem bloßen Auge durch ihre tühiborsten. Größe Eindruck machen. Werden diese Borsten berührt, so klappt das Blatt 124 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Fig. 50- in seiner Mittellinie plötzlich zusammen. Diese Bewegung dient dem Insekten- fang; denn in Dionaea muscipula lernen wir ein weiteres Beispiel einer fleisch- fressenden Pflanze kennen, die mit besonderen Einrichtungen zur Erlangung ihrer Beute ausgestattet ist. Das hat uns diesen Bewohner moosiger Gründe Nord- und Südkarolinas interessant gemacht und veranlaßt, daß er zu einer verbreiteten Erscheinung in unseren Gewächshäusern wurde. Die Gattung Dionaea zählt wie Drosera zu den Sonnentaugewächsen, wie denn Vertreter dieser Familie sich auch sonst noch verschiedentlich auf Tierfang eingerichtet haben. Das Zusammenklappen der wie die beiden Schalen einer Muschel ge- stalteten Spreitenhälften eines Dionaeablattes, das man berührt hat, stellt eine zu auffällige Erscheinung dar, als daß es lange unbemerkt hätte bleiben können. So kommt es, daß die älteste Angabe über Insektivoren auf dieses Pflänzchen sich bezieht. Sie findet sich in einem Briefe, den John Ellis am 23. September 1769 aus London an Linne schrieb. Er fügte eine Ab- bildung nebst einigen getrocknetenBlättern und Blumen bei und bemerkte dazu : ,,Die Pflanze. . . gibt zu erkennen, daß die Natur vielleicht einiges Absehen auf ihre Ernäh- rung bei der Bildung ihrer Blätter gehabt Ein Blatt der Venusfliegenfaiie (Dionaea muscipula). habcu möge. Der obere Teil derselben Stellt Auf der inneren Blattfläche die empfindlichen Borsten, • t-it i t- • A i. "NT u deren Berührung ein plötzliches Zusammenklappen der Cin WerkzeUg ZUITl 1^ aUgC CinCr Art Nah- bciden Blatthälften bewirkt Der schraffierte Teil der fungSmittcl VOr, auf dcrCU MlttC dlC Lock- Innenfläche dicht mit Verdauungsdrusen besetzt. ö > (Nach Darwin.) 4fach. Vergr. spcisc f ür das unglückHche, zum Raube aus - ersehene Insekt lieget. Viele kleine, rote Drüsen, die die oberen Flächen des Blattes bedecken und einen vielleicht süßen Saft ausschwitzen, locken das Tierchen, an demselben zu kosten; in dem Augenblicke, da dessen Füße diese zarten Teile be- rühren, werden die zween Lappen des Blattes durch den Reiz in Bewegung gesetzt, schlagen einwärts zusammen, fassen das Tierchen, legen die Stacheln am Rande ineinander und drücken das Tierchen tot." — Auf der Oberseite jeder der beiden Spreitenhälften des Dionaeablattes (Fig. 50) stehen drei der zuvor genannten Fühlborsten. Sie stellen die reizbarsten Organe des Blattes dar, und ihre Be- rührung ist es für gewöhnlich, die das Zusammenklappen der beiden Spreiten- hälften bewirkt, wobei die spitzen Zähne, welche diese Spreitenhälften an ihren Rändern tragen, zwischeneinander greifen. Die Pflanze ist auf den Fang größerer Tiere eingerichtet. In unseren Gewächshäusern fallen ihr meist Spinnen und Kellerasseln zum Opfer. Diese werden von den zusammen- schließenden Spreithälften sofort festgehalten, während es kleineren Tieren öfters gelingt, dann noch zu entweichen. Der Bau der Fühlborsten ist ein sol- cher, daß sich vier Abschnitte an ihnen unterscheiden lassen. Der obere Ab- schnitt hat spitzkegelförmige Gestalt, er wird von langgestreckten, mäßig ver- dickten Zellen gebildet. Auf ihn folgt abwärts eine Gewebeschicht aus quer- tafelförmigen Zellen mit mehr oder weniger verkorkten Wänden. An diese Gewebeschicht schließt das eigentlich reizbare Gelenk an, dessen Zellen sich Fühlborsten. — Gefäßbündel 125 durch reicheren zytoplasmatischen Inhalt und zentrale Kerne auszeichnen. Der unterste Abschnitt der Fühlborste wird durch ein Postament aus isodia- metrischen, inhaltsärmeren Zellen gebildet. Der obere Abschnitt der Fühlborste wirkt als Hebelarm, er stellt den ,,Stimulator" dar, der die Wirkung der Be- rührung auf das reizbare Gelenk der Fühlborste entsprechend verstärkt über- trägt. Durch jede Berührung der Fühlborsten wird die Verschlußbewegung der Spreite ausgelöst. Der Verschluß hält aber nur an, wenn ein verdaulicher Kör- per zwischen den Spreitenhälften sich befindet. Einem solchen schmiegt sich die Spreite genau an und vollzieht seine Verdauung mit Hilfe eines Sekrets, das von Drüsen ausgeschieden wird, welche die Oberhaut trägt. Diese Drüsen bilden für das bloße Auge rote Punkte auf der Blattfläche; in ihrem Bau nähern sie sich den sitzenden Drüsen, die wir beim Fettkraut kennen lernten. Die Chemie des Verdauungsvorgangs ist die nämliche wie bei andern Insektivoren. Nach dem Fang eines größeren Tieres kann die Ausscheidung so stark werden, daß das Sekret in Tropfen aus der Spreite herausfließt. Ein Blatt, das den Fang vollführte, bleibt wochenlang geschlossen. Öffnet es sich endlich, so ist es zu- nächst nicht reizbar. Es muß sich erst von der geleisteten Arbeit erholen, ver- mag sie übrigens im besten Falle nur noch ein- oder zweimal auszuführen. Wir sahen uns im Vorausgehenden veranlaßt, auf den mannigfaltigen Bau Mannigfaltigkeit und die vielseitigen Funktionen pflanzlicher Oberhautgebilde näher einzugehen, ^^eistuns^n^ "" Das sollte uns zeigen, zu wie hohen physiologischen Leistungen auch das pflanz- liche Protoplasma emporzusteigen vermochte. Wären die lebenden, pflanzlichen Protoplasten nicht durch leblose Wände voneinander getrennt und ihr Zusam- menwirken sowie auch die Fortleitung von Reizen auf Entfernung dadurch erschwert, so hätte die Pflanze in ihren Gesamtfunktionen nicht hinter dem Tierreich zurückzubleiben gebraucht. Eine aus dem südlichen Sibirien stammende Pflanze, die sich bei uns ein- Getäubündei. gebürgert hat und nicht selten auf Gartenland zum lästigen Unkraut wird, das kleinblättrige Springkraut [Impatiens parviflora DC), ist so durchscheinend in allen ihren Teilen, daß ich sie gern als Demonstrationsobjekt für Gefäß- bündelverlauf und Gefäßbündelverteilung benutze. Schon wenige Wochen nach der Keimung ist dieses schlanke Gewächs annähernd ausgewachsen, und nach einigen weiteren Wochen beginnt es zu blühen und zu fruchten, und dann wer- den uns auch seine Früchte lehrreich, da sie bei der Berührung aufspringen und ihre Samen fortschleudern. Für unsere Gefäßbündelvorführung reißen wir noch junge Pflanzen aus dem Boden, durchschneiden sie quer, dicht über ihrer Pfahlwurzel, und setzen sie in Wasser ein, das wir durch Zusatz von Eosin rot färbten. Die Gefäßbündel, welche zuvor schon als longitudinal verlaufende Streifen innerhalb des Stengelgewebes zu erkennen waren, treten alsbald als Farbstoffaufsties rote Fäden noch deuthcher vor. Ihre Färbung steigt rasch zu den oberen Teilen des Stengels empor, zugleich geht sie seitlich auf die Blätter über, so daß nach einiger Zeit auch deren gesamtes Gefäßbündelnetz rot erscheint. So haben wir ein Bild vor Augen, das uns über den Zusammenhang der Gefäßbündel im I 26 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Ge- schlossenes. koUateralcs Gefäßbünde!. Pflanzenkörper belehrt und weiter beweist, daß die Wasserleitung zu den Auf- gaben dieser Gefäßbündel gehört. Unter natürlichen Verhältnissen würde das durch die Wurzel aus dem Boden aufgenommene Wasser durch deren Gefäß- bündel den Gefäßbündeln des Stengels und von diesen den Gefäßbündeln der Blätter übermittelt werden, um aus letzteren in die umgebenden Blattzellen zu gelangen, und schließlich in Dampfform durch die Spaltöffnungen in die At- mosphäre zu entweichen. Nur das Wasser als solches würde dort aber verdunsten, die Salze des Bodens, die es in Lösung führte, hingegen in den Blättern verbleiben, um in ihnen verarbeitet zu werden. Die Leitung des Wassers ist nicht die einzige Aufgabe, welcher die Gefäßbündel in der Pflanze obliegen. Das er- fährt man bald beim Stu- ydium ihres Baues. Dieser ist ziemlich kompliziert, so daß es gilt, sich nach geeigneten Objekten für die ersteOrien- tierung umzusehen. Man wählt als günstiges Beispiel meist denStengel einerMais- pflanze [Zea mays L.) aus und untersucht ihn, bei ent- sprechend starker Vergrö- ßerung an Querschnitten. Da erscheinen die quer- durchschnittenen Gefäß- bündel (Fig. 51) als ellipti- sche Gewebeverbände von besonderem Bau in das weit größerzellige Grundgewebe eingebettet. Es handelt sich beim Mais um eine monokotyle Pflanze, und diese Ge- wächse sind fast allgemein durch eine ,, zerstreute" Gefäßbündelverteilung aus- gezeichnet. Daher trifft man die Querschnitte der Gefäßbündel überall im Bilde an. In jedem Gefäßbündelquerschnitt ist die dem Stengelinnern zugewandte Hälfte in ihrem Bau von der nach außen gekehrten deutlich verschieden. Die innere Hälfte ist es, welche der Wasserleitung dient, doch nicht mit allen ihren Formelementen, vielmehr nur jenen, welche für diese Aufgabe eingerichtet sind, mit den uns schon bekannten Tracheiden und Tracheen. Am meisten fallen die zwei großen Tracheen, d. h. die Gefäße [m und m) auf, die wie zwei weite, runde Öffnungen die Seiten des Gefäßbündels einnehmen. Engere Gefäße und Trache- iden {sp) sind nach dem Innenrande zu in der Mediane des Gefäßbündels zu un- terscheiden, meist auch eine Lücke (/), die den Querschnitt eines Kanals darstellt, Fig. 51. Querschnitt durch ein Gefäßbündel aus dem Internodiura des Stengels vonZea mays. a Ring einer Riugtracheide, sp Schraubentrachei'de, ni und ?n' behöft getüpfelte Geiäße, v Siebröhre, J Gcleitzelle, cpr zer- drückte Kribralprimanen , i Interzellulargang, vg^ Scheide. Vergr. 