Naturwissenschaftliche Wochenschrift BEGRÜNDET VON H. POTONI^ HERAUSGEGEBEN VON Prof Dr H. MIEHE NEUE FOLGE. 17. BAND (DER GANZEN REIHE 33. BAND) JANUAR — DEZEMBER 1918 MIT 268 ABBILDUNGEN IM TEXT JENA VERLAG VON GUSTAV FISCHER 1918 Alle Rechte vorbehalten. Register. I. Größere Originalartikel und Sammelberichte. Arldt, Th., Primitive Formen und Ent- wickluDgsgebiete. 573. Auerbach, F., Zur physiologischen Opiik. 59g. Brehm, V., Das Nannoplankton. 49. Bretscher, K., Der Gesang der Vögel. 409. Bretschneider, Fr., Vergleichende Untersuchungen an Gehirnen als Beitrag zur Phylogenie der Arthropoden. 665, Br US soff, A., Über die sogenannte Fragmentation der Actinomyceten- Hy- phen. 249. Büttel- Reppen, H. v. , Beiträge zur Physiologie, Biologie und Psychologie der Honigbiene. 585. Dewitz, J., Über die Entstehung der braunen Farbe gewisser Schmetterlings- kokons. 685. Dietrich, W. O. , Ober eine neue Mastodon-Rekonstruktion. 369. Ebner, R., Asymmetrie bei Insekten. 233- Eckard t, W. R., Wie ist die Lösung des Klimaproblems der permokarbonen Eiszeit möglich? Ii;3. Eckard t, W. R., Über das Klima der diluvialen Eiszeit und der Interglazial- Zeiten. 553. Eichwald, E. , Neuere Forschungen über Fermente. 393. Eitel, W, Warum ist der regelmäöige (platonische) Zwölf- und Zwanzigfläch- ner in der Kristallwelt unmöglich? 304. Eitel, W., Die Erscheinungen der pleo- chroitischen Höfe und ihre Bedeutung für die Bestimmung des absoluten Alters der Gesteine. 633. Fischer, H, Zur Phylogenie des Blatt- grünfarbstoffes. 161. Fischer, K. , Der jährliche Gang der Beziehungen zwischen Niederschlag, Ab- fluß, Verdunstung und Versickerung im Landklima Mitteleuropas. 265. Franz, V., Die Funktion des "Daumens ain Vogelflügel. 200. Frickhinger, H. W., Bekämpfung der Mühlenschädlinge mittels Blausäure. 710. Frickhinger, H. W. , Die Bisamratte in Böhmen. 65, 83. Fuhrmann, Impfung und Unempfänglich- keit (Immunität). 17. Häußler, E. P., Über den Begriff der Reinheit bei Enzymen, ihre Benennung und die Wege, ihre chemische Struktur zu ermitteln. 145. Heller, H., Das Chlorophyll. 545. Hennig, E., Meine Stellungnahme zum Wünschelrutenproblem. 227. H o f f m e i s t e r , C, Über Meteorbeobach- tungen. 121. Ho ffme ister, C. , Falsche Himmels- erscheinungen. 342. Hoffmeister, C., Planet 191SDB, ein merkwürdiges neues Glied des Sonnen- systems. 326. Hoffmeister, C, Einige Bemerkungen über die neuen Sterne. 681. Karsten, G., Zur Frage der Eisheiligen. 569- Katscher, L. , Gedenkblatt zu August Foreis 70. Geburtstag. ';43. Killermann, S. , Zur Geschichte der Ananas und Agave. 497. Klinckowstroem, C. Graf von , Zur Wünschelrutenfrage. 137. Kranz, W., Zum Problem der Wünschel- rute. 22. Kranz, W., Nochmals zum Problem der Wünschelrute. 504, 513. Kräusel, R., Welche Ergebnisse liefert die Untersuchung tertiärer Pflanzen- reste ? 209. Krebs, W., Korrespondierende Kata- strophen auf der Sonne und in der Atmosphäre I917. 7. Kfizenecky, J., Über den Einfluß des intermittierenden Hungerns auf das Wachstum. 377. Kuhn, K., Die Ablenkung von Licht- strahlen im Gravitationsfeld. 164. Kuhn, K. , Das Spektrum der elektro- magnetischen Wellen. 649. Kühn, O. , Die Ruheperiode der Holz- gewächse. 6. Küster, E., Über die Aufgaben und Er- gebnisse der Entwicklungsmechanik der Pflanzen. 193. Lambrecht, K., Riesenvögel und Zwerg- elefanten. 225. Lambrecht, K., Die vorzeitlichen Vögel. Linke, P. F., Die Empfindung als rein psychologischer Begriff. 337. L u c k s , R., Fin weiterer Beitrag zur Frage der Schwarzwurzelfütterung bei der Seidenraupenzucht. 381. Lüttschwager, H., Der Gesang der Vögel vom entwicklungsgeschichtlichen Standpunkt betrachtet. 430. March, A. , Erforschung des Atom- innern. 537. Müller, K., Sitzung der Vereinigung für angewandte Botanik in Hamburg am 24. September 19 iS. 724. Müll er- Freie nf eis, R. , Die physio- logischen Korrelate von Lust und Un- lust. 441- Neger, F. W., Resupination bei dorsi- ventralen und isolateralen Pflanzenorga- Nienburg, W. , Neue Wege der phy- logenetischen Pflanzenan.itomie. I05. Pander, H., Wandlungen der Tier- und Pflanzenwelt des Rheins. 481. Prochnow, O., Physiologische Selbst- beobachtungen beim Fliegen. 399. Rabes, Zoologisches aus der Jagdlite- ratur. 150. Ram ann, E. , Der Einfluß des Bodens aut Siedelung und Staatcnbildung und Kulturentwicklung. S. 705. Reh, L, Blausäure zur Bekämpfung von Ungeziefer. 628. Rei Singer, L. , Kurzer Rückblick auf die bisherigen Resultate der totalen und halbseitigen Großhirnexstirpation bei Säugetieren. 625. Sander, Hj., Mumifikation und Radio- aktivität. 593. Schaedel, A. , Bericht zur Frage der Weiterverbreitung der Malaria im Be- reiche der Festung Mainz. 572. Schmitt, €., Insekten als Blattminierer. 721. Seh ol ich, K., Warme und kalte Luft- massen in der Atmosphäre. 596. Schutt, K., Die Brown'sche Bewegung. 32'- Schutt, K., Über Röntgenspektroskopie. 611. Strauß V. Waldau, P., Einige Notizen über die Wirkung außerordentlicher Dürre im Waterberg-Distrikt von Trans- vaal, Südafrika. 33. Thellung, A., Neuere Wege und Ziele der botanischen Systematik , erläutert am Beispiele unserer Getreidearten. 449, 465. Thienemann, A., Lebensgemeinschaft und Lebensraum. 281. 295. Tschermak, A v. , Der gegenwärtige Stand des Mendclismus und die Lehre von der Schwächung der Erbanlagen durch Bastardierung. 609. Vierk Otter, P., Über Radioaktivität. 425. Viets, K., Über Wassermilben. 177. Weber, Fr., Die Permeabilität der Pflan- zenzellen. 8q. Will er, A., Das Reizleitungssystem im Herzen der Wirbeltiere. 697. Zaun ick, R., Die neueren und neuesten Arbeiten über die Frühgeschichte des Alkohols. I. Ziep recht, E., Der Kalkstickstoff. 112. II. Kleinere Original- mitteilungen. D a i b e r , T h.. Biologische Beobachtungen aus der Umgebung von Göppingen (Württemberg). 56. ;> s s 4 :i Register. D ennert, E., Zweckmäßigkeit oder Nutz- mäßigkeit? 415. Epstein, L. H. , Geologisches aus der näheren und weiteren Umgebung von Montreux. 315. Fischer, H., Weiteres vom gabeligen Leinkraut, Sileiie di chotoma. 140. F r a n z , V., Amphibienbeobachtungen. 580. Haenel, Zur physiologischen Mechanik der Wünschelrute. 313. Klinckowstroem, Graf, Nachbemer- kung. 314. Krebs, W., Übereinstimmende Gesetz- mäßigkeit bei den großen Erd- und Sonnen-Katastrophen 1917. 139. Krebs, W., Porlarlichter am Tage und in niederen Breiten. 186. Lützow, Frhr. v., Beobachtung über den Instinkt bei weißen Mäusi^n und Ver- suche darüber, ob derselbe durch Er- fahrung verstärkt werden kann. 579. Mentz, Zur Erklärung des Vogelflugs. 578. Neger, Keimungshemmende und kei- mungsfördernde Stoffwechselprodukte. 141. Neger, Traumanastie des Geranium roberiiamim. 314. Neger, Honigtau und Honigtauregen. 576. Weise, Einige Beobachtungen über die Wünschelrute. 372. Zimmermann, A., Ein Beitrag zur Be- gattungsfrage der Schnecken. 95. III. Einzelberichte. A. Zoologie, Anatomie, Allgemeine Biologie, Vererbjungslehre. Armbruster, L., Bienenzucht. 717. Armbruster, L., Experimentum crucis theoriae mendclianae. 42. Bolle, J. , Neue Futterpflanze für den Edelseidespinner. 662. Breßlau, E., und Glaser. Fr., Die Sommerbekämpfung der Stechmücken. 331- Buddenbrock, W. v. , Der Flug der Insekten zur Flamme. 29. V. Buttel-Reepen, Neue Fundstätte der Biene Andrena fulva Schrck. 447. Buttel-Reepen, H. v. , s. Verhöff 644. Buchner, O., Größenextreme bei unseren Land- und Süßwassermollusken. 245. Bücher, H., Neuzeitliche Heuschrecken- bekämpfung in Kleinasien. 190. Correns, C. , Ein Fall experimenteller Verschiebung der Geschlechtsverhält- nisse. 458. Demoll, Die Anziehung der Insekten durch das Licht. 1 15. Demoll, R., Vom Fliegen der Käfer. 376. Dewitz, Künstliche Aufhebung des Spinnens der Arthropoden. 550. Dewitz, J., Über die Braunfärbung ge- wisser Kokons. 100. Dietz, P. A., Meer und Süßwasser in der Phylogenese der Fische. 174. Doflein, F., Die Malariamücken Maze- doniens. 190, I Doflein, Teilung von Amoeba proteus. I 549- I Europäisches Steinwild. 329. Franz, V., Wiederkehrende Tertiärzeit? 58. [Franz, V., Altes und Neues über die Anpassung von Seetieren an Süßwasser und umgekehrt. 645. Gericke,H., Atmung der Libellenlarven. 533- Geweihe, Färbung. 40. Goetsch, W., Versuche an Hydra. 403. Göldi, Bedeutung der Stubenfliege für die menschliche Gesundheit. 403. Graswik, H., s. Israel. JGrimpe, G., Die Tüpfelhyäne. 256. Hase, A., Bekämpfung der Bettwanze i mit Blausäure. 438. Haempel, O., Hallstätter See. 730. Heikertinger, Die Bienenmimikry von Eristalis. 643. Heikertinger, Das Gift der „Spani- schen Fliege". I02. Heß, C, Farbensinn der Vögel und die Lehre von den Schmuckfarben. 116. Hobmai er, M., Biologie und Bekämp- fung der Gastrusfliege. 420. Hohltaube. 115. Israel, W., Ungewohntes im Vogelleben. lOl. Janicki und Rosen, Entwicklungs- zyklus des breiten Bandwurms(Dibothrio- cephalus latus L. 130. Jensen-Haarup, A. C., Brutpflege bei einer Wanze. 258. J o k 1 , A., Der Netzhaut anliegende, linsen- förmige Gebilde. 714. Kirch hoff, D. , Das Kamel und seine Zucht in Afrika. 215. Kor ff, K., Schädigungen durch Erd- raupen. 100. Krauße, A., Können die Fische hören? 389. Lilienthal, G., Einfluß der Flügelform auf die Flugart der Vögel. 390. L o o s , K. , Maikäferbekämpfung und Vogelwelt. 189. Lutz, H., Die Drüsenzellen der Schnecken- leber. 257. Mertens, Eine merkwürdige Fangheu- schrecke. 28. Müller, R. T., Zur Biologie und physi- kalischen Chemie eines Phyllopoden. 717. Nachtsheim, H., s. Armbruster. Naturschutz in der Schweiz. 474. Pascher, Das stammesgeschichtliche Ver- hältnis zwischen Flagellaten und Rhizo- podcn. 41. Pascher, Quallenähnliche Flagellaten. 130. Pascher, A., Die rhizopodiale Entwick- lung der Flagellaten. 387. Petersen, C. G. J. , Meeresboden der dänischen Meeresteile und seine Be- wohner. 691. P 1 a t e , Vererbungsstudien an Mäusen. 729. Plehn, M., Fettmengen in dem Körper unserer Süßwasserfische. 43. P 1 e h n , M., Die wirtschaftliche Bedeutung der Fischzucht. 715. Prell, H., Kennzeichen, Lebensweise und Bekämpfung unserer wichtigsten Stech- schnaken. 490. Reichenow, s. Rörig. Rhumbler, L. , Formeldarstellung für Insektenbiologien. 623. jRoemer, Th, s. Armbruster. Rörig und Reichenow, Die Säuge- tiere und Vögel des Urwaldes von 1 Bialowies. 492. Rosen, s. Janicki. Rosenbaum, W., Insekten in höheren Luftschichten. 437. Ruud, G., Zur Histologie der Haut von Chiraaera. 732. Schief ferdecker. Sauerstofforte und Reduktionsorte im Organismus. 677. Schmitt, C, und Stadler, H. , Neue Beobachtungen über den Kuckucksruf. I 403- Schmitz, H. , Biologische Beziehungen I zwischen Dipteren und Schnecken. 26. Schweppenburg, Frhr. v., Deutsches ; Vogelleben. 1S8. ; Speck, J. , Oberflächenspannungsdiffe- renzen als eine Ursache der Zellteilung. 530- Spemann, Entwicklungsmechanik des j Wirbeltierauges. 677. 'stadier, H., s. Schmitt, C. Stellwaag, F., Cyanwasserstoff gegen den Traubenwickler. 622. Stellwaag, Das Massenauftreten des Rebstechers in der Rheinpfalz im Früh- jahr 1917. 389. Szymanski, J. S. , Landinsekten in Wassersnot. 678. Szymanski, Der biologisch richtige Verlauf des Lernvorgangs bei weißen Mäusen. 276. Szymanski, Taktile Tiere. 58. Teich mann, E. R., Bekämpfung der Wachsmotte mit Blausäure. 438. Teichmann, Bekämpfung der Fliegen- plage. 645. Teichmuschel, Zirkulation. 43. Verhoeff, K. W. , Morphologie und I Biologie der Carabus-Larven. 214. Verhoeff, C, und Buttel-Reepen, H. V., Soziale Züge bei solitären Bienen. 644. Veröffentlichungen der Deutschen Gesell- schaft für angewandte Entomologie. 329. Vogel, R., Wie kommt die Spreizung und Schließung der Lamellen des Mai- käferfühlers zustande? 495. Wasmann, E. , Absolute Rotblindheit der kleinen Stubenfliege. 43S. Wilhelmi, Giftigkeit der Mießmuschel. 702. Wolterstorf f, Neueres zur Lebensweise und Psychologie der Frösche. 373. Zimm er mann , H., Die Kohlwanze. 99. B. Botanik, Bakteriologie, Landwirtschaft. Bach mann, E. , Kalklösende Algen, kalklösender Pilz. 24. Bai lau d, M., Ersatzmehle in Frankreich. 530. Berthold, E., Verhalten der Bakterien im Gewebe der Pflanzen. 256. Buder, J., Die phototaktischen Reak- tionen der Mikroorganismen. 217. Currie, J., s. Neger. Fisch mann, Wert des Laubheus. 624. Gassner, O., s. Molisch. Härder, s. Karsten. 334. Hauri, Anatomische Untersuchungen an Polsterpflanzen. 386. Heinricher, Die Erzeugung von Hexen- besen durch die Zwergmistel. 659. Register. Heinricher, E., s. Molisch. Jordi, E., Die Selbstentzündung der Heuslöcke. 332. Karsten, G., Härder, Licht, Zell- teilung und Keimung. 334. Karsten, G., Kompaßpflanzen. 659. Kavina, s. Leick. Lindner, Joh. , s. Neger. Leick, E. , Blütenbiologische Unter- suchungen. 47. Miehe, H,, Die Bakteriensymbiose der Ardisia. 215. Molisch, H., Panaschüre. il. Molz, E. und Naumann, A., Zwei ge- fährliche Kartoflelschädlinge. 296. Neger, F. W., Biologie und Systematik der Pilze. 9. N i e n b u r g , M., Die Flechtensymbiose. 82. Nißle, Unterscheidung und Nutzbar- machung einzelner Kolistämme für die Bekämpfung anderer pathogener Darm- bakterien. 61. Otto, H., s. Neger. Pousild, Erforschung der Pflanzenwelt Nordgrönlands. 548. Richter, O., Über das Erhaltenbleiben des Chlorophylls in herbstlich verfärbten und abgefallenen Blättern durch Tiere. 4S. Sandstede, H., Neues Exsikkatenwerk über Cladonia. 566. Schiffner, Phylogenie der Lebermoose. 421. Schotte, G., Die Lärche und ihre Be- deutung in der schwedischen Forst- wirtschaft. 255. Stälfelt, G., Bewegungen der Spalt- öffnungen. 458. Stark, P., Kontaktreizbarkeit im Pflanzen- reich. 24. Steinecke, Formationsbiologie der Al- gen. 400. Tom, Gh., s. Neger. Vöchting, H., Die umgekehrte Pflanze. 656. C. Physiologie, Medizin, Psychologie. Behandlung von Kriegswunden mit Sonnen- licht. 277. Berns torff, Über die Krätze in der Türkei während des Krieges. 207. d e 1 C a m p o , E., s. M ü 1 1 e r , H. Fürth, Fische als Überträger von Infek- tionskrankheiten. 61. Hammer, G. , Fremdkörper im Ver- dauungstraktus. 86. Herzog, G., Mikroskopischer Befund nach einem Fall von Pilzvergiftung. 44. Hess, C, Altersstar. 623. Hirsch, Chr., Arbeitsrhythmus der Ver- dauungsdrüsen. 421. Klostermann, s. Schmidt. Kollmann, J., Die Ungarn. 155. Kopec, St., Lokalisationsversuche am zentralen Nervensystem der Raupen und Falter. 462. Küttner, H., Transplantation aus dem Affen und ihre Dauererfolge. 44. Lapicque und Legendre, Mangel an Brotgetreide auch in Frankreich. 25. Laveran, A., Malariakrankheit im nord- westlichen Frankreich. 252. Lipschütz, Über die Abhängigkeit der Körpertemperatur von der Pubertäts- drüse. 27. Lipschütz, A., Differenz in der Körper- temperatur zu Gunsten des Weibchens. Z05. Lipschütz, A., Zur allgemeinen Physio- logie des Wachstums. 404. Moede W., und Piorkowski, C, Psychologische Prüfung von Schul- kindern. 619. Müller H. und del Campo, E., Eine neue Funktion der Thymusdrüse. 461. Naumann, E. , Gang der Totenstarre. 254. Ollp, Wünschelrute. 57. Pfaundler, M. , Körpermaßstudien an Kindern. 510. Piorkowski, C., s. Moede. Pirquet, Die Beziehungen zwischen Körpergewicht und Umsatz. 202. ■Schmidt, Über den Wert der Pilze als Nahrungsmittel. 26. Scholta, s. Schmidt. [Schulz, H., Einfluß des Genusses einer i geringen Menge von Alkohol auf die j Reaktionsgeschwindigkeit. 206. ISchwarz C, und Wiechowski, W., Beiträge zur Kenntnis der Nierentätig- keit. 240. Steinitz, E., Wandernde Kugel. 623. Stepp, Bazillenträger. 590. Stern, W., Über eine psychologische Prüfung an Straßenbahnführerinnen. 230. Thoms, H., Über deutsches Opium. 60. Turcsson, Auftreten von Pilzen im Verdauungskanal des Menschen. 388. D. Geologie, Hydrographie, Paläontologie. Ammon, L. v., Tertiäre Vogelreste von Regensburg und die jungmiocäne Vogel- welt. 642. Andree, K., Über Sedimentbildung am Meeresboden. 220. Andree, K., Vorkommen und Herkunft des Schwerspates am heutigen Meeres- boden. 618. Antevs, E., Fehlen resp. Vorkommen der Jahresringe in paläo- und meso- zoischen Hölzern usw. 385. Bey schlag. Über die Veränderlichkeit der Form der Erzlagerstätten. 732. Blomquist, E. , Neue Bestimmungen über die Verdunstungsgröße freier Wasseroberflächen. 549. D a h m s , P., Gewinnung und Verwendung von Geschiebeblöcken im Ordensstaate Preußen vor 500 Jahren. 360. De ecke, W., Färbungsspuren an fossilen Molluskenschalen. 84. Enquist, Fr., Der Einfluß des Windes auf die Verteilung der Gletscher. 170. Erdmannsdörffer,0. H., Schieferung und Schichtung in kristallinen Schiefern. 660. Friedensberg, F., Kalivorkommen und Kaligewinnungsversuche in den Vereinig- ten Staaten von Nordamerika. 229. Geyer, D. , Die Mollusken des schwä- bischen Lößes in Vergangenheit und Gegenwart. 459. Grupe, O. , Über jüngeren und älteren Löß im Flußgebiet der Weser. 169. Halle, T. G., A fossil sporogoniura from the lower devonian. 459. Jablonsky, Zur fossilen Flora Ungarns. ' Keilhack, K., Die großen Dünengebiete Norddeutschlands. 167. ' Keller, Exakt nachweisbarer Eingriff des Menschen in den natürlichen Kreislauf des Wassers. 629. Königsberger, J. , Alpine Mineral- lagerstätten. 591. K o ß m a t , F r., Studienreise in den Kreisen Milrovica, Novipazar und Prijepolja, Altserbien. 45. Kraiß, A. , Ülgebiet der Wietze in der Lüneburger Heide. 290. Kranz, W., Bodenfiltration usw. 563. Kudielke, E. , Manganerze im Erz- gebirge. 292. Linstow, O. V., Gegenwärtige Boden- bewegungen bei Bückeburg, Göttingen usw. 688. Nopcsa, Baron F., Riesenwuchs und Aussterben der Dinosaurier. 290. Petraschek.W., Grundlagen der Mon- tanindustrie im Königreich Polen. 156. P f e i f f e r , W., Gipskeuper in Süddeutsch- land. 508. Pilz, R.i Erzlagerstätten in der Gegend von Arghana Maden. 531. Ramann, Bodenfragen. 675. Riedel, A. , Beiträge zur Paläontologie und Straligraphie des deutschen Oberen Muschelkalks. 23S. Salomon, W., Der Wasserhaushalt der Erde. 508. Sapper, K., Katalog der geschichtlichen Vulkanausbrüche. 166. Schreiber, K., Deutsche Platinlager- stätten. 5!3. Soergel, W., Der Steppeniltis Foetorius Eversmanni Less. aus dem oberen Tra- vertin des Travertingebieles von Weimar. 460. Stille, H., Injektivfaltung. 674. Stolley, E., Über einige Ceratiten des deutschen Muschelkalkes. 239. Stromer, E., Säge des Pristiden On- chopristis numidus und über die Sägen j der Sägehaie. 46. i W e t e k a m p , Die erratischen Blöcke der Mark Brandenburg als Naturdenkmäler. 367. Wolff, F. v. , Deutschlands Goldlager- stätten. 434. Zimmermann, Die geologischen Eigen- j Schäften des Bober-Katzbach-Gebirges j usw. 405. j E. Geographie. Archambault, M., Forschungsreisenach Neukaledonien. 391. Thurnwald, R. , Geographische und ethnographische Forschungen inDeutsch- Neu-Guinea. 477. i Die Größe Perus. 391. I I F. Völkerkunde, Anthropologie. ! Karsten, R. , Ursprung der Verzierung bei den Indianern Südamerikas. 293. K oll mann. Zur Anthropologie der Ju- den. 98. Furlong, Indianerterritorien in Süd- amerika. 462. P o e c h , Anthropologische Untersuchungen an russischen Kriegsgefangenen. 333. Schulz, H. , Einfluß alkoholischer Ge- I tränke auf die Reaktionszeit. 154. S t u h 1 m a n n , Bevölkerung Arabiens. 565. G. Astronomie. Berberich, Verringerung der Helligkeit der Kometen. 173. Campbell, Helligkeitsschwankungen bei Planeten. 592. Campbell, Rätselhaftes Verhalten der Nebel. 694- C h a r 1 i e r , Anschauungen vom Bau des Universums. 133. Curtis, Studium der Nebelflecken. 621. Einstein, Kosmologische Betrachtungen zur allgemeinen Relativiiätstheorie. 328. Innes, « Centauri. 173. Jeffreys, Kosmogonie des Sonnen- systems. 646. Kohlschütter, A., Neuer veränder- licher Stern 6. Größe. 727. Mecking, L., Die elfjährige Periode der Sonnenflecken als klimatischer Faktor. 347. Nicholson, Die äußersten Monde des Jupiter. 622. Pease undShapley, Symmetrieachsen in Sternhaufen. 621. Shapley, s. Pease. Slipher, Grüne Nordlichtlinie. 621. We gener, A. , Der Meteoritenfall vom 3. April 1916 in Hessen 206. Winnecke, Meteorschwarm. 661. Wolf, Entdeckung eines kleinen Planeten. 328. Wolf er, A., Sonnenflecken -Maxiraum. 727. Der neue Stern im Adler. 660. Parallaxe eines Nebels. 647' Sternparallaxe. 661. H. Physik, Meteorologie. Benedict, E., s. Senftleben. Bückin g, Hörbarkeit des Kanonen- donners. 292. Defant, A., Neue Methode zur Ermitt- lung der Eigenschwingungen von abge- schlossenen Wassermassen. 365. Dessauer, F., Neuer Hochspannungs- transformator usw. 418. Eckard t, W. R., Luftdruck und Regen- fall im Mitlelmeergebiet. 728. Ehrenhaft, Zur Physik des millionstel Zentimeter. 15. G e r d i e n , H., Struktur des Windes. 243. Haeuser, J., Wolkenbruch von Nürn- berg am 3. Juli 1914- 82. Hellmann, G., Die Bewegung der Luft in den untersten Schichten der Atmo- sphäre. 417. Heß V., und Kofi er, M. , Durch- dringende Strahlung. 277. Heß, V., und Schmidt, W., Verteilung radioaktiver Gase in der Atmosphäre. 402. Hesselbe rg, Th., Stabilität in der Atmosphäre und im Meere. 478. Hof wimmer, F., und He ekel, F., Berechnung der Explosionstemperatur von Explosivstoffen usw. 244. Kasperowicz, W., Ein galvanischer Unterbrecher. 463. Kofier, M., s. Heß, W. Kölzer, J. , Die Witterung in Polen unter dem Einfluß der Zugstraße Vb. 463- Koppen, W., Nebelbildung über Land und Meer. 243. March, H. W., s. Sommerfeld. Meißner, O., Seismographen. 346. Meißner, O., Seegang in Norwegen und die mikroseismische Bewegung. 630. Nölke, Fr., Anomalien in der Ausbrei- tung des Schalles. 62. Richarz, F., Brockengespenst. 706. V. Ry bczin ski, W., s. Sommerfeld. Schaf fers, V., Abnormer Verlauf der Schallstrahlen. 242. Schmidt, H. , Lenardsche Theorie der Dampfkondensation auf Nebelkernen. 678. Senftleben, H., und Benedict, Eine Methode zur Bestimmung der Tempe- ratur leuchtender Flammen. 4Ö3. Senftleben, H., und Benedict, E., Optische Konstanten und Strahlungs- gesetze der Kohle. 365. Sommerfeld, A., Drahtlose Telegra- phie. 12. Stark, Joh. , Das- Nordlichtspektrum. 435- Suchtey, K., Brockengespenst. 706. Vegard, L., Atombau auf Grundlage der Röntgenspektren. £31. War bürg, E. , Rationelle Lichteinheit. 6qo. Wicchowsky, W., s. Schwarz, C. Wiese, B. , Kälteeinbruch vom 7. zum 8. Februar 1917. 728. Wintz, H., Röntgenröhren. 231. Drahtlose Verbindung zwischen den Ver- einigten Staaten und Japan. 218. I. Chemie, Mineralogie. Bergt, W., Die Stellung des Pyroxen- granulites im System der Eruptivgesteine. 528. Bornemann, K,s. Stutzer. Eggert, J., und Schimank, H., Ein regelwidriger Sprengstoff. 529. Groß, W, s. Stutzer. Groß mann, H. , Versuche zur Lösung der Stickstofftrage im feindlichen Aus- land. 172. Grün, A., Die Symmetrie des Rotkupfer- erzes. 528. N e u m a n n , B., Schwarzer Schwefel. 348. Scherrer, P., Die Kristallform des Alu- miniums. 219. Schimank, H., s. Eggert, J. Stettbacher, A., Chemische Spreng- stoffmöglichkeiten. 368. Stocklossa, G., Natur des Wassers in den Zeolithen. 564. Stutzer, F., Groß, W., Bornemann, K., Magnetische Eigenschaften der Zink- blende. 533. Thoms, H., Die Beschleunigung der Dialyse durch Gleilung. 219. IV. Bücherbesprechungen. Ähren s, W. , Alles und Neues aus der Unterhaltungsmathematik. 6S0. Andree, K., Über die absolute geolo- gische Zeitrechnung im allgemeinen und ihre Förderung durch die fortschreitende Kenntnis der Tiefscesedimente im be- sonderen. 513. Arldt, Th. , Germanische Völkerwellen und die Besiedelung Europas. 143. Auerbach, F., Ernst Abbe, sein Leben, sein Wirken, seine Persönlichkeit. 222. Auerbach, F., Die Grundbegriffe der modernen Naturlehre. 260. Bauer, H. , Physik der Röntgenologie. 335- Bär, J., Die Vegetation des Val Onser- none. 582. Berg, A. , Ätherströmungs- und Äther- slrahlungshypothese usw. 568. Berger, Fr., Biene, Honig und Wachs. 135- Besser, H., Natur- und Jagdstudien in Deutsch-Ost-Afrika. 64. Biedermann, R., Sprengstoffe. 318. B ö 1 s c h e , W., Schutz- und Trutzbündnisse in der Natur. 735. Bölsche, W., Neue Welten. 31. Bucky, G. , Die Röntgenstrahlen und ihre Anwendung. 5 II. Bugge, G. , Strahlungserscheinungen, Ionen, Elektronen und Radioaktivität. 446. Büsgen, M., Bau und Leben unserer Waldbäume. 260. B r e s t e r , A., Explication des phenomenes solaires les plus importants. 335. Brunies,S.,Der Schweizerische National- park. 279. Christen, Th., Die menschliche Fort- pflanzung. 175. C lassen, W. , Die deutsche Landwirt- schaft. 439. Conwentz, H., Merkbuch für Natur- denkmalpflege und Verwandte Bestre- bungen. 734. Dannenberg, P., Zimmer- und Balkon- pflanzen. 87. Davis, W. M., und O e s t e r r e i c h , K., Praktische Übungen in physikalischer Geographie. 440. Defant, A., Wetter und Wettervorher- sage. 552. DemoU, R., Die Sinnesorgane der Ar- thropoden usw. 30. Diels, L., Pflanzengeographie. 552. D o V e , K. , Wirtschaftsgeographie von Afrika. 117. Escherich, K., Die Ameise. 30. Fischer, E., L. Fischer's Tabellen zur Bestimmung einer Auswahl von Thallo- phyten und Bryophyten. 606. Foerster, H., Bäume in Berg und Mark usw. 704. Foerster, K., Vom Blütengarten der Zukunft. 446. Frech, P., Allgemeine Geologie 1, II, IV. 496. Fricke, Eine neue und einfache Deu- tung der Schwerkraft. 703. Frickhinger, H. W., Die Mehlmotte. 582. Froelich, H., Der Strablungsdruck als kosmisches Prinzip. 222. Froriep, A. v. , Schädel, Totenmaske und lebendes Antlitz des Hoffräuleins Luise von Göchhausen. 260. Gaupp, E. , August Weisraann, sein Leben und sein Werk. 16. G o e b e 1 , K., Organographie der Pflanzen. 663. Gulik, D. van, De Wichelroede. 136. Gutzeit, E., Die Bakterien im Haushalt der Natur und des Menschen. 703* Gürich, G., Das Erdöl in Nord West- deutschland. 407. Haeckel, E., Kristallseelen. 247. Hartmann M. , und Schilling, C, Die pathogenen Protozoen. 259. Registe Hauser, K., uod Segall, A., Zoologie in Fragen, Antworten und Merkversen. 1 735- Hanneke, P., Das Arbeiten mit kleiner Kamera. 445. Hanneke, P., und König, W., Photo- graphischer Notiz- Kalender für das Jahr 191S. 350. Hedin, Sv. , Bagdad, Babylon, Ninive. 704. Heim, A., Geologie der Schweiz. 495. H e 1 m h o 1 1 z , Drei Vorträge über Goethe. .36. : Hennig, H., Der Traum, ein assoziativer Kurzschluß. 695. j Heß, R., Der Forstschutz. 318. H i n s e 1 m a n n , E., Unveränderlichkeit oder Veränderlichkeit der Lage der Erdachse? 335. Höfer, H. Edler von Hcimhalt, Die geothermischen Verhältnisse der Kohlenbecken Österreichs. 135. Huberrisser, G., Anleitung zum Photographieren. 64. Jahrbuch der Urania uad astronomischer Kalender für 1918. 87. Karny, Tabellen zur Bestimmung ein- heimischer Insekten. 407. Klinckowstroem, Graf C. v.. Neues von der Wünschelrute. 606. Kohlschütter, Prof. Dr. V., Nebel, Rauch und Staub. 734. Kohlschütter, V., Die Erscheinungs- ! formen der Materie. 278. ' Köhler, \V., Intelligenzprüfungen an Anthropoiden. I. 733. König, W., s. Henneke, P. Koppe, M., Die Bahnen der beweglichen Gestirne im Jahre 1918. 335. Kreibig, J. K. , Die Sinne des Men- schen. 318. Kühn, A. , Anleitung zu tierphysiologi- schen Grundversuchen. 223. Kükenthal, W., Leitfaden für das Zoologische Praktikum. 534. Lange, W., Die funktionelle Anpassung usw. 261. Langen maier, Th., Lexikon zur alten Geographie des südöstlichen Äquatorial- afrika. 518. Lecher, E., Lehrbuch der Physik für Mediziner, Biologen und Psychologen. 223. Lindau, G., Die höheren Pilze (Basidio- myceten). 223. Lindow, M, Differentialrechnung. 680. Lipschütz, A. , Probleme der Volks- crnährung. 446. Lipschütz, A. , Über den Einfluß der Ernährung auf die Körpergröße. 479. Löscher, F., Leitfaden der Landschafts- Photographie. 424. Luckey, P. , Einführung in die Nomo- graphie. 680. Männchen, P., Geheimnisse der Rechen- künstler. 680. Meyer, R., Victor Meyer. 317. Meinhof, C, Afrikanische Märchen. 536. Miehe, H., Allgemeine Biologie. 248. Migula, Rost- und Brandpilze. 350. Molisch, H., Ptlanzenphysiologie. 258. Müller, A., Referenzflächen des Him- mels und der Gestirne. bSo. Müller, K., Rebschädlinge und ihre neuzeitliche Bekämpfung. 571. Nagler, C, Am Urquell des Lebens. 583- Nordenflycht, G. Frhr. v., Das Deut- sche Waid werk. 261. Fax, F., Wandlungen der schlesischen Tierwelt in geschichtlicher Zeit. 16. Pirquet, Chr. Frhr. v., System der Er- nährung. 31. Praesent, H., Polen, Bibliographischer Leitfaden. 279. Raehlmann, E., Goethe's Farbenlehre. 222. Ramann, E., Bodenbildung und Boden- einteilung. 447. Ramsay, W., und Rudorf, G., Edel- gase. 219. Reves, B., Geschichte des Seelenbegriffs und der Seelenlokalisation. 245. Richter, J., Böttger's Praktische Anlei- tung zur Kultur der wichtigsten Öl- gewächse. 663. Riß, Unsere wichtigsten wildwachsenden Heil-, Gewürz- und Teepflanzen. 583. Rotth, A., Grundlagen der Elektrotech- nik. 408. Rothe, K. C, Vorlesungen über allge- meine Methodik des Naturgeschichts- Unterrichts. 662. Rudorf, G., s. Ramsay. Sachs, A., Repetitorium der allgemeinen und speziellen Mineralogie. 446. Sarasin, Fr., Neu-Caledonien und die Loyalty-Inseln. 144. Schlick, M. , Raum und Zeit in der gegenwärtigen Physik. 258. Schmidt, M., Die Aruaken. 142. Schneider, R. , Tabellen zur statisti- schen Wettervorhersage für Nicderöster- rcich. 349. Schriften zur Psychologie der Berufseig- nung und des Wirtschaftslebens. 606. Schulze, F. A., Große Physiker. 320. Schweinfurth, G. , Im Herzen von Afrika. 43g. Siebert, Fr., Der völkische Gehalt der Rassenhygiene. 223. Siemens, H. W. , Die biologischen Grundlagen der Rassenhygiene und Bevölkerungspolitik. 261. Silbermann, Th., Der Weltanfang und die Bildung von Energien und Stoffen. 260. Simmel, E., Kriegsneurosen und „psy- chisches Trauma". 519. Solch, J., Beiträge zur eiszeitlichen Tal- geschichte des Sieirischen Randgebirges. 535- Spranger, Edm. , Begabung und Stu- dium. 221. Sprengel, Chr. K. , Die Nützlichkeit der Bienen und die Notwendigkeit der Bienenzucht, von einer neuen Seite dar- gestellt. 703. Stadimann, Der Wellkrieg und die Naturwissenschaften. 63. Stehli, G., Aus der Bibel der Natur. 606. Stern pell, W. , Licht und Leben im Tierreich. 662. Stentzel, A. , Jesus Christus und sein Stern. 519. Sterzel, J. T., Die organischen Reste des Kulms und Roiliegenden der Gegend von Chemnitz. 582. StoU, A., s. Willstätter. Thonner, F., Anleitung zum Bestimmen der Familien der Blütenpflanzen. 262 Trendelenburg, W., Stereoskopische Raummessung an Röntgenaufnahmen. 176. Tschudi, Fr. V., Biographien und Tier- zeichnungen aus dem Tierleben der Alpenwelt. 43S. Voss, A., Der Botanikerspiegel. 135. Wagner, P., Lehrbuch der Geologie und Mineralogie. 63. Walther, Joh., Vorschule der Geologie. 511. Warming, E., und Graebner, F., Lehrbuch der ökologischen Pflanzen- geographie. 479. Wieleitner, H., Der Begriff der Zahl. 695. Wiesent, J. , Repetitorium der Experi- mentalphysik. 479. Willstätter, R., und StoU, A., Unter- suchungen über die Assimilation der Kohlensäure. 603. Wunderlich, E., Polen, Geographischer Bilderatlas. 279. Wunderlich, E., Oberflächengestaltung des Norddeutschen Flachlandes. 278. Ylppö, A., PH-Tabellen. 317. Zacher, F., Geradflügler Deutschlands und ihre Verbreitung. 551. Zade, A., Der Hafer. 422. Zimmer, C, Anleitung zur Beobachtung der Vogelwelt. 445. Zuntz, N., Ernährung und Nahrungs- mittel. 176. V. Anregungen und Antworten. Astrologie im 20. Jahrhundert. 32, 158. Automobilrad, Die stillstehenden Speichen desselben. 408. Berichtigungen. 104, 280, 512, 624, 632, 720. Berichtigung zum Aufsatz „Brasilianische Säugetiere und Vögel". 88. Berichtigung zum Artikel „Das Nanno- plankton". 279. Beobachtung. 120. Bomben, Fallgeschwindigkeit. 648. Bombe , Kann sie im Luftr.aum schneller fallen als in der Luftleere? 447. Bolanikerspiegel. 303. Botanische Beobachtungen auf östlichen, westlichen und südlichen Kriegsschau- plätzen im Jahre 1917. 262. Botanisches vom östlichen Kriegsschau- platz. 159. Deutsche Gesellschaft für angewandte Entomologie. 536. Dohle, Anhänglichkeit. 280. Druckfehler. 448, 584. Druck- und Wärmemesser der Zukunft. 8S. Entgegnung Kritzinger und Bemerkung Riem. 376. Entladungspotential und Schlagweite. 448. Exstirpaliü lienis seu splenis. 512. Fasergewinnung, einheimische. 264. Flamingos, Zug. 607. Fliegen, Physiologische Selbstbeobachtung Jabci. 664. Fliegen, Vertilgung. 279. Forschungsanstalten. 352. Fronltiere und Eiappentiere. 160. Geschützfeuer und Wetterlage. 103. Insekten, fossile. 607. Jupiter, Schatten in seinem Licht. 464. Jupiter, Schattenwurf. 136. Kanonendunner. 191. Katastrophe auf der Sonne und in der Atmosphäre 1917. 191. Register. Katzen, Intelligenz bei. 191. Käfer, Flug. 448. Käferflug 5S3. Kampfgase, Empfindlichkeit der Tiere da- gegen. 160. Keramelberg, Naturbeobachtungen am. 60S. Kröten, Abnormer Mageninhalt. 664. Kurland, Flora. 15S. Libellenwanderungen. 32. Luftwellen als Schlieren sichtbar. 32. Mastodon - Rekonstruktion, Erwiderung. 704. Meisen, Elterninstinkt. 263. Menschenaffen, fossile. 464. Menschenaffen, ihre Rassen und Arten. 480. Mikroskopische Technik, Ersatzmittel. 608. Multiplikationsverfahren, russisches. 102, 512. Nepenthes, Insektenfang. 304. Nordseefischerei und Krieg. 264. Nosema apis. 1 19. Ornithologische Kriegsnotizen 1917. 263. Planeten , Sichtbarkeit bei Sonnenschein. 119. Polarlichter am Tage und Girren. 336. Reismelde, Anbauversuche. 448. Rheinspiegel, Oszillation. 104. Schallcrscheinungen , merkwürdige im Felde. 120. Scheinhermaphroditismus bei Fischen. 120. Schmarotzerwürmer, Literatur. 88. Schmetterlingsschuppen, Chemie ihrer Farbstoffe. 448. Schnecken, Begattung. 424. Seefelder bei Reinerz. 119. Singzikaden. 351. Skolopender, Giftwirkung. 719. Stenzel, Zur Beurteilung seines Buches. 696. Störche, Familienleben. 103. Sträucher und Bäume im laublosen Zu- stande, Bestimmung derselben. 191, 392, 583- Süßwasserfische, ausländische in deutschen Gewässern. 280. Tierwanderungen, Literatur. 736. Triel. 719. Trilobiten, Biologie. 607. Venusbeobachtungen. 352. Waldschnepfe, strengere Schonvorschriften. 136. Wespenbeobachtungen. 632. Wespen, Magenuntersuchung. I20. Wiederholungsgefühl. 648. Wildrosen. 424. Wölfe in Ostpreußen 1917. 103. Wörterbuch wissenschaftlicher Namen von Tieren und Pflanzen und wissen- schaftlicher Fachausdrücke. 88. Wünschelrute. I03, 512. Zoologische Gesamtwerke, illustrierte. 88. Zweckmäßigkeit oder Nutzmäßigkeit. 648. VI. Abbildungen. Acereus ornatus. Ibo. Aepyornis maximus. 363. Agave, alte Abbildung. 502. Alebra albostriella. 233. Ananas, alte Abbildungen. 499, 500. Apis mellifica. 235. Apus, Gehirn. 669. Archaeoptery.x, Rekonstruktion. 355. Arrhenurus caudatus. 179. .■\rrhenurus bruzelii. 180. Aurosphaera echinata. 55. Avena fatua, sativa, byzantinica, sterilis. 454. 455- Bettwanze. 330. Bisamratte. 66, 67, 70. Bisamratte , Karte der Verbreitung in Böhmen. 65. Bisamratte, Winterburgen. 68, Bisamrattenbau. 68. Bisamratlenfallen. 77, 78. 79. Bisamrattenröhren. 69, 70, 75, 76. Bucculatrix frangulella, Gangminen. 722. Calciosolenia Grani. 53. Calopteryx splendens. 235. Campodca, Gehirn. 670. Capritermes talpa. 236. Carabidion australe. 234. Carcharodon, Zahn. 522, 523. Chrysarachnion. 837. Chrysococcus dokidophorus. 54. Coccolithophora pelagica. 522. Coccoliihophoriden. 50. Corydia nuptialis. 237. Crucigena Tetrapedia. 54. Cyclolella bodanica. 54. Cyclops strenuus mit einem Procercoid von Dibothriocephalus latus. 132. Dialomeenschlamra. 524. Dibothriocephalus latus, Entwicklungs- stadien. 131, 132, 133. Dichroskopische Lupe. 634. Diornis maximum, Skelett. 362. Discosphaera. 522. Eidechse, Herz. 698. Eleklroskop. 425. Empusa fasciata, Larve. 29. Falken. 201. Flußmuschel, von Bisamratte angenagt. 74. Forficula auricularia. 234. Gastornis Edwardsi, Skelett. 358. Gcfäßbündel , an der Stelle des Über- ganges der Wurzel in den Sproß. 106, 107, 108, HO, III, 112. Glaukonitsand. 521. Glazialgeschiebe im Globerinenschlaram. 527- Globigerina balloides. 523. Globigerinenschlamm. 523. Gymnodinium tenuissimum. 50. Halopappus adriaticus. 52. Helicogena pomatia, Riesen- und Zwerg- form. 245. Hemithyrsocera histrio. 238. Heterodinium kofsidi. 49. Hesperornis, Rekonstruktion. 357. Ichthyornis victor, Skelett. 357. lulus, Gehirn. 669. Krebs, von Bisamratte angenagt. 74. Lauterborniclla elegantissima, 54. Lepidofaphcs ulmi. 238. ! Lepisma, Gehirn. 671. 1 Limnaea palustris, Zwerg- und Riesen- I form. 245. Limulus, Gehirn. 668. Liogryllis campestris. 235. Listroscelis ferruginea. 236. Lithocelletis, ßlasenminen. 723. Lyonetia clerkella, Gangmine u. Puppen- wiege. 721. Mastodon, Rekonstruktionen. 370. Manganknolle. 524. Meringosphaera mediterranea. 53. Myxochrysis, Entwicklungsfolge. 388. Nepticula centifoliella, Gangminen. 722. Nereis, Gehirn. 666. Nosema apis. 1 19. Oecanthus pellucens. 351. Oedipoda miniata. 235. Orchestes fagi, Minen. 723. Paranauphoeta shelfordi. 235. Peripatus, Gehirn. 666, 667. Periplaneta americana. 234. Phillipsitkristalle. 524. Phororhacos inflatus, Skelett. 360. Phytomiza nigra, Gangminen. 723. Piona nodata. 178, 179. Platycleis roeselii. 238. Pleochroitische Höfe. 634, 635, 636. Pteropodenschlamm. 523. Radiolarienschlamm. 524. Resupinierte Blätter. 183, 184, 1S5. Rhabdosphaera. 522. Riesenstrauße. 225, 226. Rohrweihe. 202. Ruckvogel. 227. Saperda carcharias. 235. Säugetierherz. 699. Schnecke, 12 Stadien der Kopulation. 96, 97, 9S. Seidenraupenkokon, Querschnitte. 383, 384. Selachier, Herz. 697, 698. Skorpion, Gehirn. 668. Stechfliege. 331. Stubenfliege. 331. Stylopyga orientalis. 233. Syracosphaera cornifera. 53. Szimnoyt. 227. Taphroderes distortus. 236. Termes speciosus. 236. Tetrastrum alpinum. 54. Tettigonia caudata. 238. Thylopsis Ihymifolia. 234. Tischeria, Minen. 722, 723. Tomocerus flavescens. 671. Tricondyla aptera. 236. Tropidoderus childreni. 237. Uferbruch, verursacht durch die Bisam- ratte. 76. Urvogel. 354. Vergaser für Blausäureräucherung. 7^^- Vogelherz. 698. Weidensteckling, umgekehrter. 657, 658. Welwilschia mirabilis. 37. Wietzer Ölgebiet, Tektonik. 291. Wünschelruten. 504, 505. 506. Xylocopa micans. 235. VII. Literaturlisten. 16, 48, 120, 160, 224, 234, 264, 296, 304, 320, 376, 392, 496, 512, 520, 536, 568, 584, 680, 720, 736. G. Pätzsche Buchdr. Lippcrl & Co. G. H., Naumburg a. d. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Sonntag, den 6. Januar 1918. Nummer 1. Die neueren und neuesten Arbeiten über die Frühgeschichte des Alkohols. [^fachdn.ck verboten.] Von Rudolph Zaunick in Dresden. Die „Alkoholfrage" bewegt heutzutage weite Kreise und läßt die Meinungen hart aufeinander- platzen. Doch den Historiker der Naturwissen- schaften beschäftigt eine andere Alkoholfrage: das Problem der Frühgeschichte dieses StoiTes. Zwei Theorien standen sich lange Zeit schroff gegenüber. Einmal die Ansicht, daß arabische Alchemisten die Destillation des Weines erfunden hätten. Zum anderen die Meinung, daß im mittel- alterlichen Südeuropa die Wiege der Alkoholdar- stellung zu suchen sei. Besonders in unserem Jahrzehnt hat man diesen historischen Unter- suchungen Raum gegeben, und die Chemiko- historik, die Arabistik und die klassische Philologie waren und sind eifrigst bestrebt, in das geschicht- liche Dunkel hineinzuleuchten. Jetzt, wo eine weiter unten näher zu besprechende Akademie- abhandlung Hermann Degerings vorliegt, die meines Erachtens einen peripetischen Punkt in den wechselnden Anschauungen über die Ent- deckung des Alkohols darstellt, ist es wohl be- rechtigt, kurz über den Inhalt der in den letzten fünf Jahren in rascher P"olge hinausgetretenen Arbeiten über die Frühgeschichte des Alkohols zu berichten. Völlig abgerückt ist man von der zuletzt durch Davidsohn') aufrechterhaltenen Annahme, daß die prähistorischen Kelten lange Zeit vor Christi Geburt den „Branntwein", also auch die Kunst der Destillation gekannt hätten. Insbesondere schrieb er den Basken die Erfindung des Whisky zu und hielt dessen Namen für eine Verballhornisierung des Provinznamens Viskaya. Davidsohns über- kühne Darlegungen unterzog sofort Edmund O. von Lippmann'-) einer sorgfältigen kritischen Nachprüfung, wobei er zu dem Ergebnis kam, daß des Schweden Deduktionen weiter nichts enthalten „als eine einzige Kette von Irrtümern und Miß- verständnissen". Von der Wissenschaft ist jedenfalls die keltophile Theorie endgültig zu den Akten gelegt, und hoffentlich richtet sie in der populären Literatur nicht noch lange Verwirrung an, wie es Arbeiten dieser Natur leider fast stets zu tun pflegen. Es kommen also bei der Problemstellung tat- ') J. A. Davidsohn, I Übersetzt aus dem Schwedischi Internationale Monatsschrift zu und Bekämpfung der Trinksitt kritisches Referat von S c h e n k , in : Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften XII (1913), S. I02f. -1 Edmund O. von Lippmann, Zur Geschichte der Destillation und des Alkohols. In: Chemiker-Zeitung XXXVll (1913). Nr. I, S. 1—2. — Auch trefflich referiert von H. Peters, in: Mitt. z. Gesch. d. Med. u. d. Naturw. XII (1913), S. 29S. ie Erfindung d( n von E ugenii Erforschung de ■n, 1912, Heft i Destillation. Hoffmann. Alkoholismus — Ein un- sächlich nur zwei Theorien für uns in Frage, näm- lich die, welche ich schon eingangs gestreift habe. Da der Ausdruck „Alkohol" arabischen Ursprunges ist, so lag nichts näher, als auch die Erfindung des Alkohols und damit der Destillation bei den arabischen Chemikern zu suchen. Johann Friedrich Gmelin, der 1797 seine dreibändige „Geschichte der Chemie" begann, mag da zunächst genannt sein. ^) In unseren Tagen ist es vor allem Hermann Schelenz, der mehrfach *) für die Araber eingetreten ist. Vorher hatte aber schon Marcellin Berthelot, ^) der sich die größten Verdienste um die erste Auf- hellung der ganzen Frage erworben hat, nach- gewiesen, daß der Name „Alkohol" bis zum 18. Jahrhundert bei den Arabern keineswegs den Weingeist, sondern Essenz oder Sublimat bedeutet, d. h. einen fein pulverisierten oder sublimierten Stoff, z. B. das zum Schminken gebrauchte Schwefelantimonpulver. Wieder war es v. Lippmann, der die For- schungen Berthelots selbständig fortgesetzt und ergänzt hat und der nun in zwei Aufsätzen *) diese und andere Angaben von Schelenz kritisch unter die Lupe nahm. Er stellte auf der Grund- lage eines sicheren historischen Fundamentes fest, „daß der arabischen Wls^5enschaft der Weingeist nicht bekannt war, und daß der Alkohol als ,arabische Erfindung' zu streichen ist." Wann und wo wurde aber dann der Alkohol zuerst dargestellt ^ L i p p m a n n beantwortete zu- nächst den zweiten Teil dieser Frage dahin, „daß die Entdeckung des Weingeistes aller Wahrschein- lichkeit nach in Italien geschah, das sich schon im frühen Mittelalter unter den übrigen Küsten- ländern durch reichlichen Weinbau und große ') Johann Friedrich Gmelin, Geschichte der Chemie seit dem Wiederaufleben der Wissenschaften bis an das Ende des achtzehenden Jahrhunderts, I (Götiingen 1797), S. 30. *) Hermann Schelenz, Geschichte der Pharmacie (Berlin 1904), S. 117, 191, 274, 278. Derselbe, Zur Geschichte der pharmazeutisch-chemischen Destilliergeräte (Berlin 191 1), S. 25, 28 usw. 5) M. Berthelot, La Chimie au Moyen Äge, I (Paris 1S98), S. 136. — Man vgl. überhaupt dessen Chap. V: Sur la decouverte de Talcool (I, 136 — 146]. ') Edmund O. von Lippmann, Einige Bemerkungen zur Geschichte der Destillation und des Alkohols. In : Zeit- schrift für angewandte Chemie XXV (1912), Nr. 33, S. 16S0— 1682. — Nochmals abgedruckt in seinen: Abhandlungen und Vorträgen zur Geschichte der Naturwissenschalten, II (Leipzig 1913), S. 216—225. Derselbe, Zur Geschichte des Alkohols und seines Namens. In: Zeitschrift für angewandte Chemie XXV (1912), Nr. 40, S. 2061 — 2065. — Nochmals abgedruckt in seinen: Abhandlungen und Vorträgen, II, S. 203 — 215. [Ein kurzes Referat schon vorher in: Zeitschr. f. angew. Chemie XXV (1912), S. II79f. und Chem.-Ztg. XXXVI (1912), S. 655 f.] Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. Weinproduktion auszeichnete, und auch bereits seit dem II. Jahrhundert Wohnsitz zahlreicher, vielfach dem geistlichen Stande angehöriger Alchemisten war." Das erste Werk, das für die Geschichte des Alkohols mit Sicherheit in Betracht kommt, ist die Mappae clavicula \ = Schlüssel zur Mappe, d. h. der Malerei]. Die ältere Handschrift davon — aus dem 9. oder 10. Jahrh. stammend und seit 1877 als in Schlettstadt im Elsaß liegend bekannt — enthält freilich noch kein Rezept für die Alkohol- bereitung. Indessen kennen wir eine solche Vor- schrift aus dem früher im Besitz von SirThomas P h i 1 1 i p p s ') befindlichen (^7ß:7«») ed. La Porte du Theil. Paris 1804. — Vgl. ierthelot, a. a. O. I, S. 117, 141 ff. Herten Ansicht pflichtete sofort Julius Ruska,^^) der bekannte Heidelberger Arabist, bei. Zu der ersten Arbeit Lippmanns ergriff allerdings auch Sehe lenz'-) das Wort. Im Gegensatz zu dem hallensischen Chemikohistoriker war er nach wie vor der Meinung, daß die Destillation schon Aristoteles bekannt gewesen wäre, da er in altägyptischen Gefäßabbildungen Ähnlichkeiten mit Retorten zu erkennen glaubte. Aber den springenden Punkt : die Geschichte der Alkohol- entdeckung, überging er mit vielsagendem Schwei- gen. Eine darauf wieder erfolgte Antwort Lipp- manns*'') schloß den leidigen, ins Persönliche hinübergezogenen Streit für die Öffentlichkeit. '*) Es ist schließlich, um diese Etappe in der Wandlung der Ansichten über die Entdeckung des Alkohols völlig zu kennzeichnen, noch auf eine interessante Studie von Paul Richter'^) einzu- gehen, der unterZusammenfassung der wesentlichsten Vorarbeiten zu dem Resultat kam : daß man einer- seits weder im Altertum etwas von der Destillation des Weines und der Herstellung der aqua ardens wußte noch im Mittelalter, bis in nacharabischer Zeit die ersten Mitteilungen davon auftauchten, daß andererseits Paracelsus die Bezeichnung „Alkohol' als Bezeichnung für das Feinste eines jeglichen Dinges und dementsprechend die Be- zeichnung aleohol vini für das reinste Weindestillat, das trocken ohne jeden Rückstand zu hinterlassen ausbrennt — wenn auch auf mißverstandener Grundlage beruhend — eingeführt hat, und daß diese Bezeichnung trotz aller im mittelalterlichen Geiste gehaltenen Erklärungsversuche ihre Geltung behalten hat und behalten wird. Richter hat auch aus den Werken des Theophrast von Hohenheim (Paracelsus) die Belegstellen abgedruckt, wo es einmal heißt: „Aleohol est dz subtileste eines jeglichen Dinges, und zum anderen: Aleohol vini exsieeati ist/ wann superfluitates vini davon kommt/und ist vimim ardens der trucken aussbrennt ohne allen schmutz/ laßt kein faeees in dem geschirr." Wir sehen also, daß die Übertragung des Namens aleohol vini im Sinne eines feinsten edelsten Be- standteiles auf den Weingeist {aqua ardens) erst Paracelsus zuzuschreiben ist, von dem die ") Julius Ruska, Wem verdankt man die erste Dar- stellung des Weingeists? In: Der Islam IV (1913), S. 162— 163. '2) Hermann Schelenz, Einige Bemerkungen zur Ge- schichte der Destillation und des Alkohols. In: Zeitschrift für angewandte Chemie X.XV (1912), Nr. 49, S. 2526—2527. 13) Edmund O. vonLippmann, Einige Bemerkungen zur Geschichte der Destillation und des Alkohols. In: Zeit- schrift für angewandte Chemie XXVI (1913), Nr. 3, S. 46— 47. '*) Noch 1914 (in: Mitt. z. Gesell, d. Medizin u. d. Natur- wissenschaften XIII, S. 319) vertrat Schelenz die Meinung, daß der Alkohol „mindestens zu Zeiten von Plinius bekannt gewesen sein muß". "*) Paul Richter, Beiträge zur Geschichte der alkohol- artigen Getränke bei den orientalischen Völkern und des Alkohols. In: Archiv für die Geschichte der Natu Schäften und der Technik IV (1913), S. 429—452. N. F. XVII. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. späteren Chemiker und Ärzte diese Bezeichnung übernahmen, nur noch das Wort vini wegließen. So war jedenfalls auf Grund aller dieser Arbeiten Anfang 191 3 die arabische Alkoholtheorie aus dem Felde geschlagen. Da wurden wir aber schon Ende April dieses Jahres durch eine Berliner Akademieabhandlung von Hermann Diels'") überrascht, die die ganze Streitfrage von neuem entbrennen ließ. Wie E. O. von Lippmann so ging auch Diels von den grundlegenden Untersuchungen Berthelots, in dessen „Chimie au Moj-en Age" aus. Es läßt sich aus klassischen Quellen zwar die Beobachtung belegen, daß starker Wein beim Eingießen in Feuer aufflammt, indessen von einer Erklärung dieser Erscheinung oder gar von einer Gewinnung des Weingeistes durch Destillation kann nirgends die Rede sein. Entgegen der An- nahma Lippmanns suchte aber Diels den Ver- fasser oderKompilator der Mj/'/'ßfc/rtcvV/^/rt nicht auf italienischem Boden, sondern im Frankreich der Karolingerzeit etwa zu Anfang des 9. Jahrhunderts. Dieser muß ein oder mehrere vulgärlateinische vorkarolingische Sammelwerke ausgezogen haben, die ihrerseits wieder auf grie- chische ürsammlungen vielleicht des /.Jahrhunderts zurückgehen, d. h. in die Zeit, wo nach Diels die alexandrinische Alchemie noch lebendig war. Seine für dies alles vorgebrachten sprachhistorischen Gründe sind jedenfalls nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. Nun aber das Wesentliche in Diels' Abhand- lung: er überraschte uns mit der Entdeckung einer Stelle bei dem Kirchenvater Hip poly tos (f um 230), die er als schlagenden Beweis dafür be- trachtet, daß die Darstellung des Weingeistes schon den alexandrinischen Chemikern bekannt war. Der Text, der in einem Abschnitt der Refutationes omnium haeresunn über die Schwin- deleien der Zauberpriester steht, lautet in der Übersetzung: „Auch das Seesaizrezept ist recht brauchbar. Man kocht Schaum des Meeres in einem irdenen Gefäße mit Süßwein. Wenn dieses Gemisch siedet und mit einem brennenden Lichte in Berührung kommt, so erfaßt es rasch das Feuer und entzündet sich, und wenn man es auf das Haupt schüttet, so verbrennt es dieses nicht im geringsten. Streut man, während es siedet, noch Manna [Weihrauchpulver?] darauf, so entzündet es sich noch leichter. Besser ist aber die Wirkung, wenn man noch etwas Schwefel dazu nimmt." Damit war wieder das Problem aufgestochen, und Ruska und v. Lippmann griffen erneut zur Feder. Der erstere^') führte Diels' Argument, es handle sich im Hip poly tos- Rezept nicht um >8) Hermann Diels, Die Entdeckung des Alkohols. Abhandlungen der Kgl. Preuß. Akademie der Wissenschaften, Jahrg. 1913, philos.-hist. Klasse, Nr. 3. — 35 Seiten, I Abb. — Gelesen in der Gesamtsitzung am 6. März 1913. ") Julius Ruska, Ein neuer Beitrag zur Geschichte des Alkohols. In: Der Islam IV (1913), S. 320 — 324. das Aufschütten siedenden Weines, „sondern um den erkalteten, irgendwie destillierten wäßrigen Weingeist" '**) ad absurdum und machte auf die Folgen aufmerksam, die für die Technikohistorik entstehen würden, „wenn wir alle in Rezepten überlieferten Geheimmittel durch Hineininter- pretieren von technischen Kenntnissen späterer Zeit zurechtrücken oder als richtig erweisen wollten". Wenn in Diels' Abhandlung weiterhin auf eine Bemerkung von Berthelot hingewiesen ward, wonach man mittels des Destillierhelms der Griechen und im sog. Balneum Mariae bei sehr mäßigem F'euer und sehr langsamem Operieren kleine Quantnäten Weingeist habe herstellen können, so stände davon nichts in der als Beleg angeführten Stelle Berthelots, die nur von „liquides distilles" im allgemeinen spricht. Ruska faßte sein Urteil in den Sätzen zu- sammen: „Wir verdanken der Abhandlung von H. Diels eine Reihe wichtiger Aufschlüsse, aber das Geheimnis der Entdeckung des Alkohols ist noch nicht gelüftet. Die Vermutung E. v. Lipp- manns behält ihre innere Wahrscheinlichkeit, auch wenn der Bearbeiter der Mappac clavicula, der das Rezept einfügte, nicht in Italien lebte. Ein unanfechtbarer Beweis für seine Id. h. Lipp- manns] These läßt sich aber bis jetzt auch nicht liefern. Es ist mit dem Alkohol ähnlich wie mit anderen chemischen Entdeckungen Wir müssen bei aller Hochachtung vor der alexandri- nischen und arabischen Wissenschaft doch immer deutlicher erkennen, daß das Zeitalter der Ent- deckungen im Westen früher einsetzt, als man gewöhnlich annimmt; wir haben kein Recht, dem ausgehenden Mittelalter, das in so vielen Stücken schon die Morgenröte eines neuen Tages ankündigt, die Entdeckungen zu bestreiten, die in jener Zeit zum erstenmal, wenn auch oft unter falscher Flagge, in der Literatur erwähnt werden." Noch an zwei anderen Stellen bestritt Ruska die Di eis sehe Hippolytos -These. Einmal' ") faßte er zugleich den Standpunkt des ganzen Alkoholproblems zusammen; zum andernmal''^'') zeigte er, daß die Umschau in den arabischen Bearbeitungen der Gcopoin'ca nach einem Ver- fahren, durch Destillation aus dem Wein ein noch stärkeres, feurigeres, brennbares Getränk, einen Spiritus vini zu gewinnen, ebenfalls vergeblich sei, daß jedenfalls Lippmanns These von der abendländischen Erfindung des Alkohols in- folge der negativen Ergebnisse arabischer Sach- forschung immer mehr an Boden gewinne. Mit dem gleichen im Prinzip ablehnenden Er- '») Diels, a. a. O. S. 22. 19) Julius Ruska, Alkohol und Al-kohl. Zur Geschichte der Entdeckung und des Namens. In : Aus der Natur X (1913), S. 97—1". '-") Julius Ruska, Weinbau und Wein in den arabischen Bearbeitungen der Geoponika. In: Archiv für die Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik VI (Sudhoff-Fest- schrift, 1913). S. 305—320. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 1 gebnis setzte sich aber auch L i p p m a n n -^) selbst mit dem Berliner Philologen auseinander. Er faßte zugleich das gesamte Material über den Alkohol zu einer Arbeit zusammen, die Ruska in einem Referat"-) mit gutem Rechte eine „abschließende Studie" nennt, und auf deren Lektüre auch ich nachdrücklichst hinweisen möchte, da man deren Inhalt unmöglich in einem Sammelbericht wieder- geben kann. In Teil I dieser Abhandlung erläuterte Lippmann einevon Diels angezogene Aristo- teles-Stelle und machte — mit einwandfreien Gründen, wie mir dünkt — geltend, daß an jener Stelle nicht Wein, sondern süßer IVIost gemeint sei. Teil II behandelte das Hippoly tosrezept, während in Teil III Syrer und Araber besprochen wurden. Der IV. Teil ist der Mappae davicula und den Destillationsrezepten gewidmet. Seine dortigen Mitteilungen über den Weingeist in den Cö««//(7 des T a d d e o degli Aide rotti (1233 — 1303) nach einem vatikanischen Kodex hat übrigens Lippmann ein Jahr später mit Sudhoffs ge- lehrter Hilfe weiter ausgeführt und den Text der Stelle Haec sunt virtutes aquae vitae nach dem Vaticanus, einem Monacensis und einem Malates- tianus abgedruckt. '-*) Offen bleiben nach allem nur noch die Fragen : wo und durch wen geschah die erste Entdeckung, wo und durch wen vollzog sich schließlich die Weiterentwicklung? Hypothe- tische Fragen, denen Teil V gewidmet ist. Hier ward vor allem wieder die italienische Her- kunft verfochten. Dies wäre in den gröbsten Umrissen ein Be- richt über den Stand unserer Kenntnis von der Frühgeschichte des Alkohols im Jahre 1914."*) Seit dieser Zeit herrscht allseits Schweigen im literarischen Blätterwald. Selbst Diels hat sich bisher noch nicht wieder dazu geäußert.'") Da ist es nun Hermann Degering, der mit einer am 19. Juli 1917 der Berliner Akademie *') Edmund O. von Lippmann, Beiträge zur Ge- schichte des Alkohols. In: Chemiker-Zeitung XXXVII (1913), Nr. 129, S. 1313 — 1316, Nr. 132, S. 1346 — 1347, Nr. 133, S. 1358 — 1361, Nr. 138,3. 1419 — 1422 U.Nr. 139, S. 1428 — 1429. ''■') In : Mitt. z. Geschichte d. Medizin u. d. Naturwissen- schaften XIII (1914), S. 205. *') Edmund O. von Lippmann, Thaddäus Floren- tinus (Taddeo Alderotti) über den Weingeist. (Duichgesehen von Karl Sud hoff.) In: Archiv für Geschichte der Medizin VII (1914), S. 379—389- — Vorher: Edmund O. von Lippmann, Vorläufige Mitteilung zur Geschichte des Alkohols. In: Chemiker-Zeitung XXXVII (1913), Nr. loS, S. 1073. ") Das einleitende Kapitel „Überblick über die Geschichte des Alkohols-' in einer Leipziger medizinischen Dissertation von Erich Johannes Rau (Arztliche Gutachten und Polizei- Torschriften über den Branntwein im Mittelalter, Leipzig 1914, S. 3—7) ist leider lückenhaft und ganz oberflächlich und da- her zur Orientierung unbrauchbar. 20) Nur in einer Fußnote seiner sechs Vorträge über „Antike Technik" (Leipzig und Berlin 1914, S. 130 Anm. 2) schrieb inzwischen Diels ganz kurz: „Die gegen das Alter der Alkoholgewinnung von Prof. v. Lippmann in der Che- miker-Zeitung 1913 n. 129. 132. 133. 138. 139 vorgebrachten Instanzen sind sehr beachtenswert, erschüttern aber meine Grundansicht, die auf dem Qucllenverhältnis der Rezepte beruht, nicht." durch Diels vorgelegten Abhandlung über „Ein Alkoholrezept aus dem 8. Jahrhundert" die ganze Frage erneut in Fluß bringt.-") Sicher- lich wird der oder jener der bisher von mir aufgeführten Autoren sich zu Degerings Studie äußern. Und zum besseren Verständnis zukünftiger Arbeiten schreibe ich auch diesen Bericht über den augenblicklichen Stand der Frage nach der Früh- geschichte des Alkohols. Ich wende mich jetzt ausführlicher der Abhandlung Degerings zu. Francesco Puccinotti'-') hatte bereits 1855 ein Alkoholrezept mitgeteilt aus einer Hand- schrift des Hospitals zu San Gimignano, die er in das 12. Jahrhundert setzte. Richter"*) hat es dankenswerter Weise in seine oben von mir be- sprochenen „Beiträge zur Geschichte der alkohol- artigen Getränke bei den orientalischen Völkern und des Alkohols" als erster übernommen und damit die Aufmerksamkeit darauf gelenkt. Lippmann's Bedenken gegen Puccinottis Datierung und Lesungen sieht De gering als durchaus nicht stichhaltig an. Zu diesem Rezept fand nun Degering neben anderen Eintragungen des 1 3. Jahrhunderts eine noch in derselben Zeit niedergeschriebene Fassung auf einem Schutzblatt in einer jüngst von der Berliner Kgl. Bibliothek erworbenen Pergament- handschrift aus dem württembergischen Prämon- stratenserkloster Weißenau (Berliner Signatur: Ah. lat. qii. j6i — 5). Er faksimiliert das neue Rezept und gibt davon die aufgelöste Lesung. Es ist seinem Inhalte nach dasselbe wie das von San Gimignano. Aus den Abweichungen beider Über- lieferungen — besondersaus deren Fehlern 1 — führt aber Degering den zunächst verblüffenden Nach- weis, daß beide letzten Endes auf eine gemeinsame Vorlage des 8. Jahrhunderts zurückgehen. Es liegt ihm fern zu behaupten, daß die zwei Texte direkt aus dieser Vorlage abgeschrieben worden seien ; vielmehr ist dies nach ihm sicher nicht der P"all. Man muß sogar voraussetzen, daß von jeder Fassung aus mehrere Zwischenglieder rückwärts zu dem von ihm rekonstruierten Archetypus führen, der aus verschiedentlichen Gründen in die Zeit vorder durch- dringenden Wirkung der karolingischen Renais- sance gesetzt wird, also mindestens in die Mitte des 8. Jahrhunderts. Ich drucke diesen von D e g e r i n g hergestellten Urtext hier nochmals ab : De aqua ardenfe. Ardcns aqua ad inoditni aqjiae roscac ßf hoc modo. Villi libra iiiia in Cucurbita et libra una salis africani rubei puhcrtsafi aut ctiaiii salis tosti in olla rtidi calida et quatuor drnchiiiac sulfuris ■^"j H. Degering, Ein Alkoholrezept aus dem 8. Jahr- hundert. In: Sitzungsberichte der Kgl. Preufi. Akademie der Wissenschaften, 1917, Stück X.XXVI, S. 503 — 515 (mit I ein- gedruckten Faksimile). — Sonderabdruck" Berlin 1917 (Kgl. Akad. der Wissenschaften, in Kommission bei Georg Reimer). Lex. 8". Preis Mark 0,50. 2') Francesco Puccinotti, Storia della medicina II I (Livorno 1855), Documenti p. LXIV. 2») Richter, a. a. 0. S. 444 f. N. F. XVII. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 7nvi d quahior tartari apponantur cum pracdictis et vcntosa superpoiiatnr et colligetiir quam potcrit adstricte, et aquositas dcsccndens per Jiasiim ventosae colligeifur. Qua intuncfus pauuus liiii servibit flavimam sine perdütone substantiae. Uti autem talis aqua diu servari possit cum huius modi cffectu, in vase vitreo reponatur aut in testeo non p'oroso, quod habeat os strictum, et in eo sex vel Septem guttis olei et draehmis puator cerae cooperta bene conservatur. Hane autem si experire volueris, sulphur vivuni 'ignitum in ea cum extin- gues, talis qualitatis aqua confidenter experietur. Auf die paläographische Beweisführung kann ich freilich nicht eingehen. Wer aber je im Berliner Handschriftenlesesaal Degerings scharfen Blick und kritisches Urteil in solchen Fragen schätzen gelernt hat, wird sich wohl auch diesmal seiner Führung willig anvertrauen. Lippmanns Darlegungen — vor allem Über- setzungsfehler — werden an mehreren Stellen von Degering beanstandet, und zwar zu Recht, wie mir dünkt. Man darf jedoch dem Berliner Ge- lehrten nicht engen philologischen Horizont vor- werfen, denn zum Chemiker Beckmann nach Dahlem ist der Philologe De gering hinausge- wandert, um sich dort, im Kaiser-Wilhelm-Institut, nach den im Rezepte genannten Vorschriften einen Alkohol darstellen zu lassen und um die sog. Schwefelprobe aus dem Schluß des Rezeptes mit eigenen Augen zu sehen. Das Wesentlichste aber, was wir aus dieser angestellten Schwefelprobe lernen, ist, daß die mittelalterlichen Chemiker mit den in unserer Vorschrift genannten Destillations- einrichtungen einen Alkohol von mehr als 35 Volumenprozenten zu gewinnen imstande gewesen sein müssen. Und wenn v. Li pp mann, so meint jedenfalls Degering, bei seinen eigenen Ver- suchen nicht zu diesem Ergebnis gekommen ist, „so zeigt das eben nur, daß die hergestellten Versuchs- bedingungen nicht denen entsprachen, unter denen die Chemiker unseres Rezeptes diesen Alkohol zu gewinnen wußten". Selbstverständlich hält auch er die Anwendung der Kühlschlange, wie sie Taddeo degli Alderotti beschreibt, für eine neuere Erfindung, wie ja überhaupt des Italieners Auffassung und Beschreibung des Destillationsvorganges und seine Bewertung ihrer Ergebnisse gegenüber denen der älteren Vorgänger ganz wesentlich fortgeschritten ist. Aber den Gebrauch einer primitiveren Art der Kühlung möchte ich mit Degering unbe- denklich auch schon für frühere Zeiten voraussetzen, denn die technisch hochentwickelte Kühlschlange Alderottis muß unzweifelhaft primitivere Vor- stufen gehabt haben. Einer späteren Untersuchung behält es Dege- ring vor, dem Rezepte seinen Platz im Rahmen der Mappae-clavicula - Überlieferung zuzuweisen. Man darf wohl darauf nach der jetzigen Vorprobe hochgespannt sein. Ich möchte glauben, daß da- durch Diels' schon aus sprachhistorischen Gründen zwingende Theorie vom Entstehen der Mappae clavicida im karolingischen Frankreich an Blut gewinnt. In dem kurzen Auszug auf S. 501 der Berliner Sitzungsberichte finde ich übrigens den Schlußsatz: „Dadurch ist die Herkunft dieses Alkoholrezeptes aus der Tradition des Alter- tums erwiesen", eine wohl zu frühzeitige Folge- rung, die Degering in seiner Abhandlung selbst nicht gezogen und die sicherlich Diels zum Urheber hat. . Erwartungsvoll können wir aber auch auf Lippmanns sicher nicht allzuferne Äußerungen ausschauen. Ob sich dieser mit Degerings Hypothese einer vorkarolingischen Alkohol- darstellung so ohne weiteres befreunden wird? Jedenfalls wird er als Nichtfachmann auf paläo- graphischem Gebiete wenig einwenden können. Wie wird er aber als Naturwissenschaftshistoriker sich dazu äußern? Ich persönlich, der ich die ganze Frage nach der Frühgeschichte des Alkohols seit einigen Jahren lediglich als zuschauender Historiker im Auge halte, meine jedenfalls, daß Rekonstruktionen auf wissenschaftlicher sprachlich- paläographischer Grundlage immer viel für sich haben, daß da ein Fachmann auf diesem Gebiete zumeist recht glückliche Ergebnisse formulieren kann, die freilich den mit diesen Fragen nicht Ver- trauten auf den ersten Augenblick stutzig machen. Ob uns aber je der Fund einer Handschrift mit Degerings hypothetischem Archetyp oder einem der von ihm angenommenen Zwischen- glieder beschieden sein wird ? Ob wir überhaupt jemals der Geschichte des Alkohols an die subtilsten Wurzelfasern kommen können ? Diese zwei Fragen werden wohl dauernd über dem ganzen Problem pendeln. Die Korrektur dieses Aufsatzes war gerade in die Druckerei zurückgewandert, als mir Herr Sudhoff seine Nachprüfung: „Ein Alkoholrezept aus dem 8. Jahrhundert?" in Nr. 49 (vom 9. Dez. 1917) dieser „Wochenschrift" freundlichst zugehen ließ. Nicht Herr v. L i p p m a n n ist also der erste, der sich mit Herrn Degering's Akademieabhand- lung kritisch auseinandersetzt, wie ich nach allen bisherigen Arbeiten vermuten durfte, sondern der Leipziger Medizinhistoriker, dessen Urteil, wie immer, gewichtig in die Wagschale fällt. D e g e r i.n g ' s hypothetischen Archetypus eines Alkoholrezeptes aus dem 8. Jahrhundert lehnt Sudhoff vollständig ab. Damit infolge- dessen auch, ohne es freilich direkt auszusprechen, Diels' Ansicht vom Jahre 1913. Doch dadurch ist schließlich der letzte Teil meines Aufsatzes, der über Degering's Studie immerhin vorsichtig berichtet, nicht überflüssig geworden. Ich denke : im Gegenteil, da sich nun Sudhoff dazu ge- äußert und in den Leserkreisen dieser Zeitschrift sicherlich das weiteste Interesse für die Früh- geschichte des Alkohols geweckt hat. Mein ganzer Aufsatz dürfte also zur Einführung in die Verhältnis- Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. I mäßig reiche Literatur über dieses Problem will- kommene Dienste leisten. Die von mir zum Schluß f^estellte Frage : „Ob uns je der Fund einer Handschrift mit Degering's hypothetischem Archetyp oder einem der von ihm angenommenen Zwischenglieder beschieden sein wird?" wäre nun durch Sud hoff's Ablehnung eben dieses Archetyps erledigt. Doch ein großes Non liquet thront weiterhin über dem historischen Dunlvel der Alkoholentdeckuner. Die Ruheperiode der Holzgewächse. [Nachdruck verboten.] Von Othmar Die Erscheinung des jährlichen Laubwechsels wurde früher naturgemäß dahin gedeutet, daß er mit der Änderung der Außenbedingungen in Zu- sammenhang stehe, daß also Abnahme des Lichtes, der Temperatur, ungenügende Wasser- und Nähr- salzversorgung den Laubfall, Steigerung derselben den Laubausbruch hervorrufen. Erst S c h i m p e r -) hatte beobachtet, daß auch in dem gleichmäßig feuchtwarmen Klima von Java viele Bäume den periodischen Laubwechsel zeigen, daß die Periode des Laubwechsels bei verschiedenen Baumarten, ja in manchen Fällen auch bei den einzelnen Zweigen eines und desselben Baumes eine ver- schiedene und daß kein Zusammenhang derselben mit der Außenwelt zu finden ist. Daraus folgerte Schimper, daß der periodische Laubwechsel eine in der Natur der Holzgewächse begründete Eigenschaft sei; diese Ansicht wird auch von Pfeffer, Simon, ») Weber,') Popoff») ver- treten und genauer begründet. ^) Dagegen ver- treten Klebs') und Lakon*) neuerdings die Ansicht, daß die Ruheperiode nicht in der Natur der Holzgewächse begründet (autonom) sei, son- dern nur durch die Änderung der bereits erwähnten äußeren Bedingungen (Temperatur, Licht, Wasser- und Nährsalzgehalt des Bodens usw.) hervorgerufen werden. Sie stützen diese Ansicht mit dem Er- folge verschiedener Frühtreibverfahren. Bekannt- lich gelingt es ja durch verschiedene Mittel die Pflanzen auch während der Ruheperiode zum Aus- treiben zu bringen, so durch Anwendung von Kälte und nachherigesAufstellen in warmen Räumen, ') Vortrag, gehalten am 15. Juni 1917 in der k. k. zool. botan. Gesellschaft in Wien. ') A. F. VV. Schimper, Pflanzengeographie auf physio- logischer Grundlage. Jena 1898. ') S. V. Simon, Studien über die Periodizität der Lebens- prozesse der in dauernd feuchten Tropengebieten heimischen Bäume. Jahrb. f. wiss. Botauik. Bd. 54. *) F. Weber, Studien über die Ruheperiode der Holz- gewächse. Sitzungsber. d. kais. Akademie d. Wissenschaften, Wien 191 6. ''•) M. Popoff, Experimentelle Zellstudien. Arch. f. Zellforschung 19 15. «) Vgl. den Aufsatz von F. Weber, Naturwissenschaftl. Wochenschrift 1916, S. 737 ff. ') G. Klebs, Über die Rhythmik in der Entwicklung der Pflanzen. Sitzungsber. Heidelb. Akad. d. Wissensch. 191 1. Weitere Arbeiten von Klebs zitiert in meiner Arbeit 19 16. *) G. Lakon, Die Beeioflussung der Winterruhe der Holzgewächse durch die Nährsalze. Zeitschr. f. Botanik, Bd. IV, 1912. — Über den rhythmischen Wechsel von Wachs- tum und Ruhe bei den Pflanzen. Biolog. Centralbl., Bd. XXXV, 1915- Kühn. ') Austrocknung (bisher nur von Howard und mir angewendet'; wirkt sehr stark treibend !), Ätherisie- rung, Anwendung galvanischer Ströme, Baden in warmem Wasser, in Alkohol, Äther und Säuren, Verletzung, Abziehen der Knospenschuppen, Be- handlung mit Rauch, Azetylen usw.') Weil also die Ruheperiode durch Erzeugung anderer äußerer Bedingungen aufgehoben werden kann, soll sie nur ein Produkt der im Winter ungünstigen äußeren Bedingungen sein. Nun können wir aber durch von den natürlichen Verhältnissen stark abweichende Verhältnisse jede Erscheinung des Pflanzenlebens, Wachstum, Vermehrung usw., nach Belieben unter- drücken und hervorrufen;'^) trotzdem müssen wir diese Eigenschaften als im Wesen der Pflanze be- gründet und vererbt, nicht aber nur von äußeren Faktoren hervorgerufen betrachten. Anders wäre es, wenn die Holzgewächse bei Herstellung natür- licher Verhältnisse, wie sie etwa im Frühling oder Sommer herrschen, weiterwachsen würden; das ist aber nicht der Fall. Lakon ä) fand allerdings, daß ruhende Zweige bei Einstellen in Nährlösung von natürlicher Konzentration austrieben. Ich habe aber gezeigt, *) daß sie stets nur um wenige Tage (i — 5) früher als die unbehandelten Kontroll- zweige austrieben, ein Unterschied, den wir im Freien auch an den Zweigen eines und desselben Baumes beobachten, während die oben genannten Frühtreibverfahren die Pflanzen um einige Wochen, ja IVIonate früher zum Austreiben bringen. *) Wir haben also zwei IVIeinungen über das Wesen der Ruheperiode: eine, welche sie als in der Natur der Pflanze begründet und vererbt betrachtet (autogen) und die zweite, welche annimmt, daß sie nur durch ungünstige äußere Verhältnisse je- weils hervorgerufen wird. Wir können nicht nur durch die bisher angewendete Methode der Ein- wirkung äußerer Faktoren, sondern auch durch Beobachtung von Veränderung und Erblichkeit der Periodizität entscheiden, welche von beiden Mei- nungen die richtige ist. Solche Beobachtungen sind aber bei Bäumen infolge ihrer hohen Lebens- 1) Literatur in meinen Arbeiten 1914 und 191O. -) G. Klebs, Willkürliche Entwicklungsänderungen bei Pflanzen. Jena 1903. '■') G. Lakon, 1. c. 1912. ■■) O. Kühn, Das Austreiben der Holzgewächse und seine Beeinflussung durch äußere Faktoren. Jahrbuch für wissen- schaftliche Botanik Bd. 57, 1916. f^) L. V. Port heim und O. Kühn, Studien über die Ruheperiode der Holzgewächse. Österr. botan. Zeitschr. 1914. N. F. XVII. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. dauer und des späten Beginnes des Samentragens nicht einfach und Hegen auch wenige vor. So wurde berichtet, daß nach Madeira verpflanzte Obstbäume, ferner Eichen und Buchen auch dort, in dem gleichmäßigen Klima ihre Periodizität bei- behalten, ebenso ist dies von einer durch Teys- mann auf den Vulkan Pangeraugo auf Java ver- pflanzte Buche bekannt. In unseren Gegenden sehen wir, daß nicht nur die Periodizität über- haupt vererbt wird (denn sie könnte auch bloß jährlich aufs neue hervorgerufen sein), sondern auch die Zeit des Laubfalles und der Lauberneuerung. Fast alle bei uns kultivierten Bäume haben früh- und spättreibende Sorten. Ich habe diese bei der Blutbuche in zahlreichen Wiener Gärten, in der forstlichen Versuchsanstalt in Mariabrunn, in der Baumschule von Pirquet in Hirschstetten beobachtet und auch derBaumschulbesitzer Herr Dr. H. Späth hat mir dies bestätigt; den Gärtnern sind aber auch von Obstbäumen, Ahorn usw. solche Sorten bekannt. Natürlich wird nicht der genaue Eintritt und das Ende der Ruheperiode vererbt, diese werden sicherlich durch die äußeren Bedingungen bestimmt, wie das frühe Austreiben in einem Jahre, das spätere im anderen, sowie die geographische Verschiedenheit des Austreibens beweisen ; sondern das relative Verhältnis der Zeiten des Laubwechsels wird bei den verschiedenen Rassen durch Ver- erbung bestimmt. Wenn aber sogar die zeitlichen Grenzen der Periodizität erblich fixiet;t sind, dann muß es die Periodizität selbst um so mehr sein. Während die Art des Laubwechsels ein variables Anpassungsmerkmal darstellt, ist die Ruheperiode selbst ein Organisationsmerkmal der Holzgewächse, das höchstens zeitweise, wie jedes Merkmal, unter- drückt werden kann, jedoch, wenn die Pflanze dauernd lebensfähig bleibt, immer wieder zum Vorschein kommt. Korrespondierende Katastrophen auf der Sonne und in der Atmosphäre 1917. [Nachdruck verboten.] Von Wilhelm Krebs. Riesenflecken und gruppen der Sonne, si besonders Riesenflecken- groß, daß sie auch tele- skopisch unbewaffneten Augen sichtbar sind, können häufiger beobachtet werden, als wohl all- gemein angenommen wird. Besonders scheint es von diesem Sommer 1917 zu gelten, der drei Ereignisse dieser Art gebracht hat, von denen allerdings zwei dem gleichen p-elde gesteigerter Sonneniätigkeit angehörten. Diese Fleckengruppen kreuzten am 13. Juli und am 8. August 1917 den Mittelmeridian der scheinbaren Sonnenscheibe. Das geschah im Laufe der etwa 26^/2 tägigen Periode der synodischen Sonnenrotation, deren erste Entdeckung, durch Fabricius, ja auch ohne Fernrohr, lediglich durch Kameraprojektion des Sonnenbildes, erfolgt war. An der Hand dieser Periodizität darf jenes Feld gesteigerter Sonnen- tätigkeit bis in den Januar 1917 zurückverfolgt werden. Als es vor fast acht Monaten an der Erde vorüberzog, war seine Tätigkeit schon durch Zer- sprengung und Neubildung von Sonnenflecken als besonders heftig gekennzeichnet. Doch sollte diese heftige Betätigung noch in einem ganz anderen Zusammenhange zur Geltung kommen. Schon zur Zeit seines Vorüberzuges durfte aus Gewitterneigung, trotz des strengen Frostes, und ferneraus dem Auftreten feinstreifiger Federwolken, deren Streifung nach mitternächtiger Richtung und deshalb nach dem uns fast antipodalen west- pazifischen Herdgebiete der tropischen Sturm- bildung hinwies, auf die Betätigung dieses Herd- gebietes in der Erdatmosphäre, also auf Teifun- bildung, geschlossen werden. ^j ') Vgl. Wilh. Krebs: Vorausbestimmungen des Wetters lange Frist, auf Grund einer Kontrolle der Sonnentätigkeit der tropischen Sturmbildung. Wien 1916. Verlag des . Österreichischen Flugtechnischen Vereins. .