580. Geschlossene und offene Gefaßbündel 12 7 der durch Zerstörung von Gewebe entstanden ist. In diesen Kanal ragen Schrau- benbänder und Ringe (a) als Reste zerrissener Gefäßtracheiden hinein. Das waren die ersten, engen Wasserbahnen, die das junge, noch in Streckung be- findliche Gefäßbündel fertigstellte, und welche die wachsenden Pflanzenteile versorgten, um späterhin neuen, weiteren Bahnen diese Aufgabe zu überlassen. Die im Dienst der Wasserleitung stehende, dem Stengelinnern zugekehrte Hälfte eines solchen Gefäßbündels wird als sein,, Gefäßteil" oder ,,Vasalteil" unterschie- den. Außer den toten, nur noch Wasser führenden Leitungsbahnen, enthält der Gefäßteil stets noch lebende Zellen, in denen oft Reservestoffe, im besondern Stärke anzutreffen sind, und die man als Vasalparenchym bezeichnet, zudem noch häufig prosenchymatisch gestreckte Zellen, mit dickeren Wänden, die zur Festigung des Vasalteils beitragen. — Weiter nach außen in jedem Gefäßbündel, in jener Hälfte, die es der Stengeloberfiäche zukehrt, tritt eine hellere Gewebe- partie deutlich umschrieben hervor, in der weitere Zellräume mit engeren regel- mäßig abwechseln. Die weiteren Zellräume (v) entsprechen ,, Siebröhren", und nicht selten wird der Querschnitt eine terminale ,, Siebplatte" gestreift haben, die dann ihre feine Punktierung erkennen läßt. Die engeren Zellen zwischen den Siebröhren sind ihre ,, Geleitzellen" {s). Sie stellen Schwesterzellen der Sieb- röhrenglieder dar, die durch Längsteilung gemeinsamer Mutterzellen zugleich mit ihnen erzeugt wurden. Solche Geleitzellen sind nur den angiospermen Pflanzen, also den Monokotylen und Dikotylen eigen. Sie fehlen den Gymno- spermen und den farnähnlichen Gewächsen. In einem solchen Querschnitt, wie wir ihn vor Augen haben, fallen die Geleitzellen durch die Menge ihres Inhalts auf. Sie sind mit Zytoplasma angefüllt, zudem führen sie große Kerne, letztere im Gegensatz zu den Siebröhren, die, wie wir früher schon erfahren haben, ihre Kerne rasch einbüßen. Wir stellten damals bereits fest, daß die Siebröhren vor- nehmhch Eiweiß leiten. Das dürfte die Hauptaufgabe des Gefäßbündelabschnitts sein, der uns hier beschäftigt. Der Siebröhren entbehrt er nie, daher er auch als ,, Siebteil" oder ,,Kribralteil" bezeichnet wird. Auf Siebröhren und Geleitzellen braucht er aber nicht beschränkt zu sein; in solcher Einschränkung zeigt er sich nur bei den meisten Monokotyledonen sowie bei Vertretern der Reihe der Ranales, zu denen die Seerosen [Nymphaeaceen] und Hahnenfußgewächse [Ranuncula- ceen) gehören unter den Dikotyledonen; in sonstigen Fällen sind auch parenchy- matische Zellen, also ,, Siebteil-" oder ,,Kribralparenchym" in ihm vertreten und in bestimmten Fällen auch mechanische Formelemente. Solche Gefäßbündel, wie sie der von uns untersuchte Mais und andere Monokotylen führen, heißen ,, kol- laterale", weil Gefäßteil und Siebteil sich nur einseitig berühren. Mit solchen Ge- fäßbündeln sind auch die Dikotylen und der größte Teil der Gymnospermen offeuc, ausgestattet. Bei alledem besteht ein sehr wichtiger Unterschied in dem Ver- °fjfßbünde) '^ halten der Gefäßbündel dieser letzteren und jener der Monokotylen, ein Unter- schied, den wir bereits einmal berührt haben. Wir stellten damals fest, daß jene meristematischen Gefäßbündelanlagen in der Nähe der Vegetationspunkte, die man als ,, Prokambiumstränge" bezeichnet, entweder vollständig in der Bildung des Gefäßbündels aufgebraucht werden oder einen meristematischen Gewebe- 128 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Koiizoutrische Goiäßliündcl, Getrennte Gefäß- und SJebstränge. streifen behalten und damit auch die MögHchkeit weiterer Fortentwicklung. Die Gefäßbündel der Monokotylen, so wie wir sie beim Mais kennen gelernt haben, sind ohne solche Bildungsgewebe und heißen daher ,, geschlossen". In den Ge- fäßbündeln der Dikotylen und Gymnospermen ist hingegen zwischen dem Ge- fäßteil und dem Siebteil eine solche Gewebeschicht vorhanden (Fig. 52c), diese Ge- fäßbündel heißen daher ,, offen". Bei der Untersuchung von Stengelquerschnitten durch krautartige Dikotylen (Fig. 52) oder durch jüngste Sprosse von Nadel- hölzern, die den Gymnosper- men angehören, würden wir in jedem Gefäßbündel seine bei- den Hälften als Gefäßteil und Siebteil wiedererkennen, so verschieden uns auch ihre Zu- sammensetzung nach den ihnen zukommendenGeweben im einzelnen erscheinen könn- te. Den Gefäßteil fänden wir stets nach innen, den Siebteil nach außen orientiert. Im Ge- gensatz zu den Monokotylen hätten wir aber nicht über das Gesamtbild zerstreute, son- dern zu einem Kreise angeord- nete Gefäßbündel vor Augen. Wesentlich anders wie die Querschnitte kollateraler Ge- fäßbündel sehen jene aus, die uns die meisten Farnkräuter zeigen würden. Da hätten wir es mit ,, konzentrisch" gebau- ten Gefäßbündeln zu tun. Der Gefäßteil, der sich durch die weiten Lumina seiner gefäß- artigen Tracheiden auszeichnet, ist vom Siebteil umgeben, in welchem die Siebröh- ren mit ihren weißen, stärker dasLichtbrechendenWänden deutlich hervortreten. Die Vereinigung des Gefäß- und Siebteils zu Gefäßbündelsträngen ist eine ganz allgemeine Einrichtung, die sich ersichtlich bewährt hat. Tatsächlich handelt es sich aber um verschiedene Leitungsbahnen, die aneinander gefügt sind, wie das der Umstand lehrt, daß sie auch getrennt verlaufen können. In Stengeln, die nach Orten führen, deren Eiweißbedarf besonders groß ist, vor allem zu Blüten- und Fruchtständen, trifft man vielfach außer den kollateralen Gefäßbündeln auch Stränge an, die nur aus Siebröhren und Geleitzellen be- stehen. In allen Wurzeln sind Gefäß- und Siebteile voneinander getrennt und laufen als selbständige Stränge nebeneinander fort. Fig. 52. Querschnitt durch das Gefäßbündel eines Ausläufers von Ranunculus repens. J SchraubentracheVden, »i behöft getüpfelte Ge- fäße, c Kambium, v Siebröhren, vg Scheide. Vergr. i8o. Konzentrische Leitbündel. — Grundgewebe 12g ondigung. In den Blättern kehren die Gefäßbündel ihren Gefäßteil der Oberseite, nia«- ihren Siebteil der Unterseite zu. In dem Maße, als sie sich in der Blattspreite verzweigen, werden sie dünner, und es vereinfacht sich ihr Bau. Die Zahl der Gefäßbundei- Formelemente nimmt im Gefäßteil und im Siebteil ab, und zugleich sinkt ihr Durchmesser. Schließlich setzen nur noch kurze, schraubenförmig verdickte Tracheiden das Gefäßbündel fort, welches daraufhin blind endigt (Fig. 53). Durch die reiche Gefäßbündelverzweigung ist für eine möglichst gleichmäßige Verteilung des zugeführten Nährwassers in der Blattspreite gesorgt. Wo die Gefäßbündel der Blätter unverzweigt bleiben, wie das in den Nadeln der Koni- feren der Fall ist, begleiten eigenartige Säume aus Tracheiden flügelartig den Gefäßteil und fördern die Wasserabgabe an das angrenzende Gewebe. Wie eine reiche Ausgestal- tung des Gefäßbündelnetzes im Laubblatt die Wasserverteilung in ihm fördert, so begünstigt sie auch die Aufnahme der Assimilationsprodukte, die in ihm erzeugt wurden, und die es abwärts lei- ten soll. Der Siebteil der letzten Gefäßbündelaus- zweigungen in denLaubblättern der Angiospermen läuft in protoplasmareiche Zellen aus, die sog. ,, Übergangszellen", welche an Stelle der Sieb- röhren und Geleitzellen treten und, wie man an- nimmt, die Eiweißstoffe sammeln, die den Sieb- röhren zur Weiterbeförderung übermittelt werden sollen. Die mangelnde Verzweigung der Gefäß- bündel in ihren Nadeln korrigieren die Koniferen hier wieder in der Weise, daß sie den Rand des Siebteils mit einem Saum solcher Übergangszellen versehen. Jenes Gewebe, das von der Oberhaut umschlossen und von den Gefäß- Grandgewebe. bündeln durchsetzt ist, faßt man als ,, Grundgewebe" zusammen. Es ist klar, daß es sich bei dieser Bezeichnung um einen negativen Begriff handelt, gewisser- maßen um das, was nach Abzug des Hautgewebesystems und Gefäßbündel- systems noch übrig bleibt. In die Zusammensetzung dieses Grundgewebe- systems gehen bei hoch organisierten Pflanzen die mannigfaltigsten Gewebe- und Zellarten ein, in einem Verhältnis, das meist deutliche Beziehungen zu den Leistungen zeigt, welchen sie in diesen Pflanzen obliegen. Die Hauptaufgabe der peripherisch gelegenen Grundgewebe oberirdischer Pflanzenteile wird vor allem die Kohlenstoffassimilation und in den meisten Fällen auch die Festigung sein. Demgemäß sieht man chlorophyllhaltige Parenchyme, Koflenchyme und Pros- enchyme um die äußere Lage miteinander wetteifern. Inneres Grundgewebe, das nicht mehr stark genug belichtet ist, um zu assimilieren, weist vornehmlich chlorophyllfreie Parenchyme auf, die auf Speicherung und Weiterbeförderung von Reservestoffen eingerichtet sind. An allen Orten im Grundgewebe wird man zudem mit den mannigfaltigsten Nebenprodukten des Stoffwechsels an- gefüllte Einzelzellen, Zellgruppen oder Zwischenzellräume antreffen. In den K. d.G.IILlv,Bd2 ZeUenlehre etc. n F'g- 53- Gefäßbündelendigung im Blatt von Impatiens parviflora. Vergr. 200. I30 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre unterirdischen Teilen von Landpflanzen und den untergetaucht lebenden Was- serpflanzen, die weniger auf Biegungsfestigkeit denn auf Zug beansprucht wer- den, wird man eine Verschiebung der mechanischen Gewebe gegen das Innere des Körpers konstatieren können. VerteUung Die Verteilung der ,, primären Gewebe" im Körper der höher organisierten ^^''^"^^P'^^'Püa.nzen bietet noch zu anderen Feststellungen Gelegenheit. Ein Querschnitt, Stengel, den wir uns durch den Stengel einer dikotylen Pflanze herstellen (Fig. 54), zeigt uns zu äußerst die Oberhaut {e), unter ihr das Gewebe der ,, primären Rinde" (pr) und innerhalb dieser mehr oder weniger deutlich von ihr abgesetzt den sog. ,, Zentralzylinder" (c). In diesem bilden die Gefäßbündel {cv) einen Kreis (Fig. 61). Das nach innen von die- sem Kreis gelegene mittlere Gewebe des Zentralzylinders heißt das ,,Mark"' (Fig. 54m), das diesen Kreis umgebende Gewebe, soweit als es noch zum Zentralzylinder ge- hört, der ,,Perizyker' {pc). Die zwischen den Gefäßbündeln verlaufenden Gewebestrei- fen, welche das Mark mit dem Perizykel und der primären Rinde verbinden, werden als ,, primäre Markstrahlen" {ms), bezeichnet. Dieselbe Gewebeverteilung finden wir in den jungen Sprossen eines Nadelholzes wieder, vorausgesetzt daß das sekundäre Wachstum sie nicht bereits unkenntlich gemacht hat. Auch der Querschnitt eines monoko- tylen Stengels läßt unter der Oberhaut eine primäre Rinde erkennen, die den Zentralzylinder umgibt. In letzterem sehen wir hingegen, so wie der Mais es zeigte, sehr zahlreiche Gefäßbündel allerorts zerstreut (Fig. 55). Ein Mark läßt sich da nicht abgrenzen, das Gewebe, das die Gefäßbündel trennt, schwer- lich mit Markstrahlen vergleichen. Der Außenrand des Zentralzylinders kann, da eine Grenze fehlt, nur theoretisch als Perizykel {pc) gelten. Die auffällige Verschiedenheit in der Anordnung der Gefäßbündel, wie sie typische Dikotylen und Gymnospermen einerseits, typische Monokotylen an- Gefäßbündei- dcrerscits in ihren Stengeln zeigen, wird durch die Art des Verlaufs dieser Ge- fäßbündel und ihre Zahl bedingt. Verfolgt man die Gefäßbündel in der Rich- tung vom Blatte zum Stengel, so sieht man, daß sie bei Gymnospermen und Dikotylen zu einem einzigen Gefäßbündel oder doch nur verhältnismäßig we- nigen Gefäßbündeln vereinigt aus dem Blatt in den Stengel treten. Sie durch- eilen dessen primäre Rinde, gelangen in seinen Zentralzylinder und ordnen sich in den Kreis ein, den die schon vorhandenen, tieferstehenden Blättern ent- stammenden Gefäßbündel dort bilden. Zwischen diesen laufen sie abwärts, um sich früher oder später mit bestimmten unter ihnen zu vereinigen. Die Art, wie dies geschieht, sowie der Weg, den jedes einzelne Gefäßbündel zurücklegt, und F i g. 54. Teil eines Querschnittes durch einen jungen Stamm von Aristolochia Sipho. e Epidermis, pr pri- märe Rinde, si Stärkescheide, c Zentralzylinder, pc Perizykel, in diesem Falle mit einem Ring von Sklerenchymfasern, cv Ciefäßbündel, und zwar cv" Vasalteil, cf' Kribralteil, c3 Kambiumring, /«Mark, ms primärer Markstrahl. Vergr. 48. verlauf. Gefäßbündelverlauf 131 Blatt- und stammeijjene Gefäßbündel. die seitlichen Krümmungen, die es ausführt, um neu eintretenden Gefäßbün- dehi Platz zu machen, sind erblich festgelegt. Die zerstreute Gefäßbündelverteilung, wie wir sie beim Mais fanden, kommt dadurch zustande, daß sehr zahlreiche Gefäßbündel aus jedem Blatte in den Stengel eintreten und verschieden tief in dessen Zentralzylinder vor- dringen. Der Medianstrang jedes Blattes gelangt fast bis zur Mitte des Stengels, die Seitenstränge weniger tief. Verfolgt man einen Strang in seinem weiteren Verlauf, so sieht man ihn sich im Bogen abwärts biegen, allmähhch der Ober- fläche des Zentralzylinders nähern und dort schließlich mit einem andern Strang verschmelzen. Der im Stengel befindliche Teil solcher je einem Blatte und dem Stengel Biattspur. gemeinsam zukommenden Gefäßbündel wird als ,, Blattspur" bezeichnet. Die konzentrisch gebauten Gefäßbündel, wie wir sie bei den Farnkräutern kennen ge- lernt haben, sind vielfach in deren Stämmen zu einem hohlzylindrischen Gerüstwerk vereinigt, dessen regelmäßig angeordnete Maschen den Insertionsstellen der Blätter entsprechen. Diese Gefäßbündel sind ,, stammeigen", sie gehen nicht in die Blätter über. Die aus den Blättern in den Stengel eintretenden ,, blatteigenen" Ge- fäßbündel setzen vielmehr an diese stammeige- nen längs der Maschenränder an. Dem hohlzylindrischen Gerüstwerk, zu wel- chem wir bei den jetzigen Farnkräutern die Ge- fäßbündel meist vereinigt sehen, ging phylogene- tisch ein axiler Gefäßbündelstrang voraus, dereinen mittleren Gefäßteil besaß, den der Siebteil umhüllte. So finden wir ihn öfters bei versteinerten Farnen aus früheren Erdperioden vor. Doch haben ihn auch noch Vertreter mancher rezenter Farnfamilien aufzuweisen, so wie nicht selten Keimpflanzen solcher Farne, die im ausgewachsenen Zustande kompliziertere Gefäßbündelverhältnisse aufweisen. Die fortschreitende Phylogenie schuf bei den Farnen zunächst aus dem axilen Gefäßbündelstrang mit zentralem Gefäßteil einen solchen mit parenchyma- tischem Gewebe im Innern und spaltete hierauf den so entstandenen Ring in eine Mehrzahl von Gefäßbündeln, und zwar meist erst nachdem er auch an seiner Innenseite eine Siebteilbekleidung erhalten hatte. Solche Farnarten, die ihre Ontogenie mit einem axilen Gefäßbündelstrang im Stengel beginnen, später aber eine große Zahl von Gefäßbündeln dort aufweisen, zerklüften während ihrer Erstarkung den axilen Strang in ähnhcher Weise, wie es in ihrer Phy- logenie geschah. Während bei den an das Landleben sich anpassenden Gewächsen der Was- Von Landpflan- . . . r> 1 ^^" abstammende serleitungsapparat eme steigende Gliederung und zunehmende innere bonderung Wasserpflanzen, erfuhr, stellte sich stets wieder der umgekehrte Vorgang ein, wenn Landpflanzen Fig- 55- Querschnitt durch ein Stengelglied von Zea mais. /»/Primäre Rinde, cv Gefäß- bündel, gc Grundgewebe des Zentralzylinders. Vergr. 2. Phylogenie des Gefäßbündel- systf-ms. 13: Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre in das Wasser zurückwanderten. Dort war die gesteigerte Leistungsfähigkeit der Wasserbahnen nicht mehr nötig, und die verminderte Beanspruchung hatte deren entsprechende Rückbildung zur Folge. Die voneinander getrennt gewese- nen Gefäßbündel verschmolzen dort schließlich wieder zu einem einzigen Strang. Bei den Vertretern der Gattung Potamogeton, den Laichkräutern, die in so vie- len Arten unsere Gewässer bewohnen, lassen sich lehrreiche Zwischenglieder dieser fortschreitenden Verschmelzung zusammenstellen. Die Gattung Pota- mogeton umfaßt einerseits schwimmende Arten mit breiten, eiförmigen, leder- artigen Schwimmblättern und reichen Blütenähren, anderseits typisch sub- merse Gewächse mit schmalem, grasartigem Laub, dünnen Stengeln und arm- blütigen Infloreszenzen, außerdem alle Zwischenformen. Je mehr eine Art sich den schmalblättrigen Formen nähert, um so weiter ist die Verschmelzung der Gefäßbündel gediehen. Der Zentralzylinder aller Arten zeigt sich im Verhält- nis zu den Landpfianzen stark verengt, während die primäre Rinde bedeutend verbreitert ist. Das sind Erscheinungen, die wir schon früher inBeziehung zu den mechanischen Anforderungen gebracht haben, die an Wasserpflanzen gestellt werden: sie müssen zugfest und zugleich biegsam sein. Während aber bei den schwimmenden Laichkrautarten die einzelnen Gefäßbündel noch als solche im Zentralzylinder sich unterscheiden lassen, sind sie im Zentralzylinder extrem- submerser Formen nicht mehr zu erkennen. Dieser stellt dann einen axilen Ge- fäßbündelstrang dar, mit einem .inneren Gefäßteil, den ein gemeinsamer Sieb- teil von außen umgibt. So führte ein rückläufiger, phylogenetischer Entwick- lungsgang hier die fortgeschrittene Gewebesonderung wieder auf einfachere Typen zurück, ganz ähnlich jenen, von welchen wir bei den Farnen ausgingen, um zu höheren Typen zu gelangen. Bei Wasserpflanzen, die den oberen Abteilungen des Pflanzenreichs ange- hören, so beiden eben behandelten Laichkräutern und andern, pflegt die primäre Endodermis. Rinde scharf gegen den Zentralzylinder abgesetzt zu sein. Ihre innerste Zell- schicht zeichnet sich dann durch einen besonderen Bau aus und weist vielfach die charakteristischen Merkmale einer ,,Endodermis" auf. Diese bestehen darin, daß die Zellen übereinstimmend gestaltet sind, seitlich ohne Interzellularen zu- sammenhängen, vor allem aber an ihren radialen Wänden einen durch Einlage- rung eines bestimmten Stoffes chemisch veränderten Membranstreifen aufweisen. In Querschnitten fallen die so veränderten Streifen als dunkle Stellen von flach linsenförmiger Gestalt innerhalb der Wände auf. Sie bewirken einen sicheren Abschluß des Zentralzylinders gegen die Luft der Interzellularen, die bis an die Endodermis heranreichen. Zudem bedingen sie eine entsprechende Festigung dieser Zellschicht, deren mechanische Aufgabe sich vielfach auch in stärkeren Wandverdickungen kundgibt. Es kommt vor, daß auch an oberirdischen Stengeln die innerste Rinden- schicht den Bau einer Endodermis aufweist. So findet man es beispielsweise bei einer ganzen Anzahl Arten der Gattung Ranunculus. In anderen, häufigeren Stärkescheide. Fällen Stellt die innerste Rindenschicht eine ,, Stärkescheide" dar, d. h. sie fällt durch ihren Stärkereichtum auf. Ihre Stärkekörner zeichnen sich durch große Endodermis. — Slärkescheide. — Statolithen 133 Beweglichkeit aus, so daß sie ihren Platz in der Zelle je nach der Neigung des Stengels wechseln. Sie sinken zur tiefsten Stelle der Zelle hinab, so daß man sie im aufrechten Stengel an der normalerweise unteren, in dem wagerecht ge- legten an der nunmehr dem Erdboden zugekehrten Wand angesammelt findet. G. Haberlandt und B. Nemec lassen solche leicht beweglichen Stärkekörner die Rolle von ,, Statolithen" spielen, d. h. sie sprechen ihnen dieselbe Bedeutung zu „statouthen"- wie den Statolithen in den Gleichgewichtsorganen der Tiere, die durch ihre " " ^' Lagenänderung das Tier über die Schwerkraftrichtung orientieren. Es soll der Druck dieser leicht beweglichen Stärkekörner gegen die Hautschicht der Proto- plasten von dieser als Reiz empfunden werden, dieser Reiz dann Wachstums- vorgänge auslösen, durch welche der gegebene Pflanzenteil in die richtige Lage zur Schwerkraftrichtung gelangt. Diese Statolithentheorie wird noch viel um- stritten. Ihr Gebiet hat man übrigens nicht auf Stärkescheiden eingeschränkt, vielmehr auf verschiedene andere Gewebe mit leicht beweglichen Stärkekörnern, die zudem in ihren Zellen verharren, auch wenn die ganze Stärke der Nach- barschaft aufgelöst wird, ausgedehnt und das Ergebnis der gesamten Unter- suchungen dahin zusammengefaßt, daß Statolithenapparate bei Pflanzen an Orten, die Schwerkraftreize perzipieren, nirgends fehlen. In den meisten oberirdischen Stengeln ist die Grenze zwischen der primären Rinde und dem Zentralzylinder gar nicht markiert. Die Parenchyme der primä- ren Rinde gehen in jene des Zentralzylinders ohne Grenze über. Um den assi- milierenden Parenchymen den bestbeleuchteten Platz in der Peripherie des Stengels zu überlassen, ziehen sich die mechanischen Gewebe zum Teil oder Verteilung der auch wohl vollständig hinter sie zurück, so vorteilhaft es im übrigen für ein '"^Ge'webe^" Organ, das möglichste Biegungsfestigkeit anstreben muß, sein würde, auch seine '"' stengei. mechanischen Gewebe ganz nach außen zu verlegen. Unter Umständen weichen diese Gewebe bis in den Perizykel zurück, wo sie dann ganz für sich den Raum beanspruchen dürfen und sich daher gern zum geschlossenen Zylinder vereini- gen. Ihre Ausbildung, auch weiter einwärts noch im Zentralzylinder, wird zum Schutz der Gefäßbündel, vornehmlich ihrer weicheren Siebteile, vollzogen. So entstehen dort die Sklerenchymscheiden, welche die Gefäßbündel umhüllen. Zu besonders starken Belagen schwellen sie an der Siebseite an. Wo das ganze Ge- fäßbündel rings umscheidet ist, bleiben zu seinen beiden Seiten der Stelle ent- sprechend an der Gefäßteil und Siebteil zusammenstoßen, ,, Durchlaßstreifen" ausgespart. Dort sind die Sklerenchymfasern durch schwächer verdickte, un- verholzte Parenchymzellen ersetzt, welche den Stoffverkehr zwischen den Ge- fäßbündeln und dem Grundgewebe erleichtern. In monokotylen Stengeln mit zerstreuten Gefäßbündeln, so bei dem uns schon bekannten Mais, kommen den peripherischen Gefäßbündeln ganz auffallend starke Scheiden zu. Diese äuße- ren Gefäßbündel müssen besonders geschützt werden; zugleich gelangen auf diese Weise die mechanischen Gewebe möglichst nach der Oberfläche. — Die Gefäßbündelscheiden sind Erzeugnisse des Grundgewebes im Zentralzylinder. Dieses kann auch die einzelnen Gefäßbündel mit Endodermen oder Stärke- scheiden umgeben. So bei solchen Arten der Gattung Ranunculns, die keine ge- 134 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre meinsame Endodermis besitzen. Endodermen und Stärkescheiden brauchen somit nicht immer die innerste Rindengrenze zu markieren, sie sind nach Bedarf auch aus anderen Geweben hervorgegangen. Blattbau. Ein jeder wird bemerkt haben, daß zahlreiche Pflanzen eines Blumen- tisches ihre Laubblätter zu dem durch das Fenster einfallenden Lichte in be- stimmter Weise einstellen. Da Ober- und Unterseite der Laubblätter meist deutlich unterscheidbar sind, so dürfte es dem Beobachter auch nicht ent- gangen sein, daß es die Oberseite der so orientierten Laubblätter ist, die sich dem Lichte zuwendet. Befinden sich großblättrige Begonien, deren Laub- blätter auf Ober- und Unterseite verschieden gefärbt sind, auf dem Blumen- tisch, so zeigt sich an ihnen dieses Verhal- ten besonders deutlich. Doch auchimFreien wird man ent- sprechende Erscheinun- gen konstatie- ren können. Sie pflegen um so stärker her- vorzutreten, Querschnitt durch das Blatt von Fagus silvatica. St Fig. 56. Querschnitt durch das Blatt von Fagus silvatica. ep Epidermis der Oberseite, e/>" Epidermis der Unterseite, ej>"' längsgestreckte Epidermiszellen über einem Gefäßbündel, die der Querschnitt durch das Blatt der Quere nach trifft, pl Palisadenparenchyra, s Sammelzellen, .tp Schwammparenchym, k kristallführende Zelle, in ^t' eine Kristalldruse, .s/ Spaltöffnung. Vergr. 