\ls Probe Von dem Wüten eines solchen Sturmes auf den westpazifischen Meeresflächen ist bisher keine Kunde zu uns gedrungen. Um so mehr von amerikanischen Gestaden, wo dieser Sturm vor allem unter der Segelschifflotte aufräumte. Die schrecklichste Katastrophe richtete er aber in der norwegischen Walfangflotte an, die zwischen Grönland und Spitzbergen jagte. In der Osternacht (8.'9. April) 1917 erhob er sich und soll mindestens elf Dampfer dieser Flotte in Eis und Meerflut ver- nichtet haben. Eine von Norwegen ausgeschickte Hilfsexpedition konnte auch nicht einen Überleben- den der Hundert übersteigenden Besatzung auffinden. Als dasselbe F"eld gesteigerter Sonnentätigkeit in der ersten Septemberwoche 1917 wiederkehrte, freilich mit bescheideneren Fieckensignalen, erfolgte wieder eine Teifunbildung, von deren Folgen für menschliches Wohlergehen Kunde zu uns gelangte. Das geschah, weil der Teifun seinen Weg nahe an den verkehrsreichen Gestaden Chinas vorüber- nahm. In der zweiten Septemberwoche 191 7 ver- nichtete er bei Amoy an der chinesischen Küste zwei japanische Dampfer. Es ist nicht ausge- schlossen, daß der überaus heftige Sturm, der in der zweiten Oktoberwoche Mitteleuropa heim- suchte, ein weiterer Abkömmling dieser Teifun- bildung war. Ihr war inzwischen ein noch weit heftigerer Teifun gefolgt. Denn zu Anfang Oktober 1917 erhielt Europa Kabelnachrichten aus Japan von einer Sturm- und Flutkatastrophe, wie sie seit Menschengedenken auch in diesem, von den Ge- fahren des Meeres und des Bodens viel heimge- suchten Lande sich nicht ereignet hatte. Ganze Stadtteile Tokios, die gesamte Reisernte Mittel- folgt diesem Beitrage die seinerzeit um 3 bis 6 Wochen im voraus, für die Herbstmonate 1917 vorberechnete Übersicht der atmosphärischen Störungstermine. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. Japans und vor allem auch viele Hundert Menschen- leben sollen vernichtet sein. An Schiffsuntergängen vor Yokohama sind bereits die von zehn großen Dampfern gemeldet. Auch diese Teifunkatastrophe entsprach einem von mir vorberechneten Termine „Ostasien" von der Wende des September zum Oktober 1917. Er entsprach einer Epoche der westpazifischen Sturmbildung, auf die von mir wieder aus Sonnen- beobachtungen, Federwolken und gelegentlicher Gewitterneigung in der vierten Septemberwoche geschlossen war. Für nordamerikanische Gestade sind atmosphärische Störungsfolgen aus ihr in der dritten und vierten Oktoberwoche, für europäische I r T I » r c T T I r f. ff! il 3 +3 1^ T 1 4 +ir 1 1 J 1 4 +1I1 |ll 'S p 1 1 +1 ■3 + ' +1 ii +1 > II CO =■ T ^ il -g 1 ° f H yi 5 + 3 +11I +1? - + 1 •g +iil +1 9 * +1 •a + III 1 !l? ff +1 ^m +1? Ame- rika Europa + 1 1 B II? i m + if 11 |il > s i T 1 nj 1 W^ 1 1 ifi^ 1 1 ? — 1 I fg. l?|? It 3 1 1^ m % — 6 i? 1 £-3 p P- N. F. XVn. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. zu Anfang November 1917ZU erwarten. Da west- pazifische Störungen vor allem auch Kältewellen nach sich ziehen, darf in Gefolge von Sturm und Niederschlägen in der ersten Novemberwoche 19 17 wohl eine erste ernstlichere Frostperiode des sonst manchmal noch recht warmen Vorwinters 1917 erwartet werden. Besonders darf aber hervorgehoben werden, daß jene Epoche der Sturmbildung, vom 20. — 28., September mit dem Vorüberzug einer neuen Riesen- gruppe der Sonnenflecke zusammenhing. Diese kreuzte vom 23. zum 24. September den Mittel- meridian. Dem über diesem erst am i. Oktober 191 7 fälligen Felde der im Juli und August durch Riesensignale angekündigten Sonnentätigkeit wan- derte sie also etwa um Wochenfrist voraus. Die ganze Rotationsperiode der Sonnenfleckenzone be- ansprucht, wie erwähnt, 26 bis 27 Tage. Der durch das neue Riesensignal angekündigte Herd der Sonnentätigkeit, die sich stets beiderseits des Äquators, nicht allzuweit von ihm entfernt, hält, liegt also fast genau um ^ j der Rotationszeit vor dieser Wiederkehr. Solche Viertelung des Um- fangs der Sonne, die, wie zumeist, so auch in dem vorliegenden Falle, zu einer doppelten Anti- podalität von je vier einander folgenden Sonnen- Ausbrüchen führt, ist schon wiederholt beobachtet. Im April 1910 bot sie Anlaß zu der regelrechten Voraussage eines Sonnenausbruchs in bestimmten Längen. Von mir selbst zu Anfang dieses Monats veröffentlicht, wurde jene Ansage zuerst durch eine spektographische Aufnahme Deslandres' vom 19. April 1910 bestätigt, später auch durch das Auftreten von Sonnenflecken. (Vgl. Verhandl. deutscher Naturforscher 1910 zu Königsberg II, I, S. 13, Vortrag Krebs in der Abteilung für Astronomie.) Doch ist diese Gesetzmäßigkeit nicht auf die Sonne beschränkt. Sie kehrt wieder bei vulka- nischen Erscheinungen der Erde, besonders in den an Finsternissen reichen Jahren, so in 19 17 selbst. Spuren von ihr sind auch an der Ähnlichkeit antipodaler Länderformen von vulkanischer Natur (Italien — Neuseeland!) und sogar an Formen des Mars- und des Jupiterbildes nachgewiesen. Jene Gesetzmäßigkeit ist deshalb von erheb- lichem Gewicht für die von vielen noch ange- zweifelte vulkanistische Ausdeutung der Sonnen- tätigkeit. Auch die Wiederkehr jenes neuen Feldes höchstgesteigerter Sonnentätigkeit, in der Epoche Oktober 17 bis 25, kündigte sich durch große Fleckenerscheinungen, in diesem Falle zwei be- sonders große Kernflecken, an. Nicht minder eindrucksvoll waren ihre irdischen Folgeerscheinungen. Ein Gewittersturm brachte am 19. Oktober über Ostsizilien schwere Über- schwemmungen. Später begleiteten schwere Ge- witter den Beginn der deutsch-österreichischen Angriffsbewegung. Dann brachten Schiffsmel- dungen von Japan und Hawaii Kunde von teifun- artigen Sturmkatastrophen gegen Anfang November. Mit immer größerer Bestimmtheit konnte ich so eine Sturmwarnung für die Wende des November zum Dezember 1917 wiederholen, zuletzt noch in einem Drahtbericht, den ich am 27. November an eine mit mir verbundene Marinestelle auf Helgoland erstattete: „Weitere westliche Störungen eintreffend, verheißen wiederholtes Auffrischen zu starkem Sturm aus südwestlichem bis westlichem, vielleicht nördlichem Quadranten, bis in die erste Dezemberwoche, unterbrochen von Ab- flauen und Rückdrehen. Krebs." Von den Bestätigungen erwähne ich nur die seltene Beobachtung voller Orkanstärke (12 der 12 teiligen Sturmskala) am Nachmittage des 2. Dezember 1917 auf Helgoland selbst und das furchtbare Schicksal eines britischen Geleitzuges in der Nordsee, von dessen 23 großen Seeschiffen nur 3 einen Hafen erreicht haben sollen. Einzelberichte. Botanik. Interessante Beiträge zur Biologie und Systematik der Pilze geben einige Arbeiten neueren Datums. Nachdem schon Bürge ff ge- zeigt hatte, daß der Schimmelpilz Pliycomyccs nUcns Kunze eine sehr variierende Form darstellt, deren Züchtung eine ganze Anzahl, zum Teil fast reine Linien darstellende Varietäten ergab, zeigten Tom und Currie, wenn auch auf anderem Wege, daß das Gleiche auch für den schwarzköpfigen Schimmel, Aspergillus nigcr Van Tieg. gilt. Diese Gruppe umfaßt mindestens 25 teils als Varietäten, teils als gute Arten beschriebener Formen, von denen aber nur wenige morphologisch so unter- schieden sind, daß sie sich danach systematisch trennen lassen. Die Entdeckung einer Oxalsäure abscheidenden Form von Peiiicillüiin führte die Verfasser zu der Vermutung, daß auch bei der in Frage stehenden Gruppe die Säureabscheidung einen Schluß auf die Verwandtschaft zulasse. Die Untersuchung von 20 zu Aspergillus tiiger im weitesten Sinne gehörenden Formen ergab, daß alle Rassen Säure abschieden und somit offenbar ein Zusammenhang zwischen dieser Fähigkeit und der Dunkelfärbung besteht, daß aber die Menge der erzeugten Säure sehr verschieden ist. Ihre relative Menge schwankt von 153 bis zu 0,39. Diese weite Variation läßt entweder auf eine Gruppe heterogener Abstammung schließen oder aber auf eine Reihe von Rassen, deren Fähigkeit, eine bestimmte Reaktion zu zeigen, sehr verschieden ausgebildet ist. Da die einzelnen Formen aber nur geringe morphologische Unter- Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. schiede aufweisen, die besonders bei längerer Kultur auf demselben Nährhoden mehr und mehr verschwinden oder durch Übergänge miteinander verbunden sind, kommen die Verfasser in Über- einstimmung mit Schiemann zu dem Ergebnis, daß der Aspergillus j//'gcr-Kreis eine stark mutie- rende Gruppe darstellt. Äußerst beachtenswert sind ferner die Ver- suche, die J o h. L i n d n e r mit gefrorenen Schimmel- pilzen anstellte. Entgegen allen Erfahrungen über den absoluten Tod der nach dem Gefrieren turges- zenzlosen Zelle hatte Richter beliauptet, daß die Hyphen eines gefrorenen Aspcrgtll/is-Myct\s sich nach dem Gefrieren nur in einem Schwäche- zustand befänden, aus dem sie durch günstige Temperaturen wieder befreit werden könnten. Bei optimaler Temperatur lebt das Mycel nach Richter wieder auf und wächst weiter, so daß danach im gefrorenen Mycel die Grenze zwischen Leben und (physiologischem) Tod aufgehoben erscheint, wenn wir an dem Mangel der Plasmolyse und der Färb- barkeit des Zellinhaltes, wie es allgemein üblich ist, als Kriterien des eingetretenen Todes fest- halten. Wir hätten es dann also „mit der Wieder- belebung eines toten organischen Substrates zu tun". Der Widerspruch, in dem diese eigenartigen, unsere Vorstellungen von den Lebensvorgängen bedeutend erweiternden Folgerungen mit allen bisherigen Ergebnissen stehen, veranlaßte Lindner zu einer erneuten Untersuchung. Zu diesem Zwecke beobachtete er an einigen Schimmel- und anderen Pilzen, hauptsächlich an ^Ispcrgillus nigcr den Verlauf der Desorganisation in den Hyphen nach dem Gefrieren, den Einfluß der Temperatur auf die Desorganisationserscheinungen und den Verlauf der Atmung im Aspagillns-iliyctX vor und nach der Kälteperiode. Nach ihm zeigten die Versuche, daß die Rieht ersehe Deutung der Vorgänge nicht richtig ist. Es ergab sich, daß in submersen wie an der Luft wuchernden My- celien die Zellen bei Kältewirkung unzweifelhaft absterben. Allerdings ist ihre Widerstandsfähigkeit verschieden und an Lufthyphen und älteren My- celien größer. Zuerst sterben die Spitzenzellen ab, während die resistentesten Zellen sich in der basalen Zone befinden. Die Zellen, die sich nach dem Auftauen nicht mehr plasmolysieren lassen, sind entgegen Richters Annahme in jedem Falle tot. Aber auch von den unmittelbar nach der Kältewirkung noch lebenden , .Dauerzellen" sterben selbst bei günstigster Temperatur noch zahlreiche ab, nur wenige bleiben am Leben, bei denen die Schädigung noch nicht zu weit fortgeschritten war. Wird das Mycel als Pilzdecke gezüchtet, so bilden die überlebenden Dauerzellen und Luft- hyphen nach der Kälteperiode sehr schnell über der abgestorbenen Myceldecke eine neue, wodurch sich die schnelle Zunahme der Atmungsgröße nach dem Auftauen, die ja die Hauptstütze von Richters Annahme bildete, ganz zwang- los erklärt. So kommt Lindner zu dem Ergebnis, daß sich keinerlei Vorgänge ab- spielen, die eine Deutung im Sinne Richters verlangen. Otto untersuchte die Frage, ob die Pilze im- stande sind, Zellulose und Zellwände aufzulösen. Die Meinungen der Mykologen standen sich hier noch immer widersprechend gegenüber. Die Ver- suche Miyoshis, bei denen Pilzhyphen sowohl Membranen wie dünne Metallplättchen durch- bohrten, wenn sich darunter nur eine kräftige Nährlösung befand, ließen es als möglich erscheinen, daß auch das von Debary und anderen beobach- tete Eindringen von Pilzparasiten durch unverletzte Häute in ähnlicher Weise rein mechanisch erfolge. Andere Beobachtungen sprachen allerdings dagegen, so daß eine sichere Entscheidung bisher nicht mög- lich war, wenngleich wohl zugegeben werden muß, daß es sich bei vielen der angeblichen Zellulose- zersetzungen nur um eine Auflösung der Mittel- lamelle, also keineswegs echter Zellulose handelt. Otto untersuchte nun eine ganze Anzahl von Pilzen in ihrem Verhalten gegen die verschiedensten Zelluloseformen. Hierzu verwandte er neben natürlichen echten Zellulosen (Bast von Linde und Lein, Blattzellmembranen u. a.) technisch umge- wandelte in Form von Fließpapier, Pergament- papier, Watte und Leinwandfäden (Hydrat , Hydro- und Qxyzellulosen) und andere, auch einige Hemi- zellulosen (aus Dattelkernen und Kaffeebohnen) sowie verkorkte und verholzte Membranen. Die Substrate wurden mit mineralogischer Nährlösung geboten, wobei sie teilweise die einzige Kohlen- stoffquelle bildeten. In Parallelkulturen wurden andere, lösliche Kohlenstoffverbindungen hinzu- gefügt. Leider war es nicht möglich, bakterien- freie Kulturen der wichtigen Holzpilze [Alcndius) zu erhalten, so daß ihr Verhalten nicht untersucht werden konnte. Es wird aber allgemein ange- nommen, daß diese auf faulendem Holz lebenden F"ormen auch ohne Metabiose mit Bakterien Zellulose lösen können. Die eingehenden Versuche Ottos liefern nun den Beweis, daß die beobachteten Humuspilze (Arten von Älacrosporimn, Botrytis, Poiicilliiiin u. a.) entgegen früheren Angaben zweifellos echte Zellulose auflösen können. Sie wachsen auch bei Ausschluß jeder anderen Kohlen- stoffquelle üppig, wobei im Verhältnis der Mycel- zunahme die Zellulose allmählich verringert wird und schließlich unter typischen Korrosionserschei- nungen ganz schwindet. Offenbar scheiden die Pilze hydrolytisch spaltende Enzyme aus (Zellulase). Dagegen war keiner der untersuchten Phycomy- ceten (Mncor, Rliizopiis u. a.) fähig, echte Zellulose aufzulösen, und ebenso verhielten sich normaler- weise einige höhere Pilze (Pyro/tfina). Verkorkte oder kutinisierte Membranen waren in jedem Falle sehr widerstandsfähig; sie bilden also einen sehr wirksamen Schutz gegen das Eindringen von Pilz- hyphen. In schwächerem Maße gilt dies von ver- holzten Membranen. Ihnen wurde ein großer Teil der Inkrusten entzogen; immerhin schützte der überbleibende Teil die Zellulosegrundlage noch vor der Auflösung. So zeigen wie in vielen N. F. XVII. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. anderen Beziehungen auch hinsichthch der Fähig- keit, Zellulose aufzulösen, die Pilze kein einheit- liches Verhaken. Zum Schluß sei auf eine Arbeit Negers hin- gewiesen, die für die Systematik gewisser Filz- formen von einschneidender Bedeutung ist. Neger unterwirft die „Rußtau"pilze einer eingehenden Untersuchung. Es sind dies nach seiner Definition Pilze mit schwarzem Mycel, die auf lebenden Blättern und Zweigen als echte Epiphyten leben und weder mit Haustorien noch Hyphen in das Innere eindringen. Danach ist „Rußtau" lediglich ein ernährungsphysiologischer, nicht aber ein systematischer Begriff, als welcher er bisher meist aufgefaßt wurde. Wie alle dem Vertrocknen leicht ausgesetzten Epiphyten gedeihen die Rußtaupilze am besten in feuchter Nebelluft (Südchile), und auch der bei uns häufigste Weißtannenrußtau, ge- wöhnlich als Iloniiisciinii fiiiiop/iil/iiii Nees (= ./;/- tcnnaria pityuplula Nees) bezeichnet, wie der in Gewächshäusern häufige l'iiiiiagü, sind an feuchte Luft gebunden. Sehr viele Formen besitzen die F"ähigkeit, Schleimhüllen zu bilden. Da diese Fähigkeit bei den verschiedenen Pilzen in sehr ungleichem Maße vorhanden ist, kann man von vornherein annehmen, daß nur solche Arten als Rußtaubildner in Frage kommen, die sie in stär- kerem Grade besitzen. Wir haben hierin offen- bar ein auslesendes, die Zusammensetzung der Rußtaudecke bedingendes Moment vor uns, zu dem noch andere treten. Stets siedeln sich die Pilze auf „Honigtau" an, ohne den ihre epiphy- tische Lebensweise undenkbar wäre. Da dies aber ein Substrat von zeitweilig sehr hoher Konzen- tration darstellt, dürfte auch aus diesem Grunde nur eine gewisse Anzahl osmophiler Pilze in Be- tracht kommen. So ist es verständlich, daß sich auf einem solchen Blatte mehrere Pilze ansiedeln, die alle dicke, schwarze rosenkranzähnliche Mycel- fäden bilden, und so trotz sehr heterogener Zu- sammensetzung einen recht einheitlichen Eindruck machen. Die bisherige rein deskriptive Systematik sah aber meist ohne weiteres alle natürlich auf einem Blatte auftretenden Fruchtformen als zu- einander gehörend an und bezeichnete sie in der Regel einfach als Capiiodiiiiii oder Fitiiiago. Welche Verwirrung hierdurch in die Systematik geraten ist, zeigt Negers Nachweis, was alles als C. salicmniii, C. (jiterciiitini, ApiosporuDii usw. bezeichnet worden ist. Hier ist nach ihm trotz aller Einwände in Ergänzung der rein beschreiben- den Systematik die Benutzung von Reinkulturen unbedingt notwendig. Obwohl Neger seine mühevollen und äußerst schwierigen — viele der in Frage kommenden Pilze entwickeln in der Rein- kultur nur sterile Mycelien oder höchstens Koni- dien — Untersuchungen keineswegs bereits ab- geschlossen hat, konnte er doch bereits nach- weisen, daß an der Bildung des häufig auch Apiosporiuiii piiiopliiliiiii genannten Tannenrußtaus. acht bestimmbare und zahlreiche noch nicht sicher erkannte Pilzarten, daneben auch Hefepilze, Bakterien usw. beteiligt sind. Als Bestandteile der verschiedenen Rußtau formen ergaben sich einmal allverbreitete Schimmelpilze wie Dcmatium pullulaiis, CladüsporiiDii J/frbonnii, Bofrydis cinerea, auch Pcnicüliit)!!, daneben Hefen und Bakterien, dann gewisse, dem zuckerhaltigen Substrat offen- bar stark angepaßte Arten, die immer wieder- kehren, teilweise überhaupt kein Mycel mehr bilden {CoinotIiccmn,Aichiagloincnilosan.3i.) und zum Teil noch nicht genau bestimmt werden konnten, und schließlich zahlreiche andere Pilze, deren durch den Wind verwehte Sporen auf dem Honigtau zu einem in der Regel sterilen Mycel auskeimen. Zahlreiche höhere Pilze und eine sehr große Zahl der „Fungi imperfecti" kommen hier- für in Frage, ohne daß für diese Formen eine Bestimmung möglich erscheint. Daher schlug Neger den umgekehrten Weg ein und prüfte, ob weitverbreitete Pilze in dem Honigtau ent- sprechenden Zuckerlösungen an Rußtau erinnernde Wuchsformen aufweisen. Es ergab sich nun, daß dies für zahlreiche auf faulenden Pflanzenteilen saprophytisch lebende Pilze in der Tat zutrifft (Bulgaria polyiiiorplta, Xylaria liypoxylon u. a.). In dem zweiten, speziellen Teil der Arbeit gibt Neger eine genaue Beschreibung der von ihm rein gezüchteten Arten. Interessant ist, daß Fuiiiago z'agai/s Pers., ein Gewächshauspilz, mit keinem der zahlreichen auf Bäumen und Sträuchern gefundenen Rußtaupilze identisch ist, wie fälsch- licherweise immer wieder angenommen wird. Es ist eine domestizierte Form, ein Gegenstück zum echten Hausschwamm {Alcnilücs lacryinans), und wohl mit Pflanzen wärmerer Gegenden ein- geschleppt worden, wie ähnliche in den Tropen beobachtete Formen vermuten lassen. Alle typischen Rußtaupilze lassen sich nach Neger in drei Gruppen teilen. Er unterscheidet Pilze mit weithin wachsendem Mycel, solche mit stets kurz- gliederigen Hyphen und solche ohne jedes Mycel. Diese bilden Zellklumpen mit hefeartiger Sprossung und sind so dem Leben in zuckerreichen Flüssig- keiten am vollkommensten angepaßt. Vielleicht sind es Abkömmlinge der Saccharomycetaceen. Auch die mittlere Gruppe mit ihrem gedrungenen polsterartigen Wuchs stellt einen herangezüchteten Anpassungszustand dar. Hans Burgcff, Untersuchungen über Variabilität, Sexualität und Erblichkeit bei Phycomyces nitens Kunze. Klora N. F. 7 u. 8, 1915. Charles Tom und James Currie, An oxalid-acid producing Penicillium. Journ. Blol. Cbera. 22, 1915, 287 — 293. Dieselben, Aspergillus niger Group. Journ. agricult. research 7, i, 1916, I — 15. Johannes Lindner, Über den Einfluß günstiger Tem- [leraturen auf gefrorene Schimmelpilze. Jahrb. wissensch. Botanik 55, 1915, I 52. Hermann Otto, Untersuchungen über die Auflösung von Zellulosen und Zellwänden durch Pilze. Berlin 1916. F. W. Neger, Experimentelle Untersuchungen über Rußtaupilze. Flora N. F. lo, 1917, 67^139. Kr. Obwohl die Panaschüre eine im ganzen Pflanzen- reiche weit verbreitete (abnorme) Erscheinung ist, Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. sind ihre Ursachen in den meisten Fällen noch unbe- kannt. Panaschierte Gewächse entstehen plötzlich als Varietäten und können durch Stecklinge, häufig auch durch Samen fortgepflanzt werden. Zahlreiche solcher Formen werden bei uns, namentlich aber in Japan und China gärtnerisch gezüchtet. Nach Molisch (Die Verwertung des Abnormen und Pathologischen in der Pflanzenkultur. Schrift. Ver. Verbr. naturwiss. Kennt. Wien, 56, 191 6, 319) können wir zwei Formen der Panaschüre unter- scheiden. Bei manchen Malvaceen wie Ahntihm Thoiiipsoitii\s\. sie nicht samenbeständig und kann durch Pfropfung auf rein grüne,'' gesunde Pflanzen übertragen werden. E. Bau r hat jüngst auch bei Cyiisus Labiiniiiiiu Sorbiis, Fra.xi/u/s, Ligiisfn/m u. a. diese infektionöse Panaschüre nachgewiesen. In weitaus den meisten Fällen ist sie aber nicht infektionös und dann häufig durch die Samen vererblich; so ist sie von vielen Gräsern, Selagmclla,Ptiar!^oiiiiii/i,Ti-irdcscaitfiau.a.htkann\.. Heinricher beobachtete nun eine panaschierte Abart von Tradcscantia Fliimiucnsis Vell. In ungünstige Lichtverhältnisse gebracht, verringern die Pflanzen ihr Wachstum bald, die Panaschierung schwindet mehr und mehr und fehlt den später gebildeten Blättern schließlich ganz. IVIan ist zu- nächst geneigt, dieseBeschränkungaufdie Erzeugung chlorophyllhaltigen Gewebes, das ja allein für die Ernährung von Bedeutung ist, als eine zweck- mäßige Selbstregulierung anzusehen; nähere Be- trachtung zeigt aber, daß sie, wenngleich für die Erhaltung der Art gewiß günstig, doch als zwangs- weise eintretende Folge der Verhältnisse zu deuten ist. Wurden panaschierte Stecklinge im Dunkeln kultiviert, so ging die Panaschüre zurück, um wieder stärker aufzutreten, wenn die Pflanzen nach einiger Zeit erneut in günstiges Licht kamen. Blieben sie aber so lange im Dunkeln, bis die jüngsten Blätter vollständig grün waren, so trat auch unter normalen Verhältnissen keine Pana- schierung mehr ein, die neuen Zuwüchse waren gewissermaßen nur Rückschläge zur gewöhnlichen T. Fliunincnsis. Bei dem Versuch, dies ver- schiedene Verhalten zu erklären, ist zu berück- sichtigen, daß die chlorotischen Zellen nicht assi- milieren können, sondern von den Assimilaten zehren, die durch das grüne Gewebe erzeugt werden. So erscheint die Ausbildung panaschierter Blätter als eine Kraftverschwendung, die nur unter günstigen Lichtverhältnissen möglich ist, bei einer Abnahme der Lichtintensität dagegen herabgesetzt wird. Schon die embryonale Blattanlage enthält einen Anteil farbloser Zellen. Unter günstigen Bedingungen können auch sie sich im gleichen Maße wie die grünen Zellen vermehren; anders, wenn die Beleuchtung schlechter wird und sich der Überschuß an Assimilaten des grünen Ge- webes verringert. Dann werden die weißen Streifen zunächst enger, und auch in den Blattan- lagen und Vegetationspunkten vermindert sich der Anteil an chlorophyllosem Gewebe, um schließlich ganz ausgemerzt zu werden. Ist dies noch nicht der Fall, so erhält man bei Wieder- herstellung günstiger Belichtung wiederum pana- schierte Blätter, im anderen Fall dagegen einen Rückschlag zur grünen Form. So erscheint das Ergrünen als ein sich mit Notwendigkeit abspielender Prozeß; es beruht aber nicht etwa, wie dies Figdor bei erhöhter Tem- peratur an Finikia uiidiilafa (v^x .i'iftata) beobachten konnte, in einer Umwandlung der in den weißen Zellen schon vorhandenen Leukoplasten. Im Gegenteil scheint die Temperatur auf Tradcscaiifia vielleicht gerade umgekehrt zu wirken, wenigstens zeigen in kühlen Räumen kultivierte Stücke einen Rück- gang der Panaschierung. Es bleibt abzuwarten, ob auch andere Pflanzen sich wie die beschriebene Tradcscaiifia verhalten; eine Untersuchung wäre besonders für die von B a u r als Periklinalchimäre angesehenen weiß geränderten Pelargonien wün- schenswert (E. Heinricher, Rückgang der Panaschierung und ihr völliges Erlöschen usw. Flora 109, 19 16, 40). Daß die Ursachen der Pana- schierung vielleicht sehr verschieden sein können, lehrt eine Beobachtung Gassners (O. Gassner, Über einen Fall von Weißblättrigkeit durch Kälte- wirkung. Ben deutsche bot. Ges. 33, 478—486). Im Dunkeln bei i bis 2 " zum Keimen gebrachte Samen des im La Platagebiet kultivierten Uru- guayhafers besaßen rein weiße Keimblätter und hatten die Fähigkeit zu ergrünen teilweise und vorübergehend oder ganz und dauernd ver- loren. Im ersten Fall entstehen lange Zeit hin- durch typisch weiß-grün gebänderte Blätter. Ähn- lich verhalten sich nach Zimmermann auch Roggen und Weizen. Für die Gräser scheint also die Regel zu gelten, daß niedere, dicht an der unteren Wachstumsgrenze gelegene Temperaturen die Fähigkeit des Ergrünens" vorübergehend oder dauernd vernichten. Kr. Physik. Die intensive Tätigkeit einer großen Zahl von Forschern der ganzen Welt hat es dahin gebracht, daß die Probleme der drahtlosen Tele- graphie in verhältnismäßig kurzer Zeit gelöst worden sind, so daß man heute berechtigt ist zu sagen, daß die drahtlosen Stationen mit derselben Sicherheit und Zuverlässigkeit arbeiten wie irgend welche anderen technischen Einrichtungen. Wenn auch noch zahlreiche Probleme zu lösen sind, so ist man im allgemeinen aller derjenigen F"ragen, welche die Erzeugung, das Aussenden und das Auf- fangen der elektrischen Wellen betreffen, theoretisch und praktisch Herr geworden. Anders steht es mit den Vorgängen im Medium zwischen Gebe- und Sendestation. Hier ist noch recht viel unaufgeklärt. Eine Frage von großer Wichtigkeit ist die, wie es möglich ist, daß die Wellen sich um die gekrümmte Erd- kugel herumbewegen. In den beiden letzten Heftendes Jahrbuches für drahtlose Tele- graphie (XII, 1917) findet sich eine Reihe von Arbeiten und Berichten, die sich mit diesem N. F. XVn. Nr. I Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 13 Problem beschäftigen; aus ihnen soll im folgen- den einiges mitgeteilt werden. Die elektromagnetischen Wellen, deren sich die drahtlose Telegraphie zur Übermittelung ihrer Zeichen bedient, sind nach den bekannten grund- legenden Versuchen von Heinrich Hertz in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts mit dem Licht qualitativ gleich ; sie unterscheiden sich von ihm durch die viel größere Wellenlänge — für das Licht rund 0,0005 inm, für die in der Praxis verwandten elektrischen Wellen 0,5 — 6 km — . Nun breitet sich das Licht ja geradlinig aus, die Lichtstrahlen sind gerade Linien, so daß hinter undurchsichtige Körper kein Licht gelangen kann. Anfangs war man der Meinung, daß auch die elektrischen Wellen nur solche Orte erreichen könnten, die von der Spitze der Antenne aus ge- sehen werden konnten. Man suchte demgemäß die Reichweite einer Station dadurch zu steigern, daß man die Antenne erhöhte. Man übertrug also die Erscheinungen der geometrischen Optik ohne weiteres auf die elektrischen Wellen. Nun ist ja bekannt, daß die geradlinige Ausbreitung des Lichtes nur für die grobe Beobachtung besteht; in Wirklichkeit dringt in jeden Schatten Licht ein, indem an der Begrenzung des Schatten werfenden Körpers Beugung stattfindet, die um so be- trächtlicher ist, je länger die Lichtwellen sind (Rot wird stärker gebeugt als Blau). Bei den langwelligen Schallwellen ist die Beugung so be- trächtlich, daß wir von einem „Schallschatten" nichts bemerken und daß wir daher kaum geneigt sind, von einer geradlinigen Ausbreitung des Schalles und von Schallstrahlen zu sprechen. Bei den elektrischen, deren Wellenlänge groß ist gegenüber derjenigen der Schallwellen, muß natür- lich die Beugung noch viel beträchtlicher sein. Die Frage, um die es sich handelt, ist nun die folgende: Ist die Beugung der elekt r ischen Wellen so beträchtlich, daß durch sie ein Herumbiegen der Wellen um ein Achtel bis ein Viertel des Erdumfangs stattfinden kann, ferner stimmt die durch Messung ermittelte Intensität der ankommenden Welle mit der unter Berücksichtigung der Beugung verrech- neten überein? Daß die Beugung bei der Ausbreitung der Wellen eine beträchtliche Rolle spielt, geht schon daraus hervor, daß die Reichweite einer mit langen Wellen arbeitenden Station größer ist als einer mit kurzen. Theoretisch ist die Frage u. a. von A. Sommerfeld,') vonH. W. March und von W. V. Rybczinski bearbeitet worden. Es wird das Feld der strahlenden Antenne unter der Vor- aussetzung, daß die Erde leitend, also mit See- wasser bedeckt ist, untersucht und zwar wird dabei die Beugung der Raumwellen, die Fort- i) Jahrb. d. drahtlos. Tel. XU (191 7) 2: A. Sommer- feld, Überwindung der Erdkrümmung durch die Wellen der drahtlosen Telegraphie. leitung der Oberflächenwellen (das sind solche, die sich nach Art der Lee her 'sehen Wellen längs der leitenden Erdoberfläche fortpflanzen), die Dämpfung durch Energieverluste in der Erde und durch Ausstrahlung in den Raum berücksich- tigt. Es ergibt sich, daß die Amplitude mit der ersten Potenz der Entfernung abnimmt; ferner kommt in der Formel für die Amplitude ein „Zerstreuungsfaktor" vor, der experimentell mit der Entfernung Sender-Empfänger wächst und für längere Wellen kleiner wird. Für eine Ent- fernung von 5000 km ('/s Erdumfang) würde dem- nach die Amplitude auf '/iso sinken bei einer Wellenlänge von 5000 m. Die Messungen, die zur experimentellen Prüfung der Formel dienen könnten, sind leider recht spärlich, und solange der Krieg dauert, ist wenig Aussicht vorhanden, weiteres ßeobachtungsmaterial zu gewinnen. Immer- hin hat vor einigen Jahren L.W, Austin (1911) Versuche ausgeführt, bei denen die Intensität der ankommenden Wellen für verschiedene Entfer- nungen und Wellenlängen in vergleichbarer Weise gemessen wurden. Das Ergebnis der bei Tage angestellten Versuche stimmt recht gut mit dem theoretischen Wert überein, während die Nacht- versuche zu große Werte ergeben (s. u.). Som- merfeld kommt in seinem Bericht zu dem Resultat, daß sich die Tagesreichweiten durch die reine elektromagnetische Theorie erklären lassen. Poincare und Nicholson, die dasselbe Problem untersucht haben, sind anderer Meinung: nach ihnen reicht die Beugung nicht aus, um das Herumbiegen der Wellen um die Erde zu erklären. Diese und andere Forscher ziehen daher andere, mehr meteorologische Erscheinungen zurErklärung heran ; sie machen die Konstitution unserer Atmosphäre für das Verhalten der elektrischen Wellen verantwortlich. Nach Dewar (1902) be- steht diese aus zwei wesentlich verschiedenen Teilen: der untere ist die Tr oposp häre; in ihr findet durch horizontale und vertikale Bewegung der Luft eine dauernde Mischung der Gase statt, so daß sie eine konstante Zusammensetzung zeigt. Sie reicht in unseren Breiten bis zu einer Höhe von etwa 11 km, in den Tropen bis 14, in den Polargegenden bis 8 km. In ihr spielen sich die Wettererscheinungen ab und findet die Wolken- bildung statt. Die Temperatur nimmt meistens ziemlich regelmäßig von unten nach oben ab. Darüber lagert die Stratosphäre, in der nur horizontale Luftbewegungen erfolgen. Ihre Zusammensetzung ist wesentlich anders, der Ge- halt an Sauerstoff und Stickstoff ist gering; sie besteht aller Wahrscheinlichkeit nach in ihren höheren Schichten vorwiegend aus Wasserstoff und etwas Helium und zwar sind die Gase nicht durcheinander gemischt, sondern nach ihrer Dichte gelagert, also der leichtere Wasserstoff findet sich in den allerhöchsten Schichten. Die Temperatur nimmt man als ziemlich gleich zu etwa 60" unter Null an. In der Stratosphäre findet sich nun 14 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. I nach Heaviside (1902) in etwa 80 km über dem Erdboden eine leitende Schicht, die Heaviside-Schicht. ^) Die elektrischen Wellen bewegen sich danach in einer schmalen Schale („Flüstergallerie") von etwa dem 20 fachen ihrer Wellenlänge zwischen zwei leitenden Flächen, der Erdoberfläche einerseits und der unteren Begren- zung der i^eaviside-Schicht andererseits. Da ja Leiter für elektromagnetische Wellen undurch- lässig sind, werden dieselben an den beiden be- grenzenden Schichten reflektiert und es ist klar, daß dadurch erstens die Erdkrümmung über- wunden wird und zweitens die Energie der Welle viel mehr zusammengehalten wird, da sie sich ja nicht in den Raum hinaus, sondern nur nach zwei Dimensionen ausbreitet. Fleming'-) erklärt die Entstehung der Heaviside-Schicht auf folgende Weise: Man hat Gründe zur Annahme, daß die Photosphäre der Sonne hauptsächlich aus Kohlenstoff besteht. Sie ist also vergleichbar einem riesigen Kohlen- block, der bei einer Temperatur von etwa 6000'' außer Licht und Wärme, negative Elektri- zität, Elektronen, aussendet. Auf ihrem Wege durch die Chromosphäre nehmen diese chemische Atome auf und bilden negative Ionen. Diese werden durch den Lichtdruck der Sonnenstrahlen von der Sonne fort in den Weltraum hinaus ge- trieben. Ein Teil von ihnen gelangt zur Erde und bildet in den oberen Schichten der Atmo- sphäre die leitende Schicht. Setzt man die Dichte der Ionen gleich i und nimmt sie als kugelförmig an, setzt man ferner voraus, daß sie mit einer Geschwindigkeit von 200 km pro Sek. die Sonne verlassen, dann berechnet sich die Zeit, die sie zur Zurücklegung des Weges Sonne — Erde gebrauchen, bei einem Durchmesser von 160, 500, looo fif-i (l W<=.Viooonoo mm)zu25h 17-- bzw. 55 b 33min, 112h 17mm. g,g kommen mit einer Geschwindigkeit von 1900 bzw. 1000, 555 km pro Sek. an. Die durch ein Kilogramm des Staubes transportierte Energiemenge ist wegen der hohen Geschwindig- keit ganz außerordentlich groß; sie beträgt für den feinsten Staub 700 000 Pferdekraftstunden, ein Energiequantum, das ausreichend ist, um einen großen Panzerkreuzer 24 Stunden lang in Fahrt zu halten. Daß diese Energie zur Ionisation der oberen Schichten der Atmosphäre verwendet wird, ist nicht unwahrscheinlich. Neben dem Sonnen- staub kommt als Ursache der Ionisation noch die lichtelektrische Wirkung des Sonnenlichtes in Be- tracht. Wenn das Spektrum des bis zur Erdober- fläche herunterdringenden Sonnenlichtes auch bei einer Wellenlänge von 295 ; gibt auch ,.Eiweißpräzipitine" und die habe ich im Sinne. Mit ihnen hat es folgende Bewandtnis. Spritzt man einem Kanmchen artfremdes Blut ein, z. B. Pferdeblut und bringt man dann Serum von diesem Kaninchenblut mit Pferdehint znsam- inen. so entsteht ein Niederschlag, ein Präzipitat. Kein Niederschlag entsteht, wenn Blut eines nicht vorbehandelten Kaninchens mit Pferdeblut vereinigt wird. Durch dieVnrbeh'indlung des Kaninchens (durch Einspriizen des Pferdeblutes) entsteht im Kaninchen- blut al>o ein neuer Körper, eben das Präzipitin, der die Eigenschaft, die F"ähigkeit hat, einen Niederschlag, ein Präzipitat zu bilden. Diese Erscheinung hat sich die gerichtsärztliche Untersuchung zunnize gemacht. Wenn es sich darum handelt, menschliches Eiweiß z. B. Blut zu erkennen, so wird das zu untersuchende Objekt in Kochsalz aufgelöst und mit Serum eines mit Menschenbiut vorbehandelten Kaninchens zusam- mengebracht; entsieht ein Niederschlag, so ist er- wiesen, daß das Objekt Menschenblut war. Bleibt der Niederschlag aus, so war das Blut Tierblut, vorausgesetzt, daß ein mit Menschenblut ausgeführter Kontrollversuch einen Niederschlag ergibt. Eine andere praktische Anwendung findet die Präzipiiinreaktion bei der Untersuchung der im Lebensmiltelhandel vorkommenden Fleischsorten. Will man etwa eine Wurst auf Beimengungen von Pferdefleisch untersuchen, so bringt man Serum von Pferdeblut-vorbehandelten (bespritzten) Kanin- chen mit jener Wurstfleischlösung zusammen; ein Niederschlag beweist Pferdefleisch in der Wurst. Dasselbe gilt natüllich ebenso für Hunde-, Katzen- usw. Fleisch. Gerade bei dem jetzigen Hochvertrieb Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 2 von Dauerfleisch ist diese immer zuverlässige Unter- suchungsart von hohem Wert. In diesem Zusammenhange darf die biologisch hochwichtige Entdeckung, die Uhlenhuth ge- macht hat, nicht unerwähnt bleiben : Kaninchen- serum eines mit Menschenblut gespritzten Kanin- chens gibt einen Niederschlag, wenn es mit Menschenblut zusammengebracht wird ; es gibt auch einen Niederschlag, wenn man es mit Blut von anthropoiden Affen (Orang, Gorilla, Schimpanse und Gibbon) vereinigt; nicht aber mit dem Blut anderer Affen oder anderer Säugetiere. Damit hat Uhlenhuth die nahe Verwandt- schaftsbeziehung der (stammesgeschichtlich) hoch- stehenden Säugetiere mit dem höchstent- wickelten nachgewiesen. ( g7c. ) [Nachdruck verboten.] Zum Problem der Wünschelrute. Von Major z. D. Dr. W. Kranz. Zu diesem Thema hatte bereits der Heidelberger Geologe Prof. W. S a 1 o m o n erklärt, daß es bei sonst einwandfreien Ausschlägen der Rute nicht diese selbst ist, die den Ausschlag gibt, sondern das Nervensystem des Rutengängers, das reagiert, und die von diesen Nerven regierte Muskulatur, die das Instrument zum .Ausschlag bringt. Er gibt aber die Möglichkeit zu, daß hierbei eine physikalische Einwirkung von unterirdiscli ver- borgenem Wasser oder festen Substanzen, durch Strahlungen, Emanationen, elektrische, magnetische oder noch unbekannte Vorgänge auf das Nerven- system des Rutengängers stattfindet. „Ob das möglich ist oder nicht, ist keine geologische, sondern eine physiologische Frage". Diesen Ge- danken vertiefte jetzt der Wiener Hygieniker Prof. R. Graßbergerin 2 Vorträgen über die Wünschel- rute ') mit dem Rüstzeug der physiologischen Psychologie und bahnte damit eine wissenschaft- liche Erklärung des Problems an. Er schilderte zunächst sein erstes Zusammentreffen mit einem Wünschelrutengänger, der merkwürdigerweise gleichzeitig Geologe war. Obwohl nach allen bis- her bekannten geologischen Tatsachen an der betreffenden Stelle ein breiterer Grundwasserstrom zu vermuten war, hatte dieser Rutengänger „auf Grund einiger orientierender Versuche mit der Wünschelrute" die Ansicht, daß mehrere selb- ständige Wasseradern vorlägen. Entsprechend dieser vorgefaßten Meinung zeigte seine Rute solche Adern und ihre Tiefen an, auf einem Punkt zufällig richtig, an den meisten andern falsch, wie nachher ausgeführte Bohrungen ergaben. Diese zeigten ferner, daß auch die vorgefaßte Ansicht des Rutengängers falsch war und ein zusammen- hängender Grundwasserstrom vorlag, daß der Geologe also ungerechtfertigterweise der Rute mehr Vertrauen geschenkt hatte, als seiner Wissenschaft. Graßberger war aber vor Aus- führung der Bohrungen durch den einen zufälligen Treffer, von dessen Richtigkeit sich die Anwesen- den in einem naheliegenden Brunnenrohr über- zeugen konnten, zunächst so stark beeinflußt ge- wesen, daß die Rute auch in seiner Hand an einer der genannten Stellen das gleiche anzeigte, selbst bei verbundenen Augen, letzteres nach seiner Er- klärung durch unbewußte Beeinflussung seines Führers. Weiter schilderte der Wiener Arzt ein Ausschlagen der Rute in seiner Hand auf einer Straßenseite, wo er dann einen Hydranten und Spuren frischer Aufgrabungen offenbar über einem Rohrgraben bemerkte. Daß sie schon vorher in sein Blickfeld gelangt waren, genügte zur Sug- gestion der Wasserader und dadurch zum Aus- schlagen der Rute. Bei Laboratoriumsversuchen des Wiener Psychologen verteilten sich die Treffer und Nieten wie bei Zufallsspielen nach der Wahr- scheinlichkeitsrechnung. Graßberger gelanges nun, die Rute nach seinem Willen auf bestimmte Gegenstände in vorher be- stimmter Weise reagieren zu lassen, obwohl er bei den Ausschlägen überzeugend das Gefühl hatte, daß seine Hand gewaltsam von der Rute verdreht wurde, auch wenn er die Bewegungs- richtung und den Sinn der Ausschläge plötzlich willkürlich änderte. Nach Ausschaltung von Be- wegungen seiner Schultern, Ellbogen und Hand- gelenke gelang Graßberger schließlich die Drehung der Wünschelrute mit nicht sichtbaren Bewegungen seiner Hände und der Nachweis, daß dabei ganz un- scheinbare Fingerbewegungen, Beuge- bewegungen entscheidend mitwirken, daß triebartige, ursprünglich unbe- wußte Greifbewegungen die Ausschläge hervorriefen. Das widerlegt die Ansicht E. Hennig's,^) der menschliche Körper erzeuge nicht bewuiSt oder unbewußt, willkürlich oder unwill- kürlich mittels der Muskeln eine Eigenwir- kung beimRutengehen, sondern leitenur. DerRuten- gänger kann vielmehr bei einiger Übung die sicht- baren Fingerbewegungen ausschalten; sein Instru- ment arbeitet dann, unter Umständen ohne daß er selbst sich dessen bewußt ist, durch kleine Be- wegungen der Fingerbeuger so, als ob die Rute selbst ihre Ausschläge hervorrufe, unter Umständen bis zum Durchbrechen des Holzes neben der Hand, ') I. Die Wünschelrute; II. Suggestion und Hypnose. Wien 1917, ') Untersuchungen n: Wochcnschr. 1917, S. 537. Wünschelrute. N. F. XVII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 23 wie es H e n n i g schildert. ') Dabei ist aber, was schon Paracelsus vor 400 Jahren sagte, der Glaube die bewegende Kraft der Rute. Nament- lich der falsche Glaube vieler Wünschelrutenleute, die schmale lebhafte Wasseradern annehmen, wo tatsächlich breite träge Grundwasserströme vor- liegen, entspricht nach Graßberger „einer Wunschvorstellung, da so die Treffer überaus ver- mehrt werden. Der gläubige Laie macht den Irrtum mit. Die Aufklärung bleibt natürlich dort, wo etwa nur an den Stellen, die der Rutengänger angibt, und nicht wie in unserem Versuch auch an ausschlagfreien Stellen gebohrt wird, aus". Durch solche Bohrungen an ausschlagfreien Stellen hat ja auch v. Linst ow^) die Unhaltbarkeit der Vorstellung von Wasseradern in einem typischen Fall nachgewiesen, wo die Wünschelrute solche Adern erkannt haben wollte; diesen Linien „irgend, eine physikalische Bedeutung" zuzusprechen ''j, geht gerade in diesem völlig mißglückten Falle ent- schieden zu weit, die „Linien" existierten überhaupt gar nicht, wie aus v. Linstow's Darstellung und auch nach meiner Kenntnis der geologischen Ver- hältnisse dort klar hervorgeht, jedenfalls waren es keine „Wasseradern", sondern zum mindesten als solche eine Einbildung des Wünschelmanns. Andererseits beruhen Rutenerfolge wohl vielfach auf reicher Ertahrung, scharfer Beobachtungsgabe und „guter Gefühlstonung" in Verbindung mit Suggestion (vgl. Graßberger). Es ist daher sicher nicht richtig, daß der menschliche Körper dabei lediglich das Medium darstellt, das die Über- tragung von Wirkungen auf die Rute vermittelt.*) Graßberger hält es zwar „für unwis.sen- schafilich und daher für ungerecht, wenn man bei der Erklärung der Wünschelrutenerscheinungen leichtsinnig mit dem Wort Schwindel herumwirft", gibt aber zu, „daß die vielen Empfindungstäuschungen, die hier eine Rolle spielen, auch einmal einem Geriebenen Gelegenheit geben, sein Piofitchen zu machen". Wenn es allerdings so leicht ist, durch Übung wie etwa beim Üben eines iVlusikinstru- ments sichtbare Muskelbewegungen auszuschal- ten und die Rute anscheinend von selbst aus- schlagen zu lassen, dann ist „dem Schwindel, der bewußten Täuschung Tür und Tor geöffnet", um so mehr, als das Wünschelrutengehen meist auch ein sehr einträgliches Gc'^chäft darstellt und vom großen Publikum derart bevorzugt wird, daß z. B. manche Brunnenmacher schon der Konkurrenz wegen mittun müssen. „Man vergesse auch nicht, daß zwischen vollbewußtem Schwindel und rein suggestiven Vorgängen Übergänge vorkommen" (Graßberger). Salomon machte bereits darauf aufmerksam, daß die Rute nicht allein auf Wasser, sondern auch auf Gesteinswechsel, auf Gold, Kohle, Petro- leum, Salz usw. reagieren soll. Graßberger erwähnt Versuche auf Erze, Kohle, Wasser, die gänzlich mißlangen. N^ch Hennig-) könnte man damit auch Blindgänger, Findlingsblöcke, Dichtigkeitsunterschiede, größeren oder geringeren Gr>ldgehalt von Schmuckstücken, am menschlichen Körper Stellen anormaler Beschaffenheit feststellen, überhaupt Dinge, die nach seinen eigenen Worten „ans Fabelhafte grenzen" und eine „wundersame Erscheinung" darstellen. Er hat aber doch das Empfinden, daß damit ,,ein Kurpfuschertum ent- wickelt und Nutzbringendes zum Verderben ge- staltet" werden kann. Graßberger schildert einen entsprechenden Fall, wo ein Wünschelmann beim Kopf und Unterleib einer Dame Emanationen von zwei Köpfen feststellte: Die Dame war näm- lich in den ersten Monaten der Schwangerschaft, und der Wiener Arzt vermutet, daß eine bereits vorhandene leichte Vorwölbung rutenausschlag- bestimmende Lokalzeichen über dem Kopf des Embryos lieferte. Da ferner die Rute mit den verschiedensten Stoffen und Formen hergestellt wird, ohne auch nur einigermaßen Gewähr für sicheres Anzeigen zu geben, da es Leute gibt, „die schließlich auch ganz ohne Rute arbeiten", und da man ja gar nicht weiß, was der Wünschel- mann eigentlich anzeigt, und ob er nicht, wie es Graßberger gelang, sein Nervensystem auf bestimmte Gegenstände reagieren lassen will, oder glaubt, daß dies der Fall sei, so scheint mir nach dem jetzigen Stand der For- schung die Verwendung der Wünschel- rute namentlich vom Standpunkte des Geologen doch im ganzen recht wert- los, selbst wenn der Geologe mitwirkt und nachprüft. ') Er eerät dabei vom Pfade der vor- aussetzungslosen Wissenschaft auf das Gebiet der vorgefaßten Meinung, des Glaubens und Dogmas, wie wir sahen, und verschwendet kostbare Zeit im Kampf gegen unhaltbare Vorstellungen, z. B. gegen den vielfach falschen Glauben an Wasser- adern, die irrige Anschauung von meist gar nicht vorhandenen Trübungen im Grundwasser, die einen Ausschlag der Rute verhindern sollen, oder die abenteuerlichen Ansichten übergroße Geschwindig- keit von tatsächlich trägen Grundwasserströ- mungen. Ich habe deshalb in dem von Hoehne und Wagner geschilderten Fall '-) meine persön- liche Beteiligung an Wünschelruten versuchen seiner- zeit ausdrücklich verweigert, ihre Nachprüfung aber ') Zum Problem der Wünschelrute. Naturw. Wochenschr 1917, S. 252. '-) Ergebnisse von Grundwasserfeststellungen mittels dei Wünschelrute bei der Försterei Trassenmoor. Naturw Wochenschr. 1916, S. 161 — 164. ') Hennig a. a. O. 1917, S. 537. *) Hennig, a. a. O. 1917, S. 537. ') A. a. O. 1917, S. 539. 2) Vgl. u. a. E. Hoehne und W. Wagner, Ein Bei- lrag zur Frage der Wünschelrute aus der Umgebung Strasburgs. Naturw. Wochenschr. 1916,8. 672—675. — L. van Werveke, Geologie und Wünschelrute. Das Wasser, Leipzig I9l7i Nr. 5—7. — Diese Ansicht bestätigen m. E. auch die von E. Hennig a. a. O. geschilderten Tatsachen, abgesehen von deren Deutung. 24 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 2 veranlaßt; sie ergab einen vollen Mißerfolg des Rutengängers. Einen Nutzen hat jedoch die Be- geisterung eines kritiklosen Publikums und manches Irregeleiteten für die Wünschelrute gebracht: Sie „erweitert den Umfang kostspieliger experimen- teller Bohrungen, sie nützt durch die reichen Auf- schlüsse indirekt auch der exakten Wissenschaft, die nicht immer auf so schrankenlose Freigebigkeit stößt." (GTc) Einzelberichte. Botanik. Daß es neben den Fels bewohnenden Flechten auch Atgenarten gibt, die imstande sind, die kalkige Unterlage aufzulösen, ist bereits mehr- fach beobachtet worden. So beschreibt Nadso n solche Formen von der Küste von Helgoland und anderen Orten. Dabei handelt es sich um Arten, die dauernd unter Wasser leben oder wenigstens von Spritzwasser erreicht werden. Ganz anders verhalten sich die von E. Bachmann beschrie- benen kalklösenden Algen (Ber. deutsche bot. Ges. 33, 45 — 57,1. Auf den oberdevonischen Kalken von Plauen fand er kleine punktförmige Ansiedelungen einer in die Nähe der Sektion XatifJwcapsa Nägeli der Gattung Gloeucapsa Kützing gehörenden Chroococcacee. Einzellig, zu vier oder acht oder in unregelmäßig gestalteten Paketen bildet sie bei Feuchtigkeit kegelförmige Algenkörper, die sich in den Kalk einbohren und daher in kleinen Grübchen sitzen. Der über ihnen gebildete Raum ist zweimal größer als der Inhalt der .Algenmasse, wodurch sie sich von den mehr in die Breite wachsenden Kalkflechten unter- scheiden. Der Hohlkegel, besonders der obere freie Raum kann nur durch chemische Einwirkung infolge Abscheidung einer Säure oder eines sauren Salzes entstehen. Nadso ns Annahme, daß Kaliumoxalat ausgeschieden wird und sich mit dem Substrat zu Kalziumoxalat umsetzt, wird durch die Beobachtungen Bachmanns nicht bestätigt. Dieser nimmt vielmehr an, daß die Algen eine organische Säure abscheiden, die mit dem Kalzium ein lösliches Salz bildet. Hierdurch wird der Kalk aufgelöst und die dabei freiwerdende Kohlensäure wirkt in gleichem Sinne. Diese beiden Lösungsmittel erklären die Entstehung von Hohlräumen, die sich eng an die Form des Algenthallus anschließen, und ihre allmähliche Erweiterung vollständig. So versinken die Algen allmählich im Kalk. Die biologische Bedeutung dieses Vorganges sieht Bachmann darin, daß die kahle, sonnige Felswände bewohnenden Algen viel länger mit Wasser versorgt bleiben, als wenn sie nur oberflächlich anhaften würden. Noch klarer tritt diese Bedeutung bei einigen in der Aareklamm und der Am dn er Tobelschlucht in der Schweiz beobachteten Kalkalgen zutage. Neben Arten von Oiroucocciis, Glococapsa und (seltener) Aphanothece finden sich hier auch Faden- algen wie Scyfoiiema, Pciifalo/ienia und andere. Bis zu einer Tiefe von 1,5 mm zerlegen sie den Kalk durch zahlreiche Klüfte in wulstige Gebilde, so daß er fast schwammartig durchlöchert er- scheint. Auch hier ist der Raum der so ent- stehenden Poren bedeutend größer als der Ge- samtinhalt der darin lebenden Algen. Da alle diese Algen in von ihnen selbst gebildeten Höh- lungen leben, bezeichnet sie Bach mann im Gegensatz zu den an Felsspalten klebenden Fels- haftern treffend als kalklösende Felsin- wohner. Später berichtet derselbe Autor über einen kalklösenden Pilz (Ber. deutsche bot. Ges. 34, (581 — 591). Auf dem Solnhofer Schiefer fand er braune Lager von 3 — 4 mm Durchmesser, die aus Hyphen bestehen. Daß es sich nicht um Flechten handelt, lehrt das völlige Fehlen von Gonidien; es ist ein Pilz, der als Pharcidia liehe- niiiii (Arn.) bestimmt wurde. Er lebt als selb- ständiger Saprophyt auf dem Plattenkalk und ist imstande, in ihn bis zu geringer Tiefe einzudringen, wobei die Hyphen wallartige Ränder um sich stehen lassen. Im Gegensatz zu den Algen wird die kalklösende Säure offenbar nur in sehr ge- ringen IMengen abgesondert, so daß ein tieferes Einsinken unmöglich ist. Wir haben demnach einen Felshafter, einen kalklösenden Felsan- wohner, vor uns. Unklar ist es, wie sich der Pilz, der gewöhnlich als Schmarotzer auf verschie- denen Flechten lebt, auf dem Kalk ernährt. Als Hauptnahrungsquelle ist wohl das gelbliche Sedi- ment anzusehen, das sich fein verteilt zwischen den Kalkkristallen findet. Die zartesten Hyphen treten daher in innige Verbindung mit seinen Bestandteilen. Kr. P. Stark untersuchte die Frage, ob die Kontaktreizbarkeit im Pflanzenreich nur auf be- stimmte Fälle beschränkt ist, wo sie wie bei winden- den oder kletternden Pflanzenteilen eine nachweis- bare ökologische Bedeutung besitzt, oder aber all- gemein verbreitet ist (P. Stark, Untersuchungen über Kontaktreizbarkeit. Ber. deutsche bot. Ges. 33, 389—409). Exp. Unts. üb. d. Wesen u. d. Verbr. d. K. Jahrb. w. B. 57. 1917. 189—320. Danach kann die zweite Annahme als endgültig bewiesen gelten. Stark experi- mentierte zunächst mit im Dunkeln gezogenen und daher etiolierten Keimpflanzen von etwa vierzig Mono- und Dikotyledonen, die er mehr- mals mit einem glatten Korkstäbchen bestrich. Dabei ergaben alle positive Krümmungen, wenn auch dünnstenglige und schnell wachsende Formen in stärkerem Grade als andere. Am empfind- lichsten erwies sich Agrostemma Gifhago L., die N. F. XVII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Kornrade, wo die Reaktion schon nach ein bis zwei Minuten erfolgte. Auch eine Leitung des Reizes sowohl in akropetaler wie basaler Richtung war deutlich zu beobachten, die schneller erfolgt als in den im allgemeinen viel empfindlicheren Ranken kletternder Gewächse. Die Reizbarkeit in beiden ähnelt sich insofern, als sie dem Weber' sehen Gesetze folgt und mit zunehmendem Alter zunächst wächst, um von einem bestimmten Zeitpunkt an wieder abzunehmen. Der wichtigste Unterschied besteht darin , daß die Keimlinge auch für Reize durch feuchte (Stäbchen mit Gela- tineüberzug) und flüssige (Wasserstrahl) Erreger emp- findlich sind, gegen die sich Ranken gleichgültig ver- halten. Die Reizbarkeit der Keimpflanzen steht da- nach in der Mitte zwischen der bei Ranken und der bei den seismonastischen Pflanzen beobachteten. Am umfangreichsten waren die Versuche mit älteren Pflanzen, die aus möglichst verschiedenen Ver- wandtschaftskreisen gewählt wurden. Auch sie zeigten die Reizbarkeit ganz allgemein, wenn sie mit einem Holzstäbchen (etwa 50 mal) bestrichen wurden. Da hier die Teile bedeutend dicker waren, das schnelle Wachstum fehlte und die Versuche bei niederer Temperatur unternommen werden mußten, waren die Krümmungen allerdings schwächer. Aus den Ergebnissen sei folgendes erwähnt. Zahlreiche nich t kletter nde Pflanzen waren überall, besonders aber an behaarten Teilen reizbar. Das gleiche gilt in noch höherem Grade von windenden Pflanzen. Daher ist anzunehmen, daß die Kontaktreizbarkeit am Zustandekommen der Wnidungen beteiligt ist, doch darf ihre Be- deutung bei der germgen Intensität nicht über- schätzt werden. Auch die Blattsiielkletterer ergeben stets positive Resultate, nicht dagegen die Rankenpflanzen. Manche von diesen wie Passifhira. Cucurbita haben völlig unemp- findliche Hiatt'itiele und Laubsprosse. Auch bei den übrigen ließ sich eine Parallelität zwischen der Empfindlichkeit der Ranken und der übrigen Organe nicht nachweisen. So wird durch die Versuche Starks die schon von Darwin ausgesprochene Ansicht be- stätigt, daß die kletternden Gewächse nur eine weit verbreitete und offenbar in der Entwicklung befindliche Fähigkeit weiter ausgebildet haben. Zahlreiche Nichtkletterer (sicher etwa V3 der untersuchten) reagieren mit Blattstielen, Laub- sprossen und Blütenachsen; jedes dieser Organe konnte daher durch Steigerung der Reizbarkeit zu einem Kletter- und Greiforgan werden. Hier- bei erhöhte sich aber die Empfindlichkeit im ganzen Pflanzenkörper. Nur bei den rankenden Gewächsen ist es dann zu einer ausgesprochenen Lokalisierung gekommen, wobei die Reizbarkeit ihren Charakter änderte; sie reagieren auf Gelatine und Wasser nicht mehr, was vom Nützlichkeits- standpunkt durchaus begreiflich ist. Obwohl er nur Blütenpflanzen und Gefäßkryptogamen unter- suchte, zweifelt Stark nicht daran, daß auch die Thallophyten dieselben Erscheinungen aufweisen. Die erstgenannte Arbeit ist eine Zusammenfassung der in der zweiten ausführlich dargestellten Unter- suchungen. Kr. Physiologie. Daß sich der zunehmende Mangel an Brotgetreide auch in Frankreich, im Lande des We/ßbrots, mehr und mehr fühlbar macht, geht aus einem Bericht an die Pariser Akademie in ihrer Sitzung vom 27. August 191 7 hervor. (Ame- lioration du pain de guerre par neutralisation des ferments du son. Note de M. M. Lapicque et Legendre C. R. N. 9 191 7.) Das vorgeschriebene Brot enthalte gegenwärtig eine beträchtliche Menge von Kleie. Dadurch würde bedingt, daß es schlecht schmecke und, namentlich für schwache Mägen, schwer verdau- lich sei. Diese Mißstände hätten schon wiederholt Proteste veranlaßt, welche eine Ausmahlung auf So^/o statt 85 % verlangten. Mit Recht weise man darauf hin, daß die Übelstände durch den hohen Kleiegehalt bedingt würden, füge aber mit Unrecht hinzu, daß bei schwächerer Ausmahlung gerade- soviel Nährstoffe erspart würden ; denn, so hieße es, „aus Kleie kann man kein Brot machen". Der Nährwert des Getreides an Stärke und Kleber srhwanke; im Durchschnitt mache nach Aime Girard der Kern **/,qo aus; leider wären die Mühlen gegenwärtig nicht eingerichtet, um eine reinliche Scheidung zwischen Schale und Kern zu ermöglichen. Man verfahre in der Weise, daß der Kern fein zermahlen würde, während die Schale relativ große Schuppen darstelle. Je nach der Feinheit des Siebs gelangten größere oder kleinere Kleicstücke ins Mehl und die größten davon ent- hielten noch Nährstoff. Daraus ergäbe sich, daß man, will man ganz reines Mehl haben, mindestens ein Drittel der Masse beim Ausbeuteln zurück- halten müßte. Man habe also die Wahl, entweder auf einen beträchtlichen Bruchteil von Nahrungs- stoff des Getreides zu verzichten oder Brotmehl zu bekommen, welches noch Kleie enthält. Den Verfassern sei es nun gelungen, ein Verfahren ausfindig zu machen, welches die genannte Schwierigkeit umgeht. Wie Mege-Mouries nachgewiesen hat, be- steht die Getreideschale nicht bloß aus nutzloser Cellulose, sondern enthält auch Aleuronkörner, welche bei der Brotbereitung eine wichtige Rolle spielen. Ein bequemes Material, um diese Frage zu studieren, stellten die Mühlenprodukte dar, welche zwischen Kleie und Mehl stehen, das sog. Kleiemehl oder die Grütze. Diese Mühlenprodukte waren gegenwärtig noch leicht zu bekommen, weil sich die Mühlen auf die neuen Gesetzesvorschriften noch nicht einrichten konnten und dem reinen Mehl mehr oder weniger Kleie zusetzten. Das rötlich bis grau gefärbte Kleiemehl ist ausge- sprochen sauer; wenn es, selbst bei Zusatz eines Antiseptikums, angefeuchtet wird, entwickelt es rasch einen üblen Geruch, und während der Zer- setzung wird der Säuregehalt noch beträchtlicher 26 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 2 Unter Einwirkung von Ammoniakdämpfen oder irgendeines Alkalis würde nun die Farbe heller, gegen das Zitrongelbe hin. Daß dies auf Vor- gängen beruht, welche sich in den Aleuronzellen vollziehen, kann durch das Mikroskop festgestellt werden. Die Umfärbung ist die Folge einer Ver- änderung in den löslichen Substanzen, welche bei der Mazeration des Kleiemehls frei werden, und kann als ein Zeichen der vollzogenen Neutralisierung gelten. Wie die Erfahrung zeigt, ist mit der Umfär- bung einVerschwinden des Säuregehaltes verbunden. Dieses bei Laboratoriumsversuchen gefundene Ver- fahren sei nun für die Bäckerei praktisch nutzbar gemacht worden. Man verfuhr in folgender Weise : Man nahm 4470 g von Mehl aus La Plata- getreide zu 76 "j^ ausgemahlen und 30 g Kleie- mehl derselben Herkunft mit ungefähr ^/g Kleie; darauf mischte man i kg Mehl 90 g Hefe hinzu. Als diese gärte, behandelte man das Kleiemehl mit Kalkwasser, bis sich die Umfärbung zeigte, wozu ungefähr i 1 davon nötig ist; darauf gab man gewöhnliches Wasser zu, bis der Teig die nötige Konsistenz hatte. Das Brot schmeckte dann wie das gewöhnliche für die Lazarette ge- backene. Es sei freilich wahr, daß die Brot- bereitung mit Hefe an und für sich schon ein günstiges Moment bildet. Es wurden aber auch 190 Brote zu 1400 g nach dem gewöhnlichen Verfahren gebacken, nur daß das Kleiemehl in der angegebenen Weise behandelt worden war. Das Ergebnis war vollständig befriedigend: das Brot schmeckte gut, nicht säuerlich und hielt sich vortrefflich. Die Zivilbäckereien bekämen bekanntlich das Mehl schon gemischt mit einem beträchtlichen Zusatz von Mais. Das Brot wurde in der üblichen Weise gebacken, nur daß das gewöhnliche Wasser durch Kalkwasser ersetzt wurde. Fünfmal war das Ergebnis gut, und nur zweimal befriedigend, offen- bar infolge eines Fehlgriffes; aber auch hier war das Brot zweifellos besser. Man könne also ohne besondere Erhöhung der Arbeitslast und keinerlei Mehrkosten ein ganz annehmbares Brot mit nur zu 1 5 "/o ausgebeuteltem Meiil machen. Schon Lieb ig habe die Verwendung von Kalkwasser beim Backen vorgeschlagen, ging aber dabei von anderen Gesichtspunkten aus; er hatte nämlich die Einwirkung des Alkalis auf den Kleber im Auge. Kathariner. Ü ber de n Wert der Pilze als Nahrungsmittel.*) Zur Klärung der Frage nach dem Nährwert der Pilze sind von den Herren Prof. Dr. Schmidt, Dr. Klostermann und Scholta im Hygie- nischen Institut Halle a. S. 5- bis 7tägige Ver- suche angestellt worden. Zur Verwendung ge- langte feinstes Pulver von getrockneten Steinpilzen. Die Nahrung bestand beim ersten Versuch aus Mehl, Zucker (beides in Farm von Keks), Wurst und reinem Fett. Beim Hauptversuch wurde ein ') Deutsche med. Wochenschr. 1917, Nr. 39. Teil der Wurst durch Pilze ersetzt. Bei einem zweiten Versuch dienten Trockenkartoffeln, Käse und Fett zur Nahrung, wovon später die beiden ersten Stoffe teilweise durch I^ilzmehl ersetzt wurden. In beiden Fällen war der Pilzzusaiz so groß, daß der dadurch zugeführte Stickstoff 5o7o der Gesamtmenge betrug. Durch sorgfältige Be- stimmung der mit der Nahrung aufgenommenen und der in den Ausscheidungen wieder abgegebenen Stickstoffmenge wurde festgestellt, daß die Aus- nützung des Pilzstickstoffes etwa 86 — 90 % betrug. Danach enthalten 100 g der verwendeten Trocken- substanz 26,77 S verdaulichen Stickstoff, frische Pilze, den Wassergehalt mit 90 "/o angenommen, etwa 2,7 g. Wenn diese Versuche eine wesent- lich höhere Ausnützung ergaben als frühere, so erklären die Verfasser dies dadurch, daß von ihnen ein äußerst feines Mehl verwendet wurde, dessen Herstellung im großen allerdings schwierig und daher unrentabel wäre. Heycke. Zoologie. Über biologische Beziehungen zwischen Dipteren und Schnecken handelt eine anziehende Arbeit von H. Schmitz S. J. im Biologischen Zentralblatt 191 7, Seite 24 bis 43. Man könnte die von Schnecken abhängigen Di- pteren einteilen in Endoparasiten, Epizoen und Nekrophagen; nur steht für manche Art noch nicht fest, ob sie den Endoparasiten oder den Nekrophagen zurechnet werden müßte. Eines wie das andere kommt übrigens in keinem Falle für das Volltier in Betracht, sondern nur für die Larve. Daß Onesia cognata Meigen, eine blaue Pliege, als Larve ein echter Schnecken-Endoparasit ist, konnte Schmitz erstmalig und einwandfrei fest- stellen. Er hatte sich viele Hunderte kleiner häufiger Gehäuseschnecken, Helix hispida, Patula rotundata, Hyalinia cellaria und andere, verschafft, und zwar, nach einer bei Molluskensammlern wohl noch kaum gebräuchlichen Methode, durch Kät- schern im nassen Grase eines unweit Maastricht gelegenen Waldes, was namentlich an Regentagen im Mai und Juni reiche Beute sicherte. Der eigentliche Zweck dieses Schneckensammelns be- stand in der Gewinnung von etwa 600 Larven eines Käfers, Drilus flavescens Fourcr., die sich ausschließlich von Schnecken ernähren, diese in ihrem Gehäuse belagern und sie bei lebendigem Leibe auffressen. Die Fliege Onesia trat ganz überraschend in den Zuchtbehältern auf. Darauf- hin war schon anzunehmen, daß die Larve der Fliege in lebenden Schnecken parasitierte ; doch bei der Möglichkeit, daß unter den gesammelten Schnecken einige tote waren, wurde mit der Ver- öffentlichung der Beobachtung gewartet, bis sie nach einigen Jahren bestimmter wiederholt werden konnte. Am 28. Mai 1916 waren ein Dutzend lebhaft umherkriechende Schnecken isoliert worden; am 4. Juni war eine von ihnen, eine Patula rotundata von 6 — 7 mm Schalendurchmesser, tot N. F. XVII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 27 und barg in ihrem Innern eine Fliegenlarve, die schnell wuchs, aus dem Schneckengehäuse aus- wanderte, sich verpuppte und in der Nacht vom 25. zum 26. Juni als Onesia cognata schlüpfte. — Wie die Larve in die Schnecke hineingerät, und ob Onesia cognata wie andere Onesien larvipar ist oder ovipar, ist noch nicht bekannt. Bei man- chen Dipteren, deren Larven ein Schnecken- Endoparasitismus nachgesagt wurde, ist diese An- gabe noch zweifelhaft. Sie ist allerdings wahr- scheinlich richtig bei Sarcophaga haemorrhoa Meig., denn diese Fliege wurde nach Mik's An- gabe aus einer jungen Helix hortensis gezüchtet, die an einem Blatte saß, also vermutlich gelebt hatte, denn junge tote Schnecken wird man kaum auf Blättern finden. Schmitz hat die Larve dieser Fliege nur in einer jungen toten, angefaulten Helix — ob hortensis oder nemoralis, war nicht zu unterscheiden — gefunden, wo sie das Hinter- leibsende mit den Stigmen aus der fauligen Jauche hervorstreckte, um später auszuwandern, sich in der Erde zu verpuppen und dann zu schlüpfen. Sie wird wahrscheinlich den Tod der Schnecke veranlaßt haben. Weitere Angaben Schmitz' handeln von Fliegenlarven, die sich aus lebenden Schnecken herausarbeiteten. Dagegen ist Helicobosca muscaria irrtümlich zum Parasiten von Helix arbustorum, pisana und pomatia gestempelt worden. Denn Schmitz stellte fest, daß sich das Weibchen dieses Kerb- tiers um lebende Schnecken nicht kümmert, son- dern wartet, bis man ihm eine tote Helix zur Brutablage anbietet. Letzteres tun auch die zu den Phoriden gehörigen Paraspiniphora-Arten, und daher nimmt Schmitz selbst für einen Fall, wo er in einem mit Kalkdeckel fest verschlossenen Gehäuse von Helix pomatia statt der lebenden Schnecke zahlreiche Puparien zweier Paraspino- phora-Arten fand, an, daß die Phoridenweibchen den Kadaver der im eingedeckelten Zustand ge- storbenen Schnecke gerochen und ihre Eier am Rand zwischen Deckel und Schale außen abgelegt haben, worauf die Larven sich durch Poren oder Spalten ins Innere des Gehäuses begeben hätten. Die Phoriden sind die eigentlichen Totengräber unserer Häuschenschnecken. Sammelt man leere Gehäuse, so findet man, besonders gegen Ende des Winters, in ihnen eine buntzusammen- gewürfelte Kerbtiergesellschaft, in der die Larven und Puppen der gesetzmäßigen Schneckenverzehrer an der Regelmäßigkeit ihres Auftretens leicht kenntlich werden. Ebenso finden sich die spezi- ellen Schnecken-Nekrophagen mit besonderer Regelmäßigkeit ein, wenn man im Sommer an einer schattigen Waldesstelle in kochendem Wasser getötete Häuschenschnecken für mehrere Wochen als Köder auslegt. Aphiochaeta ruficornis Meigen ist eine weitverbreitete, aber seltene und nur aus Schneckenkadavern einmal in Menge gezüchtete Phoride. Von anderen Phoridenarten weiß man, daß sie ihre Eier regelmäßig an Schneckenkadaver ablegen, oder daß sie aus toten Schnecken zu züchten sind. Schmitz konnte dies noch für mehrere Arten feststellen, die ausnahmslos der schon erwähnten Untergattung Paraspinophora Malloch der alten Gattung Phora angehören. Er vermutet, daß auch die übrigen europäischen und nordamerikanischen Paraspinophora-Arten aus faulenden Schnecken zu züchten sein werden. Als morphologische Anpassung an die Brutver- sorgung haben sie ein besonderes Geruchsorgan auf der Oberseite der Maxillartaster in verschieden starker Ausbildung, eine einfache oder zusammen- gesetzte Mulde, aus der oft Hunderte von farb- losen, von einem breiten Nervenstrang versorgten Stiftchen herausragen. Das Organ kehrt wieder bei der afrikanischen Gattung Hypocera, die gleichfalls ihr Larvenleben in faulenden Weich- tieren zubringt, und als Anpassung an termito- phile oder myrmekophile Lebensweise bei Thauma- toxena und Euryphora. Anpassungen anderer Art sind der afrikanischen Phoridengattung Wandolleckia eigen, der einzigen als Epizoen, und zwar auch im Volltierstadium, auf Schnecken lebenden Dipteren. Sie machen durch Abkürzung oder LInterdrückung des Larven- stadiums eine weitgehend ametabole oder imaginale Entwicklung durch, offenbar deshalb, weil eine normal organisierte Phoridenlarve beständig in Gefahr wäre, bei Zurückziehung des Schnecken- körpers von ihm abgestreift zu werden, während die lebhaft beweglichen Volltierstadien bei Störung schnell davonrennen und bald wiederkehren können. Sie ernähren sich vielleicht vom Schleim der Schnecken. Auch die Ametabolie kehrt bei Termitophilen wieder. Teile der Entwicklung von Wandolleckia, inbesondere deren Anfang, sind jedoch noch unbekannt, ebenso die Männchen dieser Gattung. Besonderer Beobachtung empfiehlt Schmitz schneckenreiche Gegenden, da seltene Schneckenfresser wahrscheinlich nur dort vor- kommen werden, wo günstige Nahrungsbedingungen ihre Ernährung hochgradig sichern. In Marokko sollen Schnecken geradezu das Landschaftsbild beeinflußen. Bei Grado kenne ich einen Pinien- wald, dessen Grasboden von fern wie mit weißen Blumen übersät erschien, die sich von nahe als Grasstengel mit zahlreichen weißen, wenn ich nicht irre, Helix pisana-Schnecken erwiesen. V. Franz. Über die Abhängigkeit der Körpertern- peratur von der Pubertätsdrüse (mit i Tabelle und I Figur). Die interessanten Untersuchungen von S t e i n a c h haben ergeben, daß die Ausbildung der sekundären Geschlechtsmerkmale bei den Säuge- tieren von der Keimdrüse abhängig ist, und zwar konnte Steinach nachweisen, daß es speziell die interstitiellen Zellen sind — das von ihm als Pubertätsdrüse bezeichnete Zwischen- gewebe der Keimdrüsen — , die die Entfaltung der Geschlechtscharaktere beeinflussen. Die Wirkung der Pubertätsdrüse ist geschlechtsspezifisch, 28 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 2 d. h. jede Drüse ruft nur die Merkmale ihres Ge- schlechtes hervor, jedoch vermag sie, wie ebenfalls Steinach zeigen konnte, auch in dem Kastraten des anderen Geschlechtes ihre Funktion auszuüben. Das kastrierte Männchen, dem Ovarien im- plantiert werden, wird f e m i n i e r t : Skelett, Körper- formen und Behaarung nehmen weiblichen Cha- rakter an, die im männlichen Geschlecht rudimen- tären Brustwarzen und Brustdrüsen erreichen die volle Größe dieser Organe bei den Weibchen und beginnen mit der Milchsekretion. Außer diesen somatischen Geschlechtsmerkmalen ändert sich auch das psychosexuelle Verhalten der operierten Tiere. Die feminierten Männchen säugen die Jungen, die man ihnen gibt, es fehlt ihnen der Geschlechts- trieb, der Mut und die Rauflust der männlichen Tiere, sie lassen sich von diesen bespringen, kurz, das Nervensystem der feminierten Männchen ist vollkommen in weiblicher Richtung erotisiert. Werden kastrierten Weibchen Hoden eingepflanzt, so findet das Umgekehrte statt, die Weibchen werden maskuliert: Gewicht, Größe, Körper- proportionen werden denen der Männchen ähnlich, die Schwellkörper der Clitoris wachsen derart, daß ein penisartiges Gebilde zustande kommt. Das Nervensystem der maskulierten Weibchen wird in männlicher Richtung erotisiert: brünstige Weibchen werden verfolgt und besprungen, nor- male Männchen angegriffen. Neuerdings haben S t ei n a ch und Lipschütz*) den Einfluß der Pubertätsdrüse auf die Körper- temperatur untersucht und festgestellt, daß auch diese von der geschlechtsspezifischen Wirkung der genannten Drüse bestimmt wird. Es war be- reits aus früheren Untersuchungen bekannt, daß die Körpertemperatur bei den Wirbeltieren eben- falls ein Geschlechtsmerkmal ist. Beim weiblichen Geschlecht ist sie in der Regel höher als beim männlichen. Beim Meerschweinchen, das Steinach und L i p s c h ü t z zu ihren Experimenten benutzten, beträgt die Differenz im Durchschnitt 0,6 — 0,7". Allerdings schwankt die Körpertemperatur beim einzelnen Individuum in ziemlich hohem Maße, und es dürfen daher, wenn einwandfreie Resultate Zahl der Gesamt- Mittlere gemes- zahl der Körper- senen Mes- tempera- Tiere sungen tur I. Normales Weibchen . . 5 133 37.3 ) 2. Kastriertes Weibclien . . 51 36.9 \ 3. Maskuliertes Weibchen . 1 25 36,8|| 4. Normales Männchen . . 3 73 36,7)1 5. Kastriertes Männchen . . 3 59 36.7 1 6. Feminiertes Männchen. . 2 68 37,2 Mittle ') Lipschütz A., Über die Abhängigkeit der Körper- temperatur von der Pubertätsdrüse. .\rch. f. d. ges. Physiol., Ed. 168, 1917. erzielt werden sollen, bei den Messungen ver- schiedene Momente nicht außer acht gelassen werden. Zunächst einmal beeinflussen die Körper- bewegungen die Temperatur. Je unruhiger das Tier bei der Messung ist, desto höher ist die Tem- peratur. Andererseits zeigen manche Tiere die Neigung, bei öfters wiederholter Messung in einen Hypnosezustand zu ver- fallen, ein Zustand, wäh- rend dessen die Tem- peratursinkt. Auch die verschiedene Tiefe, in die das Thermometer bei der Messung in den Enddarm eingeführt wird, kann die Ur- sache beträchtlicher Schwankungen werden. Schließlich ist noch zu berücksichtigen, daß die Außenbedingungen die Körpertemperatur be- einflussen. Die Ergeb- nisse, zu denen Stei- nach undLipschütz bei Vermeidung derge nannten F"ehlerquellen kamen, sind in der nebenstehendenTabelle znsammengestellt und ebenso aus der beifol- genden graphischen Darstellung ersichtlich. Während die Körper- temperatur der Männchen durch die Kastration nicht beeinflußt wird, sinkt sie bei den kastrierten Weibchen um durchschnittlich 04°. Die Femi- nieruug der Männchen hat zur Folge, daß die Temperatur nahezu bis zur Körpertemperatur des normalen Weibchens steigt. Die Körpertemperatur des kastrierten Weibchens scheint durch die Masku- lierung weniger beeinflußt zu werden, sie hatte sich ja aber durch die Kastrierung der des normalen Männchens bereits stark genähert. Wenn also auch eine Beeinflussung der Körpertemperatur durch die männliche Keimdrüse nicht mit Sicherheit nach- weisbar ist, so ist doch die höhere Körper- temperatur des Weibchens jedenfalls eine Wirkung der weiblichen Keimdrüse. Nachtsheim. Empusa fasciata Brülle ist eine merkwürdige Fangheuschrecke, die von Kriegsteilnehmern in letzter Zeit öfter lebend aus Südmazedonien nach Deutschland gesandt wurde und in Ter- rarien aufmerksam beobachtet wird. Höchst sonderbare Gestalt hat vor allem die Larve (Abb.), die, noch flügellos, vier lange Laufbeine, zwei Raubbeine, einen rückwärts gekrümmten Hinter- leib und einen kleinen beweglichen Kopf mit helmartiger Erhöhung besitzt und in dieser Ge- stalt der verwandten Gottesanbeterin, Mantis reli- kuliert Temperaturen des normalen Weibchens (l), des normalen Männchens (4), des kastrierten Weibchens (21, des kastriTten Männchens (;), des maskulierten Weibchens (3) und des feminierten Männ- chens (6). Weibchen . Männchen. (Nach Lipschütz.) N. F. XVn. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 29 giosa, noch sehr unähnHch ist. Eher hat sie in ihrer Erscheinung etwas stabheuschreckenähnliches, zumal wenn sie ruhig sitzt, doch kann sie auch behende laufen und springen. Nach schwachem Druck auf die halsartige Vorderbrust stellt sie sich häufig tot, aber nicht so lange wie die schon genauer physiologisch untersuchten Stabheu- schrecken. Ihre Färbung ist gelbgrau oder grau- braun, manchmal auch stellenweise grünlich, viel- leicht infolge Farbenwechsels. Durch Vorwerfen der Fangbeine erbeutet sie Kerbtiere, selbst größerer, wie den dickleibigen Schmetterling Agrotis pronuba, und verzehrt sie langsam. Nachdem sich eine solche Larve wiederholt gehäutet hatte, fand Dr. Mert e ns an ihrer Stelle eines Tages das im wesentlichen lichtgrün gefärbte Volltier vor. Es unterscheidet sich viel weniger von der Gottesanbeterin als die Larve. Der obere Rand der Vorderflügel trägt einen Streifen von weißer Farbe, was, zumal bei zusammengefal- teten Flügeln, den Artnamen „fas- ciata" begründet. An den Beinen und Hinterleibs- seiten befinden sich blattartige Lappen. Merk- würdigerweise ist die Rücken- seite des Tieres heller gefärbt als die der Umgebung viel besser angeglichene Bauch- seite, was offenbar damit zusammenhängt, daß Empusa sich im Gebüsch meist an der Unter- seite der Zweige festklammert. Auch die Larve kann diese Stellung einnehmen. Von der Larve sagt Professor Wern er, auch ein geübtes Auge werde sie zwischen dürrem Laub und Reisern nur schwer erkennen können. Und man wird wohl im allgemeinen die Gestalt der Larve und die grüne Farbe des Volltiers als Schutzanpassungen beurteilen, die ausgezeichnet, wenn auch natürlich nicht unbedingt wirken weiden. Professor Werner allerdings, der be- kanntlich in der Mimikry- und Schutzanpassungs- frage einen kritischen Standpunkt einnmimt, be- tont auch diesmal, die Pflanzenähnlichkeit biete gegenüber einem aufmerksamen Sammler, „ob er nun Entomologe oder em hungriger Vogel ist", auf die Dauer keinen Nutzen. Alles in allem ist fclmpusa fasciata ein Tier mit vielen wissenschaftlich beachtenswerten Eigen- schaften.') V. Franz. Der Flug der Insekten zur Flamm e ist von den Forschern verschieden erklärt worden. Kirby ') Vgl. Blauer für Aquarienkunde, 1917, Jahrg. XXVIII, und Spenzer glaubten, daß er dem Streben nach einer Art sportlicher Belustigung entspringen würde ; eine ebenso anthropomorphistische Deutung gab Roman es, der den Insekten Neugierde unterschob. Nach der Ansicht Radl's dient die Lichtquelle als Orientierungspunkt. Tagsüber kann das Tier sich nach allen möglichen optischen Punkten richten, nachts aber muß es sich aus Er- mangelung anderer Lichtquellen beim Flug an die künstliche halten und wird so zu ihr hingezogen. Allgemein angenommen ist gegenwärtig die Er- klärung von J. Loeb, dem Begründer der Tro- pismenlehre. Ein Lichtstrahl, der den Insekten- körper einseitig trifft, versetzt die Muskeln, welche den Kopf des Insektes zum Lichte hinlenken, in Erregung und zieht dadurch das Tier in die Licht- quelle. Demnach ist der Flug zur Flamme als Phototropismus zu bezeichnen. Nach den Untersuchungen an verschiedenen Insekten und Insektenlarven ist der Phototropismus abhängig nicht nur von dem Vorhandensein eines deutlichen Lichtmaximums oder Minimums, son- dern auch von einem bestimmten physiologischen Reizzustande des Tieres. Das eine Tier wird bei- spielsweise phototropisch, wenn es hungrig ist, ein anderes bei Luftmangel oder in schlechtem Wasser, bei Verfolgung der Feinde usw. Befindet sich das Tier' nicht in diesem spezifischen Zustande, so reagiert es weder auf den hellsten noch auf den dunkelsten Lichtstrahl. Es ist klar, daß die negativen oder positiven phototropischen Be- wegungen dem Tier je nach seinem physiologischen Zustande von Nutzen sind, indem sie das Tier zum Aufsuchen von Nahrung, zur Flucht, zum Ver- stecken und ähnlichen Handlungen veranlassen. In einer Reihe von Versuchen hat W. von Buddenbrook (Sitzungsberichte der I leidelberger Akademie der Wissenschaften, Mathem.naturw. Klasse, Abt. B. Jahrg. 1917) das Problem einer erneuten Prüfung unterzogen und ist zu völlig ab- weichenden Ergebnissen gekommen. Er arbeitete mit Schmetterlingsraupen, verschiedenen Käfern und anderen Tieren, um zunächst die Reaktion gegen den Lichtstrahl genau zu prüfen. Während die Tiere im Dunkeln auf einer berußten Platte verschlungene Wege beschrieben und deutliche Suchbewegungen ausführten, war der Weg bei hellem Sonnenschein gerade. Die Tiere strebten durchaus nicht dem Lichte zu, sondern suchten nur eine bestimmte Stellung zu den Sonnenstrahlen beizubehalten. Auch auf der Drehscheibe ließen sie sich nicht von der einmal eingeschlagenen Richtung abbringen. Der Winkel, unter dem die Lichtstrahlen geschnitten werden, ist zwar von F"all zu Fall verschieden und vom Tiere beliebig gewählt, aber er wird stets eine Zeitlang beibe- halten. Da die Sonnenstrahlen als parallel auf- zufassen sind, ist der zurückgelegte Weg eine gerade Linie. Darin liegt ein wesentlicher Unter- schied gegenüber den phototropischen Bewegungen. Nach dem Vorgange von Santschi sind daher die 30 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. 2 eben erörterten Bewegungen als Lichtkompaß- bewegungen zu bezeichnen. Eine Lichtquelle, die im Dunkeln in die Nähe des Versuchstieres gebracht wird, sendet radiäre Strahlen aus. Es können nun vom Tier folgende Richtungen eingeschlagen werden: 1. Der Winkel zwischen der Körperlängsachse und dem Lichtstrahl, der das Auge trifft, ist Null. Das Tier bewegt sich also geradlinig auf das Licht zu, oder von ihm weg. 2. Der Winkel beträgt 90 Grad. Das Tier beschreibt folglich einen Kreis um die Lichtquelle. 3. Der Winkel ist spitz oder stumpf, das Tier bewegt sich daher in einer Spirale, sich derart immer mehr dem Licht nähernd oder von ihm entfernend. Der dritte Fall, den man sich leicht durch eine einfache Zeichnung klar machen kann, ist des- wegen beachtenswert, weil er den Flug zur Flamme besser erklärt als die bisherigen Theorien. Die Bewegungen, die man Insekten im Freien um eine Lichtquelle ausführen sieht, werden nun ver- ständlich. Er zeigt insbesondere, daß es den Tieren auch möglich ist, aus dem Bereich des Lichtes wieder herauszukommen, wenn sie nur einen Winkel eingeschlagen haben, der kleiner ist als 90 Grad. Im umgekehrten Fall müssen sie notwendig ins Licht gelangen. Diese besondere Art der Lichtkompaßbe- wegungen, die mit dem echten Phototropismus nicht verwechselt werden darf, wird zur Vermeidung störender Verwechslungen besser als Nachtphoto- tropismus angesprochen. Folgende negative Merk- male zeichnen ihn aus: Er ist nicht an einen be- stimmten Reizzustand gebunden, sondern er tritt, die betreffenden Beleuchtungsverhältnisse voraus- gesetzt, immer ein. Er ist von keinem Nutzen für das Tier begleitet, ja oft geradezu schädlich und führt bisweilen den Tod des Tieres herbei. Bei freilebenden Tieren haben die Lichtkompaß- bewegungen den biologischen Wert, ihnen einen geradlinigen Lauf zu ermöglichen. Dr. Stell waag. Bücherbesprechungen. Demoll, Reinhard, Prof. Dr., Die Sinnes- organe der Arthropoden, ihr Bau und ihre Funktion. 243 S. mit 1 18 Textfiguren. Braunschweig 191 7. Friedr. Vieweg u. Sohn. Geh. 10 M., geb. 12 M. Das Werk verdiente eine eingehendere Wür- digung als ihm zurzeit gegeben werden kann. Der sehr schwierigen Aufgabe, eine Übersicht über die Sinnesorgane der Arthropoden zu geben, wird Demoll in vorzüglicher Weise gerecht. Daß dem Verfasser die Behandlung des Stoffes z. T. als eine undankbare erschienen ist, ist begreiflich, da wir über so vieles noch im unklaren sind und wir einesteils eine gute Kenntnis mancher Sinnes- organe besitzen, andererseits aber ihre biologische Bedeutung noch nicht zum Vollen oder gar nicht haben ermessen können. Weiterhin gibt uns die Biologie zahlreiche Hinweise auf Sinnestätigkeiten, doch kennen wir wiederum die Organe nicht, an die sie mit Sicherheit gebunden sind. Mit größtem Nachdruck wies ich in dem Zusatzkapitel : „Physio- logie ohne Biologie" (Stammesgeschichtliche Ent- stehung des Bienenstaates, S. 75 — 83, Leipzig 1903) unter Angabe von Beispielen darauf hin, wie leicht Irrwege beschritten werden können, wenn dem Beobachter nicht eine gründliche Kenntnis der Biologie des betreffenden Tieres zur Seite steht. Aus diesem Gesichtspunkt ist es erklärlich, daß die Urteile des Physiologen hin und wieder nicht mit denen des Biologen harmonieren werden. Hier werden noch viele Beobachtungen und Feststel- lungen nötig sein, bevor beide auf diesem Felde im wesentlichen zu gleicher Beurteilung gelangen. Inzwischen wirkt es auf den Biologen nicht durch- aus überzeugend, wenn lediglich aus theoretischen Schlüssen ohne jegliche biologische Bestätigung beispielsweise die Funktion derOcelli in bestimmter Weise definiert wird, während die Biologie, z. B. für Bienen und Ameisen (s. Leben und Wesen der Bienen), es höchst wahrscheinlich macht, daß zum mindesten auch noch andere Funktionen in Frage kommen, die nicht in der Richtung jener theore- tischen Feststellungen liegen. Es würde hier viel zu weit führen, auf Einzel- heiten einzugehen. Einiges dürfte wohl reichlich summarisch behandelt sein, auch vermißt man Bezugnahme auf einige Arbeiten, die wohl hätten herangezogen werden können, z. B. die Schriften Mcindoos über den Geruchssinn bei den Hyme- nopteren. Doch es ist begreiflich, daß der Ver- fasser, um nicht ins Uferlose zu geraten, sich eine straffe Richtlinie zog. Die Ausführungen über die Funktionsweise der Organe sind z. T. sehr anregender und tiefgrün- diger Art und werden sicherlich zu weiteren Er- örterungen Veranlassung geben. Das grundlegende Werk wird insbesondere allen Dozenten sehr willkommen sein. V. Büttel-Reepen. Escherich, Prof. Dr. Karl, Die Ameise. Schil- derung ihrer Lebensweise. 2. verbesserte und vermehrte Auflage. Mit 98 Abbildungen. Braunschweig 1917. Fr. Vieweg u. Sohn. Preis geh. 10 M., geb. 12 M. Die Ameisen stellen eine nach so vielen Rich- tungen hin merkwürdige Tiergruppe dar, daß sie sich von jeher eines ganz besonderen Interesses bei Gelehrten wie Laien erfreuten. Den Psychologen hat die Sinnesphysiologie der Ameisen wichtige N. F. XVII. Nr. 2 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. neue Erkenntnisse gebracht und manche neuen Fragen aufgegeben, den Botaniker fesselt die Be- ziehung der Ameisen zur Pflanzenwelt, die oft ganz eigenartige, viel diskutierte Formen annimmt, und schließlich übt auf jeden Naturfreund das Leben und Treiben des Ameisenvolkes, besonders wenn er das Glück hatte, es in den Tropen zu beobachten, einen ganz besonderen Reiz aus. Eine so hübsche und umfassende Darstellung, wie sie uns Escherich in dem vorliegenden Buche darbietet, kann deshalb von vornherein in naturwissenschaftlich inter- essierten Kreisen einer allgemeinen Beachtung sicher sein, zumal sie lebhaft und anschaulich ge- schrieben ist und den Leser zu fesseln versteht. Die zweite Auflage ist in einzelnen Teilen stark umgearbeitet worden, so sind die Abschnitte über soziale Symbiose und über die Beziehungen der Ameisen zu den Pflanzen auf den modernen Stand gebracht worden, das Kapitel über die Psychologie ist von R. B r u n ganz neu verfaßt worden ; des- gleichen hat Viehmeyer den systematischen Teil einer gründlichen Revision unterzogen. Über Art und Umfang des Buches möge eine kurze Inhaltsübersicht unterrichten. Nach einer Einleitung, die ganz kurz über einige allgemeine Dinge orientiert, wie die systematische Stellung, die geographische Verbreitung, die Untersuchungsmethoden usw., wird die Anatomie und Morphologie ausführlicher dargestellt, woran sich dann eine Behandlung des bei den Ameisen ja besonders wichtigen Polymor- phismus anschließt, die auch die Phylogenie dieser Erscheinung streift. Im Kapitel; Fortpflanzung wird außer der Befruchtung die Gründung der Kolonien sowie ihr weiteres Schicksal, sowie Metamorphose und Brutpflege geschildert. Ein besonderes Kapitel ist dann dem Bau der Nester gewidmet, deren verschiedene Typen im einzelnen durchgegangen werden, es folgt weiter die Ernährung mit ihren mannigfachen Besonderheiten, sowie ein Abschnitt über verschiedene Lebensgewohnheiten, als Reinigung, Schutz- und Verteidigungsmaßregeln, Kämpfe, Umzüge, Wanderungen, Krankenpflege, Spiele usw. Die folgenden Kapitel behandeln die ganz besonders interessanten Beziehungen der Ameisen zu ihresgleichen, sowie zu anderen Tieren und zu den Pflanzen. Wir erfahren von zusammengesetzten Nestern, d. h. solchen, in denen sich Gesellschaften von Diebs- oder Gast- ameisen angesiedelt haben, von gemischten Kolonien in ihren verschiedenen Graden der Verschmelzung vom zeitweiligen und gelegentlichen Sozialparasitis- mus bis zur Sklaverei, der Allianz und dem dauernden Sozialparasitismus; auch die Beziehungen zwischen Ameisen- und Termitenkolonien findet man hier erörtert. Handelte es sich in allen diesen Fällen um das enge Zusammenleben von ganzen Gesell- schafien innerhalb von oder mit Ameisenvölkern, so berichtet das folgende Kapitel von den Be- ziehungen der Ameisen zu nicht sozialen Tieren, also zu Blattläusen und insbesondere zu den eigent- lümlichen Mietern, die entweder feindlich verfolgt, oder geduldet oder aber als willkommene Gäste gehegt werden, und endlich zu den verschiedenen Schmarotzern, die am einzelnen Ameisenindividuum vorkommen. Der Brun'sche Abschnitt handelt von den Sinnen der Ameisen, ihrem Großhirn und erörtert folgende Fragen: Wie erkennen sich die Ameisen? Wie finden die Ameisen den Weg? Besitzen sie ein Mitteilungs- und ein formelles Schlußvermögen ? Den Schluß machen zwei ."Xnhänge, von denen der eine die lästigen Haus- und Gartenameisen und die Mittel ihrer Bekämpfung zum Gegenstand hat, der andere einen vielen zweifellos sehr will- kommenen Bestimmungsschlüssel für die in Deutsch- land einheimischen Ameisen enthält. Gute Ab- bildungen, Register und namentlich die ausführ- lichen Literaturangaben am Schlüsse der einzelnen Kapitel erhöhen den Wert des Buches. Miehe. C. Frh. V. Pirquet. System der Ernährung. I. T. Berlin, J. Springer 1917. Verf. hat ein System der Ernährung ausge- arbeitet, bei dem als physiologische Einheit nicht die Kalorie direkt dient, sondern das „Nem" d. i. der Kalorienwert von i g Frauenmilch. Es werden demnach alle Nahrungsmittel nach ihrem Brenn- werte und auf Grund einer zweiten Berechnung nach ihrem N-Gehalt mit der Milch verglichen. Zur Berechnung der für einen bestimmten Men- schen nötigen Nahrungsmenge geht v. P i r q u e t zu- nächst von der Sitzhöhe (vom Scheitel bis zur Sitzfläche gemessen) des Betreffenden aus. Das Quadrat der Sitzhöhe entspricht etwa der Fläche des Darmes (ohne Berücksichtigung der Zotten). Nach einem bestimmten Schlüssel, der die Körper- größe, das Alter und die Muskelleistungen be- rücksichtigt, wird nun die für die betreffende Person pro cm- Darmfläche nötige Zahl von Nem bzw. Dezinem angenommen, und aus der Größe der Darmfläche und der erwähnten Zahl das je- weilige Nahrungsbedürfnis berechnet, bzw. auf einer Tafel abgelesen. Weitere Tafeln ermöglichen die praktische Auswahl der Nahrungsmittel nach ihrem jeweiligen Marktpreise. Die statistischen und ernährungs-physiologischen Untersuchungen des Verfassers, auf deren zahl- reiche Einzel Ergebnisse hier nicht näher einge- gangen werden kann, sind sowohl für den Arzt, als auch für jeden, der die Ernährung einer größeren Anzahl Menschen zu organisieren hat, von großem Interesse. Vielleicht wäre die Frage zu diskutieren, ob nicht das ganze System leichter Eingang in die Praxis fände, wenn es auf der ge- rade heute auch schon in Laienkreisen bekannten Basis der Kalorie aufgebaut worden wäre. V. Brücke (Innsbruck). Bölsche, Wilhelm, Neue Welten. Die Er- oberung der Erde in Darstellungen großer Naturforscher. Herausgegeben und eingeleitet von Wilhelm Bölsche. XXIV 32 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 2 und 644 S. Mit 24 Kunstbeilagen. Berlin, Deutsche Bibliothek. Ohne Jahreszahl. Von dem Meister popularisierender Natur- wissenschaft, der in den letzten Jahrzehnten den stärksten Anteil mit daran hatte, daß die Ergeb- nisse stiller Gelehrtenarbeit in fruchtbringender Weise hinausgetragen wurden in weiteste Kreise, liegt ein neues Werk vor, das „geplant wurde in stiller Zeit und in unruhvoller hinausgeht. Viel- leicht findet aber gerade der Streiter von heute Gefallen daran. Liest er doch von tapferen Männern darin, die alle beste Tugend unseres Soldaten hatten : eine eiserne Pflichttreue und den Glauben an ein Ideales, das über dem einzelnen steht und doch erst diesem einzelnen einen rechten Wert gibt". Was Männer wie Forster, Lichten- stein, Hochstetter, Steinen, Wallace, Chamisso, Humboldt und Darwin als Bestes für eine Auslese Geeignetes in ihren Reise- schilderungen gegeben, das findet sich hier in einem starken Bande vereinigt. Dem Nachwuchs werden diese durch zahlreiche Anmerkungen Bölsche's und durch sehr gute Kunstbeilagen begleiteten Darstellungen viel geben und auch der Forscher, der selbst in fernen Landen weilte, wird gerne darin blättern. v. Buttel-Reepen. Anregungen und Antworten. Astrologie im 20. Jahrhundert I Die „Tägliche Rundschau" steht schon seit lange mit der Naturforschung auf gespanntem Fuße. Außer regelmäßigen Berichten über den gestirnten Himmel sind Aufsätze naturwissenschaftlichen Inhalts eine große Seltenheit. Und welcher Art sind sie dann? Vor etwa Jahres- frist machte sich da irgendein Böotier lang und breit über die lateinischen I'flanzennamen lustig, über deren Unentbehr- lichkeit unter den Kennern doch völlige Einigkeit besteht. Dafür prangte im letzten Frühjahr in einem philosophischen Feuilleton der Satz, es sei für die Menschheit ziemlich gleich- gültig, ob eine wissenschaftliche Entdeckung loo Jahre früher oder später gemacht werde 1 Und das in diesem Weltkriege, in welchem Deutschland seiner Naturwissenschaft Ungeheures verdankt — z. B. auch das Durchhalten in der Ernährung. Eine Gipfelleistung stellt aber ein Aufsatz „Hindenburg's Horoskop" dar, erschienen am I. Oktober 191 7 (nicht etwa I 6 I 7 I) ; eine halbe Spalte lang, bei der herrschenden Papier- knappheit. Nachdem dort von einer „Wissenschaft der Astro- logie" die Rede war, heißt es weiter; „Ohne zu der viel um- strittenen Frage, ob die Gestirne auf die Schicksale des Menschen einen Einfluß üben, Stellung zu nehmen . . ." Ob es wirkliche Hexen gibt, die in der Walpurgisnacht auf Besenstielen zum Blocksberg reiten? — Aber, Scherz bei Seite : Ist es nicht als ein nationales Unglück zu bezeichnen, wenn die nationale Presse in Sachen walirer Geisteskultur um mindestens drei Jahrhunderle rückständig ist? Dr. Hugo Fischer-Bromberg. Zur Frage der Libellenwanderungen (zu Naturw.Wochenschr. Bd. 32, S. 531). Ich entsinne mich, in der dritten Auflage von Brehms Tierleben gelesen zu haben, daß jemand dem Ur- sprung eines wandernden Libellenschwarmes nachging und ihn — -■--- - -- ligberg entdeckte. Auflage von Brehms Tierleben herübergenommen sein wird, scheinen Libellenwanderungen ebenso wie viele andere unregel- mäßige Tierwanderungen ihre Hauptursache in örtlicher Übervölkerung zu haben, die ihrerseits auf günstige Witterungsverhältnisse zurückgeht. Der genaueren Erklärung bedürfte demnach nur noch die Tatsache, daß die Libellen, und ebenso andere Tiere im gleichen Falle sich nicht sofort zerstreuen, sondern beisammen bleiben und auf bestimmter Straße wandern. Dies wird bei Nagetieren, ähnlich bei fünf Bären, die man einmal das Meer durchschwimmen sah, im wesentlichen auf den Trieben zur Geselligkeit und Nach- ahmung beruhen, die man jedoch von Libellen sonst nicht kennt. V. Franz. ein massenhaftes, unaufhörliches Aus: stattfand. Nach dieser Beobachtung, dii Libellen Zu „Luftwellen als Schlieren sichtbar" gestatte ich mir zu bemerken, daO ich bei der Erklärung meiner in Nr. 32 mit- geteilten Beobachtung vom 6. April 191 7 durchaus nicht auf Schallwellen geschlossen hatte, wie der Herr Verfasser des inhalireichen Beitrags auf Seite 582/583 (W. Krebs. Die Red.) aus meinen Worten herausgelesen zu haben meint, sondern nur auf Wellen, die etwa Schallgeschwindigkeit haben könnten, während sie für hörbare Schallwellen viel zu lang sind, und die wahrscheinlich durch Ladungsexplosionen feuern- der Geschütze veranlaßt wurden. Merkwürdige und nicht sicher erklärbare Erscheinungen aus der Physik beobachtet man im Felde noch oft. Eine solche möge hier noch kurz erwähnt sein: Mitunter bei fernen Geschützabschüssen hört man jeden Knall deutlich zweisilbig, etwa wie „Pu-Iup". Dazu wird oft die Ansicht geäußert, es handle sich um den in neuerer Zeil öfter besprochenen „Doppel- knall". Das kann aber nicht zutreffen, denn dieser letztere Doppelknall, bei dem der zweite Knall aus dem Zischen des Geschosses entsteht, sobald das Geschoß größere als Schall- geschwindigkeit hat, und der von Mach einwandfrei erklärt wurde, kann nur vernommen werden, wenn man nahe der Flugbahn steht. Franz. Inhalt: Fuhrmann, Impfung und Unempfänglichkeit (Immumlät). S. 17. W. Kranz, Zum Problem der Wünschelrute. S. 22. — Einzelberictite: E. Bachmann, kalklösende Algen und Kalklösender Pilz. S. 24. P. Stark, Konlakireiz- barkeit im Pflanzenreich. S. 24. Lapicque und Legendre, Mangel an Brotgetreide auch in Frankreich. S. 25. Schmidt, Klostermann und Scholta, Über den Wert der Pilze als Nahrungsmittel. S. 26. H. Schmitz S. J., Biologische Beziehungen zwischen Dipteren und Schnecken. S. 26. Lipschülz, Über die Abhängigkeit der Körper- temperatur von der Pubertätsdrüse (I Abb.) S. 27. Mertens, Eine merkwürdige Fangheuschrecke. (l Abb.) S. 2S. W. V. Buddenbrock, Der Flug der Insekten zur Flamme. S. 29. — Bücherbesprechungen: R. Dem oll. Die Sinnes- organe der Arthropoden, ihr Bau und ihre Funktion. S. 30. K. Escherich, Die Ameise. S. 30. C. Frhr. v. Pirquet, System der Ernährung. S 31. W. Bölsche, Neue Welten. Die Eroberung der Erde in Darstellungen großer Natur- forscher. S. 31. — Anregungen und Antworten : Astrologie im 20. Jahrhundert. S. 32. Zur Frage der Libellenwande- ruugen. S. 32. LuftwcUcn als Schlieren sichtbar. S. 32. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Mi ehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 4z, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Sonntag, den 20. Januar 1918. Nummer 3. Einige Notizen über die Wirkung außerordentlicher Dürre im Waterberg-Distrikt von Transvaal, Südafrika. [Nachdruck verböte Von P. Strauß v. Mit 2 Abbildungen Unzweifelhaft ist die allmähliche, aber zusammen- hängende Abnahme des überflachenwassers der Erde eines der wichtigsten Momente in unserer Erdgeschichte, lange vor Ankunft des Menschen. Durch den Wechsel in der zufälligen Umgebung ist es eine der großen Bewegungsursachen der natürlichen Auslese und Entwicklung der Lebens- formen gewesen. Wenn wir den Verlust in den zwei Erdteilen studieren, in denen Wasser eine solche Stufe der Seltenheit erreicht hat, daß seine gegenwärtige Abnahme zu einem hervorragenden, natürlichen Zuge geworden ist, so ist der Fortschritt nicht nur augenfällig, sondern auch leicht meßbar. Das Verschwinden des Wassers ist in Asien und Afrika, den zwei „trockenen" Kontinenten, — Australien, wahrscheinlich der „trockenste" Kontinent, soll, weil diesbezügliche Beobachtungen und Aufzeich- nungen noch sehr junger Natur, nicht in Betracht kommen, — jährlich so groß, daß es die Prophe- zeiung des französischen Astronomen F 1 a m m a r i o n zu rechtfertigen scheint, daß innerhalb eines meß- baren Zeitraumes das Menschengeschlecht in dieser Ursache ihren schließlichen Untergang finden werde. In Europa und Amerika, den „feuchten" Kontinenten, ist es noch zu reichlich, um seine jährliche Abnahme zu einem Gegenstande von viel Wichtigkeit zu machen, aber sie sind gewiß- lich nicht ausgenommen. Ein Vergleich der Resultate russischer For- schungen in Asien vor fünfzig Jahren mit denen der Reisen Sven Hedin's oftenbart die Tat- sache, daß die Wüste sogar in diesem kurzen Zeiträume Tausende von Quadratmeilen von einst fruchtbarem Lande eingenommen hat. Flüsse und Seen sind verschwunden, sogar volkreiche Städte wurden durch den allerobernden Sand vertilgt. Gerade so schnell sind die großen Seen Afrikas eingeschrumpft. Vor weniger als fünfzig Jahren war der N'gami ein wirklicher See, nun ist er nichts mehr als ein mit schnellem Untergange drohenper Sumpf. Der von den Eingeborenen „Basso Narok, dunkeles Wasser" benannte Rudolf- See, jenes vollkommenste Diadem in dem Gürtel des Erdballes, ist von der Seite, gegenüber Rowenzori, nur über ungeheuere Tafeln trockenen Schlammes, welche ganz unlängst von den Gewässern des Sees bedeckt waren, zu- gänglich. Jährlich wird ein neuer Gürtel zu dieser morastigen Fläche hinzugefügt, ein Fortschritt, welcher beunruhigend wird, wenn man sich er- innert, daß von diesem großen, natürlichen Reser- voir des Schicksal des Nils und die Fruchtbarkeit Ägyptens stark abhängt. Nichts ist trügerischer als die alte Lehre, daß Verdunstung und Nieder- schlag der Feuchtigkeit einen vollkommenen Umlaufskreis, ohne die Möglichkeit des Verlustes, ausmachen. Es ist eine Tatsache, daß die Erde die Feuchtigkeit gleich einem Schwämme aufsaugt, daß eine ungeheure Menge Wasser jeden Tag in unterirdische Tiefen sickert, aus denen sie keine natürliche Ursache wieder befreit und wo sie augenscheinlich jenseits des Bereiches der höchsten Kunst des Menschen ist. Die neue geologische Geschichte von Water- berg ist in dieser Hinsicht außerordentlich inter- essant und überzeugend. Daß in ganz neuen geologischen Zeiten der größte Teil seiner Ober- fläche von einem großen See bedeckt war, ist außer Frage. Die Grenze der Gewässer war gegen Norden ein Plateau, von welchem ein Teil noch im Urzustände besteht. Einige der ursprünglichen Inseln, nun sonderbar geformte Hügel, mit den auf ihren Felsen noch sichtbaren Wellenzeichen, stehen in dem tiefen Lande, genau über dem Rande des Plateaus, gleich einer Reihe von Schildwachen (Abb. I ). Vom Süden legten große Plüsse ihre Sirand- steine an den Ufern und auf dem Grunde des Sees nieder. Irgendeine Emporhebung zerstörte alle östlichen Teile dieses Hindernisses und die ein- geschlossenen Wasser entwichen nord- und ost- wärts, um neue Flüsse zu bilden, als die ersten Fluten sich gesenkt hatten. Der Strandstein mit dem Seesande wurde unter den Produkten dieser Eruption begraben, der noch einem ungeheuren Drucke unterworfene steinige Stoff wurde durch einen anderen Ausbruch befreit und über den ganzen Distrikt ausgestreut, wo er nun als Waterberg-Konglomerat bekannt ist. Man findet die höchsten Hügel und die tiefsten Täler mit hoch polierten, durch den See geputzten Kieseln besetzt, die aussehen, als wenn sie gestern aus dem Wasser genommen wären. Nur auf den un- verletzten Bruchstücken des Plateaus, welches einst die höchste Erhebung des Seeufers bildete, findet man sie nicht, aber auf den Abhängen dieses Hochlandes, genau unter der Oberfläche, zuweilen zwei oder drei F"uß in der Tiefe, findet man Lager von schönen, durch den See geputzten Muscheln. Auf der Farm Rietfontein N. 1944 wurde em Lager dieser schönen Muscheln in allen P^ormen, sechsundzwanzig Fuß tief, gefunden. Die geologische Geschichte Waterbergs ist seit jener Umwälzung hauptsächlich die einer schnellen 34 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 3 Austrocknung gewesen. Hell liegt über seiner Oberfläche die Schrift für den, welcher sie lesen mag. In der Erinnerung des weißen Menschen gab es eine Zeit, in der jede Kluft, jedes abschüssige Ufer, das Bett eines ausdauernden Stromes von Kristallwasser und der Bezirk gewöhnlich so sumpfig und bachreich war, daß es oft ein ge- wagtes Unternehmen war, vermittels eines Ochsen- wagens eine Durchfahrt zu machen. In jenen Zeilen bekam der Bezirk seinen gegenwärtigen Namen, — ein Name, welchen heute die bittere Ironie einiger getäuschter Voortrekker 'j hervor- gerufen zu haben scheint. Sogar innerhalb des letzten halben Jahrhunderts war Waterberg Bewohnern auf dem hohen Felde sinnverwandt mit einer Art von Lotusland der Fruchtbarkeit, buchstäblich mit IVlilch und Honig Überflossen. So reichlich waren diese Sinn- bilder und Beweise von Fruchtbarkeit, daß die Hausfrauen jener Zeit ihre Schweine mit einer Mischung von ausgedrücktem Honig und „dicker" Milch fütterten. Obst, wildes und kultiviertes, war sprichwörtlich für Größe und Fülle. Jedes Farmhaus hatte eine Wassermühle, ein Schöpfrad, und ein Schnapsbrennkolben rauchte Nacht und Tag. Es war der letzte, große Zufluchtsort großen Wildes im nördlichen Transvaal. Hier mag er- innert werden, daß es zu „Schimmel-perd-se-pan" war, daß Makapan den Kommandanten Pot- g i e t e r zur Elephantenjagd einlud, als er den Mord geplant hatte. Es ist vielleicht wahr, daß sich der Mensch auch hier sein Brot im Schweiße seines Angesichtes zu beschaften hatte; er hatte zu arbeiten, um zu leben, aber seine Arbeit war so ungewöhnlich einem Spiele gleich, daß der Distrikt nicht ohne Grund „Lui-lekker-land" ge- nannt wurde. Ein „gesalzenes" Pferd und eine gute Büchse waren die Hauptnotwendigkeiten des Lebens und manch eine schöne F'arm wurde für eines von diesen getauscht. So sah das Bild damals aus. — Und nun? Tantaene animis celestibus irae? Die letzte Zeit war ein Höhepunkt von ver- schiedenen trockenen Jahren; es war die ärgste Dürre, welche je dieser Distrikt, seit der Besiede- lung durch Weiße, erfuhr. — Dieser Bericht be- ruht auf einem sichereren Zeugnis, als der ununtcr- stützten Erinnerung des „ältesten" Einwohners. Man kann gegenüber solchen Augenzeugen nicht kritisch genug sein. Bei einer auswählenden Annahme solcher Darstellungen kann man fast für jede Theorie Belege finden, sogar das eigene Gedächtnis muß mit ansehnlichem Vorbehalt um Rat gefragt werden. Es gibt niemanden, der in diesem Lande aufgewachsen ist, der sich nicht an breite, tiefe F'lüsse, an mächtigen Regen, an schöne Quellen, Bäche und Wasserfälle zu erinnern vermag. Aber auch eine Menge bekräftigender Tat- ') Voortrekker = Vorauszieher, Buren, welche als erste Ansiedler in neu zu besiedelndes (lebiet eindringen und sich seßhaft machen. Sachen setzen obige Darstellung außer Zweifel. Man nehme nur die reine Tatsache: In letzter Zeit kam eine große Zahl Orangengehölze, deren Bäume über fünfzig Jahre alt waren, vor Dürre um. Talsachen wie diese, eine kleine Studie der Dürrezustände, die Verminderung des vorhandenen Wassers, der Verfolg der alten Spur nicht fließen- der Ströme lassen den Zeitpunkt des gänzlichen Verschwindens des Wassers in absehbare Nähe rücken. An solchen gleichlaufenden Beweisen kann die menschliche Erinnerung um so richtiger ein- geschätzt werden. Daher kann die Behauptung schon stimmen: „Das letzte Jahr (191 3) war das schlechteste Dürrejahr, welches dieser Distrikt seit der Ankunft der Voortrekker erfuhr." — Die ersten Regen fielen über dem größeren Teil des Distrikts nicht vor Mitte November; ungefähr über das halbe nördliche Mittelfeld fiel Regen über- haupt nicht, das heißt, nicht genug Regen, um die F"eldsamen zum Keimen zu veranlassen und die Pflanzen zum Wachsen. Diese Jahreszeit ist in gewisser Beziehung unheilvoll gewesen. In dem ersten Teil derselben fielen hier gute, aber rein örtliche Schauer. Gras und Strauch ent- wickelten sich daher in diesen begünstigten Ört- lichkeiten angemessen gut, jedoch als Regen am meisten für P'eld und Ernte bedurft wurde, hörte er auf den Plateaus und Bergen gleich ganz auf. Im Norden ist, mit Ausnahme von ein oder zwei Örtlichkeiten, dieses Jahr kein Regen gefallen — es ist Ende November 1 Die Wirkung solch einer Dürre eröffnet ein unermeßliches Feld der Untersuchung, jede sicher ermittelte Tatsache würde von größter Wichtig- keit für die Einwohner Südafrikas sein. Nicht nur für den Naturforscher sind diese Tatsachen von Interesse und Wert, auch dem Farmer würde ihr Studium eine wesentliche Hilfe in seinem Ringen um das Dasein gewähren. In einem Auf- satze wie dem vorliegenden ist es nur möglich, einige dieser Tatsachen darzustellen. Viele Ver- suche und Messungen, welche von einigem Werte für eine genauere Untersuchung sein möchten, wurden gemacht, doch würde es sich erübrigen, auf Einzelheiten einzugehen. Ich will mich daher auf eine kurze Beschreibung der mehr unmittelbar wahrnehmbaren Wirkungen der Dürre auf Ober- flächenwasser, Pflanzen und Tiere beschränken; auf Tatsachen, welche einem aufmerksamen Be- obachter auffallen würden. Es ist unmöglich, die Szene gänzlicher Ver- ödung des einst berühmten Jagdgrundes zwischen dem Gaul und Magalakwen, wenn man ihn nicht sah, zu beschreiben. Von den Bergen, nordwärts bis zum Limpopo, macht er die seitlichen Wasser- scheiden zwischen den drei I*"lußsystemen aus. Die zwei Flüsse Magalakwen „die Macht, oder die Feste des Krokodils" und Palala „das Hinder- nis, die Unterbrechung, der Unmögliche" tragen in ihren heimischen Namen den Beweis ihrer früheren Größe, heute sind sie nur Bänder von Sand, welche sich durch öde Sanddünen zum N. F. XVII. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 3S Limpopo winden. Man kann sich noch auf einige Entfernung längs ihrem Laufe im Sande Wasser verschaffen. Mit vielleicht einer Ausnahme ist beim Schreiben dieser Zeilen in dem ganzen Distrikt Waterberg kein laufender Flnß oder Bach vorhanden und Waterberg ist bedeutend größer als der Oranjefreistaat. Im Norden des Distriktes ist eine Stelle von über viertausend englischen Quadratmeilen, in welcher es keinen Tropfen laufenden oder stehenden Wassers über der Ober- fläche des Bodens gibt. Schimmel-perd-sepan, der letzte große Mittel- punkt der Elephantenjagd in Transvaal, erhielt seinen Namen von der sagenhaften Tat eines un- erschrockenen Voortrekkers, welcher dem gefähr- lichen Subaqueous-Unkraut trotzend, ein Viertel eines erlegten Elen hinter sich auf dem Sattel, mit seinem Pferde die Pfanne schwimmend durch- querte. Nun ist nie mehr Wasser in der Pfanne, als man mit dem Taschentuch einer Dame be- decken kann. Der Wasservorrat bestand aus einem winzigen Sumpfe, tief unter einem schützenden Felsen und war zur Zeit dieses Schreibens einge- schrumpft, verschwunden, — nichts war übrig, als ein Flecken feuchten Sandes. Ähnlich sind alle die berühmten, alten Wasser der großen Jagd- tage dahingegangen ; — auch aus dem Gedächtnis der Menschen werden sie mit jenen letzten ent- schwinden, welche noch die günstige Gelegenheit hatten, ihr Geschick, aus vieljährigen fortlaufenden Beobachtungen vorauszusagen. Tambootie, ein ungeheuerer Sumpf, immer ge- fährlich zu durchqueren, Sandmannsfontein, eine starke Quelle in den Hügeln, nach dem alten Jäger genannt, welcher daselbst in alten Tagen sein Heim aufzuschlagen versuchte; Bobbe- jans Krans, wo das Wasser unter einem Abgrunde hervorsprudelte, woselbst das schönste Kafifernvieh im Mittelfelde noch vor drei Jahren gesehen wurde — alles ist verschwunden mit dem Schwunde des Wassers; die großen Rindviehherden sind in alle Winde geflohen. Alles, was einst strotzende Weide war, liegt tot und öde dar! Es ist nicht im Mittelfelde allein, daß dieser Zustand besteht, es gibt in der unmittelbaren Nachbarschaft Hunderte von Farmen, welche die nämliche Erzählung zu geben haben, man kann sie auf das Geratewohl herausgreifen. Zwartkloof zum Beispiel wurde durch den verstorbenen Herrn Piet du Toit, einem Voortrekker, auf Rechnung seines prächtigen Wasservorrates ausgewählt. Un- längst war sie noch als eine der besten Weizen- farmen des Bezirks berühmt, und ihre großen Herden halbwilden, roten Afrikanderrindviehs wurden zur Zeit der Rinderpest gleich großem Wilde gejagt und geschossen. Die gegenwärtigen gemeinschaftlichen Eigentümer, die Herren Franz und Noles du Toit, wurden auf der Farm ge- boren. Der erstere ist nun fünfundsechzig Jahre alt, er erklärte, daß er während seiner Lebenszeit nie eine wahrnehmbare Verringerung des Baches festgestellt habe. Ein Brunnen von vierzig Fuß Tiefe ist heute vollkommen versiegt und ist so trocken, wie ein Knochen; — es gibt auf der P'arm nicht einen Tropfen Trinkwasser. Vor dreißig Jahren gab es nicht weniger als elf ausdauernde Quellen in ihrem Felde. Die nämliche Geschichte kann fast von jeder bewohnten Farm in Water- berg erzählt werden. Selbst der große Limpopo ist überall, wo sein Lauf diesen Bezirk begrenzt, trocken, nur durch tiefes Graben in seinem sandigen Bette kann Trink- wasser gefunden werden. Die großen Seacow- sümpfe enthalten noch stehendes Wasser, aber die Mehrzahl derselben ist faul. Der Geruch von Fischen und Krokodilen vergiftet in ihrer Nach- barschaft die Luft, und es wäre Selbstmord, die flüssige Brühe, welche sie enthalten, ohne vorher- gehendes Filtern und Kochen zu trinken. Nach dem neuen starken Regen in Pretoria und Rusten- burg und den darauf folgenden Überflutungen der Sümpfe reichte das laufende Wasser im Limpopo dreißig englische Meilen über Silicas' Stadt hinaus, ging aber dann als seichtes Rinnsal in dem brennenden Sande des Flußbettes verloren. Von allen den ungeheuren Mengen Wassers, welche von den nördlichen Abhängen des hohen F"eldes abliefen und von den meisten Nebenflüssen des Limpopos fortgeführt wurden, erreichte nicht ein Tropfen die See in Gestalt fließenden Wassers. Die einzigen Wasser, welche im Bezirk durch die Dürre unberührt blieben, waren die zahlreichen Thermahiuellen. Die Farm, auf welcher Schreiber wohnte, ist vor allem von dem Wasser einer Thermalquelle abhängig, die sowohl zum Trinken, als auch zur Bewässerung dient. Sorgfältige Messungen während der vergangenen letzten fünf Jahre zeigten keine Verminderung an ihrem Ur- sprung, aber dieses Jahr beträgt der Wasserverlust zwischen Quelle und Dammeinfluß 60 "/y. Die Wirkung der Dürre auf die Pflanzen stand natürlich im genauen Verhältnis zu ihrem Einfluß auf das Oberflächenwasser. Früh im Jahre 191 3 gewann der Glaube Kraft, daß ein großer Teil der Grasklumpen des süßen Feldes ganz tot wäre. Die tiefsten Wurzeln zeigten einen Zustand der Austrocknung, welcher die Möglichkeit des Lebens ausschloß. Diese Ansicht wurde jedoch auf Grund der Erfahrung alter Ansiedler stark bekämpft. Sie schienen zu glauben, daß kein Grad der Aus- trocknung die Grasklumpen, solange sie im Boden verblieben, töten könne. Um diese Frage zu ent- scheiden, wurde es versucht, das Wachstum von zwei- hundert Klumpen süßen Grases, von verschiedenem Wüchse, auf dem Zoet-Dornfelde, durch Befeuch- tung und Beschattung wieder anzuregen. Das Resultat bewies, daß 92"/o ganz tot waren. Die Durchschnittszahl der Samen, welche in und neben diesen Klumpen keimten, war drei. Doch starben vor Ende der Jahreszeit die meisten Sämlinge ab. Gerade genug Regen fiel, um die Keimung zu bewirken, in der zartesten Wachstumperiode aber dörrte sie die Sonne zu Tode. Das Resultat war, daß eine ungeheure Ausdehnung des süßen Feldes 36 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 3 zerstört wurde. Auf dieser Farm gleicht das süße Feld mehr einer brach liegenden Heide, als einer üppigen Weide, die es einst war. Die gröberen, zu einer großen Ausdehnung gelangten „Sauergräser" — Aristiden ') — ent- gingen der vollständigen Zerstörung, da ihre Klumpen fähiger sind, der Dürre zu widerstehen. Die dicke faserige Bedeckung, gerade über dem Boden, gewährt mehr Wurzelschatteii und ist ein besseres Aufsaugungsmittel als die knappen Klum- pen des feinen Grases. Es scheint mir ganz augenscheinlich, daß diese sog. „sauren" Gräser vergleichsweise nur neue Eindringlinge aus dem wüsten Norden sind, wo sie sich durch natürliche Auslese seit langem an ähnliche Bedingungen an- gepaßt hatten. Die einheimischen, süßen Gräser, nicht fähig, sich dieser veränderten Umgebung selbst anzupassen, sind Verlierer im Kampfe um das Dasein. Daher kommt es, daß sich das ganze P"rüchte vollkommen dieGestalt eines Klaufrosches') erreicht. Man sieht, daß sowohl Körper, als auch Schwanz dick mit scharfen, steifen, rückwärts ge- wachsenen Borsten besetzt sind. Die Spitze des Torpedos ist ein starker, harter, horniger Stachel, scharf, wie die Spitze einer Nadel, mit einem Kranze von Harpunenspitzen an seinem Grunde. Die Frucht ist so fähig, sich fest an den Fellen der Tiere anzuhängen, außerdem durch den Wind leicht fortbewegt zu werden. Auch in anderer Richtung sind diese Eigenschaften von unmittel- barem Werte. Dieses Samenkorn ist eine alles durchdringende Maschine — wie wirksam, kann man an den Tatsachen beurteilen, daß es oft in den inneren Geweben von Tieren gefunden wurde, nachdem es durch Fell und Muskelfleisch gegangen. Oft dringt es in den menschlichen Körper und ist dann immer eine Ursache ernster Gefahr. Jeden Augenblick versucht die leicht eingebettete Frucht süße Feld an Ausdehnung jährlich vermindert und sich das sauere Feld ausdehnt. In der Tat ist es fast unmöglich, ein ganz reines, süßes Feld in Waterberg zu erhalten. Das beste süße Feld würde vor einigen Jahren ein „gemischtes Feld" genannt sein. In den alten Tagen war Waterberg ein „Süßfeldbezirk". An ihren Samen ist es, daß man am besten die große Widerstandskraft der sauren Gräser gegen Dürre beobachten kann. Die Art ihrer Verbreitung, ihr Keimungsverlauf wurden unter dem Einflüsse der Dürre in einem halb wüsten Lande erworben; ihre Lebensgeschichte ist eine von jenen Zauber- erzählungen der Botanik, welche sogar dem Ge- schäftsmanne, welcher keine Zeit hat, darauf zu achten, von Interesse sein möchte. Mit einem, gleich einem Torpedo gestalteten Körper und einem langen, spitz zulaufenden Schwänze, haben die ') Aristida L., Pflanzengattung aus der Familie der Gräser. Die zahlreichen Arien dieser Gattung sind meist Tropen- bewohner, nur A. coerulescens ist außer in Afrika auch im südlichen Spanien anzutreffen. tiefer einzudringen und häufig kann ihn nur eine wundärztliche Operation entfernen. Es ist etwas Gewöhnliches, in guten Regenjahren über eine durch den Wind zusammengetriebene Masse dieser Früchte zu kommen. Dann bietet sich die günstige Gelegenheit, ein Wunder des Pflanzenlebens zu sehen. Die Früchte, wie sie da liegen, sind gehäuft, ordnungslos, gleich zufällig hingeworfenen Markier- stäbchen. Sprengt man ein wenig Wasser auf die Masse, so wird man ein Zittern, wie erwachendes Leben, fast augenblicklich durch sie gehen sehen. Bewegungen in allen Richtungen folgen, krampf- artige Stöße, Drehungen, Wendungen, so tierartig, daß man im Zweifel ist, ob es wahrhaftig Samen und nicht Insekten sind. Dieser Zweifel steigt mit dem Fortgang des Prozesses, — der Erfolg wird dann augenscheinlich. Man sieht, daß sich ') Mit „Klaufrosch", tadpole, bezeichnen die Afrikander — in Afrika geborene Weiße — ein hakenförmiges Werkzeug, welches zugleich als Hebel benutzt werden kann, wie man auch bei uns den als Daumkrafl bekannten Hebel oder Hebe- daumen „Frosch" nennt. N. F. XVII. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 37 durch diese Bewegung die Früchte selbst entwirren. Wenn dieses bewirkt ist, macht jede einzelne un- abhängige Bewegungen. Zuerst scheinen diese ganz wirr und zufällig; nur nach sorgfältiger Beobach- tung dämmert es einem auf, daß alle diese Be- wegungen ganz geordnet sind und einen bestimmten Zweck haben. Die ersten zuckenden Drehungen erheben den Kopf frei von dem Boden und befreien ihn von den hindernden Genossen. Eine Krümmung des Schwanzes, auf welchem er dann ruht, wendet die Torpedokopfspitze erdwärts. Sie wird allmäh- lich gesenkt, bis die Nadelspitze und ihre Harpunen- borsten durch den festen, fortlaufenden Druck des Schwanzes in den feuchten Boden gedrängt wird. Diese Bewegung wird fortgesetzt, bis die ganze Frucht eingebettet ist; diese Tätigkeit umfaßt einen Zeitraum von fünfzehn Minuten. Ihr Haupt- schutz gegen die Dürre und etwaige verhängnis- Art durch die jährlichen Feldfeuer in den Kampf eintritt, so das Werk der natürlichen Auslese unterstützend und vervollständigend. Nicht nur die Zwerge des Feldes werden so niedergeschlagen, auch die Riesen, sicher in ihrer Kraft und ihrem Alter, entrinnen doch nicht ihrem Schicksal. Die großen Bäume sind blatt- und saftlos, gleich einem nördlichen Waldlande in der Mitte des Winters. Auf den höheren Hügeln sind 50 "/g der Buchenhölzer und Quecken ganz tot, Nahrung für das nächste Feldteuer. Unter den toten Bäumen sind viele, deren Alter nach den Jahresringen auf wenigstens dreihundert Jahre geschätzt werden kann. Sogar die wirksamsten Wasserspeicherer konnten sich infolge dieser schrecklichen Ausdehnung der Dürre und Hitze nicht wieder beleben. Die kleine naevose Aloe, gemein auf den südlichen Hügeln im Mittelfelde, wächst reichlich, hauptsächlich im volle Nachtschauer liegt darin, daß der Boden nur leicht angefeuchtet ist. Der Same dringt durch, verbleibt aber ohne Keimung, und so die Sicher- heit des zukünftigen Sämlings verbürgend, jenseits der Linie der Feuchtigkeit, fertig gepflanzt, auf genügenden Regen wartend. Dieses Eindringen steht zu der Länge des Schwanzes im Verhältnis; man wird zu Ende der Jahreszeit der strengen Dürre finden, daß die Formen mit langgeschwänzten Früchte mehr Wildlinge entwickelt haben, als die mit kurzgeschwänzten; auch verlangen die harten Schalen dieser Früchte, um zu erweichen, einen be- stimmten und längeren Betrag der Feuchtigkeit. Dieser sämtlichen Vorzüge sind die Früchte der süßeren und weicheren Gräser beraubt. Die Klumpen sterben. Die Früchte keimen mit dem ersten schwachen Schauer, nur, um am nächsten Tage in der sengenden Sonne zu verdorren. So geschieht es, daß sich das berühmte süße Feld von Waterberg jährlich vermindert, mehr und mehr gemischt wird und sich sein Wert als ein Rind- viehbezirk entsprechend verschlechtert. Dazu kommt, daß auch der Mensch wider die sich verlierende Schatten dicker Büsche auf der Ebene. Wo dieser Schatten an irgendeinem Platze mangelhaft war, fingen ihre Blätter zu fallen an, vor Mitte der Jahreszeit waren sie ganz tot. — Stapeiien, ') diese Zaubertöchter der Wüste, sind sehr zahlreich. Unter gewöhnlichen Bedingungen schienen sie, beim Wachsen auf unfruchtbaren Felsenriffen einen kargen Boden vermittels ihrer eigenen Wurzeln sammelnd, jeden Anschein von Feuchtigkeit zu vermeiden; sogar diese Stapeiien hingen einge- schrumpft und schlapp auf ihren Felsen und die Hälfte der Pflanzen ist ohne Leben. Es war eine Überraschung, einen der besten Dürrewidersteher in einer großen Hypoxis zu finden. Nicht nur, daß sie ansehnliche Höhe er- ') Die Gattung Stapelia (Familie der Asclepiadeen) um- faßt blattlose oder nur mit schuppenartigen Blättchen ver- sehene Gewächse mit dicken, oft vierkantigen, fleischigen Stengeln, welche an manche Kakteen oder an afrikanische Wolfsmilcharten erinnern. Die Blumen sind meist sitzend, lederartig, nicht eigentlich schön, mehr bizarr, wenn auch bei vielen Arten durch den ihnen anhaftenden Geruch nicht an- genehm. An hundert Arten. 38 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 3 reichte, sondern an schattigen Plätzen erschienen sogar einige krankhafte Blüten. Oberhalb des Bodens hat diese Pflanze eine Knolle mittleren Umfangs, nicht eben groß, verglichen mit der Größe der Pflanze. Diese Knolle ist von mehreren trockenen Schichten vollständig wasserdichter Schalen umhüllt und mit klebriger, orangegefärbter Flüssigkeit gefüllt. Von besonderem Interesse war die Tatsache, daß nach ihr begierig gesucht und sie von allen Tieren mit Vorliebe vor anderen beschaffbaren Pflanzen gefressen wurde; sogar die gut gefütterten Tiere unserer Gespanne waren be- gierig darauf. Wir könnendie Pflanzenwelt nicht verlassen, ohne auf die merkwürdige Welwitschia mirabilis, Familie der Gnetaceen, der ein hundertjähriges Alter nach- gesagt wird, einzugehen (Abb. 2). Auf sie allein schien die schreckliche Dürre keinen sichtlichen Eindruck zu machen. Diese baumartige, ausschließ- lich in den trockenen Gegenden vorkommende Pflanze, welche mit ihrem Stamme nur wenige Zoll über den Boden ragt, trotzte der Dürre. Der in der Jugend knollenartige, im Alter etwas über zwei Fuß hohe, verkehrtkegelförmige Stamm fand durch seine Wurzeln genügend Wasser und Nahrung, um sich zu erhalten. Die unter der Erde befindliche, kräftige Pfahlwurzel verbreitert sich nach oben und erlangt in den alten Exem- plaren einen Umfang bis fünfzehn Fuß. Man er- blickt eine flache, in der Mitte gespaltene, zusam- mengedrückte Masse, welche je nach dem Alter einem Teller, einer Schüssel oder einem Tisch ähnlich ist. Alte Exemplare haben eine dunkel- braune, harte, überall geborstene Oberfläche, welche an die dunkele, gesprungene Krume eines schweren Ackerbodens erinnert. Am äußersten Umfange der oberen Fläche entspringen zwei sich gegenüberstehende, wellenförmig über den Erd- boden hinlaufende, flache, lange Riesenblätter von lederartiger Beschaffenheit, welche durch äußere Einflüsse in eine Menge ungleiche .Streifen zerteilt sind. Bei einzelnen gut erhaltenen Exemplaren umschließen diese Blätter den ganzen Stamm. Aus der breiten P'läche, nach innen zu, am Ur- sprungsrande der Blätter, erheben sich fußhohe, gabelförmig verästelte Blütenstände mit aufrecht- stehenden Scharlach- bis karmoisinroten Zapfen, welche an unsere Tannen erinnern. Viele standen in Blüte. Der Einfluß der Dürre auf die Tierwelt war genau so weitreichend und auffällig. Jene Tiere, welchen zu entkommen möglich war, flohen früh von dem geschlagenen Platze, — der Mensch unter den ersten. Das ganze Mittelfeld ist ohne menschliche Bewohner. Weiße und Schwarze zogen mit ihrem Vieh längs den Flußwegen gegen Süd und Nord, als das Wasser zurückging; sehr viel Vieh wurde auf das Hochland geschickt. Für alle praktischen Zwecke ist der Norden eine Wüste, in vielen Beziehungen eine schlechtere als die Kalahari; in der Mitte des Tages bietet sie ein Bild des Todes und der Verödung. Nicht ein Vogel singt, nicht ein Insekt bewegt sich, über allem lagert tiefste Stille. Irgendwo ist gesagt, daß der Wind wehe, von wannen er mag. Hier — wenn ein Lufthauch kommt — hat er immer eine starke Vorliebe für eine Richtung, nämlich die von der Kalahari, er ist heiß und sengend, wie der Atem eines Backofens. Es scheint in der Tat, als wenn die Wüste einen Arm herübergereckt hat, um für alle Zeiten diese großen Flächen einst fruchtbaren Landes in Besitz zu nehmen. An dem kühlsten be- nutzbaren Platze sank die Temperatur, jeden Tag, vier und eine halbe Stunde lang, nie unter 32^' R. Diese schreckliche Hitze und die .Abwesenheit jeder P^euchtigkeit in der Atmospäre hatte eigen- artige Wirkungen auf den menschlichen Körper und seine unmittelbare Umgebung. Das Haar wurde so elektrisiert, daß es beim leichten Streichen mit der Hand einen knisternden Schauer Funken erweckte. Die Fingernägel wurden spröde, daß sie brüchig wurden und sowohl Haar und Nägel schienen alle Kraft des Wuchses verloren zu haben. Alle Zelluloidstoffe zerbrachen schnell in dünne Blätter und neuer Gummi wurde in einigen Tagen eine unnütze, schwammige Masse. Die Schwänze der Pferde und ihre Seiten knisterten unaufhörlich und standen in zerzausten Büscheln hinaus, jedes Haar augenscheinlich gedrahtet. Wenn man während der Nacht reiste, waren ihre Seiten von kleinen, von elektrischen Entladungen herrührenden Flämmchen umgeben. Das Streichen des Segeltuches mit dem Finger verursachte eine Entladung, welche in der Hand gefühlt werden konnte. Das große Wild war nahezu ganz ver- schwunden und die großen Herden der blauen wildebeeste, welche früher im Jahre oft die Flüsse besuchten, zogen den Limpopo hinab, zu den großen Teichen und quer hinüber nach Rhodesia. Der den Tieren durch den Wechsel in ihrer Umgebung aufgezwungene Wechsel der Gewohn- heit war sehr interessant und in vielen Dingen merkwürdig. Die ersten Geschöpfe, welche wir bemerkten, waren Ameisenfresser; ausgehungert und unbesorgt gingen sie am hellen Tage umher. Diese interessanten Säugetiere schienen sich, so- weit es die Nahrungsaufnahme betraf, in ver- zweifelter Enge zu befinden. Ich hatte hier, in der ersten Zeit, an einem Mittage die günstige Gelegenheit zur Beobachtung eines Erdferkel- Jungen mit seiner Mutter (Orycteropus). Die L'rsache, welche dieses meist nächtliche und scheue Tier nötigte, eine festgesetzte Gewohn- heit aufzugeben, war unmittelbar sichtbar. Die Termiten, von welchen sie sich ausschließlich nähren, leben nur in hartem Boden; in den Sanddünen gibt es keine. Der von l'ermiten bewohnte Boden war aber so hart wie ein Felsen. Obgleich das Erdferkel die vollkommenste Bergbaumaschine ist, waren die Stunden der Dunkelheit für dasselbe nicht genügend, die Ter- mitennester zu erreichen; hinfort wurde es auch im Tageslicht zu arbeiten genötigt. Allenthalben fanden wir im Flächenraume des roten Bodens N. F. XVII. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 39 seine verlassenen Versuche zur Schachtbohrung. Bei einer anderen Gelegenheit begegneten wir, am Morgen, des Zahnlückers Nichte, ein Schuppen- tier (Manis) ein Weibchen mit seinem Jungen auf dem Riicken. Die Schwänze waren fest inein- ander verschlungen. Von Hunger getrieben, jagten die meisten nächtlichen Raubtiere während des Tages so gut als wie bei Nacht. Zwei Leoparden raubten in der Nachbarschaft einen kleinen Kaffern und trugen ein Schwein während des frühen Nachmittags fort. Die unglücklichen Paviane schliefen augenschein- lich überhaupt nicht, durch den Hunger waren sie furchtlos und unnatürliche, plumpe Knochen- gerüste. In regelrechten Zeiten fürchtet kein Tier das Dunkel mehr als der Pavian. Nichts wird ihn bewegen seinen Schlafplatz zu verlassen, bis die Morgendämmerung gut vorgeschritten ist, er ist immer besorgt, vor Anbruch der Nacht sicher auf seinem Ruheplatze zu sein. Hier hörten wir die ganze Nacht ihre menschenähnlichen Klagen, während sie an den Flußufern nach Nahrung suchten, alles und jedes verschlingend, was mit diesem Namen entfernt betitelt werden konnte. Wohin die Krokodile verschwunden waren, war zuerst ein unauflösliches Rätsel. Die wenigen stillstehenden Sümpfe im Limpopo wimmelten natürlicherweise von ihnen, jedoch stand ihre Zahl unmöglich im Verhältnis zu den Mengen, welche in Regenzeiten jeden Teich im !\Iagalakwen, Palala, Gaul und Crocodile gefährlich machen. Eine wahrscheinliche Lösung des Rätsels wurde durch eine Grabung nach Wasser im Sande des Magalakwenfiußbettes nahegelegt. In der Mitte hatte das Loch bei einem zweckentsprechenden Umfange, um den Wasserspiegel zu erreichen, wenigstens sechs Fuß tief zu sein. Viereinhalb Fuß unter der Oberfläche traf man auf ein kleines, drei Fuß langes, anscheinend totes Krokodil; — es war gerade unter dem Niveau des feuchten Sandes. Obgleich augenscheinlich leblos, war der Körper schlank und frisch 1 Wir fanden auch eine Zahl kleiner Fische, welche den Buren des Buschfeldes als „south-makriel" \l Südmakrele bekannt waren; dieselben schienen ganz leblos. Die Plsche wurden im unmittelbaren Sonnenlicht in einen Eimer Wasser gesetzt und in Zwischenräumen, aus einer beträchtlichen Höhe, mit einem Strahle Wasser aus einem Kessel Übergossen. In zehn Minuten fingen sie an Lebenszeichen zu geben und in einer viertel Stunde schwammen sie augenscheinlich ohne Nachteil durch ihr langes Schlafen im Eimer umher. Das Krokodil belebten wir innerhalb einer halben Stunde, es wurde in ein in den Schatten eines Baumes geschaufeltes Loch gesetzt und ge- legentlich mit einem Eimer Wasser übergössen. Irgendein seltsamer Naturtrieb schien es im ') South-makriel, Makrele Scomber. — Die Buren be- zeichnen diese Fische auch als barbel = Barbe. Die Barbe, Barbus fluviatilis, zur Familie der Karpfen gehörig, wühlt sich beim Schwinden des Wassers in den Boden ein, Augenblicke des Erwachens zum Leben zu zwingen, sich wieder in den Sand einzugraben. • — Nach den Spuren und der eigenen Beobachtung zu urteilen, schienen die meisten der noch in dieser öden Wüste lebenden Tiere gelernt zu haben, nach Wasser in dem Flußbette zu graben. Die erfolgreichsten Gräber waren die Paviane und Warzenschweine. Mein Begleiter — ein alter Jäger und geschickter Feldmann — wies mich auf die interessante Tatsache hin, daß jeder Laut dieser Schweine den ganzen Tag ein ordentliches Gefolge anderer Tiere herbeilockte, die augen- scheinlich von ihren Wasserlöchern profitieren wollten. Eine ganz unerklärliche, während der Höhe der Dürre in gewissen Teilen des Springbockflats beobachtete Sache war, daß die gewöhnlichen weißen Ameisen in der Mitte des Tages in un- geheurer Zahl aus ihren Löchern kamen, um in einem geschlossenen, gezackten Ballen den ganzen Tag in der Sonne zu liegen. Der Boden in der Um- gebung eines solchen Ballen war so heiß, daß man ihn nicht länger als zwei oder drei Sekunden mit der bloßen Hand berühren konnte. Ich war begierig, den Wärmegrad der direkten Sonnen- strahlung nächst dem Ballen zu ermitteln, und stellte ein Thermometer dicht daneben. Unglück- licherweise ging die Skala nur auf 6o Centigrade und das Quecksilber stieg in einigen Minuten zum Gipfel der Röhre. Dieses fürchterliche Sonnen- bad schien ihre verkümmerten Körper nicht im geringsten zu schädigen. In der Kühle des Abends zogen sie sich in ihre unterirdischen Nester zurück. Das einzige Tier, welches keine wahrnehm- bare Unbequemlichkeit litt, obgleich es auch zu einem Wechsel ihrer Gewohnheit getrieben wurde, war Canis pictus, der schreckliche Jagd- hund. Im Mittelfelde jagten sie während regel- mäßiger Zeiten nur während des Tages, meistens am frühen Morgen; wegen der schrecklichen Hitze jagten sie zur Nacht, wir wurden oft durch den Lärm ihres Treibens rauh aufgeweckt. Bei einer Gelegenheit trieb ein Trupp eine ausge- wachsene rietbuck- Schafmutter gerade durch unser Lager, während wir im Lichte eines großen Feuers saßen und rissen sie im Flußbette, innerhalb zwanzig Schritte von unseren Fuhrwerken, nieder. Bei einer anderen Gelegenheit trieb ein Trupp einen unserer Eselhengste zwei englische Meilen, ehe sie ihn erbeuteten und das unglückliche Tier auffraßen. Ich hatte nicht den mindesten Zweifel, wenn ich ihnen während des Tages begegnete, daß sie, nach ihrer drohenden und furchtlosen Körperhaltung zu urteilen, einen Menschen an- greifen würden, wenn sie das geringste Anzeichen von Furcht und Rückzug dazu ermutigte. Wir hatten einmal die Genugtuung, beim Zusammen- treffen mit einem Trupp dieser verwegenen Wüsten- räuber, welcher einen ausgewachsenen, männlichen Strauß nahe einem benachbarten Felde innerhalb weniger hundert Meter von unseren Zelten ge- 40 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 3 tötet hatte, durch Gewehrfeuer fast völlig zu vernichten. Dieses schien ein neuer Raub zu sein. Mehrere alte Waterbergiäger versicherten mir, daß sie früher niemals gehört, daß wilde Hunde einen Strauß jagten, und verschiedene bezweifelten die Möglichkeit der trbeutung eines aufgewachsenen gesunden Männchens. Der weißköpfige Seeadler, Haliaetos leucoce- phalus, welcher jedem Besucher der Küste Ost- afrikas wegen seines klaren , triumphierenden Jauchzens, hoch in den Wolken über irgendeiner Seebucht, auffallen wird, ist immer ein seltener Besucher von Waterberg während des frühen Sommers gewesen. Mannahm an, daß sie nur durch Stürme an der Küste landein getrieben würden. Dieses ist ein Irrtum. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der wirkliche Grund ihrer Reisen so weit landeinwärts die Austrocknung der Ströme ist, welche sie mit einer ergiebigen, leicht erhält- hchen Nahrung versorgen. Sie folgen dem Laufe eines austrocknenden Fhi.'^ses so lange, als die Aussicht vorhanden ist, sich Fische zu verschaffen. Wir fanden eine große Zahl dieser Vögel am Maga- lakwen, mehr als ich je zusammen gesehen habe. Hier waren sie nicht mehr die vornehmen Bürger der Wolken, wie in ihren heimischen Aufenthalts- orten, die sich aus schwindelnder Bläue herab- stürzten, um unterzutauchen in die frischen, klaren Wogen des Ozeans. Hier im Mittelfelde sind sie reine Fresser, einfache Geier, welche sich um Bruchstücke von Aas, welches die wilden Hunde übrig gelassen, stritten und die die faulen Krabben und Fische, den Flußufern entlang, auflasen. Wenn ich versuchen würde, nur in Umrissen zu beschreiben, wie die Dürre den Vögeln von Waterberg geschadet hat, so würde ich eine ganze Nummer der Wochenschrift nötig haben ; wie interessant auch immer dieser Gegenstand sein mag, so kann doch hierauf nicht näher eingegangen werden. — In Gegenwart dieser Zeichen von Tod und Verwüstung ist es schwierig, optimistisch zu sein. Es scheint nicht möglich, daß je wieder genug Wasser fallen kann, diese verdorrte und geborstene Erde zu befeuchten oder gar zu kühlen und diese Gräben von brennendem Sand wieder zu füllen. Optimismus möchte glauben, daß wir uns am tiefsten Punkte der Dürreperiode befinden und daß es von nun an beständig aufwärts gehen müsse, besseren Zeiten entgegen. Den kritischen Ver- stand jedoch stimmen die vielen Beobachtungen und Überlegungen pessimistisch, er erinnert sich des Beispiels vom Pendel, dessen Schwingungen stufenweise abnehmen bis zum toten Punkt. Einzelberichte. Zoologie. Worauf beruht die Färbung der Geweihe? Zur Beantwortung dieser jeden Tier- kundigen anziehenden Frage werden außer Unter- suchungen in wissenhaftlichen Arbeitsstätten auch die Beobachtungen aufmerksamer Jäger beitragen können. Der folgende Bericht fußt auf Angaben in der Deutschen Jägerzeitung, Band 68, Nr. 42, Band 69, Nr. 13, 30, 45 und 51 und Band 70, Nr. 13, 14, 16 und 18. Einwandfrei steht nach den zuerst in den Anatomischen Heften, Nr. 155, ver- öffentlichten mikroskopischen und chemischen Untersuchungen v. Korff's, sowie nach den che- mischen und spektroskopischen Prüfungen von Dr. Fr., einem Arzt, fest, daß der Farbstoff der gefegten Stangen Blut, „Schweiß", enthält. Und zwar überzieht ein Belag von Blutgerinnsel und Staub die Oberfläche der Geweihe und verdeckt die weiße Farbe der Knochensubstanz mehr oder weniger an den verschiedenen Stellen. Hieraus kann man schon schließen, daß die An- sichten der Jäger, die die Verschied en hei ten der Färbung ihrer Trophäen auf äußerlich wirkende Einflüsse zurückführen. Berechtigtes enthalten. Insbesondere kann, wenn ein Stück Wild genötigt ist, bei wochenlangem Regenwetter zu fegen, das Gehörn oder Geweih durch ständige Abspülung des Blutes bleichsüchtig, hell werden ; schmutzig graugelbe Stangen mit elfenbeinartigen Spitzen sollen entstehen, wenn der Bock viel im leichten Sande in einem an Büschen armen Gelände fegt, Auf der Art des in der Gegend herrschenden Staubes wird es ferner beruhen, daß in der ober- schlesischen Hüttengegend die Rehböcke sämtlich ein schmutziggraues bis schwarzgraues Gehörn haben. Der Staub braucht dabei weder unmittel- bar aus der Luft noch vom Erdboden aus auf das Gehörn zu kommen, sondern am häufigsten wird dies von den Pflanzenästen aus geschehen, an denen das Wild ja gewöhnlich fegt. Gewisse Beobachtungen scheinen die verbreitete Annahme zu bestätigen, daß Gerbsäure und andere Säfte der Baum- und Strauchäste, an denen das Wild fegt, die Geweih- oder Gehörnfärbung zu beein- flussen vermögen. Besonders soll das Fegen und Schlagen an Erlenarten die dunkelsten Färbungen hervorrufen, so in Revieren, in denen die Roterle neben verschiedenen Strauchweiden fast die allein herrschende Holzart bildet, und noch mehr dort, wo im Hochgebirge es dem Hirsch möglich ist, an der Alpen- oder Bergerle zu schlagen, was dem Geweih eine intensiv schwarze Farbe mit nur schneeweißen Spitzen verleiht. Daß übrigens auch ohne Beimengung von I-'remdsubstanzen zum Blut durch das Blut allein eine kräftige Verfärbung der Stangen eintreten kann, lehrt ein gelegentlicher „Pergamentbock", ein Bock, der nicht gefegt hatte und geschossen wurde, als der bereits vollständig vertrocknete Bast noch die Stangen fast bis auf die Rosen umscheid ete; die unteren Teile der Stangen, an N. F. XVII. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. denen der Bast nach den genauen Beobachtungen des Revierinhabers erst unlängst und lange nach seinem Absterben abgebröckelt war, sind kräfiig verfärbt. Daß ferner ohne Anlagerung von Blut lediglich durch Fremdsubs tanzen das Gehörn gleichfalls die naiürliche Färbung bekom- men kann, scheint ein Gehörn zu lehren, das noch frischen Bast trug, als der Bock, für einen guten Bock gehalten, erlegt wurde, und das nach Ent- fernung des Basts, an welchem Schweiß nicht vorhanden war, wie alle Bastgehörne anfangs ganz hell war, aber nach künstlichem F"egen an Fichten, Büschen und am Erdboden und nach Sonnenein- wirkung am ersten Abend bereits wesentlich dunkler und am zweiten Abend von einem natür- lich gefegten Gehörn nicht zu unterscheiden war. Ähnliches lehren mit Gewißheit die Versuche des Zahnarzt H. Pältz, der an allen Bastgehörnen durchaus natürlich aussehende und zum Teil sehr kräftige Verfärbungen nicht nur durch Behandlung mit Blut und Gerbsäure, sondern auch ohne Blut- farb'^toff durch Behandlung mit bloßem Serum und Staub oder mit Gerbsäure und Staub erhielt, während die Behandlung Ifdighch mit Serum und Gerbsäure nur strohgelbe Färbungen ergab. Eine andere Frage ist, ob irgend etwas am Gefüge des Knochens die Färbung mitbe- stimmen kann. Dann würde die Färbung nicht unbedingt nur auf außen angelagerten Substanzen beruhen, sondern wenigstens manchmal auch auf tiefer eindringenden, mögen diese nun mit dem Knochengewebe eine chemische Verbindung ein- gehen oder nicht. Jedenfalls war der Versuch von Pältz, eine durch Blut und Gerbsäure erzielte künstliche Färbung abzuwaschen, erfolglos. Es sollen ferner Moorgehörne eine verhältnismäßig dunkle Färbung dadurch bekommen, daß sie wegen der Kalkarmut des IVIoors und der Moor- pflanzen poröser und merklich leichter an Gewicht als andere Gehöre sind, wodurch das Periost vor dem Fegen nicht in der normalen, von AI tum beschriebenen Weise ossifizieren und Blut und Moorerde leicht in die Stangen eindringen könne. Streift sich durch Zufall ein Stück Bast vorzeitig ab, so wird die von ihm befreite Stelle dunkler als das übrige Gehörn. Je kalkreicher ein Gehörn, um so länger sind seine Enden weiß poliert. In Tiergärten werden die Gehörne und Geweihe in der Farbe bekanntlich ausnahmslos schmutzigen Knochen gleich, trotzdem der Schvveißaustritt beim Fegen nicht geringer ist als in freier Wildbahn. Das spricht aber doch nicht gegen die hohe Bedeutung des Blutes für die Gehörn- färbung unter natürlichen Verhältnissen, sondern wird darauf beruhen, daß die Zerviden in der Gefangenschaft stets überfegte Gehörne haben. Sie fegen aus Langerweile mehr als im Freien und wenigstens zum Teil an härteren Gegenständen, wie Gattern und Bretterwänden, und sind somit keine geeigneten Prüfstücke für die Frage. V. Franz. D as stammesg eschichtliche Verhältnis zwischen Flagellaten und Rhizopoden. Hat man ehedem in den zu den Rhizopoden gehörigen Amöben die ursprünglichsten Protozoen, ja überhaupt wohl die ursprünglichsten Organismen erblicken wollen und demgemäß Formen wie Mastigamoeba, die be- geißelte Amöbe, als Übergänge von den Amöben zu den Geißeltierchen oder Flagellaten gedeutet, so ist doch schon vor mehr als zehn Jahren die Ansicht laut geworden, der stammesgeschichtliche Weg könnte auch in umgekehrter Richtung, vom Flagellat zur Amöbe, geführt haben, zumal bei Rhizopoden begeißelte Jugendstadien auftreten. Die immer zahlreicheren Funde von solchen Organismen, die zeitweilig Amöbe, zeitweilig Flagellat sind, und von solchen, die dauernd beide Organisationen in sich vereinigen, lassen natürlich jene P'rage nicht ohne weiteres entscheiden. Da- gegen beantwortet sie Pascher in einer soeben heraufgekommenen Broschüre ') auf Grund genauer, zehnjähriger Beobachtungen in dem Sinne, daß Flagellaten ursprünglicher sind als Rhizopoden. Aus dieser Arbeit kann man genau ersehen, wie sich ein kritischer Forscher mit vollem Verant- wortungsgefühl zu dieser Annahme stellt, die in gleichem oder ähnlichem .Sinne heutzutage aller- dings schon von vielen, doch mehr oder weniger unverbindlich, geleilt wird. Pascher führt eine große Anzahl von Lebens- formen, großenteils von ihm selbst erstmalig be- schriebenen, aus dem Süßwasser und aus dem Meere vor, die sich etwa in Reihen anordnen lassen, an deren einem Ende pflanzliche, gefärbte Flagellaten stehen, am anderen farblose, durchaus rhi/.ipodiale, tierische Organismen. Als Übergangs- formen erscheinen: gefärbte Flagellaten mit gleich- zeitig animalischer Ernährungsweise nach Amöben- art; gefärbte Flagellaten mit Pseudopodien und sogar mit Axopodien, von einem festen Stab ge- stützten Pseudopodien, wie sie den Sonnentierchen unter den Rhizopoden eigen sind; gefärbte Flagel- laten, die zeitweilig unter Verlust der Geißel völlig rhizopodial werden oder nur im jugendlichen Schwärmerstadium begeißelt sind oder auch das nicht einmal, so daß keine Geißel mehr, sondern nur noch anderweitige Merkmale ihre nahe Ver- wandtschaft mit den Flagellaten erkennen lassen. Die ungefärbten Flagellaten, die ihrerseits von den gefärbten abzuleiten sind, enthalten ebensolche Formenreihen und führen schließlich zu einer Mastigamoeba, die zeitweilig ihre Geißeln abwirft, und zu ähnlichen Formen, die man schon als Amoeba beschrieben hat. Dafür, daß diese Reihen stammesgeschichtlich in der Richtung vom Flagellat zur Amöbe zu lesen sind, spricht namentlich die allmähliche Reduktion des Chromatophorenapparates in manchen Vertretern von ihnen. Denn es gibt neben Formen mit großem Chromatophor solche ') A. Pascher, Flagellaten und Rhizopoden in ihren gegenseitigen Beziehungen. Jena, G. Fischer, 1917. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 3 mit winzig kleinem, der sogar ganz fortbleiben kann, und solche ohne Chromatophor und doch mit dem Pyrenoid, einem Körper, der sonst stets nur in Verbindung mit Chromatophoren auftritt, endlich solche ohne Pyrenoid und doch mit pflanz- lichen Assimilaten, wie Stärke, Leukosin, Fetten und Ölen, die wiederum schrittweise fortbleiben. Daher wird man nun auch die Schwärmer- stadien von Rhizopoden im Sinne der biogenetischen Regel als vorfahrenähnliche Jugendstadien deuten dürfen. Pascher betont den hypothetischen Charakter dieser wie aller Anschauungen in Abstammungs- fragen und warnt vor allem vor ihrer vorzeitigen Verallgemeinerung. Er hat ja als Botaniker nicht die Rhizopoden, sondern nur die Flagellaten bis an ihre Grenze gegen die Rhizopoden untersucht, und wenn er hier auch innige Zusammenhänge feststellt, so läßt er es dahingestellt, ob das Gleiche für alle Rhizopoden, ja auch nur für alle Amöben gelte, die noch eine bunte Gesellschaft darstellen. Vielmehr meint er, auch von einer ganz anderen Seite her können rhizopodiale Organisationen aus- gebildet werden, worüber er sich ein anderes Mal aussprechen will. Doch schon heute meint er, daß an die Basis der heutigen Organismen nach unseren nunmehrigen Anschauungen nicht die Amöben, sondern die Flagellaten zu stellen sind und damit Organismen, die himmelweit über jeder theoretisch angeforderten Lebensurformstehen. V. Franz. In einer umfangreichen Arbeit „Die Hymenopteren als Studienobjekt azygoter Ver- erbungserscheinungen, „Experimentum crucis theoriae mendelianae" in der Zeitschrift für induk- tive Abstammungs- und Vererbungslehre, 191 7, Band XVII, Heft 4, behandeln L. Armbruster, H. Nachtsheim und Th. Roemer die Vorteile, welche die azygote Vererbung, die Vererbung bei parthenogenetischer Fortpflanzung, für die For- schung mit sich bringt, fernerhin weisen die Ver- fasser besondersauf die Hymenopteren als geeignete Studienobjekte hin und stellen außer methodolo- gischen Hinweisen die bisher durch Experiment und Beobachtung teils gesicherten, teils sehr wahr- scheinlich gewordenen Tatsachen zusammen. Von diesen sowie aus der Einleitung sei im folgenden das, was allgemein interessieren wird, hervorgehoben. Zur Parthenogenesis, apomiktischen Entwicke- lung oder Fortpflanzung ohne vorausgegangene Befruchtung sind fast nur weibliche Geschlechts- zellen befähigt. Apomiktische Entwickelung aus männlichen Geschlechtszellen ist nur im nicht ganz strengen Sinne möglich, nämlich dann, wenn die männliche Zelle mit einer kernlos gemachten Eizelle verschmilzt, was sich sowohl bei Pflanzen wie bei Tieren hat verwirklichen lassen und als Merogonie bezeichnet wird. Wahre Parthenoge- nesis oder Entwickelung aus weiblichen Gameten ist im Tierreich nicht selten, und auch im Pflanzenreich mehrt sich die geringe Zahl der sichergestellten Fälle. Für Fragen des M e n d e - lismus ist es stets wichtig, ob die parthenogene- tische Entwickelung vor der Reduktionsteilung, also unter Ausfall dieser, oder nach ihr einsetzt. Im ersteren Falle, den Strasburger als Apogamie bezeichnet, entstehen Individuen mit diploider Chromosomenzahl, im letzteren, der nach Stras- burger allein Parthenogenesis heißen dürfte, solche mit haploider. Jene wird auch soma- tische, diese generative Parthenogenesis ge- nannt. Bei Phanerogamen und Archegoniaten ist die Parthenogenesis, wo sie auftritt, somatisch; die generative tritt bei Thallophyten, und zwar vor- wiegend bei Desmidiazeen und Zygnemazeen und einmal bei Chara auf; bei den Metazoen ist sie verbreiteter, dann stets auf die Entstehung männ- licher Stücke beschränkt; so bei Rotatorien und Hymenopteren, während die Weibchen anscheinend fast immer, bei Phyllopoden und Rhynchoten auch die Männchen, soweit parthenogenetisch, generativ- parthenogenetisch entstehen. Für viele Fälle von Parthenegonesis ist diese Frage aber noch nicht gelöst. — Aus vielen Mitteilungen über die Honig- biene geht hervor, daß die erste Generation aus der Kreuzung von Apis mellifica mit Apis ligustica, also einer deutschen Drohne mit einer italienischen Königin oder umgekehrt, nicht einheitlich ist. Wenn nur die Männchen andere Eigenschaften erbten als die Weibchen, könnte sich das daraus erklären, daß nur jene parthenogenetisch, diese aber amphimiktisch entstehen, die Männchen also nur von der Mutter, die Weibchen und Arbeiterinnen von beiden Eltern erben. Aber auch die Weib- chen aus einer solchen Kreuzung sind unter sich viel förmig. Vielförmigkeit von Vollgeschwistern gilt sonst im allgemeinen als Verdacht auf Gemischtrassigkeit der Eltern. Es hat sich aber bei vielen solchen von v. Berlepsch beobachteten Völkern gezeigt, daß die Drohnen ausnahmslos der Mutter folgen, ein sicherer Beweis für die Reinrassigkeit der Mutterkönigin. Die X'aterdrohne muß, weil haploid oder generativ- parthenogenetischer Entstehung, gleichfalls rein- rassig sein. Wenn also deimoch in der ersten Generation teils dem Ansehen nach echt italienische, lebhaft „bunte", teils echt deutsche, „schwarze" Nachkommen, teils Mittelformen erzeugt werden, so kann die Ursache dafür diesmal nicht in der „Heterozygotie" der Elternindivi- duen gesucht werden. Eine andere merkwürdige Erscheinung in der Vererbung bei Bienen ist das Anwachsen rein mütterlich er Eigenschaften in der ersten Bastardgeneration mit fortschreiten- dem Alter derMutterkönigin. Dies ist be- reits an den eben ausschlüpfenden jungen Bienen zu erkennen. Auch in diesen Fällen war die Mutterkönigin reinrassig — die Vaterdrohne selbst- verständlich auch — und die Frage ist noch offen, warum die „isogenen" Individuen nicht „Isophän" sein mögen. — N. F. XVII. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 43 Die ungemein wechselnden Farben im Haar- kleid der Hummeln, Gattung Bombus, wurden von einigen Beobachtern als Modifikationen, von anderen als Mutationen angesprochen. Daß sie jedoch Kombinationen infolge Mendel- scher Vererbung seien, scheint ausfolgenden Tatsachen hervorzugehen. Die Zahl der Hummel- farben ist begrenzt, es handelt sich nur um Schwarz, mehr oder weniger reines Weiß, mehr oder weniger leuchtendes Rot und Gelb in ver- schiedenen Schattierungen. Durch die Verteilung der verschieden gefärbten Haare auf dem Chitin- panzer, der an den Farbenabänderungen nicht teil- nimmt, sowie in manchen Fällen durch weiße Färbung der Haarspitzen entstehen die zahlreichen, auf jene vier Grundfarben zurückführbaren Ab- weichungen. Nicht zu jeder beliebigen Zeichnung treten die Farben zusammen, sondern meist zu segmentaler, indem die einzelnen Segmente meist eine und dieselbe Färbung, unter Umständen Mischfärbung aufweisen, gelegentlich zu metamerer Scheckung. Die Verbreitung der Einzelfarbe er- scheint örtlich beschränkt, und zwar Rot meist auf die hintere, Gelb mehr aaf die vordere Körperhälfte, Schwarz und mitunter Weiß auf die dorsale Medianlinie. Es handelt sich also im Grunde wahrscheinlich überall um quantitatives Variieren. Ausnahmen von diesen Regeln treten nur auf bei Arten mit diffuser Färbung, wie Bombus variabilis oder B. muscorum, ferner bei geographischen Formen isolierten Wohngebiets, wie B. lapponicus und den Steppenhummeln. Bei Bombus hortorum nimmt Schwarz im gleichen Maße, wie es im oralen Teile auftritt, auch vom After her zu. Nach alledem und nach weiteren Anzeichen scheint nur für den ersten Anblick ein Chaos vorzuliegen, während die genauere Analyse wahrscheinlich die Wirkung unabhängiger Mendelscher Erbfaktoren nachweisen würde. Als Männchenfärbungen treten bei Hum- meln durchweg extreme Farbenkombinationen auf, wie man es aller Wahrscheinlichkeit nach bei parthenogenetischen und haploiden, also stets rein- rassigen Tieren erwarten muß. F"ranz. In Pflügers Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Tiere (Bd. i66, S. 281) finden wir die Ergebnisse einer Untersuchung über die Zirkulation der Teichmuschel unter natürlichen und künstlichen Bedingungen. Die Teichmuschel bildet insofern ein bequemes C)bjekt, als nach Entfernung einer Schale das Herz dem Beschauer frei vorliegt. Die Süßwassermuscheln sind die trägsten uns bekannten Tiere. Die Ortsverände- rung durch Kriechen geschieht vermittels des P^ußes außerordentlich langsam. Das Vorstrecken desselben beruht auf keiner Drucksteigerung der Hemolymphe, da es auch bei Herzstillstand und abnehmender Geschwindigkeit der Herzfolge be- obachtet werden kann, vielmehr auf einem Er- schlaffen der Muskulatur. Außerdem ist nur noch das Schließen der geöffneten Schale makroskopisch sichtbar. Die Leitungsgeschwindigkeit im Nerven beträgt nur i cm pro Sekunde. Die sonstigen aktiven Bewegungen beschränken sich auf das P'limmerepithel der Kiemen und des Darmes, be- anspruchen also keine Muskelarbeit, die ihrerseits wieder die Zufuhr von Sauerstoff nötig macht. Die Arbeitsleistung des Herzens ist also minimal. Dementsprechend ist auch die Zahl der Herz- schläge außerordentlich gering, bei 15" C 2—4 in der Minute; bei O " braucht eine Herzsystole sogar 2 Min. 17 Sek. Der Herzschlag ist häufig arhythmisch und hört bei Blutleere des Herzens ganz auf Merkwürdigerweise wird er durch Sauer- stoffmangel gar nicht beeinflußt, während er in sauerstoffreichem Wasser viel rascher ist. Was die Temperatur anbelangt, so liegt das Maximum bei 30'^ C, das Minimum bei 42" C. In 0-freiem Wasser bleibt die Teichmuschel bis 8 Tage lebend. CaCr- wirkt in verdünnter Lösung beschleunigend auf den Plerzschlag; erst C^ mol. bewirkt systo- lischen Stillstand. MgCI' wirkt dem CaCl'- ähn- lich; der Herzstillstand geschieht in Diastole. Kathariner. Die zur Zeit in Deutschland und den ver- bündeten Staaten herrschende Knappheit an Fetten hat zu mannigfachen Versuchen angeregt, P'ett- quellen, die bisher aus dem einen oder anderen Grunde unberücksichtigt geblieben waren, zu er- schließen und der Allgemeinheit nutzbar zu machen. In dem Körper der Knochenfische sind zum Teil verhältnismäßig große Mengen von Fett- substanzen gespeichert, so vor allem in der Leber und in der Umgebung der übrigen Eingeweide der Bauchhöhle. Es ist bekannt, daß z. B. der Lebertran aus der Leber des Dorsches gewonnen wird und zur Entstehung einer eigenen Industrie in den nordischen Ländern geführt hat. Die Fettmengen in dem Körper unserer Süßwasser- fische sind nun im großen und ganzen zu gering, als daß im Frieden, wo gewaltige Mengen von Fettstoffen eingeführt werden, eine lohnende Aus- beute erwartet werden könnte. Während des Krieges ist jedoch von verschiedenen Seiten auf diese Fettquelle hingewiesen worden, und auch hat man sowohl von privater Seite, wie an wissen- schaftlichen Arbeitstellen Untersuchungen über die Menge des zu erhaltenden Fettes bei den einzelnen Süßwasserfischarten angestellt. Schon früher wurde in der Naturwissensch. Wochenschrift über die Untersuchungen berichtet, die Seligo in dieser Hinsicht unternommen hatte. Über die Ergebnisse, die in bezug auf diese PVage durch die Arbeiten in der Kgl. Bayer. Bio- logischen Versuchsanstalt für Fischerei erzielt worden sind, berichtet M. PI eh n (Gewinnung des Fettes aus Fischeingeweiden, Allgem. Fischerei- Ztg. XXXXII. Jahrg., Nr. 18). Die betrefi"enden Untersuchungen können noch nicht als abge- schlossen betrachtet werden, doch meint Plehn, daß durch die vorliegenden Ergebnisse die Auf- 44 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 3 merksamkeit der Praktiker auf diese Frage von neuem wachgerufen werden könnte. Die Fettbestimmungen Seliges waren mit Hilfe der Ätherextraktion vorgenommen worden. Plehn dagegen bezieht sich mehr auf die prak- tischen Verhältnisse in der Hauswirtschaft und zog daher das Ausschmelzen oder Auskoclien des Fettes aus den Fischeingeweiden vor. Größere Fettpolster der Fische wurden eingeschmolzen, die Eingeweide — bei größeren Fischen nach Reini- gung des Darmes von seinem Inhalt — gründlich zerkleinert und mit wenig Wasser ausgekocht. In einem Meßzylinder wurde dann nach dem Er- kalten die Menge des sich an der Oberfläche an- sammelndes Fettes gemessen. Es wurden auf den p-ettgehalt ihrer Eingeweide untersucht: Karpfen, Schleien, Lauben, Brachsen, Äschen, Renken und Goldkarpfen (Higoi). Im allgemeinen wurden die Geschlechtsorgane miteinbezogen, nur beim Karpfen wurden diese abgetrennt, da sie ja auch in der Hauswirtschaft mit verzehrt werden und auch an und für sich fettlos oder doch sehr fett- arm sind. Es ergab sich nun folgendes: Praktisch be- trachtet hatten kein Eingeweidefett die Schleien und Renken, ebenfalls eine Serie Karpfen, während eine zweite Serie „ziemlich fett" war, indem der Fettgehalt der Eingeweide 9"o derselben betrug. Offenbar ist dies abhängig von der Fütterung der Karpfen gewesen. Mehr Fett enthielten die Lauben. Am günstigten stellte sich das Resultat bei den Äschen und Brachsen. Allerdings enthielt der untersuchte Goldkarpfen noch bedeutendere Fett- mengen, doch handelte es sich hier um eine krankhafte Fettaufspeicherung. Die erhaltenen Zahlen in Pro- zenten der Eingeweide mögen folgen: Schleien o'Vo, Renken 0%, Karpfen i. Serie 0%, Karpfen 2. Serie 9% (beide Serien viersömmerig), Lauben "] ,"] */g. Äschen I4bzw. i6"/„, Brachsen 22"/^, Goldkarpfen 80 "/„. Weitere Körpergewichts- usw. Angaben sind in der der Arbeit beigegebenen Tabelle enthalten. Leider ist der Fettgehalt der Eingeweide unserer Süßwasserfische zu den verschiedenen Jahres- zeiten ein sehr wechselnder, abhängig von der Nahrung und Geschlechtsreife, so daß die Unter- suchungen zu einem abschließenden Urteil noch nicht genügen. Trotzdem glaubt Plehn sich zu dem Schlüsse berechtigt, „daß eine öffentliche Bewirtschaftung der Fischeingeweide, ihre Beschlag- nahme zwecks Fettgewinnung, nicht am Platze wäre. Unter einigem wertvollen würde dabei zu viel unbrauchbares Material mit anfallen." Es wird aber seitens der Verfasserin anempfohlen, das Eingeweidefett in der Wirtschaft selbst in der Weise zu verwenden, daß man die Fische in dem Fett braten läßt. Da das Mschfett schnell ver- dirbt, muß es zum Genuß frisch benutzt werden. Zu diesem Zweck nicht mehr geeignetes Fett soll sich aber auch zu technischen Zwecken verwenden lassen und vor allem mit Hammeltalg oder Paraffin gemischt ein gutes Stiefelfett geben. Dr. Willer. Medizin. In der Münchner Medizinischen Wochenschr. Nr. 42 Jahrg. 64, 1917 berichtet Ge o rg Herzog über den mikroskopischen Fund nach einem Fall von Pilzvergiftung, welcher sich im Osten ereignete und der sechs Zivilpersonen und ein Soldat am dritten bzw. vierten Tag zum Opfer fielen. Die Patienten hatten die durch ihre Helvellasäure giftige Lorchel (Gyromitra Fr.) mit der ungiftigen MDrchel (Morchella Dill.) verwechselt und die Schwämme teils gesotten, teils leicht gebacken gegessen. Alle erlagen der Vergiftung in drei bis vier Tagen. Charakteristisch war der Zerfall der Zellkert^e der Leberzellen, namentlich im peripheren Abschnitt der Leberlä[)pchen, sowie die Rrgenerationserscheinungen des Lebergewebes, welche von den Gallenkapillaren ausgingen. Außer- dem zeigte die Leber das gewöhnliche Symptom einer Vergiftung, die Verfettung. Hämorrhagien, namentlich unter den serösen Häuten fandtn sich sehr häufig, wie denn auch die Magenschleim- haut an zahlreichen Fällen nekrotisch war. Kathariner. Die Transplantation aus dem Affen und ihre Dauererfolge. Zu dem Vorschlage, in Sanitäts- formationen der vorderen Linie Transplantations- material zu sammeln, es aseptisch aufzubewahren und der Heimat zur Verwendung bei Operationen zuzuführen, konnte Prof. H. Küttner keine günstigen Erfahrungen mitteilen: die längere Kon- servierung in Serum scheiterte schon beim Tier- experiment. Dagegen berichtet Küttner^) bei dieser Gelegenheit über seine in zwei F"ällen er- zielten Erfolge der Transplantation von Affen- knochen in den Menschen. Einem neun Monate alten Kinde wurde an Stelle der infolge angeborenen Defekts völlig fehlenden Fibula die periostbedeckte Fibula eines jungen Makaken implantiert, nach- dem ihr oberes Gelenkende abgetragen war, da sie etwas zu lang war. Heute, nach fast 6 Jahren, zeigt sich im Röntgenbild, daß die Aftenfibula vollkommen, auch in ihrer inneren Struktur, er- halten ist; gewachsen ist sie allerdings nicht mit dem übrigen Körper. Ebenso wurde einem anderen, i "V^ Jahre alten Kinde die fehlende untere Radiushälfte durch eine solche eines Makaken er- setzt ; die einander fremden Teile wurden durch einen Elfenbeinstift miteinander verbolzt. Auch hier kann heute, nach mehr als 4 Jahren, in gleicher Weise wie oben ein Dauererfolg festge- stellt werden. Diese Erfahrungen widerlegen die grundsätz- lichen, auf Tierversuche zurückgehenden Befürch- tungen gegen die Heterotransplantation. Aller- dings haben Tierversuche gelehrt, daß am weitaus besten die Autotransplantation zu gelingen pflegt, schon die Transplantation von einem Individuum auf das andere der gleichen Art versagt oft, und noch öfter die von Art zu Art; doch auch diese ') Münch. med. Wochenschr. 64. Jahrg. 19 17, Xr. 45. N. F. XVII. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 45 kann nach Erfahrungen der Entwicklungsmechanik — Born — zum Beispiel bei Amphibienembry- onen gelingen. Brück stellte in Java folgende Verwandlschaftsabstufungen zwischen Menschen und Affen fest: i. Mensch, 2. Orang-Utan, 3. Gibbon, 4. Macacus rhesus und nemestrinus, 5. Macacus cynomolgus. Dabei sei der Mensch vom Orang biologisch etwa so weit entfernt wie dieser vom Macacus rhesus; nach Fried enth al aber stehen sich Mensch und Macacus rhesus noch erheblich näher als Kaninchen und Meerschweinchen. Küttner verspricht sich von der Transplation aus dem Affen auf den Menschen Erfolge außer bei Knochen auch bei Sehnen, Gefäßen und viel- leicht noch anderen Weichteilen. Ob auch die Transplantation aus dem Hund oder Kalb auf den Menschen erfolgreich sein werde, sei zwar fraglich, könne aber nur durch klinische Erfahrungen ent- schieden werden. In Friedenszeiten seien Macacus rhesus und die größeren afrikanischen Paviane ein jederzeit umgehend und billig zu beschaffendes Material. V. Franz. Geologie. Über seine geologische Studienreise in den Kreisen Mitrovica, Novipazar und Pnjepolje, Altserbien, berichtet Franz Koßmat in den Berichten über die Verhandlungen der Königlich Sachs. Gesellsch. d. Wissenschaften zu Leipzig. III. Bd. 1916. Es galt nachzuweisen, daß die Serpentinmassen der inneren Teile des dinarischen Gebirges nicht tertiäres, sondern mesozoisches Alter haben, zum Teil der Trias angehören, zum Teil jünger sind. Dazu bot der ehemalige türkische Sandschak Novipazar alsVerbindungsstück zwischen Ostbosnien und Nordalbanien einerseits, der Rhodopezone und den Kalkgebirgen Montenegros andererseits inter- essante geologische Aufschlüsse. Das Moravabecken ist mit limnischem Jung- tertiär und Quartär erfüllt. Im Süden liegt eine breite Gebirgsmasse, die der Ibarfluß durchbrochen hat. Die Grenze im schluchtartigen Teile sind Serpentinmassen ohne Humusüberkleidung. Im nördhchen Teile kommen flyschähnliche Schichten zu Tage, die auf der Karte von Serbien als Kreide dargestellt sind. Bei Polumia liegen unter dem hangenden Serpentin Granite und paläozoische Tonschichten zu einem Sattel gefaltet. Das ist die Kernregion des östlichen Kopaonikgebirges. Bei Usce ist im Serpentingebiet eine kohlenführende Sedimentscholle sichtbar. Es sind Konglomerate aus Porphyren, Tuffsandsteinen, Schiefer und Quarz im Wechsel mit gefrittet aussehenden Sand- steinen. Die hohen Schichten sind Schiefertone mit Sandsteinen, in denen ein 5 m mächiigrs Flöz anthracitischer Steinkohle eingelagert ist, das man abzubauen beginnt. An einem Stollenmundloch sah man in i V-j m Dicke verschlackte Toneisen- stein- und Schieferbrocken, ein ausgebranntes Fiöz. Es handelt sich hier um eine große Scholle, die von dem Serpentin umhüllt und aus ihrem Zu- sammenhang gerissen wurde, denn aus dem Meso- zoikum Serbiens sind solche Kohlenvorkommen sonst nicht bekannt. Ein paar km im Studenic- tale stehen unter Serpentin serizitische Quarzschiefer an, die zum Paläozoikum der Golija planiea ge- hören. Dazu gehören auch die schönen weißen Marmore des alten Klosters Studenica. Südlich Usce liegt auf den Serpentinen eine Decke von Trachyten, die durch bunte Farbe und schroffe Geländeformen sich auszeichnen. Lange vor Raska stellen sich die Serpentinmassen wieder ein. Das Kopaonikgebirge lernt man kennen, wenn man auf der Straße Raska-Mitrovica wandert. Zunächst kommt man in eine Trachytregion , teilweise säulenförmig abgesondert. Oben am Gebirgshang stehen unter Konglomeraten und Breccien Flysch- sandsteine an, die auf Serpentin lagern. Bis auf dem Kamm stehen Serpentine an, die von Trachyten durchbrochen werden. Süd- und Südwesthang des Gebirges gliedern sich nach Serpentin und Tra- chyt hin deutlich. Öde ist die Serpentinlandschaft, fruchtbar der trachytische Boden. Im Milanov vrh. steigt das Gebirge 2140 m hoch, zeigt unter Serpertin metamorphen Kalk, in den Gipfelregionen Magneteisenstein. Koßmat hält die eingelagerten Kalksilikate für mesozoische Kieselkalke. Nord- westlich vom Gipfel erscheinen syneitsche Gesteine und metamorphe Tonschiefer, gleich den paläozoi- schen Schichten des Golijagebirges. Zwischen den syneitischen Dinar und dem Serpentin zeigt sich an der Westgrenze ein metamorpher Kalk wie bei Milanov vrh. Hier das von Granitfels be- gleitete Magnetitlager von Suva Ruda, das später noch eine bergbauliche Bedeutung erreichen wird. Nicht Serpentin, sondern Syenit im Liegenden er- zeugte die Metamorphose. Vielleicht sind die Marmore von Studenica auch mesozoische Kalke. Die trachytischen Eruptionen erzeugten sulfidische Erze, z.B. Bleiglanzzinkblendegänge in den Eruptiv- gesteinen und im Flyschsandsteine. Auch südlich des Gebirgsstockes bildet das Ibartal ein reines Erosionstal. Wieder treten die Flyschsandsteine zwischen tertiären Eruptiven und Serpentin auf. Die jung-vulkanischen Bildungen bilden eine tek- tonische Mulde, im Westen bei Raska bis auf ihre Unterlage durchnagt. Die weithin sichtbare Kuppe des Vinoroy bildet Serpentin, von Gabbro be- gleitet. Zwischen Novipazar und Mitrovica haben wir die typische Oberkreide-Transpression vor uns, so schön wie in den Ostalpen. Flysch beginnt mit fossilführendem Turon, greift über die Serpentin- massen und paläozoischen Nachbargesteine im Süden über, welche die gewöhnliche Unterlage der montenegrinisch-nordalbanischen Kalkgebirge bilden. Zwischen Novipazar und Mitrovica ragen mehrere Berge trachytischer Eruptivgesteine aus dem Plysrh heraus (Mitrovica, Jevorska Streue, RoyoznaHan, Vidnik). Durchs Paläozoikum ragen sie südlic hder Golija. Der erzreiche Trachytstock von Svabrenica in Ostbosnien und Meylaj im Vosnatal sind streichende Fortsetzungen. Eruptiv waren die Trachyte im Miocän wie es die steiri- 46 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 3 sehen Vorkommen waren. Zahlreiche Thermen (Banjske 45" C, Klecka Banja 31** C, Banja 48,5° C, Banja bei Priboj 36" C) und Mineralquellen sind Nachwirkungen der Eruptionen von Kosovopojja bis zum Lim. Die Schollenmassen auf den Platt- formen der Flyschberge nördlich Novipazar sind Reste von pliocänen Flüssen. Südwestlich dieses transgredierenden Flysch- gebietes kommen paläozoische Schiefer zu Tage. Sie bilden das Innere des dinarischen Gebirges, auf die sich nach Montenegro hin Perm und T rias legt. Im oberen Ibartal zeigt sich deutlich der Unterschied zwischen östlichem und westlichem Dinarischen Gebirge. Bei Mojstir Christian kann man die Äquivalente des Perm und Trias, die hier auf Paläozoikum lagern, studieren: Permsandsteine mit Porphyren, Werfener Schiefer mit undeutlichen Bivalvenresten, oolithische Kalke. Dem Muschel- kalk gehören an: dunkelgraue Kalke mit Horn- stein, flaserige Mergelkalke, weiße Kalkmassen der oberen Trias mit DoHnenlandschaft im Wiesen- gelände des Flusses. Sie bilden die Höhen der Mokra planina bis in die nordalbanischen Alpen. Nach Nordwest läßt sich die Kalkmasse weiter verfolgen. Sie macht den Eindruck einer flach- liegenden Platte mit starken Störungen und P^al- tungen. Eine Zone der Hornsteinschichten und basischen Eruptivgesteinen im Hangenden der Trias- gesteine SW. von Novipazar und Mitrovica zieht in 160 km Erstreckung zur nordbosnischen Ser- pentin- und Flyschzone hin. Nördlich von Sjenica am Eintritt in die Aver-Klamm stellte Koßmat fest: Die Radiolarien-Hornsteinschichten, begleitet von Tuffen, wurden von konglomeratischen fossil- führenden Kalken unterlagert. Sie führen Horn- steinlagen, Korallen , Hydrocorallinen (Millapori- dium) wie der Tischon von Stromberg in Mähren. Also gehören die Jaspis-Tuffit- und Serpentin- schichten von Mitrovica-Novipazar und Tutinje- Sjenica - Pripapolje - Uvac - Wisegrad - Rogatica zur Tischon-Neokomzeit. In der Kalkzone des südwestlichen Altserbiens sind von Seen jungtertiärer Zeit Spuren erhalten in der MetochijaEbene bei Ipek, im Tertiärbecken von Sjenica. Hier ist die alte Ufermarke durch Felsterrassen gekennzeichnet. Weiße fossilführende Süßwassermergel, bei Stavolj mit limnaeusreichen Brandschiefern und Lignitflözen bauen die alten Seeablagerungen auf. Chalcedon- und Achataus- scheidungen durchsetzen die Mergel, Nachwirkungen der Vulkanausbrüche des Golijahanges. Im See- becken selbst findet man eine Schollenschicht, aus Gesteinen der umliegenden Gebirge. Die Höhe beträgt 1200— 1300 m. Ein kleineres Becken fand Koßmat im oberen Bistricaltal bei Movavaros in 800—900 m Höhe. Hundt, im Felde. Paläontologie. Über Die Säge der Pristiden Onchopristis numidus Hang sp. und über die Sägen der Sägehaie schreibt Ernst Stromer in den Abhandlungen der Königl. bayr. Akad. d. Wissensch., Math.-physik. Klasse, XXVIII. Band. 8. Abhdl. Aus dem untersten Genomen der Baharije-Oase Ägyptens beschreibt Stromer Rostralreste, voll- ständige Zähne, Sockel und Kronenstücke von Onchopristis numidus Haug sp. Mit bezahnten Rostren (Sägen) unterscheidet er folgende Pla- giostomen: 1. Pristis Klein 1742. Mehrere zum Teil sehr große Arten, die in warmen, selten in tropischen Strömen leben, fossil bis ins Eozän zu verfolgen sind. 2. O-vypristis Hoffmann 1912. Lebt in einer großen Art im Indischen Ozean, läßt sich fossil bis ins Eozän nachweisen. 3. Propristis Dames 1883. Eine große Art aus dem fluviomarinen Obereozän Ägyptens be- kannt geworden. 4. Önchosaurus P. Gervais 1852. Bekannt zwei große Arten aus marinem Senon Frankreichs und Ägyptens. 5. Onchopristis n. g. Eine stattliche Art aus dem fluviomarinen untersten Genomen Nordafrikas. 6. Sclerorhynchus A. Smith Woodward 1889. Mehrere kleine Arten aus der marinen oberen Kreide (Turon und Senon) des Libanon. 7. Pristiophorus, Müller und Henle 1837. Mehreren kleine Arten aus den Meeren von Australien bis Japan, fossil im marinen Mittelmiocän Württem- bergs. 8. Pliotrema Regan 1906. Eine kleine Art aus dem Indischen Ozean bei Südafrika, vielleicht fossil im Mitteltertiär Neuseelands. Onchopristis gleicht teils Pristis, teils Propristis. Es stehen sich nahe Pristiophorus, Pliotrema, viel- leicht auch Sclerorhynchus einerseits, Onchopristis, Önchosaurus, Pristis, Oxypristis, Propristis ander- seits, so daß zwei F"amilien sich darbieten: Pristio- phoridae und Pristidae. Neues erfahren wir über den Zweck der Sägen, der Sägehaie, über den keinerlei Beobachtungen bis jetzt vorliegen. Auch über die Lebensweise der Sägehaie weiß man wenig. Pristiophorus frißt Fische, Pristis Fische und Krebse. Sie sind als bessere Schwimmer wie die Rochen, wie diese Grundbewohner. Die Sägezähne bei Propristis, Pristis und Oxypristis sind stark abgenutzt und zeigen Kritzer, die von innen vorn nach hinten außen verlaufen. Bei Pristiophorus, Onchopristis, Önchosaurus sind keine Spuren irgendwelcher Ab- nützung festgestellt, weil die Zahnkronen eine sehr widerstandsfähige Deckschicht besitzen. Nach Pappenheim dienten die Sägen als Bagger- apparat und Seihvorrichtung, um aus dem Boden Beutetiere zu gewinnen. Derselben Meinung ist Loh mann, während Engel annimmt, daß die Haie mit der Säge bald links, bald rechts den Boden aufreißen, um die Tiere zu jagen. Stromer glaubt, die Pristidae reißen, sich seitlich drehend, mit den Sägen den Fischen den Leib auf. Dabei entstehen durch Reiben der Zähne an Hartteilen die Kritzer. Günther gibt von den Pristidae an, daß die Pristidae mit der Säge Gephalopoden N. F. XVII. Nr. 3 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 47 Fleischstücke herausreißen und die \\'eichteile ver- schlingen. Mit den vielen Reihen winziger Zähne konnten sie die glatien Fische festhalten. Die Säge war ihnen sicher auch Waffe gegen Feinde und bei Eifersuchtskämpien. Die Widerhaken der Zähne bei den geologisch älteren Gattungen Onchopristis, Onchosaurus und die ontogeneiisch bei Oxypristis auftreten, kennt man auch bei anderen Fischen. Vielleicht dienten solche Kieferzähne dazu, glatte Beutetiere festzu- halten. Die Kopfhautzähne der Männchen der Vorfahren von Onchopristis (die denen von Astera- canthus gleichen) dienten bei der Begattung zum Reizen, Festhalten oder zu Kämpfen. Hundt, im Felde. Botanik. Blütenbiologische Untersuchungen. Seit langem ist die eigenartige Erscheinung der Selbsterwärmung des Blütenstandes bei /[nun niaciila/mii h., dem Aronstab, bekannt, die sich später auch an den meisten der übrigen Araceen nachweisen ließ. Besonders eingehend hat sich E. Leick mit dem Problem beschäftigt und über seine Untersuchungen in mehreren Arbeiten be- richtet, deren Ergebnisse er neuerdings zusammen- fassend veröffentlicht hat. (E. Leick, Die Er- wärmungstypen der Araceen und ihre blüten- biologische Deutung. Ber. deutsche bot. Ges. 33, 508 — 536.) Früher hielt man den Befruch- tungsvorgang für die Ursache der Wärmeproduk- tion. Das ist nach Leick aber schon aus dem Grunde unmöglich, weil es meist gerade die weib- lichen Organe sind, die die geringste Temperatur- steigerung aufweisen. Da sich bei .-In/iii u. a. gerade die sterilen Teile des Kolbens am meisten erwärmen, kann dies auch nicht mit dem Auf- springen der Theken zusammenhängen, das zudem zeitlich gar nicht mit dem Wärmemaximum zu- sammenfällt. Auch die Vermutung Links, der eine ursächliche Verbindung mit der Bildung der Geruchsstoffe annimmt, ist hinfällig, da gerade manche Arten trotz starker Temperatursteigerung nur schwach duften und umgekehrt. Im Gegen- satz hierzu gibt Leick eine den Tatsachen völlig entsprechende Erklärung, indem er die Erwärmung im Zusammenhang mit dem Blütenbau betrachtet und als eine im Dienste der Bestäubung stehende blütenbiologische Anpassung deutet. Danach sind alle bei Araceen beobachteten Temperatursteige- rungen als Anlockungsmittel für die Insekten zu be- trachten. Hierbei kann man vier Typen unter- scheiden. Äloiisfcra zeigt die primitivste Stufe der Thermatophorbildung, da hier die Erwärmung nicht auf eine bestimmte Zone beschränkt ist, sondern den ganzen Blütenstand betrifft. Das erklärt sich daraus, daß in ihm ganz gleichmäßig (J und 5 Blüten verteilt sind. Die Wärmemaxima entsprechen der Narbenreife und später dem Reifen der Antheren; die Insekten wurden zweimal an- gelockt, zunächst zur Bestäubung, später zur Ver- breitung des nunmehr freigewordenen Pollens. Bei Pliilodciidrun ist die Erwärmung dagegen auf den oberen Kolbenteil beschränkt, der nur ^ Blüten trägt. Gerade dieser Teil kommt für die gestei- gerte physiologische Oxydation, die als die Wärme- quelle anzusehen ist, auch in erster Linie in F"rage, da er nach der Pollenreifung kerne weiteren Bau- und Reservestoffe benötigt. Bei Coloccisia ist die Haupterwärmung auf den obersten Teil des Kol- bens beschränkt, der nur noch Staminodien trägt und keinerlei sexuelle Tätigkeit mehr aulweist. Noch stärker prägt sich diese Umbildung des Kolbengipfels zum reinen Thermatophor bei Anuii aus, wo er völlig steril geworden, nicht einmal Staminodien trägt. Hier ist im Gegensatz zu den ersten drei Typen der von der Spatha gebildete Kessel zu einer sehr vollkommenen Insektenfalle geworden. Dies ist auch der Grund, weshalb die Haupterwärmung hier gleich beim ersten Maximum eintritt. Eine zweimalige An- lockung der Bestäuber ist ja in diesem Falle auch nicht nötig, da sie, einmal gefangen, doch nicht entweichen können, ehe auch die Antheren zur Reife gelangt sind. Die schrittweise Entwicklung dieser blütenbiologischen Anpassung entspricht völlig dem genetischen Zusammenhang der Araceen- gruppen. Auf den einfachen AIüiistcra-'Yy^\x% folgt bei PJnlodoidroii die Beschränkung der Thermatophorbildung auf die Antheren. Diese wird weiter bei Colocasia auf den Staminodialteil beschränkt, um bei Ariini am vollkommensten ausgestaltet zu werden. Die Blütenbiologie von Pedicularis Trn., dem Läusekraut, wird von Kavina einer ver- gleichenden Untersuchung unterzogen. (Kavina, Ein Beitrag zur Blütenbiologie der Gattung Pcdi- citlan's. Sitzber. böhm. Ges. Wissensch. M.-N. Kl. 1915, I— 21.) Die mit etwa 250 Arten reich- haltigste Scrofulariaceengattung ist am weitesten in den kälteren Gebieten der nördlichen Halbkugel verbreitet und besitzt in Europa etwa 50 Arten, viele auf nasssen Wiesen und Sümpfen höherer Lagen. Nach ihrer Bestäubung lassen sich drei Gruppen unterscheiden. Das Beispiel einer ento- mophilen Art ist P. sik'afira L. Sie wird von großen Hummeln bestäubt, die ihren langen Rüssel in den oberen weiten Teil des Blüteneingangs versenken. Dabei hat die schräge Stellung der Unterlippe, die den Vorderfüßen des Insekts als Stütze dient, zur Folge, daß der obere Teil des Kopfes gerade die Narbe berührt. Wenn die Hummel aber dann den am Grunde der Kronröhre ausgeschieden Honig erlangen will, muß sie den ganzen Kopf in den Eingang stecken, wobei die oberen Helmzipfel auseinanderweichen und die Antheren den Staub auf die gleiche Stelle fallen lassen. P. sihn/icd und zahlreiche andere Arten sind auf Insekten angewiesen, Autogamie kommt nur äußerst selten, Kleistogamie niemals vor. Die zweite Gruppe umfaßt die meisten Arten. Sie können sich bei dem Ausbleiben von Insekten selbst bestäuben. Der weit herausragende Griffel beginnt sich dann nach oben zurückzu- Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 3 krümmen, bis die Xarbe unter die Staubbeutel gelangt und bestäubt wird. So ist es bei P. sii- ddica W., dem Glazialrelikt des Riesengebirges, und P. coroiu'iisis Schur, der siebenbürgischen Hochebene, wo Insekten fast nie beobachtet werden. Am auffallendsten ist die Knickung der Oberlippe bei P. uiiiviiata lacq. Sie beugt sich bei mangelndem Insektenbesuch soweit herab, daß sie senkrecht steht und der Staub in die Röhre so herabfällt, daß er gerade auf die vor der Mündung stehende Narbe trifft. Schon Kerner vermutete, daß hier auch durch den Wind Pollen übertragen werden kann, innerhalb der Gattung also auch beginnende Anemophilie vorhanden ist. Die Autogamie ist bei den arktischen Formen am häufigsten, die zur dritten, durch P. Sccpfnini- Caroliiinm L., dem Moorkönig, vertretenen Gruppe überleiten. Diese typisch kleistogame Art kommt bei uns nur als Relikt auf einigen Mooren vor und unterscheidet sich von allen an- deren dadurch, daß die Ober- und Unterlippe der großen Blüte eng aneinander gedrückt sind und sich niemals öft'nen. Dabei bleibt der ganze Griffel eingeschlossen. Entgegen der Ansicht W a r m i n gs , der die Blüte mit Liiian'a vergleicht, fehlt hier ein öffnender Klappmechanismus vollständig und eine Fremdbestäubung scheint ausgeschlossen. Damit steht im Einklang, daß die vier Antheren dem Griffel auch anliegen und die Narbe allseitig umgeben. Kr. Pflanzenpathologie. Über das Erhaltenbleiben des Chlorophylls in herbstlich verfärbten und abgefallenen Blättern durch Tiere berichtet Ö. Richter in der Zeitschrift tür Pflanzenkrank- heiten (Bd. 25. S. 3S5— 392). Beim Eintritt der Verfärbung und des Laubfalles beobachtete er an vielen Blättern von Acer Psfiidoplaf(7iuis L. grün gebliebene, von einer Reihe Löcher umsäumter Stellen. Auf der Unterseite ist die Epidermis ab- gehoben, und in der so entstandenen Höhlung sitzt eine kleine Raupe, die das üppig grüne Parenchym allmählich von außen nach innen auf- zehrt. Die mikrochemische Untersuchung ergab, daß das Parenchym lebte und so dem Parasit dauernd frisches Futter lieferte. Fraßringe grenzen schon im grünen Blatt die Stelle ab, die dann am Leben bleibt, wenn das Blatt abstirbt. Als Er- klärung kann man im Sinne Stahls annehmen, daß die Leitbahnen zerstört sind und daher das Abströmen der Abbauprodukte des Chlorophylls unmöglich ist, oder aber, daß die sich stauenden Assimilate das Chlorophyll und Gewebe ernähren und erhalten. Möglich wäre auch, daß der Kot der Raupe an sich konservierend wirkt. Welche dieser Erklärungen auch zutrifft, so liegt jedenfalls der Nutzen für den Parasiten, der sich als eine Lithocolhtis {sylvella Hr.?) erwies, auf der Hand, wird ihm doch nicht nur Wohnung und gute Verbreitung, sondern vor allem reichliche Nahrung geliefert. Die gleiche Erscheinung beobachtete Richter auch an A. campest rc L. und A. vion- spessulamim L., sie scheint danach häufiger zu sein. Auch Küster erwähnt analoge durch Gallmücken verursachte Fälle. An vergilbten Pappel- und Eichen blättern konnte Richter ähnliches nachweisen. Da aber hier von einem Umfressen der grünen Stelle durch die schmarotzen- den Nepticitlideii nichts zu merken ist, muß die Erhaltung des Chlorophylls in diesem Falle wohl auf die konservierende Wirkung der Exkremente zurückgeführt werden. Dies gilt auch für die von Carara beschriebene Infektion der Blätter von Qiierciis casianeaefolta C. A. May. durch eine Blattlaus. Damit steht im Einklang das Verhalten einiger schmarotzender Pilze wie Pliyllaetiiiia guttata auf Ahorn, Cladosporiiiin deiidriticitiii auf Rosen usw., wie es von Cornu beschrieben worden ist. Hierzu sei noch erwähnt, daß solche von Pilzen befallene Stellen nach Tubeuf (die von Parasiten bewohnten grünen Inseln vergilben- der Blätter. Naturw. Zisch. Forst u. Landwirtsch. 16. 1916. 42) Orte gesteigerten Stoffwechsels sind, wo durch gesteigerte Atmung und Stoftabgabe an den Parasiten Nährstoffe angezogen werden. Die Stellen sind gewissermaßen „P'remdkörper" im Blatt, da sie den Korrelationsgesetzen, denen das übrige Blatt unterliegt, durch den Einfluß des Pilzes entzogen sind. Kr. Literatur. Wunderlich, Dr. E., Die Oberflächengestaltung des Norddeutschen Flachlandes. I. Teil: Das Gebiet zwischen Elbe und Oder. Leipzig und Berlin '17. B. G. Teubner. — 5,20 M. Br ohmer, Dr. P., Die sexuelle Erziehung im Lehrer- seminar. Ebenda. — 80 Pf. Inhalt I P. Strauß V. Waldau, Einige Notizen über die Wirkung außerordentlicher Dürre im Waterberg-Distrikt von Transvaal, Südafrika. (2 Abb.) S. 33. — Einzeibericbte: Worauf beruht die Färbung der Geweihe? S. 40. Pascher, Das stammesgeschichtliche Verhältnis zwischen Flagellaten und Khizopoden. S. 41. L. Armbruster, H. Nachtsheim und Th. Roemer, Experimentum crucis theoriae mendelianae. S. 42. — Zirkulation der Teichmuschel unter natür- lichen und künstlichen Bedingungen. S. 43. M. Plehn, Fettmengen in dem Körper unserer Süßwasserfische. S. 43. G. Herzog, Mikroskopischer Fund nach einem Fall von Pilzvergiftung. S. 44. H. Küttner, Die Transplantation aus dem Atfen und ihre Dauererfolge. S. 44. Franz Koümat, Sludienreit.e in den Kreisen Mitrovica, Novipazar und Priiepcljc-, Allserbien. S. 45. Ernst StrOmer, Säge der Pnstiden Onchopriatis numidus Hang sp. und über die Sägen äer bägehaie. S. 46. E. Leick, Kavina, Blütenbiologische Untersuchungen. S. 47. O. Richter, über das Ethaltenbleibcn des Chlorophylls in herbstlich verfärbten und abgefallenen Blättern durch Tiere. S. 4S. — Literatur; Liste. S. 4S. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidensiraße 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippe« & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Sonntag, den 27. Januar 1918. Nummer 4. Das Nannoplankton. [Nachdruck verboten.] Von Dr. V. Mit 15 Abbild) Es mutet uns heute höchst seltsam an, daß unsere Kenntnis von der Existenz eines Planktons in unseren Seen im Grunde genommen erst seit 1868 vorhanden ist, in welchem Jahre der dänische Zoologe P. E. Müller in den Schweizer Seen die Anwesenheit zahlreicher planktonischer Lebewesen feststellte. Daß man um die Mitte des abgelaufenen Jahrhunderts glauben konnte, daß die weiten Wassermassen der Binnenseen unbelebt, leer sein könnten, erscheint uns heute kaum faßbar. Und doch nicht minder unfaßbar und seltsam muß uns schon heute der Vorstellungskreis an- muten, in dem sich selbst Planktologen vom Fach noch vor etwa zehn Jahren bewegten, wenn sie glaubten, unsere mit dem Apsteinnetz gewonnenen Listen von planktonischen Krebschen, Rädertieren, Blau- und Kieselalgen wären das ganze Um-und- Auf der planktonischen Region. Schon die Bak- teriologie hätte den Gedanken nahelegen müssen, daß die allgegenwärtigen Bakterien auch in der Planktonregion ihre Vertreter besitzen werden und daß bei deren Außerachtlassung die gewöhnlich als Musterbeispiel selbst für den Schulunterricht hingestellten Wechselbeziehungen zwischen den nach der Netzmethode gewonnenen Planktonten lückenhaft und fehlerhaft sein müßten. Litten doch diese am grünen Tisch ausgeklügelten Wechsel- beziehungen an einer Unwahrscheinlichkeit, da die Vertreter des Phytoplanktons, die dem Zoo- plankton als Nahrung dienen sollten, nur zu oft wegen ihrer Größe und I'orm als solche gar nicht in Betracht kommen konnten. Und noch ein Umstand hätte auf das noch unentdeckte Nannoplankton hinweisen müssen, der Umstand, daß es eine ganze Kategorie von Seen gibt, in denen ein reiches Zooplankton vorhanden ist, trotzdem das Netz fast gar kein Phytoplankton aus dem Wasser emporbringt. Wovon sollten dann die tierischen Vertreter des Planktons in solchen Fällen leben. Bereits 1901 habe ich in den „Untersuchungen über das Plankton des Erlaufsee" (Verh. zool.-bot. Ges. Wien) auf diesen Umstand aufmerksam gemacht, indem ich in der zitierten Arbeit S. 402 zu dem Resultate kam: „Diese Ergebnisse können nicht bestätigen, daß das Zooplankton — wenigstens im Erlaufsee — auf das Phytoplankton als Nahrungsmittel ange- wiesen sei." Bei dieser negativen Feststellung ließ ich's auch dann noch bleiben, als mir ein günstiger Zufall geradezu die Lösung dieses Rätsels offen- barte. In einem Planktonfang aus dem Glubokoje- See in Rußland fand ich den Darm der Asplanchnen ganz ertüUt von Massen kleiner Cyclotellen, von denen im ganzen Material sonst nichts zu sehen Brehm-Eger. ingen im Text. war, ein deutlicher Beweis für die Unvollkommen- heit der Netzmethode und zugleich ein Fingerzeig für die Lösung des Ernährungsproblems in der Planktonbiocönose (vgl. Jahresbericht der Realschule Elbogen 1904, S. 30). Bereits 1897 hatte Loh mann gefunden, daß die im Meeresplankton häufigen Appendicularien sich ausschließlich von Organismen nähren, die die Netzmaschen ungehin- dert passieren. Die Appendicularien be- sitzen nämlich einen Filtrierapparat, der an Feinheit und Exaktheit seiner Ausführung alle von der Planktontech- nik geschaffenen Hilfs- mittel weit hinter sich läßt. Schon die Fein- heit bringt es mit sich, daß Organismen zu- rückgehalten werden, welche dieNetzmaschen unserer feinsten Plank- tonnetze wie ein mäch- tiges Tor passieren. Loh mann hat, um dies Verhalten recht drastisch vor Augen zu führen, die Hauptvertreter des marinen Nanno- planktons auf den 5 Tafeln, die seiner Arbeit: „Über das Nannoplankton und die Zentrifugierung kleinster Wasserproben" (Intern. Revue der ges. Hydrobiologie. Bd. IV, 191 1) beigegeben sind, in Netzmaschen eingezeichnet. Eine Kopie einer solchen Figur ist nebenstehend reproduziert. Aber auch die Zartheit dieser natürlichen Filter und die eigene Konstruktionsart bringen einen Vorteil mit sich, der unseren Netzen und Filtern abgeht. Die Appendicularienreusen erbeuten Wesen, die zwar groß genug wären, um von den Netz- maschen zurückgehalten zu werden, die aber in- folge ihres zarten Baues beim Netzfang bis zur Unkenntlichkeit deformiert oder gänzlich zer- stört werden. Im Meeresplankton versagt die Netzmethode aus diesem Grunde, wenn es sich um die Gewinnung der. nackten Flagellaten sowie der relativ großen Strombidien und Halterien handelt. Aber auch das Süßwasserplankton enthält derartig labile Geschöpfchen. Schon die Reihe der sonst recht resistenten Peridineen stellt bereits unter den ungepanzerten Gymnodinien eine Menge solcher empfindlicher Oiganismen, vor allem das von Lauterborn im Winterplankton oberrheinischer Gewässer entdeckte und treffend mit dem Spezies- Abb. I. Heterodinium kofsidi Schiller, aus der Adria. 2500 X ^ergr. Eine Peridinee des Nanno- plankton. so Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. namen tenuissimum bezeichnete Gymnodinium, das trotz seiner 6o fJ. Durchmesser anderweitig noch nicht beobachtet wurde, weil es nur lebend Abb. 2. Sechs Coccolithophoridenarten, die bequem neben- einander eine Masche des feinen Planktonnetzes passieren. I. Coccolithophora. 2. Pontosphaera. 3. Syracosphaera. 4.Pontosphaera. 5. Coccolithophora Wallichi. 6. Rhabdosphaera. und frischgefangen beobachtet werden kann. Kein Wunder, wenn noch zahlreiche winzige Gymnodinien der Entdeckung harren I Selbst wenn das frischge- fangene Material — wie das z. B. an der biologischen Station in Lunz der Fall ist, sozusagen unmittelbar der mikroskopischen Untersuchung unterzogen werden kann, pflegen nur zu oft die Gymnodinien oder andere nackte Flagellaten, ehe man an eine Untersuchung schreiten kann , zu zerplatzen oder in unkenntliche Plasma- klümpchen zu zerfließen. So hatte denn Lohmann's Studium der Appendicularien- fangapparate uns über die Unzu- länglichkeit der Planktonnetze aufgeklärt und mit einer IVIenge neuer Organismenformen be- kannt gemacht; es galt nun noch, diese Erkenntnis metho- disch auszuwerten, was Loh- mann durch Einführung der Zentrifuge als Vorrichtung zum Planktonfang gelang. Dadurch führte er erstens einmal den Nachweis, daß im Meere ungeahnte Mengen von Lebewesen existieren, von deren Vorhandensein man bisher nichts wußte und die unsere bisherigen Anschauungen über die Ernährungsbedingungen der Wasserwelt in ganz neuem Lichte erscheinen Abb. 3. Gymnodinium tenuissi- mum Lauterborn. Nach Lauterborn. ließen. Die eingangs angedeuteten Schwierigkeiten z. B. die mir die Ernährung des Zooplanktons im Erlaufsee machte, miißtt- n ganz in Wegfall kommen, wenn in dem auf Grund von Neizfängen als phytoplankionfrei erklärten See große Mengen jener Organismen nachweisbar wären, die die Nctz- maschen pa>sieren, die Prof Heider auf der Salz- burger Naturfor.scherversammhing treffend als ultraretikuläres Plankton bezeichnete und die wir heute mit Lohmann Nannoplankton nennen. Aber auch dem marinen Biologen waren ge- rade zur Zeit der L o h m a n n ' sehen Untersuchungen einige Ergebnisse der alten Planktonforschung recht unbequem geworden. Ging man nämlich zahlen- mäßig daran, den Futterwert des Phytoplanktons für das Zooplankton zu ermitteln, so war man ge- zwungen anzunehmen, daß Hungersnot ein chroni- scher Zustand der tierischen Komponenten des Planktons darstelle. Noch einmal schien man dieser Ernährungsschwierigkeiten Herr zu werden. Pütter entwickelte gestützt auf eine Reihe in Neapel aus- geführter Untersuchungen die Anschauung, daß im Wasser gelöste organische Verbindungen von den Tieren als Nahrungsquellen ausgenutzt werden könnten. Die Tiere schwimmen nach seiner An- sicht im Meerwasser als einer Nährlösung; und wie z. B. der Bandwurm durch die Haut die Nährstoffe absorbiert, so sollten auch die Meerestiere an dünnen Hautstellen dem umgebenden Wasser C- Ver- bindungen entnehmen; die Kiemen der Fische wären demnach nicht nur zur Resorption von O., sondern auch von verschiedenen C-Verbindungen be- fähigt. Die Entdeckung des Nannoplanktons ließ die Pütter'sche Theorie, die ohnedies sich in manche Widersprüche verwickelte, entbehrlich er- scheinen und L o h m a n n konnte bald den direkten Nachweis führen, daß das Nannoplankton die Ur- nahrung größerer Planktonorganismen darstelle und demnach tür den Lebenshaushalt des Meeres von fundamentaler Bedeutung sei. Eine richtige Vorstellung von dieser Bedeutung ist allerdings erst erreichbar, wenn man einen verläßlichen Einblick in die Mengenverhältnisse bekommt. Einen solchen erreicht zu haben ist das zweite bedeutsame Ergebnis der Lohmann- schen Zentrifugiermethode. Bei den nach Lohmann im Atlantik von Gran durchgeführten Untersuchungen ergab sich beispielsweise, daß ein Liter Meerwasser 3 — 10 Exemplare von Ceratium und Diatomeen enthielt, hingegen 3000 — 10000 Exemplare von Nanno- plankionten, deren Durchmesser zwischen lO und 24 /< schwankte. Ganz abgesehen davon, daß — wie eingangs angedeutet wurde — schon die Größe und Gestalt der Ceratien und sperrigen Bacillariaceen als Nahrung der das Plankton be- herrschenden Entomostraeen höchst ungeeignet erscheinen lassen und eine diesbezügliche Unter- suchung des Darmiiihaltes einen negativen Befund ergibt, muß schon die geringe Zahl stutzig machen, wenn man Ceratien u. dgl. als Urnahrung des Zooplankton betrachten wollte. Zahl, Form und Größe der Nannoplanktonten reden da eine N. F. XVII. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 51 ganz andere Sprache. Höchstens den einen Ein- wand könnte man noch machen, daß die große Zahl wegen der Kleinheit der Komponenten des Zentrifugenplankton diesem nicht die ihm zuge- dachte Rolle zuzuweisen gestatte. Diesen Einwand hat Lohmann durch mühsame Volumberechnun- gen als völlig unbegründet zurückgewiesen. Die Tragweite der L o h m a n n 'sehen Ent- deckungen führte naturgemäß zu einer Übertragung seinerMethoden auf die Süßwasserplanktonforschung. Ruttner und Woltereck haben zuerst an der biologischen Station in Lunz den Wert der Zentri- fuge für die Limnobiologie dargetan. Durch Be- obachtung und Experiment wurde zunächst die Bedeutung desNannoplanktons als Nahrung erwiesen und auch hier die Annahme widerlegt, daß etwa die Kleinheit der mittels der Zentrifuge gewonnenen Organismen gegen die Bedeutung derselben als Nahrung spräche. Ruttner, der das durch- schnittliche Verhältnis der Individuenzahlen der Netz- und Zentrifugenplanktonten im Lunzer See mit 160:3 ermittelte, zog auch die ungleichen Größen dieser Organismen in Betracht und fand: „Trotz des gewaltigen Größenunterschiedes zeigte sich doch ein deutliches Überwiegen der Gesamt- masse des Nannoplanktons. Ein Jahresmittel der Volumina ergab das Verhältnis Nannoplankton Netzphytoplankton = 3 : i." Diese Erfolge der Lohmann' sehen Methoden hatten weitere Einblicke in die Biologie der Plank- tonbiocönose im Gefolge und brachten auch die experimentelle Zoologie um einen wichtigen Schritt vorwärts. Es galt nämlich bis vor kurzem als unmöglich, Planktonorganismen im Aquarium zu züchten. Die mannigfachen Fragen, die das Form- problem in der Planktonbiologie an uns stellt, man denke nur an die Erscheinungen der Cyclo- morphose, der Lokalrassenbildung usw., verlangen aber gebieterisch nach experimenteller Behandlung. Solange man, durch die häufigen Mißerfolge ver- anlaßt, das Dogma von der Unzüchtbarkeit der Planktonten festhielt, schied eben das wichtigste Untersuchungsmittel, das Experiment, aus. Erst als Krätzschmar in Lunz Anuraea aculeata in Embryoschalen ihren ganzen Lebenszyklus durch- laufen ließ, indem er sie zuerst mit Kirchneriellen, später direkt mit Zentrifugenplankton fütterte, war der Bann gebrochen. Von nun ab können Plankton- organismen jederzeit im Laboratorium gezüchtet werden, wenn man ihnen das ihrem Wohngewässer entnommene Zentiifugenplankton zur Verfügung stellt. Abgesehen von der direkten Beobachtung und dem Experiment ließ sich aber die Bedeutung des Nannoplanktons als Nahrung der größeren Be- wohner der pelagischen Region durch quantitative Verarbeitung der Freiiandbeobachtungen erhärten. Ich versuchte dies zuerst, indem ich das in ein und demselben Gewässer aus derselben Wasser- probe gewonnene Netz- und Zentrifugenmaterial zur Konstruktion von Loh mann 'sehen Kugel- kurven auswertete, wobei sich eine überraschende Abhängigkeit der N-Kurve (Quantität des Netz- planktons) von der ZKurve (Quantität des Zentri- fugenplanktons) ergab. Dieses Abhängigkeitsver- hältnis wurde dann noch von Colditz durch Untersuchungen am Mansfelder See, durch D i e f f e n - bach und Sachse an sächsischen Gewässern, durch Lautzsch an der Hand von Proben aus dem Zugersee und am umfangreichsten durch Schädel in seiner Abhandlung: Produzenten und Konsumenten im Teichplankton (Archiv f. Hydro- biologie Bd. XI, 19 16) erhärtet. Jede reichere Entfaltung des Nannoplanktons hat ein Ansteigen der Individuenzahl der Netzplank- tonten zur Folge, deren Maximalentwicklung wiede- rum infolge gesteigerter Zehrung den Kurvengipfel Z-Kurve (l : l6). — - N-Kurve (1:4). Die Pfeile geben die korrespondierenden Z-Maxima und N-Minima an. Beispiel der Abhängigkeit der N-Kurve von der Z-Kurve. Nach Schädel. Abb. 4. des Nannoplanktons herunterdrückt. Gäbe es nicht noch andere Faktoren, so müßten eigentlich die Wellenberge und Wellentälerdieser Quantitätskurven alternieren ; in manchen günstigen Fällen, wie der einer war, der mir selber vorlag, zeigt die NKurve nahezu das Spiegelbild der Z-Kurve; aber auch dort, wo mancherlei störende Einflüsse sich geltend machen und mancher unerwartete Kurvenverlauf erst durch Heranziehung der O.,- oder CO.,-Kurve seine Erklärung findet, genügen die gewonnenen Bilder noch vollauf den von der Theorie an sie gestellten Anforderungen, wie eine der Seh äd ei- schen Arbeit entnommene Skizze zeigt (Abb. 4). Steht auch im Vordergrund all der genannten Abhandlungen das Bestreben, die Pütter'sche Lehre zu widerlegen, so ergaben sie doch auch Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 4 noch eine Reihe von Resultaten, die abseits von dem Ernährungsproblem als solchem liegen. Dieffenbach und Sachse haben dem Nanno- plankton eine wichtige Rolle für den Ablauf der Cyclomorphose und für die räumliche Verteilung der planktonischen Rotatorien zugeschrieben ; doch dürften diese Resultate beschränkte Geltung haben und nicht auf andere Organismengruppen über- tragbar sein; zeigen ja die limnetischen Copepoden, auch wenn sie ausgesprochene Nannoplankton- fresser sind, keine Cyclomorphose und kommen andererseits unter den Rädertieren Arten vor, die nicht als Nannoplanktonfresser bezeichnet werden können, wie Anapus und Hudsonella, die gepanzerte Peridineenzellen anbohren und ausschlürfen. Loh- mann's Arbeiten haben uns den Kreislauf des Calciumcarbonates im Meere erst im wahren Lichte gezeigt. Ob den kieselspeichernden Fiagellaten vor allem den Mallomonaden jene Vermittlerrolle zukommt im Kieselkreislauf der Seen, wie ich kürzlich vermutungsweise ausgesprochen habe, harrt noch der chemischen Prüfung. Die von Schädel entdeckte merkwürdige Tatsache, daß Stephanodiscus Hantzschii, der in der var. pusilla „die wichtigste Zentrifugenbacillariacee" seines Untersuchungsgebietes repräsentierte (fast perennierend und bis nahezu 30000 Individuen im cm^ während des Maximums aufweisend I), seine radialen Kieselstrahlen nur in der kalten Jahreszeit trägt, was allein schon die Deutung derselben im Sinne der Wesenbe rg'schen Schwebetheorie ausschließt, könnte eher mit dem Kieselhaushalt verknüpft sein. Auf gesicherterem Boden stehen wir, wenn wir die Beziehungen des Nannoplanktons zum Gasgehalt des Wohngewässers diskutieren wollen. Schädel hat auf Grund chemischer Analysen gefunden: „Dem Zentrifugen- plankton fällt die Aufgabe der Oj-Abgabe und der Beseitigung der durch Oxydation der gelösten .organischen Substanzen und den Lebensprozeß der Planktonten entstandenen COj zu." Natürlich ist nicht nur der Chemismus des Wassers vom Nannoplankton ausschlaggebend be- einflußt, vielmehr hängt auch Oualität, Quantität und Verteilung des Zentrifugenplanktons von den chemischen Bedingungen des Milieus ab, wie in besonders schöner Weise Ruttner am Lunzer Obersee nachgewiesen hat, in dem die sauerstoff- losen aber eisenreichen Wasserschichten unterhalb 10 m ein aus Trachelomonaden und Eisenbakterien zusammengesetztes charakteristisches Tiefen-Nanno- plankton beherbergen. Während wir gewohnt sind, die Planktonbio- cönose als eine in sich geschlossene, von den be- nachbarten Lebensbezirken unabhängige Lebens- gemeinschaft zu betrachten, zeigte mein erstes Untersuchungsobjekt auch in dieser Hinsicht eine Eigentümlichkeit, die zu weiteren PVagen auf- fordert. Im Frühsommer trat in dem betr. Ge- wässer in Unmenge ein kleiner Schwärmer auf, der sich nachträglich als Schwärmer von Botrydium entpuppte, welche Alge den Boden des Teiches dicht besiedelt hatte. So kann auch der Bodenflora — wenigstens bei einem seichten Gewässer — in den Stoffkreislauf des Nannoplanktons einbe- zogen werden und Ähnliches läßt sich auch für die Uferflora wahrscheinlich machen. Überhaupt scheint die Zentrifuge berufen zu sein, auch für Erschließung gewisser nichtplank- tonischer Lebensgemeinschaften wichtige Dienste zu leisten. Sowie wir oben gesehen haben, daß ein typisches Trachelomonas-Leptothrix-Plankton das chemisch vom Oberflächenwasser abweichende Tiefenwasser im Lunzer Obersee charakterisierte, so sind auch die H.,S-haltigen unmittelbar über organisch verunreinigtem Schlamm befindlichen Wasserschichten zumeist von einer hauptsächlich aus Rhodobakterien, aber auch Monas MüUeri u. a. Elementen zusammengesetzten Gemeinschaft von Lebewesen bevölkert, die in solchen Massen auf- treten, daß sie ganze Wolken bilden. Diese Gesellschaft kleinsterOrganismen, dient nun größeren Begleitorganismen, wie ich z. B. an einer Massen- entfaltung von Urocentrum turbo beobachten konnte, Abb. 5. Halopappus adriaticus Schiller. ebenso als Nahrung wie das Z-Plankton dem N-Plankton. Mit anderen Worten : Die Zentrifuge wird auch der von Lauterborn mit so über- raschendem Erfolg inaugurierten Sapropelforschung wertvolle Dienste leisten. Nach diesen mannigfachen Hinweisen auf die vielseitige Bedeutung des Nannoplanktons und der Loh mann 'sehen Methoden drängt sich dem mit diesem neuen Zweig der Planktonforschung noch nicht vertrauten Leser unwillkürlich wohl die Frage auf die Lippen: Wie sehen denn eigentlich diese neu entdeckten Bürger der pelagischen Zone aus und wie erbeutet und untersucht man dieselben? Bezüglich des letzten Punktes sei auf den vor 3 Jahren in dieser Zeitschrift von Bachmann veröffentlichten Artikel verwiesen. Über die mannigfachen Vertreter des Nannoplanktons seien aber doch einige Mitteilungen gemacht, die durch Abbildungen unterstützt es gestatten, mit dem Begriff Nannoplankton konkrete Vorstellungen zu N. F. XVIT. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 53 verknüpfen. Denn seit der noch so kurz hinter uns liegenden Zeit der PianktDnforschung, in der — wieEinar Naumann sich ausdrückte — das heute zum Laboratonum^miüeu gehörige dröhnende Summen der Zentrifuge noch nicht den Anbruch einer neuen Zeit der Planktonforschung ankündigte, hat die Zahl der neuen Arten, Gattungen und Familien derart zugenommen, daß aliein schon die qualitativen Ergebnisse der modernen Plankton- Abb. 6. Calciosolenia Grani Schiller. Adria. forschung uns noch auf Jahre hinaus fesseln werden. Dem Eindruck, unter dem wir bei der Betrach- tung dieser neuen Errungenschaft stehen, hat Ruttner gelegentlich seines der Wiener Natur- forscherversammlung erstatteten Berichtes über die Lunzer Nannoplanktonforschungen, sehr zu- treftend die Worte verliehen: „Und jetzt, wo man das Reich der Plankionbiocönose schon fast für erschöpft hielt, zaubert die Zentrifuge aus jedem Gewässer eine ganz neue, bisher größtenteils ver- borgene Welt von äußerst zarten und kleinen Organismen hervor, deren Unterbringung in den bekannten Gattungen oft große Schwierigkeiten bereitet." Diese Worte haben für das marine Plankton nicht minder Geltung wie für das Süßwasser. Welche Überraschungen haben uns nicht schon die Cocco- lithophoriden allein gebracht. Ehrenberg hatte bereits 1 836 ihre fossilen Skelette in der Kreide entdeckt, aber für an- organische Gebilde gehalten; die Erzeuger der von Ehren- berg gesehenen Skelette be- obachtete 1865 Wallich an der Meeresoberfläche, hielt sie aber für Entwicklungsstadien von Globigerinen. In der Folge- zeit begann man wohl die geolo- gische Bedeutung der winzigen Kalkskelette richtig einzu- schätzen, aber ihre wahre Natur blieb verborgen. Noch in der I. Auflage der Erdgeschichte von Neumayer wird bei der Erörterung der Tiefseesedimente über den integrierenden Be- standteil des Kreideschlickes gesagt: „Woher die kleinen Kalkkörper der Coccolithen und Rhabdosphären (Abb. 2) rühren, die zu Billionen und Trillionen den Meeresgrund bedecken, ist eine noch ungelöste Frage." Die Siboga- expedition enthüllte erst die Zugehörigkeit dieser Abb. 7. Syracosphaer.-! corni fera Schiller. Organismen zum Pflanzenreich, indem an der neu entdeckten „Corcophaera Sibogae' gelbe ChromatOjjhorcn beobachtet wurden. Um diese Zeit setzten auch Lo h m an n 's Arbeiten ein, die über die genauere Stellung der Cocculithophoridcn (Beziehungen zu den Chrysomonaden, die u. a. durch Öl und Leukosin als Assimilaiionsprodukten, und durch die Chromatophoren angedeutet werden), über deren Systematik und Biologie reichlich Aufschlüsse brachten. Die Coccolithophoriden sind Zellen, die meist 2 Pole unterscheiden lassen und deren Membran Kalkplättchen aufgelagert hat, die so glashell sein können, daß man z. B. bei Halopappus und Calcioconus durch sie hindurch das lebende Plasma beobachten kann. Während diese Scheibchen Abb. 8. Meringosphaera meoiterranea Lohm. Nach Schiller vermutlich die erste Grünalge mit Kieselmembran. 2000 X vergr. meist locker nebeneinander liegen, kommen sie bei Calciosolenia zur Berührung und Verschmelzung, so daß nur die polygonale Felderung der an- scheinend einheitlichen Schale deren wahre Natur verrät. Bei Calcioconus und Halopappus wird die Verschmelzung noch inniger, so daß nur die den Geißelpol umstellenden Stacheln den Cocco- lithenursprung der Schale andeuten. An einem der beiden oben erwähnten Pole hat nämlich die Zelle eine Öffnung, aus der I — 2 Geißeln heraus- treten und gerade im Umkreis dieser Öffnung sind die Plättchen oft zu Stacheln umgebildet: (Halopappus, Michaelsarsia, Najadea). In anderen Fällen, die allem Anschein nach der sog. Dämmerungsflora angehören, sind die abweichend geformten Panzerelemente längs des Äquators angeordnet: Syracosphaera, Deutschlandia. Zwar haben die in den letzten Jahren durchgeführten marinen Expeditionen immer neue Gattungen zutage gefördert, spiegelt ja die Nomenklatur 54 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 4 dieser Gruppe die ganze Entdeckungsgeschichte wieder; doch immerhin ist die Artenzahl klein gegenüber anderen Gruppen(Diatomeen,Peridineen), die an Individuenzahl und an biologischer und geologischer Bedeutung den Coccoliihophoriden weit nachstehen. DieCoccolithophoriden lassen sich nach der Be- schaffenheit ihrer Skelettplättchen in zwei Gruppen sondern, die sich einerseits an Coccolithophora (die Art Wallichii (Abb. 2) ist dem eigentlichen Entdecker dieser Wesen zugeeignet) andererseits an Syracosphaera (der Name erinnert daran, daß Lohmann's bahnbrechende Arbeiten sich z. T. Abb. 9. Abb. 10. Cyclotella Rhodomonas lacustris aus dem Lunzer bodanica. See. Nach Ruttner. Leitformen des alpinen Nannoplankton. in Syracus abwickelten) anschließen. Dieser Zwei- teilung fügen sich nicht nur die von Loh mann aufgestellten Gattungen, sondern auch die jüngst entdeckten: die prachtvolle Michadsarsia, die 1910 die Michael-Sars-Expedition heimbrachte, der wir auch die Auffindung der merkwürdigen Calciosolenia verdanken sowie die Klarstellung der vorher den großen und sperrigen Formen, die das Netz heraufbringt, noch eine Fülle minder auffälliger Kleinformen aufweisen, so daß sie unter Um- ständen zu Leitformen einer Planktonprobe werden können. Navicula Weißflogii z. B. konnte Schiller in der Adria in einer Volksstärke von über 56 000 Exemplaren im Liter nachweisen. Wenn auch dieCoccolithophoriden und Silico- flagellaten dem Süßwasser fehlen und andererseits das Nannoplankton keine Organismengruppe auf- weist, die dem Süßwasser allein zukäme, so bietet doch das in unseren Seen und Teichen gewonnene Zentrifugenmaterial besonderes Interesse, teils weil Abb. 14. Chrysöcoccus dokidophorus Pascher. Nach Pascher. In Süßwasser und in kaum unter- scheidbarer Form in der Nordsee. es uns mit einer ganzen Reihe neuer Gattungen bekannt gemacht hat, teils wegen seiner biolo- gischen und ökologischen Bedeutung. Wenn wir, wie beim Überblick über die marinen Gruppen, wegen noch unzureichender Erforschung von einer Besprechung der Bakterien absehen, die gewiß an Zahl und Bedeutung zu den integrierenden Be- standteilen des Nannoplakton gezählt werden Abb. II. Lauterborniella elegantissima. Nach Schmi Abb. 12. Crucigenia Telrapedia Abb. 13. Tetrastrum alpinum Schmidle. Aus dem Davoser See, zwei Prolococcaceen des Nannoplankton. problematischen Gattung Meringosphaera, weiter die 191 1 von der „Deutschland" gefundenen Deutschlandia und Halopappus, sowie schließlich die beiden neuen Genera Lohmannosphaera und Najadea, mit denen uns die Najade gelegentlich ihrer Kreuzungen auf der Adria bekannt machte. Ganz im Gegensatz zu den Coccolithophoriden als kalkskelettbildenden Geißelpflanzen stehen die im übrigen systematisch ebenso isolierten und scharf umschriebenen, gleichfalls nur dem Meere angehörigen Silikoflagellaten als kieselskelett- bildende Geißelpflanzen. Bei ihrer geringen In- dividuenzahl sind sie zu biologischer und geolo- gischer Bedeutungslosigkeit verurteilt. Stärker vertreten erscheinen im Meere verschiedene Typen nackter Flagellaten und im allgemeinen auch die Diatomeen, die ähnlich wie die Peridineen außer müssen, so kommen in unseren Binnengewässern nackte Flagellaten und — in Teichen — einzellige Grünalgen und Blaualgen in erster Linie in Be- tracht. Die wenigen bisher durchgeführten Unter- suchungen lassen bereits erkennen, daß der Anteil der einen oder anderen dieser Gruppen an der Zusammensetzung des Nannoplankton eine öko- logische Sonderung mehrerer Kategorien von Gewässern ermöglicht; Seen mit kaltem Wasser zeigen ein Überwiegen von Chrysomonadinen (Chrysöcoccus punctiformis, Kephyrion, Kephyri- opsis, Chrysocapsa planctonica), Cryptomonadinen (Rhodomonas) und Cyclotellen, während Teiche, die wärmeres und an organischen Substanzen reicheres Wasser besitzen, speziell durch viele Protococcaccen ausgezeichnet sind, zumal durch jene Gruppe Stachel- und borstenbewehrter Zellen, N. F. XVn. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. deren Nomenklatur fast dem Register eines Bio- logenadreßbuches gleicht, so daß kaum eine zweite Organismengruppe so viel dazu beigetragen hat, die Namen unserer Hydrobiolugengeneration der Nachwelt zu überliefern. Bisher ist uns das Nannoplankton nur nach Stichproben bekannt; noch ist bisher keine Wasser- probe aus dem indischen, pazifischen, arktischen und antarktischen Ozean mittels der Zentrifuge untersucht worden und auch die meisten Binnen- gewässer Europas sowie alle außereuropäischen Süßwasser harren der Untersuchung nach Loh- mann's Methode. Manche überraschende Ent- deckung mag uns noch bevorstehen. Denn wenn Literatur. Brehm, V, Einige Beobachtungen über das Zentrifugen, planklon. Int. Rev. Hydrob, Bd. III, 1910. — , Probleme der modernen Planktonforschung III. Teil Eger I916. Colditz, F. V., Beiträge zur Biologie des Mansfeldei Sees. Zeitschr. f. wiss. Zool. Bd. 108. 1914. Cori, C. J., Über die Verwendbarkeit der Zentrifuge usw Zeitschr. f. wiss. Mikroskopie Bd. 12. 1895. Dieffenbach, H. und Sachse, R., Biolog. Unter suchungen an Rädertieren in Teichgewässern. Int. Rev Hydrob. 1912. Suppl III. Hjort, J., Die Tiefsee-Expedition des „Michael Sars" ibidem Bd. IV. 191 1. Lantzsch, Studien über das Nannoplankton des Zuger sees. Zeitschr. f. wiss. Zoologie Bd. 108. 1914. Abb. 15. Aurosphaeraechinata Schiller, eine kieselschalige Protophylengattung aus derAdria, die nach Schiller auffällige Beziehungen zu Echinosphaeridium nordsted ti aus dem schwedischenSüßwasserpIankton zeigt. auch die hier in Betracht kommenden Organismen meist kosmopohtischen Charakter zu haben scheinen, und sogar oft gleichzeitig Bewohner des Süß- und Salzwassers zu sein vermögen [Phacomonas, Caly- comonas, Chrysococcus usw.] so gestatten sie doch zum mindesten biocönotische Unterschiede und die Anwendung der Zentrifuge bei Untersuchung von Wasserproben aus dem Kaspimeer, aus ver- schiedenenTropengewässern usw. kann noch Wesent- liches zur Erweiterung unserer Formenkenntnis kleinster Organismen beitragen. L o h m a n n , Neue L'ntersuchungen über den Reichtum des Meeres an Plankton. Wiss. Meeresuntersuchungen N. F. Bd. VII. 1902. — , Über das Nannoplankton und Zentrifugierung kleinster Wasserproben. Int. Rev. Hydrob. Bd. IV. 19U. — , Die Probleme der modernen Planktonforschung. Verh. Deutsch. Zool. Ges. XXII. 1912. Pascher, A., Über Nannoplanktonten des Sül3wassers. Ber. Deutsch. Bot. Ges. XXIX. — , Die Süßwasserflora Deutschlands. Jena 1913. — , Versuch zur Methode des Zentrifugierens. Int. Rev. V. Pütter, A., Die Ernährung der Wassertiere usw. Jenal9lo. Ruttner, F., Über die Anwendung von Filtration und Zentrifugierung bei den planktologischen Arbeiten an den Lunzer Seen. Int. Rev. Hydrob. Bd. II. 1909. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. Schädel, A., Produzenten und Konsumenten im Teich- plankton. Arch. f. Hydrob. IQiö. Bd. XI. Schiller. J., Bericht über Ergebnisse der Nannoplank- tonuntersuchungpn anl. der Kreuzungen S. M. S. Najade in der Adria. Int. Rev. Hydrob. 1914. — , Über neue Arten und Membranverkieselungen bei Meringosphaera. Archiv f. Protistenkunde. Bd. 36. 191Ö. — , Die neue Gattung Heterodinium. Eine neue kiesel- schalige Protophytengattung in der Adria. Archiv f. Protisten- kunde Bd. 36. 1916. Welt er eck, R., Die natürliche Nahrung pclagischer Cladoceren. Int. Rev. Hydrob. Bd. I. 1908. Rinloeische Beobachttineren von Göppingen (Württemberg;). 1. Üppige Epi- phytenflora auf Kopfweiden. Dicht neben der Straße von Göppingen nach Großeislingen läuft ein Seitenarm der Fils. Das Bachufer fällt unmittelbar vom Straßenrand aus einige Meter tief steil ab, unten läuft der Bach. Er ist auf der Straßenseite von Kopfweiden um- säumt. Diese wurzeln in der ersten Hälfte des Wegs etwa in der Mitte der steilen Uferböschung. Ihre Köpfe hängen etwas über das Wasser; sie stehen i V2 bis 2'/, m höher als der Straßen- boden. Diese Gruppe von Bäumen soll als Gruppe A bezeichnet werden. Auf der zweiten Hälfte der Straße gegen Eis- lingen zu wurzeln die Bäume auf der Straße selber, ihre Köpfe sind vom Bach weit entfernt, sie stehen 3—4 m über dem Straßenboden. Diese Bäume mögen die Gruppe B bilden. Jede der Gruppen enthält über 100 Bäume. Die Gruppe A zeigt eine ungewöhnlich große Zahl von Epiphyten (Überpflanzen); kein Baum ist hier frei, die meisten tragen mehrere Exem- plare, oft mehrere Arten. In Gruppe B sind die Epiphyten viel seltener, es kommt im Durchschnitt ein Exemplar auf 3 Bäume, auch ist ihr Wuchs kümmerlicher als in A. Der Grund für den auf- fallenden Unterschied liegt offenbar darin, daß die Pflanzen der Gruppe A viel reichlicher mit Straßen- staub gedüngt werden als die von B. Vielleicht macht auch die größere Nähe des Wassers etwas aus, wodurch die Pflanzen von A mehr F'euchtig- keit bekommen, aber das Wesentliche ist ohne Zweifel der Staub. Alle vorkommenden Über- pflanzen finden sich auch in unmittelbarer Nähe als Bodenpflanzen. Unter den Weiden finden sich auch einige Schwarzpappeln, die auch gestutzt worden sind und eine ganz ähnliche Kopfform zeigen, wie die Weiden. Sie sind auffalland arm an Überpflanzen. Auf 24 Pappelbäumen der Gruppe A fand ich im ganzen nur 4 Stück (i Lamium album, i Cheno- podium album, i Epilobium parviflorum, i Solanuin dulcamara, die 3 letzteren in kümmerlichen Stöcken). Der Unterschied gegenüber den Weiden liegt in folgendem: Die Weidenköpfe sind rissig, die Pappelköpfe nicht; letztere bilden vielmehr eine feste knorrige Masse. In den Rissen der Weiden- köpfe sammelt sich stets ein feiner Grus an, der teils aus verwittertem Holz und Laub, teils aus angeflogenem Staub besteht. Außerdem stehen bei den Weiden die Äste des Kopfes dicht und Kleinere Mitteilungen. in der Umgebung streben alle steil nach oben; so wird zwischen den Ästen am Grund leicht Staub festgehalten. Bei den Pappeln stehen die Äste weniger dicht und sie stehen mehr senkrecht von der Fläche des Kopfes ab; so sammelt sich zwischen ihnen kein Staub an. Im einzelnen fanden sich folgende Pflanzen: Solanum dulcamara sehr häufig, üppig ent- wickelt, reich fruchtend. Diese Pflanze fand sich auf dem Boden viel seltener und weniger gut entwickelt. Der Weidenkopf ist für sie offenbar der bessere Standort. Lonicera xylosieum, häufig; sie bildet recht an- sehnliche Busche, fruchtet aber auf den Weiden nicht; ich fand im ganzen nur ein Paar gut ent- wickelter Früchte. Sambucus nigra in 2 kümmerlichen Exemplaren; die geringe Zahl fällt auf, da der Strauch zwischen den Weiden häufig als Bodenpflanze wächst. Viburum lantana i Exemplar. Ribes nigrum i Exemplar gegenüber einem Bahnwärterhaus, das von Johannisbeerbüschen umgeben ist. Rubus I kümmerliches Exemplar. Die bis jetzt genannten beerentragenden Pflanzen werden bekanntlich von Vögeln verbreitet, die die Beeren fressen und die noch keimfähigen Samen mit dem Kot absetzen. Chelidonium majus häufig und gut fruchtend. Sie ist nächst Solanum dulcamara diejenige Pflanze, die auf diesem Standort am besten gedeiht. Die Verbreitung geschieht hier durch Ameisen. Die Samen besitzen einen ölhaltigen Zapfen, ein Elaio- som, der von den Ameisen gefressen wird; der Same bleibt dabei keimfähig. Er wird von Ameisen verschleppt. (Bei Palermo findet sich CheHdonium majus neben der anderen Ameisen- pflanze Viola odorata auf der Dattelpalme.) Geranium robertianum ziemlich häufig. Galeopsis tetrahit ziemlich häufig. Außerdem noch je i bis 3 Exemplare von Lamium album, Lamium purpureum, Urtica dioica, Capsella bursa pastoris, Artemisia vulgaris, Stella- ria media, Alliaria officinalis, Taraxacum officinale, Epilobium parviflorum. Die Windverbreitung spielt also ofTenbar eine viel geringere Rolle als die Verbreitung durch Tiere. 2. Hummeln, die den Zuckersaft der Blattläuse ausbeuten. Am Waldrand stehen einige Schlehenbüsche, die von Blattläusen besetzt sind. Die Läuse be- N. F. XVII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 57 wirken eine Verkrümmung und Kräuselung der Schlehenblätter. An einem einzigen Strauch kamen dadurch sehr merkwürdige Bildungen an den Enden vieler Sprosse zustan ie, die an gefüllte Röschen erinnern; im Innern dieser Blattiöschen sitzen die Läuse. Diese Blattröschen wurden sehr eifrig von langrüßligen Hummeln (Arbeiter der Gartenhummel) besucht; diese benahmen sich dabei genau wie beim Besuch von Blüten: sie krochen mit Kopf und Brust in die schmalen Öffnungen hinein, die am Grund der Röschen zwischen den Blattstielen blieben und leckten den süßen Saft der Blattläuse. Die benachbarten Sträucher, die auch Läuse besaßen, aber keine Röschen bildeten (die Sproßachse war hier nicht verkürzt), wurden von den Hummeln gar nicht beachtet; alle Sträucher wurden dagegen eifrig von Ameisen abgesucht. In einem Fall sah ich, wie eine Ameise aus dem Innern eines Röschens hervorstürzte und eine besuchende Hummel hefug angriff. Die Hummel flog auch davon, besuchte aber sofort ein anderes Röschen des Strauches. Der Rüssel der Hummel vermag offenbar gebor- genen Zuckersaft vi< 1 besser aufzunehmen, als frei- liegenden. Vielleicht ist auch ein bestimmter Berührungsreiz nötig, um die Hummel zum Be- such zu veranlassen. Th. Daiber. Einzelberichte. Physiologie. In den letzten Jahren wurde in den Tageszeitungen wiederholt gemeldet, daß es gelungen sei, mit Hilfe der Wün<;chelrute eine bis dahin unbekannt gebliebene unterirdische Wasser- quelle zu entdecken. Namentlich in wasserarmen Gegenden müßte eine solche Möglichkeit von gröiiter Bedeutung sein. Auch im gegenwärtigen Krieg wurde wiederholt berichtet, daß es gelungen wäre, mittels der Wünschelrute in der Nähe des Lagers gutes Trinkwasser ausfindig zu machen. Die Wünschelrute ist ein aus Holz oder Eisen bestehendes Stäbchen, meist eine am Ende ge- gabelte Haselnußrute. Sie wird horizontal getragen und soll durch Bewegungen ihres freien Endes das Vorhandensein von verborgenen Wasserläufen, von Metallschätzen u. dgl. angeben. Die Meinungen über den Wert oder Unwert des Verfahrens sind sehr geteilt. Während das Rutenproblem von den einen als Flunkerei, gewollter Schwindel oder ungewollte Selbsttäuschung mit Ablehnung be- handelt wird, sprechen sich die anderen rückhalt- los als Anhänger für dasselbe aus. Es gibt sogar einen Verband zur Klärung der Wünschelruten- frage. Die Geologen von Zürich, Heidelberg und Kiel äußerten sich sympathisch, während die Mehrzahl der Geologen, in ihrer Verbandssitzung 1910 eine Resolution zum Kampfe dagegen gefaßt hat. Die Physiker verhalten sich abwartend und ebenso die Mehrzahl der Mediziner. Energisch sprach sich aber der Wiener Psychiater Benedikt für das Rutenproblem aus. 1915 behandelte er es in der k. k. Gesellschaft für Ärzte, 191 7 veröffentlichte er in der „Zeitschrift für ärztliche Fortbildung" einen Aufsatz über „die Wünschelrute, das sidcrische Pendel und die Dunkelkammer in der Physiologie und Pathologie des Menschen". In Nr. 37 der „Münchener medizinischen Wochenschrift" macht Prof. Dr. 011p, Tübingen, Mitteilung von ganz staunenswerten Beobachtungen an einem Wünschel- rutengänger aus Ostafrika, welchen er im Tropen- genesungsheim in Tübingen beobachtete: Ein Wünschelrutengänger aus Ostafrika. 