360. je ausgeprägter die „Dorsiventralität", d. h. der Unterschied im Bau der Ober- und Unterseite eines Blattes ist.* Dorsivetitraies Wir wollcu zuuächst dcu Bau eines solchen ausgeprägt dorsiventralen Laubblatt. Laubblattes betrachten und wählen dazu die Rotbuche [Fagus silvatica L.) aus (Fig. 56). Wir entnehmen ihrer Laubkrone ein Blatt, das sich in nicht zu vollem Sonnenlichte entwickelt hat, weil dieses unserem nächsten Zwecke am besten entspricht. Sehr zahlreiche Querschnitte durch dieses Blatt zeigen uns an der Oberseite zunächst eine flache, einschichtige, chlorophyllfreie, spaltöffnungs- lose Oberhaut [ep). Unter ihr befindet sich eine Schicht chlorophyllreicher, zylindrischer Zellen, die senkrecht zur Blattoberfläche gestreckt sind und seitlich durch lufterfüllte Interzellularen mehr oder weniger vollständig getrennt werden. Wegen der Gestalt und Anordnung ihrer Zellen hat man diese Schicht als ,, Pali- sadengewebe" bezeichnet (p/). Auf sie folgt weiter abwärts das,, Schwammgewebe" [sp), aus verschiedengestaltigen, weniger chlorophyllreichen, weite Lufträume zwischen sich bildenden Zellen aufgebaut. An diese schließt die untere Ober- haut [ep) an, die im Bau der oberen gleicht, aber von Spaltöffnungen [st) durch- setzt ist. Das ganze Grundgewebe des Blattes zwischen den beiden Epidermen wird als ,, Mesophyll" zusammengefaßt. Dieses Mesophyll wird von den Gefäß- bündeln durchzogen, die in keinem Querschnitt fehlen, und die wir an ihrem Bau des Blattes 135 Bau und der Englumigkeit ihrer Zellen erkennen. Jedes Gefäßbündel ist von einer Grundgewebsscheide umgeben, die um starke Gefäßbündel mehrschichtig ist und aus Sklerenchymfasern besteht, um die feinen Gefäßbündeläste aber nur noch eine einfache Lage gestreckter, lückenlos verbundener Parenchymzellen auf- weist. — Das chlorophyllreiche Palisadenparenchym stellt das ,, Assimilations- gewebe" unseres Blattes dar, das Schwammparenchym sein ,, Durchlüftungs- gewebe". Die Palisadenzellen sehen wir in Bündeln zusammenneigen, um ge- meinsam an eine Schwammparenchymzelle anzusetzen. Diese Zelle {s) nimmt die Assimilate aus den Palisadenzellen auf. Die Stoffabgabe kann nur an sie erfolgen, da Luftlücken den seitlichen Verkehr der Palisadenzellen unterein- ander mehr oder weniger vollständig verhindern. Die aufnehmende Schwamm- parenchymzelle ist in ihrem oberen Teil trichterförmig erweitert, um mehreren Palisadenzellen eine Ansatzstelle zu bieten. G. Haberlandt hat solche Zellen ,, Sammelzellen" genannt. Sie übermitteln die Assimilate weiter an andere Schwammparenchymzellen, welche sie ihrerseits zu den Scheiden der feinen Gefäßbündelzweige befördern und an diese abliefern. Mit entsprechenden Re- agentien läßt sich unschwer nachweisen, daß dort Traubenzucker abwärts ge- leitet wird. In dem Maße, als die Gefäßbündel des Blattes erstarken, überneh- men ihre inneren Gewebe die Weiterleitung und führen die Assimilate schließlich dem Stengel zu. — Während dem chlorophyllreichen, der Lichtquelle zugewand- ten Palisadenparenchym der allergrößteTeil der assimilatorischen Arbeit imLaub- blatt zufällt, hat das chlorophyllärmere, vom Licht abgewandte Schwammparen- chym den nötigen Gasaustausch mit der Atmosphäre zu fördern und die Tran- spiration nach Bedarf zu unterhalten, ist dementsprechend mit weiten Interzellu- laren ausgestattet und der spaltöffnungführenden, unteren Oberhaut genähert. Wir wählten ein nicht zu stark belichtetes Buchenblatt für die Unter- Einfluß der Be- suchung aus, um den Gegensatz seiner beiden Seiten in der uns erwünschten ' BiaftbTu. Weise ausgeprägt zu sehen. Ein dem vollen Sonnenlichte ausgesetztes Buchen- blatt würde uns an seiner Oberseite zwei bis drei Schichten von Palisadenzellen vorführen, ja vielleicht auch noch eine solche Schicht an seiner Unterseite zeigen. Bei Schattenblättern der Buche ist die Palisadenschicht nicht nur einfach und auf die Oberseite beschränkt, wie in dem von uns zuvor studierten Falle, sondern auch noch wesentlich niedriger, als wir sie dort fanden. Damit hängt zusammen, daß ein Sonnenblatt der Buche bis dreimal so dick wie ein Schattenblatt sein kann. Rotbuchen, die in Strauchform das Unterholz eines schattigen Waldes bilden, fallen jedem durch die Dünne ihrer Blätter auf. Dafür sind diese Blätter besonders groß, um eine möglichst ausgedehnte Fläche dem stärksten diffusen Lichte, das sie erreicht, darzubieten, zudem genau senkrecht auf dessen Ein- fall orientiert. Es ist von nicht geringem wissenschaftlichen Interesse, solcher- maßen zu konstatieren, daß die Entwicklungsbedingungen einen direkten Ein- fluß auf die histologische Ausbildung des Assimilationsgewebes auszuüben vermögen. Zu den ererbten Eigenschaften der lebenden Wesen gehört eben, daß ihnen ein solcher Spielraum in der ontogenetischen Ausgestaltung ihrer spezi- fischen Merkmale gewährt bleibt. j^ö Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Nach dem, was wir von der Rotbuche gelernt haben, wird es uns nicht mehr in Erstaunen versetzen, wenn wir erfahren, daß bei Alpenpflanzen, je nach der Höhe des Standorts, das Palisadengewebe verschieden mächtig ent- wickelt ist. Denn mit steigender Höhe nimmt im Gebirge die Lichtintensität zu, und das hat eine Verstärkung des assimilatorischen Gewebes zur Folge. Hau aufrecht- Auch wcrdcn wir es jctzt vcrständHch finden, daß bei Pflanzen, deren Laub- ^ *" '^biäuer. ^" "blätter so gestellt sind, daß sie annähernd gleichviel Licht von allen Seiten empfangen, diese Blätter im ganzen Umkreis sich gleich oder annähernd gleich gebaut zeigen. Sie führen Palisadengewebe dann vielfach an ihren beiden Seiten. Wie Julius Wiesner gezeigt hat, kommt solchen Laubblättern eine ,,fixe Licht- lage" vielfach überhaupt nicht zu. Das kann jedem die Betrachtung einer unserer Kiefern lehren. Bau umgekehrt- Andererseits erklärt es sich ungezwungen, daß gewisse Pflanzenarten, die ^*^ "'wäner.''" durch Drehung der Blattstiele oder des Blattgrundes die eigentliche Blattunter- seite beständig nach oben kehren, meist nur an letzterer eine Palisadenschicht ausbilden. Diese auffällige Erscheinung kommt verschiedenen Gräsern, z.B. dem in unseren Gärten kultivierten Pampasgras {Gynerium argenteum. Nees), auch Laucharten, so dem Bärenlauch {Allium ursinum L.) zu. Die vollkommensten Leistungen bei der Einsteflung ihrer Laubblätter zum Lichte haben im besonderen die Leguminosen, für welche die Robinie {Rohinia pseudacacia) als Beispiel dienen kann, erlangt. Die Fiederblättchen ändern, wie Julius Wiesner vor allem zeigte, ihre Lage je nach der Lichtstärke. Sie richten sich parallel zu den Sonnenstrahlen auf, wenn diese eine hohe Inten- sität erreicht haben, stellen sich andererseits auf diffuses Tageslicht senk- recht ein. Oberseite dors i- An den meistcu dorsiventralen Laubblättern fällt ohne weiteres auf, daß wättTr^chkTr?' die Oberseite dunkler grün gefärbt ist, als die Unterseite. Eine anschauliche phyiireicher. gj-klärung für dic Ursache dieser Erscheinung gewinnt man aus den durch G. Haberlandt ausgeführten Zählungen von Chlorophyllkörnern in den verschiede- nen Partien der Blätter. In einem Quadratmillimeter Blattfläche der Rizinus- pflanze [Ricinus communis L.) fanden sich durchschnittlich im Palisadenge- webe der Oberseite 403 200, im Schwammgewebe der Unterseite 92 000 Chloro- phyllkörner vor, es gehörten somit 82 Prozent der Chlorophyllkörner der Ober- seite, nur 18 Prozent der Unterseite an. Biumeubiättcr. Buutc Blumenblätter, die an der Assimilationsarbeit der Pflanze nicht be- teiligt sind, entbehren dementsprechend auch des Palisadengewebes. Ihr Meso- phyll besteht aus lockerem Schwammparenchym, das in zarten Blüten nur wenige Schichten bildet, ja im Extrem auf nur eine Zellage beschränkt ist und so den Raum zwischen den beiden Oberhäuten ausfüllt. Mesophyu und Man übcrzeugt sich unschwer an entsprechenden Flächenschnitten, die das "° '^ • Mesophyll eines Laubblattes in sich fassen, daß die Gefäßbündel bis an ihre äußersten Enden hin von Grundgewebsscheiden umgeben bleiben. Über dem Ende jedes Bündelzweiges schließen die Scheidenzellen kappenförmig zusam- men. Fälle, welche die Trachei'den eines Gefäßbündelendes frei endigend zwi- Bau des Blattes 137 sehen gewöhnlichen Mesophyllzellen zeigen, gehören zu den Ausnahmen und dienen ganz bestimmten Zwecken. Im allgemeinen ist also das Gefäßbündel- system gegen die Interzellularen des Blattgewebes durch eine besondere Schicht dieses Gewebes, deren Zellen lückenlos verbunden sind, abgeschlossen. Man kann sich die Blätter der höher organisierten Pflanzen als Ausstülpungen ihrer primären Rinde denken, durch welche die grünen, des Lichtes für ihre assimi- latorische Arbeit bedürfenden Gewebe eine entsprechende Flächenausbreitung erlangen. In diese Ausstülpungen dringen aus dem Zentralzylinder des Stengels die Gefäßbündel ein, um das Leitungsgeschäft von und nach dem Stengel zu besorgen. Das mediane Gefäßbündel der Rotbuchenblätter, um zu diesen Blättern Mechanisches zurückzukehren, und so auch die seitlichen Gefäßbündel erster Ordnung, die ^j^g Lj^^^^y^tj^ vom medianen Gefäßbündel direkt abzweigen, verlaufen in Gewebesträngen, die als Rippen an der Blattunterseite vorspringen. Diese Blattrippen sind von ge- streckten Epidermiszellen überdeckt, auf welche das uns bekannte, in den Zell- ecken verdickte Kollenchym aufwärts folgt. Diesem schließen sich weiter nach oben kurze, mit je einem Kristall von Kalziumoxalat versehene Zellen und dann eine mehrschichtige Lage von Sklerenchymfasern, die allseitig das Gefäßbündel umscheiden, an. Über dieser Scheide ist die Palisadenschicht durch einen Kollen- chymstreifen ersetzt, der den Anschluß an die gestreckten Zellen der oberen Epidermis bildet. Das mag uns eine Vorstellung davon geben, in welcher Weise die Festigkeit eines Buchenblattes durch Ausbildung mechanischer Gewebe ge- fördert wird. Flächenartig ausgebreitete Laubblätter, die sich senkrecht zum einfallen- den Lichte einstellen, müssen biegungsfest gebaut sein, um in dieser Lage zu verharren. Die Turgorspannung der Parenchyme und die Festigkeit der mecha- nischen Gewebe wirken in dieser Aufgabe zusammen. Die Oberseite solcher Blätter wird hauptsächlich auf Zug, die Unterseite auf Druck beansprucht. Zwischen beiden liegt eine neutrale Zone. Daher in dickeren Blättern Stränge aus mechanischen Elementen der Ober- und Unterseite möglichst genähert er- scheinen, und ihre Wirksamkeit an der Unterseite noch im besondern dadurch gesteigert wird, daß sie in die vorspringenden Rippen, also möglichst tief, zu liegen kommen. Die zuvor als Ausnahme berührten Fälle, wo die Enden der Gefäßteile ohne Scheidenabschluß in einem Blatte enden und ihre meist verkürzten und etwas angeschwollenen Trachei'den frei in das Mesophyll entsenden, hängen mit solchen Einrichtungen zusammen, bei denen es gilt, tropfbar flüssiges Wasser zugleich mit den in ihm gelösten Stoffen aus der Pflanze hervorzupressen. Solche freie Gefäßbündelendigungen würden uns daher bei entsprechender Unter- suchungin Verbindung mit Wasserspalten und Apikalöflnungen entgegentreten. In jene als,, Apikaiöffnungen" bezeichneten Grübchen der Blattspitzen von Was- serpflanzen, die durch Zerfall von Wasserspalten zustande kamen, ragen zahl- reiche Tracheidenenden pinselförmig hinein. Unter den Wasserspalten der Landpflanzen pflegen freie Tracheiden bestimmter Gefäßbündelenden sich zwi- 1^8 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre sehen eigens geformte Mesophyllzellen hineinzudrängen, die das Gefäßbündel- ende in gleicher Richtung fortsetzen und sich durch Zartwandigkeit, geringere Größe, Protoplasmareichtum, große Kerne und Chlorophyllmangel von dem angrenzenden Blattgewebe unterscheiden. Diese Bildungen hat Anton de Bary Epitherae Seinerzeit als „Epitheme" bezeichnet. Sie zeigen zwischen ihren Zellen Interzellu- laren, die aber nicht mit Luft, sondern mit Wasser erfüllt sind. Durch diese Interzellularen gelangt das aus den Gefäßbündeln hervorgepreßte Wasser zu den Wasserspalten und durch diese nach außen. Die aktive Rolle des Epithems unter den Wasserspalten besteht allem Anschein nach nur darin, daß es seine Interzellularen dauernd mit Wasser angefüllt erhält und dadurch unter allen Umständen für einen luftdichten Abschluß der Gefäßbündelenden sorgt. Im übrigen ist ein solches Epithem ein Filtra- tionsapparat und damit eine passive Hyda- thode. Ein schönes Beispiel der Tätigkeit , dieser Apparate bieten uns verschiedene ep ^ g^. Steinbrecharten der Alpen, die an den Blatt- rändern ihrer Rosetten sich in zierlicher Weise weißpunktiert zeigen. Es handelt sich dabei um kleine Krusten von kohlensaurem Kalk, mit welchen entsprechende Grübchen längs der Blattränder angefüllt werden. Die Grübchen befinden sich über Epithemen, in welche Gefäßbündelendigungen münden, Fig. 57. Querschnitt durch eine Adventiv- ^ übcr Wasscrspaltcn. Das hcrvortretcnde Wurzel von Alhum Cepa. ep Reste der Kpi- 1^ dermis, ^.r Exodermis, c primäre Rinde, e Endo- WaSSCr VCrduUStct Und läßt daS in ihm gC" dermis, cc Zentralzvlinder. Vergr. 45. löste Kalksalz zurück. Bau der Wurzel. Dcr Qucrschnitt einer Wurzel (Fig. 57) ist als solcher leicht zu erkennen, verlaufen doch, wie wir schon wissen, Gefäß- und Siebteile der Gefäßbündel ge- trennt voneinander in ihrem Zentralzylinder. Die primäre Rinde [c) finden wir in den Wurzeln sehr stark entwickelt. Der Durchmesser des Zentralzylinders [cc) steht meist um das Vielfache jenem der primären Rinde nach. Wir haben es eben mit einem Pfianzenteil zu tun, der in der ausgeprägtesten Weise durch seinen Bau anzeigt, daß er zugfest sein soll. Er rückt alle seine zugfesten Ge- webe gegen die Mitte zusammen. Die innerste Rindenschicht der Wurzel, die Endodermis der an den Zcntralzylindcr grenzt, ist fast stets als typische Endodermis ausge- ""^' bildet (Fig. 58^), d. h. mit jenen stofflich veränderten Membranstreifen an ihren radialen Wänden versehen, die uns in Stengeln, denen Endodermen zu- kommen, bereits entgegentraten. Durch die chemisch unveränderten, tangentia- len Wände der Endodermiszellen, gewissermaßen wie durch die Maschen eines Netzes, kann das an der Wurzeloberfiäche aufgenommene Wasser, nachdem es die primäre Rinde passiert hat, in den Zentralzylinder gelangen. Die ältere Endodermis jenseits jener begrenzten Region der Wurzel, die aus dem um- gebenden Boden das Nährwasser aufnimmt, schließt sich gegen dieses ab. Es geschieht das durch Ausbildung einer inneren Korklamelle in den Endodermis- Bau der Wurzel 139 Zellen und zwar zunächst in jenen, die vor den Siebteilen liegen, während die Bahn nach den Gefäßteilen noch eine Zeitlang frei bleibt. Eine ähnliche Er- scheinung ist in den Fällen zu beobachten, wo die Endodermis der Wurzel durch starke Verdickungsschichten frühzeitig gefestigt wird. Da bleiben vorerst vor den Gefäßteilen liegende Zellen, bzw. Zellreihen, in ihr von dieser Verdickung ausgeschlossen, um oft recht auffällige ,, Durchlaßzellen" zu bilden. — Der von der Endodermis umhüllte Zentral- zylinder beginnt an seiner Außen- seite mit einem meist einschichti- gen Perizykel (Fig. 58 p) aus dünn- wandigen Zellen. An diesen stoßen die in größerer oder geringerer Anzahl vorhande- nen, im Kreis an- geordneten, mit- einander abwech- selnden Gefäß- V r^) ^y~\ "'j I Fig. 58. Querschnitt durch eine Adventivwurzel von Allium Cepa. ii- -i-i- unterirdischer immer Wurzeln zu sem. Unsere Stauden überwmtern ganz vorwiegend mit sprosse. unterirdischen Sprossen, die dem Bodenleben besonders angepaßt sind und, nicht ganz zutreffend, da sie doch nicht Wurzeln sind, als „Wurzelstöcke" oder „Rhizome" bezeichnet werden. Die oberirdischen Teile der Stauden sterben zu Ende der Vegetationszeit bei uns meist ab und werden durch neue ersetzt, die im nächsten Frühjahr aus den Rhizomen dem Boden entsprießen. Da die Wur- zeln durch die sehr bezeichnende Trennung der Gefäß- und Siebteile ausgezeich- net sind, so gibt uns jeder Querschnitt eines dem Boden entnommenen Pflan- zenteils, der, seiner Gestalt nach, ebenso einem Sproß wie einerWurzel angehören könnte, durch den ihm zukommenden Gefäßbündelbau seine wahre Natur als Rhizom oder Wurzel zu erkennen. Unter Umständen wird in einem Rhizom, wie wir das früher schon erfahren haben, der Gefäßteil den Siebteil ganz um- faßt haben, das Gefäßbündel somit ,,amphivasal" geworden sein, dessenunge- Ampiüvasaie achtet aber deutlich die Verbindung seiner beiden Bestandteile in demselben Gefäßbundei. Strang zeigen. Anderseits werden die veränderten, mechanischen Ansprüche, die an einen solchen im Boden lebenden Sproß, im Gegensatz zu einem oberirdi- schen, herantreten, nicht ohne Einfluß auf die Verteilung seiner Gewebe ge- blieben sein. Denn ein Rhizom muß wie die Wurzel vor allem zugfest gebaut sein. Je mehr ein solcher Anspruch an ihn sich steigert, um so deutlicher rücken seine Gefäßbündel nach der Mitte zusammen, um dort nach Bedarf noch durch Sklerenchymfasern verstärkt zu werden. Ähnlich wie eine Wurzel zeigt das Rhizom dann auch die Neigung, seine innerste Rindenschicht zu einer typischen Endodermis auszubilden. Mit Ausnahme der Baumfarne, der Palmen und der Schraubenbäume [Pan- oickeuwachstum danaceen) verdanken die höher organisierten Gewächse eine ansehnlichere g^^^^^^^^®^^°^J|^^ Stammdicke der Tätigkeit von Meristemen, die, nachdem das Längenwachstum vollendet ist, in der Gewebebildung fortfahren oder in sie eintreten. Bei Baum- farnen, Palmen und Schraubenbäumen erreicht der Stammvegetationskegel der erstarkten Pflanze einen ganz ungewöhnlichen Durchmesser. So kommt es, daß der Stamm an seinem Scheitel bereits mit einer mächtigen Knospe versehen ist, einer Knospe, die beim Baumfarn im wesentlichen schon über den endgültigen Durchmesser des Stammes entscheidet. Nicht so bei den Palmen, wie jeder be- merkt haben muß, der etwa Gelegenheit hatte, deren Dickenzunahme in den letzten Dezennien an der Riviera oder in Süditalien zu verfolgen. Die kaliforni- sche Washingtonia füifera Wendl., meist als Pritchardia bezeichnet, hat dort an vielen Orten gegen einen Meter Durchmesser erreicht. Sie hat das ohne Neubil- dung von Geweben fertiggebracht, nur dadurch, daß sie die Lumina ihrer paren- chymatischen und prosenchymatischen Grundgewebszellen im Zentralzylinder fort und fort erweiterte. Zugleich verdickte sie eine immer größer werdende Zahl dieser prosenchymatischen Zellen, die zunächst, ihrer Mehrzahl nach, im dünn- M2 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Sekundäre Gewebebild ung. /" — Das Kambiui; wandigen Zustand die Gefäßbündel an ihrer Siebteilseite begleitet hatten, in solcher Weise die mechanische Leistungsfähigkeit des Stammes auch dauernd erhöhend. Man begreift, daß dieser Art des Dickenwachstums eine vorbe- stimmte Grenze gesteckt ist und kennt nun auch den Grund, weshalb die Stäm- me der Palme schließlich gleich stark in ihrer ganzen Länge erscheinen, nur dünner oder dicker, je nach der Natur der Spezies, der sie angehören, bei bestimmten Arten sogar angeschwollen in mittlerer Höhe. Ähnliche Verhältnisse bieten auch die eben- falls zu den Monokotylen gehörenden Schrau- benbäume oder Pandanaceen dar, Bewohner der Tropen, die wir bei uns nur in Gewächs- häusern