011p sagt : „Es scheint beim Rutenproblem zu gehen, wie es schon oft gegangen ist: die Wissenschaft sperrt sich gegen scheinbar unerklärliche Dinge, bis sie vom Gegenteil überzeugt ist. Ich erinnere nur an das Sonnenproblem, den Blitzableiter, den Phonographen , die Röntgenstrahlen und die Zeppeiinluftschifife, Dinge, die die Wissenschaft lange Zeit als Irrwahn, Schufterei und Unmöglich- keit hinstellte." Man wird den Ausführungen Ollp's nicht entgegentreten können, und seien deshalb einige seiner in obigem Aufsatz mitgeteilten Beobachtungen wiedergegeben. „Herr Müller gab in Gaupp's und meiner Anwesenheit, aber ohne unser Vorwissen, dem Rutengänger die Aufgabe, ausfindig zu machen, in welcher Tasche er Silbergeld bei sich trage. Prompt schlug die Rute vor der linken Hosentasche aus, in der sich das Silbergeld befand, während sich das Papier- geld der rechten Tasche in der gleichen Weise vorwölbte, wie die linke Hosentasche". Wie der Wünschelrutengänger mitteilt, mußten seine Kinder immer dort urinieren, wo das Ausschlagen seiner Rute das Vorhandensein eines unterirdischen Wasserlaufes anzeigte. Eines seiner Kinder litt an Bettnässen; die Rute schlug aus an dem Ort, wo das Bett stand, bis dasselbe um einen Meter verschoben wurde. Der von Ollp vorgeführte Rutengänger war aus dem Elsaß gebürtig, weder hereditär belastet noch somatisch abnorm; er kam als Missionar nach Ostafrika, hatte von der Rutengängerei bis dahin nichts gehört und wurde zum ersten Mal aufmerksam, als er bemerkte, wie ein Wetzstahl, welchen er zwischen Zeigefinger und Daumen der rechten Hand hielt, sich bewegte, als er über eine Bodenstelle kam, wo sich später beim Nach- graben eine Quelle vorfand. Seine Kinder mußten immer urinieren, wenn sie sich in der Nähe einer Quelle befanden, und sein Söhnchen litt an Bett- nässen, solange sein Bett an einer Stelle stand, wo ihm die Wünschelrute einen unterirdischen Wasserlauf anzeigte. In englische Gefangenschaft nach Indien gebracht, sah er, wie einer der beiden Tomms, die ihn bewachten, vom Blitze getroffen 58 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 4 wurde, und zwar gerade der, welcher über einer durch die Wünschelrute angegebenen Wasserader stand, während sein Kamerad verschont blieb, obschon er mit aufgepflanztem Bajonett neben ihm stand. Weiterhin entdeckte er, daß seine linke Körperseite anders reagiere als die rechte, und der Hinterkopf anders als der Scheitel. Das Rätsel, welches das Rutenproblem umschließt, wird auch dadurch kaum plausibler gemacht, daß man sagt, die Gammastrahlen fehlten über dem Wasser und führten für die Rutengänger bemerk- bare Änderungen der Atmosphäre herbei. Aus einer Anzahl weiterer Beobachtungen, welche an dem vorgenannten Rutengänger gemacht wurden, geht mit Sicherheit hervor, daß sein Körper ganz besondere elektrische Eigenschaften hat. So wurde z. B. von ihm mit den Händen bestrichenes Papier elektrisch geladen, die Rute schlug nach der be- druckten Seite des Papiers aus, nach derunbedruckten Seite nicht, indem das Papier selbst offenbar als Isolator diente usw. Wie nicht anders zu erwarten war, ist also nicht die Wünsciielrute als solche, sondern der Wünschelrutengänger selbst das aktive Subjekt und letztere nur das Instrument in seinen Händen, welches als Werkzeug die Ver- änderung anzeigt, welche die Umweh in ihm erzeugt. Kathariner. • Zoologie. In „Taktik Tiere" (Biol. Zentral- blatt, 37. Band, Nr. 8, 1917) reiht Szymanski den beiden biologischen Gruppen, der osmatischen und optischen Tiere, welche sich durch den Ge- ruchsund den Gesichtssinn über ihre Umgebung unterrichten können, eine dritte Gruppe, die taktilen Tiere an. Dieselben entbehren der höheren Sinnes- organe gänzlich, reagieren aber um so besser auf Verschiebungen fester Körper ihrer Umgebung, etwa Sandkörner, und Wellenbewegungen des Wassers, welche sie durch Druckschwankungen wahrzunehmen befähigt sind. Alle ihre Sinnes- wahrnehmungen beschränken sich also auf Tast- empfindungen und dienen ihnen zur Erreichung der Nahrung und zum Schutz vor feindlichen Nachstellungen. Um letzteren zu entgehen, ziehen sie sich blitzschnell in ihre Wohnröhren zurück. Alle sind nämlich sessil und leben in einem homogenen Medium, stecken also im schlammigen Grund eines Gewässers, wie die Röhrenwürmer (Tubifex), oder leben in sichzersetzenden orga- nischen Körpern, wie die Insektenmaden usw. S. beschreibt das Verhalten seiner Versuchstiere. Als solche verwandte er die im schlammigen Grund von Gräben, Bächen usw. häufigen Röhren- würmer (Tubifex). Die Tiere stecken mit dem vorderen Körperende im Grund, während das Hinterende frei im Wasser pendelt. Wurden nun die Würmer in einem Glasgefäß in der Dunkel- kammer von unten her vom Licht einer 32 kerzigen Lichtquelle betroffen, so zogen sie sich rasch in eine dünne Sandschicht zurück. Da ihnen dieselbe auch gegen das Licht keinen Schutz bieten konnte, sie ihr aber doch zustrebten, liege hier ein Ausnahmefall vor. Bei den taktilen Tieren wirke nämlich sonst das Licht abschreckend, es wäre also im vorliegenden Fall der positive Stereo- tropismus stärker als der negative Phototropismus. Zu den taktilen Tieren rechnet S. auf Grund ihrer Lebensweise seßhafte Wasserbewohner, Maden und seßhafte Larven (Larve des Sandlaufkäfers und andere). Die alleinige Betrachtung der Lebens- weise genüge nicht zur Entscheidung der Frage, ob man ein taktiles Tier vor sich habe; vielmehr müßten die einzelnen Sinnesreaktionen analytisch untersucht werden. Daran aber fehle es zurzeit fast gänzlich. Lediglich von der Larve des Ameisen- löwen wisse man, daß bei ihr die Thigmotaxis wirksamer sei als alle anderen Reize. Kathariner. Wiederkehrende Tertiärzeit ? Manche deutsche Faunisten vertreten die Ansicht, daß das Klima in Mitteleuropa allmählich wärmer werde, und daß auch faunistische Tatsachen dies anzeigen. Schrittmacher dieser namentlich bei Ornithologen verbreiteten Lehre ist W. Schuster. Von ihm liegen mir einige einschlägige Arbeiten vor,*) denen etwa folgendes zu entnehmen ist. Ornithologische Beweise liefern nach Schuster (l, 2) eine große Anzahl von Singvögeln und anderen Vogelarten, die, obwohl eigentlich Zug- vögel, mit den Jahren immer zahlreicher in Deutsch- land zu überwintern pflegen, ferner solche Vogel- arten, die ihr Brutgebiet immer weiter nach Norden verlegen. Zur ersten Gruppe werden gezählt: Star, Weiße und Graugelbe Bachstelze, Trauer- bachstelze, Heckenbraunelle, Mönchsgrasmücke, Girlitz, Rotkehlchen, Feldlerche, Wiesenpieper, Hausrotschwanz, Braunkehlchen, Grauammer, Heide- lerche, Rohrammer, Singdrossel, Amsel, Weibchen und Jungvögel des Buchfinken, der Kleine graue Würger, Turmfalke, Königsweihe, Korn-, Rohr-, Wiesenweihe, Ringel- und Hohltaube, Kiebitz, Bruchwasserläufer, Punktierter Wasserläufer, Dun- kelfarbiger Wasserläufer, Rotschenkel, Großer und Regenbrachvogel, Kranich, Wasserralle, Große und Kieme Sumpfschnepfe, Heerschnepfe, Bläßhuhn, Pfeifente, Wachtel. Zur zweiten Gruppe: Girlitz, Blaudrossel, Steinmerle, Schwarzkehlchen, Feld- ammer, Zaunammer, Zippammer,Grauammer,Haus- rotschwanz,Alpensegler,Trauerfliegenfänger, Zwerg- fliegenfänger, Haubenlerche, Zwergtrappe, Steppen- huhn, Pirol, Karmingimpel, Rosenstar, Haubenlerche, ') W. Schuster: I. Schwalbensterben 1909. Zool. An- zeiger Bd. XXXV, Nr. 3, 1909. — 2. Die Vogelwelt und die Tertiärzeit. Ornithologische Anzeichen einer wiederkehrenden „Tertiärzeit". Natur und Haus, Jahrg. XVI, Heft 10. — •?. Warum, wie und wann ist die stahlblauflügelige grofle i-lolzbiene (Xylocopa violacea) bei uns im Untermaintal ein- gewandert? Societas entomologica, Jahrg. XXIII, S. 85— 90. — 4. Biologische Umwälzungen, insbesondere bei Leporiden und Sciuriden. AUgem. Forst- und Jagdzeitung, Dezemberheft 19 16. Wie stellen sich die Naturforscher Nachweise, daß ornithologische Anzeichen verschiedener Art auf eine wiederkehrende „Tertiärzeit", d. h. eine zukunftige wärmere Zeitepoche, hindeuten? S. A. N. F. XVn. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 59 Berglaubvogel, Nachtigall, Rebhuhn, Wachtel, Storch, Kormoran, Rohrdommel, Knäckente. Schwalben und Segler endlich sollen bei uns immer öfter zu überwintern versuchen und dabei ein- gehen. Das wäre also eine sehr große Zahl von Vogelarten, eine erdrückende Menge von Beweisen wäre es, wenn alle Beispiele beweisend wären. Aus der Kerbtierwelt werden angeführt (i, 2, 3) : Totenkopf, Oleander-, Ligusterschwärmer, Italie- nischer Labkrautschwärmer, Großer Weinvogel, Zaunlilienfalter, Honiggrasfalter, Schwarzer Bär, Silbermönch, Hermelinfell, Traubenlecker, Bläuliche Heuschrecke, Klapper-, Wander-, Sattelträgerheu- schrecke, Rauhe Sandwespe, Französische Papier- wespe, Stahlblauflügelige Holzbiene, der Schmetter- lingshafi Ascalaphus meridionaüs, die Schildwanze Tetyra nigrolineata und andere mehr. Aus der Säugetierwelt werden folgende Tat- sachen angeführt (4): Die deutschen Hasen müssen ehedem durchweg Waldtiere gewesen sein. Heute sei zu unterscheiden zwischen Waldhasen. Busch- hasen und Feldhasen, und gegenwärtig verschwinde der Waldha-iC immer mehr, da der Hase den Schutz des Waldes vor Wind und Wetter immer mehr entbehren könne. Das Eichhörnchen ver- zichte immer mehr auf die Winterruhe. Das Kaninchen sei aus einem Höhlentier vielfach zum Freilandbewohner geworden. Auch noch aus anderen Tierklassen scheint Schuster Beispiele zur Hand zu haben. Wieder- holt weist er darauf hin, daß die Strenge der Winter im allgemeinen abgenommen habe. Zahlreich sind, nach S c h u s t e r (5), die Namen derer, die sich Schuster's Auffassung ange- schlossen haben. Der bekannteste unter ihnen ist Simroth. In seiner „Pendulationstheorie" ') ver- wendet Sim rot h die Sc hu st er 'sehen Angaben zur Stütze seiner eigenen Darlegungen. Schuster schließt sich der Pendulationstheorie an, mißt ihr eine annähernd ebenso große zukünftige Bedeu- tung bei wie manchem Werke Darwin's und betont dabei, daß er, Schuster, zu seiner Idee der Wiederkehrenden Tertiärzeit, obschon sie mit der Pendulationstheorie konvergiert, bereits vor der Konzeption der letzteren durch den ver- storbenen Ingenieur Reibisch und durch Sim- roth gekommen sei. Nun hat auch Simroth unlängst die Augen geschlossen, nachdem er die letzten zehn Jahre seines arbeitsreichen Lebens der Pendulations- theorie gewidmet hat und schließlich noch wenige Tage vor seinem Tode den Beitrag „Weichtiere" zur vierten Auflage von „Brehm's Tierleben" satzfertig ablieferte. Er lebt fort in der Wissen- schaft auch als der Verfasser eines gehaltvollen Buches über die Entstehung der Landtiere und zahlreicher Arbeiten über Anatomie und Systematik der Mollusken, besonders der Arioniden. Aus Anlaß der Darlegungen Schuster's sei hier kurz auf die Pendulationstheorie eingegangen. Der kritischeStandpunkt des Referenten ist der von sehr vielen Forschern, die dabei die hohen Verdienste des Forschers und des beliebten Lehrers Simroth keineswegs verkennen und auch der Pendulationstheorie denWert einer Arbeitshypothese beimessen müssen. Denn das hat Simroth er- reicht, daß seine Theorie viele Freunde gefunden und viele Anregungen verbreitet hat, und besonders in der Lehre von der „Wiederkehrenden Tertiärzeit", scheint es, wird die Pendulationstheorie zu einem gewissen Teile fortleben. Die Pendulationstheorie besagt bekanntlich, die Erde schwinge langsam um 30 bis 40 Grad um eine durch Ecuador und Sumatra gehende Achse. Die beiden Schwingpole, Ecuador und Sumatra, hätten daher immer das heutige Klima gehabt, in den dazwischen liegenden Erdteilen dagegen, und ganz besonders in denen, die in der Mitte zwischen beiden Polen liegen, wie der 10. Grad östlicher Länge von Greenwich, der die Alpen in Ost- und Westalpen scheidet und Deut>chland durchquert, sei das Klima abwechselnd wärmer und kälter geworden. So schwankte Europa im Paläozoikum nach Norden bis zur permischen Eis- zeit, von da an nach Süden bis zur subtropischen Kreidezeit, im Tertiär wieder nach Norden bis zur zweiten Eiszeit, dem Diluvium, und seitdem wieder, so auch gegenwärtig noch, nach Süden. Länder, die sich äquatorialer Lage nähern, müssen wegen der abgeplatteten Gestalt der Erdkugel teil- weise unter Wasser tauchen. Die so zustande- kommenden Iiiundationen und die Klimaverände- rungen bringen es mit sich, daß im Laufe der Zeit zahlreiche Organismenarten aussterben, andere west- oder ostwärts auswandern, um unter gleichen Lebensbedingungen zu verbleiben, wieder andere sich den neuen Bedingungen anpassen und sich dabei in ihrer Gestalt verändern. Die Pendulation ist also auch eine Ursache der Artveränderungen. Überaus zahlreiche Feststellungen aus der Zoologie werden als Beweise dieser Lehre angeführt, und gar manche könnten recht einleuchtend erscheinen, andere, darunter die nach dem Referenten ange- führten, weniger. Gegen die Pendulationstheorie kann angeführt werden, daß keine astronomischen Beweise für sie vorliegen, obwohl solche, und zwar eine in den Jahrtausenden der menschlichen Geschichte bemerkbar gewordene Verschiebung des Stern- himmels, vorliegen müßten; ferner, nach E c k ardt,^) daß, wenn auch Ecuador dauernd unter tropischem Klima gelegen haben mag, das für Sumatra nicht zugetroffen haben kann, da sich in seiner Nähe die großen paläozoischen Vereisungszentren finden. Europa hinwiederum hatte im Permokarbon keine typische Eiszeitlage, sondern Steppen- bis Wüsten- klima. Die Pendulationstheorie kann somit als ein Schema gelten, in das viele, aber nicht eben alle ') Leipzig 1917, Grethlein's Verlag. ') R. Eckardt, Paläoklimatologie. Leipzig 1910. 6o Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. faunistisch-tiergeographischen und tiergeschicht- lichen Tatsachen hineinpassen. Ähnlich wird über die Lehre von der Wieder- kehrenden Tertiärzeit zu urteilen sein. Zunächst, daß die Winter immer milder würden, ist zwar eine weitverbreitete populäre Rede, die ja auch nicht unbedingt durch den einen strengen Winter 1916/17 widerlegt würde, die aber nicht im Einklang steht mit den Erfahrungen der Schweizer Geologen von einem gesetzmäßigen Vordringen und Zurückgehen der Gletscher in einer Periode von etwa 50 Jahren. Unter den von Schuster angeführten tier- geographischen Tatsachen sind wohl das von ihm erwiesene Vordringen des Girlitz in westöst- licher Richtung und das von V. Haecker nach- gewiesene des schweizerischen Berglaubvogels, Phyllopneuste montana, nach Norden auf beiden Schwarzwaldseiten, in Württemberg und Bayern un- bedingt zuzugeben. Das Vordringen der Schnepfe als Bnitvogel wird gleichfalls von vielen anerkannt; nach häufigen Eindrücken möchte man es für den Star, vielleicht sogar für den Stieglitz als Über- winterer zugeben; dagegen werden derartige Er- scheinungen beim Storch, wie übrigens Schuster selbst angibt, auf Ursachen der menschlichen Kultur beruhen, ebenso bei der Amsel, und für die große Mehrzahl der übrigen erwähnten Vogel- arten ist der mögliche Einwand nicht widerlegt, den Schuster (2, Seite 149) selbst erwähnt, „daß es in den letzten Jahrzehnten eine bessere, ausgedehntere und intensivere Vogelbeobachtung gegeben hat als jemals in allen früheren; es können demnach leicht Vorgänge als neu bezeichnet werden, die zwar alt sind, aber früher nicht be- merkt wurden". Daß die Stahlblauflügelige Holz- biene ') erst im Zeitraum der letzten 50 Jahre bei uns eingewandert sei, mag nach Schuster (3) wahrscheinlich sein, aber für die Mehrzahl der übrigen erwähnten Kerbtiere erscheint eine derartige Angabe wiederum recht subjektiv und läßt Zweifel zu, ob sie nicht lediglich auf mit der Zeit besser gewordener Beobachtung beruht.") Auch die Angaben über die Haartierwelt, die fürs Kaninchen von Heck in Brehm's Tierleben anerkannt werden, scheinen, obschon man einen Waldhasen und einen matter gefärbten Feldhasen als Farbenabänderungen unter- scheiden kann, in vielem noch der Prüfung be- dürftig, zunächst an und für sich, sodann im Hin- blick auf ihre Beweiskraft für eine wiederkehrende Tertiärzeit. Soviel ist ja zweifellos, daß es seit der Eiszeit wärmer geworden ist. Sollte aber wirklich die Abkühlung noch andauern, so wäre höchst frag- lich, ob man das in der kurzen Beobachtungsdauer von zwei Menschenaltern merken könnte; denn ') Sie ist die auffälligste Erscheinung aus der Kerbtier- weit an der Aisne. ') Das von mir festgestellte Vordringen der Spitzschnecke Physa acuta nach Deutschland seit etwa 1^/2 Jahrzehnten beruht sicher auf Gärtnerkultur und ist für mich nicht ein Beweis zunehmender Wärme. die Eiszeit mag um 30 000 Jahre, also um das loootache eines Menschenalters, zurückliegen. Wohl aber ist ganz gut denkbar, daß manche Tier- art in ihrer Verbreitung nach Norden mit dem wärmer werdenden Klima nicht Schritt gehalten hat und dies jetzt mit Verspätung beschleunigt nachholt. Dann könnte ihr Vordringen innerhalb einer Be- obachtungsdauer von einigen Jahrzehnten sehr wohl bemerkbar werden. Somit könnten die wirk- lich feststehenden Tatsachen gedeutet werden als Nachwirkungen desWeichens der Eis- zeit. In diesem Sinne hat die genaue Feststellung weiterer derartiger Tatsachen hohen Wert; er- warten kann man wohl, daß es ihrer bei genauer kritischer Sichtung nicht zu viele werden! Denn gerade weil in verhältnismäßig kurzer Zeit nur ein beschleunigtes Nachrücken bemerkbar werden kann, ist diese Feststellung eher bei einer ge- ringen als bei einer großen Zahl von Tierarten zu erhoffen. V. Franz. Pharmakologie. Über deutsches Opium. Das für die heutige Medizin unentbehrliche morphin- haltige Opium, bekanntlich der erstarrte, aus den angeritzten Kapseln des Mohnes (Papaver somni- ferum) hervorgequollene Milchsaft, kommt aus Kleinasien, Persien usw. Schon lange aber — zuerst wohl 1829 durch den Erfurter Apotheker Friedrich Biltz — ist erwiesen, daß sowohl Nord- wie Süddeutschland für den Mohnbau und für die Gewinnung eines morphinreichen Opiums geeignet sind. Doch die zahlreichen Anbauver- suche im Laufe der letzten fünfzig Jahre, bald hier, bald dort unternommen, führten zu keinen besonders ermutigenden Ergebnissen. Die Kultur des Mohnes mißlang öfter infolge ungünstiger Witterungsverhältnisse, auch erwies sich das ge- erntete Opium und der darin festgestellte Morphin- gehalt — meist etwa 10 "/o — als zu gering, um den Anbau bei unseren hohen Arbeitslöhnen noch lohnend zu gestalten. Trotz dieser vielen Miß- erfolge hat es in den letzten Jahren doch nicht an Stimmen gefehlt, die sich zugunsten einer neuen Inangriffnahme einer Opiumkultur in Deutschland ausgesprochen haben. So hat Ge- heimrat H. T h o m s - Dahlem (Zeitschrift für ärztliche Fortbildung, 1917, S. 521 ff.) in den Jahren 1904 bis 1907 Anbauversuche mit ver- schiedenen Mohnsorten vorgenommen. Er stellte dabei fest, daß sowohl der weiß- wie der blau- samige deutsche Mohn ein alkaloidreiches Opium auch in unseren Breitengraden liefert (H. Thoms: Über Mohnbau und Opiumgewinnung. Berlin 1907). Doch war die Opiumgewinnung, wenn unsere Arbeitslöhne der Produktion zugrunde gelegt wurden, nicht rentabel; das Produkt vermochte im Preise nicht mit dem türkischen und bulga- rischen zu konkurrieren. Nichtsdestoweniger er- schien ein Vorschlag Lindes beachtenswert, durch Erforschung geeigneter Kulturbedingungen den Ertrag von Morphium wesentlich zusteigern, N. F. XVn. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 6i „da der Preis des Opiums sich nach dessen Morphingehalt richte, so daß ein solches von 20 °/q Morphin etwa doppelt so viel kostet wie ein anderes mit 10 "/q." Der Weltkrieg mit seiner Erschwerung der Zufuhr ausländischer Drogen hat nun dazu geführt, daß man wieder auf das alte Problem zurückge- griffen hat. Der Gedanke, die Mohnkultur und die damit verbundene Gewinnung des Opiums könnte nicht voll arbeitskräftigen Invaliden manche Verdienstmöglichkeit schaffen, hat dabei eine Rolle gespielt. Im vergangenen Sommer ließ 'I'homs auf einem Gute in Schlesien, dessen Böden für eine Opiumkultur geeignet erschienen, eine größere Mohnanpflanzung anlegen, nachdem die Anwen- dung besonderer Düngemittel möglichst günstige Wachstumbedingungen geschaffen hatte. Das ge- wonnene Opium enthielt nicht weniger als 22 "Iq Morphin, berechnet auf trockenes Opium. Es ist dies ein besonders günstiges Ergebnis, denn dieser Gehalt übersteigt die Werte des türkischen und bulgarischen Opiums bei weitem. So ist aller Grund vorhanden, die Frage der Gewinnung eines deutschen Opiums wieder aufzunehmen, denn gelingt die dauernde Erzeugung eines so hohen Alkaloidgehaltes — sorgfältige Berücksichtigung der klimatischen Verhältnisse und der Kulturböden Deutschlands lassen hier viel erhoffen — , dann wäre die Opiumgewinnung in Deutschland selbst bei unseren hohen Arbeitslöhnen lohnend. ( G.C. ) Olufsen. Hygiene. Fische als Überträger von Infektions- krankheiten. Da die auf die eine oder dicandere Weise ins Wasser gelangenden Krankheitskeime nicht gleich zugrunde gehen, sind alle Oberflächenwässer in bewohnten Gegenden im allgemeinen als ver- dächtig anzusehen. So konnten Cholerakeime in Teich- und Flußwasser 24 Stunden bis zu mehreren Monaten lang, je nach den Bedingungen, lebend nachgewiesen werden. Ähnlich verhielt es sich mit Typhusbakterien. Nach diesen Befunden erhebt sich sofort die Frage, ob diese oder ähn- liche Krankheitserreger auch in die Fische gelangen können. Fürth (Zeitschrift f. Hygiene u. Infek- tionskrankh., 1907, Bd. 57) hat hierüber experi- mentelle Untersuchungen angestellt, indem er Goldfische mit pestbakterienhaltigem Material j fütterte. Das Ergebnis war, daß die Fische tat- I sächlich mit ihrem Lebenselement Pestbakterien in sich aufnehmen und, ohne Krankheitserschei- nungen zu zeigen, mehrere Tage nach Einfuhr von Pestmaterial, Pestbakterien beherbergen und sie mit ihrem Kote — bei Fürth 's Versuchen 5 Tage lang — ausscheiden können. Diese Ver- suchsergebnisse sind schon deshalb bemerkens- wert, weil manche Fische bekanntlich an Kadavern nagen. Besonders ist das vom Aale bekannt. Es ist also wohl kein Zweifel, daß dieser oder andere Allesfresser und Raubtiere unter den Fischen durch über Bord geworfene Pestratten und -mause infiziert werden können. Durch andere Versuche — des Hamburger Hygienischen Institutes — gelang der Nachweis, daß z. B. Aale, Stinte, Sturen und Butte Typhusbakterien aus dem Wasser in großer Zahl in sich aufnehmen können, wenn sie eine Zeitlang in Wasser gehalten werden, das mit Typhusbazillen infiziert ist. Auch ist bekannt, daß Schalentiere (Austern), roh gegessen, gelegent- lich Anlaß zu Typhuserkrankungen geben. Es ergibt sich nun weiter aus diesen Feststellungen die Frage von großem allgemeinen Interesse, ob diese in die Fische übergegangenen höchst gefähr- lichen Krankheitskeime durch den üblichen Koch- und Bratprozeß sicher abgetötet werden. Unter- suchungen, die diese Frage klären sollten, sind besonders von Prof. Dr. Kister und Dr. Gaeth- gens im Hygienischen Institut in Hamburg (Blätter f. Volksgesundheitspflege, 1917, S. 15 — 18) angestellt. Die, wie oben schon erwähnt, mit Typhuskeimen aus dem Wasser infizierten Fische wurden nach dem Abtöten gargekocht bzw. gar- gebraten und darauf Darm und Muskelfleisch auf Typhuskeime untersucht. In keinem F'alle ko nnten bei richtiger Zubereitung in den Fischen Keime nachgewiesen werden, während es an Kontrollfischen ein leichtes war, sie aus den rohen Tieren wieder herauszuzüchten. Hiernach erscheint bei richtiger Zubereitung der iMsche, selbst wenn sie reichlich mit menschlichen Infektionserregern behaftet sein sollten, was immer- hin nur selten vorkommen wird, eine Infektions- gefahr nicht vorzuliegen. Allerdings wäre, beson- ders bei großen Fischen, in welche die Hitze nur schwer und langsam eindringt, darauf zu achten, daß sie bei der Zubereitung gehörig durchgekocht bzw. durchgebraten sind. Im Innern vorhandenes rotes, noch flüssiges Blut ist ein Beweis dafür, daß die Koch- und Brathitze nicht in hinreichen- dem Maße eingedrungen ist. Olufsen. Bakteriologie. Daß die bakterielle Darmflora des gesunden Menschen für diesen nicht gleich- gültig sei, ja zum Teil von besonderem Nutzen, diese Erkenntnis ist auch weiteren Kreisen bereits bekannt gewesen. Im wesentlichen hat es sich aber auch in wissenschaftlichen, medizinischen Kreisen hier nur um Vermutungen gehandelt, einen direkten Nutzen gewisser Bakterienarten für den Träger hat man wohl mit Sicherheit bisher nicht nachzuweisen vermocht. Einer der häufig- sten und stets vorhandenen Darmbakterien ist der Kolibazillus, der in einer großen Zahl verschiedener Rassen bekannt geworden ist. Über die Unter- scheidung dieser Rassen und über die Nutzbar- machung einzelner Kolistämme für die Bekämpfung anderer, pathogener Datmbakterien hat Nißle bemerkenswerte Mitteilungen gemacht (Deutsche medizin. Wochenschrift 1916 Nr. 39). Von der Tatsache ausgehend, daß in vielen Fällen bei der Aussaat von 2 verschienen Bakterienarten auf dem Kulturnährboden die eine Art die andere im Wachstum behindert und so ein gewisser Ant- 62 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. agonismus zwischen beiden sich geltend macht, hat Nißle Bouillonröhrchen mit Typhusbazilllen be- impft, denen er später noch Kolibazillen hinzulügte. Eine spätere Aussaat dieser doppekbeimpfien Bouillonröhrchen auf Endoagarplatten gab dann die Möglichkeit, festzustellen, in welchem Verhält- nis die Typhusbazillen sich zu den Kolibazillen entwickelt hatten. Hierbei stellte sich nun das Ergebnis heraus, daß bei den einzelnen Impfungen das Verhältnis beider Bakterienarten zueinander ein sehr verschiedenes war, daß aber bei dem gleichen Kolistamm bei weiteren Versuchen das Verhältnis stets gleich blieb. Die einzelnen Koli- stämme ließen sich gewissermaßen in dieser Weise voneinander unterscheiden. Durch Auszählen von loo — 200 Kolonien wurde von Nißle das Ver- hältnis bestimmt und auf die Einheit von 100 Kolonien des Kolibazillus umgerechnet. Dieses berechnete Verhältnis bezeichnet Nißle als den antagonistischen Index. Es fanden sich nun Koli- stämme, die das Wachstum der Typhusbazillen fast ganz unterdrückt hatten, z. B. ein Stamm mit dem Index 100 : 3 (d. h. auf 100 Kolikolonien 3 Typhuskolonien), während andere Stämme gegen die Typhusbazillen nicht wesentlich aufkommen konnten, z. B. ein Stamm mit dem Index 100 : 4050. Ebenso wie gegen Typhusbazillen verhielten sich die Kolistämme auch gegen andere pathogene Darmbakterien. Es zeigte sich dann, daß in den Stühlen Darmkranker die schwachen Kolistämme überwiegen, während umgekehrt Menschen mit großer Widerstandsfähigkeit gegen Darminfektionen starke Kolistämme aufwiesen. Von diesen Ergebnissen ausgehend wurde ver- sucht, die starken Kolistämme durch Verabreichung derselben im Darm von Besitzern schwacher Stämme anzusiedeln. Dies gelang. Es lag nun auf der Hand, noch den weiteren Schritt zu tun und den Versuch zu machen, infektiöse Darm- erkrankungen auf die Weise zu bekämpfen, daß man stark antagonistische Kolistämme verabreichte, um durch diese die sich im Darm aufhaltenden pathogenen Bakterien zu bekämpfen. Es gelang auf diese Weise eine Anzahl von Darmerkrankungen zur Heilung zu bringen. Auch auf die sogenannten Bazillenträger, d. s. Leute, die ohne eigentliche Erkrankung noch pathogene Bakterien ausscheiden und so die Erkrankung verschleppen zu vermögen, wurden die Versuche ausgedehnt. Nißle konnte hier ebenfalls Erfolge erzielen. Von Langer wurden diese Ergebnisse nach- geprüft und zwar, indem mit den gleichen Stämmen gearbeitet wurde, mit denen auch Nißle gear- beitet hatte (Langer, H., Der antagonistische Index der Kolibazillen, Deutsche mediz. Wochen- schrift 1917 Nr. 42). Es konnte bestätigt werden, „daß die einzelnen Kolirassen in der Tat konstante Werte (des antagonistischen Index) geben". Weitere Untersuchungen zeigten, daß die schwächeren Stämme im allgemeinen weit häufiger vertreten sind als die stärkeren. Bemerkenswert ist dann wieder, was Langer bei seiner Behandlung von Bazillenausscheidern mit starken Kolistämmen er- reichte. Bekanntlich siedeln sich die Typhus- bazillen in den oberen Darmabschnitten, Dyscnieiie- bazlllen in den unteren Teilen an, woselbst auch die Kolibazillen ihren Hauptsitz haben. Theore- tisch lag es also schon nahe, anzunehmen, daß sollte sich überhaupt eine therapeutische Beein- flussung durch die Kolibazillen geltend machen, diese vor allem in Falten, in denen es sich um Dysenteriebazillen handelte, zu erwarten war. Und in der Tat gelang es auch Langer, in den be- handelten Fällen von Dysenteriebazillenträgern die Dysenteriebazillen durch Verabreichung von starken Kolistämmen zum Verschwinden zu bringen. Ent- sprechend den theoretischen Voraussetzungen blieb bei Behandlung von Typhusbazillenausscheidern der Erfolg aus. In diesen Untersuchungen haben wir ein Beispiel, wie auch die nichtpathogenen Bak- terien der Darmflora des Menschen im Kampfe gegen die pathogenen Arten von Bedeutung sein können und in welcher Weise wir uns diese Be- einflussung etwa vorzustellen haben. Dr. Willer. Physik. Für die während des Krieges häufig beobachteten Anomalien in der Ausbreitung des Schalles (Zone des Schweigens, Zone abnormer Hörbarkeit) hat man drei verschiedene Erklärungen aufgestellt. Die erste sucht die Erscheinungen durch die Windverhältnisse (Windrichtung und Änderung' der Geschwindigkeit mit zunehmender Höhe) zu erklären, die zweite, — sie stammt von V. d. Borne — nimmt an, daß die Schallstrahlen an der Grenze der in großer Höhe wahrscheinlich vorhandenen Wasserstoffatmosphäre reflektiert und gebrochen werden, so daß sie wieder nach unten gelangen. Diese Theorie hat — es wurde in der Naturw. Wochenschr. mehrfach darüber berichtet — wenig Wahrscheinlichkeit für sich ; die Dämp- fung der Schallwellen beim Fortschreiten durch verschieden temperierte Luftschichten und nament- lich in der stark verdünnten Luft in größerer Höhe ist so beträchtlich, daß nur eine Welle von äußerst geringer Intensität bis zu dieser großen Höhe vordringen wird; der wieder zu Erde ge- langende Teil wird äußerst wahrscheinlich über- haupt nicht wahrnehmbar sein. Die dritte Theorie stammt von Fr. Nölke: sie nimmt eine Reflexion der Schallstrahlen an der Grenze verschieden temperierter Luftschichten an (werden Licht- strahlen an solcher Grenzfläche reflektiert, dann gibt das Veranlassung zum Auftreten von Luft- spiegelungen). In der Physikal. Zeitschr. (XVIII (1917) 501) führt F r. N ö 1 k e einige Beobachtungen und Erscheinungen an, die zugunsten seiner Hypothese sprechen. Im Beginn des Krieges (Okt. 14 bis Jan. 15) hat van Everdingen in Holland Schallbeobachtungen an Geschützdonner angestellt und gleichzeitig die meteorologischen Daten von 6 Wetterstationen (3 holländischen und 3 deutschen) in Betracht gezogen. In den 8 Fällen waren die Windverhältnisse einer Schallausbreitung N. F. XVII. Nr. 4 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 63 in Richtung Holland im allgemeinen nicht günstig. Dagegen zeigten sich in allen F'älleii Temperatur- invtrsionen d. h. Luttschichten, deren Temperatur um einige Grade höher war als die der darunter liegenden Luft. Ein weiterer Gesichtspunkt, der für die Reflexionstheorie spricht, ist folgender: Die abnorme Schallausbreitung wird namentlich im Winter beobachtet; der Sommer scheint für die Erscheinung nicht günstig zu sein. Nun sind Inversionen im Winter sehr viel häufiger als im Sommer. Weiter zeigen die Zonengrenzen (des Schweigens) eine gewisse unveränderliche Lage. Das ist schlecht mit einer Erklärung der Erschei- nung durch Windverhältnisse vereinbar; wie die Rechnung zeigt, ergibt eine etwas veränderte Steigerung der Windgeschwindigkeit mit der Höhe ganz andere Werte für diese Grenzen. Bei Inversionen bind die Verschiebungen weniger beträchtlich. Im Winter scheint eine in einer Höhe von 1 500 bis 3000 m häufig vorhandene Inversionsschicht für die abnorme Schallausbreitung in Betracht zu von kommen. Die beobachteten Eigentümlichkeiten von Lage, Form und Größe des Hörbarkeitsbereiches sind auf die wechselnde Beschaffenheit und Höhe dieser Inversionsschicht zurückzuführen. Für die Erklärung der Erscheinung scheinen demnach die Temperaturverhältnisse in den oberen Lufschichten die Hauptrolle zu spielen; daß gelegentlich auch die Windverhältnisse von Bedeutung sind, ist wahr- scheinlich. ( gTc. ) K. Seh. Bticherbesprechungen. Der Weltkrieg und die Naturwissenschaften. Von Prof Dr. Stadimann. Wien 191 7. Alfred Holder. 80 S. Wie das recht reichhaltige Literaturverzeichnis am Schluß dieses Heftes zeigt, hat der Krieg, wie auf allen Gebieten, so auch auf dem der Naturwissenschaften eine Fülle von Neuerschei- nungen gezeitigt, die sich im wesentlichen mit den Ersatzstoffen, der Verwendungsmöglichkeit wildwachsender Pflanzen usw. beschäftigen. Der Verf versucht, an der Hand dieser Literatur seinen Fachgenossen, den Pädagogen, ein Bild zu geben von der Art, wie man „Krieg und Naturwissen- schaften" für den Unterricht in den Schulen nutz- bar machen kann. Es werden zuerst zoologische und botanische Fragen erörtert. Daran schließen sich Ernährungsfragen, einige Tatsachen aus der Geologie und schließlich Fragen allgemein biolo- gischer Natur. Der Verf will nicht etwa die Er- gebnisse der Kriegsnaturwissenschaften zur Grund- lage des Unterrichts machen, sondern glaubt, daß sich oft genug Gelegenheit bieten wird, auf den Zusammenhang von Krieg und Biologie hinzu- weisen. Es wäre zu wünschen, wenn auch nach dem Kriege die Erkenntnis von der Bedeutung der Naturwissenschaften für das Leben etwas mehr in den Schulen berücksichtigt würde, als bisher. • — Auf Einzelheiten des Heftchens einzugehen, erübrigt sich an dieser Stelle; man kann in vielen Dingen anderer Ansicht als der Verfasser sein, hätte lieber anderes in den Vordergrund rücken mögen usw., aber das tut dem anregend geschrie- benen Büchlein keinen Abbruch in der Beurteilung. Auf eine dem Ref aufgefallene kleine Unrichtig- keit sei noch kurz hingewiesen : Das fette, aus blausäurehaltigen Samen gewonnene Oel, wie das der bitteren Mandel, ist ganz unschädlich, da es keine Blausäure oder Bittermandelöl enthält. — Daß der Verf auf das Prinzip der gegenseitigen Hilfe im Kampfe ums Dasein hinweist, ist sehr verdienstlich. Peter Kropotkin, der in seinem berühmten Buch : „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und IVlenschenwelt" zuerst auf dieses Prinzip ein- dringlich aufmerksam gemacht hat, ist im Literatur- verzeichnis nicht zitiert. Wächter. P. Wagner, Lehrbuch der Geologie und MineralogiefürhöhereSchulen. (Große Ausgabe für Schulgymnasien und Oberreal- schulen, sowie zum Selbstunterricht) 6. Auflage, Teubner, Leipzig-Berlin 1917. Preis geb. 3 M. Der Verfasser, dem wir auch „Leitsätze zur Reform des mineralogisch-geologischen Unter- richts", sowie „Grundfragen der allgemeinen Geo- logie" verdanken, hat sich mit dem vorliegenden Werke keine leichte Aufgabe gestellt. Die Lösung, die er gefunden hat, verdient wärmste Anerkennung und Förderung. Es will etwas heißen, die ge- samte allgemeine und historische Geologie, all- gemeine und einen ausgewählten Teil der spezi- ellen Mineralogie, ja selbst noch etwas Petro- graphie auf wenig mehr als 200 Seiten (bei 322 Abbildungen!) so darzustellen, daß Flüchtigkeit vermieden und das Gerüst der Wissenschaft klar herausgearbeitet wird. Verf. geht von dem viel zu selten vertretenen Grundsatze aus, daß die Schule nur Anregung und allgemeine Bildungs- grundlage zu geben, nicht aber die Aufgabe hat, möglichst viel Wissenschaft herbeizutragen oder gar Vollständigkeit anzustreben. Andrerseits ist mit Glück die Gefahr vermieden, dabei theoretisch- akademische Steine statt des Brotes der An- schaulichkeit und konkreten Beispiele zu geben. Vielmehr ist eine Fülle des für den Anhänger oder Liebhaber wichtigen Wissens zusammen- getragen und in leicht faßlicher Weise darge- boten. Überall ist ersichtlich, daß Verf über alle Strömungen und neuesten Anschauungen der Wissenschaft wohl unterrichtet ist und aus eigenem Reichtum mit um so größerer Leichtigkeit und Sicherheit zu schöpfen vermag. Die wiederholten Auflagen sind nicht unbenutzt geblieben: mit aller Sorgfalt ist das reichhaltige Bildermaterial ausge- sucht, für dessen gute Wiedergabe auch dem 64 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 4 Verlage Dank gebührt. Einfach und klar ist der Quellennachweis für die Illustrationen gehalten, ausführlich das Sachregister. Es ist ganze Arbeit gemacht worden. Die Frage darf vielleicht aufgeworfen werden, ob in der Stoi^'gliederung nicht noch größere Klarheit erzielt werden könnte? Ein Teil der Mineralien erscheint bei den Sedimenten, ein an- derer als Edelsteine, beide weit getrennt von der Kristallographie. Vulkanismus und Sitz der vul- kanischen Kräfte sind auseinandergerissen, Gebirgs- biidung und Erdbeben sind zwischen die Bildungs- möghchkeiten der Gesteine eingestreut (auch sollten Erdbeben nicht als Unterteil der „Folgen der Schichistörungen" aufgeführt werden). Mehr pädagogischer Bedeutung ist die Reihenfolge der Kristallsysteme, die sich in der Einzelbesprechung nicht mit der zuvor gegebenen natürlichen Auf- stellung nach größerem oder geringerem Symmetrie- wert deckt. Für das Gedächtnis des Lernenden bedeutet das eine gewisse Erschwerung, auch wenn diese Umstellung ausdrücklich begründet ist. Doch sollen das nicht kleinliche Einwände sein, nur bescheidene Vorschläge zu etwa noch folgenden weiteren Auflagen des Buches. Darin, daß säch- sische Verhältnisse hier und da ein wenig in den Vordergrund treten, kann ich einen Nachteil nicht erblicken. Denn für den voll erreichten Zweck ist es durchaus ohne Belang, woher die Beispiele genommen werden. Es sei auch bemerkt, daß im engen Anschluß an die Wagner 'sehe Darstellung eine Sammlung geologisch-mineralogischer Belegstücke in der Sachs. Mineralien- und Lehrmittel-Handlung von Dr. Michaelis zu Dresden-Blasewitz zusammen- gestellt und käuflich ist. So ist für den Lehrenden ein nach jeder Hin- sicht leicht auszugestaltender Grundplan geschaffen, dem Selbstlernenden ein zuverlässiger Führer an die Hand gegeben. Nicht vergessen ist am Schluß eine Liste empfehlenswerter Werke zu weiter- gehenden Selbststudien. Edw. Hennig. Die Ausführungen sind in dem gleichen an- sprechenden Erzählterton gehalten, den der im Felde gefallene Verfasser in seinem ersten Bänd- chen, „Raubwild und Dickhäuter in Deutsch Ost- afrika" angewandt hatte. Er teilt Jagderlebnisse mit Huftieren, Affen, Reptilien und allerlei Flug- wild mit und geht auch hie und da näher auf die psychischen Fähigkeiten der Eingeborenen ein, mit denen er während seines langen Aufenthaltes in der Kolonie in engster Fühlung gestanden ist. Die Schilderungen sind sachlich und angenehm frei von Effekthascherei. Den Schluß bildet ein kurzes Kapitel über die vielerörterte Gefährdung des Wildstandes in Deutsch Ost-Afrika. Der Verf. nimmt für den eingeborenen Jäger Partei, der nicht die geeigneten Mittel besitzt, um den Wild- bestand ernstlich zu vermindern. Die Schuld an der Dezimierung trägt lediglich der mit modernen Waffen ausgerüstete Europäer. Dr. Stellwaag. Hans Besser, Natur- und Jagdstudien in Deutsch-Ost-Afrika. Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, F"rank'sche Verlagshandlung, Stuttgart 19 17. Preis i M. Anleitung zum Photographieren. 16. und 17. erweiterte Auflage. In 12. Aufl. völlig neu bearbeuet und bedeutend vermehrt von Dr. Georg Hauberrisser. Mit 161 Abb., 8 Tafeln, 16 Bildvoriagen. Leipzig, Ed. Liesegang's Ver- lag M. Eger. Preis 1,65 M. Der Kriegsauflage dieses bekannten Leitfadens mögen einige empfehlende Worte auch an dieser Stelle mit auf den Weg gegeben werden, obwohl das Buch lediglich praktischen Zwecken dient und theoretische Auseinandersetzungen vermieden sind. Bei der Bedeutung der Photographie für naturwissenschaftliche Zwecke wird wohl jeder, der sich praktisch mit biologischen Arbeiten be- faßt, in die Lage versetzt werden, die photo- graphische Kamera benutzen zu müssen. Für ihn kommt es vor allem drauf an, möglichst schnell und sicher eine brauchbare Aufnahme zu erzielen, also zu lernen, richtig einzustellen, richtig zu be- lichten und zu entwickeln. Die vom Verf. geübte Methode hat sich gut bewährt und die lehrreichen Abbildungen dürften dem Anfänger eine nicht zu unterschätzende Hilfe sein. Es sei ganz besonders auf die Abbildungen hingewiesen, die den Unter- schied zwischen einem über- und unterexponierten Bild im Vergleich zu einer guten Aufnahme zeigen. Wächter. Inhalt: V. Brehm, Das Nannoplanklon. (15 Abb.) S. 49. — Kleinere Mitteilungen: Th. Daiber, Biologische Beobachlungen in der Umgebung von Göppingen (Württemberg). S. 56. — Einzelbenchte: Ollp, Wünschelrute. S. 57. Szymanski, „Taktile Tiere". S. 58. V.Franz, Wiederkehrende Tertiärzeit? S. 58. H. Th om s, Über deutsches Opium. S. 60. Fürth, Fische als Überträger von Infektionskrankheiten. S. 61. Nifile, Unterscheidung und Nutzbar- machung einzelner Kolistämme für die Bekämpfung anderer, pathogener Darmbakterien. S. 61. F r. N ö 1 k e , Anomalien in der Ausbreitung des Schalles. S. 62. — Bücherbesprechungen: Stadimann, Der Wellkrieg und die Naturwissen- schaften. S. 63. P. Wagner, Lehrbuch der Geologie und Mineralogie für höhere Schulen. S. 63. Hans Besser, Natur- und Jagdstudien in Deutsch-Ost-Afrika. S. 64. G. Hauberrisser, Anleitung zum Photographieren. S. 64. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Mi ehe, Berlin N 4, Invalidenslrafie 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge 17 Band; der ganzen Reihe 33. Band Sonntag, den 3. Februar i [918. Nummer 5. [Nachdruck Die Bisamratte in Böhmen. Von Dr. Hans Walter Frickhinger (München), Assistent der zoologischen Abteilung der K. B. Forstlichen Versuchsanstalt. Mit 26 Abbildungen im Text. Im Jahre 1906 ließ Fürst Colloredo- Mannsfeld in seiner böhmischen Herrschaft Dobrisch (südwestlich von Prag) einige Pärchen der kanadischen Bisamratte aussetzen. Die Einführung dieses nordamerikanischen Nagers mag aus verschiedenen Gründen geschehen sein. Einmal hatte der F"ürst wohl auf einer amerikanischen Reise selbst die unleugbaren Reize kennen ge- lernt, welche die nächtliche Jagd auf diese hurtigen Tiere dem Weidmann bietet und dann haben sicherlich auch wirtschaftliche Gesichts- punkte bei dem Entschluß des Fürsten ent- scheidend mitgesprochen. Die Bisamratte ist in ihrer nordamerikanischen Heimat, vornehmlich ihres Pelzes wegen, ein höchst geschätztes Jagd- tier: liefert sie doch den „Bisam", jenes hübsche Fellchen, dem, wie Heck sagt, „neben dem grauen sibirischen „Feh" heutzutage hauptsächlich die große Aufgabe obliegt, den Massenbedarf an billigeren, aber doch im Naturzustand, ungefärbt und unverändert, verwendbaren Pelzwerken zu decken". Aber nicht nur im ungefärbten Zustand, also als Bisampelz selbst, wie wir ihn als Herren- pelzmantelfutter kennen, kommt der Bisam in den Handel, er wird hauptsächlich für Damcnpelzwerk, auch in großem Umfang „auf Nerz, Zobel, Skunk und Seal gefärbt, um dann, in entsprechenden braunen und schwarzen Farbenschattierungen, als Nerz-, Zobel-, Skunk- oder Seal-Bisam verkauft zu werden. Es ist bei diesem Massenverbrauch an Bisampelzen, den Heck auf jährlich 7 Millionen Stück berechnet, erklärlich, daß der Fang der Ratte in den nordamerikanischen Ländern ihrer Hauptverbreitung, also hauptsächlich in Minnesota, dann aber auch in den nordöstlichsten Staaten der Union, in New York, in New Yersey, Connecticut und Pensylvanien einer beträchtlichen Zahl von Jägern und Fallenstellern (Trappern) ein auskömmliches Dasein bietet. Den Fürsten Colloredo-Mannsfeld haben ') Bei der Beschaffung der Literatur und des Bilder- materials für die vorliegende Arbeit hat mich Herr Forstrat Alois Nechleba-Pürglitz in unermüdlicher Weise unter- stützt. Seiner gütigen Vermittlung verdanke ich eine große Zahl der mir freundlichst von d<-n Herren Forstrat Theodor M o k r y - Schlüsselburg , Forstmeister Karl Meinhard- Frauenberg, Forstmeister F. J. Buchal-Kric bei Kakonitz und Assessor Dr. G. K or ff- München überlassenen photo- graphischen Aufnahmen. Für die Anfertigung einiger Original- aufnahmen nach Sammlungsobjekten der Zoologischen Ab- teilung der k. b. Forstlichen Versuchsanstalt in München schulde ich Herrn cand. forest. S. K. PiUai aufrichtigen Dank. diese günstig gelagerten wirtschaftlichen Ver- hältnisse sicherlich nicht zum mindesten verleitet, das amerikanische Wild nach seinem Dobrischer Schloßteiche zu verpflanzen. Aber während in Nordamerika mit seinen weiten unbewohnten Landstrecken nirgends Stimmen laut geworden sind, welche trotz der dort überall eingeführten strengen Schonvorschriften über ein allzu häufiges Auftreten der Bisamratte Klage führten, geschah die Vermehrung in Böhmen in einer wohl auch von dem Fürsten und seinen Ratgebern unge- ahnten Schnellig- keit. Aus den im Jahre 1906 ausge- setzten 4 oder 10 Pärchen , wenn sie auch durch das ein oder andere aus einem Bisamgehege des Fürsten Karl von Schwarzen- berg ausgekom- mene Exemplar eine Ergänzung gefunden haben mögen, sind heute nach einer ungefähren Schät- zung Smolian's mindestensiooMil- lionen geworden, eine Zahl, die trotz aller seit Jahren gegen die Tiere er- Die Verbreitung der Bisamraüe von griffenen Vernich- Dobrisch aus über Böhmen m den " o i ■ Jahren 1906-1912. tungsmaßregeln im- Nach Ribbeck. Aus Kosmos, mer noch im Steigen begriffen scheint. Dieser Massenvermehrung entsprechend ging natür- lich auch die Verbreitung der Ratte durch Böhmen und über die weiß blauen und die weiß-grü- nen Grenzpfähle hinaus nach Bayern und Sachsen hinein in erstaunlich kurzer Zeit vonstatten. Smolian gibt darüber detaillierte Angaben, die zur Veranschaulichung des nebenstehenden der Arbeit Ribbeck's entnommenen Kärtchens (Abb. i), mit dem sie ungefähr übereinstimmen, hier wiedergegeben seien: „1907 trat die Bisam- ratte schon in Pribram und Beneschau auf; 1908 in Pisek und Rozmital; 1909 in Smichow, Blatna, Beraun und Horwitz; 1910— 1911 bei Prag; 1912 in Melnik, Raudnitz, Saatz, Witri ngau undFrauen- F/üsse "^ Lano'es-ynnze Verbreiiunffsyrenz'e ms im mi m'p Wi 'ivnmi Abb. 66 Naturwissenschaftliche -Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. S berg; 1913 im April schon 4 Gehstunden von der bayerischen Grenze (oberes Radbusagebiet) ; im Juni ^/^ km vom Königreich Sachsen; im November in Sachsen selbst ; 1914 in Niederösterreich, Mähren und von nun an passiert sie wiederholt die sächsischen und die bayerischen Grenzpfähle. Im Juni i 9 i 4 wurde sie erstmalig bei Metten im Donaugebiet (Niederbayern) gesehen, im September an der Isarmündung. Im August 1915 ist sie schon wiederholt in Nie- derbayern und der Oberpfalz er- legt worden und letzthin (Ende 1915) hat der Fischer Hannes aus Zwiesel 1 1 Stück im Gebiet des Regens mit Reusen gefan- gen". Aus diesen Daten geht her- vor, worauf neben S m o 1 i a n noch H. N.Mai er ver- weist, daß es anfänglich wohl den Anschein hatte, als sei das Ausdehnungsgebiet der Bisam- ratte, deshalb, weil die Tiere bei ihrem Vor- dringen mehr den Gewässern mit ruhigem Wasser und üppigem Pflanzenwuchs folgten, „zunächst ein mehr nordsüdliches, während die ostwestliche Verbreitung geringer war". „Man [Fiber zibdhU Abb. Cuv.). diesen Wanderungen hat die Bisamratte offenbar 5 Einfallspforten nach Bayern hinein benützt, welche nach M a i e r ' s Mutmaßung von Norden nach Süden folgende sein dürften: i. das Gebiet der Elbe im Bez.- Amt Tirschenreuth; 2. das Gebiet der Naab; 3. das Gebiet der Cham, 4. das Gebiet des schwarzen Regens und 5. das Gebiet der Hz. Diese rapide Ausbreitung der Bisamratte über ganz Böhmen — nach Nechleba ist heute das südwestlich e Böhmen, die an Teichen reiche Gegend zwischen denStädtenPilsen und Budweis am meisten von der Bisam- ratte besie- delt — in die österreichischen Kronländer, nach Sachsen und Bayern hinein, muß uns, auch wenn wir zu- nächst von der vielbeklagten Schädlichkeit der Tiere nicht sprechen wollen, zu denken geben. Die böhmischen und die in den benachbarten deutschen Grenzgebieten wirkenden und daher nächstbeteiligten Forst- und Fischereizoologen haben denn auch seit Jahren mit dem Problem der „Bisamratte in Böhmen" sich ein- gehend beschäftigt, sie haben ausführlich nach Phot. Dr. G. Korff- München Abb. 3. Schädel der Bisamratte. Von oben gesehen. Phot. S. K. Pillai- München. Abb. 4. Schädel der Bisamr,itte. Von der Seite gesehe Phot. S. K. Pillai -München. konnte daher", fährt Maier fort, „hoffen, daß sie sich vorwiegend längs den pflanzenreichen Ge- wässern Böhmens weiterverbreite und die ärmeren Gewässergebiete des Urgebirges des Böhmer- und des Bayerischen Waldes meide. Leider hat sich aber diese Hoffnung nicht erfüllt, denn noch im Sommer 1914 hat die Bisamratte die Wasser- scheide zwischen Elbe und Donau überschritten und ist in das Flußgebiet der Pfreimt-, bzw. der Naab und damit der Donau vorgedrungen." Bei amerikanischen Quellen über die Biologie der Bisamratte in ihrer Heimat berichtet, haben damit ihre eigenen Beobachtungen verglichen und an Hand dieser Befunde die Bekämpfungsmaßnahmen erörtert, welche im Kampf gegen die Eindring- linge die meiste Aussicht auf Erfolg versprechen. Die Bisam-, Biber-, Zibethratte oder Ondatra {Fiber zibefhicus Cuv.) (Abb. 2), von den Engländern Musk-rat, von den Indianern Musquah genannt, gehört zur Unter- N. F. XVII. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 67 familie der Wühlmäuse (Microtinae) und besitzt am meisten Ähnlichkeit mit einer be- sonders großen Wasserratte. Sie kann eine Länge von ca. 6o cm erreichen, wovon aller- dings fast die Hälfte auf den Schwanz entfällt. Abb. 5. Schwanz uud Hinterfüße (links Oberseite, rechts Unterseite) einer" ausgewachsenen Bisamratte (ungefähr '/■> natürlicher Größe). Phot. Dr. G. Korff-Mü''nchen. jederseits aus i Nagezahn und 3 eng aneinander gereihten Backenzähnen (Abb. 4). Die Hinter- füße sind länger als die Vorderfüße, deren Zehen im Gegensatz zu den durch eine kurze Schwimm- haut miteinander verbundenen Zehen der Hinter- beine frei sind (Abb. 5). Alle Zehen zeigen seit- lich lange weiße Schwimmhaare, die Unterseite der Hinterfüße ist nackt. Das charakteristischste Organ der Bisamratte ist ihr langer, sehr musku- löser und seitlich stark zusammengedrückter, schwarzer, beschuppter und kurz behaarter Schwanz, der stets nach unten sichelförmig eingekrümmt getragen wird (Abb. 5). Er ist sehr kräftig und dient den Tieren, in schlängelnde Bewegung gesetzt, beim Schwimmen als Ruder, außerdem auch beim Sitzen als Stütze (Abb. 5 a). Bisamratte heißt das Tier nach 2 kleinen 2 — 3 cm langen Drüsen, welche sich in der Nähe der Ge- schlechtsöffnung finden und besonders während der Brunftzeit und da wieder hauptsächlich beim männlichen Tier einen weißen, öligen, unangenehm nach Zibeth (Moschus) riechenden Saft aus- scheiden, der durch seinen starken Geruch als sekundäres Geschlechtsmerkmal funktioniert, indem er die paarungslustigen Tiere zusammenführt. Der Pelz der Bisamratte ist dicht, glatt anliegend, oben braun, mitunter gelblich, unten grau mit rötlichem Anflug und etwa 30 — 35 cm lang. — Die Wollhaare desselben sind kurz, weich und .Sitzende Bisamratte. Der Scliwanz dient als Sti Ihre Körper formen sind plump, der Kopf (Abb. 3) ist dick und rundlich mit stumpfer Schnauze, die lange Schnurrhaare trägt; die Augen sind klein, die Ohren kurz und in den Pelz ver- steckt, die Backen sind taschenartig erweitert. Das Gebiß besteht im Ober- und Unterkiefer ;ze. I'hot. Oberförster Buchal-Neustupow. zart, die Grannenhaare etwa doppelt so lang, glänzend und starr. Die Lebensweise der Bisamratte ist die eines typischen Wassertieres und erinnert in manchen Punkten an den Biber. Die Tiere, von denen man in ihrer amerikanischen Heimat eine 68 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 5 Reihe von Arten und Unterarten unterscheidet, Landstriche, wie Kanada oder Alaska, wo sie bewohnen dort alle zwischen dem 30. und dem nach Heck besonders nördlich von der gleich- 69. Grade nördlicher Breite gelegenen Länder, namigen Halbinsel, um die Bristolbai im Nuschagak- ^ n P-^^?"^j^Kw ■ mk>- ^^ UmH^ ^r^ -^ '*^li^P^^ II ^^'^''^^''''^lllllil 1 ^^U^^^^^^^i«^^^|^%'i € ' n^V^ ^ JHhKv . .' .;.' ■ZViRtNA^ bau in einem durch Binsen maskieilen Grabenauswurf. Fhot. Oberförster B uchal-A'eustupow. Winterburgen der Bisamratte im Ober-Thorowitzer Teiche bei Schlüsselburg in Südwestböhmen. Phot. Forstrat Theodor Mok ry -Schlüsselburg. Die Dichtigkeit, mit der sie in den einzelnen gebiete häufig anzutreffen sind. Hier bewohnt Gebieten hausen, schwankt natürlich sehr, be- die Ondatra familien- und Volksweise die grasigen Vorzügen sie doch vornehmlich wasserreiche Uferhänge der Seen und Sümpfe oder breiterer N. F. XVn. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 69 langsam fließender Ströme oder — und das mit besonderer Vorliebe — kleinerer, mit Schilf und Wasserpflanzen dicht bewachsener Teiche. In die Uferböschungen dieser Wasserläufe wühlen die Tiere im Laufe des Sommers ihre Wohnräume, meist einfache, unterirdische Kessel mit mehreren Ausgangsröhren, die, mit Ausnahme eines einzigen oberirdisch mündenden Kanals, der als Luftschacht gilt, sämt- lich unter Wasser auslaufen. „Vom eigentlichen Nest, sagt Smolian, welches etwa 2 m im Durchschnitt mißt, gehen eine große Zahl hori- zontal verlaufender Röhren strahlen- förmig aus. Diese Röhren haben einen Durchmesser von 20 — 30 cm und treten erst nach weiterem Ver- laufe (nach Neresheimer bis zu 15 m) an die Oberfläche, wo ihre Mündungen sorgfällig verblendet wer- den, so daß sie nur schwer aufzu- finden sind" (Abb. 6). Das Nest ist mit trockenen Pflanzen gut ausge- polstert und wird, wenn möglich, von den Ratten das ganze Jahr über be- wohnt. Da aber bei strenger Kälte die Ausgänge zufrieren, so muß die Bisamratte für den Winter, wenigstens für den strengen Winter, sich eigne Bauten schaffen, die'Schlamm- oder Winter- burgen genannt werden (Abb. 7). Es sind dies oberirdische Wohnbauten, die auf dem Wasserspiegel emporgebaut werden. Diese Winter- burgen haben neben der ober Wasser befindlichen Wohnkammer zweierlei Ausführungsgänge: die einen münden, ähnlich den bei den Sommer- Landseitige Ausläufe Abb. 8a. von Bisamrattenröhren im Teichda teiches. Bei hohem Wasserstande rinnen die Röhn Phot. Forstrat AI. Nech 1 eb a-Pürglitz. Grund des Wassers ruhen und aus abgenagten Pflanzenteilen, aus Wurzeln und Ästen mit Hilfe von Lehm und Schlamm bis i m hoch über den Zahlreiche landseitige Ausläufe von Bisamrattenröhren. Feldteich unterhalb des Leontinenschlosses in Pürglitz (Böhmen). Phot. Forstrat AI. Nechleba- Pürglitz. Wohnungen beobachteten, direkt ins Wasser, die anderen führen unter dem Grund des Gewässers hindurch ans Ufer (Abb. 8 u. 8 a). Diese letzteren dienen wohl weniger dazu, um eine Verbindung mit dem Ufer herzu- stellen, als vielmehr dazu, die Tiere auf der Nahrungssuche zu unter- stützen, indem sie in derartigen Gang- bauten die freiliegenden Pflanzen- wurzeln ohne Schwierigkeit abnagen können. Aus diesem Grunde werden diese Gänge auch oft weit ausgedehnt angelegt, um dann irgendwo blind zu endigen.- Im Winter verstopfen die Tiere nach den Beobachtungen Nechleba's die landseitigen Aus- führungsgänge ihrer Wohnbauten mit Gras- oder Schilfpfropfen (Abb. 9) zum Schutz vor der Kälte. Von einigen Forschern wurde ange- geben, daß die Ratten diese Gras- pfropfen bei Nahrungsmangel auf- fressen. Nechleba bestreitet dies nach seinen Erfahrungen. Neben ihren sommerlichen größeren Wohn- bauten legt die Bisamratte noch eigene Bruträume oder Kinder- stuben an, welche meist nur ein- fache aus dem Wasser aufsteigende Röhren darstellen. Die Zibethratte gilt in Nordamerika der Haupt- sache nach als Pflanzenfresser: sie lebt vor- iim desselben Feld- 70 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. nehmlich von all den Wasserpflanzen, die ihre Tummelplätze bedecken, also besonders von Schilf, Riedgräsern, Seerosen und anderen mehr; in dicht bewachsenen Gewässern frißt sie, und das wird zumeist als bestes Zeichen für ihr Vor- handensein angesehen, am Boden besondere Bahnen aus, die sie dann als ständige Weide- gänge benützt. Ähnliche bis 20 cm breite Gänge legt sie auch in ufernahen Wiesen an, wie sie überhaupt auch gerne Wurzeln und Stengel von allerlei in der Nähe der Ufer wachsenden Land- pflanzen abnagt. Ja sogar in Getreide- und Reisfelder, in Gemüsepflanzungen (Kohlgärten, Rübenfelder) und Obstkulturen dehnt sie ihre Raubzüge aus und richtet dadurch auch in ihrer Heimat manchen Schaden an. Amerikanische Forscher, wie A. W. Butler, J. Audubon, J. Bachmann und manche andere, haben schon vor 50 und mehr Jahren dieser Beutezüge der Ondatra in die an flachen Flußufern gelegenen (Abb. 10) gehen die Angaben in der Literatur stark auseinander. N eres heimer führt diese einschneidenden Unterschiede, die in ihren Ex- tremen von einem einmaligen Wurfe von 5 —6 Jungen (nach Harlan) bis zu einem 3 — 5 maligen Wurfe von 3 — 7 und noch mehr Jungen (nach Richardson, Farlane und La ntz) differieren, darauf zurück, daß die einzelnen Beobachtungen der amerikanischen Forscher bei der über zu- mindest 30 Breitegrade sich erstreckenden Ver- breitung der Ratte selbstverständlich in Ländern angestellt wurden, die in ihren klimatischen Ver- hältnissen grundverschieden voneinander sind. Abb. 9- Schemaüsche Darstellung eines Bisamrattenganges, a ; land- seitiger Bisanirattengang (Ferngang), c: Mündung des Bisam- rattenganges unter Wasser, d : landseitiger Bisamrattengang (Nahgang), zum Schutz vor der Kälte mit dem Graspfropfen b verstopft. W: Wasser, E: Eis, S: Schnee. Nach Frick- hioger aus Naturwiss. Zeitschrift f. Forst- und Landwirtschaft. liffi Getreidefelder Erwähnung getan. Besonders reifende Ähren werden bevorzugt, die Halme werden von den Tieren abgenagt und dann in ihren Bau verschleppt; sind die Getreidekörner für die Zähne der Ratten zu hart, so wissen die Tiere auch dafür Rat und lassen die Halme ein oder mehrere Tage im Wasser liegen, bis die Körner erweicht sind. Neben der Konstatierung dieser rein vegetabilischen Ernährung finden sich auch in amerikanischen Quellen Hinweise, aus denen hervorgeht, daß die Bisamratte kein aus- schließlicher Pflanzenfresser, sondern vielmehr ein Allesfresser genannt zu werden verdient. Überreste von Muscheln und Krebsen finden sich häufig in größerer Zahl vor ihren Wohn- bauten, ferner wurden Spuren von Kannibalismus an ihnen beobachtet, indem kranke oder ange- schossene Tiere von ihren Artgenossen ange- fallen, zerrissen und aufgefressen wurden; auch Fische und kleinere Säugetiere sah man sie ge- legentlich vertilgen. Über die Fortpflanzungsfähigkeit Abb. 10. Der Nachwuchs eines Bisamrattenpärchens während [eines Sommers; sämtliche Tiere wurden nach Öffnen eines Baues ans Tageslicht befördert. Oben: altes 2- Mittlere Reihe: I. Wurf (anfangs Mai; die Tiere werden in dem- selben Sommer noch fortpflanzungsfähig). Untere Reihe: 11. Wurf (etwa Mitte Juli bis anfangs August). Phot. Forstmeister Karl M einhar d-Frauenberg. Zudem ist die Beobachtung der Ondatra in der freien Natur eine sehr mühselige, das erhellt am besten daraus, daß selbst in Gefangenschaft ge- haltene Tiere, wie die im Berliner Zoologischen Garten befindlichen Exemplare, nur schwer ge- nauer zu studieren waren ; Heck hat über Trag- und Wurfzeit bis heute nichts Genaueres fest- zustellen vermocht, der i. Wurf wird etwa auf Anfang Mai, der 2. auf Ende August angenommen. „Im April und Mai, sagt Heck, nachdem die Tiere ihre Winterbaue verlassen haben, paaren sich die Geschlechter, das Weibchen wirft in seinem Bau oder in einer Erdhöhle 3 — 6 Junge, und zwar mehrmals im Jahre. Den ganzen N. F. XVII. Nr. 5 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Sommer und Frühherbst leben die jungen Bisam- ratten friedlich mit ihren Eltern zusammen, ob- wohl nicht eigentlich unter ihrem Schutz, nur daß sie auf deren VVarnungszeichen hören; sie paddeln und waten in den austrocknenden Flüssen und Teichen herum oder schlafen zusammen- gerollt zu einem kleinen braunen Haarball, fest am Uferrand, versteckt im Wasserlilien- und Binsendickicht, indem sie gut ausgetretene Pfade von Ort zu Ort haben." Die Beobachtung der Bisamratten bei ihrem lebendigen nächtlichen Treiben, wenn sie behende das Wasser durchschwimmen , tauchen, auf Steinen, in Binsenbüschen, am Ufer kurze Rast halten, bietet für den Naturfreund einen einzigartigen Reiz. Vernimmt eines der sich tum- melnden Tiere ein verdächtiges Geräusch, so schlägt es als Warnungssignal für seine Genossen mit dem muskulösen Schwanz heftig auf das Wasser. Auf dieses Zeichen hin erlischt sofort das emsige Treiben des Rattenvolkes : während sich die einen mit einer erstaunlichen Schnelligkeit in die Gänge zurückflüchten, stürzen sich die anderen kopfüber ins Wasser und nur mehr silberne Streifen auf der Wasseroberfläche deuten an, welchen Weg die flüchtenden Tiere genommen. Meinhard ist es bei seinen biologischen Beobachtungen zwei- mal gelungen, die Nager im Frühjahr bei ihrer, wenn man so sagen will, ,.Brunft"zu belauschen: „Zwei Bisamratten, so berichtet der Forscher, schwammen längere Zeit mit senkrecht aus dem Wasser emporragenden Ruderschwänzen im Teiche auf und ab, stets einander auf wenige Schritte Abstand begegnend; dann wieder schwammen sie um ein drittes Exemplar (vermutlich das Weibchen) im Kreise herum, taucliten ab und zu und stießen nach dem Auftauchen wie ein Pfeil aufeinander los." Das böhmische Forstpersonal hat, wie Meinhard ausführt, bei der Bisamratte, als einer „neuen Wildgattung", zu erkunden ver- sucht, welche ihrer Sinne besonders ausgebildet sind, den Menschen zu erspähen, ob sie also besser äugt oder vernimmt oder windet. „Weil aber ihr Benehmen unter sonst gleichen Voraus- setzungen so verschieden ist, gehen auch hier die Meinungen noch ziemlich weit auseinander. Die meisten dürften zu der Ansicht hinneigen, daß sie relativ am besten äugt." Über das V^ erhalten der Ondatra dem Menschen gegenüber stimmen die Aussagen der Forscher nicht miteinander überein. Während früher zumeist der Bisamratte eine große Harm- losigkeit und Zutraulichkeit dem Menschen gegen- über nachgerühmt wurde, mehren sich in der letzten Zeit die Stimmen, welche von Versuchen der Tiere melden, aggressiv gegen den Menschen vorzugehen. So wurde aus der böhmischen Stadt Tabor gemeldet , daß ein Gendarmeriezugführer auf einem Dienstgang wiederholt von einer Bisamratte angegriffen worden sei, wobei das Tier mehrmals versucht habe, bis zu einer Höhe von 1 m gegen den Mann aufzuspringen. Auch aus der Nemelkauer Gegend (Böhmerwald) wurden ähnliche Vorkommnisse mitgeteilt. Nechleba macht, wohl mit Recht, darauf aufmerksam, daß derartige Angriffe von Bisamratten auf den Menschen nie in der Nähe vom Wasser, sondern nur dann stattgefunden haben, wenn die Tiere auf ihren Landwanderungen dem Menschen be- gegnet sind und dann keinen anderen Ausweg sahen, um der Gefahr zu entgehen, als ihren Widersacher anzugreifen, bzw. sich ihm zur Wehr zu setzen. Im großen und ganzen wird es sich bei solchen Fällen um seltene Ausnahmen handeln, wie sie bei allen Tieren, ja selbst bei dem Urbild der Furchtsamkeit, bei dem Hasen, zuweilen vor- kommen. Im allgemeinen wird sich die Bisam- ratte in Böhmen, ebenso wie ihre nordamerika- nische Schwester dem Menschen gegenüber sehr scheu verhalten, wird ihn fliehen, wo immer er ihre Bahn kreuzt. Die Ausflüsse des „Offensivgeistes" der böh- mischen Bisamratte haben uns bereits übergeleitet zu der Besprechung der Angaben , welche von europäischen Beobachtern über die Lebensgewohnheiten der Ondatra ge- macht worden sind. Da sie in wesentlichen Punkten von den Berichten der amerikanischen Untersucher abweichen, empfiehlt es sich, sie gesondert zu besprechen. Rein morphologisch wurde auf die frappanten Unterschiede hingewiesen , welche zwischen dem hochwertigen Pelz der nordameri- kanischen und dem bedeutend minderwertigen Fell der böhmischen Exemplare bestünden. Ribbeck sagt darüber: „Unter dem Einfluß unseres sehr viel milderen Klimas ist das Fell in überraschend kurzer Zeit völlig entartet, ist lichter geworden, die Behaarung dünner, und vor allem hat es den schönen Seidenglanz ganz verloren." Auch Smolian pflichtet dem bei, wenn er schreibt: „In den ersten Generationen blieb der Pelz auch hier dem amerikanischen an Schönheit gleich, später jedoch verlor er bedeutend an Wert : er wurde nach und nach lichter und grob, die schönen Grannenhaare blieben zurück und der eigenartige Glanz des Felles ging verloren." Dem- gegenüber weist Neresheimer darauf hin, daß der Wertunterschied der Bisamfelle aus den Monaten September /Oktober und selbst noch November und den Bisamfellen aus den Monaten Januar und Februar ein ganz beträchtlicher sei, indem ein Bisamrattenfell der i. Kategorie kaum halb so viel wert sei als ein solches der 2. Kate- gorie. In Amerika bestehen ja auch strenge Schonzeitbestimmungen für die Tiere, die aller- dings, wenn wir den Angaben desselben Forschers hierüber folgen, in den einzelnen Staaten stark schwanken, aber meist die ganze Fortpflanzungs- zeit der Tiere, also Frühjahr, Sommer und Herbst umfassen und die Nachstellung meist erst vom Dezember ab gestatten. „Das Fehlen von Schon- vorschriften und der Umstand, daß die Bisamratte jedenfalls in der warmen Jahreszeit leichter und 72 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. s unter weniger Strapazen zu fangen oder zu er- legen sein wird, als im strengen Winter, erklären also jedenfalls ausreichend genug die angebliche Minderwertigkeit der böhmischen Felle." Wenn es nun zwar auch wohl denkbar wäre, daß die Qualität des Felles durch die geänderten Lebens- bedingungen, welche die Bisamratte in ihrem neuen europäischen Siedlungsgebiet vorgefunden hat, sich verschlechterte, so entbehren die Ein- wände Neresheimer's gegen diese Theorie sicherlich nicht der Stichhaltigkeit und wir müssen dem Forscher zustimmen, wenn er „noch erheb- liche Zweifel in das früher ohne Debatte ange- nommene Axiom setzt und die Frage zum mindesten noch ungeklärt findet." Der Preis der Bisamrattenfelle ist übrigens, das betonen be- sonders Meinhard und Nechleba, in den letzten Jahren ständig gestiegen. Nach Meinhard wurden im letzten Frühjahr für Bisamrattenbälge folgende Preise gezahlt: I. Sorte 12 Kr., II. Sorte 6 Kr. und III. Sorte 2 Kr., während vor 3 Jahren noch I Balg bloß I Kr. einbrachte. Mag nun auch die Verteuerung der Kriegsverhältnisse bei dieser Preiserhöhung ihr gut Teil mitgewirkt haben, man wird sich dem Eindruck doch nicht verschließen können, daß mit der allmählich immer weiter fortschreitenden Akklimatisation der Bisamratte an das böhmische Klima auch die Qualität ihres Pelzes sich gebessert hat. Während früher, wie ich an anderer Stelle aus- geführt habe, der Pelz der Bisamratte aucii im Winter recht schäbig war und ins Gelbbraune und Lichtgraue spielte, waren die Bälge heuer, offenbar unter dem Einfluß des strengen Winters, vorwiegend viel dichter, die Behaarung war lang und auch die schwarzen Grannenhaare waren dichter gewachsen. Nechleba unterschied in seinem Pürglitzer Forstbezirke im heurigen Früh- jahr 2 Farbenvarietäten, deren eine sich der dunkelbraunen ursprünglichen Färbung der kana- dischen Exemplare näherte, während die andere ins Dunkelgraue stach. Infolge der erhöhten Nachfrage und besseren Bezahlung hat das I<"orst- personal heuer auch schon mit mehr Sorgfalt die Zurichtung und Präparation der Bisambälge be- trieben. Den Angaben Meinhard 's entnehmen wir darüber Folgendes: „Die Bisamfelle werden wie Hasenfelle abgestreift, also weder am Bauch noch auf den Seiten aufgeschlitzt und mit der Haarseite nach innen getrocknet. Noch vor dem Abstreifen werden die unbehaarten Teile der Füße sowie der Ruderschwanz abgetrennt und der Balg, so wie es bei Hasen der Fall ist, bloß an den Innenseiten der Hinterläufe aufgeschlitzt, damit durch die so entstandene Öffnung das Spannbrett eingeführt werden kann. Beim Ab- schärfen der Kopfpartie ist, wie bei allen anderen Rauhwaren, eine gewisse Sorgfalt notwendig, es muß das Fell auch hier bis zur Nasenspitze ab- gestreift werden." Die heurigen besseren Er- gebnisse lassen Nechleba hoffen, daß im Laufe der Jahre auch das böhmische Bisamrattenfell ein gesuchter Handelsartikel werden kann. Nun aber nach dieser Abschweifung zurück zu den Lebensgewohnheiten der Ondatras: daß die andersartigen klimatischen Verhältnisse Böhmens in ihnen starke Veränderungen hervor- zurufen vermögen, kann man am besten daraus ersehen, daß die in Kanada allgemein von den Ratten als Winterquartiere angelegten „Schlamm- burgen" von den böhmischen Exemplaren nicht mehr oder nur mehr in Ausnahmefällen gebaut werden. Die milden Winter dieses Landes, der die Flüsse nur selten und dann nur für kurze Zeit gänzlich eingefrieren läßt, hat die Tiere, nachdem sie in den ersten Jahren ihres böhmischen Aufenthaltes noch durchwegs zur Anlage der Winterburgen geschritten waren, bald veranlaßt, von dieser hier überflüssigen Vorsicht abzusehen. Heute trifft man in Böhmen derartige Kuppel- bauten nicht mehr sehr häufig an, nur Nechleba erwähnt dieselben als ständige Erscheinung, aller- dings mit der Einschränkung „nur in Teichen" aus seinem Pürglitzer Bezirk (Abb. 7).*) Auf eine weitere biologische Abweichung der böhmischen Bisamratte macht Nechleba auf- merksam : während die Ondatras in Kanada in der Hauptsache Volksweise hausen , leben die böhmischen Exemplare „vorwiegend paar-, höch- stens familienweise". Nechleba bringt dies damit in Zusammenhang, daß der Bisamratte in Böhmen ein unsteter Wandertrieb eignet, der sie nur eine kurze Zeitlang an ein und derselben Stelle verweilen läßt. „Stellen- und zeitweise zahlreich vorkommende Bisamratten, wahrschein- lich Familien, verschwinden mit einemmale gänz- lich, um sich paarweise auf anderer Stelle anzu- siedeln und nach Aufzucht der Jungen wieder zu versch winden." Die Ursachen für diese von Nechleba in seinem Pürglitzer Forst- bezirk beobachteten zahlenmäßigen Unterschiede des Schädlingsvorkommens hegen vermutlich auf dem Gebiet der Nahrungssuche; ob sie aber freilich für alle von den Ondatras besiedelten Gebiete verallgemeinert werden dürfen, darüber läßt sich heute noch kein endgültiges Urteil fällen. ') Im heurigen strengen Winter sind die Bisamratten natür- lich auch in Böhmen wieder mehr zu ihrer Gewohnheit, Winter- burgen zubauen, zurückgekehrt. So erwähnt jetzt auch Mein- hard aus der Frauenberger Gegend „eigene im Winter bewohnte Baue"; er nennt sie ,,parat)olisch geformte Haufen aus ichilf, die in der Nähe der Ufer angelegt in verschiedener Höhe aus dem Wasser emporragen". Kbenso konnten Korff und Maier anläfilich einer Besichtigungsreise in das böhmische Bisamrattengebiet in Blatna im Oktober 1916 zahlreiche Winterburgen feststellen. (Schluß folgt.) Inhalti :k hinger, Die Bii attc in Böhmen. (26 Abb.) S. 65. luskripte und Zuschriften validenstraße 42, erbe Berlin N 4, 1 Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S. n Prof. Dr. H. Mich, ag von Gustav Fischer Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Sonntag, den lo. Februar 1918. Nummer 6. [Nachdruck verboten.] Die Bisamratte in Böhmen. Von Dr. Hans Walter Frickhinger (München'), Assistent der zoologischen Abteilung der K. B. Forstlichen Versuchsanstalt. Mit z6 Abbildungen im Text. (Schluß.) Während nun der Umstand, daß die Bisam- ratte in Böhmen nicht mehr regelmäßig wie in ihrer Heimat zur Anlage von Winterburgen schreitet, lediglich vom naturästhetischen Standpunkt aus zu bedauern ist, da gerade die Schlammburgen eine sehr reizvolle Belebung eintöniger Teichland- schaften darstellen, ohne gerade nennenswerte Schädigungen nach sich zu ziehen, ist eine weitere biologische Abweichung der böhmischen Zibeth- ratten von einschneidend wirtschaftlicher Bedeutung geworden. Wir haben oben gehört, daß die kanadische Bisamratte zwar gelegentlich auch fleischliche Kost zu sich nimmt, im allgemeinen sich aber dort mit pflanzlicher Nahrung bescheidet. Nun ist ja sehr leicht einzusehen, worauf neben Neresheimer besonders Ribbeck verweist, daß die Bisamratte in den weiten unbesiedelten Landstrichen Kanadas und Nordamerikas über- haupt mit ihren nur vereinzelt bewirtschafteten Ländereien ungeheuer viel mehr pflanzliche Nah- rungsstoffe vorfindet, die ihr ohne weiteres und ohne irgendwelchen Schaden für den Menschen zur Verfügung stehen, als in dem dichtbesiedelten Böhmen mit seinen ausgedehnten landwirtschaft- lichen Betrieben nnd seinen weitverbreiteten teich- wirtschaftlichen Anlagen. In Böhmen trifft die Bisamratte bei jeder Nahrungsstreife, mag sie diese nun im Wasser oder auf dem Lande ausführen, auf die Interessensphäre des Menschen. „Die böh- mischen Teiche, führt Ribbeck aus, mit ihrer verhältnismäßig spärlichen Pflanzenwelt konnten einer größeren Zahl der gefräßigen Nager die sonst gewohnte Nahrung nicht in genügender Menge bieten und deshalb suchen sich die Tiere eben anderweitig zu entschädigen." Und waren von Amerika schon Fälle bekannt geworden, wo die Ondatras Muscheln und Krebse und kleinere Fische angenommen hatten, so ist es erklärlich, daß die böhmischen Exemplare sich immer mehr von der ihnen nur in durchaus unzureichenden Mengen zugänglichen pflanzlichen Kost ab der animalen Kost zuwandten und heute zu vornehmlichen Fleischfressern sich gewandelt haben. Nun, sagt -Neresheimer mit Recht, „hätte man wohl in ganz Europa kaum ein Land ausfindig machen können, in dem sich die Bisamratte von ihrem ersten Auftreten an dem Menschen so verhaßt machen mußte, wie gerade in Böhmen. Nirgends steht die Karpfen Wirtschaft in solcher Blüte, nirgends ist das Land so durchsetzt von Teichen, zum Teil Teichen von riesiger Ausdehnung und enormer Wasserfassung, wie gerade hier. Der Bisamratte mußte dieses wasser- und fischreiche Land als Paradies erscheinen, aber dem Menschen mußte gerade hier ein ganz besonders gefährlicher Feind in ihr erwachsen." Tatsächlich scheint der Schaden, den die Zibethratte der böhmischen Fisch- zucht und den Krebsbeständen der böhmi- schen VVasserläufe zufügt, nach den übereinstim- menden Klagen aller Autoren ein ganz beträcht- licher zu sein. So hält Smolian besonders den Krebsbestand in den von den Ratten bezogenen Abb. II. amratte angenagte! lot. S. K. Pillai Krebs. Nat. Größe. München. Gewässern für äußerst bedroht (Abb. 11), wenn nicht überhaupt für der Vernichtung geweiht. Ebenso großen Schaden dürfte dieP e rlfischerei') erleiden (Abb. 12 u. 13), wie auch für die Fisch- zucht die Massenvermehrung der Bisamratte schon heute eine schwere Kalamität bedeutet (Abb. 14). Die Bisamratte frißt den erbeuteten Fischen oft ') Korff und Maier berichten, daß auf dem Grunde einzelner böhmischer Teiche in den Schlüsselburger Be- sitzungen des Freiherrn von Lillgenau zentnerweise von den Bisamratten angenagte Muschelschalen lagern, die beim Ablassen der Teiche zutage treten. 