zu sehen bekommen. In diesen fallen sie durch ihre langen, schwertförmigen, in Schraubenlinien gestellten Blätter auf und so auch durch die Luftwurzeln, die ihnen als Stelzen dienen. Andere Monokotyle, sofern ihnen Dicken- wachstum zukommt, besorgen dieses mit Hilfe eines Meristems, durch Neubildung von Ge- weben. Es ist klar, daß ein solches Dicken- wachstum, im Gegensatz zu jenem der Palmen und Schraubenbäume, in gewissem Sinne ein unbeschränktes sein kann. Es braucht nicht früher aufzuhören, als bis der Baum aus irgendwelchem Grunde abstirbt. Die Zahl der so in die Dicke wachsenden, monokotylen Pflanzenarten ist in Wirklichkeit nur gering; die Erscheinung bleibt auf baumartige Lilii- floren beschränkt. Wie sie sich abspielt, kann uns ein junger Drachenbaum, eine Art der Gattung Dracaena oder Cordyline lehren (Fig. 60), Außerhalb der zerstreuten, geschlossenen Gefäßbündel, die der Zentralzyhnder eines jungen Stammes aufweist, in der anschließen- den, primären Rinde, beginnen sich die parenchymatischen Grundgewebs- zellen tangential zu teilen. Sie bilden zusammen einen Ring, der den Stamm umkreist {c). Es handelt sich, wie wir sehen, um ein Folgemeristem. Sowohl primäre wie sekundäre Meristeme, durch deren Tätigkeit der sekundäre Zu- wachs besorgt wird, bezeichnen wir als ,, Kambien". Wir haben somit in einem solchen jungen Stämmchen ein Folgemeristem vor Augen, das als Kambium funktioniert. Dieses Kambium gibt durch fortgesetzte, tangentiale Teilungen Zellen gegen das Stamminnere ab, die ihrem Ursprung gemäß in radialen Reihen angeordnet sind. Die große Mehrzahl dieser Zellen gibt parenchymatischen Fig. 60. Cordyline (Dracaena) rubra. Quer- schnitt durch den Stamm. /Gefäßbündel, und Dickenwachstum ^^^^'^ f Primäre, /' sekundäre, /" ein inner- der Drachen- ^^■^ der primären Rinde befindliches Gefäß- bäume bündel, 711 pareuchy malisches Grundgewebe, ■s Gefäßbündelscheide, i Tracheiden, c Kam- biumring, er Rinde, in den äußeren Teilen pri- mär, in den inneren sekundär, ph Phellogen, /Kork, ^-Raphidenbündel. Vergr. 30. Dickenwachstum der Palmen und Drachenbäume 143 Grundgeweben den Ursprung, eine weit kleinere Zahl teilt sich ergiebig, um neue Gefäßbündel (/'') zu bilden. Die Zellen des Grundgewebes sowie die Form- elemente des Gefäßteils der hinzugekommenen Gefäßbündel verdicken ihre Wände stark und bilden zusammen ein festes Gewebe, das den Eindruck von ,,Holz" macht. Auf solche Weise werden die primären inneren, verhältnismäßig lockerenGewebemassen von dem mechanisch weit leistungsfähigeren, sekundären Zuwachs verstärkt. Die Gefäßbündel dieses sekundären Zuwachses (/') sind ebenso wie die des primären Gewebes (/') geschlossen, zudem amphivasal, d. h. so gebaut, daß der Gefäßteil den Siebteil allseitig umschließt. Bei der Gattung Cordyline kommt auch den primären Gefäßbündeln dieser amphivasale Bau bereits zu; bei Dracaena sind die primären Gefäßbündel kollateral und erst in dem sekundären Zuwachs kommt der Siebteil inmitten des Gefäßteils zu liegen. Der amphivasale Bau der Gefäßbündel gewährt aber den Stämmen der Drachen- bäume dieselben Vorteile wie zahlreichen Wurzelstöcken (Rhizomen), in welchen man ihn antrifft. Denn die Dracaenenstämme dienen, so wie Wurzelstöcke, als Reservestoffbehälter. Der amphivasale Bau ihrer Gefäßbündel bringt die Was- serbahnen in allseitige Berührung mit den die Reservestoffe speichernden Grundgewebszellen. Diese können daher um so leichter ihre Inhaltsstoffe in die Wasserbahnen hineinpressen, wenn es gilt, diese Stoffe möglichst rasch den in Entfaltung befindlichen Knospen zuzuführen. Die Wasserbahnen des sekun- dären Zuwachses bei den Dracaenen haben eine ganz ähnliche Ausbildung wie die des Holzes der Koniferen erhalten. Sie gleichen den Tracheiden der Koni- feren auffäUig in Gestalt, Wandstärke und Tüpfelung. Das ist wieder eine der vielen Analogien der Entwicklung, wie sie so oft im Dienste der nämlichen Funk- tion sich einstellten. — Auch nach der Rindenseite zu werden vom Kambium- ring eines Dracaenenstammes neue Zellen in radialen Reihen abgegeben, doch stellt sich deren Bildung erst später ein, bleibt spärlich und erfolgt überhaupt nur in dem Maße, als nötig ist, um bei zunehmendem Stammumfang der Rinde ihre ursprüngliche Dicke zu erhalten. — Um die Wurzeln eines in die Dicke Dickenwachstum wachsenden Dracaenenstammes in die Möglichkeit zu versetzen, den sich stei- Drachenbäume, gernden Leistungsansprüchen zu genügen, werden auch sie durch sekundären Zuwachs verdickt und mit neuen Leitungsbahnen versehen. Ein Kambium- ring stellt sich in ihnen innerhalb der an die Endodermis unmittelbar grenzen- den Rinde ein und arbeitet dann nicht anders wie im Stamm. — Wie leistungs- fähig dieses Dickenwachstum der Drachenbaumstämme ist, das lehrt am besten das Verhalten des ,, echten" Drachenbaums oder Blutbaums [Dracaena draco L.), der das blutrote Harz liefert, das als Drachenblut bekannt ist. Man trifft mächtige Stämme von ihm noch auf Tenerife, der stärkste der Jetztzeit ist der Drachenbaum von Icod de Los Vinos, der über 12 m Umfang dicht über dem Boden mißt. So mächtig ist er trotzdem nicht, wie der einst berühmte Drachen- Der Drachen- bäum von Orotava, den Alexander von Humboldt 1 799 auf Tenerife bewunderte, """^avl" und der über 14^ m Umfang bei einer Höhe von gegen 20 m maß. Dieser Baum wurde hohl in seinem Innern und seine 4 m weite Höhlung beschleunigte wohl sein Ende. Er brach 1807 bei einem Sturm zusammen und im nächsten 144 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Das Dicken- wachstum der Nadelhölzer und Dikotylen. Jahr zerstörte Feuer den Stumpf. Dieser Baum war den Spaniern schon 1492 durch seine Größe aufgefallen und galt daher als sehr alt. Man schätzte ihn, ohne bestimmte Anhaltspunkte zu haben, auf 6000 Jahre und hielt ihn auch wohl für den ältesten Baum der Welt. Das Volk neigt stets dazu, das Alter auf- fällig starker Bäume zu überschätzen, und so war es auch in diesem Fall. Ver- gleichende Messungen in den letzten Dezennien haben ergeben, daß die Drachen- bäume verhältnismäßig rasch wachsen, und daß man wohl das Alter jenes be- rühmten Baumes auf ein Zehntel der ihm zugedachten Jahre reduzieren müßte. Neuerdings hat man festgestellt, daß auch bei den durch Kambiumtätigkeit in die Dicke wachsenden Monokotylen der periodische Wechsel von Trieb- und Ruhezeit den Bau des Holzes beeinflußt und sich in Zonenbildung äußert; also werden sich in Zukunft vielleicht die Zonen zählen und das Alter der Drachenbäume genau bestim- men lassen. Solche dem Jahreszuwachs entsprechende Zonen sind in ausgeprägter Weise im Stamm aller unserer Nadelhölzer und der allermeisten dikotylen Holzgewächse gegeben. Der sekun- däre Zuwachs wird bei ihnen freilich in ganz anderer Weise als bei den baumartigen Lilii- floren eingeleitet. Wir erinnern uns, daß die Nadelhölzer und Dikotylen offene Gefäßbündel (Fig. 52, 54) haben, d. h. solche, die einen pri- mären Meristemstreifen zwischen Gefäßteil und Siebteil behalten. Zudem wird uns noch gegenwärtig sein, daß die Gefäßbündel dieser Pflanzen im Stengel zu einem Kreise angeordnet sind und seitlich durch Grundgewebestreifen getrennt werden, die wir als Markstrahlen bezeichnet haben. Zwecks sekundären Wachstums versetzt sich der Meristemstreifen der Gefäßbündel in erneuerte Tätigkeit (Fig. 62) und bildet, indem er sich tangen- tial teilt, sowohl nach innen wie nach außen radiale Reihen von Gewebezellen. Von den Rändern dieses Meristemstreifens, welcher der zuvorigen Definition ge- Faszikuiares und iTiäß ciu Kambiumstreifcn geworden ist, breiten sich die Zellteilungsvorgänge '"'icambium!'^" über eincn Gewebestreifen der angrenzenden Markstrahlen aus, überbrücken diese und ergänzen so durch Einschaltung von Folgemeristemen der Interfasziku- larkambien (Fig. 62 ic) zwischen die Faszikularkambien, d. h. die Kambien der Gefäßbündel, diese zu einem geschlossenen Ringe (Fig. 61 fc, ifc). Dieser Ring er- zeugt nunmehr innerhalb der Gefäßbündel nach innen neue Formelemente des Gefäßteils, nach außen solche des Siebteils; innerhalb des Markstrahls bildet er in beiden Richtungen neue Markstrahlzellen (Fig. 62). Alles Gewebe, das vom Kambiumring nach innen abgegeben wird, faßt man als Holz, alles Gewebe, das Holz und Bast, er nach außen bildet, als Bast, bzw. auch als sekundäre Rinde, zusammen (Fig. 63). Was den Gefäßteilen hinzugefügt wird, heißt im besondern noch Holz- Fig. 61. Querschnitt durch einen 5 mm dicken Zweig von Aristolochia Sipho. ?n Mark,/y Ge- fäßbündel, und zwar vi Gefäßteil, cb Siebteil, fc Faszikularkambium, ifc Interfaszikularkam- bium, p Kribralparenchym an der Außenseite des Siebteils, pc Perizykel, sk Sklerenchym- ring, e Stärkescheide, c primäre Rinde, in dieser ci KoUenchym. Vergr. 9. Holz, Bast. Markstrahlen 145 stränge, was an die Siebteile anschließt, Baststränge. In dem Maße, als die Breite der Holz- und Baststränge zunimmt, schaltet der Kambiumring neue Markstrahlen ein (Fig. 63 ms). Diese haben nicht die Höhe der primären Mark- strahlen, eine Höhe, die durch den Gefäßbündelverlauf bestimmt war und sich über ganze Stengelglieder erstrecken konnte, sie stellen vielmehr nur verhält- nismäßig niedrige, radial verlaufende Bänder dar, deren inneres Ende im Holz, deren äußeresEn- und die um so we- niger tief in beide hineinragen, je später sie einge- schaltet worden sind. Man hat sie ,, sekundäre" Markstrahlen ge- nannt, richtiger sollten sie ,, Holz- Baststrahlen" heißen, da sie nicht bis zum Mark reichen. — In unseren Brei- tenwird die Kam- biumtätigkeit periodisch durch den Winter unter- brochen. In ei- nem milderen Klima kann ein regelmäßiger Wechsel feuchter und trockener Zeiträume eine ähnliche Wirkung ausüben. Alljährlich beim Wiedererwachen der Vegetation, beginnt das Kam- bium unserer gymnospermen und dikotylen Holzgewächse sich wieder zu regen, um neue Wasserbahnen für das Laub der sich entfaltenden Sprosse zu schaffen. Das junge Holz fügt sich dem älteren an; seine wasserleitenden Formelemente zeichnen sich durch Weitlumigkeit aus. Sind die Transpirationsbedürfnisse des neu entfalteten Laubes gedeckt, so bildet das Kambium weiterhin vorwiegend englumigere, für mechanische Leistungen entsprechender ausgestattete Formele- mente, um den steigenden, longitudinalen Druck, den die zunehmende Last der Baumkrone auf den Stamm ausübt, den Anforderungen somit, die an reine K. d.G. III.iv, Bd 2 Zelleiüelu-e etc. Iq Sekundäre Markstrahlen. Fig. 62. Querschnitt durch einen Zweig von Aristolochia Sipho im ersten Jahre seiner Entwicklung, ein Gefaßbündel nach begonnener Kambiumtätigkeit zeigend. / Vasalparen- chym, an dem Innenrande des Vasalteils, v//i Vasalprimanen, »i' und m" behöft getüp- felte Gefäße, zc Interfaszikularkambium, sich aus dem Faszikularkambium fortsetzend, V Siebröhren, lic/> Kribralprimanen, pc Gewebe des Perizykels, s/c innerer Teil des Ringes aus Sklerenchymfasern. Vergr. 130. 146 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Säulenfestigkeit gestellt werden, zu begegnen. Ist auch diesen Ansprüchen Ge- nüge geleistet, so stellt das Kambium seine Tätigkeit nach der Holzseite ein und fährt nur noch fort, neue Formelemente nach der Bastseite abzugeben. Letz- teres kann unter Umständen bis spät in den Herbst hinein dauern, so lange wie das Laub noch funktioniert, und die von ihm erzeugten Assimilate nach mehr Bahnen für ihre Abwärtsleitung und Speicherung verlangen. Die Bildung neuer Holzelemente hört hingegen in unseren Breiten in der zweiten Hälfte des August etwa auf. Sie schließt ab mit einem Holz, in welchem englumige Formelemente vorherrschen. Unvermittelt beginnt im nächsten Frühjahr dann wieder die Bil- jahresringe. ^^ ■ f4 j_ 1 -'"^ "'5==^'*'^?^- ^^ dung von weitlumigcrcm Holz. Dadurch wird bewirkt, daß sich die Grenze zwi- schen den aufeinanderfolgenden Jahres- produktionen schon dem bloßen Auge zu erkennen gibt. Das im Frühjahr erzeugte weitlumigere Holz darf man als ,, Früh- holz", das im Sommer gebildete, englu- migere als ,, Spätholz" bezeichnen. Die früher übhche Unterscheidung von Frühlingsholz und Herbstholz läßt sich hingegen nicht wohl beibehalten, da, wie wir sahen, eben die Holzbildung bei uns schon imSommer auf hört. Durch Ab- zahlung der ,, Jahresringe" erfährt man das Alter eines gymnospermen oder diko- tylen Stammes, doch bilden die Stämme nur solcher Gewächse Jahresringe, denen eine entsprechende Periodizität in ihren Entwicklungsvorgängen zukommt. Der Zufall könnte es unter Umständen fü- gen, daß wir aus dem Querschnitt eines Stammstückes auf ein etwas zu hohes Alter desselben schließen. Denn wenn ein Baum bei uns im Frühjahr durch Frostschaden oder Raupenfraß sein Laub einbüßt, treibt er die für die nächste Vegetationsperiode bestimmten Knospen aus und belaubt sich von neuem. Durch diese Neubelaubung wird eine noch- malige Bildung vonWasserbahnen, also eine Verdoppelung der Jahresringbildung veranlaßt, die um so deutlicher hervortritt, je mehr Spätholz der ersten Wasser- bahnanlage bereits folgte. Aus der Abzahlung der Jahresringe an einem Stammstücke, das uns vor- liegt, erfahren wir selbstverständlich nur das Alter, welches die betreffende Stelle des Stammes erreicht hatte, nicht das Alter des ganzen Gewächses. Denn es ist klar, daß die Zahl der Jahresringe in dem Maße abnimmt, als wir uns dem Scheitel des Stammes bzw. seiner Äste nähern. Schheßlich gelangen wir ja auf Fig. 63. Stück eines vierjährigen Stammteils der Kiefer (Pinus silvestris) im Winter geschnitten. <; Querschnitts-, /radiale Längsschnitts-, /tangentiale Längsschnittsansicht, / Frühholz, s Spätholz, w;Mark, /^ primäre Vasalteile, j, 2, j und 4 die vier aufeinander folgenden Jahresringe des Holz- körpers, z Jahresgrenze, ms Markstrahlen in der Quer- schnittsansicht des Holzkörpers, ms' in der radialen Längs- schnittsansicht des Holzkörpers, }/is'' innerhalb der Bast- zone, i>is" in der tangentialen Längsschnittsansicht, c Kam- biumring, f- Bastzone, /i Harzgänge, ir die außerhalb der ersten Peridermlage befindliche, der primären Rinde ent- sprechende Borke. Vergr. 6. Jahresringe. Dickenwachstum der Wurzehi 147 solche Weise zu den Trieben des letzten Jahres, die entweder nur ihre primären Gewebe aufweisen oder in der Bildung ihres ersten Jahresringes begriffen sind. In Richtung der Vegetationspunkte keilen sich daher die Jahresringe nachein- ander ihrem Alter entsprechend aus. Zu gleicher Zeit, wie der obere Rand eines Holzringes im Innern des Stammes endet, hört der gleichalterige Bastring, so- weit er sich noch am Stamm befindet, an dessen Oberfläche auf. Den Wurzeln der mit Dickenwachstum ausgestatteten Gymnospermen und Dikotylen kommt dieselbe Art des Dickenwachstums wie ihren Stämmen zu. Das Verhalten der primären Gewebe im Zentralzylinder solcher Wurzeln bringt es aber mit sich, daß bei ihnen der Ausgangspunkt des Dickenzuwachses ein an- derer sein muß. Die Gefäß- und Siebteile stehen, wie wir wissen, getrennt voneinander im Kreise angeordnet. Primäre Meristemstreifen, die als Kambien in Tätigkeit treten könnten, sind nicht vorhanden. Der ganze Wachstumsvor- gang muß somit sekundär eingeleitet werden. Es geschieht das, indem an der Innenseite jedes Siebteiles sich als Folgemeristem ein Kam- biumstreifen bildet (Fig. 64 A, c). Dieser um- faßt sichelförmig den Siebteil. Die Ränder der einzelnen Kambien erreichen sich alsbald außerhalb der Gefäßstrahlen im Perizykel (Fig. 64 Ä). So ist ein voller Kambiumring da, der innere Einbuchtungen vor den Siebteilen, äußere Ausbuchtungen hinter den Gefäßstrah- len zeigt. Im Anschluß an die Siebteile bildet der Kambiumring Formelemente des Holzes nach innen, des Bastes nach außen (Fig. 64 5, g u. ^ ). Jenseits der Gefäßstrahlen erzeugt er Markstrahlgewebe. Nach einiger Zeit der Tätig- keit haben sich die Buchten am Kambiumring ausgeglichen (Fig. 64 B, c), und er erscheint kreisförmig wie im Stamm. Stücke älterer Wurzeln müßten dem bloßen Auge ein ganz ähnliches Bild wie Stammstücke darbieten. Die mikroskopische Untersuchung würde aber Anknüpfungspunkte für eine Unterscheidung beider abgeben. Denn man fände in der Mitte des Querschnitts einer Wurzel statt des dem Stamme zukommenden Markes deren primäre Gewebe wieder. In den meisten Fällen könnte auch die bedeutendere Weite der Holzelemente nicht un- bemerkt bleiben, zudem vielfach auch die schwächere Markierung der Jahres- ringe. In Richtung der Vegetationspunkte nimmt, wie selbstverständlich, auch der Durchmesser der in die Dicke wachsenden Wurzeln ab; Holz- und Bast- ringe keilen sich an ihr nacheinander ebenso wie an den Stämmen aus. Dicken Wachstum der Wurzeln von Nadelhölzern und Dikotylen. Fig. 64. Scheraatische Darstellung des Dicken- wachsturas einer dikotylen Wurzel. In A be- deutet pr primäre Rinde, e Endoderrais. In A und B sind i- Kambiumring, g' primärer Vasal- strang, s' primärer Siebstrang,/) Perizykel. In B bedeuten außerdem g" sekundär erzeugtes Holz, s' sekundär erzeugten Bast, k Periderm. 10^ j^g Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre Die Bahnen des Bcrücksichtigen wir alle diese Verhältnisse, so ergibt sich aus ihnen für uns Nährwassers und gjj^ klares Bild der Bahn, welcher das aus dem Boden aufgenommene Wasser der Assimilate. ' " in einem gymnospermen oder dikotylen Holzgewächs folgt, um bis in die Blät- ter zu gelangen, so auch des Weges, den die in den Blättern erzeugten Assi- milate einschlagen, um im Stamm abwärts zu wandern und schließlich selbst die äußersten Wurzelspitzen zu erreichen. Somit sind es die in jedem Jahr vom Kambium aus neu erzeugten Bahnen, welche eine ununterbrochene Fortsetzung einerseits der Gefäß- und Siebteile jüngster Wurzeln, anderseits der Gefäßbündel der Blätter darstellen und beide miteinander auf direktem Wege verbinden. Diesen Bahnen folgt der Hauptsache nach der aufsteigende und der absteigende Strom. So bringt es diese Einrichtung mit sich, daß der jüngste Jahresring des Holzes sowie die letzterzeugte Schicht des Bastes am meisten für das Leitungs- geschäft dieser Holzgewächse beansprucht werden. Altere Bastzonen treten sehr bald außer Funktion; im Holze hingegen hält die Tätigkeit der Jahresringe länger an, wobei es dann aber freilich auch bei ihnen nicht sowohl darauf an- kommt, sich so wie zuvor in vollem Maße an dem ununterbrochenen Geschäft der Wasserleitung zu beteiligen, als vielmehr zur Zeit erhöhter Anforderungen im Frühjahr, wenn es gilt, auch die als ,, Blutungssaft" in die Wasserbahnen hin- eingepreßten Wassermengen zu bewältigen, entsprechende Hilfe zu leisten. Die Zahl der Jahresringe des Holzes, die an aller dieser Arbeit der Wasserleitung beteiligt wird, bleibt bei alledem eine beschränkte. Ihren außer Tätigkeit ge- setzten Wasserbahnen gegenüber verhalten sich zudem die verschiedenen Holz- gewächse nicht in übereinstimmender Weise. Die einen lassen sie im wesent- lichen so fortbestehen, wie sie zuvor waren, die andern richten sie entsprechend für den untätigen Zustand ein. Zu den erstgenannten Holzgewächsen gehören spünthöizer und ^ic SpHuthölzer, zu den letztgenannten die Kernhölzer. Die Rotbuche befindet Kernhölzer, gj^^j^ uuter den Splinthölzcm und kann uns über deren Verhalten aufklären. Untersucht man, von außen nach innen fortschreitend, die immer älter werden- den Jahresringe ihres Holzes, so bemerkt man keine andere auffällige Verände- rung als die, daß die Zahl der lebendigen Zellen in den Markstrahlen und dem Holzparenchym langsam abnimmt. In einem 124 Jahre alten Stammstück der Rotbuche, das ich untersuchte, waren noch im 80. Jahresring von außen ver- einzelte, lebendige Zellen anzutreffen, weiter nach innen zeigten sie nur noch ge- bräunten, abgestorbenen Inhalt. Im übrigen hatte das Holz sein früheres Aus- sehen bewahrt und nur etwas röthche Färbung angenommen. Wie anders wäre uns ein Kernholz bei entsprechender Untersuchung entgegengetreten! Seinen meist schon an der dunkleren Färbung kenntlichen Kern hätten wir gegen den helleren ,, Splint" scharf abgesetzt gefunden und zudem festgestellt, daß alle seine Zellen tot sind. Die letzte Tätigkeit der noch lebenden Zellen in einem Jahresringe, der in Kernholz übergeht, besteht darin, die Wasserbahnen abzu- schließen, bzw. zu verstopfen, meistens auch die sämtlichen Zellwände mit be- stimmten Stoffen zu imprägnieren. Das wird bei den Gymnospermen in anderer Weise als bei den Dikotylen erreicht. Die Gymnospermen verkleben mit Harz Splint- und Kernhölzer. Holz -Imprägnierung i^n die Hoftüpfel ihrer Wasserbahnen; die Dikotylen verstopfen die Hohlräume dieser Bahnen mit „Kerngummi", lassen außerdem die lebenden Zellen, welche an die Wasserbahnen grenzen, durch die Tüpfel als sogenannte ,,Thyllen" in sie hineinwachsen und sie mit Gewebe ausfüllen. Zur Imprägnierung