74 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 6 nur die Eingeweide und die Augen aus, höchstens verzehrt sie noch ein wenig vom Schwänze und läßt das Übrige liegen — vernichtet also mehr als sie zu ihrem Lebensunterhalte braucht. In Überwinterungsteichen stört sie durch häufiges Befahren des Wassers die Ruhe der Fische, zumal sie ihre Tafel hier am reichsten gedeckt findet. In einem solchen Teich in Böhmen wurden z. B. von 24 000 Stück einsömmeriger Karpfen in einem Winter 15 000 Stück durch Bisamratten vernichtet. Ferner verzehrt sie auch das Gras mit den Karpfeneiern in den Laichweihern, verhindert das Ab- laichen der Fische, stört dieselben bei der Nahrungsaufnahme, ja frißt ihnen sogar das Futter weg. Daß es durch- aus nicht immer nur kleinere Fische sind, welche die Bisamratte anfällt, darauf macht H. X. M a i e r aufmerksam, indem er berichtet, daß es ein paar Bisam- ratten zu beobachten gelang, wie sie einen etwa 12 pfundigen Laichkarpfen attackierten. Daß es den Bisamratten verhältnismäßig leicht fällt, die trägen Karpfen zu erbeuten, wird uns nicht so sehr erstaunen, als die Tatsache, daß, auch die flinken Weißfische von ihnen verfolgt und überwältigt werden : X ec h - leba entdeckte am Ufer der Beraun, in der Nähe von Bisamrattenbauen, zahlreiche Überreste von Weißfischen, deren größere Exemplare entschuppt waren. Aus dieser Beobachtung geht hervor, daß die Bisamratte nicht nur in stehenden sondern auch in fließenden Gewässern dem Fisch- fang obliegt. gelichtet, daß sie die brütenden Vögel aufscheucht, um ihre Eier zu rauben. Bei ihren Streifzügen auf das Festland verschont die Bisamratte natürlich auch die bodenbrütenden Vögel nicht, Rebhühner, Fasanen, ja selbst das Hausgeflügel hat nach dem Abb. 13. 1 der Bisamratte angenagte Teichmuscheln ; AnoJonta cygiiea L. Nat. Größe Phot. S. K. Pillai-München. Auch dem Wassergeflügel stellt die Ratte nach, kleine Enten und Hühner werden von ihr leicht erbeutet, der Bestand an Wildenten, Wasser- hühnern, Möven usw. wird von ihr auch dadurch Abb. 12. der Bisamratte angenagte Flußmuscheln: Nat. Größe. Phot. S. K. P Übereinstimmenden Bericht mehrerer Forscher in manchen Gegenden stark unter ihrer Eierräuberei zu leiden. Wir sehen die Besprechung der Wandlung der Bisamratte zu einem aus- gesprochenen Fleischfresser hat uns schon mitten in die Erörterung der Frage nach ihrerSchädlichkeit eingeführt. Fischerei und Jagd leiden unter ihrem massenhaften Auftreten ganz erheblich, noch viel größeren Schaden aber hat die Ondatra in der böhmischen Teichwirtschaft angerichtet. Durch die Anlage ihrer Sommerbauten mit ihren ausgedehnten Jagdgängen zer- wühlt die Bisamratte weite Strecken der Uferböschungen und Teichdämme (Abb. 15 u. 16), so daß schon bei kleinen Teichanlagen Dammbrüche und dadurch verursachte Über- schwemmungen an der Tagesord- nung sind (Abb. 17). Es ist leicht einzusehen, um wieviel größere Kata- strophen zu befürchten sind, wenn es sich bei den durch die Bisamratte gefährdeten Objekten um große Stauwasseranlagen handelt. Mit beredten Worten schildert Wenzel Susta die Kalamität , welche die Zibethratte gerade N. F. XVII. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 75 durch ihre Wühltätigkeit über Böhmen bis heute schon gebracht hat und in Zukunft noch bringen kann. „Die meisten Teiche wurden in Böhmen vor 300 — 400 Jahren erbaut. Das Werk unserer großen Teichbauer stand un- berührt durch Jahrhunderte da. Heute befinden sich in den durch Ondatra stark befallenen Ge- bieten nur mehr Ruinen der früher massiven Dämme oder, was noch gefährlicher ist, von außen zwar scheinbar intakte, in der Tat aber kreuz und quer angebohrte Dämme, welche beim ersten großen Wasseranprall zusammenbrechen müssen. Keine Tarraßmauer ist fest genug, um den Wühlern .\bb. 14. Durch Uferbruch bloflgelegter Gang der Bisamratte auf dem linken Ufer des Beraunflusses bei Purglitz. Im Vordergrunde : Reste angenagter Muscheln und angefressener Fische. Phot. Forstrat AI. N e c h leb a- Purglitz. standzuhalten; wenn auch die Steine so kunst- fertig zusammengefügt sind, daß die Ondatra keinen direkten Angriffspunkt findet, sucht sie den Weg vom Teichgrunde in den Dammkörper hinauf und verästet hinter der Tarraßmauer ihre Gänge. Nicht einmal die unter der Teichsohle liegende Teichröhre ist sicher; wir fanden mehrere Fälle, wo auch diese und das umliegende Zapfen- haus von der Bisamratte durchnagt und stark an- gegriffen wurden. Nun haben wir in Böhmen Kolosse, deren Dämme 8 — 10 m in der Krone messen und tatsächUch als gigantische Bauten an- gesprochen werden können. Doch selbst diese über mehrere lOO Hektarsich ausbreitenden Teich- riesen werden nicht standhalten können, falls sich die oberhalb derselben gelegenen, von der Ondatra angebohrten Teiche durch Dammbrüche plötzlich in sie entspannen sollten . . ." Um anschaulich darzustellen, wie die Ondatrakalamität wächst und welche Konsequenzen sie nach sich ziehen kann, greift Wenzel Susta ein Teichgebiet Süd- böhmens, das Wassergebiet des 500 Hektar großen und 12500000 Kubikmeter Wasser fassenden Teiches Bezdrev bei Frauenberg heraus und er- örtert die Gefahren, in denen sich dieses Teich- gebiet befindet: Oberhalb des Bezdrever Teiches liegen 1 1 5 Teiche miteinem Ausmaß von i6i6Hektar und einer Fassungsmenge von 21500000 Kubik- meter Wasser. Dem Terrain folgend, liegen die Teiche in 4 Hauptrichtungen übereinandergruppiert und es ergießt sich das Wasser infolgedessen vom höher gelegenen in das tiefer liegende Objekt. Sollte nun in diesem Wassergebiet die Bisamratte so stark überhand nehmen, daß nur der 4. Teil der Teiche, und zwar die kleineren, in den höheren Lagen situierten Objekte mit schwächeren Dämmen, durch die Bisamratte beschädigt, zur Zeit eines Hochwassers reißen würden, dann folgen unaus- weichlich auch die tieferliegenden mit stärkeren Dämmen ausgerüsteten Teiche der momentan ent- fesselten stürmischen Wasserwelle und der daraus resultierenden Wassermenge wäre auch der 14^/2 m hohe in der Krone 14 m breite Bezdrev-Teich- damm nicht gewachsen. Unter dem Teiche aber liegt die Eisenbahnstation Frauenberg. Unabseh- bar geradezu würden die Folgen sein, wenn es zu einer solchen Katastrophe z. B. bei den Wit- tingauer Teichkolossen kommen sollte." Daßdie Befürchtungen Wenzel Susta's kein leerer Wahn sind, sondern auf an verschiedenen Orten gemachten Beobachtungen beruhen, wird auch durch die Angaben H. N. Mai er 's bestätigt, wonach in einer 140 Teiche umfassenden Teich- wirtschaft alle Teiche von den Schädlingen befallen und ein Dammbruch von 4 m Länge und 2 m Tiefe verursacht worden war. Auch Eisenbahn- dämme werden, sofern sie nur in der Nähe von Wasseranlagen liegen, von den Ratten besiedelt. Wenzel Susta berichtet von ihrem Vorkommen in dem Damme der Linie Budweis-Eger. Die Einbrüche der Bisamratte in menschliche Kulturländereien, also vornehmlich in Getreide- felder, haben wir schon oben bei der Erörterung der Ernährung der Tiere erwähnt. IVIeinhard berichtet in diesem Zusammenliang von einem Gerstenfeld, in dem die Bisamratten runde, zimmer- große Flächen kahl abgenagt hatten. Von be- sonderem Belange sind auch die Beobachtungen Nechleba's, wonach die Bisamratte Feldfrüchte und süße Gräser unbedingt den harten und sauren Wald- und Teichgräsern vorzieht und unter den Feldfrüchten hauptsächlich die Leguminosen (Klee- Arten) liebt. Auch alle diese Schäden fallen ein- leuchtenderweise im dichtbesiedelten Böhmen viel schwerer ins Gewicht als in einem Lande mit so extensivem Kulturbetrieb wie Nordamerika. Des- halb ist der Schaden, den die Streifzüge der ■]6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 6 Ondatra in landwirtschaftlichen Anlagen verur- sachen, in Böhmen mit ganz anderem Maße zu messen und viel ernster zu beurteilen als in Kanada oder in Alaska. DerSchaden also, den dieBisamratte in Böhmen verursacht, muß als ein ganz enormer bezeichnet werden. Wie steht es nun mit dem Nutzen, den die Jagd auf die Tiere einbringt? Ist er vielleicht ein derartiger, daß man mit einem Schein von Recht von einem gewissen Äquivalent sprechen könnte? Über den Wert der böhmischen Bisamratten- felle, das haben wir bereits weiter oben eingehend erörtert, sind die Akten noch nicht geschlossen ; jedenfalls sind die Felle nicht so schlecht, daß sie nicht zu Kürschnerarbeiten Verwendung finden könnten. Weiterhin wäre eventuell noch das Fleisch zu verwerten. Früher hat man angenom- men, daß das Bisamrattenfleisch nur von Indianern verzehrt würde, späterhin hat sich dann aber heraus- gestellt, daß das Fleisch der Bisamratte ein auch von der weißen, und durchaus nicht nur von der ärmeren Bevölkerung sehr begehrter Artikel ist und die Nachfrage die Anlieferung bedeutend über- steigt. Lantz berichtet sogar, daß Bisamratten- fleisch auf einem alljährlichen Festessen desMonroe- March-Club, auf dessen Initiative ein Gesetz für die Einführung der Schonzeit für Bisamratten zurückzuführen ist, eine der Hauptdelikatessen bildet. Störend bei dem Bisamrattenfleisch kann nur der Zibethgeruch werden, aber dieses Hindernis ist leicht zu umgehen, wenn man nur, wie Xeres- heimer es vorschreibt, „bei dem Abbalgen die nötige Vorsicht nicht außer Acht läßt. Die Haar- seite des Pelzes soll mit dem Fleisch in gar keine ''/YJV//7l7////'l/ll// ■' Abb. l6. Abb. 15/16. Schematische Darstellung eines durch die Wühlarbeit der Bisamratte verschuldeten Uferbruchs. Abb. 15. Bisamratlenröhren im gefährdeten Teichdamm, a: landseitiger Auslaufgang (Ferngang), b: Steilgang. W: Wasser. Abb. 16. Der Teichdamm nach dem Uferbruch. A: abgestürzte Uferpartie. N: Neuer Uferrand, a: verschütteter Gang der Bisamratten. W: Wasser. Nach Frickhinger aus Naturwiss. Zeitschrift f. Forst- und Landwirtschaft. Abb. 17. Größere Uferabsitzung infolge der Durchwühlung durch die Bisamratte auf dem linken Ufer des Beraunflusscs in der Nähe von Pürglitz. Phot. Forstrat AI. Nechleba- Pürglitr. Berührung kommen und die Drüsen sollen mit dem Fell zugleich ent- fernt werden". — Besonders hervor- zuheben ist noch die Tatsache, daß das Fleisch im Winter — der eigent- lichen Bisamrattensaison in Amerika — überhaupt nur sehr wenig nach Zibeth riecht und der Geruch dann leicht durch Waschen entfernt werden kann. Auch in Böhmen und nach H. N. Mai er auch in Bayern, sind schon Versuche mit Bisamratten- fleisch gemacht worden und die Esser rühmen es als „zartes, schmack- haftes Wildbret". Ob freilich ein nennenswerter materieller Ertrag durch den gewerbsmäßigen Verkauf von Bisamrattenfleisch erzielt werden könnte, ist immer noch sehr die Frage, da der Preis für das ent- häutete Stück, der in Amerika nach Neres heimer zwischen 5 und 20 Cts. beträgt, natürlich auch in Europa ein niedriger sein müßte. Jedenfalls geht aus dem Gesagten deutlich, hervor, daß der wirt- N. F. XVII. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 77 schaftliche Nutzen, den die Bisamratten- jagd bei uns eventuell abwerfen könnte, weit, unendlich weit zurückbleibt hinter dem Schaden, den die Tiere in P'ischerei und Teichwirtschaft, in Land- und Forstwirtschaft anzurichten ver- mögen. Aus dieser Sachlage resultiert die unabweisbare Pflicht, nichts unversucht zu lassen, um einerseits einer weiteren, in einem gleich raschen Tempo verlaufenden Massenvermehrung der Tiere Einhalt zu gebieten und andererseits auch die heute schon existierenden Bestände in Böhmen und in den mährischen, den nieder- und oberösterreichischen, den bayerischen und den sächsischen Grenzgebieten zu dezimieren, wenn irgend möglich überhaupt wieder auszurotten. Die Bekämpfungsmaßnahmen, die bis heute in Böhmen angewandt worden sind, be- stehen vornehmlich aus Methoden der ameri- kanischen Trapper, die ja in der Jagd auf die Bisamratte natürlichermaßen eine große Technik besitzen. Die gebräuchlichste Art der Ondatrajagd ist das Abschießen, das in späten Abendstunden oder in frühen Morgenstunden, wenn die Tiere ans Land kommen oder an sonnigen Wintertagen, wenn sich die Ratten auf ihren Winterburgen sonnen, recht ergiebige Erfolge zeitigen kann. So wurden auf einer böhmischen Herrschaft im Jahre 191 3 nur seitens des zuständigen herrschaftlichen Forstpersonals 813 Stück geschossen, davon er- legte ein besonders glücklicher Schütze an einem einzigen Abend allein 56 Stück. In Amerika sollen nach N eres heimer die Indianer die Ondatra oft in ihren Winterwohnungen Speeren. Die Methode ist in Amerika unter den weißen Jägern deshalb nicht sehr beliebt, weil der Pelz dabei meist zu Schaden oder häufig über- haupt zu Verlust kommt, wenn die gespeerten Tiere sich wieder loszureißen vermögen. Für das europäische Bisamrattengebiet gelten diese Gründe ja nicht in der gleichen Weise, so daß Neres- heimer auch zu dieser Methode rät. Die verbreitetste Art der Bisamrattenjagd in Nordamerika ist das Fangen in Fallen. Eiserne Fallen, sogenannte Schlageisen, scheinen sich dabei am besten zu bewähren: sie werden in seichtes Wasser gelegt, mit Gras oder Laub und Schilf gut maskiert und mit einer Kette so an einem fest eingerammten Pflock befestigt, daß das Tier, das nach dem Zuschlagen der Falle sofort ins tiefere Wasser abzieht, noch gut dorthin ge- langen kann und dann ertrinkt. Als Köder werden entweder süße Äpfel, Apfelsinenschalen, weiße oder gelbe Rüben in die Falle gegeben. Noch mehr empfiehlt es sich als Witterung, besonders in der Zeit der Paarung (April, Mai und August), den Inhalt der Zibethdrüsen zu benützen, der natürlich als vortrefi"liches Anlockungsmittel wirkt. Tellereisen ohne Köder werden auch häufig an Stellen angebracht, welche die Tiere passieren, so entweder vor einem Ausgang ihres Wohnbaus oder in die Weidegänge, welche sie sich durch den Schilf bahnen. Im Zusammenhange damit wurde auch schon geraten, den Tieren einen bequemen Weg, etwa durch ein passend angebrachtes Brett, zu bieten und darauf dann mehrere Fallen anzu- bringen, eventuell sogar zwischen die einzelnen Fallen noch Köderstückchen auszulegen. Auf diese Weise, berichten amerikanische Quellen, sei es schon gelungen, alle Inwohner eines Nestes zu fangen. Smolian rät, kleine Falleisen, wie sie für Hamster und Ratten (16 cm Spannweite) oder Tellereisen, wie sie für Iltisse (18 cm Spannweite) verwendet werden, in die Gänge zu legen, in denen das Wasser 8 — 12 cm hoch steht. „Wenn diese Gänge von außen unzugänglich sind, werden sie angebohrt, die Falle glatt eingepaßt und das Ganze zugedeckt." Eine Beköderung ist auch hier nicht nötig. Alle Eisen können das ganze Jahr hin- durch benützt werden, am erfolgreichsten dürften sie aber nach desselben Autors Ansicht in der Zeit der Eisschmelze, also von F'ebruar bis März sein. Menschliche Witterung ist natürlich bei allen derartigen Manipulationen peinlichst zu vermeiden, „man bereite seine Hände deshalb durch eine Abb. 18. Schematische Darstellung eines Wasserfasses als BisararaUen- falle. Erklärung im Text. Nach Buchal. Waschung mit Weizenkleie vor, der man ein wenig yöf«?/;«,^»-«^«^;« oder synthetischen Moschusbeigibt." Gute Dienste beim Bisamrattenfang haben auch schon schwimmende Fisch fässer (Abb. 18) geleistet. Dabei ist besonders das vom Rentmeister Zak in Blatna erdachte System zu empfehlen; darnach „wird das Fischfaß bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt und zu beiden Seiten des Fasses werden Breiter angemacht. Die Bisamratten kriechen an den Brettern hinauf, springen in das im Fischfasse enthaltene Wasser und müssen er- trinken." Man muß bei dieser Methode nur darauf achten, daß das Wasser in den Fässern öfters er- neuert wird, da die Tiere sonst die Fallen meiden. Mittels solcher Fischrässer wurde im Teiche „Podskalsky" bei Blatna in einer Nacht ein ganzes Nest Bisamratten und in 4 Wochen in 2 Fässern 18 Stück gefangen. In einem anderen, in der Nähe Blatnas gelegenen Teiche „Draschky" wurden in 2 Fischfässern in 28 Tagen 9 Ratten und im Teiche „Silnicky" in 1 Faß in 4 Wochen 10 Stück gefangen (Abb. 19). Nach dem System des Wasser- fasses erdacht ist die Buchal' sehe Falle, mit der 78 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 6 es auch schon eine größere Zahl von Bisamratten zu erbeuten gelang (Abb. 20). Bei der Abfischung von Fischwässern fangen sich gelegentlich auch Bisamratten in den Netzen ; man hat deshalb den Versuch unternommen, eigens zum Fang von Ondatras Reusen aufzustellen und man hat damit sehr gute Resultate erzielt. H. N. Maier teilt mit, daß bisher „in mit Fischen be- köderten Reusen die meisten Bisamratten in Bayern gefangen wurden". Auch in Böhmen hat sich der Reusenfang bewährt, wurden doch im auf starkem Eisendrahtgerüste zugestellte, der Fisch- reuse ähnliche Fangvorrichtung, welche demnach aus einem zylindrischen, durch kegelförmige Teile abgeschlossenen Netz besteht" (Abb. 22). Das Netz wird in etwa i m breite Durchhaue im Ufer- schilf in die Einmündungsgräben von Nebenarmen einer Wasserfläche angebracht, wo es die Ratten, welche an der Wasserfläche dahinschwimmen, am Fortkommen verhindert und zum Tauchen veran- laßt (Abb. 22a) '). Dadurch müssen die Tiere in den Apparat schlüpfen und werden dabei gefangen. Abb. 19. BisamraUenfallen ; links ein Wasserfaß, reclits eine Buchal'sche Falle. Nach Buchal. Jahre 191 3 im Satzawagebiet allein 350 Ratten in Reusen erbeutet. Gewöhnliche Fischreusen werden immer längs des Ufers aufgestellt, man wählt dazu am besten möglichst ruhige ,Wasserstellen, wie Abb. 20. ^^^- 21- Schematische Darstellung einer Günsüger Platz zur Aufstellung .chaTschen Falle. NachjBuchal. vonReusen bzw. derLhotsky- schen Falle am Ausgange emer Seitenbucht. Nach Horälek aus „Allge- meine Fischereizeitung". Altwasser, oder Buchten und Tümpel (Abb. 21). Das Beködern mit einem lebenden Fisch erhöht die Fängigkeit solcher Reusen. Andere Reusen wieder kommen unbeködert zur Anwendung, wie die von Horalek beschriebene und von dem k. u. k. Forstverwalter J. L h o t s k y (Kornporitschen bei Klattau) erdachte Reuse, deren Erfolge ganz ausgezeichnete sein sollen. Der Lhotsky'sche Apparat ist „ein aus gut verzinktem Drahtgeflecht weil die eingefügten kegelförmigen Netze ihren Wiederaustritt verhindern. „Die Aufstellung ge- schieht derart, daß das zylindrische Mittelnetz ganz unter die Wasseroberfläche zu liegen kommt, ein Teil der trichterförmigen Einlaufe aber über den Wasserspiegel hervorragt. In dieser Stellung wird das Netz durch 2 — 4 Pflöcke fixiert, welche zum Aufhängen des Netzes mit Nägeln oder Häkchen versehen sind." Die besten Erfahrungen sind mit dieser Reuse während der Paarungszeit gemacht worden, wo sich täglich durchschnittlich 2—4 Tiere darin fingen. Neuerdings ist noch eine andere Art von mit einem lebenden Fisch beköderten Reusen erprobt worden, welche nach Streibel's Angaben sich besonders für den Lebend fang von Bisam- ratten eignen (Abb. 23). Es sind dies „gewöhn- liche Reusen, welche oben an der Reusendecke, ungefähr über der Mitte der Kehle, eine Öffnung haben, die zu dem Kasten führt. Die Öffnung „C" muß nun so angebracht werden, daß es der Ratte möglich ist, zwischen der Kehle und der oberen Reusendecke durch in den Kasten „B" zu gelangen. Der Kasten ist am Fuße mit Falzleisten versehen, die ihrerseits in die auf der Reuse befindlichen ') Die Abbildung ist einem Prospekt der Siebwaren- und Drahtgeflechtefabrik Joh. Bukowansky- Budweis entnommen, der die Herstellung der Lh otsky 'sehen Fallen übertragen ist. N. F. XVII. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 79 Einführungsleisten A. A. eingreifen, so daß er schlittenförmig eingeschoben und in der Pfeilrich- tung wieder herausgenommen werden kann". . . . Der Kasten wird stets über Wasser angebracht und mit Gesträuch maskiert. Nach den Angaben des Forschers ist der Fang am aussichtsreichsten in mondfinsteren Nächten, mondhelle Nächte da- gegen sind dem Fang nicht günstig. Die Bisamrattenjagd durch Abschießen und der Fang in Eisen, Fischfässern oder Reusen haben den gemeinsamen Vorteil, daß die Beute in den allermeisten Fällen auch in die Hände des Jägers oder Fallenstellers gelangt, für ihn also auch ver- wertbar bleibt. Bei der Bekämpfung der Ondatra Abb. 22. Lhotsky'sche Falle. Erklärung im Text. Nach HorSlek aus Allgemeiner Fischereizeitung. mittels Giften, bei der Ausräucherung ihrer Wohnbauten und Bruträume durch Gase, ist das meistens nicht der F'all. Nichts- destoweniger hat man in den gefährdeten öster- reichisch-deutschen Provinzen auch diese Methode versucht und besonders mit der Vergiftung durch die Meerzwiebel {Scilla maritima), deren starke Giftwirkung allen Nagern gegenüber bekannt ist, gute Erfolge nachweisen können. Smolian gibt für die Bereitung von Meerzwiebelpräparaten folgendes Rezept: „'/a fein zerhacktes süßes Gras, Abb. 22a. Durchschnitt eines Grabens mit fängisch gestellter L ho tsk y' scher Reuse. Vg gestoßenen Kalmus und ^s f^i^i geschabte Meerzwiebeln werden durch Zusatz von Eiweiß und Mehl gebunden, eventuell unter Beifügung von Glyzerin und Borax." Leichter herzustellen ist folgende Mischung, die derselbe Autor angibt; geschabte Meerzwiebeln zu gleichen Teilen, mit Muschel- und Krebsfleisch zu vermengen. Ein bis zwei kleiner Pillen, aus dieser oder jener Masse bereitet, töten die stärkste Bisamratte und werden gerne angenommen. „Man streut sie in die offenen trockenen Gänge oder die Luftlöcher der Nester, auf die Wechsel oder sonstigen Stellen, die aus irgendeinem Grunde (Fährten, Speisereste) auf die häufige Anwesenheit der Bisamratte schließen lassen — an die Ufer von Gewässern, an einen kleinen von Pflanzen befreiten Platz, der mit klein gehacktem Seggengras, Schilfrohr oder dergleichen bestreut wird — und im Winter auf das Eis nahe den Schlupflöchern der Burgen." Bei der Aus- wahl von Giften, mit denen die Bisamratte ver- giftet werden soll, muß man natürlich mit großer Sorgfalt zu Werke gehen, damit nicht auch andere Tiere und vornehmlich nicht die Fischbestände gefährdet werden. Alle wasserlöslichen Gifte und alle Stoffe, die vielleicht auch von den Frischen angenommen werden könnten, sind deshalb, darauf weist Neresheimer ausdrücklich hin, streng zu vermeiden, also „vor allem die gegen Ratten und Mäuse gut bewährten, mit Strychnin vergifteten Cerealien". In der kgl. bayr. Agrikultur- botanisch enAnstalt in München gelangen zurzeit nach H. X. Mai er einige Mittel zur Erpro- bung; über die dabei gewonnenen Ergebnisse dürfte wohl in absehbarer Zeit berichtet werden. Die Ausräucherung der Wohnbauten und Abb. 23. Falle zum Lebendfang von Bisamratten. Nach Streibel aus Allgemeine Fischereizeitung. AA: Führungsleisten. B: Fangkasten mit Nute zum Heraus- schieben. C : Öffnung in der Reuse zum Ausstieg nach dem Fangkasten. Nester der Bisamratten durch Gase ist in Amerika kaum in Gebrauch und ist auch bei uns noch wenig angewandt worden. Dieser Vernichtungsart stehen eben eine Reihe schwerwiegender Bedenken entgegen, über die sich Neresheimer eingehender äußert. Die Gase müßten dabei wohl durch die Ausführgänge der Bauten der Ondatra in die Wohn- kammer, als den eigentlichen Aufenthaltsraum der Tiere eingeleitet werden. Da diese Ausführ- gänge nun aber in ihrer überwiegenden Mehrzahl unter Wasser münden, so ist darauf zu achten, daß die Gase erstens im Wasser nicht löslich und dann leichter als Luft sind, damit sie auch tat- sächlich bis zur Wohnkammer, die immer etwas höher liegt, vordringen. Wollte man schwere Gase bzw. Dämpfe, wie etwa das Claytongas, erproben, so müßte man die Wohnräume anbohren und würde dadurch natürlich den fluchtartigen Abzug der Insassen bewirken. Aus all diesen Gründen kommt Neresheiner zu dem Schluß, daß „das 8o Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. 6 Verfahren vielleicht in bestimmten Fällen lokale Erfolge zeitigen mag, im allgemeinen aber kaum von besonderem Werte sein dürfte". Von der- artigen lokalen Erfolgen berichten Kor ff und Mai er: sie erprobten in Nakri-Netolitz bei Frauenberg ein Räucherverfahren mittels der Citocidpatronen (Firma Hinsberg-Nacken- heim a. Rh.); dabei wrurde eine brennende Patrone „in einen der unter Wasser befindlichen Auslauf- gänge eingeschoben und die übrigen Auslaufgänge mittels vorgehaltener Netze abgeschlossen". Schon kurze Zeit nach der Einführung der Patrone flüchteten die Tiere aus ihrem Bau und „fingen sich, da ein Entweichen in das Wasser nicht möglich war, in den Netzen, wo sie lebend ge- borgen oder totgeschlagen werden konnten". Wenn auch das Verfahren gut zu wirken schien, so werden doch die verhältnismäßig hohen Kosten einer Anwendung im großen hinderlich sein. Des- halb rieten die beiden Autoren zu einem Räucher- verfahren mit anderem Material, wie mit Papier, Schilf oder anderen stark qualmenden Stoffen, was sich ebenfalls bestens bewährte. Allen diesen hier besprochenen Jagd- und Fang- und Vergiftverfahren werden nun zwar wohl im einzelnen beachtenswerte Resultate be- schieden sein, einen nachhaltigen Einfluß auf die Bisamrattengefahr, insofern als sie dem Menschen bei der Ausrottung der Schädlinge bemerkens- werte Dienste leisten, wird man ihnen allen wohl kaum zugestehen können. Eine vollständige Ver- nichtung der Ondatra wird nur möglich sein, wenn der Kampf des Menschen unterstützt wird durch die eingreifende Tätigkeit der natürlichen Feinde der Ratte. Deren gibt es natürlich auch bei der Bisamratte eine ganze Reihe und es scheint durchaus nicht ausgeschlossen, daß der oder jener tierische F"eind bereits heute an der Ausbreitungsrichtung bzw. bei der Siedlungsgebiets- wahl des Schädlings einen großen Anteil nimmt. So führt N e c h 1 e b a die im Gegensatz zu anderen böhmischen Gebieten geradezu auffallend geringe Zahl der Bisamratten in seinem Pürglitzer Forst- bezirk darauf zurück, daß in den weiten Wald- komplexen dieses Gebietes noch allerlei Haar- und Feder- Raubwild, darunter selbst der sonst so seltene Uhu, heimisch ist. Als Feinde der Zibethratten kommen nach seiner Ansicht außer Fuchs, Iltis und beiden Wieselarten unter den Raubvögeln außer dem Uhu wohl ehestens der Bussard und die Eulen in Betracht. Durch- geführte Gewölluntersuchungen ergaben das Vor- handensein von Überresten der Schädlinge. Auch von starken Hechten nimmt Nechleba an, daß sie wenigstens junge Bisamratten angreifen und ihrer Herr werden können. Einen noch wirksameren Schutz als durch diese dem Wirbeltierreiche angehörenden natürlichen Feinde der Ondatra können wir uns von den Vertretern aus dem Kreise ihrer Wiedersacher versprechen, die den niedersten Klassen des Pflanzenreiches entstammen. Es ist allgemein bekannt, welch durchschlagende Erfolge der Mensch im Kampf gegen die wilden Kaninchen, gegen die Ratten- und Mäuse- plage errang, als es ihm gelang, die sogenannte biologische Bekämpfungsart gegen diese Schädlinge anzuwenden. Diese bestand darin, daß unter den Bakterien Parasiten erkundet wurden, welche imstande waren, unter den Schäd- lingen weitumsichgreifende Seuchen zu verbreiten. In der richtigen Erkenntnis der großen Bedeutung, welche der Entdeckung eines der Bisamratte gegen- über ähnlich wirksamen Virus bei der Vernichtung des Schädlings zukommen könnte, haben sich Fachmänner schon seit mehreren Jahren mit diesem Problem beschäftigt. Es war ja nicht zum erstenmal, daß man versuchte, mit dem Löffl er 'sehen Typhusbazillus auch anderer Tiere Herr zu werden. So berichtet Adolf Gasch von dem gelungenen Versuche, den er bei einer großen Wasserrattenplage in seiner Reis- feldfischzucht in Mezzolara bei Budrio (Italien) unternommen hatte und der ihn wie mit einem Schlage von den lästigen Fischräubern erlöste. Die ersten Versuche mit dem Typhusbazillus im Kampfe gegen die Bisamratte, die W. J. St epan im Jahre 191 3 beschrieb, gelangen nicht, aber, wie Neresheimer glaubt, handelt es sich dabei wohl um Versuche, welche mit wenig zahlreichem Material und ohne die vollständige Ausnützung der modernen bakteriologischen Technik unter- nommen worden waren; infolgedessen durfte man ihretwegen die Hofi"nung auf ein späteres Gelingen noch lange nicht aufgeben. Im Jahre 191 5 nun konnte O. Broz von Versuchen berichten, welche von der k. u. k. landwirtschaftlich-bak- teriologischenVersuchsstation im Verein mit der k. u. k. tierärztlichen Hochschule in Wien ausgeführt worden waren und ein viel günstigeres Ergebnis zeigten. Leider standen auch bei diesen Versuchen nur wenig lebende Bisamratten zur Verfügung, so daß auch diese Arbeiten noch an den bei Laboratoriumsversuchen erklärlichen Mängeln kranken; immerhin aber be- rechtigen sie uns zu der Hoffnung, daß besonders wenn immer mehr Stellen in Zukunft sich mit derartigen Versuchen beschäftigen werden — neuerdings haben auch die kgl. bayr. Biolo- gische Versuchsstation und die kgl. bayr. Agrikulturbotanische Anstalt^) in Mün- chen und die Kais. Biologische Anstalt für Land- und F"orstwirtschaft in Berlin- Dahlem dem Problem ihre ganze Aufmerksam- keit zugewendet — im Laufe der Zeit gelingen >) Assessor Dr. G. Korff, Leiter der Abteilung für Pflanzenschutz an dieser Anstalt, zeigte anfangs 1917 anläßlich eines im „Verein für Naturkunde" in München gehaltenen Vortrages ein Liclitbild einer schwerkranken Ratte, die mit einem Typhusbazillus geimpft worden war — ein Beweis, daß es auf diesem Wege sehr wohl möglich ist, den Schädlingen beizukomraen. Es handelt sich eben noch darum, einen Modus zu finden , durch den das Virus unter dem Ratten- volke verbreitet' werden kann. N. F. XVn. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. wird, auch gegen die Ondatra ein Virus zu finden, das die Bisamrattenplage in den böhmisch-deut- schen Grenzgebieten ebenso plötzlich zu beseitigen vermag, wie sie damals vor lo Jahren auftauchte. Das k. k. Ackerbauministerium in Wien hat in der richtigen Würdigung der Bedeutung einer solchen Entdeckung im Jahre 1914 schon einen Preis von 2000 Kronen für ein zur Massen- vertilgung der Bisamratte geeignetes Mittel aus- geschrieben. Die Plinführung der Bisamratte in den Dobrischer Schloßteich mag für alle Zeiten ein warnendes Beispiel sein, mit welcher bis ins Kleinste über- dachten Vorsicht man bei der Verpflanzung fremder Tiere in andersartige klimatische und biologische Verhältnisse zu Werke gehen sollte. Wird nur ein einziger Punkt in der Kette der für das Tier notwendigen natürlichen Lebensbedingungen übersehen, so können daraus, das ergibt der Fall der Bisamratte mit aller wünschenswerten Deut- lichkeit, die unheilvollsten Folgen entstehen. Die Verantwortung darum, welche jeder auf sich lädt, der eine fremde Tierart in einem Lande mit andersgeartetem Klima und andersgearteten Lebens- verhältnissen anzusiedeln versucht, ist riesengroß. Dafür ist die Frage der „Bisamratte in Böh- m e n" ein treffliches Beispiel 1 Literaturverzeichnis. 1) J. Audubon und J. Bachmann, The Quadrupeds of North-America. 3. 1854. New York. 2) O. Broz, Versuche über die Bekämpfung der Bisam- raUen mit Bakterien. Öslerr. Fischereizeitung 1915, Nr. 4. *3) F. J. Buchal (Neustopovsky), Bedeutung der Bisam- ratte in der südböhmischen Fisch- und Krebswirtschaft. Prag 1914. 4I A. W. Butler, Observations on the Muskrat. Amer. Naturalist 5. 19. 1885. 5) Dr. H. W. Vrickhinger, Neuere Beobachtungen über die Bisamratte. Naturwissenschaftl. Zeitschrift f. Forst- und Landwirtschaft. 15. Jahrg. 1917 S. 367—72. 6) Adolf Gasch (Bielitz, Österr. Schlesien), Zur Be- kämpfung der Bisamratte. Allgemeine Fischereizeitung Jahrg. 1914- S 387. 7) Prof Dr. LudwigHeck, Die Nagetiere. In Brehm's Tierleben 11. Bd. 4. Aufl. 1914, S. 276 fr. 8) D. Heyking, Die BisamraUe (Fiber zibclhictis) in Böhmen und in Deutschland. Wild und Hund 1913, Nr. 27. 9) J. Hor.'ilek (Opitz, Böhmen', Zur Bekämpfung der Bisamratte. Österr. Fischereizeitung 1914, Nr. 25. *lo) Dr. Ferd. Kohl, Zur Biologie der Bisamratte. Prag. Selbstverlag. 1913. 11) Derselbe, Die Bisamratte in Böhmen. Österr. Kischereizeitung 1913, Nr. 13, 14, 15. *I2) Derselbe, Über die Biologie und Variabilität der Bisamratte. Prag 1914. •13) Derselbe, Beiträge zur Naturgeschichte der Bisam- ratte. Prag 19 15. 14) Dr. G. korff und Dr. H. N. Maier, Bericht über eine Reise zum Studium der Bisamratte in Bayern und Böhmen. Allgem. Fischereizeitung Jahrg. 191 7, Nr. 3 u. 4. 15) R. Kowarzik, Zum Auftreten der Bisamratte in Böhmen. Zentralbl. f. d. gesamte Forstwesen. Jahrg. 36. 1911. 16) D. E. Lantz, The Muskrat. U. S. Departement of Agricult. Farmers Bulletin 1910, Nr. 396. Washington. 17) Dr. H. N. Mai er, k. Landesinspektor für Fischzucht *) In tschechischer Sprache. im k. Staatsministerium des Innern, München, Die Gefahr der Bisamratte für die !• ischerei, Land- und Wasserwirtschaft. Allgem. Fischereizeitung 1914, S. 353 — 57. iS) Derselbe, Die Gefahr der Bisamratte für die deut- sche Fischerei-, Land-, Forst- und Wasserwirtschaft. Praktische Blätter für Pflanzenbau und Pflanzenschutz. 14. Jahrg. 1916 Heft 5, S. 52—60. 19) Forstmeister Karl Mein hard (Frauenberg, Böhmen), Über die Bisamratte. Vereinsschrifl f. Forst-, Jagd- u. Natur- kunde. Organ d. böhm. Forstvereins. 1917/18. Heft I u. 2. 20) Forstrat Theodor Mokry (Schlüsselburg), Fischerei- bericht. Neue Erfahrungen mit der Bisamratte. Vercinsschr. f. Forst-, Jagd- u. Naturkunde. Prag 1913/14. 21) Ders elbe, Bericht über die Herbstabfischungen 1914; Schlüsselburg. Österr. Fischereizeitung 1914, Nr. 23. 22) Derselbe, Über durch die Bisamratte verursachte Schäden. Österr. Fischereizeitung 191^, Nr. II. 23) Derselbe, Bisam. Vereinss'chr. f. Forst-, Jagd- u. Naturkunde des böhm. Forstvereins Jahrg. 1915/16, Heft II. 24) Forstrat Alois Nechleba, Pürglitz in Böhmen, Von der Bisamratte. Forstwissenschafll. Zentralblatt 1916, S. 333—341- 25) Derselbe, Weiteres von der Bisamratte. Naturwiss. Zeitschr. f. Forst- u. Landwirtschaft 15. Jahrg. Heft 4/6, S. 165—176. 2b) Derselbe, Zur Hebung der Teichwirtschaft. Österr. Forst- u. Jagdzeitung 35. Jahrg. 1917, Nr. 23. 27) Derselbe, Beziehungen der Bisamratte zur Technik, insbesondere zum Wasserbau. Vereinsschr. f. Forst-, Jagd- u. .Naturkunde. 1917/18. 281 Dr. E. Neresheimer (Wien), Die Bisamratte in Böhmen. Naturwiss. Zeitschr. f. Forst- u. Landwirtschaft 14. Jahrg. 19 16, Heft 2, S. 54 — 72. 29) Dr. Konrad Ribbeck, Eine geglückte unglück- liche Einbürgerung. Kosmos 1916, Heft 4, S. III — 116. 30) S., Die Bekämpfung der amerikanischen Bisamratte in Böhmen. Allgera. Fischereizeitung 1914, S. 398 — 99. 31) Seh., Bekämpfung der amerikanischen Bisamratte in Böhmen. Allgem. Fischereizeitung 1914, S. 204/5 "- 2S5 — 87. 32) Seh., Die Bisamratte in den Deutsch-böhmischen Landesteilen. Allgem. Fischereizeilung 1914, S. 487. 33) Seh., Kampf mit einer amerikanischen Bisamratte. .'\llgem. Fischereizeilung 1915, S. 121. 34) Seh., Über die Gefährlichkeit der Bisamratte. Allgem. Fischereizeilung 19 15, S. 347., 35) Schbt., Dammschutz vor der Bisamratte. Allgem, Fischereizeitung 19 16, S. 85. 36) Dr. Kurt Smolian (München), Die Bisamratte. Forstwissenschafll. Zentralbl. 38. Jahrg. 1916, S. 122 — 131. 37) Prof. W'. J. Stepan, Die Nahrung der Bisam- oder Zibethralte. Österr. Fiscl ereizeitung 1913, Nr. 18. 38) Derselbe, Resultate der bakteriologischen Infek- tionsversuche mit Bisamratten. Österr. Fischereizeitung 1913, Nr. 23. 391 Str., Dammschutz vor der Bisamratte. Allgem. Fischereizeilung 1916, Nr. 6, S. loi. 40) Streibel, K. , Kreisfischereisachverständiger für Niederbayern (Landshut), Das Auftreten der Bisamratte in Nieder- bayern. Allgem. Fischereizeilung 19 15, S. 345/46. 41) Derselbe, Die Bisamratte. Allgem. Fischerei- zeilung . 1916, S. 156/57. 42) Oberverwalter Wenzel Susta, Die Schädigung der Fischerei und Forstwirtschaft durch die BisamraUe und deren Bekämpfung. Österr. Fischereizeilung 1914, Nr. 16. 43) Dr. Wohlgemut, Assistent der kgl. bayr. Teich- wirtschaftlichen Versuchsstation Wielenbach (Oberbayern), Zur Bekämpfung der Bisamratte. Allgem. Fischereizeitung 1915, S. 7/8. Während der Drucklegung der vorliegenden Arbeit er- schien noch: Dr. G. Korff, Die BisamraUe und ihre Bekämpfung. Flugblätter zur Förderung des Pflanzenbaues und des Pflanzen- schutzes. Herausgegeben von Oberregierungsral Prof. Dr. L. Hiltner, Direktor der Kgl. Agrikulturbotanischen Anstalt München. Nr. II. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 6 Einzelberichte. Botanik. Die Fiechtensymbiose. Die Auf- fassung der Beziehungen zwischen Pilz und Alge im Flechtenthallus als einer mutualistischen Symbiose ist in neuerer Zeit wieder auf Zweifel gestoßen. Nicht nur wurde die Ansicht vertreten, es handle sich um eine antagonistische Symbiose, nämlich um ein Schmarotzen des Pilzes auf den Algen, sondern auch die für tot gehaltene An- schauung der alten Lichenologen, die in den Algen (Gonidien) keinen selbständige Organismen, sondern von den Pilzen erzeugte Gebilde sahen, ist von E I f V i n g wieder auferweckt worden. Zu den Zeug- nissen nun, die gegen diese Auffassung und für die dualistische Theorie sprechen, gehört das Auf- treten eigenartiger Pilzhyphen, die dazu bestimmt scheinen, die eigener Bewegung nicht fähigen Algen nach bestimmten Stellen des Thallus zu schieben. Wenn die Hyphen selbst imstande wären, die grünen Zellen da zu erzeugen, wo sie gebraucht werden, so würde es ja keiner besonderen Organe für den Algentransport bedürfen. Bereits Frank hatte angegeben, daß bei der Krustenflechte Per- tusaria eine Hyphe bisweilen mit ihrer Spitze von hintenher an die Alge heranwächst und sie ein Stück vorwärts schiebt. Die Angabe war aber nicht un- widersprochen geblieben. Wilhelm Nienburg hat sie nun einer Nachprüfung unterzogen und auch bei einer Laubflechte, Evernia furfuracea, an- schließende Beobachtungen angestellt mit dem Ergebnis einer neuen Bestätigung des Dualismus der Flechten. Pertusaria hat, wie viele andere Krustenflechten, einen weißlichen Thallusrand, der schon mit bloßem Auge erkennbar ist und fast allein aus Pilzhyphen besteht. Da dieser Rand beim Weiterwachsen der Flechte annähernd dieselbe Breite (etwa i mm) behält, so müssen sich die dahinter befindlichen Algen in demselben IVIaße wie die Hyphen radial ausbreiten. Bei der Untersuchung radialer Schnitte durch den Thallus erkennt man nun in dem Rande, dessen Hyphen alle mehr oder weniger parallel nach außen wachsen, einzelne verstreute große Algen, die in der Richtung des Hyphenverlaufs eiförmig gestreckt oder elliptisch gestaltet sind. Vor einer jeden Alge (d. h. nach der Thallus- grenze hin) befindet sich ein schmaler, dreieckiger Hohlraum; hinter ihr aber ist ein dichtes Bündel plasmareicher Hyphen auffällig, die mit ihren Spitzen alle gegen die Hinterseite der Alge gerichtet sind. Offenbar dienen diese Hyphen als „Schiebehyphen". Die von ihnen vorwärtsgeschobenen Algen drängen die sie umgebenden Hyphen wie ein Keil ausein- ander und werden dabei von diesen zusammen- gedrückt. Die Schiebehyphen befördern die Algen bis in die IMitte des algenfreien Randes, also über die recht ansehnliche Strecke von 0,5 mm. Mit der Zeit wird der von ihnen ausgeübte Druck ge- ringer, die Algen, die sich häufig schon vorher durch Tetradenteilung vermehrt haben, kommen zur Ruhe, runden sich ab, der Hohlraum vor ihnen wird von Hyphen ausgefüllt und auch zwischen die durch Teilung gebildeten Algen drängen sich Hyphen. Die Ruhealgen sind beträchtlich kleiner als die Wanderalgen, stehen auch nicht wie diese in so intimer Verbindung mit den umgebenden Hyphen, die anscheinend die Lebenstätigkeit der Wanderalgen anregen. In den Schiebehyphen hat sich der Flechtenpilz besondere Organe geschaffen, die nur für die Symbiose mit den Algen Be- deutung haben. Bei der Laubflechte Evernia furfuracea, wo der breite, algenfreie Rand fehlt, wird an den End- zipfeln des Thallus durch das radiale Wachstum der den Algen benachbarten Hyphen die Rinde von den Algen abgehoben, so daß über diesen Hohl- räume entstehen, in welche die Algen durch hinter ihnen befindliche, in Bündeln zusammenstehende, plasmareiche Hyphen hineingeschoben werden. Auch hier also finden wir die „Schiebehyphen", und ihr Vorkommen in diesem wie in dem vor- erwähnten Falle würde nicht verständlich sein, wenn die Elfving'sche Auffassung richtig wäre. Es bliebe somit bei der dualistischen Natur der Flechten. Anderseits beschreibt Nienburg das Auftreten intrazellulärer Haustorien bei Evernia prunastri und bestätigt damit die Behauptung, daß der Pilz die Algen zu seiner Ernährung ausnutzt. Indessen hebt Verf hervor, daß die Algen ge- wöhnlich doch nur wenig geschädigt werden, da man bei den meisten Flechten die größte Mühe hat, Anzeichen des Parasitismus zu finden, und außerdem beweise das Auftreten der Schiebehyphen, daß die Flechtenhyphen nicht nur zur Vernichtung, sondern auch zur Förderung und Pflege der Algen Einrichtungen getroff'en haben. Nienburg möchte daher das Verhältnis des Pilzes und der Algen in den Flechten als eine Zwischenstufe zwischen Mutualismus und Antagonismus betrachten und empfiehlt, es als Helotismus zu bezeichnen, ein Name, der zuerst von Seh wenden er und dann von W a r b u r g (im Hinblick auf die Unterdrückung der Sexualität bei den Algen) angewendet worden sei. (Zeitschr. für Botanik. Jahrg. 9, 191 7, S. 529 bis 545.) F. Moewes. Meteorologie. Über den Wolkenbruch von Nürnberg am 3. Juli 1914 erschien kürzlich eine ausführliche Untersuchung von Dr. JosefHaeuser (Abhandlungen des Kgl. Bayer. Hydrotechnischen Büros, München 1917). In den Abendstunden des 3. Juli 1914 wurde die Stadt Nürnberg und ihre südliche Umgebung zum Schauplatz eines Hagel- und Regenunwetters von seltener Stärke und Aus- dehnung. Nach den genauen Witterungsaufzeich- nungen, welche bis auf das Jahr 1879 zurückreichen, kann dieses Unwetter nur annäherungsweise noch mit dem Wolkenbruch vom 2. Juni 1903 ver- glichen werden, hat aber diesen sowohl als Ge- samterscheinung als in seinen einzelnen Phasen an Heftigkeit und Ungestüm übertroften. Ein glück- N. F. XVII. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 83 licher Umstand gestattete, dieses elementare Er- eignis besonders eingehend zu untersuchen, darin bestehend, daß der Höhepunkt der Erscheinung zufällig über einem mit Beobachtungsstellen dicht besetzten Gebiet eintrat. Die Stadt Nürnberg unterhält nämlich nicht nur bereits seit dem Jahre 1878 eine eigene Wetterwarte, sondern hat auch eine Reihe weiterer Stationen im engeren und weiteren Stadtgebiet eingerichtet, die sich besonders mit Niederschlagsmessungen befassen und meist mit selbstschreibenden Apparaten ausgestattet sind. Die meteorologischen Verhältnisse, aus denen heraus das Gewitter sich entwickelte, waren folgende: Vom 26. Juni bis i. Juli herrschte unter dem Einfluß eines ausgedehnten kontinentalen Hochdruckgebiets warmes, größtenteils wolkenloses Sommerwetter in ganz Deutschland mit nur ört- lich eng begrenzten Wärmegewittern. Am Morgen des 2. Juli war umfangreicher Tiefdruck nach den Britischen Inseln vorgedrungen, dessen Rand- störungen im südlichen Bayern bereits heftige Ge- witter mit starken Niederschlägen veranlaßten. Am 3. endlich erstreckte sich eine breite Furche tiefen Barometerstandes von Island über die Nord- see bis zu den Alpen und veranlaßte einen all- gemeinen Witterungsumschlag. Die Temperatur stieg an diesem Tag bei noch vorwiegend sonni- gem Wetter- stellenweise auf über 30" C an, er- möglichte somit einen hohen Feuchtigkeitsgehalt der Luft. Auch die oberen Luftschichten waren durch südlichen Wind kräftig erwärmt, so daß die Vorbedingungen für die Gewitterbildung alle er- füllt und die Verhältnisse dafür sogar außerordent- lich günstig waren. Das bei Nürnberg zur Entladung gekommene Gewitter bildete sich gegen 6 Uhr abends im Hersbrucker Jura und zog nach Westen mit einer Geschwindigkeit von etwa 40 km in der Stunde. Es gehört also zur Gruppe der Ostgewitier, welche erfahrungsgemäß zu den gefährlichsten und nieder- schlagsreichsten zählen. Um 7 Uhr erreichte es die Linie Forchheim — Weißenburg i. B., um 8 Uhr Heilsbronn, um 8 Uhr 30 Min. Kitzingen — Rothen- burg o. T. — Gerolfingen. Der Regen setzte so- gleich im Hersbrucker Jura ein , erreichte aber zunächst nur stellenweise eine etwas größere Er- giebigkeit von 10 bis 25 mm in i bis i Vj Stunden. Erst mit dem Austritt aus den Juravorbergen und dem weiteren westlichen Vordringen gegen Nürn- berg wurde die Niederschlagstätigkeit über dem stetig an Ausdehnung zunehmenden Gebiete des Gewitters lebhafter. Bald wurden 30 mm in 1V2 Stunden, östlich von Nürnberg 40 mm in der gleichen Zeit erreicht. Die Hauptentladung er- folgte über der Stadt Nürnberg selbst und ihrer unmittelbaren südlichen Umgebung, wo die Nieder- schläge zu seltener, katastrophaler Stärke an- wuchsen. Noch die östlichen Vororte waren von der äußersten Gewalt des Unwetters verschont geblieben. Die Hauptfeuerwache in Nürnberg da- gegen hatte in 45 Minuten 62 mm Niederschlag. Im Gebiete des stärksten Regens fiel auf kurze Zeit auch starker Hagel, der sich von Nürnberg aus in südwestlicher Richtung bis gegen Eibach erstreckte und eine Fläche von etwa 25 qkm be- traf. Nach Überschreitung des Rednitztales nahm die Ergiebigkeit der Niederschläge rasch ab und erreichte nur noch örtlich eng begrenzt im Gebiet des südlichen Steigerwaldes höhere Beträge. Die größte Niederschlagsmenge überhaupt ver- zeichnete die Station Nürnberg Hauptfeuerwache, nämlich 78,3 mm in 24Stunden. Der daselbst während der beiden Gewitterstunden gefallene Regen allein entspricht etwa 12 v. H. der durchschnittlichen Jahresmenge und 86 v. H. des Mittelwerts für den Monat Juli. Die Intensität im zweistündigen Durch- schnitt betrug 0,54 mm in einer Minute, war aber zur Zeit der größten Heftigkeit des Unwetters viel größer: Hauptfeuerwache 2,48 mm, altes Gas- werk sogar 3,40 mm in der Minute während 10 Minuten. Es sind dies die weitaus größten, für Nürnberg bisher gemessenen Werte. Erst bei höheren Zeitstufen von mehr als i Stunde tritt der Gewitterregen vom 2. Juni 1903 an die erste Stelle. Der Verfasser untersucht sodann ausführlich den inneren Aufbau des Regens, insbesondere im Hinblick auf die den Wasserbautechniker an- gehenden Fragen: Welche Ausdehnung erreicht ein Starkregen von gewisser Dauer und Intensität im Höchstfall und im Durchschnitt?, ferner: Welche Gestalt nimmt die Niederschlagsverteilung bei solchen Starkregen an; zeigt sie eine Abhängigkeit vom Gelände und welcher Art ist diese? Diese Fragen spielen eine besondere Rolle für den Ab- wasseringenieur zur Berechnung der ungünstigsten Belastung eines geplanten Kanalnetzes, zur Fest- stellung des ungünstigsten Zusammentreffens der Flutwellenscheitel der einzelnen Kanäle im Haupt- sammler und ähnlichen Aufgaben, woraus sich dann die zu bewältigenden Größtabflußmengen und die nötigen Durchmesser von Straßenkanälen, Durchlässen usw. ergeben. Besondere Bedeutung für die Wasserbaupraxis hat der Wert der sog. Niederschlagsspende, das ist die in i Sekunde auf einen Quadratkilo- meter gefallene, in Kubikmeter ausgedrückte Niederschlagsmenge. Für den 2 Stunden 5 Min. währenden eigentlichen Gewitterregen ergab sich folgende Übersicht: Mittlere .Niederschlagsstufe Niederschlagshöhe Fläche 60 — 68 mm 63 mm 2,5 qkm 50—60 „ 55 „ 10,8 „ 40—50 „ 45 .. II 1.5 .. 30—40 „ 35 » 222,8 „ Gesamtanfall Niederschlagsspende 0,157s Mill. cbm 8,3 cbm/sec. qkm 0,5940 „ „ 7.5 5.0175 „ „ 6,2 7.7980 „ „ 5,0 Ferner wurde auf Grund der Aufzeichnungen der Regenschreiber die Verteilung des Nieder- 84 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 6 Schlags im engeren Stadtgebiet untersucht. Das Ergebnis ist a. a. O. in mehreren Tafeln und 6 Kärtchen niedergelegt, welche die örtliche Ge- samtmenge für verschiedene Zeitstufen entnehmen lassen. Der größte Anfall wurde bei allen Stufen im Inneren der Stadt erreicht. Die Niederschlags- spenden nehmen proportional der Dauer des Regens ab. Ein Vergleich der Regenkurven vom 3. Juli 1914 und 2. Juni 1903 zeigt, daß an ersterem Tag die Gesamtmenge während viel kürzerer Zeit er- reicht wurde, wogegen sich der Regenfall vom 2. Juni 1903 durch größere Dauer bei nahezu gleichbleibender Stärke auszeichnete. Die Folgen des Unwetters, welches in Nürnberg und Um- gebung schweren Schaden anrichtete, zeigten sich auch in einem außerordentlich starken Steigen der Flüsse, besonders der Rednitz und Schwarz- ach. In anderen Gegenden Süddeutschlands traten ebenfalls starke Gewitter auf, begleitet von wolken- bruchartigem Regen und Hagelschlägen. C. H. Palaeontologie. Jedermann kennt die bunte Färbung der Schalen lebender Mollusken. Ent- sprechend der Mannigfaltigkeit dieser Erscheinung werden Unterschiede in der Färbungszeichnung von den Conchyologen in weitgehendem Maße zur Artunterscheidung verwertet. Bei fossilen Mollusken, einschließlich der Brachiopoden, sind Reste dieser ursprünglichen Färbung nur in sel- tenen Fällen erhalten; diesbezügliche Notizen sind in der paläontologischen Literatur weit verstreut. In größerem Zusammenhang behandelt W. Deecke diesen Gegenstand in einer Arbeit über Färbungs- spuren an fossilen Molluskenschalen (Sitzungsberichte d. Heidelberger Akad. d. Wissensch. Mathemat.-naturwissensch. Klasse. Abteilung B, Jahrgang 1917, 6. Abhandig.). Die Färbung der ganzen Schale der Mollusken sowie die Zeichnung an den einzelnen Stellen der Schale wird hervor- gerufen durch einen von den randlichen Teilen des Mantels abgeschiedenen organischen Farbstoff. Die eigentliche F"arbschicht wird nach außen von einer dünnen Lamelle von nicht kohlensaurem Kalk bedeckt, während sie andrerseits noch den obersten P^aserschichten der Schale eingelagert ist. Die Buntheit der Färbung wird durch den verschiedenen Stärkegrad der Chitinausscheidung bewirkt. Das Auftreten von Färbungsflecken im Innern, an den Muskeleindrücken der Lamelli- branchiaten und um die Spindel der Schnecken, wird als Reservestoff gedeutet. Außen können sie Schutzfärbung darstellen oder auch eine Folge der Sonnenstrahlung sein. Die Erhaltung der Färbung ist in bedeutendem Maße von dem Sedi- ment des Meeresbodens abhängig. Kreidiger Boden und tonige Schlammböden schließen Fär- bung so gut wie vollkommen aus. Am häufigsten und intensivsten tritt eine Zeichnung bei den- jenigen Formen auf, die auf Korallenriffen lebten. Die Hauptrolle für die Erhaltung der Färbung spielt jedoch die epigenetische Umsetzung in den Ablagerungen. Beim Umkristallisieren der Schale wird jede Färbung gestört. In eisenschüssigen Schichten wird eine gewisse Konzentration eisen- haltiger Lösungen die Färbung ebenso vernichten, wie ein Überschuß von Bitumen in tonigen Ab- lagerungen. Am trefflichsten erhalten ist die Zeichnung in den silurischen, devonischen und carbonischen Riffkalken und namentlich im tria- dischen Esinokalk. Der Verf. gibt sodann eine Liste derjenigen Formen, bei denen Farbspuren vorkommen und leitet daraus einige Schlüsse ab. Im allgemeinen betrachtet, tritt Buntheit in der Färbung am häu- figsten bei den jüngeren, tertiären Formen auf Bei älteren Formen ist eigentlich nur eine dunkle Pigmentierung der Schale vorhanden. Die rote F'ärbung, die man bei ihnen gelegentlich antrifft, ist z. T. pseudomorph erhalten, indem eisen- und manganhaltige Verbindungen an die Stelle des zerstörten Farbstoffes traten. Unter den fossilen Mollusken sind Farbspuren am verbreitesten bei den Schnecken; bereits die silurischen Vertreter zeigen Färbungsreste. Meist sind es dunkle Spiral- bänder oder Streifen oder Punktreihen, mitunter unregelmäßig verteilte Flecken. Man findet sie bei den paläozoischen Capuliden, bei den Nati- ciden vom Kohlenkalk an, namentlich aber in der alpinen Trias. Die Neritinen des Tertiärs sind fast sämtlich bunt gezeichnet. Weiterhin sind von tertiären Gastropoden zu nennen Coniden, Volutiden, Fusiden, buntfleckige Cypraeiden und auch Terebriden. Bemerkenswert ist dabei, daß die Mehrzahl der gefärbten Schnecken Fleisch- fresser sind. Deecke hält es daher für möglich, daß an der Zusammensetzung des Pigments bei diesen Gruppen harnsaure Salze beteiligt sind, „deren Zersetzung durch Ammoniakentwicklung leicht kolloides Eisen an Stelle der organischen Substanz zur Ausscheidung bringen und damit die Zeichnung besonders leicht erhaltungsfahig machen könnte". Bedeutend seltener sind Farbspuren bei fossilen Lamellibranchiaten erhalten. Es sind namentlich die braunen Radialstreifen von Exogyra coluniba aus der oberen Kreide und die Färbung durch helle und dunkle Anwachsstreifen bei Pecti- niden und Cythereen anzuführen. Bei den Brachi- opoden werden Reste der Färbung in Form breiter, radial verlaufender, brauner Streifen verschiedent- lich bei Tcrehrafula vulgaris aus dem Muschel- kalk erwähnt. Auch Tcrcbratnla cariica aus dem Senon und die oligocäne Tercbratula graiidis weisen Farbspuren auf Wichtig ist die Angabe, daß die Art der Zeichnung bei manchen Familien der Mollusken sehr konstant ist, und schon bei dem ersten Auf- treten der Gruppen in gleicher Weise ausgebildet ist, wie bei ihren noch lebenden \'ertretern. Dies trifft auch für die Brachiopoden, insbesondere für die Terebratulaceen und Rhynchonelliden zu. Ein anderes Resultat ist, daß die Färbungszeichnungen fast durchweg nur bei glatten Gehäusen auftreten. N. F. XVII. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 8S Dies gilt ebenso für die Gattungen Conus, Cypraea, Natica, Ncritina, wie für die paläozoischen Capuliden und stimmt auch für Exogyra coliiniha und Tcrcbratula vulgaris. Immer ist bei der Frage der Erhaltung von Farbspuren an Molluskenschalen zu beachten, daß bei einer ganzen Reihe Familien eine Färbung von vornherein ausgeschlossen ist. So bei den in Süß- und Brackwasser lebenden Arten der Unio- niden, Cypriniden, Isocardien, Astarten, Paludinen, Limnaeen, Planorben, bei denen die dicke Chitin- haut die darunterliegende Schale vor Auflösung schützen soll. Farblos oder eintönig in der Fär- bung sind ferner i. alle im Boden eingegraben lebenden Formen, wie Myen, Teredinen, Dentalien, 2. alle planktonischen Familien (Pteropoden), 3. alle mit einem inneren Gehäuse versehenen Gattungen (Sepia, Spirula). Sehr eintönig gefärbt sind ferner die festgewachsenen Formen, wie Austern, Chamiden, Vermetiden, bei denen zudem der lamellöse Bau der Schale eine Farbenzeichnung nicht zuläßt. Auffällig ist es, daß von den zahllosen fossilen Ammoniten Farbspuren einwandfrei nicht bekannt sind und ebensowenig auch von der wichtigen Familie der Pleurotomarien unter den Gastropoden. Ref., der über den behandelten Gegenstand selbst eine Reihe Beobachtungen angestellt und Literaturnotizen gesammelt hat, möchte den in- teressanten Ausführungen VV. De ecke's einige Ergänzungen und Einschränkungen hinzufügen, namentlich in bezug auf Färbungen bei fossilen Brachiopodenschalen. Die Liste der Formen mit Farbspuren, die De ecke gibt, ist, wie er selber betont, nicht er- schöpfend. Ich möchte sie um eine weitere Zahl vermehren unter Benutzung einer ähnlichen Zu- sammenstellung, wie sie vor einigen Jahrzehnten E. Kayser mitgeteilt hat (Zeitschr. d. deutsch, geol. Gesellsch. 1871, S. 289 ff.) . Cephalopoda. Ortlwccras anguliferuni Arch. ScdeVern. Paffrath. Mitteldevon. Braune Zickzackstreifen. Gastropoda. Platyostoma elaboratum Barr. Unterdevon. Böhmen. Radialstreifen. Pkitrotomaria Orbignyi Arch. & de Vern. Mitteldevon. Pleurotomaria rotiuida Sow. PI. conica Phil., PI. carinafaSow., mit hellen Zick- zackstreifen. Kohlenkalk von Belgien und England. Turbo rnpesfris, Unt. Silur von Irland, Turbo cryptograuimus de Kon. Kohlenkalk. Spiral- streifen. PJiasianella Panoriiiifaiia Gemmelaro. Tithon von Sizilien. Abgebildet von Gemmelaro in Fauna del Calcare a Tcrcbratula janitor. 1868 — • 76. Einzelne große Tüpfel in Längsreihen, die durch feine Querstreifen miteinander verbunden sind. Trochus. Verschiedene Formen aus dem Miocän von Kischinew, Bessarabien. Tr. procerus d' O r b., Tr. cordcrianus d ' O r b. Große Tüpfel in Spiralreihen angeordnet. Tr. noveincinctus v. Buch. Wolhynien. Rote Tüpfel. Tr. pidus Eichw. mit breiten, queren Streifen, auch im Zittel abgebildet. Pscudophorus Iwibafus Arch. & de Vern. M. Devon. Naficopsis plicistriata Phil. Kohlenkalk ; mit breiten, buntscheckigen Bändern. Älarmolata Dienert B 1 a s c h k e. Alpine Trias. Pachycardientuffe. Unregelmäßig angeordnete, braune Flecken. Mannolafa applanaia Kittl. und com plana fa Stopp. Esinokaik. Unterbrochene Längsstreifen. Ojicochilus chroinaü'cus Zittel. Tithon. Stram- berg. Sehr variable Zeichnung (s. u.). Onchochilus Xcuniaycri Zittel. Ebendaher. Zickzackförmige Streifen. Natica dccorata. v. M ü n s t. mit Zickzackstreifen aus der alpinen Trias von St. Cassian wird von Graf Münster abgebildet. A^atica Arduini Gemmelaro (1. c). Tithon. Sizilien. Dreieckige Punkte in Spiralreihen angeordnet. Natica dila- tata Phil. Oligocän. Mecklenburg. Patclla, verschiedene Arten aus Kohlenkalk und Tertiär. Radiäre Streifen. Turbonitclla suhcostafa Arch. 6c de Vern. Mittel- Devon. Paffrath. Große braune Tüpfel in Längsreihen. Pseudomclaiiia Hcddingtoncnsis Sow. Oxford- Stufe, Frankreich. Ist u. a. auch im Zittel abge- bildet; mit queren Wellenlinien. Ps. procera E. Desl., Ps. turris, condcusata E. Desl. mit braunen Querstreifen, Ps. coarctata E. Desl. mit unregel- mäßig gestalteten, verästelten Tüpfeln, alle aus dem Jura der Normandie, sind von E. Des Ion g- champs abgebildet (Mem, de la soc. Linn. de Normandie Bd. VII. 1843). Macroclicilus maculatus de Kon. Kohlen- kalk. Vise. Wenige dunkle, große und rechteckige Tüpfel. Avellania cassis d' O r b. Cenoman. Olivgrün, gefleckt. Bulla utriculus B r. Oligocän. Sternberg. Quer- streifen. Lamellibranchiata. Avictdopecten clalhra- tus M'Coy. Radiärstreifen. Streblopferia laevi- gata M'Coy mit wenigen, breiten, radial verlau- fenden Streifen. Entoliuiii- coloratuiii de Kon. mit Zickzackstreifen auf der linken Klappe. Ainu- siuni planicostatnin M'Coy. Pscudamusiuin Redesdalcnse Hind, dicke, radiale Farbenbänder. Pscudaviusiuin sublobatuin Phil, und cllipticum Phil., radiale Streifen. Alle aus belgischem und 'englischem Kohlenkalk. Einen großen Avicu- topccten- mit Farbenflecken auf den Rippen, nach Art rezenter Pectiniden (z. B. Acquipcctcn paUiuiii L.) führt F o r b e s , ebenfalls aus englischem Kohlen- kalk, an (Annais & magazine of Nat. History. 1854, Bd. XIV). Auf eine Alyoconcha mit Farbresten in Form von Zickzackstreifen aus der Bajeux-Stufe der Normandie macht E. Deslonchamps auf- merksam. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 6 Brachiopoda. Martima glabcr Marl. Schizophoria resupinata Marl. Beide mit feinen Radialstreifen aus dem Kohlenkalk. Über das Auftreten von Farbspuren bei den Terebratulaceen und Rhynchonellaceen sei auf die untenstehenden Angaben verwiesen. Bei den Färbungen der Molluskenschalen sind auseinanderzuhalten die allgemeine Färbung der Schale und die nur an einzelnen Stellen auf- tretende Zeichnung in Form von Punkten, Tüpfeln und Streifen oder Linien. Die allgemeine Färbung ist, wenigstens bei den Brachiopoden, bei vielen fossilen Formen erhalten. Von den Productiden gibt Waagen eine dunkelviolette bis rotbraune Färbung bei Prodiictiis Abichi Waag. aus dem Produciuskalk der Saltrange an. Von fossilen Terebratulaceen und Rhynchonellaceen, namentlich des Jura, liegen über die allgemeine Färbung der Schale zahlreiche Angaben in den größeren Ar- beiten E. E. Deslongchamp's vor. Daß es sich in diesen Fällen um primäre Färbung handelt, geht aus dem Vorkommen verschiedengefärbter Formen nebeneinander an dem gleichen Fundort hervor. Färbungszeichnungen sind demgegenüber bedeutend seltener. Die allgemeine Färbung der lebenden Tere- brateln ist wechselnd, auch innerhalb der Gattungen; weiße, gebliche und rote Grundtöne herrschen vor. Radiale Streifungen treten vornehmlich bei den Terebratelliden auf Flecken, in rötlicher Farbe, sind am bekanntesten bei Mcgcrlea saii- guinca Ch. und Lagiiais picfiis Ch. Alle diese Färbungserscheinungen, sowie auch violette und schwarze Allgemeinfärbung, sind auch bei fossilen Terebrateln nachweisbar. Am meisten interessieren, mit Rücksicht auf die Resultate W. De ecke's die Färbungszeichnungen. Radiale F'arbenstreifen sind am bekanntesten von Terebratida i'iilgaris Schloth. Oben am Wirbel sind die braunen Streifen schmal und verbreitern sich nach den Schalenrändern hin rasch; dabei sind gelegentlich die breiten Streifen in feinere Linien zerschlitzt. Die Streifen selbst sind beiderseits der Medianen schwach nach außen gekrümmt. Am schönsten erhalten kenne ich diese Farbenstreifen von Tere- bratida vulgaris bei Exemplaren aus dem oberen Muschelkalk von Saareinsmingen (Lothringen). Genau so sind die Farbenbänder bei Diclasiiia hasta/a aus dem Kohlenkalk. Radiale Farben- streifen werden weiterhin angegeben von Dielasma elo7igala (Devon), von Terebratida sidwvvidcs (ab- wechselnd dünne und breite gelbe Streifen auf braunem Untergrund), Terebratida Eudesi aus dem Jura und bei Terebratida biplicafa var. Bei Terebratida »laxillata verursachen die zahl- reichen hellen Radialstreifen auf der dunkelrötlichen allgemeinen Färbung eine giiterförmige Zeichnung. Fleckenzeichnung kommt bei einer devonischen, nordamerikanischen, und bei einer tertiären, bipli- katen Terebratel vor (nach Sueß: Über die Wohnsitze der Brachiopoden 1855, S. 242), sowie bei Terebratida itmbonella aus dem oberen Jura. Die lebenden Rhynchonelliden sind in ihrer all- gemeinen Färbung recht eintönig; dunkle Färbung ist für die in kalten Meeresgebieten wohnenden Rhynchonella psittacea und nigricans bezeichnend ; die japanischen Rhynchonelliden sind lichtgelb ge- färbt. Die fossilen Formen sind lebhafter gefärbt, z. T. rötlich und violett, wie RhyiiclioticUa siibobso- leta und Rhy/iclionelta spiitosa des Doggers. Fär- bungszeichnungen in Form von F'lecken und Punkten sind bei RJiyiicIwneUa octoplicata aus der Kreide und namentlich bei Rliyiicliouella fugniis aus dem Eifler Mitteldevon verschiedentlich beob- achtet worden (Kayser 1. c). Unter den re- zenten Arten sind derartige Zeichnungen nicht bekannt. Dies ist erklärlich , wenn wir uns vergegenwärtigen, wie geringfügig die Zahlen der lebenden Rhynchonelliden gegenüber den unter günstigen Bedingungen mächtig aufblü- henden Formen des Mesozoikums und Palae- ozoikums ist. Soviel scheint mir eine Betrachtung der Färbungsspuren fossiler Brachiopoden zu er- geben, eine Konstanz in den Färbungstypen ist bei ihnen nicht zu erkennen. Hingegen glaube ich für die Gastropoden in diesem Punkte Deecke zustimmenzu müssen, wenn- gleich auch bei den fossilen Schnecken manches zur Vorsicht mahnt. So z. B. die Ausbildung der Zeichnung von OiicocJdlits cJiro»iaticiis Zittel, die derart variabel ist, „daß nicht zwei Exemplare darin völlige Übereinstimmung erkennen lassen" (vgl. dazu die Abbildungen bei Zittel: Gastro- poden der Stramberger Schichten). Oder soll man die in ihren übrigen Merkmalen überein- stimmenden Exemplare von OiicpckdiiscJtroniaticiis mit Punktzeichnung, mit Längsstreifung, Quer- streifung, Farbenbändern, jeweils als Vertreter einer selbständigen Art auffassen? Bei den Pectiniden des Kohlenkalks treten alle möglichen I'^arben- zeichnungen auf: radial verlaufende Streifen, dünne uud breite, sowohl auf den Rippen, als auch in den Zwischenrämen zwischen diesen, zickzack- förmige Linien, und unregelmäßig angeordnete Tüpfel. Auch die weitere Angabe des Verf., daß P'ärbungserscheinungen durchweg nur bei glatten Gehäusen auftreten, ist ein wenig einzuschränken. Bei Rliynchoiiella piigmis überzeugte ich mich an zwei Exemplaren, daß die feinen P'arbpunkte so- wohl auf den glatten Teilen der Schale als auch auf den nur an dem Schalenrande auftretenden Rippen vorhanden sind. Unter den Gastropoden nenne ich in dieser Beziehung als Beispiele: TiirboJii- teUa siibcostata A r c h. & d e V e r n., verschiedene Troc/iHS-hrlzn, ColiimbcUa Wiiiimeri H. u. a. Von den oben angegebenen Muscheln sei auf das Auftreten von Farbflecken auf den Rippen von Avicidopecteii sp. bei Forbes hingewiesen. Leidhold. Medizin. Fremdkörper im Verdauungstraktus. Wie früher (Band XIII, 19 14, S. 253) berichtet wurde, finden im menschlichen Darmtraktus oft N. F. XVII. Nr. 6 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 87 erstaunlich große Fremdkörper Raum für längeren Aufenthalt. In einer neuen Mitteilung in der Münchner Medizinischen Wochenschrift Nr. 4I 1917 berichtet Oberarzt Gerhard Hammer aus dem Reservelazarett München über zahlreiche Fälle, in welchen alle möglichen Fremdkörper den Magen und zum Teil auch den Darm passiert haben. Die Gegenstände gelangten in die Speise- röhre, den Magen und zum Teil auch in das Duo- denum, um entweder auf natürliche Weise mit dem Stuhl den Körper zu verlassen, oder nach Durchbohrung der Darmwand durch ein Abszeß oder durch eine Decubituswunde ausgestoßen oder endlich durch Operation aus dem Darmtrakius und der Bauchhöhle entfernt zu werden. Die Fremdkörper: Nägel, Eßlöffelstiele, Schrauben, Bleistifthalter, Konservenbüchsenöffner, Draht- schlingen, Blechstücke, bis 10 cm lange Nadeln, Stahlfedern, Knöpfe (einmal 1 1 Uniformknöpfe), sogar ein Rosenkranz, usw. waren von den Patienten in selbstmörderischer Absicht ver- schluckt worden; die Lage der Fremdkörper wurde röntgenologisch vor der operativen Entfernung festgestellt. ') Nur in einem Falle trat eine all- ') Man muß die Langmut des Chirurgen bewunde gemeine Peritonitis ein, welcher der Patient erlag. Wiederholt passierten Nadeln usw. die Darmwand, ohne daß eine Infektion der Bauchhöhle folgte; offenbar hatte sich die kleine Wunde durch Ver- klebung der Ränder und Vernarbung sofort wieder geschlossen. Mitunter wurden größere Fremd- körper durch Bindegewebe abgekapselt. Die meisten Schwierigkeiten bereiteten der Passage offenbar die Krümmungen zwischen Pars hori- zontalis und descendens des Duodenums. Wieder- holt blieben Nadeln usw. am oberen Teil des Duo- denums liegen und drängten mit ihrer Spitze die Darmwand weit vor, ohne sie indessen zu per- forieren. Bei längerem Liegenbleiben würde natürlich eine Drucknekrose und Peritonitis einge- treten sein, wie das auch in einem Fall geschah. Längere Fremdkörper passierten, wie die Röntgen- aufnahmen zeigten, den Darmtraktus mit dem dickeren Ende voran, offenbar, weil es das schwerere war. (gTc) Kathariner. wenn er, namentlich bei rückfälligen Selbstmordkandidaten, sich der größten Mühe unterzieht, dieselben von den Gegen- ständen zu befreien, deren Ungenießbarkeit, Unverdaulichkeit usw. ihnen doch schon von früher her bekannt war. Ref. Jahrbuch der Urania und Kalender für 1918. Herausgegeben von der Urania in Berlin. 162 S. mit 36 Abbild, und 6 Tafeln. Braunschweig, Fr. Vieweg u. Sohn. 191 8. — Preis 2,40 M. Zum ersten Male gibt die Berliner Urania mit dem vorliegenden Heft ein Jahrbuch heraus, das die segensreiche Wirksamkeit des Instituts für Volksbelehrung auch in wißbegierige Kreise außer- halb der Reichshauptstadt zu tragen bestimmt und geeignet ist. An der Spitze des Jahrbuchs finden wir ein allerdings vorerst noch etwas dürftiges astro- nomisches Kalendarium, das jedem Monate zwei Seiten widmet und außer einer Darstellung des Sternenhimmels und einiger Angaben über die Stellung der Planeten die wichtigsten Angaben über Sonne und Mond bietet. In fortlaufenden Anmerkungen wird nebenher die astronomische Zeiteinteilung erläutert und anschließend die Ver- wandlung der Zeiten erklärt. Ein Verzeichnis heller Fixsterne, Doppelsterne und Nebel, sowie ein Literaturhinweis schließen diesen Teil des Jahr- buchs ab. Ihm schließt sich noch ein reich illustrierter Aufsatz von Prof Schwahn über Himmelsphotographien an. Den weiteren Inhalt des Jahrbuchs bilden recht interessante und aktuelle Aufsätze aus verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebieten. Wir müssen uns hier mit der Auf- zählung dieser durchweg von Autoritäten der betr. Gebiete verfaßten Beiträge beschränken. Prof. Donath behandelt das Kapitel „Lichterzeugung und Lichtausbeute", Prof. Lassar-Cohn „Die Bücherbesprechungen. astronomischer Auswertung von Deutschlands Steinkohle und Kali in der chemischen Industrie", Reg. -Baumeister Watt mann zeigt in dem illustrierten Aufsatz „Ein Problem der Straße", welche dem Laien nicht bekannten Schwierigkeiten die Anlage und Erhal- tung der Straßenbahngeleise darbieten, Dr. Berndt zeigt und erklärt uns die „Waffen der Natur", während endlich Prof Mielke eine anregende „Deutsche Siedlungskunde" skizziert. — Das Jahr- buch wird zweifellos bei den Freunden der Urania viel Anklang finden und in kommenden Jahren auch im kalendarischen Teil noch weitere Aus- gestaltung erfahren. F. Kbr. Zimmer- und Balkonpflanzen. Von P. Dannen- berg, Kgl. Gartenbau-Direktor, Städtischer Garteninspektor in Breslau. Mit i Tafelbilde und 38 Abb. 3. Aufl. 191 7. 58. Bd. aus „Wissenschaft und Bildung, Einzeldarstellungen aus allen Gebieten des Wissens". Verlag von Quelle und Meyer in Leipzig. Daß während des Krieges eine, wenn auch unveränderte neue Auflage dieses praktischen Büchleins erscheinen konnte, ist ein Beweis für die erfreuliche Tatsache, daß es immer noch Leute gibt, die es nicht nötig haben ihre Blumen im Zimmer und auf dem Balkon zu pensionieren, um dafür Tomaten und Grünkohl heranzuziehen. Alles, was über die Anzucht von Blumen im Hause gesagt werden kann, hat der Verfasser in' übersichtlicher und verständlicher Weise seinen Lesern mitgeteilt. Das Kapitel über das „Schneiden" Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. 6 mag hier als besonders gelungen hervorgehoben werden, ebenso die Zusammenstellung von Pflanzen- gruppen, die dauernd im Wohnzimmer stehen können und die einer anderen Behandlung be- dürfen. — Anerkennenswert ist, daß theoretische Erörterungen möglichst unterlassen und nur Er- fahrungen als solche mitgeteilt werden. Auf diese Weise vermeidet es der Verf. in den Fehler zu verfallen, Probleme als gelöst hinzustellen, die noch wissenschaftlicher Erforschung harren. Wächter. Anregungen und Antworten. Berichtigung zum Aufsatze „Brasilianische Säugetiere und Vögel im naturhistorischen Museum zu Bern" in Nr. 42 des vorigen Jahrganges. Bei Midas grhcovtrlex GmIiU (S. 597) ist die betr. Stelle folgendermaßen umzuändern : Gehört zur Gruppe der Krallen- affen, im wesentlichen durch die Gattung Hapale repräsentiert und von welch letzterer sich Midas durch die längeren Eck- zähne des Unterkiefers, welche die Schneidezähne um ein Be- trächtliches überragen, unterscheidet. I-. E. Herrn Dr. H. H. in L. I. Gibt es ein Wörterbuch, in dem die wissenschaftlichen Namen von Tieren und Pflanzen und die wissenschaftlichen Fachausdrücke der Entstehung nach verdeutscht und erklärt sind? Ziegler, H. E., Zoologisches Wörterbuch. Erklärung der zoologischen Fachausdrücke. 2. Aufl. Jena 1912. Schneider, C. K., Illustriertes Handwörterbuch der Botanik. 2. Aufl., herausg. v. K. Linsbauer. Leipzig 1917. Schmidt, H., Wörterbuch der Biologie. Leipzig 1912. Roux, W., Terminologie der Entwicklungsmechanik der Tiere und Pflanzen. Leipzig 1912. — Bildet eine gute Er- gänzung zu den oben genannten Wörterbüchern. Guttmann, W., Medizinische Terminologie. Ableitung und Erklärung der gebräuchlichsten Fachausdrücke aller Zweige der Medizin und ihrer Hilfswissenschaften. 8. und 9. Aufl. Berlin und Wien 1917. — Dieses in medizinischen Kreisen viel gebrauchte Wörterbuch enthält auch die wichtigsten Fachaus- drücke der Zoologie und Botanik. Über die Etymologie der Tier- und Pflanzennamen geben am besten Auskunft: Leunis-Ludwig, H., Synopsis der Tierkunde. 2 Bde. 3. Aufl. Hannover 1883. Leunis-Frank, A. B., Synopsis der Pflanzenkunde. 3 Bde. 3. Aufl. Hannover 1883. 2. Welches sind die Titel der größten illustrierten zoolo- gischen Gesamtwerke, die das gesamte Tierreich behandeln und als Ergänzung zu Brehm's Tierleben dienen können? Bronn 's Klassen und Ordnungen des Tierreichs, wissen- schaftlich dargestellt in Wort und Bild. Leipzig und Heidel- berg. — Dieses seit 1859 erscheinende, umfangreiche Werk faßt unsere gesamten Kenntnisse vom Bau und der Entwick- lung der Tiere zusammen. Die ältesten Bände sind allerdings bereits veraltet. Von ausländischen Handbüchern der Zoologie seien genannt : Delage, Y. et Herouard, E., Traue de Zoologie concrete. Paris. — Erscheint seit 1896. Lankester, E. Ray, A Treatise on Zoology. London. — Erscheint seit :90o. 3. Welche Werke orientieren am besten über Schmarotzer- würmer f An erster Stelle sei empfohlen ; Braun und Seifert, Die tierischen Parasiten des Menschen, die von ihnen hervorgerufenen Erkrankungen und ihre Heilung. I. Teil: Braun, M., Naturgeschichte der tieri- schen Parasiten des Menschen. 5. Aufl. Würzburg 1915. Das klassische Werk der Parasitologie, das ebenfalls noch viel benutzt wird, ist: Leuckart, R. und Brandes, G., Die Parasiten des Menschen und die von ihnen herrührenden Krankheiten. 2 Bde. 2. Aufl. Leipzig 1879 — 1901. Außerdem sei noch hingewiesen auf: Fiebiger, F., Die tierischen Parasiten der Haus- und Nutztiere. Wien und Leipzig 1912. Neumann, R. O. und Mayer, M., Atlas und Lehrbuch wichtiger tierischer Parasiten und ihrer Überträger. (Lehmann's medizinische Atlanten, Bd. 11) München 1914. — Das Werk enthält 1300 farbige Abbildungen auf 45 Tafeln und über 200 Textfiguren. Wasielewski, Th. v., Wülker, G. und Schuck- mann, W. v., Pathogene tierische Parasiten. (3. Bd. 3. Abt. des Handbuches der Hygiene von Rubner, Gruber u. Ficker). Leipzig 1913. Nachtsheim. Druck 656 reizt zu folgenden Vorschlägen Wärmemesser in Zukunft. Die Anregung Unsere Enge in der Benützung kostbarer Rohstoffe wird auf längere Zeit hinaus zu Ersparnissen zwingen. Wäre es da nicht an der Zeit, vor- weg alle unpraktischen, unbrauchbaren oder in der Anlage verfehlten Quecksilberinstrumente von der künftigen Herstellung auszuschließen? Was nützt ein Thermometer von großer Unempfindlichkeit oder ein Barometer, bei dem die Kapillar- fehler 5 Millimeter betragen und das niemals auch nur im groben die so lehrreichen Druckänderungen unseres Luftkreises anzeigen kann? Man darf annehmen, daß von Tausenden ,, Dessins" der Thermometerlisten zwei Drittel überflüssig sind und ebenso alle Kölbchenbarometer, überhaupt alle diejenigen Quecksilberröhren, die unter etwa 8 — 10 mm Weite haben und nicht als Heberröhren mit gleicher Weite (zur Vermeidung der Kapillar-Depression) erzeugt sind. Ein richtiges Gefäßbarometer von 8 mm Weite gibt mir Ablesungen bis auf 0,05 mm zu- verlässig an ; es hat samt aufgcätzlrr Teilung in halbe mm und Brett rund 30 M. gekostet. Eine Heberröhre nach dem Vor- schlag S. 656 ließe bei gleicher Weite — und es möchte nicht empfehlenswert sein darunterzugehen — vielleicht höchstens 0,1 mm noch gewinnen. Bei Anwendung eines Gefäßes — wenigstens für ernstere Ablesungen . — wäre sein wissenschaft- licher Wert verdoppelt. Auch die belieble Angabe von Schön- Weiter bis Sturm ließe sich leichter und in weiteren Grenzen anbringen als bei der starren Heberröhre. Vielleicht schwingt sich aber unsere Industrie zu einer Anordnung auf, welche die etwa :o mm weile Heberröhre (oben und unten 10 mm weit, sonst enger) 'gleichweiter Schenkelöfl'nung mit einer Slangen- skala verbindet, die oben den Nonius und nnten über der Kuppe die Spilzcneinstcllung trägt. Das wäre eine Form, die Tausenden von Liebhabern einen sehnlichen Wunsch erfüllen, Resultate von hohem wissenschaftlichem Werte liefern und nur einen mäßigen Preis kosten würde: eine gerechtfertigte Anord- nung zur Massenherstellung also. Ph. Fauth. Hans Walter Frick hinger, Die Bisamratte in Böhmen. (26 Abb.) (Schluß.) S. 73. — Einzelberichte: W. Nienburg, Die Flechlensymbiose. S. 82. Josef Haeuser, Wolkenbruch von Nürnberg am 3, Juli 1914. S. 82. W. Deecke, Färbungsspuren an fossilen Molluskenschalen. S. 84. Gerhard Hammer, Fremdkörper im Verdauungstraktus. S. 86. — Bücherbesprechungen: Jahrbuch der Urania und astronomischer Kalender für 1918. S. 87. Zimmer- und Balkonpflanzen. Von P. Dannenberg. S. S7. — Anregungen und Antworten : Berichtigung zum Auf- satze „Brasilianische Säugetiere und Vögel". S. 88. Wörierliuch über wissenschaftliche Namen von Tieren und Pflanzen und wissenschaftliche Fachausdrücke. Titel der größten illustrierten zoologischen Gesamtwerke. Werke über Schmarotzer- würmer. S. 88. Druck- und Wärmemesser in Zukunft. S. 88. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Mi ehe, Berlin N 4, Invalidenstrafle 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S, Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Sonntag, den 17. Februar 1918. Nummer 7. [Kachdruck verboten.] Die Permeabilität der Pflanzenzellen. Von Dr. Friedrich Weber (Graz). Der Bau einer typischen, erwachsenen Pflanzen- zelle ist bekannt. Die Zellwand (Membran) ist die äußerste Hülle; sie umschließt den Plasmaschlauch und dieser wiederum den zentral gelegenenVakuolen- raum, der von Zellsaft erfüllt ist und häufig den voluminösesten Teil der ganzen Zelle darstellt. Der Protoplasmaschlauch grenzt demnach gegen außen an die Zellmembran, gegen innen an den Zellsaft. An diesen beiden Grenzflächen scheint das Plasma, seiner kolloiden Natur entsprechend, relativ verfestigte Häutchen zu bilden, eine Er- scheinung, wie man sie ganz analog z. B. bei Eiweißlösungen beobachtet. Die äußere Plasma- grenzschicht nennen wir äußere Plasmahaut, die innere Vakuolenhaut. Sollen nun aus einer die Zelle umspülenden Flüssigkeit (etwa aus einer Nährsalzlösung) Stoffe (Salze) von der Zelle aufgenommen werden und bis in den Zellsaftraum vordringen, so müssen diese Stoffe eine Reihe von trennenden Wänden passieren, zunächst einmal die Zellmembran. Die Zellmembran — wenigstens insofern sie aus reiner Zellulose besteht — verhält sich in bezug auf ihre Durchlässigkeit ähnlich wie eine Pergamentmembran'): sie ist permeabel für alle Kristalloide, der Elektrolytaustausch geht durch sie ebenso schnell vonstatten wie bei freier Diffusion. In neuerer Zeit sind allerdings Tatsachen be- kannt geworden, die davor warnen, die Durch- lässigkeitsverhältnisse der Zellmembran gänzlich zu vernachlässigen. Die Zellulose ist ein Gel, be- findet sich also in kolloidem Zustande und ist überdies noch mit anderen kolloiden Substanzen gewissermaßen imprägniert; es müssen demnach die Zellwände in ihrem Verhalten anderen Stoffen gegenüber den Kolloidgesetzen Folge leisten und man hat es in dieser Beziehung mit den Erschei- nungen der Geladsorption zu tun. So findet die Färbbarkeit der Zellmembran mit verschiedenen Farbstoften ihre Erklärung in dem energischen Adsorptionsvermögen der Membrangele. Eine be- sondere Eigentümlichkeit der Geladsorption ist es, daß der zu adsorbierende Stoff (Adsorbendum) häufig nicht unverändert adsorbiert wird; speziell zeigt sich dies bei der Adsorption von Salzen; das Salz wird zerlegt in zwei Teile, davon bloß die Base adsorbiert, während das Säureradikal in F"reiheit gesetzt wird. Auch die Zellmembrangele vermögen auf diese Weise Sal/.e zu zerlegen. Es wurde das zuerst von Bau mann für das bekannte Torfmoos Sphagmim festgestellt. Die Zellwände der Sphagnen zerlegen die Salze des Torfbodens, adsorbieren deren Basen, dadurch werden die Säuren frei und auf diese Weise kommt der saure Charakter der Torfmoore zustande. Nach Wieler (1912) besitzen die Zellwände auch der höheren Pflanzen das gleiche Adsorptionsvermögen. Bei der Kolloid- adsorption, d. h. für den Fall, daß das Adsorbens ein Kolloid ist, werden häufig nur einige Substanzen adsorbiert oder nur einige Substanzen in bedeuten- derem Maße; derartige spezifische oder selektive Adsorption schreibt Hansteen Crannerin einer neueren Arbeit (19 14) auch der Zellenmembran zu und gelangt im allgemeinen zu der Überzeugung, daß die jugendliche Zellwand „nicht, so wie es noch allgemein angenommen wird, ein in physiologischer Hinsicht konstantes oder auf den Kristalloidaus- tausch indifterentes Medium sein könne". Eine Reihe von Autoren (Brown, Schroeder, Shull) experimentierten mit der toten Samen- hülle verschiedener Pflanzen (von Getreidekörnern, Xanthiuni- kxX.Qn). Diese Samenhüllen wurden iso- liert und über kleine Endosmometer gespannt. Es sollen sich dabei Permeabilitätsverhältnisse ergeben haben, wie man sie sonst nur dem lebenden Plasma und keineswegs der Zellmembran zuschreibt. ') So viel steht aber wohl auch heute noch fest, daß nicht die Zellmembran, sondern das lebende") Protoplasma für die Permeabilitätsverhältnisse der Zelle der Hauptsache nach maßgebend ist und zwar schreibt die herrschende Ansicht nicht dem ganzen Plasmaschlauch die Entscheidung über die diosmotischen Vorgänge zu, sondern einzig und allein oder zumindest vornehmlich den eingangs erwähnten Hautschichten, den Plasmahäuten. Welche Permeabilitätsverhältnisse weisen nun die Plasmahäute auf. Die beste Analogie ge- währen die zuerst von M. Traube dargestellten sog. semipermeablen Membranen. Solche halb- durchlässige Membranen entstehen bei der Be- rührung zweier Kolloide, z. B. von Gerbsäure und Leim ; auch die Ferrocyankupfermembran der be- kannten künstlichen Traube 'sehen Zelle ist eine derartige Niederschlagsmembran. Diese semiper- meablen Membranen lassen keineswegs nur das Lösungsmittel hindurch, alle gelösten Stoffe aber nicht, vielmehr sind sie nur für ganz bestimmte Kristalloide undurchlässig, sie wirken also selektiv, es wäre demnach auch die Bezeichnung „selektiv oder spezifisch" undurchlässige Membranen vor- ') Die verkot kte Membran verhält sich allerdings ganz anders; die Undurchlässigkeit des Korkes für Wasser und Gase findet ja praktische Verwertung. ') Vgl. auch Rippel, Biolog. Ztrbl. Bd. '■') Mit dem Tode verliert das Plasma seine charakteristischen diosmotischen Eigenschaften. 90 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 7 zuziehen. Die Piasmahäute verhalten sich nun wie derartig semipermeable Membranen, sie sind für bestimmte Stoffe durchlässig, für andere dagegen nicht, es gibt alle Abstufungen in bezug auf den Permeabilitätsgrad für einzelne Stoffe. So dringen — um nur einige Beispiele zu geben — rasch ein: die einwertigen Alkohole, die anorganischen und orga- nischen Säuren, langsamer diosmieren : der drei- wertige Alkohol Glyzerin, der Harnstoff, sehr langsam, ja kaum nachweisbar: die Zucker, Amino- säuren, anorganischen Salze. Das Problem der Permeabilität ist nun das: Wieso kommt es, daß die einen Stoffe leicht, andere schwer, wieder andere so gut wie gar nicht permeieren können. Wieso vermag die Plasmahaut zwischen den einzelnen Stoffen auszu- wählen. Das Problem der selektiven Permeabilität besteht übrigens keineswegs für die lebende Plasma- haut allein, auch die Semipermeabilität der künst- lichen Membranen harrt noch immer einer be- friedigenden Erklärung. Eine für die Lösung des Problems jedenfalls unerläßliche Vorbedingung ist vor allem die Kenntnis, welche Stoffe zu perme- ieren und welche nicht zu permeieren vermögen. Eine Reihe von Methoden vermitteln uns diese Kenntnis. Am unmittelbarsten läßt sich die Durchlässig- keit der lebenden Plasmahäute für bestimmte Farbstoffe erweisen. Die grundlegenden Unter- suchungen Pfeffer's über die Aufnahme von Anilinfarben in lebende Zellen zeigten, daß ver- schiedene Farben ohne Schädigung in lebenstätige Zellen aufgenommen werden und Plasma und Zell- saft lebend zu färben vermögen. Derartige „Vital- farben" sind z. B. Methylenblau, Methylviolett, Fuchsin, Safranin u. a. m. Wegen der Giftigkeit der Farben können die Zellen nur in ganz ver- dünnte Farbstofflösungen eingelegt werden; doch wird der eindringende Farbstoff in der Zelle ge- speichert — indem er durch organische Säuren, namentlich Gerbsäure, in ein unlösliches Salz ver- wandelt wird, wodurch das Diffusionsgefälle auf- recht erhalten bleibt und immer wieder neuer Farbstoff einzudringen vermag — so daß mehr oder weniger rasch eine bisweilen sogar makro- skopisch sichtbare Färbung erzielt wird. Auf diese Weise wurde gefunden, daß die meisten basi- schen Farbstoffe vital färben, die Säure farbstoffe dagegen nicht. Da nun die basischen Anilinfarben leicht in fettähnlichen Substanzen sog. Lipo ide n löslich, die Säurefarbstoffe dagegen lipoidunlöslich sind, so war das Verhalten der Zellen hinsichtlich der Vitalfärbung eine wichtige Stütze für die von O verton begründete Li poidth eori e der Plas- mahaut. Nach dieser Theorie, die sich nicht nur auf das Verhalten der Farbstoffe, sondern ebenso auf das der verschiedensten anderen Stoffe, vor allem auch der Narkotika stützte, sollte die Plasma- haut aus einer fettähnlichen, einer lipoiden Sub- stanz bestehen und alle in dieser Lipoidsubstanz löslichen Stoffe sollten in die Zelle einzudringen vermögen, die lipoidunlöslichen Stoffe dagegen nicht. Demnach wäre die Permeabilität ein Löslich- keitsphänomen, die Stoffe, welche permeieren, würden ausgewählt durch die Löslichkeit in den Lipoiden der Plasmahaut, die Plasmahaut würde als Lösungsmittel fungieren und die Permeabilität nach dem Prinzipe der auswählenden Löslichkeit verständlich werden. Ein methodischer Fortschritt förderte neues Tatsachenmaterial über die Farbstoffaufnahme zu- tage, das mit der Lipoidtheorie keineswegs im Einklänge steht. Goppelsroeder und (in einer eingehenden Studie) Küster stellten intakte Pflanzen oder doch wenigstens größere Zweig- systeme, zumindest Blätter mit ihren Stielen in die Farblösungen ein und ließen sie so die Farbstoffe auf natürlichem Wege durch die Leitbündel aufnehmen. Zahlreiche Säurefarbstoffe, die bisher als nicht vital galten, erwiesen sich bei dieser Versuchsan- stellung nunmehr als leicht aufnehmbar. Durch diese Versuche Küster 's sowie dann besonders auch durch sorgfältige Untersuchungen Ruh- 1 a n d 's wurden schwerwiegende Widersprüche mit Overton's Lipoidtheorie aufgedeckt. Es gibt eine Reihe basischer Farbstoffe, welche nicht lipoid- löslich sind und doch leicht permeieren und um- gekehrt unter den zahlreichen lipoidlöslichen basi- schen Farbstoffen einige, die nicht permeieren. Auch das Verhallen der Säurefarbstoffe entspricht nicht immer der O vert on'schen Theorie. K ü s t e r 's Versuche haben ja ergeben, daß manche lipoidunlösliche Säurefarbstoffe Vitalfarben sind und andererseits gibt es wieder lipoidlösliche Säure- farbstoffe, die nicht permeieren. Die von O v e r t o n angenommene Parallelität zwischen Schnelligkeit der F"arbstoffaufnahme und Leichtigkeit der Lipoid- löslichkeit hat also keinenfalls Allgemeingültigkeit. Im Verlaufe seiner methodischen Untersuchungen gelang es Ruhland, das die Farbstoffaufnahme beherrschende Prinzip mit einer ungemein ein- fachen Methode ^) klarzulegen. 20 "/o Gelatine wird in dünner Schicht auf Glasplatten ausgegossen; auf die erstarrte Gelatine wird mit einer Platinöse ein Tropfen der o,i 7o Farbstofflösung gesetzt. Es wird kontrolliert, auf welche Entfernung hin und mit welcher Geschwindigkeit sich die Farb- lösung in die Gelatine hinein ausbreitet. Es zeigen sich bei dieser Geldiffusion der Farbstoffe weit- gehende Verschiedenheiten. Manche Farbstoffe breiten sich rasch in der Gelatine aus und bilden eine breite Diffusionszone, andere vermögen nur langsam, nur wenig oder gar nicht zu diffundieren. Es ergab sich nun die interessante Tatsache, daß das Diffusionsvermögen und die Diffusionsgeschwin- digkeit von Farbstofflösungen in Gelen besonders im Gelatinegel ausnahmslos der Fähigkeit der Farbstoffe in lebende Pflanzenzellen einzudringen parallel geht; Farbstoffe, die sich in der Gelatine ') Traube und Köhler änderten jüngst (igij) die Methode mit Erfolg dahin ab, daß sie Gelatine in Reagenz- gläser füllten und mit der zu prüfenden Farblösung über- schichteten. N. F. XVII. Nr. 7 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 91 leicht ausbreiten, vermögen auch leicht die Plasma- haut zu permeieren. Während die Diffusionsge- schwindigkeit von Stoffen durch wasserreiche, also nicht zu hochprozentige Gelatine nicht merklich beeinflußt wird, die Diffusion also in dieser ebenso vor sich geht wie in reinem Wasser, setzt kon- zentriertere Gelatine der Diffusion einen wesent- lichen Widerstand entgegen. Es gelingt — wie B e c h h o 1 d fand — durch Verwendung verschieden konzentrierter Gelatine sog. Ultra filter herzu- stellen, die vermöge der geringen Weite ihrer Poren bei Kolloiden eine Siebwirkung auszuüben imstande sind. Kolloide, deren Teilchen eine be- stimmte Größe übersteigt, vermögen den Ultrafilter nicht mehr zu passieren und es kann mit Hilfe der Ultrafilter eine Trennung der dispersen Phase vom Dispersionsmittel vorgenommen werden. Die Plasmahaut soll nun nach Ruhland den Farb- stoffen gegenüber, die ja ebenfalls den Kolloiden zuzurechnen sind, als Ultrafilter fungieren. Die- jenigen Farbstoffe, deren Teilchengröße so gering ist, daß diese noch durch die Poren einer 2o''/(, Gelatine hindurchgehen, diese vermögen auch den Ultrafilter Plasmahaut zu permeieren. Die Plasma- haut verhält sich demnach wie ein Gel von be- stimmter Porenweite, die Permeabilität ist ein Filtrationsprozeß. Die Ultrafiltertheorie vermag nur die Permeabilitätsverhältnisse der Kolloide zu erklären, seien dies nun zellfremde Kolloide wie die P'arbstofife oder zelleigene wie Inulin, Glykogen, Enzyme, Alkaloide u. a. Die Kristalloide, die sich von den Kolloiden ja gerade durch die geringe Größe ihrer Teilchen unterscheiden (molekular oder iondisperse Systeme), müßten ganz besonders leicht durch den Ultrafilter Plasmahaut hindurchgehen; da aber zahlreiche Kristalloide nur schwer oder gar nicht in die Zelle einzudringen vermögen, so muß eben die Aufnahmefähigkeit der Kristalloide durch ein anderes Prinzip beherrscht werden. Üb- rigens sprechen nach neuen Untersuchungen von Traube und Köhler (1915) auch bei der Permeabilität der Farbstoffe doch noch andere Einflüsse mit, als lediglich die Geldiffusion ; auch kann man, da im allgemeinen die Gelatinediffusions- geschwindigkeit und Dialysiergesch windigkeit ') parallel gehen, „die pflanzliche Zellpermeabilität einstweilen mit demselben Rechte als einen ein- fachen dialytischen Vorgang wie als einen Gelfiltrationsvorgang auffassen". Mit diesen Erörterungen über die Farbstoffauf- nahme sind wir etwas abgekommen von der Be- sprechung der Methoden, die uns Aufschluß geben können über das Permeierungsvermögen verschie- dener Stoffe. Über weitere direkte Methoden sei hier nur folgendes erwähnt: Die Aufnahme von Säuren läßt sich erkennen an dem Farbenum- schlag des im Zellsaft gelösten Anthokyans. Blaue Blütenblätter, in verdünnte Säuren gelegt, werden ') Es handelt sich dabei um Dialyse mit Hilfe von Dia- lysierbechern von Schleicher und Sc hüll oder von Perga- mentschläuchen. fast momentan rot, die Säuren müssen also sehr rasch eindringen. Alkaloide bilden mit der ebenfalls im Zellsaft gelösten Gerbsäure einen mikroskopisch sichtbaren Niederschlag und zwar noch bei äußerst weitgehender Verdünnung (z. B. I g Strychnin auf 20000 Liter Wasser). Auch auf mikrochemischem Wege ist das Eindringen mancher Stoffe in die Zelle nachweisbar. So geben Zellen, die einige Zeit in einer Kalisalpeterlösung verweilt haben, nach sorgfältigem Auswaschen mit Diphenylamin - Schwefelsäure ^) intensive Blaufär- bung. Die wichtigsten Aufschlüsse über die Permeabilitätsverhältnisse der Plasmahäute ver- danken wir jedenfalls der indirekten Methode der Plasmolyse. Die Plasmolyse, das Abheben und Ab- rücken des Plasmaschlauches von der Zellmem- bran, tritt bekanntlich ein, wenn Zellen übertragen werden in eine Lösung von derartiger Konzen- tration, daß der osmotische Druck dieser Lösung gleichgroß (oder eigentlich etwas größer) ist als derjenige des Zellsaftes. Der Ausdruck „Plas- molyse" erweckt die falsche Vorstellung des glatten Ablösens des Plasmas von der Membran. In einer eingehenden Studie hat Hecht gezeigt, daß dieses Loslösen nicht so glatt von statten geht. Ein Teil des Plasmas bleibt meist an der Membran haften und es ziehen sich zwischen diesem wand- ständigen Plasma und dem sich zurückziehenden Plasmaschlauch Plasmafäden in großer Zahl aus, die jedoch schließlich alle zerreißen. Diese weit- gehende Zerstörung der ursprünglichen Plasmahaut hat merkwürdigerweise — wie Fitting jüngst festgestellt hat — keinen Einfluß auf die Permea- bilitätsverhältnisse der Zelle. In welcher Weise kann nun überhaupt die plasmolytische Methode Aufschlüsse über die Permeabilität der Plasmahaut geben? Offenbar insofern, als ja Plasmolyse nur eintritt, wenn die Plasmahaut für den in der Außenflüssigkeit ge- lösten Stoff undurchlässig ist. „Die Unfähigkeit zu plasmolysieren kann also die Fähigkeit an- zeigen, durch die Plasmahaut hindurchzudringen" (Höber). Es kann aber auch bei einem Plasmo- lytikum (z. B. bei Glyzerin) die zunächst eingetretene Plasmolyse alsbald zurücl dyadischen System würde die Ziffer lOII = I ■2''-|- I.2'-j-0.2^-|- '•2'= " bedeuten. Da nun die gewöhnlichen elementaren Rechenregeln von N. F. XVII. Nr. 7 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 103 der willkürlichen Wahl der Grundzahl 10 unabhängig sind, gelten sie auch im dyadischen System. Das Beispiel 12. II würde dyadisch so gerechnet werden: IIOO-IOII 10000100 = 22 4- 2' = 4+ 128 = I32._ Schreibt man nun den Multiplikanden dekadisch, so hätte man: I2-I01I = I-I2-|-I.2'-I2-l-0-22.I2+I-2'.I2=I2-(-24+g6. Dies ist aber genau die beireffende russische Multiplikations- methode, da die dort vorgeschriebene fortgesetzte Division durch 2 nichts anderes bedeutet, als die Darstellung dieses Faktors in dya- discher Form, wie man sich leicht überzeugt (vgl. auch den Beweis des Herrn Prof. Heinzerling, S. 495 a. a. O.). Wieweit die dyadische Denkweise jenem russischen Ver- fahren zugrunde liegt, wäre eine interessante völkerpsycho- logische Frage. Man könnte daran erinnern, daß Leibniz bei den Chinesen ein dyadisches Ziffernsystem aufgefunden hat; der große Philosoph und Mathematiker hat darüber eine eigene Abhandlung geschrieben. Das dyadische Zahlensystem erscheint ihm wie ein Symbol der göttlichen Schöpfermacht, weil in ihm aus dem Nichts und der Einheil die ganze Mannig- faltigkeit der unendlichen Zahlenreihe erzeugt würde. Dr. Boerma. Die Wölfe in Ostpreußen 1917. Schon lange Jahre zählte der WÖiT tür OsTpreußen sowie die benachbarten jenseitigen Grenzwälder nur noch zum winterlichen Wechselwild und nicht mehr zum Standwild. Die Befürchtung jedoch, daß infolge des harten und langen Winters und Spätwinters 1917 die dies- mal zahlreicher eingetroffenen Wölfe zum Teil verbleiben und hecken werden, ist eingetroffen. Wenigstens eine Wölfin mit zwei Jungen ist wiederholt gesehen worden. Nachts vernimmt man in den Kreisen Lyck und Oletzko oft das Geheul mehrerer Wulfe. Die Wölfe kommen unmittelbar an Dörfer und Gehöfte heran und haben bereits viel Geflügel und Hunde weggeschleppt, auch Angriffe auf ein Kalb und ein Pferd unternommen. Für den Winter fürchtet man ernste Gefahren für Rinder sowie, einer größeren Mehrzahl von Wölfen gegenüber, für einzelne Erwachsene. Andererseits ist im Winter die Verfolgung der Wölfe leichter, sobald Schnee liegt. — Unter den zahlreichen Erlebnissen mit Wölfen im Felde, im östlichen besetzten Gebiet, ist jetzt auch eins mitzuteilen, das ungünstig ablief. Ein Unteroffizier wurde bei Wilna von zwei Wölfen überfallen, arg zerfleischt und nur durch Zufall gerettet. V. Franz. Geschützfeuer und Wetterlage. Zu der auf S. 614 be- handelten Frage^^b das Geschützfeuer Niederschläge veran- lassen könne, bemerke ich, daß diese Frage auch von A. Stentzel (Hamburg) in seiner Astronomischen Zeitschrift, namentlich im Jahrgang 1916, wiederholt besprochen und nach den bis dahin vorliegenden Erfahrungen aus dem jetzigen Kriege bejaht wurde. Stentzel denkt mehr an die Er- schütterung der Luft als ihre Beladung mit Kunzentrations- kernen. Sinnfällige Zusammenhänge zwischen Geschützfeuer und Wetterlage sind im Felde meines Wissens nicht beobachtet worden, was natürlich nicht besagen soll, das derartige Wir- kungen durch genaue Prüfung nicht nachgewiesen werden könnten. V. Franz. In meiner kleinen Arbeit über die Wünschelrute in Nr. 39, Bd. XVI dieser Zeitschrift habe ich zu meinem größten Bedauern vergessen, einerÄußerung des bekannten, zweifellos hochverdienten Johann Joachim Becher zu gedenken, die er in seiner „Physica subterranea", Leipzig 1703 auf S. 558 widergibt. Er sagt da: Si verum est, quod de Virgula cadente vulgo Wünschelruth perhibent, eam nempe ad metalla inclinari (quod quidem ego nunquam cum successu vidi) certe nuUa alia ratio assignari poterit, quam quod ejusmodi atomi metal- licae exhalent, vulgo Wittern, quae exhalatio virgulam illam ad se arripiat, d. h. frei übersetzt: Wenn das, was man von der fallenden, sog. Wünschelrute berichtet, richtig ist, daß sie durch Metalle abgelenkt, nach ihnen hingezogen werde (was ich nie beobachten konnte), so wird diese Erscheinung nicht anders erklärt werden können, als durch die Annahme, daß Atome von jenen Metallen ausdunsten, sich verbreiten (ver-)Wittern,') und daß die Exhalation der unendlich kleinen Teilchen die Rute an sich zieht. Und was jene kleinen, nicht mehr zu trennenden Teilchen, die Atome, die Grundlagen unserer, jetzt so viel besser ge- und erkannten und begrifflich immer mehr festgelegten Endergebnisse chemischer Trennung der Körper betrifft, so sagt er: Ex metallis, prae- sertira cupro, stauno nee non O r i c h a 1 c o , subtiles atomos prodire, quae naso percipiuntur, praesertim si metalla digito teruntur, ut calefiat paululum, communis sensus olfactus docet ; quomodo vero tam perpetuo transspirent sine amissione virtu- tum et degeneratione subjecti, non ita cuivis obviura est. Credibile tamen, ambientera aerem atorais metallicis quidem nonnihil impleri; ipsum vero aerem metallo novas et perpetuas atomos mutua aliqua communicatione et reaclione communicare: quum metalla, praesertim plumbum, potius ab aüre incremenlum quam decrementum sumere deprehcnditur, d. h. daß aus Metallen, und zwar vornehmlich aus Kupfer, Zinn und ebenso aus Messing sehr kleine Atome entstehen, die mittels der Nase festgestellt werden, und zwar daß das am besten geschieht, wenn man die Metalle mit dem Finger reibt, so daß es warm wird (und das Metall erwärmt), das lehrt der Geruchs- sinn. Wie sie aber immerwährend etwas von sich aushauchen (nach jenem Worte „verwittern") ohne Drangabe der Eigen- schaften der genannten Stoffe und ohne ihre Zersetzung, ') wird nicht ohne weiteres klar. Glaubhaft anzunehmen ist, daß die Luft im Umkreis etwas von den Metallatomen in sich aufnimmt, daß die Luft selbst in gegenseitiger Mit- teilung, oder im Austausch mit dem Metall immerwährend Atome abgibt, wie es ja bekannt ist, daß Metalle, besonders Blei durch die Luft eher eine Gewichtszunahme (durch Oxyda- tion) als Abnahme erfährt. Daß eine solche Abgabe kleinster Stoffteile tatsächlich stattfindet, und daß sie kraftvoll wirken, ist nachgerade experimentell festgestellt. Hätte Becher das Hantieren mit einer Wünschelrute und ihre Bewegung gesehen, dann hätte er sie sich am Ende doch nicht so erklärt, wie er es hier getan, er hätte wohl auch nicht von einer fallenden, einer Virgula cadens (vielUeicht in Erinnerung an den Caduceus des Götterboten) gesprochen. Was Becher aber sagt, ist so wenig es zur Klärung der immer noch umstrittenen Frage bei- trägt, so bezeichnend auch für den Denker Becher, daß es eine Wiedergabe verdient. Die Wünschelrute dürfte ewig unter den Fragen stecken bleiben, von denen Shakespeare sagen läßt: Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt. ') Hermann Schelenz. Zum Artikel in der Naturw. Wochenschr. 32. Bd. S. 581 „Über das Familienleben der Störche" erlaube ich mir einige Mitteilungen: Bei der von mir vorgenommenen Erforschung der säch- sischen Storchnester habe ich reichhaltiges Material auch über Besetzung, Besitzwechsel usw. der Nester gesammelt, das sich ') Das Wort, das mit Wetter zusammenhängt („es wittert gut, schlecht" usw. = es ist gutes oder schlechtes Wetter, da- -neben „ich wittere Morgenluft", durch spürendes Wahrnehmen, in erster Reihe wohl mit der Nase), wird wohl allein kaum noch gebraucht. Es ist von Becher jedenfalls für seine Er- klärung gut gewählt. Folgerecht konnte man damals auch vom Verwittern (des Kristallwassers u. dgl ) sprechen. -) Ob Becher von tatsächlichem Stoffverlust, wie wir ihn jetzt bei Radium usw. mit Recht annehmen, nicht spricht, weil er ihn für selbstverständlich ansieht, oder weil er nicht Möglichkeit denkt, kann ich nicht sagen. 3) Graf Carl von Klinckc spri :ht in Berichterstattung über meine Arbeit in den „Mitteil, der deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin" seine, früher schon in einem Buche über die Wünschelrute veröffent- lichten Ansichten über sie und über mich, in einem Tone aus, der ungewöhnlich klingt. Für alle Fälle möchte ich auf sie hinweisen. Daß ich das genannte Buch nicht erwähnte, kann meines Erachtens nicht übel gedeutet .werden. Auch andere hergehörige Arbeiten erwähnte ich nicht und hatte gar keine Ursache, das zu tun. 104 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. 7 zuweilen auf mehrere Jahrzehnte erstreckt. •) Ein ähnlicher hochinteressanter Fall, wie ihn E. Zieprecht angibt, ist mir nicht bekannt geworden, wohl aber andere Fälle von „Wieder- verehelichungen" verwitweter Störche, n.ichdem sie längere Zeit vereinsamt gelebt haben. In der einst sehr storchreichen Lausitz spricht der Volksmund von sieben Trauerjahren. Nach meinen Beobachtungen ist die mit erschreckender Schnelligkeit zunehmende Entvölkerung der Storchnester zum größten Teil auf Unglücksfälle an den Hochspannungsdrähten der immer weiter ausgebauten elektrischen Überlandzentralen zurückzuführen. Die seit Erbauung der Gröbacr Überland- zentrale in der Großenhainer Gegend leerstehenden Storchnester, deren Zahl zurzeit auf 17 von 20 überhaupt vorhandenen Nestern angewachsen ist, legt davon beredtes Zeugnis ab. Am allge- meinen Rückgang der Störche mögen auch zahlreiche Todes- fälle in den Winterquartieren in Südafrika Schuld tragen. Zur Bekämpfung der Heuschreckenplage werden dort Spritzungen mit Arsenikflüssigkeit vorgenommen. Die Störche fressen die vergifteten Heuschrecken und gehen daran ein. In hiesiger Gegend ist beobachtet worden, daß Störche mit Phosphor ver- giftete Mäuse aufgenommen haben und daran zugrunde gegangen sind. Aus den genannten beiden Gründen bietet sich deshalb oft Gelegenheit, Beobachtungen an Nestern anzustellen, aus denen ein Insasse verloren gegangen ist. Kommt während der Brutzeit oder während der Flugun- fähigkeit der Jungen ein alter Storch abhanden, so gehen nach meinen Beobachtungen Eier oder nicht flügge Junge stets zu- grunde. Der allein übrig gebliebene Storch muß, vom Hunger getrieben, die Eier so lange verlassen, daß sie nicht erbrütet werden können. Schon vorhandenen Jungstörchen kann ein alter Storch allein in den seltensten Fällen das nötige Futter zutragen. Das Schicksal des übriggebliebenen Storches ist verschieden- In vielen Fallen wandert er ab, das Nest bleibt leer stehen. Das dürfte — mit Bestimmtheit möchte ich's nicht sagen! — dann der Fall sein, wenn der männliche Storch übrigge- blieben ist. Übriggebliebene Weibchen hallen fast immer jahrelang treu zum Neste, legen auch zuweilen unbefruchtete Eier. In einem mir bekannt gewordenen Falle gesellte sich nach 3 Jahren wieder ein Männchen zu einer Storchwitwe, in einem andern Falle nach 6 oder 7 Jahren. In einem, nicht völlig aufgeklärten Falle soll im Frühjahre vor dem Brüten eine neue Paarung stattgefunden haben, nachdem ein Gatte einige Tage vorher verunglückt war. Aus zwei Nestern gingen im Jahre 1912 die Männchen verloren; die Weibchen leben heute noch ungepaart, und kommen alljährlich zum Neste zurück, eins legte mehrmals. Wenn ein Storch nicht durch besondere Merkmale kennt- lich ist, kann die Behauptung, der Storch habe sich neu ge- paart, nicht ohne weiteres aufgestellt werden, wenn sich zwei Störche im Neste zeigen. Mehrfach wurde festgestellt, daß ein neues Paar den Einsiedler vertrieben hat, oder daß er nach mehrjährigem Aushalten abgewandert ist und das Nest einem neuen Paare freiwillig überlassen hat. A. Kien gel, Meißen. Die Oszillation des Rheinspiegels. Auf S. 677 — 679 des Jahrgangs 1907 der Nalurw. Wochenschr. hat Herr Albert Hofmann interessante Beobachtungen über eine schlangen- förmige Bewegung des Rheinwassers veröffentlicht, an welche er die Frage knüpft, ob die beobachtete Oszillaiion allen Flüssen gemeinsam sei. Diese Frage kann im Prinzip bejahend beantwortet werden, wenigstens so weit Tieflandsflüsse in Be- tracht kommen. Es handelt sich hier um eine der vielen Er- 'j Vgl. A. Kiengel, Störche und Storchnester im öst- lichen Sachsen. Sondeiabdruck aus Mitteilungen des Landes- vereins Sächsischer Heimatschutz. Scheinungsformen eines allgemeinen geographischen Gesetzes, das man am einfachsten und verständlichsten folgendermaßen ausdrücken kann: Wenn eine Wasser- oder Luft- masse sich in strömender Bewegung befindet, so besteht das Bestreben, den Grenzflächen dieser Masse eine Wogenform aufzuzwingen. Das be- kannteste Beispiel hierfür sind die Meereswellen, die, wie zu- erst H. v. Helmholtz im Jahre 1888 nachgewiesen hat,') dadurch entstehen, daß eine Luftmasse sich mit größerer Ge- schwindigkeit über eine Wassei fläche dahinbewegt. Später erkannte man, daß auch der bewegliche Dünensand dieser Tendenz unterliegt, wobei natürlich die Annäherung an die von der Theorie geforderten Formen nicht so weitgehend sein kann, wie bei dem leicht beweglichen Wasser, weil die Material- verscbiedenheit eine schnelle Anpassung an die Wellrnformen nicht zuläßt. =) Schließlich hat sich auch die Entstehung der Mäander eines Flusses auf dasselbe Prinzip zurückführen lassen.') Sobald das Gefälle eines Flusses so klein wird, daß die Schwer- kraft nicht mehr die Bewegung des Wassers beherrscht, können sich auch die Wirkungen geringerer Kräfte bemerkbar machen. Dann arbeitet die Tendenz zur Wogenform so lange an den Ufern des Flusses, bis es zur Ausbildung von Mäandern ge- kommen ist, deien Größe und Gestalt von der Wassermenge sowie der Strömungsgeschwindigkeit abhängen. Die Fluß- mäander sind demnach als dynamische Gleichgewichtsformen zu betrachten. Wird der Fluß jedoch durch Einfassung mit Steinmauern, durch Uferschutzbauten, oder in anderer Weise an der Erreichung jenes Gleichgewichtszustandes gehindert, so läßt sich das Bestreben zur Schaffung von Mäandern daran erkennen, daß der Stromstrich sich von einem Ufer zum anderen schlängelt. Er pendelt um die Mittellinie des Slromlaufes, und diese Pendelung läßt sich gelegentlich bei kleinen Flüssen von der Mitte einer Brücke gut beobachten. Bei breiten Flüssen, wie dem Rhein, ist eine solche direkte Beobachtung nicht möglich. Um so dankenssverter ist die sorgfältige Unter- suchung des Verfassers der oben erwähnten Mitteilung, die eine wesentliche Lücke unserer hydrographischen Kenntnisse ausfüllt und gleichzeitig die dargelegte Anschauung von dem Wesen der Flußmäander bestätigt. Otto Baschin. Berichtigung zu S. 594, Bd. XVL Mein Zitat aus dem Werke des Pigaf et ta ist der Ausgabe des Originaltextes in der Raccolta Colombiana F. V. Vol. 111 (Roma 1894) P- 99 ent- nommen, welche Stresemann unbekannt blieb. Hier steht (zweimal) tordo und bolon-dinata. Die römische Ausgabe des Briefes des Transsilvanus (erschienen Novbr. 1523) ist nur ein Nachdruck der Kölner editio princeps vom Januar 1523, von der C. H. Coote in seiner Schrift: „Johann Schoener, professor of mathematics at Nuremberg" ( London 1888) ein Faksimile veröffentlicht hat. Der Originalentwurf dieses Briefes hat sich vor wenigen Jahren im Archiv des Katharinenspitals zu Regensburg vorgefunden (vgl. den Auf- satz von B. Sepp in den Hislor. polit. Blättern 151. Bd. (1913) S. 321 f.). Ihm verdanke ich die angeführte Stelle, an der nichts zu ändern ist. Seb. Killermann. ') H. v. Helmholtz, Über atmosphärische Bewegungen. Sitzungsberichte der Königl. Preuß. Akademie der Wissen- schaften zu Berlin, 1888, S 647—663. '-) O. Baschin, Die Entstehung wellenähnlicher Ober- flächenformen. Ein Beitrag zur Kymatologie. Zeitschr. d. Gesellschaft f. Erdkunde zu Berlin, 1899, U, S. 408-424. ') O. Baschin, Das dynamische Gleichgewicht der Erd- oberfläche. Ebenda, 1915, S. 634—639. — Die Entstehung der Flußmäander. Petermanns Geographische Mitteilungen, Gotha, 1916, 6-.', S. I6. Inhalt I Friedrich Weber, Die Permeabiltät der Pflanzenzellen. S. Ein Beitrag zur B.-gattungsfrage der Schnecken. (12 Abb.) S. 95. der Juden. S. 98. H. Zimmermann, Die Kohlwanze. S. 99. J S. 100. K. Korff, Schädigungen durch Erdraupen. S. 100. W. S. 101. Heikertinger, Das Gift der „Spanischen Fliege''. S. I plikationsverfahren. S. 102. Die Wöltf rufe. S. 103. Über das Familienleben d( 9. Kleinere Mitteilungen: A. Zimmermann, - Einzelberichte: Kollmann, Zur Anthropologie Dewitz, Über die Braunfärbung gewisser Kokons, srael, H. Granvik, Ungewohntes im Vogelleben. — Anregungen und Antworten : Russisches Multi- .. Ostpreußen 1917. S. 103. Geschüizleuer und Wetterlage. S. 103. Wünschel- Störche. S. 103. Die Oszillaiion des Rheinspiegels. S. 104. Berichtigung. S. 104. Minuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Verlag von Gustav Fischer in Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. Berlin N Jena. m. b. H., Naumburg alidenstrafie 42, erbeten, d.s. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge 17. Band; der ganzen Reihe 33. Band. Sonntag, den 24. Februar 1918. Nummer 8. Neue Wege der phylogenetischen Pflanzenanatomie. [Nachdruck verboten.] Der phylogenetischen Pflanzenanatomie hat man in Deutschland niemals großes Interesse ent- gegengebracht. Der Grund dafür liegt zum Teil darin, daß der Begründer dieser P^orschungsrichtung, vanThiegem, in Paris wirkte und fast nur französische und englische Schüler fand, weil die Aufmerksamkeit der deutschen Pflanzenanatomen damals — es war in den siebziger Jahren — so- weit sie sich überhaupt für allgemeinere Fragen interessierten, durch Schwendener's „Mecha- nisches System" von der neuen physiologischen Pflanzenanatomie gefesselt wurde. Dieses zufällige Zusammentreffen würde aber kaum die dauernde Vernachlässigung der phylogenetischen Pflanzen- anatomie bei uns veranlaßt haben, wenn nicht folgender sachliche Grund im selben Sinne gewirkt hätte. Die von vanThiegem begründete Dis- ziplin macht es sich, wie ihr Name sagt, zur Auf- gabe, die Ergebnisse der Gewebelehre für die Stammesgeschichte des Pflanzenreiches zu ver- werten. Das kann sie aber nur, wenn sie in engster Verbindung mit der Paläobotanik bleibt und ihre Ergebnisse an den Zeugnissen der fossilen Pflanzenreste kontrolliert. Solche Zeugnisse finden sich nun bei uns sehr spärlich, während besonders in England die Verhältnisse viel günstiger liegen. Deshalb konnte sich trotz einzelner hervorragender Forscher auf diesem Gebiet, wie des Grafen So 1ms, eine eigentliche Phytopaläontologie in Deutschland nicht entwickeln. Damit fehlte die Vorbedingung fürdasGedeihen derphylogenetischen Pflanzenanatomie, und es ist daher kein Wunder, daß dieser Wissenszweig eine Domäne der franzö- sischen, englischen und später amerikanischen Botaniker blieb. Auch in Zukunft werden wir uns voraussichtlich an diesen F'orschungen nicht aktiv beteiligen können; das ist aber kein Grund, ihre Resultate fast vollständig zu ignorieren, wie das bisher bei uns geschehen ist. Mag selbst manches davon, wie eine Reihe von Arbeiten der amerikanischen Schule, einer strengen Kritik nicht standhalten '), so gibt es doch andere, die man später zweifellos zu den klassischen Werken der Botanik rechnen wird und die, obwohl schon zehn bis zwanzig Jahre alt, bei uns völlig unbekannt geblieben sind. Ich meine damit die Studien L. Chauveaud's über die Phylogenie des Gefäß- bündelsystems. ") Von Wilhelm Nienburg. Mit 26 Abbildungen im Text. Die Versuche, die Stammesgeschichte der Ge- fäßbündel zu erklären, sind so alt, wie die phylo- genetische Anatomie überhaupt. Ja, man kann sogar sagen, daß sie das immer als ihre Haupt- aufgabe betrachtet hat. Ist doch die berühmte Stelärtheorie, die van Thieghem seinerzeit auf- stellte und die seitdem den meisten seiner Schüler und Nachfolger als Arbeitshypothese vorgeschwebt hat, nichts anderes als ein Versuch, die verschie- denen Typen der Gefäßbündelanordnung auf einen Urlypus, aus dem sie sich entwickelt haben sollten, zurückzuführen. Das Ziel, das Chauveaud ver- folgte, ist also nicht neu, wohl aber seine Methode. Während man sich vor ihm der statischen Methode bediente, hat er die dynamische eingeführt. Was das heißt, läßt sich am besten an einem bestimmten Fall erläutern. Wenn es sich z. B. darum handelte, die morphologischen und phylogenetischen Be- ziehungen zwischen der so verschiedenartigen Struktur des Stammes und der Wurzel zu unter- suchen, so pflegte man früher folgendermaßen zu verfahren. Man ging aus von dem ganz richtigen Gedanken, daß die Sämlingsanatomie für dieses Problem von besonderer Wichtigkeit sein muß. Denn im Sämling haben wir ein vollständiges und dabei einfaches Gefäßsystem, welches an einem Ende der primären Wurzel und am anderen dem primären Stamm der Pflanze angehört. Es muß deshalb eine Zwischenregion geben, in der die Stammstruktur in die Wurzelstruktur übergeht, und die Art und Weise dieses Übergangs müßte, wenn sie die Beziehungen zwischen ihnen beiden nicht vollständig aufklärt, diese doch wenigstens vermuten lassen. Deshalb untersuchten die Ana- tomen der statischen Schule die Keimlinge mög- lichst vieler Pflanzengruppen, indem sie sie auf verschiedenen Niveaus schnitten, die Beobachtungen beschrieben und miteinander verglichen. Aber es handelte sich dabei immer um einzelne Individuen unbestimmten Alters. Chauveaud dagegen untersuchte von jeder Art Keimlinge aller Alters- und Entwicklungsstufen, und deckte auf diese Weise die gesamte Ontogenie des Gefäßbündel- systems auf. Diese dynamische Methode hat ihren Wert durch die Fülle wichtiger Tatsachen, die sie zutage förderte, bewiesen. Sie werden immer ihre Bedeutung behalten, wie man sich auch später zu den theoretischen Folgerungen stellen mag, die ihr Entdecker daraus zieht. Wir wollen des- ») Vergleiche das Referat von Kräusel, R., Die Bedeu- tung der Anatomie lebender und fossiler Hölzer für die Phylogenie der Koniferen (Naturw. Wochenschr., 1917, 32, Chauveau* 305 — 311). laires et les *) Vergleiche besonders die zusammenfassende Darstellung ; nat. bot., 9. , G., L'appareil conducteur de; phases principales de son evolu ierie, 191 1, 13, 113—436). i06 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. « halb zunächst einmal diese Tatsachen an einem anschaulichen Beispiel klarlegen. Wir wählen dazu den Keimling von IVIercurialis annua. Dessen Wurzel zeigt im jugendlichen Stadium auf dem Querschnitt zwei Siebröhren- oderPhloem- bündel (Fig. 2 p) und zwei Gefäß- oder Xylem- bündel (Fig. 2 x), miteinander abwechselnd in einem Kreise angeordnet. Die Gefäße des Xylems diffe- renzieren sich in einer ziemlich regelmäßigen radialen Reihe, in der die ältesten mit dem kleinsten Durch- messer außen stehen und die jüngsten, weiteren, innen. Die Siebbündel werden aus Kiementen ge- bildet, deren Differenzierung wenig ausgesprochen ist, und deren Zahl lange Zeit gering bleibt. Wenn man von der Wurzel weiter nach oben geht, so sieht man, daß in der Übergangsregion zwischen Wurzel und Hypokotyl, dem sogenannten Wurzelhals (vgl. Fig. i) die beiden Siebröhren- bündel sich gabeln, und ihre Äste sich mehr von- einander trennen. Die Folge davon ist, daß man schon im unteren Teil des Hypokotyls statt zwei vier Phloembündel fin- det, die in den vier Ecken eines Quadrates angeordnet sind (Fig. 3p). DieXylem- bündel dagegen bleiben im ganzen Hypokotyl unverzweigt (Fig. 3x), so daß sie eine gerad- linige Fortsetzung der beiden Wurzelbündel bilden. Sie liegen in derselben Ebene, ihre Differenzierung erfolgt in derselben zentripe- talen Weise, von außen nach innen fortschrei- tend, und auch die mit denSiebröhren abwech- selnde Anordnung auf einer Kreislinie ist bei- behalten, nur daß jetzt zwischen den Gefäß- gruppen je zwei Siebgruppen stehen. In der oberen Hälfte des Hypokotyls wird das Bild da- durch etwas verändert, daß auf dieser ersten Ent- wicklungsstufe hier weniger Gefäße ausgebildet werden als im unteren Teil. Während dort fünf Gefäße vorhanden sind (Fig. 3 x), findet man gleich- zeitig an der Spitze des Hypokotyls nur etwa drei (Fig. 4x). Außerdem sind die Gefäßbündel hier dem Zentrum etwas mehr genähert, so daß sie nicht mehr auf genau derselben Kreislinie stehen wie die Siebbündel (Fig. 4). Die alternierende Anordnung aber wird im ganzen Verlauf bei- behalten, sogar bis in die Kotyledonen. In deren Basis liegen zwei Phloembündel, die diejenigen der einen Hypokotylhälfte fortsetzen. Zwischen ihnen findet sich ein medianes Xylem- bündel, welches die direkte F"ortsetzung des einen aus dem Hypokotyl und damit aus der Wurzel ist (Fig. 5). Die Gefäße differenzieren sich in der Richtung von außen nach innen wie die des Abb. I. Dikotylenkeimling. i — b Wurzel, b — c Wurzelhals, ; — d Hypokotyl, k Kotyledonen, s Stammknospe. Hypokotyls und der Wurzel und wie diese sind sie alternierend angeordnet. Die Kotyledonen behalten diesen Bau aber nicht in ihrer ganzen Länge. Es ist nur ein kurzes Stück, in dem er vorhanden isi. Oberhalb davon nähern sich die beiden Siebgruppen einander, und zwar umso mehr, je weiter sie sich von der Basis entfernen, so daß Abb. 2. Nach Chauveaud. sie von einer gewissen Höhe an in der Median- ebene des Keimblattes miteinander vereinigt sind. Die so entstandenen beiden Doppelbündel ent- sprechen aber nicht je einem Phloembündel der Wurzel, weil die sie zusammensetzenden Hälften von verschiedenen Phloembündeln der Wurzel herstammen. Man erkennt das leicht am Vergleich der Figuren 2, 3, 4 und 5, die alle gleichmäßig orientiert sind. Diese Änderung im Verlauf der Siebbündel im Kotyledon wird von einer entsprechenden Modi- fikation des Xylems begleitet. Die ersten Gefäße, die sich auf diesem Niveau differenzieren, wechseln nicht mehr mit den Siebbündeln ab, sondern sind ihnen gegenüber angeordnet. Das ist nicht über- raschend, weil das Xylembündel von vornherein N. F. XVII. Nr. 8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 107 Abb. 5. Abb. 7, Abb. 4 — II nach Chauveaud. io8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. S median verlief, wie jetzt aucli das Siebbündel. Auffallend ist, daß die Ausbildung der Gefäße hier nicht mehr zentripetal, sondern zentrifugal, von innen nach außen fortschreitend, erfolgt. Um diese Veränderungen gut zu verstehen, müssen wir sie an anderen Stellen studieren, wo sie sich in verschiedenen Phasen vollziehen, die leicht zu verfolgen sind. neuen Gefäße nennt Chauveaud, weil sie Über- gangsgebilde darstellen, „intermediäre" Gefäße. In den oberen Teilen des Hypokotyls tritt dieses zweite Stadium der Entwicklung schon früher auf. Während an der Basis noch die Differenzierung der alternierenden Gefäße fortschreitet, entstehen oben schon die ersten intermediären (Fig. 7x1). Sie stehen ebenfalls rechts und links von den Abb. 12—16 nach Chauveaud. Zu diesem Zwecke wollen wir uns wieder dem Hypokotyl zuwenden und an Keimlingen ver- schiedenen Alters die Entwicklung des Leitungs- systems verfolgen. Wir haben gesagt, daß jedes der beiden Xylembündel an der Basis des Hypo- kotyls ursprünglich aus etwa fünf Gefäßen gebildet ist, die alternierend angeordnet sind und sich in zentripetaler Richtung entwickeln. Diese Gefäße finden sich auch im älteren Hypokotyl wieder (Fig. 6x), aber seitlich von den zuletzt entstan- denen sind andere ausgebildet (Fig. 6xi). Diese alternierenden, sind aber gewöhnlich durch ein oder zwei Parenchymzellen von ihnen getrennt. Auch sonst können sie eine gewisse Unregelmäßig- keit in bezug auf Zahl und Stellung aufweisen, wie die Fig. 8 zeigt, die ein etwas älteres Stadium als Fig. 7 darstellt. Verfolgt man den Verlauf der Gcfäßbündel auf dieser Entwicklungsstufe in die Kotyledonen hinein, so trifft man auch hier die intermediären Gefäße in ähnlicher Ausbildung wie im oberen Teile des Hypokotyls an (Fig. gxi). Wir sehen also, daß die alternierende Stellung N. F. XVII. Nr. 8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 109 der Gefäßbündel, die ursprünglich nicht nur in der Wurzel, sondern bis auf die oberen Partien der Kotyledonen in allen Teilen des Keimlings herrscht, durch die neu auftretenden intermediären Gefäße undeutlich gemacht wird. Auf den weiteren Phasen tritt dieser Prozeß noch stärker hervor. Der nächste Schritt ist, daß die alternierenden Xylembündel zu verschwinden anfangen. Unter- suchen wir einen Keimling dieser dritten Ent- wicklungsstufe im unteren Teile des Hypokotyls, so sehen wir, daß an der Stelle der alternierenden Gefäße sich jetzt nur eine undeutliche, verschleimte Masse befindet, die an der dunklen Färbung leicht kenntlich ist: die Gefäße werden resorbiert (iMg. 10 x). Dies vollzieht sich in derselben Reihen- folge, in der die Gefäße entstanden sind, zuerst werden die ältesten, äußersten, deformiert und die jüngeren folgen. Gehen wir weiter nach oben in die Spitze des Hypokotyls, so zeigt sich hier das- selbe Bild (Fig. 1 1 x), und auch in den Kotyle- donen greift dieser Vorgang Platz (Fig. 12 x). Gleichzeitig wird aber für Ersatz gesorgt. An- schließend an die intermediären entstehen neue Gefäße, die in einem nach außen gehenden Bogen angeordnet sind (Fig. loxs). Infolgedessen kom- men sie in eine gerade über den Phloembündeln liegende Stellung, weshalb Chauveaud sie „superponierte Gefäße" nennt. Sie unterscheiden sich von den alternierenden und den intermediären außer durch ihre Stellung auch dadurch, daß sie sich nicht mehr in zentripetaler, sondern in zentrifugaler Richtung entwickeln. Deutlicher als in der Basis des Hypokotyls sind die superponierten Gefäße schon frühzeitig an seiner Spitze differenziert (Fig. iixs), und am weitesten ist die Entwicklung in der Basis der Keimblätter vorgeschritten. Hier finden wir bei demselben Keimling, bei dem unten die allerersten superponierten Gefäße entstehen, schon sehr viele ausgebildet (Fig. 12 xs). Das vierte Stadium äußert sich darin, daß nun auch die intermediären Gefäße verschwinden. Dies geht ebenfalls unten langsamer vor sich als oben. Während an der Basis des Hypokotyls noch nichts davon zu spüren ist, und die weitere Entwicklung sich nur dadurch dokumentiert, daß auch die letzten Spuren der alternierenden Gefäße resorbiert und mehr superponierte ausgebildet sind (Fig. 13), ist gleichzeitig an seiner Spitze von den inter- mediären Gefäßen nur noch ein schwarzer Strich (Fig. I4xi) übriggeblieben. Noch schneller verläuft die Entwicklung in der Basis der Kotyledonen. Hier sind schon in der Figur 12, die wir oben erwähnten, weil der dar- gestellte Zustand gleich alt ist mit dem dritten Stadium der Hypokotylentwicklung, alle inter- mediären Gefäße verschwunden (Fig. 12 xi). Als fünftes und letztes Stadium in der Gefäß- bündelentwicklung des Keimlings kann man das- jenige unterscheiden, in dem zwischen den super- ponierten Gefäßen und den Siebröhren das Kambium entsteht, das dann durch fortgesetzte Zellteilungen nach innen Gefäße und nach außen Siebröhren erzeugt. Es ist ein sogenanntes sekun- däres Teilungsgewebe, im Gegensatz zu dem pri- mären in den Vegetationspunkten der Pflanze, dem alle bisher geschilderten Leitungselemente ihre Entstehung verdanken. Man stellt sie daher als primäre Gefäße bzw. Siebröhren den vom Kambium erzeugten sekundären gegenüber. Mit diesem Auf- treten des sekundären Zuwachses ist der endgültige Zustand in der Anordnung der Leitungselemente erreicht. Fig. 14 zeigt seinen .-Anfang in dem oberen Teile des Hypokotyls, die sekundären Ge- fäße sind mit x2 bezeichnet. Sie bilden fortan radiale, zentrifugal nach außen gerichtete Reihen, die in der Basis der Kotyledonen schon viel früher deutlich zu erkennen sind (Fig. 12 xs). Wir sehen also, daß in allen Teilen des Keim- lings von der Wurzel bis in die Kotyledonen hinein zunächst die alternierende Anordnung herrscht, daß diese dann abgelöst wird durch die inter- mediäre und die wieder durch die superponierte, bis schließlich überall mit dem Auftreten des Kambiums der sekundäre Zuwachs Platz greift. Der einzige Unterschied ist, daß diese Entwick- lungsreihe von den verschiedenen Teilen des Keim- lings ungleich schnell durchlaufen wird. Am langsamsten geht es in der Wurzel und am schnell- sten in den Kotyledonen. Wenn in der Basis des Hypokotyls neben den alternierenden Gefäßen die intermediären entstehen (Fig. 6), werden in der Spitze des Hypokotyls die ersten superponierten angelegt, während die alternierenden resorbiert werden (Fig. 1 1), und in der Basis der Kotyledonen sind gar auch schon die intermediären verschwunden und es ist bereits zum sekundären Zuwachs ge- kommen (Fig. 12). Chauveaud nennt diese Erscheinung die „basifuge Beschleunigung" der Entwicklung. Er erklärt durch sie die von uns schon erwähnte Tatsache, daß in den oberen Teilen der Kotyledonen die beiden ersten Phasen gar nicht zu entdecken sind, sondern die Entwicklung gleich mit der superponierten Phase beginnt: die Dauer der ersten beiden Phasen wird oben so kurz, daß sie schließlich ganz unterdrückt werden. Daher kommt es, daß auch alle Organe oberhalb der Kotyledonen, der Stamm, die Blätter usw. nur superponierte Gefäßbündel aufweisen. Plinen ganz entsprechenden Entwicklungsgang, wie wir ihn hier für Mercurialis annua schilderten, hat nun Chauveaud für eine große Zahl anderer Pflanzen aus den verschiedensten Familien nach- gewiesen, und die vfenigen Anatomen, die ihm in der Benutzung der dynamischen Methode gefolgt sind, haben seine Ergebnisse voll bestätigt. Bei ihrer Wichtigkeit scheint es gut, sie sich mit Hilfe von ein paar schematischen Figuren noch einmal zu vergegenwärtigen, zumal wir da- bei noch einiges nachtragen können. Immer findet man als erste Phase die alternierende. In Fig. 15 ist wieder der einfachste Fall dargestellt, daß zwei Phloem- mit zwei Xylemgruppen abwechseln, und zwar ist der Platzersparnis halber nur die eine Xylemgruppe wiedergegeben. Die Reihenfolge Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 8 ihrer zentripetalen Entstehung ist durch die sich dort nicht gut erkennen lassen. Chauveaud Numerierung der Gefäße bezeichnet. Fig. i6 zeigt hat sie aber bei anderen Pflanzen deutlich verfolgt, die Entstehung der ersten intermediären Gefäße In Fig. 17 und 18 ist die Entwicklung der inter- m^ 8^S f.. \\0> Abb. 18. 17—19 nach Ch j und das Verschwinden des ältesten alternierenden, mediären Elemente weiter fortgeschritten. In Außerdem sieht man, daß beim Phloem ganz ent- Fig. 18 sind die alternierenden Gefäße sämtlich sprechende Vorgänge Platz greifen : die ältesten resorbiert, so daß das Xylembündel sich scheinbar Schematische Darstellung des Überganges d . Alternierendes ^ Phloem zentripetales X/Iem Wurzelstruktur in die Stammesstruktur. termediares [ Verschwindendes ^^ Superponiertes Xylem Xylem zentrifugales Xylem 1. Stadium. 2. Stadium. 3. Stadium. 4. Stadium. Auf Grund von Chauveaud's ontogenetischen Untersuchungen. Origina Abb. 20. alternierenden Siebröhren pa verschwinden und werden durch intermediäre ersetzt. Bei unserer Schilderung von Mercurialis haben wir diese Ver- änderungen des Phloems vernachlässigt, weil sie verdoppelt hat. In Fig. 19 sind die ersten super- ponierten Gefäße gebildet, die Striche f sollen die darauf folgenden sekundären Bildungen andeuten. Um zu verstehen, welch einen Fortschritt diese N. F. XVII. Nr. 8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Chauveaud 'sehen Feststellungen bedeuten, muß man sich vergegenwärtigen, wie nach den Vor- stellungen der alten Schule der Übergang von der Wurzel- in die Stammstruktur vor sich gehen sollte. Bonnier hat davon ein Schema ent- worfen, das in alle Lehrbücher übergegangen ist. Danach (s. Fig. 20 links) führen die Xylemteile im Hypokotyl gleichzeitig eine Spaltung und Drehung aus, so daß oben doppelt so viel Xylem- teile vorhanden sind wie unten, und daß die oberen sich zentrifugal und die unteren sich zentripetal entwickeln. Diese Auffassung hat immer etwas Gezwungenes und Doktrinäres an sich gehabt und hätte sich wohl nie so stark eingebürgert, wenn sie nicht von der Autorität van Thieghem's gestützt worden wäre. Dieser erblickte in der Drehung und Spaltung der Wurzelbündel einen Beweis für ihre Identität mit denen des Sprosses, was wieder ein Hauptargument für die Stelär- theorie war. Mit den anatomischen Tatsachen war die alte Vorstellung nur so lange vereinbar, als man die statische IVIethode anwandte und sich damit begnügte, ein einziges älteres Keimlings- stadium zu untersuchen. Daß man dabei zu solchen Resultaten kommen kann, zeigt das vierte Stadium der ontogenetischen Keimlingsentwicklung in Fig. 20. Da hier die alternierenden Gefäße im oberen Hypokotyl bereits spurlos verschwunden sind und die intermediären auch schon resorbiert werden, muß es für einen Beobachter, der die vor- hergehenden Stadien nicht kennt, den Eindruck machen, als ob die aus der Wurzel kommenden beiden Xylembündel sich im Hypokotyl spalten und drehen. In Wirklichkeit trifft aber beides nicht zu. Wir wissen ja, daß zu Anfang die alter- nierenden, zentripetalen Bündel bis in die Kotyle- donen durchgehen (Fig. 20 rechts, erstes Stadium). Hier kann also von Drehung und Spaltung gar keine Rede sein. Aber auch später bilden sich die superponierten, zentrifugalen Bündel nicht durch Drehung und Spaltung der Wurzelbündel, sondern diese verschwinden völlig und die superponierten treten an ihre Stelle, wobei die ebenfalls ephemeren intermediären den Übergang vermitteln. Die alternierenden Bündel der Wurzel und die superpo- nierten des älteren Hypokotyls sind also gar nicht identisch, und es ist deshalb ganz absurd, davon zu sprechen, daß die Wurzel- bündel beim Übergang in den Stamm sich spalten und drehen sollen. Daß die richtige Erkenntnis dieser Verhältnisse so lange gedauert hat, hängt wohl hauptsächlich mit der basifugen Beschleunigung der Entwicklung zusammen, die wir schon berührt haben, auf die aber an der Hand des Schemas noch einmal hin- gewiesen sei. Wir sehen daran, daß im zweiten Stadium, wo in der Wurzel das zentripetale Wachs- tum noch weiter geht, im unteren Hypokotyl die ersten intermediären und im oberen schon die ersten superponierten Gefäße entstehen. Das alter- nierende Xylem ist in der Wurzel und im unteren Hypokotyl noch intakt, in seinem oberen Teil ist es im Begriff zu obliterieren und in der Basis der Kotyledonen ist es schon verschwunden. Verfolgen wir das dritte und vierte Stadium, so finden wir ganz entsprechende Verhältnisse. Am klarsten tritt die Erscheinung aber hervor, wenn wir die verschiedenen Stadien auf demselben Xiveau ver- gleichen, also die Figuren in horizontaler Reihe durchgehen. Dann sehen wir, daß die Wurzel im vierten Stadium erst bis zur Entwicklung von intermediären Gefäßen vorgeschritten ist, daß im unteren Hypokotyl im vierten Stadium bereits die ersten superponierten entstanden sind und daß man diese im oberen Hypokotyl schon im zweiten .Stadium findet. Diese starke Beschleunigung der Entwicklung in den oberen Teilen des Keimlings kompliziert die Dinge sehr. Außerdem muß man bedenken, daß das von uns gegebene Schema, das sich an den MercurialisFall anschließt, für andere Fälle starke Abwandlungen erfahren müßte. Es kann sich z. B. um einen Typus mit mehr als zwei □ CO u ^ • "" a D 0-' * .■\bb. 21. .\bb. 22. Nach Chau veaud. Bündelpaaren in der Wurzel handeln, oder eine andere Kotyledonenzahl (Monokotylen, Gymno- spermen), auch gehen die alternierenden Bündel nicht immer bis in die Kotyledonen hinein. Aus all diesen verschiedenen Typen hat Chauveaud das sie sämtlich verbindende Prinzip herausgeschält, das ist sein großes und dauerndes Verdienst. Er hat sich aber damit nicht begnügt, sondern auch versucht, seine Entdeckungen für die Phylo- genie nutzbar zu machen. Er sieht, indem er sich auf das bekannte Gesetz von Fritz Müller stützt, das Haeckel das „biogenetische Grund- gesetz" nannte, in den verschiedenen Phasen der bntogenie ebensoviele Etappen der phylogene- tischen Entwicklung des Gefäßbündelsystems. Die drei uns bisher bekannt gewordenen Phasen er- gänzt er dabei nach unten und nach oben, so daß er dann eine geschlossene Reihe sämtlicher Haupt- typen der Gefäßbündelanordnung bekommt. Sie beginnt mit der „zentrischen Stellung", bei der die in der Mitte stehenden Gefäße von den Siebröhren kreisförmig umgeben sind (Fig. 21). Dieser Typus findet sich hauptsächlich bei den P'arnkräutern. Die „exzentrische Stellung" (Fig. 22), die auch innerhalb der Kryptogamen verwirklicht ist, bildet den Übergang zu der alternierten (Fig. 23). Wie sich aus dieser die intermediäre (Fig. 24) und später die superponierte bildet (Fig. 25), haben Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 8 wir ausführlich besprochen. Aus der superponierten kann man sich schließlich die „peripherische Stel- lung" (Fig. 26) entstanden denken. Sie tritt bei den Monokotylen auf, wo auch L^bergänge zu der superponierten Stellung zu finden sind. Es ist zweifellos, daß diese Theorie viel Be- stechendes an sich hat. Soweit sie sich auf die welter entwickelt haben soll als der Sproß, denn während dieser die zentrische Stellung bewahrt hat, zeigt jene auch hier die ahernierende. Ähn- liche Schwierigkeiten finden sich noch mehr. Im ganzen ist die Theorie noch zu wenig durch- gearbeitet, als daß man ein Urteil über sie fällen könnte. Wir haben deshalb in der Überschrift ä .p p & chaftsgebiete sind es sechs: die Aliasländer, Ägypten und Tripolis, das tropische Flachafrika, das tropische Hochafrika, das außertropische Südafrika, die afrikanische Inselwelt. Diese Einteilung zeigt jedenfalls ohne weiteres, daß bei der Abgrenzung der Hauptgebiete der Gütererzeugung und des Handels ganz andere Gesichtspunkte maßgebend waren, als sie einer bloßen Länderkunde des Erd- teils zugrunde zu legen wären. Unter strenger Berücksichtigung dieser für die Wirtschaftsgeographie maßgebenden Gesichts- punkte gewinnen wir ein klares Bild von den Aussichten, die uns die afrikanischen Wirtschalts- und Handelsgebiete für die Zukunft eröffnen. Zwar mögen nicht nur Lage und orographischer Aufbau der einzelnen afrikanischen Wirtschafts- gebiete Handel und Verkehr, sondern auch das Vorhandensein wichtiger, an bestimmte geologische Formationen gebundener Mineralien das wirtschaft- liche Leben der einzelnen Landschaften dauernd oder zeitweilig in höchstem Maße zu beeinflussen: immer sind es in erster und letzter Instanz die Wirkungen des Klimas, die einem Lande auch als Wirtschaftsgebiet ein charakteristisches Gepräge verleihen. Die großen Klimagebiete sind eben die Naiurgebieie auch des wirtschaftlichen Lebens ; die Klimatologie ist daher die Grundlage der ge- samten Wirtschaftsgeographie. An der Hand vor- wiegend klimatologischer Tatsachen lernen wir also, um nur ein Beispiel aus dem überaus inhalt- reichem Werke hervorzuheben, daß das außer- tropische südafrikanische Kolonialreich sich nie zu einer Auswanderungs- und Ackerbaukolonie ent- wickeln, sondern in der Hauptsache das Land einer extensiv betriebenen Viehzucht bleiben wird. So lernen wir ferner die Bedeutung der großen Stromniederungen des tropischen Flachafnka kennen, die sie als Überschwemmungslandschaften von ungeheurer Größe in Zukunft zu spielen be- rufen sein werden, indem sie als Lieferer des Reises das südliche Asien und als Baumwollländer das südliche Nordamerika bis zu einem sehr maß- gebenden Grade ersetzen können. Was die im allgemeinen verkehrsfeindliche Natur im Aufbau des afrikanischen Kontinents anlangt, so ist sie auch von großem Vorteil, stellt doch gerade sie der Technik unserer Zeit noch die dankbarsten und lohnendsten Aufgaben. In hohem Maße lehrreich sind aber vor allem auch die von Dove nach echt geographischer Methode gegebenen Auseinandersetzungen solcher F'ragen, die an die Nationalökonomie grenzen. Ich will hier nur an die für Südafrika immer brennen- der werdende Eingeborenenfrage und die unheil- volle zerstörende Gewalt des Goldes in diesem Ländergebiete erinnern. Auch in solchen Fragen wird auf die natürlichen Ursachen allen Geschehens in Kolonisation, Handel und Verkehr überall ge- nauestens eingegangen. Da außerdem das Buch die Ergebnisse des statistisch wichtigsten Jahres vor dem Kriege benutzt, so ist sein Inhalt auch in den nächsten 5 — 10 Jahren nicht dem Veralten ausgesetzt, wie das leider bei so vielen wirtschaft- lichen Darstellungen sonst der Fall zu sein pflegt. So ist das Studium des Dove 'sehen Buches unerläßlich für jeden, der sich berufsmäßig mit der bevorstehenden Entwicklung eines neuen Europa und seines Handels beschäftigt. Es ist deshalb nicht nur für den Gelehrten und den Studierenden, sondern ebenso sehr für den Kaufmann, den Fabrikanten und außerdem für den Beamten be- stimmt, der sich in Zukunft ebenfalls mehr als bisher mit überseeischen Dingen beschäftigen wird. Den Bestrebungen, auch in Deutschland die so notwendige Auslandskunde zu fördern, kommt es daher entgegen wie kaum eine zweite Neuerschei- nung dieser Tage. Dadurch, daß nur diejenigen Seiten der Landesnatur hervorgehoben sind, denen eine besondere Bedeutung lür die menschliche Wirtschaft, im besonderen für diejenige der Europäer, zukommt, gewinnt die Darstellung gegenüber rein geographi.sehen Schilderungen ungemein an Klar- heit und Übersichtlichkeit. Daß das Buch Dove 's in der Tat berufen ist, eine Lücke im Wissen vieler Gebildeten auszu- füllen, geht aber schließlich am deutlichsten dar- aus hervor, daß doch unser gesamtes höheres Schulwesen durchaus noch nicht die zeitgemäße Form gefunden hat, die den wahren und dringendsten F"orderungen unserer Zeit gerecht werden sollte. Unsere Jugend lernt nicht im mindesten über den ursächlichen Zusammenhang der Dinge nachdenken und erfährt kaum etwas von der Wissenschaft, die vor allen andern so recht geeignet wäre, zwischen den mathematisch-physikalischen und sprachlich- historischen Fächern eine verbindende Stellung einzunehmen, um den lediglich künstlich herauf- beschworenen und höchstens durch Sophistereien begründeten, für unser gesamtes Bildungswesen aber höchst verderblichen Dualismus von Natur- und Geisteswissenschaften vermittelnd zu überbrücken. Das Buch Dove 's kann an der Hand einer guten Karte Afrikas, wie wir sie in jedem besseren Schulatlas finden, ohne weiteres von jedem gebildeten Laien verstanden werden, und die Lektüre bietet wegen der unvergleichlichen Ge- dankenfülle, die oft in wenigen Worten zum Aus- druck gebracht wird, für jeden nachdenklichen Leser einen erhabenen Genuß. Dr. W. R. Eckardt, Essen. N. F. XVII. Nr. 8 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 119 Anregungen und Antworten. Noch einmal die Seefelder bei Reinerz. In mehreren Tageszeitungen ist ein Bericht über den die Seefelder be- handelnden Auf^atz (Nr. 47, N. F. Bd. 16) erschienen, der zu einigen Unklarheilen Anlaß geben könnte, da der Verfasser die beobachteten Pflanzen lediglich mit deutschen Namen nennt, die aber nur neben den wissenschaftlichen Bezeichnungen ge- braucht werden sollten. Sonst müssen u. a. Zweifel entstehen, welche Pflanzen mit Rauschbeere und wildem Ros- marin gemeint sind, da die erste Bezeichnung sowohl auf VacfiniHm. uligiiwsiimL. •wie.scai Empclrurn iiigrumL., die zweite auf Androineda poUfolia L. und Ledum palustre L. angewandt wird. Es sei daher hier noch einmal darauf hingewiesen, daß Empetrum wie Ledum nach den bisherigen Untersuchungen auf den Seefeldern nicht auftreten. Die Angaben über die Tierwelt des Gebiets beruhen, wo nichts anderes bemerkt ist, auf Beobachtungen einiger Forst- leute. Es sei u. a. aber betont, daß das Auftreten der genannten Wasservögel wohl nur vorübergehend und zufällig ist. Statt F.velria rhenella lies E. rtsinella. Kräusel. Herrn Dr. L. in Knittelfeld . . . Nosema a pis wurde von Zander als Erreger der ansteckenden Bienenruhr 1907 ent- deckt und zum erstenmal in der Münchener Bienenzeitung 1909 Heft 9 beschiieben (Tierische Parasiten als Krankheitserreger bei der Biene). Unterdessen hat sich die Kenntnis des Schmarotzers namentlich durch die Untersuchungen S t e m p e 11 's über den naheverwandten Erreger der Seidenraupenpest (Pebrine) Nosema bombycis vertieft. Eine genaue Darstellung der ana- tomischen und biologischen Verhältnisse, soweit sie bis jetzt bekannt sind, des Verhaltens der verseuchten Völker usw. gibt Zander in seinem Handbuch der Bienenkunde in Einzeldar- stellungen, Bd. 11 Krankheiten und Schädlinge der erwachsenen Biene ^Stultgart, Ulmer igu)- Weitere Angaben siehe ferner in der Süddeutschen Bienenzeitung Jahrg. 13 Nr. 2 u. 3. Nosema apis Zander gehört zu den Microsporidien und mitNosema bombycis zur .\bicilungderMonosporogenea (Perez), bei denen keine Pansporoblastenbiidung vorkommt. Der Schma- rotzer ist ausschließlich auf den Mitieldarm der erwachsenen Biene beschränkt. In das Epithel vom Vorder- und Mitteldarm kann er wegen deren Chitinbekleidung nicht einwandern. Die Sporen findet man am leichtesten in großen Massen in den Kotent- leerungeo verseuchter Bienen. Bei starker Infektion setzen sie sich last nur aus diesen hellglänzenden ovalen Gebilden von etwa 1/200 — 1/300 mm Größe zusammen. Jede solcher Sporen besteht aus einer dickwandigen Kapsel. Ihre innere Höhlung ist derart vom Parasitenkörper ausgekleidet, daß seine Haupt- masse, welche vier Kerne birgt, als ringförmiger Mantel in der vorderen Hälfte der Kapselhöhle liegt (siehe Abb. 1). Durch diesen Mantel wird die hporenhöhle scheinbar in zwei Kammern geschieden, eine größere hintere, die sog Sporenblase oder Vakuole, und eine kleinere vordere, die Polkapsel. In der Vakuole liegt ein langer enger Schlauch, der Polladen, spiralig aufgerollt, dessen vorderes Ende den einen Schalenpol durchsetzt. Gelaugt die Spore bei der Nahrungsaufnahme der Biene auf die Wand des Mitteldarmes, so stülpt sich der Polfaden aus und lallt ab. Aus der Öffnung schlüpft die Plasmamasse aus und beginnt sich in die Darmwand einzubohren. In der Darmzelle wächst dieses freischwimmende Stadium, derPlanont, zu länglichen Meronten aus, wurstförraigen Gebilden, die bei starker Verseuchung als dicke Bündel in der Zelle liegen (siehe Abb. 2). Nach kurzer Zeit schüren sie sich an bestimmten Stellen ein und zerfallen in die Sporen. Da ihre Zahl sehr bedeutend sein kann, wird die Darmzelle von ihnen olt prall gelullt. Mit der Ausscheidung der Verdauungssäfte gelangen sie in die Mitteldaimhöhle, sowie in den Endabschnitt des Darmes und in die Kolblase, so daß diese Räume bei schweren Krankheitsformen von ihnen dick vollgepfropft werden. Von hier aus werden sie mit dem Kot ausgeschieden. Die Infektion geht ziemlich rasch vor sich. Wird eine gesunde Biene mit Nosemasporen gelullert, so ist schon nach fünf Tagen der Mitteldarm völlig von Sporen durchsetzt. Es ist klar, daß ein derart geschädigtes Organ sein Aussehen ver- ändert. Der ursprünglich rötlich oder bräunlich schimmernde Mitteldarm bekommt eine trübe Färbung und wird schließlich ausgesprochen milchweiß. Die von der Nosemaseuche heimgesuchten Völker werden von einem ständigen, nicht zu befriedigenden Hungergefühl geplagt, zeigen lebhafte Unruhe und stürzen geradezu aus dem Stock, um sich zu reinigen und ihre gefüllte Kotblase zu ent- leeren. Dies wird namentlich im Frühjahr besonders auflällig, wenn die Bienen noch keinen Reinigungsausflug machen konnten. Daher wird die Beute innen und außen, ihre Nachbarschaft, namentlich aber jede Tränkstelle der Bienen in der schlimmsten Weise besudelt. Die ausgeflogenen Bienen gehen sehr rasch zugrunde. Die beschmutzten Leichen und die Milliarden durch die Kotent- Nosema apis Zander. Schematische Darstellung des Abb. I. Entwicklungsganges in der Darmwand der Honigbiene. Schema einer a bis e Darmzellen mit aufeinanderfolgenden Entwick- reifen Spore, lungstadien des Parasiten. K Kerne. Pe junger Keim Vergr. 5000. dringt in die Zelle, wird mehrkernig, zerfällt in weitere Nach Keime, die zu Schläuchen auswachsen, die wiederum Stempell in Sporen Sp zerfallen. Bei F Verflüssigung der Zell- 1009. Substanz. Nach Zander. leerung abgesetzten Sporen bilden dauernde Infektionsherde. Daher fallen der Seuche in kurzer Zeit zahllose Insassen eines Stockes, ja bald ein Stock nach dem anderen zum Opfer. Im Jahre 1909 gingen in Deutschland Tausende von Völkern auf diese Weise ein. Als Bekämpfungsmittel kommt zunächst die Verbrennung der verschmutzten Beuten und der zusammengeschmolzenen Völker, sowie der eingesammelten Leichen in Betracht. Die Tränkstellen sind zu beseitigen und durch neue zu ersetzen. Zur Entfernung des Ansteckungsstoffes tritt die Vermehrung der jungen, noch nicht erkrankten Nachkommenschalt durch eine vernünftige Königinnenzucht. Ist auch die Königin be- fallen, dann muß durch Umweiselung eine junge kräftige Nach- folgerin an ihre Stelle treten. Das beste Vorbeugungsmittel ist Reinlichkeit und hygienische Behandlung der Völker. Dr. Stellwaag. Sichtbarkeit von Planeten bei Sonnenschein. Den Planeten Venus am Tageshimmel bei Sonnenschein ohne besondere Hilfsmittfl zu erkennen, ist an sich nicht schwierig, wenn man dieses Gestirn, das weitaus hellste nach dem Monde, nach Sonnenaufgang im Auge behält. Zwar bei starker scheinbarer Sonnennähe wird die Sonne selbst zu schnell blendend wirken oder den ihr benachbarten Teil des Himmels — des Luft- mantels der Erde — zu stark erhellen ; sonst aber gehört nur Abpassen der geeigneten Zeit, freier Ausblick und hinreichend unbewölkter Himmel dazu, um „einen Stern", die Venus, auch bei Tage mit bloßem Auge zu sehen. Meinem Vater ist dies einmal in seinem Leben gelungen, ebenso mir nach mancherlei gelegentlichen Bemühungen bisher einmal vor mehr als Jahres- frist im Felde, als ich um Sonnenaufgang einen Weg zurück- zulegen hatte. Die Sichtbarkeit des Venus dauerte damals für mein Auge etwa bis eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang. Überraschenderweise gelang mir neulich eine ähnliche Beobachtung auch bei dem zweithellsten Planeten, dem Jupiter. Sie wurde dadurch ermöglicht, daß an jenem Tage, am 5. 