der Zellwände benutzen sie verschiedene Substanzen, vor allem aber Gerbstoffe, und es sind die Oxydationsprodukte der letzteren, welche den Kernhölzern ihre dunkle Farbe verleihen. So wird das Kernholz unserer Eiche braun, so das Ebenholz [Diospyros] schwarz. Auch bestimmte Farbstoffe, welche die Chemiker der Flavongruppe zuzählen, nehmen in ganz bestimmten Fällen an der Färbung des Kernholzes teil. Diesem Umstände verdanken wir die technisch wichtigen Farbhölzer. Zu ihnen gehört das Blauholz oder Campeche [H aematoxylon cam- pechianum L.) mit rotem Kern, der das Hämatoxylin liefert, das rote Sandelholz [Pterocarpus santalinus L. fil.), aus dessen dunkelrotem Kern das Santalin, das Fernambukholz, Rotholz {Caesalpinia echinata Lam,), aus dessen rotem Kern das Brasilin, endlich das Gelbholz {Chlorophora tinctoria Gaud.), aus dessen gel- bem Kern das Morin gewonnen wird. Es braucht bei alledem ein Holz, das im übrigen die Merkmale eines Kernholzes aufweist, nicht durchaus anders als der Splint gefärbt zu sein. So verhält es sich bei den Weiden. Im allgemeinen läßt sich behaupten, daß Kernhölzer, welche die Farbe des Splintes behalten haben, gegen spätere Zersetzung schlecht geschützt sind. Es fehlt ihnen die hierzu erforderliche, antiseptische Imprägnierung, wie sie durch Harze und Gerb- stoffe verliehen wird. Daher sehen wir, daß Weiden im Alter so leicht hohl wer- den. Je besser eine Pflanze ihr Kernholz imprägniert hat, um so wertvoller ist dieses für uns. Ein solches Holz zeichnet sich für gewöhnlich auch durch be- sondere Dichte, Härte und meist auch Festigkeit aus. Die Imprägnierung schützt es vor den schädigenden Wirkungen der Atmosphärilien und den An- griffen der niederen und auch höheren Organismen. Hölzer, die von Natur nicht imprägniert sind, sucht dann wohl der Techniker für sich nutzbar zu machen, Künstliche HoU- indem er sie mit antiseptisch wirksamen Stoffen, so mit Kupfersulfat, Chlorzink '^p''*^"'*"'""^- und Teerölen, meist unter Anwendung eines starken Druckes, tränkt. Ein Splintholz, wie die Rotbuche, läßt sich bei einem solchen Verfahren durch und durch imprägnieren, weil seine Wasserbahnen offen sind, der eingepreßte Stoff in sie gelangen und sich von ihnen aus auf das nächstangrenzende Gewebe ver- breiten kann. Nicht so ein Kernholz. Soweit Splint an ihm vorhanden, wird dieser selbstverständlich völlig imprägniert, hingegen nicht der Kern, da seine Wasserbahnen verschlossen sind. Selbst bei Anwendung des stärksten Druckes, den die Imprägnierungsanstalten anzuwenden vermögen, bleibt die Imprä- gnierung des Kernholzes der Kiefer bei etwa 0,5 cm von der Oberfläche stehen und dringt noch weniger tief in das Kernholz der Eiche ein. — Daß ein bewur- zelter Baum mit seinem Kernholz die Transpirationsbedürfnisse seines Laubes nicht zu decken vermag, das läßt sich durch einen einfachen Versuch feststellen. Man braucht nur im Umkreis seines Stammes einen Sägeschnitt zu führen, der bis auf das Kernholz reicht, damit das Laub alsbald welke. Würde man eine Robinie [Rohinia pseud-acacia L.) unserer Gärten, die sogenannte Akazie, zu I50 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre dem Versuche wählen, so brauchte der Ringschnitt nur einige Zentimeter tief zu sein, weil der Splint dieses Baumes eine nur sehr geringe Mächtigkeit besitzt. Da zudem das zarte Laub sehr rasch welkt, so würde die Folge des Einschnittes sich in kürzester Zeit schon geltend machen. Alter der Man kenut Bäume, die tatsächhch ein Alter von mehr als 4000 Jahren er- ' *""" """""^ reicht haben, bei denen man dieses Alter an den Jahresringen abgezählt hat. Es sind das die Mammutbäume [Sequoia gigantea Endl.), deren Entdeckung im Jahre 1850, in der Sierra Nevada Kahforniens, großes Aufsehen erregte. An gefällten Stämmen hatten amerikanische Forscher annähernd 4000 Jahres- ringe gezählt. Der deutsche Forstmann Heinrich Mayr berechnete auf Grund vergleichender Untersuchungen für den stärksten Baum, den er maß, und der in 4 m Höhe einen Durchmesser von 10,2 m hatte, ein Alter von 4250 Jahren. Man stellt sich kaum die gewaltigen Holzmassen vor, die ein solcher Baum er- zeugt hat. Ein Stamm in Fresnoly, den Heinrich Mayr genau ausmessen konnte, dessen Höhe 102 m betrug, und der 2 m über dem Boden einen Durch- messer von 7 m, 34 m über dem Boden von 3,7 m aufwies, stellte tatsächlich dieselbe Holzmenge vor, wie sie von einem Hektar Wald unserer einheimischen Fichten in achtzig bis neunzig Jahren produziert wird. Beim Anblick eines solchen Baumriesen könnte man sich vorstellen, man habe ein Wesen vor sich, in wel- chem auch fertiggestellte Gewebezellen seit so enormer Zeitdauer funktionieren, Lebensdauer ciucr Zcltdaucr, gcgcu die das Leben selbst der langlebigsten Tiere kurz er- webezeiien. schciuen müßtc. In Wirklichkeit liegt das Verhältnis aber anders. Auch die Zellen eines Mammutbaums, die aus dem embryonalen Zustand getreten sind, erreichen in Wirklichkeit nur ein Alter, das die Dauer des menschlichen Lebens nicht überschreitet, kaum mehr denn 80 Jahre. Schreiten wir in den Jahres- ringen des Stammes von außen nach innen fort, so gelangen wir bald aus dem Splint in das Kernholz und haben damit die nur noch aus toten Formelementen aufgebauten Stammteile erreicht. Ein 4000jähriger Mammutbaum stellt also ein aus toten Formelementen, deren Alter bis auf 4000 Jahre zurückreicht, auf- gebautes Skelett dar, das von einem Gewebemantel bedeckt ist, in welchem Leben herrscht, in dem aber auch die langlebigsten Zellen kaum über 80 Jahre hinaus funktionieren. Anders die embryonalen Gewebe der Vegetationspunkte, jene Zellen, die dort in fortgesetzter Vermehrung begriffen sind. Diese teilen Kontinuität der sich scit jcncr Zeit fort, in der durch einen Befruchtungsvorgang die diploide embryonalen rr-n i-it-> itt Substanz. Keimzelle erzeugt wurde, die dem Baum den Ursprung gab, also unter Um- ständen seit mehr denn 4000 Jahren. Das Leben jeder embryonalen Zelle als solcher war aber stets kurz, denn jeder Teilungsschritt schuf eine neue Zellgene- ration, die der vorhergehenden ein Ende machte. Doch die lebende Substanz setzte sich ununterbrochen durch alle diese embryonalen Zellgenerationen fort. Findet die Weiterentwicklung eines solchen pflanzlichen Vegetationspunktes schließlich doch ein Ende, so ist es nur, weil früher oder später ihr innere wie äußere Ursachen, am häufigsten wohl die Erschwerung des Stoffaustausches zwischen Wurzel und Gipfel, ein Ende bereiten. Von dem Wurzelstock mancher Stauden, die horizontal im Boden weiterwachsen und sich an ihrer Unterseite Lebensdauer der Pflanzenzellen. Kambium 151 bewurzeln, könnte man sich theoretisch eine endlose Fortentwicklung vor- stellen. Die Länge des Weges, die ein solcher Wurzelstock im Boden zurücklegt, wird dann schließlich auch die Höhe der mächtigsten Baumriesen übersteigen müssen. Das Kambium, dessen Tätigkeit unsere Holzgewächse mit sekundären Ge- Bau und xätig- weben versorgt, wird von inhaltsreichen, zartwandigen Zellen gebildet, welche KambiunfzTiien. die Gestalt rechteckiger Prismen haben, deren Enden abwechselnd nach rechts und links zugeschärft sind. Innerhalb der sekundären Markstrahlen sind die Kambiumzellen kürzer als zwischen den Holz- und Baststrängen, weil, wenn ein neuer Markstrahl einge- schaltet wird, die Kambiumzellen der entsprechenden Stelle quere bzw. schräge Teilungen erfahren. Meist kommt dem Kambiumring eine dau- ernde ,, Initialschicht" zu, d. h. eine Zellreihe, die als solche fortbesteht und durch Teilung Schwesterzellen nach innen oder außen abgibt. Diese letzteren Zellen teilen sich einmal, auch wohl einigemal, bevor sie zu Gewebezellen des Holzstrangs oder Baststrangs werden, sie gehen hin- gegen ohne Teilung in den Bau der Markstrahlen ein. Über die Natur der sekundären Gewebe, welche das Kambium liefert, wollen wir uns an einem Beispiel, das wir den Gymnospermen, und einem solchen, das wir den Dikotylen ent- nehmen, zu unterrichten suchen. Fig. 65. Querschnitt aus dem Stamme der Kiefer (Pinus sil- vestris), den äußeren Rand des Holzkörpers, das Kambium und den angrenzenden Bast in sich fassend. J Spätholz, c Kam- bium, V Siebröhren, p Bastparenchym, k kristallführende Bast- parenchymzeUe, m außer Funktion gesetzte Siebröhren, 'm Markstrahl. Vergr. 240. Stammes. Wir wählen unsere Kiefer [Pinus süvestris L.) für die Untersuchung aus, Bau des Kiefern- und zwar ein nicht zu dünnes Stammstück, weil die Größe der Formelemente im Stamm der Kiefer bis etwa zum 45. Jahre zunimmt, aus dieser uns aber Vor- teile für das Studium der Einzelheiten erwachsen. Drei Schnittrichtungen (Fig. 63) sind notwendig, um eine körperliche Konstruktion des Gesehenen zu ermög- lichen: ein Querschnitt [q), ein radialer Längsschnitt (/) und tangentiale Längs- schnitte [t) in verschiedener Entfernung von der Oberfläche. Ein Querschnitt, der Holz und Bast in sich faßt (Fig. 65), bringt uns sofort die Eigenart des Koniferenholzes zur Erkenntnis. Wir sehen das Holz (Fig. 65 s, 66) aus radial aufeinanderfolgenden, annähernd rechteckigen Formelementen nur einer Art aufgebaut. Von Zeit zu Zeit setzt sich, nach Einschaltung einer radialen Wand, eine solche Reihe in zwei Reihen nach außen fort (Fig. 66, a — aa). Störungen im Verlauf der Reihen stellen sich dort ein, wo zwischen die dickwandigen Form- 152 Eduard Strasburger: Pflanzliche Zellen- und Gewebelehre elemente, aus denen sie bestehen, senkrechte, von einem Kranz dünnwandiger Zellen umgebene Interzellulargänge eingeschaltet sind (Fig. 66 h). In den dick- wandigen Formelementen, die in radialen Reihen angeordnet sind, haben wir es mit Tracheiden zu tun, aus denen ein Nadelholz fast ausschließlich besteht. Außer diesen Tracheiden hat die Kiefer nur jene Holzparenchymstränge in ihrem Holzkörper aufzuweisen, welche die Interzellulargänge umhüllen. Der Interzellulargang {h) ist mit Harz erfüllt, er bildet einen ,, Harzgang". Die ihn umgebenden Parenchymzellen führen Stärke, die das Material für die Harz- bildung liefert. Die Tracheiden, die das Kambium (Fig. 65 c) im Frühjahr bildet, werden weitlumig (Fig. 66 /). Sie sind es, welche die meiste Arbeit bei der Wasserleitung leisten. Allmählich nimmt der radiale Durchmesser der Tracheiden im Jahresringe ab, während die Dicke ihrer Wand zu- •' nimmt (Fig. 66 s). Schließlich wer- den die Tracheiden des Spätholzes, die ganz vorwiegend nur noch m