10. 1917, der Jupiter morgens sehr nahe der Mondscheibe Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 8 stand, ein Anblick, der schon bei Nacht das Auge gefesselt hatte, und bei dem man sich sehr leicht den Ort des Planeten merken konnte. Aoch eine Stunde nach Sonnenaufgang, als die Dämmerungserscheinungen, die Morgenröte, vorüber waren und die Sonne hell strahlte, konnte ich hoch am blauen Himmel links unter der blassen Mondscheibe den Jupiter erkennen. Es folgt hieraus übrigens, daß auch der Jupiter noch sehr oft am Tageshimmel wenigstens eine Zeitlang nach Aufgang oder vor Untergang der Sunne erkennbar sein müßte, nur daß er ohne Anhaltspunkte nicht auffindbar ist. Dr. V. Franz. In seinem Aufsatze Über einige F.älle des Scheinherma- phroditismus bei Fischen (Nr. 49 dieser Zeitschr. vom 9. Dez. 1917) bespricht Rob. Mertens einige interessante Fälle, in welchen anscheinend normale weibliche Aquarienfische sich bei den sogenannten Liebesspielen als Mänuchen gebärdeten und auch im Aussehen den Eindruck von Männchen machten. Er bemerkt zum Schluß, daß ,,dics auffallende Benehmen von weiblichen Fischen sicher auch noch bei anderen Tiergruppen vorkommen dürfte". Ich möchte nun in diesem Zusammennang an eine merkwürdige Tatsache erinnern, welche bei Kindern, Schweinen und Hunden, vermutlich auch noch bei anderen Säugern, zu beobachten ist. Es kommt nämiich gar nicht selten vor, daß weibliche Tiere anderen Weibchen gegenüber die Begatlungsstellung der Männchen einnehmen. Bemerkens- wert ist dabei, daß dies eine Begleiterscheinung der Brunst zu sein pflegt, und daß man auf das Kindern der Kühe, das Rauschen der Schweine und die Läuhgkeit der Hündinnen oft erst durch diese Allüren aufmerksam wird. Die erhöhte normalgeschlechtliche Funktion oder Funktionsbereilschaft der Geschlechtsorgane scheint neben den physiologisch notwendigen Reflexhandlungen auch sinnlose andersgeschlechtige auslösen zu können. Es wäre wichtig, festzustellen, ob solche Erscheinungen wirklich in den Rahmen des Normalen gehören, oder ob sie Domestikationserscheinungen sind. Als solche könnten sie degeneratirer oder luxurierender Natur sein. Hans Krieg (im Felde). Die in Bd. .\V1, 1917, der Naturw. Wochenschr. Nr. 655,650 beschriebene merkwürdige Schallerscheinung im Felde wird in der Täglichen Rundschau vom 24. Nov. 1917 erklärt durch das Abfliegen des ganzen Führungsrings oder eines Stückes von ihm in unberechenbarer Richtung. Oft falle dieses Stück nahe der Feuerstellung und bei Steilfeuer selbst hinter ihr hernieder. (Gx:) Dr. V. Franz. Zu dem Bericht „Magenuntersuchungen an Wespen" in Naturw. Wochenschr. N. t. XVl, Nr. 49, gestalte ich mir eine kurze Bemerkung: Daß die Wespen (Faltenwespen) Obst aller Art zernagen und süße Säfte lecken, ist jedermann bekannt und in jedem Obstgarten und auf jedem Obstlagtrr leicht und zuverlässig zu beobachten. Jeder sorgfällige Beobachter kann sie eine Birne oder einen Apfel mit den gezähnten Oberkiefern ausschaben sehen. Aber er wird zugleich auch finden, wie sie dabei mit ihrer kurzen „Leckzunge" sofort den hervortretenden Saft lecken. Im Hochsommer, wenn die Wespen die zahlreiche Brut zu versorgen haben, sind sie ständig auf der Jagd nach Insekten. Man kann dies besonders häufig auf Doldeublütern beobachten, die ja von einem ganzen Insektenheer besucht werden. Fliegen und Käfer werden mit den Kiefern gepackt, meist zuerst der Flügel und Beine beraubt und dann zerstückelt. Ich habe oft gesehen, wie die Wespe dann am Opfer leckte, noch häufiger aber, wie sie mit ihm davonflog, um damit die Brut zu futtern. Meine Beobachtungen beziehen sich sowohl auf Vespa vulgaris, media u. a., ebenso auf Polistes gallica, die ich auf der einfachen hüllenlosen Wabe in früheren Jahren mehrere Monate lang in der Fensterbank gehalten und be- obachtet habe. Überall dieselben Tatsachen. Wenn in sonnig gelegenen Küchen Schwärme von Stubenfliegen durchs offene Fenster einziehen, um sich beim Einmachen von Früchten gütlich zu tun, stellen sich sehr oft die Wespen ein, um äußerst gewandt zahlreiche Opfer zu erbeuten, ihnen Flügel und Beine abzubeißen und dann damit zu Nest zu fliegen. Wenig Appetit erregend erschien mir mehrfach Zwetschen- kuchen, der auf Jahrmärkten feilgeboten wurde. Er war mit Fliegenbeinen und Fliegenflügeln förmlich übersät. Überall erhaschte V. vulgaris massenhaft die Opfer; zugleich krochen die Tiere umher und leckten eifrig den süßen Saft. Wespen, die ich im Zimmer hinter der Scheibe des Doppelfensters ein- gesperrt hielt, gewöhnten sich nachgerade an die Gefangen- schaft und lagen dann der Fliegenjagd in der angegebenen Weise ob. Es wundert mich danach nicht, daß Herr Lust n er - Geisenheim im Darme der Wespenlarvcn einerseits Glukose mit Fehling'scher Lösung nachweisen konnte, wie er anderer- seits alle möglichen Chitinreste verfütterter Opfer auffand. Ähnliches läßt sich in dem Larvenkot der Wespenzellen fest- stellen. Ich habe die einschläglichen Tatsachen auch in meinem Lehrbuch „Grundzüge der Tierkunde,', Ausgabe|A, Verlag von G. Freytag, Leipzig, 5. Aufl., S. 317 f. dargestellt. Im letzten Sommer beobachtete ich etwa achtmal die solitäre Lehm- wespe Odynerus parietum wie sie am Nesteingange ausschließ- lich die Goldrtiege Lucilia caesar fing, der Beine und Flügel beraubte und danach mit dem Opfer im Nesteingange ver- schwand. Smalian. Ich erlaube mir anzufragen, ob folgende Beobachtung, die ich zu machen Gelegenheit hatte, in Fachkreisen bekannt ist. In dem Kerngehäuse eines Apfels, der an seiner Ober- fläche an einer Stelle ,, wurmstichig" war, fand ich eine Assel. Bei näherer Besichtigung erwiesen sich einige Samenkerne ihres Inhaltes beraubt, nur die Schale war teilweise erhalten. Nach meiner Meinung mußte die Assel ihren Weg zum Kern- gehäuse durch den Gang, den die Larve (des Apfelwicklersf) zur Oberfläche des Apfels gezogen hat, gefunden haben, um sich sodann an den Inhalt der Samenkerne heranzumachen. Dr. Ludwig Reisinger. Literatur. Höfer von Heimhalt, Hofrat Dr. H., Die geother- mischen Verhältnisse der Kohlenbecken Österreichs. Wien '17. Verlag für Fachliteratur. — 4M. Wegener, A., Das detonierende Meteor vom 3. April I9'6) S'/a Uhr nachm. in Kurhessen. Marburg a. L. '17. N. G. Elwert'sche Verlagsbuchhandlung. Wilhelmi, Prof. Dr. J., Die gemeine Stechfliege. Unter- suchungen über die Biologie von Slomoxys calcitrans. Mit 28 Text- abbildungen. Berlin '17. P. Parey. — 6,50 M. Hase, Prof. Dr. A., Die Bettwanze, ihr Leben und ihre Bekämpfung. Mit 13 1 Textabbildungen und 6 Tafeln. Ebenda. — 6,50 M. Böhm, Dr. J., Kann das „Lebensrätsel" gelöst werden? Vorläufige Skizze. Nürnberg '17. J. L. Stich. Inhalt! Wilh e Im Ni e nburg. Neue Wegederphylogenetischen Pflanzenanatomie. (26 Abb.) S. 105. Erich Zieprecht, Der Kalkstickstoff. S. 112. — Einzelbericbte: Demoll, Die Anziehung der Insekten durch das Licht. S. II";. Von der Hohltaube. S. 115. C. Heß, Der Farbensinn der Vögel und die Lehre von den Schmuckfarben. "S. 116. — Bücherbesprechungen.' K. Dove, Wirtschaftsgeographie von Afrika. S. 117. — Anregungen und Ant- worten: Noch einmal die Seefelder bei Reinerz. S. 119. Nosema apis. S. Iig. Sichtbarkeit von Planeten bei Sonnen- schein. S. 119. Über einige Fälle des Scheinhermaphroditismus bei Fischen. S. 120. Merkwürdige Schallerscheinungen im Felde. S. 120. Magenuntersuchungen an Wespen. S. 120. Beobachtung. S. 120. — Literatur; Liste. S. 120. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S, Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Neue Folge 17 Band; ■ ganzen Reihe 33. Band Sonntag, den 3. März 1918. Nummer 9. Über Meteorbeobachtungen. Von C. Hoffmeister, z. [Nachdruck verboten.] Mit 3 Abbildi Im Schlußabschnitt meines kürzHch erschienenen Aufsatzes „Über die kosmische Stelking der Meteore" {Naturwissenschaften 191 7, Heft 40) wurde bereits darauf hingewiesen, daß es für jeden Natur- freund — im weitesten Sinne des Wortes — eine überaus dankenswerte Aufgabe ist, gelegentliche Beobachtungen heller IVIeteore in zweckdienlicher Form einer der dafür in Betracht kommenden Stellen mitzuteilen und so deren wissenschaftliche Verwertung zu veranlassen. Diese Tätigkeit braucht sich nicht auf eigene Wahrnehmungen zu beschränken, sondern kann sich auch auf solche aus Bekanntenkreisen erstrecken, wobei oftmals recht brauchbare Angaben erlangt werden können, wenn die erforderlichen Ermittelungen und Nach- messungen mit einiger Sachkenntnis vorgenommen werden. Die Erforschung der großen Meteore nimmt insofern eine Sonderstellung unter den Einzelge- bieten der Naturwissenschaften ein, als die Beob- achtungen, welche die Grundlagen für alle weiteren Untersuchungen bilden müssen, dabei fast durch- weg aus Laienkreisen herrühren. Es ist dies in der Natur der Sache selbst begründet: die Selten- heit jener Erscheinungen, die Unmöglichkeit jeder Vorausberechnung des Zeitpunkts und des Sicht- barkeitsgebiets, ferner die Bewölkungsverhältnisse und andere unberechenbare Umstände lassen es stets als großen Zufall erscheinen, wenn ein helles Meteor auf einer Sternwarte aufgezeichnet wird, wobei noch hinzutritt, daß der Astronom in bezug auf die Beobachtung solcher Erscheinungen dem Laien gegenüber trotz seiner Instrumente gar nicht wesentlich im Vorteil ist, höchstens insofern, als seine bessere Kenninis des gestirnten Himmels und größere Übung im Auffassen himmlischer Lichleindrücke ihm eine zuverlässigere Festlegung der scheinbaren Bahnen gestatten. Jene Fähig- keiten wird sich jeder Laie auch aneignen, der sich längere Zeit mit den Vorgängen am Himmel beschäftigt, selbst wenn er auf jedes Eindringen in ihre Theorie verzichtet und sich lediglich auf die Anschauung beschränkt. Die gebräuch- lichen astronomischen Instrumente irgendwelcher Art sind bei Meteorbeobachtungen völlig nutzlos. Allenfalls kann ein kleiner Gradbogen, Pendel- quadrant oder der Theodolit in Betracht kommen, aber auch nur in gewissen Fällen und ohne daß ihre Verwendung unbedingt erforderlich wäre. Man hat zwar schon mehrfach sogenannte „Meteoroskope" gebaut, doch verfolgten auch diese nur den Zweck, die Festlegung der mit bloßen Augen beobachteten Meteorbahnen nach Rekt- Zt. Bamberg, Sternwarte, ngen im Text. ascension und Deklination zu erleichtern. Bewährt im wissenschaftlichen Gebrauch haben sie sich nicht. Ein wichtiger Behelf ist dagegen eine gute Sternkarte, worüber unten noch nähere Mitteilungen folgen. Vorstehendes dürfte berechtigt erscheinen lassen, wenn ich an diesem Orte die Richtlinien für die Beobachtung der Meteore zusammenstelle und an die Leserschaft die Bitte richte, gegebenenfalls etwaige Wahrnehmungen der Verwertung zuzu- führen. Viele brauchbare und wertvolle Beob- achtungen gehen dadurch verloren, daß die Be- obachter weder wissen, worauf dabei zu achten ist, noch überhaupt davon Kenntnis haben, daß solche Mitteilungen oftmals der wissenschaftlichen Forschung zu wertvollen Feststellungen verhelfen können. Auch die falsche Bescheidenheit sowie die Ansicht, daß man, um am Himmel irgend etwas Brauchbares beobachten zu können, unbe- dingt ein großes Fernrohr und eine entsprechende Vorbildung besitzen müsse, haben schon manche Bahrsberechnung vereitelt, die bei zweckdienlicher Behandlung der für wertlos erachteten zufälligen Beobachtungen möglich geworden wäre. Ich habe schon an verschiedenen Stellen Anleitungen zur Beobachtung großer Meteore veröffentlicht, u. a. auch anläßlich besonderer Fälle in Tageszeitungen, um möglichst viele Nachrichten über hervorragende Erscheinungen dieser Art zu erhalten und habe mit letzterem Verfahren auch gute Erfolge erzielt. Nur macht sich dabei der große Nachteil geltend, daß oft eine geraume Zeit zwischen der Beobach- tung selbst und deren Niederschrift verstreicht. Infolgedessen schleichen sich Fehler und Unge- nauigkeiien mancher Art ein, deren spätere Aus- schaltung oft sehr schwer ist. Man wird bei diesen Laienangaben immer mit dem Auftreten nicht unbeträchtlicher Fehler rechnen müssen, und zwar erscheinen neben jener Klasse von Unge- nauigkeiten, die man als „zufällige" bezeichnen kann und die gleich oft positiv wie negativ aus- fallen, sich im Mittel al>o aufheben, eine ganze Reihe einseitiger „systematischer" Fehler, die an sich geeignet sind, die Ergebnisse völlig zu ent- stellen, deren Beseitigung aber auf Grund von Erfahrungen fast restlos möglich ist, da sie in jeder Sammlung von Meteorbeobachtungen in gleicher Weise wiederkehren. Ich werde weiter unten auf solche Fälle hinweisen. Zweifellos liegt hier ein Gebiet vor uns, auf welchem Physiologie und Psychologie noch manches Ergebnis gewinnen können, und nur der Umstand, daß dies nicht ohne astronomische Kenntnisse und Erfahrungen Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVil. Nr. 9 möglich ist, mag dessen Erschließung bisher ver- hindert haben. Vielleicht wirken meine Zeilen auch nach dieser Richtung hin anregend. Eine ausführliche „Anleitung zur Mitarbeit an der Erforschuug der Sternschnuppen und Feuer- kugeln" habe ich vor einiger Zeit für den „Sirius" verfaßt (49. Band, S. 194— 198 und 215—222), wo neben der Anweisung zur Ausführung der Beobachtungen auch alles Wissenswerte über äußere Umstände (_VVahl des Beobachtungsplatzes und dessen Einrichtung) zu finden ist. kh beschränke mich hier auf den ersten Teil, füge aber einige Angaben hinzu über die Wege, welche bei der Verwertung der Beobachtungen einzuschlagen sind, da dies das Verständnis außerordentlich er- leichtert. In meinem obengenannten ersten Aufsatz wurde darauf hingewiesen, daß die Stellung des Beobachters zu den Sternschnuppen einerseits und den Feuerkugeln andrerseits eine sehr verschiedene ist, da bei jenen die große IMenge der Erschei- nungen untersucht werden muß und die Beob- achtungen möglichst viele Meteore umfassen sollen, während bei letztgenannten der Einzel- fall einer viel eingehenderen Behandlung zugäng- lich ist, wobei fieiUch die letzten Ziele in beiden Fällen nahezu die gleichen sind. Wenn ich auch bei meinem Aufruf an die Laienwelt vornehmlich die größeren Erscheinungen, die Feuerkugeln im Auge habe, so sollen die Sternschnuppen hier doch nicht übergangen werden. Ihre Beobachtung bietet manches Lehrreiche auch für den Nicht- fachmann und hat mit jener der Feuerkugeln gemein, daß sie keine Instrumente erfordert, also an sich das geschaffene Arbeitsfeld des weniger bemittelten Freundes der Himmelskunde darstellt. Nur verlangt diese Tätigkeit von dem, der sich ihr widmet, so viele Ausdauer und Auf- opferung, daß wirklich brauchbare Beobachtungs- reihen äußerst selten sind. Die Beobachtungen können auf zwei Arten geschehen, die aber am besten miteinander ver- einigt werden. Erstens: Zählung derSternschnuppen. In einer klaren, mondlosen Nacht überwache man von einem geeigneten Orte aus einen gewissen Teil des Himmels und stelle sorgfältig die Zahl der auhreteiiden Sternschnuppen lest, was am besten durch Anlegung einer Liste derselben ge- schieht. Die Liste enthalte die Zeit und die Helligkeit, in zweiter Linie Farbe, Geschwindigkeit, Dauer und Besonderheiten. Das beobachtete Ge- biet liege wenn möglich gegen Osten und umfasse ein Viertel des ganzen Himmels. Größere Gebiete lassen sich nicht mehr sicher genug überwachen. Bei den Zeitangaben genügt die Minute vollauf Die Schätzung der Helligkeit geschieht nach Stern- größen, wobei als Normalsterne der ersten Größe Aldebaran und Prokyon, der zweiten Größe Polar- stern und die hellen Sterne des Großen Bären gelten können, während die Meteore fünfter Größe eben noch dem bloßen Auge sichtbar sind. An- fänger neigen stets dazu, die Helligkeiten viel zu groß anzusetzen, weshalb zunächst Vorsicht am Platze ist. Die Schätzung der Geschwindigkeiten kann nach folgender Stufenfolge geschehen: i = sehr langsam, 2 = langsam, 3 = mäßig rasch, 4 = rasch, 5 = sehr rasch. Man beobachte nur bei ganz klarem, mondlosem Himmel und von einem Platze aus, an welchem irdische Lichtquellen nicht stören. Wird die Beobachtung durch aufkommende Wolken oder den Mond beeinträchtigt, so ist dies sorgsam anzumerken. Der Anblick heller irdischer Lichter läßt sich übrigens leicht durch einen ge- eigneten Schirm vermeiden. Jede einzelne Sitzung soll wenigstens eine Stunde währen. Auch längere Sitzungen sollen, wenn möglich, nach vollen Stunden zählen, damit die stündlichen Häufigkeiten unmittelbar entnommen werden können. Dabei ist wichtig, daß die Beobachtungen sich gelegent- lich auf die frühen Morgenstunden ausdehnen. Gerade dann wird der Meteorbeobachter die reichste Ernte halten. Es ist bekannt, daß die Meteorhäufigkeit einen ausgesprochenen täglichen Gang aufweist. Die Ursache davon ist der Umstand, daß bei der Erde mit Rücksicht auf ihre Bewegung um die Sonne eine Vorder- und eine Rückseite unter- schieden werden kann. Erstere wird stets viel mehr Sternschnuppen auffangen als die Rückseite, obgleich auch diese nicht leer ausgehen wird, da ja die mittlere Geschwindigkeit der Meteore jene der Erde nicht unwesentlich übersteigt und eine bestimmte Bewegungsrichtung der Meteore im Weltraum allen bisherigen Erfahrungen zufolge nicht vorzuherrschen scheint. Der Zielpunkt der Erdbewegung, von Schiaparelli als Apex be- zeichnet, liegt stets nahezu 90 " westlich der Sonne in der Ekliptik. Im Mittel wird der Apex also 6 Stunden vor der Sonne aufgehen, doch unterliegt diese Zeit je nach der nördlicheren oder süd- licheren Stellung von Sonne und Apex starken Schwankungen. Die folgende Tafel gestattet, die mittlere Ortszeit des Apexaufgangs für Orte innerhalb Deutschlands genähert zu entnehmen: 40 n. Br. 50 » n. Br. 60 « n. Br. Januar I2''27"' 12'' 40" 13"» 3" Februar 13 o 13 29 14 19 März 13 23 13 55 14 45 April 13 30 14 4 IS 3 Mai 13 2 13 22 13 54 Juni 12 13 12 17 12 22 JuH II 23 II 10 10 51 August 10 41 10 13 9 26 September 10 34 9 47 8 34 Oktober 10 42 10 7 96 November 11 16 10 54 10 21 Dezember u 51 1 1 47 il 41 Die Tafel gilt für die Mitte der Monate. Die Zeit ist von o'' bis 24 ^ gezählt, mittags beginnend, wie dies bei astronomischen Zeitangaben allgemein üblich ist, um den Datumwechsel während der Nacht zu umgehen. N. F. :kvii. Nr. 9 ^Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 123 Als Folge der Umlaufsbewegung der Erde um die Sonne zeigen die Strahlungspunkte der Meteorströme eine auffallende Zusammendrängung auf der Halbkugel des Himmels, welche als Pol den Apex enthält. Figur i zeigt die wahre und relative Bewegung dreier Meteore, welche die Erde mit parabolischer Geschwindigkeit unter ver- schiedenen Winkeln gegen die Rewegung-richtung der Erde treffen und läßt erkennen , daß der scheinbare Strahlungspunkt R" (Radiant), welcher durch die Richtung der Resultante aus Erd- und Meteorbewegung bestimmt ist, dem Apex stets viel näher liegt als der wahre Radiant R, bestimmt Höchst- und Tiefstwert bei den Sternschnuppen um 3 Monate später eintreten als bei der Sonnen- strahlung, entsprechend der um 90" west- licheren Lage des Apex in der Ekliptik. Für die nördliche Halbkugel ergibt sich also folgendes Bild: Bei der Wintersonnenwende über- schreitet die „meteorische Sonne", von Norden kommend den Äquator. Es müssen demnach mittlere Verhältnisse herrschen, entsprechend dem Herbst in bezug auf die Sonnenstrahlung. Die südlichste Stellung, — 23.5" Deklination, erreicht der Apex im März, womit die kleinste Meteor- zahl zur Beobachtung gelangen wird. Je höher er dann steigt, desto ausgeprägter kann wieder allmählich die Stirnseitenlage der nördlichen Halb- kugel werden. Der „meteorische Sommer" mit der größten Sternschnuppenzahl ist im September zu erwarten. Auf der südlichen Hajbkugel sind die Verhältnisse umgekehrt; am Äquator ver- schwindet der jährliche Gang fast völhg, der täg- yh gh ,,h ,21. ,3h ,4h ,5h JdM Fcfc. i-Iärz April Mai Juni Juli hugSepl Okt. Nov. Dei. .\bb. I. W.ihre und scheinbare Bewegung der Meteore. durch die an die kosmische Bahn des Meteors gelegte Tangente. Die meisten Meteore werden demnach aus der Umgebung des Apex auszu- strahlen scheinen, und die Meteorhäufigkeit wird eine Steigerung erfahren, wenn im Laufe der Nacht ein immer größerer Teil der Apexhalbkugel über den Horizont des Beobachtungsortes empor- steigt. Man hat den Apex als „meteorische Sonne'' bezeichnet, was aber doch nur mit einiger Ein- schränkung zulässig ist, da ja die Radianten im Apex nicht in dem Maße vereinigt sind wie die Quellen des Tageslichts in der Sonne. Vergleich- bar sind beide Erscheinungen aber doch recht gut, besonders auch hinsichtlich der jährlichen Schwankungen, die nämlich bei Sonnenstrahlung und Sternschnuppenhäufigkeit genau den gleichen Gang zeigen, nur mit dem Unterschied, daß Täglicher und jährlicher Gang der Slernschnuppenhäuligkeit. liehe dagegen tritt am stärksten in Erscheinung; an den Polen erreichen die jährlichen Schwankungen ihren Höchstwert, da dort der Apex während 6 Monaten überhaupt unter dem Horizont bleibt. Der tägliche Gang dagegen ist ausgelöscht, ganz wie dies beim Sonnenlicht der Fall ist. Es sei dabei auf eine ausiührhche Darstellung dieser Ver- hältnisse von Reg.-Rat v. Niessl in Wien ver- wiesen, der auch einige Anleitungen für die Be- obachtungen gibt [ij. Figur 2 stellt den täglichen und jährlichen Gang der Meteorhäufigkeit dar, wie er sich nach den 35jährigen Beobachtungen von Schmidt in Athen ergab. Die großen Meteorströme, insbe- sondere die Lyriden im April, Perseiden im August und Geminiden im Dezember verfälschen den Gang der Jahreskurve ein wenig, in Bestätigung T24 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 9 dessen, was oben über die beschränkte Berechtigung des Ausdrucks „meteorische Sonne" gesagt wurde. Nach Kenntnis des Vorstehenden wird man also m der Lage sein, den jährlichen und täglichen Verlauf der Meteorhäufigkeit für jeden Ort der Erdoberfläche theoretisch genau zu berechnen, wobei jedoch die Voraussetzung gemacht werden muß, daß die Meteore im Weltraum gleichmäßig verteilt sind und daß keine Bewegungsrichtung vorherrscht. Ersteres scheint wohl nahezu der Fall zu sein, wenn man von den Hauptströmen absieht. Weniger weit reicht unsere Kenntnis bezüglich der zweiten Voraussetzung, über deren Zulässigkeit Sicheres noch nicht bekannt ist. Die Klarstellung dieser Verhältnisse ist das Ziel der Beobachtungen. Zwar scheint es, wie bereits oben gesagt wurde, daß man mit diesen Annahmen tatsächlich der Wirklichkeit nahe kommt, doch ist zu beachten, daß der Schleier, der über diesen Dingen liegt, bis jetzt nur eben ein wenig gelüftet werden konnte. Die Wissenschaft von den Meteoren ist im Vergleich zu andern Gebieten der Himmelskunde noch so jung, daß immer mit un- vorhergesehenen Ergebnissen gerechnet werden muß. Es sei hier nur auf einen Punkt hinge- wiesen : es ist gar nicht ausgeschlossen, daß auch die fortschreitende Bewegung des ganzen Sonnen- systems einen gewissen Emfluß aut die scheinbare Verteilung der Meteore ausübt, wobei freilich nur solche Körper betrotfen werden könnten, die sich in hyperbolischen Bahnen bewegen, also dem Sonnensystem selbst nicht angehören. Es müßte sich dann auch eine Zusammendrängung der „kosmischen Ausgangspunkte (vgl. meine Aus- führungen a. a. O. [7J) um den bekanntlich im Herkules gelegenen Zielpunkt der Sonnenbewegung nachweibcn lassen. Die Grundlagen für diese Untersuchungen sind noch sehr dürftig, und nur die Beobachtungen der hier behandelten Art können zu weiteren Fortschritten führen ! Erwecken die oben gemachten Angaben den Anschein, daß die Sternschnuppenzählungen außer- ordentlich leicht und mühelos durchzuführen sind, so zeigen sich bei näherem Zusehen doch einige wesentliche Erschwerungen. Zunächst einmal ist an sich eine sehr große Zahl von Beobachtungen nötig, um überhaupt ein Ergebnis daraus ableiten zu können. Man könnte diese wohl durch ein planmäßigesZusammenwirken mehrerer Beobachter ohne allzu großen Mühe für den einzelnen er- halten, und Versuche dieser Art sind in der Tat mehrfach unternommen worden, zuletzt von C. Birkenstock in Antwerpen, der vor einigen Jahren mit Unterstützung der Societe d'Astrono- mie d'Anvers ein internationales „Bureau Central Meteorique" ins Leben gerufen hatte und tatsäch- sächlich sehr viele Beobachtungen aus den ver- schiedensten Ländern zusammenbringen konnte, wohl mehr als 20000 Sternschnuppen umfassend. Auch in Amerika besteht eine ähnliche Vereini- gung. Bei der vorläufigen Bearbeitung jener Be- obachtungen fand ich nun, daß hinsichtlich der Zahl der gesehenen Meteore zwischen den einzelnen Beobachtern so große persönliche Unterschiede bestehen, daß eine Vereinigung von Reihen ver- schiedener Herkunft nicht ratsam erscheint oder nur mit entsprechenden Vorsichtsmaßregeln vor- genommen werden darf Allenfalls müßte jede der einzelnen Bcobachtungsreihen so umfangreich sein , daß die gegenseitigen Beziehungen der- selben genau ermittelt werden könnten. Freilich hätte man dies ziemlich entmutigende Ergebnis eigentlich voraussehen können. Die Häufigkeit der Sternschnuppen ist ein ganz relativer Begriff, dadurch bestimmt, bis zu welcher Sterngröße abwärts man die Erscheinungen einbezieht. Jene Grenzgröße aber wird je nach der Beschaffenheit der Augen des Beobachters und nach den örtlichen Verhältnissen — Durchsichiigeit der Luft, Er- hellung des Himmels durch Siadtlicht u. dgl. — sehr starken Schwankungen unterworfen sein, die sich auf die Ergebnisse um so stärker übertragen, als die Zahl der Sternschnuppen mit abnehmender Helligkeit in raschem Wachsen begriffen ist. So ergaben meine eigenen Beobachtungen nicht selten dreimal so hohe Durchschnittszahlen als die Zäh- lungen einiger anderer Beobachter, ohne daß man diese indessen der mangelnden Sorgfalt bei ihren Aufzeichnungen zeihen konnte. Die schließlich abgeleiteten Kurven müssen dann trotzdem parallel verlaufen und den Gang der Ereignisse richtig darstellen. Dieser Umstand zwingt aber zu der Foiderung, daß die Zählungen durch viele Jahre mit eiserner Ausdauer vom gleichen Beob- achter ausgeübt werden müssen, der, wenn er wirklich Gutes leisten will, die Ausnützung jeder klaren Nacht sich zur Regel machen und wenigstens je I — 2 Stunden der Sache opfern muß, eine ent- sagungsvolle Tätigkeit für den, der nicht von Be- ruf Astronom ist, die ihm aber ein dauerndes Gedächtnis sichert, denn nur wenige Beobachter haben bisher ähnliches geleistet. Bcrufsaslronomen zumal sind meist durch die planmäßigen Arbeiten der Sternwarten und die Ausnützung der in.'-tru- menlellen Hilfsmittel so in Anspruch genommen, daß ihnen für eingehende Beschäftigung mit den Sternschnuppen keine Zeit verbleibt. Zweitens: Eintragung der scheinbaren Bahnen in die Sternkarte. Diese Art der Beobachtung ist nicht nur wertvoller als das bloße Zählen der Sternschnuppen, sondern führt auch schneller zu sichtbaren Ergebnissen, erfordert dafür aber etwas mehr Übung und eine gute Kenntnis des gestirnten Himmels. Es handelt sich darum, die leuchtenden Bahnstücke, in denen uns die Sternschnuppen sichtbar werden, nach Anfang und Ende, besonders aber unter Beachtung der Bahn- richtungen, sorgfällig in eine geeignete Sternkarte einzutragen. Der eigene Versuch führt hier schneller zum Ziel, als weitschweifige Belehrungen es tun könnten, weshalb ich mich darauf beschränke, auf meine oben erwähnte Arbeit im „Sirius" hin- zuweisen. Daselbst ist auch eine kurze Beob- achtungsreihe abgedruckt und ein verkleinerter N. F. XVII. Nr. 9 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. I2S Ausschnitt einer Sternkarte mit eingezeichneten Bahnen bildlich wiedergegeben. Nachdem ich die Erfahrung gemacht hatte, daß die vorhandenen Karten den zu stellenden Anforderungen nicht genügen, habe ich selbst Karten gezeichnet und diese auch anderen Beobachtern zugänglich gemacht [2]. Das Ziel der Beobachtungen ist hier die Bestimmung der Strahlungspunkte als Kennzeichen der Meteorströme. Letzthin habe ich an anderer Stelle [7] ausgeführt, wie wertvoll für weitere Forschungen auf diesem Ge- biet ein unter kritischen Gesichtspunkten be- arbeitetes neues Verzeichnis der Strahlungspunkte wäre, so daß über den Wert sorgfältiger Beob- achtungen dieser Art kaum noch etwas hinzuzu- fügen bleibt. Dabei bietet sich der Vorteil, daß der Beobachter größere Freiheit in der Wahl seiner Beobachtungszeiten genießt und auch schneller zum Ziel gelangt. Zudem sind hier die persönlichen Fehler von untergeordneter Bedeutung und betreffen, normalen Zustand der Augen des Beobachters vorausgesetzt, kaum die für das Er- gebnis wesentlichen Richtungen (Großkreise) der Bahnen, so daß auch kürzere Reihen und solche verschiedenen Ursprungs von Nutzen sind. Da indessen die Zeit der Tätigkeit der einzelnen Meteorströme immer beschränkt ist, da ferner die Strahlungspunkte infolge der Umlaufsbewegung der Erde in gewissen Lagen starke Verschiebungen erleiden, so ist nicht zu empfehlen, zeitlich zu weit auseinanderliegende Beobachtungen mitein- ander zu vereinigen. Die Beobachter tun deshalb gut daran, dafür Sorge zu tragen, daß immer innerhalb eines Zeitabschnitts von 5 Tagen so viele scheinbare Bahnen eingetragen werden, als zur selbständigen Ableitung von Strahlungspunkten nötig sind, wofür meist 50 bis 60 Bahnen aus reichen werden, wobei aber auch die Regel gilt : je mehr, desto besser. Zur Zeit der größten Meteorhäufigkeit in den Herbstmonaten, auch außerhalb der Tätigkeitsperioden der großen Meteorströme, kann man diese Zahl leicht in einigen Stunden erreichen. Die Beobachtung der Hauptströme, insbesondere der Perseiden, hat zu- nächst nur noch untergeordnete Bedeutung. Sorg- same Aufzeichnungen zu anderen Jahreszeiten sind, wenn auch weniger ansehnlich, doch viel wertvoller. Das rasche und sichere Einzeichnen der Meteorbahnen ist eine Kunst, die gleich anderen Künsten nicht ohne längere Übungszeit erlernt werden kann. Daß die ersten Aufzeichnungen nicht ohne weiteres verwendbar sind, zeigt das folgende Beispiel: Vor einigen Jahren beauftragte ich einen Primaner, der sich bei meinen Beob- achtungen gelegentlich als Schreiber betätigte, versuchsweise mit der Einzeichnung der Bahnen, um die Art der Fehler festzustellen, die bei Un- geübten vorkommen. Einige helle Sternschnuppen zeigten ziemlich gute Übereinstimmung mit meinen gleichzeitigen Eintragungen. Bei den schwächeren stimmte meist nur das Sternbild. Die Richtungen der Bahnen dagegen wichen bis zu 90 " ab ! Es muß hinzugefügt werden, daß der Beobachter leicht kurzsichtig war, so daß ihm seine Augen jene flüchtigen Lichteindrücke wohl nur unvoll- kommen vermittelten. Ein günstigeres Ergebnis hatten Versuche mit mehreren Studierenden auf der Universitäts Sternwarte zu Jena an den Lyriden 1914. Die gleichzeitig aufgezeichneten Bahn- richtungen stimmten meist gut überein, doch zeigten sich mehrfach seitliche Verschiebungen der Bahnen bis zum Betrag von mehreren Graden. Jedem Beobachter, der einige Übung erlangt hat, ist zu raten, Einzeichnungen und Zählungen zu vereinigen. Freilich muß dann das Eintragen der Bahnen rasch vonstatten gehen, damit nicht inzwischen ein Meteor übersehen wird. Schließ- lich läßt sich auch der Einfluß dieser Zeitverluste auf die Zählungen unschwer ermitteln. — Die Karten bleiben übrigens lange Zeit verwendbar, da die eingetragenen Bahnen wieder entfernt werden können, nachdem die Koordinaten des Anfangs und Endes nach Rektascension und De- klination mittels der zugehörigen Maßstreifen ab- gelesen sind. Nach einiger Übung gelingt auch die Ab- schätzung der Dauer der Sternschnuppen in Sekunden und Zehntelsekunden, wobei indessen wieder merkwürdige einseitige Beobachtungsfehler auftreten. Bei der Bearbeitung der von Birken - stock gesammelten Beobachtungen zeigte sich schon, daß besonders die Bahnlängen außerordent- lich verschieden aufgefaßt werden. In manchen Beobachtungsreihen herrschen kurze Bahnen von weniger als 5 " Länge bei weitem vor, in anderen Fällen wieder liegt das Mittel bei 15", ohne daß ein wirklicher Unterschied anzunehmen wäre. Ich glaube auch, daß die verschiedene Sehschärfe dabei nur eine untergeordnete Rolle spielt. Vielmehr handelt es sich höchstwahrscheinlich um reine Auffassungsfehler, deren Ursache nicht im Auge, sondern im Gehirn zu suchen ist. Die weiteren Nachforschungen führten dann zu recht über- raschenden Feststellungen. Zunächst wurde ver- sucht , die Beziehungen zwischen den Begriffen „langsam, mittelmäßig, rasch" und der wahren Winkelgeschwindigkeit der Meteore zu ermitteln. Mit Hilfe der Dauerschätzungen und der Längen der scheinbaren Bahnen ergaben sich folgende mittlere Winkelbewegungen in I Sekunde : sehr langsam 5,2 " langsam 10,7 mittelmäßig 18,0 rasch 28,8 sehr rasch 50,6 Ein „sehr rasches" Meteor bewegt sich also scheinbar rund 10 mal so schnell als ein „sehr langsames". Das Verhältnis jeder Klasse zur darauffolgenden ist im Mittel 1 : 1,77. Daneben zeigte sich aber innerhalb der einzelnen Klassen eine ausgesprochene Abhängigkeit von der Bahn- länge: Je länger die Bahn eines Meteors ist, desto größer muß die scheinbare Winkelbewegung sein, um beim Beobachter einen bestimmten Eindruck 126 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr 9 der Geschwindigkeit hervorzurufen. In welchem Maße dies der Fall ist, zeigt das folgende Bei- spiel : Ein Meteor von 5 " Länge wird als „rasch" bezeichnet, wenn es sich mit einer Geschwindig- keit von 13" in der Sekunde forlbewegt. Ist jedoch die Bahn 30" lang, so ruft die gleiche Winkelgeschwindigkeit beim Beobachter den Ein- druck „langsam" hervor, und um die Stufe „rasch" zu erreichen, muß die Winkelbewegung 29 " be- tragen. — Im Jahre 19 14 beobachtete ich die Lyriden zwecks Bestimmung ihrer Geschwindig- keit nach einem besonderen Verfahren. Es fand sich dafür schließlich ein so übertrieben hoher Wert, daß ebenfalls einseitige Beobachturgsfehler angenommen werden mußten, was durch An- wendung des gleichen Verfahrens auf den kome- tarischen Perseidenstrom, dessen Geschwindigkeit bekannt ist, bestätigt wurde. Ob der F"ehler in einer Unterschätzung der Dauer oder zu großen Annahme der Bahnlängen besteht, konnte noch nicht ermittelt werden. Sicher ist nur, daß meine Beobachtungen um über 100 "„ fehlerhaft waren trotz äußerster Sorgfalt und trotz Übung an Tausenden von Fällen. Bei einem der Jenaer Beobachter zeigte sich ein ähnliches Verhalten. Die Ursache des Fehlers ist weder in der ange- wandten Beobachtungsmethode noch in irgend- welchen Versehen zu suchen, sondern kann nur in der UnvoUkommenheit der menschlichen Sinnes- werkzeuge liegen. Auch hier läßt sich der Ein fluß des Fehlers auf die Ergebnisse ausschalten, wenn man durch Beobachtung von Meteorströmen mit bekannter Geschwindigkeit den „Fehlerkoeffi- zienten" des Beobachters bestimmt. Es fragt sich nur noch, ob dieser nicht auch starken zeit- lichen Änderungen unterliegt. Große persön- liche Verschiedenheiten haben sich auch hier bereits gezeigt. Wenden wir uns nunmehr den Feuerkugeln zu. Die Bezeichnung „Feuerkugel" beginnt im allgemeinen mit der Sterngröße — 2, also etwa der Helligkeit des Jupiter, ist aber eigentlich ziemlich willkürlich. Wie schon mehrfach er- wähnt, ist das nächstliegende Problem hier ein anderes. Die große Helligkeit lenkt die Blicke zahlreicher Beobachter auf das Meteor, sodaß man hoffen kann, mit Hilfe von Beobachtungen aus verschiedenen Orten die Bahn der einzelnen Erscheinung mehr oder minder sicher zu berechnen. An sich ist dieses Verfahren auch auf die Stern- schnuppen anwendbar, bedarf aber dann vorheriger Vereinbarungen wegen der Beobachtungszeiten. Auch werden die Ergebnisse weniger sicher aus- fallen als bei Feuerkugeln, für die nicht selten 50 und mehr Beobachtungen vorliegen. Das Ver- fahren, welches bei der Berechnung der Bahnen Anwendung findet, ist insbesondere von Galle [3J und V. Nießl [4] sorgfältig ausgebildet worden, nachdem die große Bedeutung solcher Unter- suchungen etkannt worden war. Es hat sich als ratsam erwiesen, die Bearbeitung stets mit der Ermittelung von Lage und Höhe des Endpunkts der Erscheinung zu beginnen, da dieser von allen Bahnpunkten am sichersten aufgefaßt und zweifelsfrei bezeichnet wird, während besonders bei den An- fangspunkten außerordentlich große Unterschiede zutage treten, je nachdem, ob der Beobachter früher oder später auf die Erscheinung aufmerk- sam wurde. Die Grundlage für die Berechnung des Endpunkts bilden die Azimute und Höhen, in denen er an verschiedenen Orten beobachtet wurde. Zieht man auf einer Landkarte von den betreffenden Orten aus die den Azimuten ent- sprechenden Richtungsstrahlen, so weisen diese sämtlich nach derfi Punkt der Erdoberfläche hin, der das Meteor beim Erlöschen im Zenit hatte. .\bb. 3. Endpunktausgleichung der Feuerkugel vom 19. Juli 1914. werden sich aber wegen der unvermeidlichen Beobachtungsfehler nicht in diesem Punkt, sondern auf einer mehr oder weniger großen, den Projek- tionspunkt umgebenden Fläche schneiden. Bei genügender Zahl der Beobachtungen kann man alsdann für alle Orte Bedingungsgleichungen auf- stellen und aus diesen die wahrscheinlichsten Koordinaten des Endpunkts nach der Methode der kleinsten Quadrate ableiten, so daß dieses Verfahren genau der geodätischen Punktbe- stimmung durch Vorwärtseinschneiden entspricht. Kennt man dann die Lage der Projektion des B^ndpunkts auf der Erdoberfläche, so folgt dessen wahre Höhe unmittelbar aus den beobachteten scheinbaren Höhen als Mittel der Einzelwerte, die ebenfalls mit zufälligen Fehlern behaftet sind. Aus dem schließlichen Ergebnis kann weiterhin auch auf die Fehler der einzelnen Beobachtungen ge- schlossen werden. Figur 3 bezieht sich auf die Endpunktsbestimmung der großen Feuerkugel vom 19. Juli 1914 und läßt deutlich das Schnittfeld und die Abweichungen der einzelnen Azimut- strahlen erkennen. N. F. XVII. Nr. 9 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 127 Es folgt aus Vorstehendem, daß jeder Beob- achter eines größeren Meteors vor allem auf die sichere Festlegung des Endpunkts bedacht sein muß, was auf verschiedenen Wegen geschehen kann. Von großem Belang ist, ob bei der Beob- achtung Sterne sichtbar sind oder nicht. Ist ersteres der Fall, so ist immer die ganze Bahn auf Gestirne zu beziehen. Dies ist die sicherste Art der Beobachtung, und alles andere kann nur als Notbehelf gelten. Das Einzeichnen der Bahn geschieht auf die gleiche Weise wie bei den Stern- schnuppen. Es dürfen immer nur die Bahnteile gezeichnet werden, die der Beobachter sicher ge- sehen hat. Erfolgte das Aufleuchten schon früher, ohne daß der Beobachter das Meteor unmittelbar erblickte, so kann dies durch eine Anmerkung mit geteilt werden. Im ersten Teil ihrer Bahn erscheinen auch große Meteore nicht selten sternschnuppen- artig. Wurde zufällig das erste Aufblitzen der Er- scheinung aufgefaßt, was nur ausnahmsweise der Fall sein wird, so ist dies ausdrücklich zu bemerken, denn solche Beobachtungen bieten die Möglich- keit, verhältnismäßig sichere Werte für die An- fangshöhen zu berechnen und deren obere Grenze zu finden, was für unsere Kenntnis vom Aufbau der irdischen Lufthülle sehr wertvoll wäre, aber bis jetzt noch nicht einwandfrei gelungen ist. Meist erfolgt das Aufleuchten in Flöhen von etwa 200 km, doch gibt es auch Beispiele, bei welchen die Rechnung bis zu 700 km ergab, ohne daß ein Fehler in den Beobachtungen nachzuweisen wäre. Ob diese Ergebnisse indessen der Wirk- lichkeit entsprechen, muß trotzdem einigen Zweifeln begegnen, so lange nicht ein solcher Fall vorliegt, der durch eine große Anzahl guter Beobachtungen gesichert ist. — Der Endpunkt einer Feuerkugel wird schon deshalb am leichtesten von allen Bahn- punkten festzuhalten sein, weil er nicht selten durch plötzliche Steigerung des Lichtes, explosions- artige Erscheinungen und Funkensprühen aus- gezeichnet ist. Die große Bewegungsenergie des Meteors wird dann infolge der auf ein Höchstmaß gesteigerten Zusammenpressung der Luft fast augenblicklich in Wärme und Licht umgesetzt, die Geschwindigkeit vernichtet und die feste Masse der Feuerkugel fast stets restlos verdampft. Schwieriger gestaltet sich die Beobachtung, wenn Sterne nicht sichtbar sind, also am Tage oder in der hellen Dämmerung. Gelegentlich können Sonne und Mond Anhaltspunkte bieten. Sonst aber ist man auf irdische Merkmale ange- wiesen. Die Richtung — das Azimut — des Endpunkts kann nach solchen fast stets ziemlich sicher bestimmt werden. In Betracht kommen entfernte Berge, Ortschaften oder sonstige Gelände- punkte, und die Mitteilung der Beobachtung an den Rechner geschieht am vorteilhaftesten in Form einer Zeichnung oder Eintragung des Richtungs- strahls in die Landkarte oder den Stadtplan. — Weniger einfach ist die Ermittelung der schein- baren Höhe des Endpunkts, und zuverlässige An- gaben dieser Art sind nicht häufig. Die wenigsten Beobachter sind in der Lage, Schätzungen nach Gradmaß vorzunehmen, und wo dieser Weg be- schritten wird, da weisen die Beobachtungen eine starke einseitige Entstellung auf. Es ist bekannt, daß das scheinbare Himmelsgewölbe sich dem Auge nicht als Halbkugel, sondern stark abge- plattet darstellt. Dementsprechend fallen Höhen- schätzungen stets viel zu groß aus, ein Umstand, auf den schon Galle in seiner Untersuchung über den Meteoritenfall von Pultusk am 30. Januar 186S aufmerksam macht 1^5]. Allerdings scheint Galle anzunehmen, daß sich das Auftreten des Fehlers auf die horizontnahen Teile des Himmels be- schränkt. Eingehende Würdigung erfuhr dieser Gegenstand später durch Reimann in Hirsch- berg. V. Nießl machte bei seinen zahlreichen Untersuchungen über große Meteore die Erfahrung, daß man meist der Wirklichkeit sehr nahe kommt, wenn man geschätzte Höhen durchweg auf -'3 ver- mindert. Dasgeschätzte Zenit liegt in etwa 60" Höhe. Füralle P>scheinungen,diesich zwischen dem Höhen- kreis 60° und dem Scheitelpunkt abspielen, wird von Laien unterschiedslos das Zenit als Ort an- gegeben. Ist somit zwar möglich, die Schätzungen in den meisten Fällen trotzdem noch zu verwerten, so ergibt sich doch aus dem Gesagten für den Beobachter die Regel, daß er Höhenschätzungen so weit als möglich zu vermeiden suche. Jede Art der Messung mit den einfachsten Hilfsmitteln ist vorzuziehen, immer aber ist anzugeben, wie der betreffende Wert erhalten wurde. Gute Dienste leisten kleine Gradbogen mit Lot nach Art der Pendelquadranten, die aus Papier oder Pappe ge- fertigt und in der Brieftasche getragen werden können. Übrigens können Höhen und Horizontal- winkel, wenn sie etwa 30 " nicht übersteigen, auch recht gut mit dem Metermaß bestimmt werden. Hält man nämlich einen Maßstab vor sich bei ausgestrecktem Arme senkrecht zur Blickrichtung, so erscheint, wenn die Armlänge zu 60 cm an- gesetzt wird, I cm unter einem Winkel von 57' oder rund i ". Ist ein Maßstab nicht zur Hand, so kann wertvolle Dienste selbst ein Gras- oder Strohhalm leisten, dessen Länge man später be- stimmt. — Eine weitere Möglichkeit, sowohl Richtung als Höhe des scheinbaren Endpunkts zu ermitteln, bieten Sonne und Mond innerhalb ge- wisser Grenzen. Man beobachte an einem be- liebigen Tage, wann eines dieser Gestirne in der Richtung des Endpunkts und wann in gleicher Höhe steht. Aus den Zeiten können dann Azimut und Höhe gefunden werden. Die Anwendung des Kompasses ist gelegentlich ebenfalls von Vor- teil, im allgemeinen aber weniger zu empfehlen, weil die gebräuchlichen Instrumente meist zu klein sind, sodaß Fehler von 10" und mehr leicht vor- kommen können. Wurde der Kompaß trotzdem benutzt, so ist das ausdrücklich zu bemerken, damit an das Azimut die magnetische Mißweisung angebracht werden kann. Die Richtung, aus welcher das Meteor zum scheinbaren Endpunkt kam, mit anderen Worten Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 9 die Lage der Bahn am Himmel, dient als Grund- lage für die Ermittelung des scheinbaren Strahlungs- punktes. Die an den verschiedenen Orten beob- achteten Bahnbogen weisen sämtlich nach rück- wärtsanf jenen Punkt hin, und ihre Verlängerungen nach dieser Richtung bilden ein den Radianten umgebendes Schniltfeld, aus welcliem wieder nacli der IVIethode der kleinsten Quadrate der wahr- scheinlichste Ort des Radianten bestimmt werden kann. Damit ist dann auch die wahre Lage der Meteorbahn gegen die Erdoberfläche, ihre Rich- tung im Azimut und ihre Neigung gegeben. Wurde die ganze Bahn in die Sternkarte einge- tragen, so bedarf es keiner weiteren Znsätze. Am Tage jedoch muß die Richtung der scheinbaren Bahn getrennt ermittelt werden, und zwar hat sich als be- sonders vorteilhaft fürdiesen Zweck dieAufzeirhnung der scheinbaren Neigung erwiesen, die das Meteor im letzten Teil seiner Bahn gegen den Horizont oder den Vertikal des Endpunkts besaß. Dies besagt also, ob das Meteor senkrecht abzu- fallen schien, ob es eine Abweichung nach rechts oder links zeigte, ob die Bahn horizontal oder aufsteigend verlief. Eine einfache Strichzeichnung ist hier allen anderen Formen der Mitteilung vor- zuziehen und gibt den Neigungswinkel oft über- raschend gut wieder. Eine Schwierigkeit besteht nur darin, die Beobachter zu der richtigen Auf- fassung der Sachlage zu veranlassen. Die wenigsten Beobachter können sich nämlich von der Täuschung freimachen, daß sich die Erscheinung in ihrer un- mittelbaren Nähe abgespielt habe, zeichnen infolge- dessen ganz verfehlte Grundrisse und Aufrisse der Bahn; aber n'Vht das. worauf es ankommt: den einfachen Anblick des Meteors. Ich bin des- halb dazu übergegangen, bei der Einholung brief- licher Auskünfte das Wort „scheinbare Neigung" gar nicht mehr zu gebrauchen, da es fast stets Verwirrung anrichtet und die Beobachter einfach nicht zu überzeugen sind, daß die Erscheinung viellelicht loo und mehr Kilometer von ihnen entfernt war. — Bei sehr langen Bahnen oder auch dann, wenn der Anfangspunkt tief am Horizont lag, ist es manchmal vorteilhaft, wenn an Stelle der Neigung ein erster Bahnpnnkt nach einem der für den Endpunkt angegebenen Verfahren festgelegt wird, wobei für die Bestimmung des Radianten gleichgültig ist, ob der als Richtungs- marke gedachte Ort wirklich dem Punkt des ersten Aufleuchtens oder einem anderen sicher beobachteten Punkt des Bahnbogens entspricht. Die gleichzeitige Skizzierung der Neigung kann zur Erreichung größerer Sicherheit oder zur Prüfung dienen. Auch die Länge der Bahn kann mit Hilfe eines bei ausgestrecktem Arm gehaltenen Stockes oder einer Schnur auf die angegebene Weise in Bogenmaß bestimmt werden. Wie man sieht, gibt es verschiedene Wege, um zum Ziel zu gelangen. Die Beziehung auf Gestirne ist indessen allen anderen Arten der Festlegung scheinbarer Bahnen vorzuziehen. Leider nur sind Beobachtungen, die den zu stellenden Anforderungen genügen, ziemlich selten, denn die Kenntnis auch der wichtigsten und schönsten Sternbilder ist so wenig verbreitet, daß unter hundert Menschen wohl kaum einer die beobachtete Meteorbahn auf die Sternkarte zu übertragen vermöchte. Aus diesem Grund werden auch bei Nachtbeobachtungen sehr oft die anderen Methoden Anwendung finden müssen und sind außerdem zur Sicherung gegen grobe Verwechslungen allgemein am Platze. Die Abschätzung der Dauer des Meteors in Sekunden bietet kaum nennenswerte Schwierig- keiten wegen der meist ziemlich langen Sichtbar- keit der Feuerkugeln, hat aber nur dann Wert, wenn genau mitgeteilt wird, auf welches Bahn- stück zieh die Angabe bezieht. Im Gegensatz zu meinen Erfahrungen an den Sternschnuppen ist v. Nießl der Ansicht, daß die Dauer der Feuer- kugeln nicht selten überschätzt wird. Man kann aber im allgemeinen wohl annehmen, daß diese Beobachtungen im Mittel frei von einseitigen Ent- stellungen sind; wenigstens habe ich solche bis jetzt nicht auffinden können, abgesehen von den häufigen, ganz groben Verstößen, die den Stempel der Unrichtigkeit often an sich tragen. — Die Zeit der Erscheinung suche man ebenfalls genau zu be- stimmen, vernachlässige darüber jedoch nicht die P'estlegung der scheinbaren Bahn. Es erübrigt sich wohl, darauf hinzuweisen, daß auch Beob- achtungen über das Aussehen des Meteors, Farbe und Lichterscheinungen, von Wert sind. Erwünscht wären sichere Angaben über die Aufeinanderfolge der verschiedenen Farben während des Zuges der Feuerkugeln, da neuerdings A. Wegener eine Abhängigkeit der Farbe von der Art der durch- fahrenen Gasschichten vermutet hat [6]. In den mir vorliegenden Sammlungen von Beobachtungen herrscht bezüglich der Fat benangaben meist eine unglaubliche Verwirrung. Große Meteorerscheinungen sind nicht selten von Donner begleitet, der wegen der beträcht- lichen Entfernung oft erst nach mehreren Mmuten das Ohr des Beobachters trifft. Die Zeit, welche zwischen Licht und Schall verstreicht, ist genau nach der Uhr zu ermitteln, desgleichen bei den allerdings recht seltenen Meteoritenfällen die Zeit bis zum Herabkommen der Steine. Diese An- gaben können neben anderen Zwecken auch zur Prüfung der Bahnbestimmung dienen. — Rück- stände der Feuerkugel, die als Nebel- oder Rauch- streifen gelegentlich noch lange Zeit sichtbar bleiben, sind in ihrer Bewegung und Formver- änderung durch Messung und Zeichnung genau zu verfolgen, da uns diese Beobachtungen Auf- schluß über die in den oberen Schichten der irdi- schen Lufthülle auftretenden Strömungen geben. Es folgt hier eine nochmalige gedrängte Über- sicht der vorzunehmenden Ermittelungen: I. Scheinbare Bahn. a) Endpunkt: Eintragung in die Sternkarte oder Festlegung der Richtung nach irdischen Merkmalen, der Höhe durch Messung mit einfachen N. F. XVII. Nr. 9 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 129 Hilfsmitteln. Benutzung der Sonne und des Mondes für den gleichen Zweck. b) Bahnlage: Eintragung in die Sternkarte oder Skizzierung der scheinbaren Neigung gegen den Horizont oder den Vertikal eines Bahnpunkts. c) Anfangspunkt und Bahnlänge: Bestimmung wie beim Endpunkt; Messung der Bahnlänge mit einfachen Hilfsmitteln. 2. Zeit der Erscheinung und Ort der Beob- achtung. 3. Dauer in Sekunden unter genauer Bezeich- nung, auf welches Bahnstiick sich die Angabe bezieht. 4. Lichterscheinungen, Farbe, Schweif. 5. Donner: Zeit zwischen Licht und Schall ermitteln. In erster Linie ist stets die scheinbare Bahn zu bestimmen und anzugeben, wie die einzelnen Ermittelungen vorgenommen wurden. Einfache Zeichnungen sind besser als Beschreibungen. Ein- gesammelte Berichte sind dem Rechner wenn möglich in Urschrift oder wörtlicher Abschrift zuzuführen. Es bleiben noch einige Worte zu sagen über die Stellen, die sich in Deutschland mit der Samm- lung und Verwertung dieser Beobachtungen be- fassen, denn es wird die Anteilnahme weiter Kreise sicher beleben, wenn die sachgemäße Behandlung der eingesandten Mitteilungen gewährleistet wird. Als Sammelstelle kommt vor allem in Betracht die Schnftleitung des „Sirius" in Berlin NW 48, Hindersinstr. 7, die es auch übernommen hat, in besonderen Fällen mit Hilfe der Tagespresse Nach- forschungen anzustellen und damit schon gute Erfolge erzielen konnte. Eine Sammelstelle unter- hält ferner die „Vereinigung von PVeunden der Astronomie und kosmischen Physik" in Münster, Westfalen, Königliche Sternwarte. Letztere Stelle hat gebührenfreie Meldekarten eingeführt. Zur Zeit besteht ein Austausch der an den ver- schiedenen Orten einlaufenden Beobachtungen. Von einer endgültigen Regelung, die nötig ist, um der Gefahr der Zer.-plitterung vorzubeugen, muß jedoch unter den gegenwärtigen Umständen noch abgesehen werden. Über seine Erfahrungen bei der Berechnung zahlreicher Meteorhahnen macht v. Nießl folgende Angaben hinsichtlich der F'ehlergrenzen von Be- obachtungen und Ergebnissen: Der mittlere Fehler einer Richtung für den Endpunkt ergab sich im Durchschnitt aus 351 benutzten Beobachtungen zu ± 5,8". Nur in 12 v. H. der Fälle erfolgten die Feststellungen durch unmittelbare Beziehung auf Gestirne, in etwa 20 v. H. auf Grund späterer Messungen, in allen übrigen Fällen, also weitaus der Mehrzahl, durch Bezeichnung nach irdischen Gegenständen. Der mittlere Fehler einer schein- baren Höhe betrug nach 235 i'^ngaben ±41". wobei jedoch rohe Schätzungen nach Möglichkeit ausgeschlossen wurden. Bei der Berechnung der Endpunkte wurden folgende Fehlergrenzen erreicht : in der geographischen Lage des Endpunkts ± 8.3 l^Ti. in der Höhe ± 3,4 km. Die besten Bestimmungen der Lage blieben noch auf 3—4 km unsicher. Für die Anfangspunkte können wegen der un- gleichmäßigen Auffassung seitens verschiedener Beobachter solche Angaben nicht erfolgen. Der mittlere Fehler der beobachteten ersten Bahn- punkte betrug bei Beziehung auf Gestirne ±3.5°, im Mittel aus 217 verschiedenartigen Beobach- tungen ±4,2 ". Die scheinbaren Neigungen wiesen in 250 benutzten Fällen durchschnittlich einen mittleren Fehler von ±6.5" auf, die Orte der scheinbaren Strahlungspunkte einen solchen von ± 3,3 " im Mittel aus 43 verläßlichen Bestimmungen unter Benutzung von 537 scheinbaren Bahnen. Die Anzahl der letzteren betrug gelegentlich über 40 für das gleiche Meteor, andrerseits auch manch- mal wieder nur 3 oder 4. Endlich seien noch hinzugefügt die mittleren Endhöhen großer Meteore : 147 Feuerkugeln ohne Donner: 60 km 57 Feuerkugeln mit Donner: 31 „ 16 Meteoritenfälle: 22 „ Sternschnuppen pflegen meist schon zwischen 80 und 100 km Höhe zu verlöschen. Die Ausführungen, welche ich vorstehend den Feuerkugeln gewidmet habe, mögen vielleicht den Anschein erwecken, daß es sich dabei um ein Gebiet handelt, welches den sonst bei astrono- mischen Forschungen üblichen Grad der Genauig- keit vermissen läßt und auf welchem zum Schaden der Ergebnisse eine gewisse Freiheit der Methoden herrscht. Gewiß sind die hier empfohlenen rohen Messungen sonst nicht gebräuchlich, doch wäre es verfehlt, daraus einen zu weitgehenden Schluß auf die Verläßlichkeit der abgeleiteten Bahnen zu ziehen. Nur dadurch wurde eben die Verwertung solcher scheinbar ganz unzuverlässigen Beobach- tungen ermöglicht, daß man gelernt hat, die stets wiederkehrenden einseitigen Fehler auszuscheiden, und die aus zahlreichen Beobachtungen solcher Art unter Beachtung aller Gesichtspunkte und Er- fahrungen berechneten Bahnen sind tatsächlich oft so sicher, daß für Hypothesen und Spekulationen nur wenig Spielraum bleibt. Solange nicht eine selbsttätige Aufzeichnung solcher Erscheinungen, etwa auf photographischem Wege, möglich ist — und diese Möglichkeit muß vorerst überhaupt be- zweifelt werden — , so lange wird die Wissen- schaft bei diesem Gebiet auf zufällige Beobach- tungen aus Laienkreisen angewiesen bleiben. Mögen meine Ausführungen dazu beitragen, daß diesem Forschungsgebiet einige Anteilnahme ent- gegengebracht wird, die bisher leider fast voll- ständig gefehlt hat. Literaturnachweisungen, i. G. V. Niefil, Die geographischen Beziehungen des Meleorphänomens. Naturw. Wochenschr. 19. Bd. Nr. 18(1904). 2. C. Hoffmeister, Sternkarten für Mcteorbcobach- Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 9 tungen und ähnliche Zwecke. 4 Teile 1,20 M. Verlag des Verfassers. Die einzelnen Teile werden auch getrennt abgegeben. 3. J. G. Galle, Über die Berechnung der Bahnen heller, an vielen Orten beobachteter Meteore usw. Astr. Nachrichten Bd. 83, S. 321 (1874). 4. G. V. Nießl, Die Bestimmung der Meteorbahnen im Sonnensystem. Enzyklopädie der math. Wissenschaften VI 2, S. 427—462. 5. J. G. Galle, Über die Bahn des am 30. Januar 1868 beobachteten und bei Pultusk im Königreiche Polen als Stein- regen niedergefallenen Meteors durch die Atmosphäre. Ab- handlungen der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische KuUur. Breslau 1868. 6. A. Wegener, Über den Farbenwechsel der Meteore. „Das Wetter", Sonderheft zum 13. April 1915, S. 62 — 66. 7. C. Hoffmeister, Über die kosmische Stellung der Meteore. Naturwissenschaften Heft 40, 1917, Einzelberichte. Zoologie. In Gestalt und Bewegungsweise quallt-nähnliche Flagellaten sind nicht nur Lcpto- discus medusoides R. Hertwig, das Meerleucht- tierchen des Mittelmeeres, und die ihm ähnliche, gleichfalls zu den Cystoflagellaten gehörige Cras- pedotella Kofoid, sondern noch zwei weitere Arten, von denen Pascher') die eine in alten Kulturen mit Meeresalgen, die andere in der Ostsee bei Warnemünde am Übergang zum Breit- ling in kleinen, mit faulenden Algen ausgefüllten Lachen fand. Jene, Clipeodinium medusa Pascher, ist kegelförmig, die Basis des Kegels ist hohl wie bei einer Weinflasche; den Kegelmantel umgürtet eine Ouergeißel, wodurch sich der Organismus als zu den Dinoflagellaten gehörig erweist; die Längs- geißel fehlt zwar, aber an einer Furche ist noch zu erkennen, wo sie ehedem lag. Die medusen- artigen Kontraktionen, die das Schwimmen durch Rückstoß hervorrufen, beschränken sich auf den „unterhalb" der Ouergeißel — wenn man die Spitze des Kegels als „oben" liegend betrachtet — gelegenen Teil des Körpers. Noch anmutiger sieht die grüne Medusochloris phiale Pascher aus. Sie ist etwa uhrglasförmig, aber leicht in vier Ecken ausgezogen, und an jeder Ecke entspringt eine lange, bei der Bewegung nachschleppende Geißel. Durch die rhythmischen Kontraktionen wird der uhrglasförmige Körper fast zur Kugelform zusammengezogen. Ein Stigma, der große Chromatophor ohne Pyrenoid, die Stärkekörnchen und die Vermehrung durch Längs- teilung lassen den Organismus den Polyblephari- niden zurechnen. Da bei diesen die Geißeln immer am Vorderende eingefügt sind, so bewegt sich Medusochloris „rückwärts" im morphologischen Sinne, umgekehrt wie die anderen Polyblephari- niden. Die Bewegung bei beiden Formen erfolgt in Schraubenlinien unter steter Umdrehung des Körpers um die eigene Achse. Geringere Be- wegungen können auch allein durch das Schwingen der Geißeln zustande kommen. Die Kontraktionen des Körpers beruhen nicht nachweisbar auf Myonemen wie bei Leptodiscus, Craspedotella und zahlreichen Infusorien, sondern gehören wohl zu der bei Flagellaten so verbreiteten Metabolie, die wohl immer auf der Kontrakiilität des Plasmas und einem in der Zellhaut liegenden entgegen- wirkenden elastischen Moment beruht. V. Franz. Der Entwicklungs^ykkis des breiten Rand wurms, Dibothriocephalus latus L. (Mit 8 Abbild.; Während die Art und Weise der Infektion des Menschen mit dem breiten Bandwurm seit langem brkannt ist, wußte man bisher nicht, wie die Fische, die als Zwischenwirte des Dibothriocephalus in Be- tracht kommen, sich mit dem Parasiten infizieren. In der Magen wand, in der Leber, der Milz, den Geschlechtsdrüsen und der Muskulatur des Hechtes, des Barsches, der Quappe und anderer Süßwasser- fische lebt das Finnenstadium des Bandwurms, das Plerocercoid. Wird ein solcher Parasitenträger vom Menschen in rohem oder nicht genügend gekochtem Zustande gegessen, so entwickelt sich im Magen und Darm des Menschen aus dem Plerocercoid der geschlechtsreife Bandwurm, der sich im Dünndarm ansiedelt. Mit dem Kot gelangen die in den Darm abgelegten Eier nach außen, und im Wasser entwickelt sich aus dem Ei eine an der ganzen Körperoberfläche bewimperte Larve, die einen mit sechs Haken versehenen Embryo, die Oncosphaera, enthält. Vermittels ihres Wimperkleides schwimmt die Larve nach Sprengung der Eihülle im Wasser umher. Was aber weiterhin init der Larve ge- schieht, wie aus der Oncosphaera das in den ge- nannten Süßwasserfischen schmarotzende Plero- cercoid entsteht, war, wie gesagt, bis jetzt un- bekannt. Versuche, Fische mit den P"limmerlarven zu infizieren, schlugen immer wieder fehl, und das legte den Gedanken nahe, daß der Fisch nicht der einzige Zwischenwirt des Bandwurms ist, son- dern daß die Oncosphaera zunächst in ein anderes im Wasser lebendes Tier gelangen muß, ehe in dem Fisch, als dem zweiten Zwischenwirt, das Plerocercoid entsteht. Diese Vermutung ist nun- mehr durch die Untersuchungen von Janicki und Rosen') bestätigt worden, denen es nach vielen Mühen gelungen ist, den ganzen Entwick- lungszyklus des Dibothriocephalus klarzulegen. Janicki und Rosen wiederholten zunächst beide die Versuche einer direkten Infektion von ') Biolog. Ze Band 37, 1917, \r ') Janicki, C, et Rosen, F., Le cycle evolutif du Dibothriocephalus latus L. Bulletin de la Societe neuchäteloisc des Sciences naturelles, Tome 42, 191 7. N. F. XVn. Nr. 9 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 13« Fischen mit Flimmerlarven. Nachdem Janicki eine Methode ausgearbeitet hatte, um aus den Eiern Flimmerlarven in großer Menge zu züchten, brachte er junge Forellen, Hechte und Barsche in Aquarien mit Flimmerlarven zusammen. War eine Infektion überhaupt möglich, so hätte sie unter diesen für die Parasiten besonders günstigen Bedingungen erfolgen müssen. Alle Versuche mißlangen indessen.') Auch Rosen kam nur zu negativen Resultaten. Um die Infektionsmöglich- keit noch zu erhöhen, hielt er die Larven in kleinen Bechergläsern. Die Larven sammelten sich in diesen mit Vorliebe am Wasserspiegel. Wurden die jungen Fische in die Gläser gesetzt, so waren sie infolge Sauerstofifmangels bald ge- zwungen, an die Oberfläche zu steigen und kamen so mit den zahlreich vorhandenen Flimmerlarven in unmittelbare Berührung. Trotz genauester Untersuchung der lebenden und der fixierten Fische konnten jedoch niemals Oncosphaeren in dem Darmtraktus der Tiere gefunden werden. Somit konnte über die Existenz eines weiteren Zwischenwirtes wohl kaum noch ein Zweifel be- stehen. Um diesen Zwischenwirt herauszufinden, schlugen Janicki und Rosen verschiedene Wege ein, sie arbeiteten sich gewissermaßen ent- gegen. Janicki prüfte, um einen Anhaltspunkt über die Natur des fehlenden Zwischenwirtes zu gewinnen, den Mageninhalt einer großen Zahl von Quappen, Barschen und Hechten verschiedenen .A.lters und suchte alle Entwicklungsstadien des Plerocercoids festzustellen von dem Augenblick an, wo es den ersten Zwischenwirt verläßt und in den Fisch übergeht. Rosen andererseits nahm systematisch die von Janicki in dem Magen der Fische aufgefundenen Tiere vor und suchte sie mit F'limmerlarven zu infizieren. Die ausgewachsenen Fische, in denen die Plerocercoide des Dibothriocephalus leben, sind zumeist, wie Hecht und Barsch, ausgesprochene Raubfische, die sich von anderen Fischen, haupt- sächlich Weißfischen, nähren. Da man aber be- reits in ganz jungen Fischen, deren Hauptnahrung noch wirbellose Tiere bilden, Plerocercoide findet, war es von vornherein nicht wahrscheinlich, daß Weißfische die ersten Zwischenwirte sind. Ver- suche, Weißfische mit Flimmerlarven zu infizieren, verliefen denn auch ergebnislos. Die Tiere, die Janicki in dem Magen der untersuchten Fische — Quappen, Barsche und Hechte von 6 — 33 cm Länge — fand, lassen sich in vier Gruppen ein- teilen: I. planktonisch lebende Tiere, 2. ver- schiedene .Arten von Chironomiden , Corethren und anderen Insektenlarven, 3. Gammariden, 4. Oligochaeten. Das Plankton setzt sich aus Or- ganismen aus verschiedenen Gruppen zusammen, seine Untersuchung bot also die meisten Schwierig- ') Janicki, C, Experimentelle Untersuchungen zur Entwicklung von Dibothriocephalus latus L. I. Über negative Versuche, junge Forellen, Hechte und Barsche direkt mit Klimmerembryonen zu infizieren. Centralbl. f. Bakteriologie, Parasitenk. u. Infektionskrankh., Bd. 79, 1917. keiten, und so wurde sie bis zuletzt aufgeschoben. Rosen begann mit der Untersuchung der Gamma- riden oder Flohkrebse. Die Tiere wurden in kleinen Aquarien zu je 50 gezüchtet, und diesen wurden dann Flimmerlarven in Portionen von ungerähr 5000 Stück beigegeben. Vom zweiten Tage ab wurden die Gammariden lebend und in fixiertem Zustande auf Schnitten genau untersucht. Von den F'limmerlarven fand sich indessen keine Spur, .^uch alle Versuche, Flimmerlarven in Insekten- larven und Würmer zu übertragen, verliefen nega- tiv. So blieb denn nur noch die letzte Gruppe, das Plankton, übrig. Da die Lebensweise der Flimmerlarven ebenfalls planktonisch ist, war die Wahrscheinlichkeit, daß der erste Zwischenwirt des Dibothriocephalus dieser Gruppe angehöre, ^' l)en ausgeschlüpfte Hiramerlarve (Vergr. 280). Oncosphaera aus der Leibeshöhle von Cydops strenuus, 5 Tage nach Durchbrechung d. Darm- kanales. (Vergr. 280). 3 Dasselbe Tier. 12 Tage nach Durch- brechung des Darm- kanales. (Vergr. 280). schon aus diesem Grunde sehr groß. Rosen untersuchte von den Planktontieren zunächst Daphnien auf ihre Infektionsfähigkeit, dann Lep- todora und Bythothrephes, das Resultat war immer das gleiche: es fand keine Infektion statt. Weiter wandte sich dann Rosen den Copepoden zu, die ebenfalls im Plankton eine wichtige Rolle spielen. Versuche mit Cyclops viridis hatten abermals keinen Erfolg. Die Himmerlarven wurden von dieser Spezies zwar aufgenommen, aber — verdaut. Ähn- lich verhielten sich zahlreiche andere Cyclops- Arten. In Cyclops strenuus (Fig. 6) endlich, einem der gemeinsten und weit verbreitetsten Copepoden der Schweizer Seen — Rosen führte seine Unter- suchungen am Neuchäteler See, Janicki die seinigen am Genfer See aus — , fand sich der lange gesuchte Zwischenwirt, und außerdem erwies sich noch ein zweiter Copepode, Diaptomus gracilis, infektionsfähig; die Hauptrolle als erster 132 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 9 Zwischenwirt scheint indessen Cyclops strenuus zu spielen. Nachdem einmal der fehlende Zwischen- wirt gefunden war, war die weitere Untersuchung des Entwicklungszyklus des Dibothriocephalus nicht mehr mit Schwierigkeiten verbunden. Wie die Flimmerlarve gebaut ist, die im Sommer ungefähr 20 Tage nach der Ablage des '"Vi^:^ ? <., Hinterende eines Procercoids, das Verschwinden des kugeligen .Anhangs zeigend, 40 Tage nach der Infektion. (Vergr. 280). 0\\ r-55^^ \ ' Procercoid aus der Leibes- höhle von Cyclops strenuus, 20 Tage nach der Infektion. (Vergr. 280). Cyclops strenuus mit einem Procercoid in der Leibeshöhle. (Vergr. 60). Eies diesem entschlüpft, zeigrt Fig. i. Sie besteht aus zwei Teilen, aus der Oncosphaera und der diese umschließenden embryonalen Hülle. Die Oncosphaera, die sich aus einer ziemlich beträcht- lichen Anzahl von Zellen zusammensetzt, besitzt drei Paar beweglicher Haken. Die embryonale Hülle wei'^t eine einzige Lage von Zellen auf, die an ihrer Außenfläche die Wimpern tragen. Ver- mittels dieses Wimperkleides bewegt sich die Larve langsam rollend durch das Wasser fort. Die Größe der Larve ist sehr variabel; sie schwankt zwischen 42 und 48 und selbst 55 /(, wovon 22 — 27 — 30 ft auf die Oncosphaera ent- fallen. Ist die Larve in einen Cyclops eingedrungen, so verliert sie alsbald ihre embryonale Hülle. Mit ihren Haken hält sich die sehr kontraktile Oncosphaera an der Darmwand fest, die sie zu durchbrechen sucht, um in die Leibeshöhle zu gelangen. Sechs Stunden nach dem Eindringen in den Cyclops findet man sie bereits nicht mehr im Darm. In der Leibeshöhle angelangt, setzt sie sich mit den Haken an der Außenwand des Darmes fest, verliert ihre Kontraktilität, und aus dem anfangs kugelrunden Gebilde wird ein ovaler, schließlich ein langgestreckter Organismus. Die in Fig. 2 wiedergegebene Oncosphaera besitzt ein Alter von 5 Tagen, in Fig. 3 ist das gleiche Tier 12 Tage nach seinem Eintritt in die Leibeshöhle abgebildet. In diesem Alter beginnen sich Diffe- '■~y Querschnitt durch den Magen einer Forelle mit einem freien Procercoid, 6 Stunden nach der Infektion. (Vergr. So). renzierungen in der Körperstruktur bemerkbar zu machen. Ein parenchymatöses Gewebe aus kleinen Zellen mit großen Kernen bildet die Grundlage. Hier und da erscheinen zwischen den Zellen die ersten, für die Bandwürmer so charakteristischen Kalkkörperchen, Längs- und Ouermuskulatur be- ginnt sichtbar zu werden, eine derbe Cuticula überzieht die ganze Körperoberfläche. An dem Pol, an dem die Haken sitzen, ist das Gewebe heller und homogener. Hier beobachtet man im Verlaufe der weiteren Entwicklung die Entstehung einer Einschnürung. Hat die Larve ein Alter von ca. 15 Tagen erreicht — sie mißt in diesem Alter 0,35—0,40 mm — , so ist die Einschnürung so weit fortgeschritten, daß das abgeschnürte Ende, das Kugelform besitzt und die sechs Haken des Embryos enthält, nur noch durch einen schmalen Stiel mit dem übrigen Körper verbunden ist (Fig. 4). Der kugelige Anhang ähnelt der Aus- gangsform, der Oncosphaera, unterscheidet sich aber von dieser durch die dicke Cuticula und die be- trächtlichere Größe. Sodann hat man den Ein- druck, daß es sich urti ein degenerierendes Ge- bilde handelt. Die Degeneration geht allerdings N. F. XVII. Nr. 9 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 133 ziemlich langsam vor sich. Hat die Larve eine Länge von 0,5 — 0,6 mm erreicht, so sind die Zellen des Anhangs von den übrigen Körperzellen vollständig getrennt, der ganze Anhang wird von der Cuiicula überzogen. Mehr und mehr schrumpft jetzt der Anhang zusammen, die irlaken werden aufgelöst, und schließlich, ca. 40 Tage nach der Infektion, verschwinden auch die letzten Spuren des Gebildes (Fig. 5). Zur Zeit der Entstehung des kugeligen Anhangs beginnt sich auch der andere Pol zu differenzieren. Es entsteht hier eine Einstülpung, wie es die Fig. 4 zeigt. Rosen bezeichnet die Larve auf diesem Stadium als Procercoid. Das Procercoid muß, um sich weiter entwickeln zu können, mit seinem Wirt (Fig. 6) in den Magen des wP Querschnitt mit einem Procercoid in der Magenmuskulatur der Korelle, 5 Tage nach der Infektion. (Vergr. 80). Fisches, des zweiten Zwischenwirtes, gelangen. Noch ehe Rosen die Entwicklung der Larve bis zu diesem Stadium verfolgt hatte, fand denn auch Jan ick i das Plerocercoid frei im Magen eines Barsches. Kurze Zeit nach der Infektion dringt das Procercoid in die Magenwand ein (Fig. 7), gelangt in die Magenmuskulatur (Fig. 8), weiter in die Leibeshöhle und setzt sich dann in der Muskulatur oder einem anderen Organ fest, wo aus dem Procercoid das längst bekannte Plero- cercoid entsteht. Der Entwicklungszyklus des Dibothriocephalus ist somit nunmehr vollständig bekannt. Es ist das erste Mal, daß für einen Bandwurm zwei Zwischen- wirte nachgewiesen worden sind. Wahrscheinlich verhalten sich die nächsten Verwandten des Dibo- thriocephalus ähnlich. Wies schon bisher der Bau der Dibothriocephaliden auf eine Verwandt- schaft dieser Bandwürmer mit den Trematoden hin, so spricht auch die neue Entdeckung von Janicki und Rosen sehr zugunsten dieser .An- schauung. Nachtsheim. Astronomie. Unsere modernen Ansc hauungen vom Bau des Universums gehen seit etwa einem Jahrzehnt auf zwei ganz verschiedenen Wegen, und Charlier, einer der Hauptforscher auf diesem Gebiete spricht daher von einer monistischen und einer dualistischen Auffassung der Fixstern weit. Während die eine Auffassung diese unsere Weltinsel als eine Einheit auffaßt, die sich entweder im Gleichgewicht befindet, oder doch durch ihre inneren Bewegungen danach strebt, faßt die zweite Auffassung die Slernenwelt als die Vermischung oder Durchdringung von zwei ver- schiedenen Strömen von Sternen, deren Endziel ein Universum sein wird, das weit davon entfernt ist, in einem stabilen Gleichgewichtszustande zu sein. Diese Zweisiromhypothese hat Kapteyn 1904 aufgestellt, um dadurch mancherlei Anomalien in den higenbewegungen der Sterne zu erklären. Es kam noch bald darauf hinzu, daß sich diesen beiden Strömen in zwangloser Weise die verschie- denen Sterntypen einordnen ließen, was der Hypo- these neues Gewicht verlieh. Die Grundlagen der monistischen Hypothesen beruhen auf den Arbeiten vonClausius, Maxwell und Thomson über die kinetische Theorie der Gase. Man vergleicht die Sterne mit den Atomen eines Gases, so daß die Bewegungen der Sterne nach dem Newton- schen Gesetz vor sich gehen, indem jeder Stern der Gesamtanziehung aller andern unterliegt. Da die gegenseitigen Entfernungen der Sterne aber sehr bedeutend sind, so i.^t die Bahn eines jeden einzelnen Sternes für mehr oder weniger lange Zeiten gleich der eines Massenteiles in einem Kraftfeld, das überall das gleiche Potential besitzt, wie die gesamte Gruppe. Wenn aber die Ver- teilung der Sterne sich von Ort zu Ort nicht ändert und auch die Verteilung der Geschwindig- keiten für jeden Punkt der Gruppe dieselbe bleibt, dann bleibt das System im dynamischen Gleich- gewicht. Hiervon bilden nun die Sternhaufen eine Ausnahme, durch die inneren Bewegungen und Annäherungen der Sterne wird sich im Laufe der Zeiten vollständiges Gleichgewicht herausstellen, indem die Geschwindigkeiten nach dem Gesetz von Maxwell verteilt sind. Hier kommt nun ein sehr wichtiger Punkt in Betracht, daß nämlich in einem Sternhaufen die Energie so verteilt wird, daß überall das Produkt aus Masse des Sterns und dem Quadrat seiner Geschwindig- keit eine Konstante ist. Es müssen also die großen Sterne zu kleinen Geschwindigkeiten kommen, die kleinen zu sehr bedeutenden. Charlier stellt nun in anschaulicher Weise die Hauptunterschiede in folgender Weise zusammen : (Siehe Tabelle auf folgender Seite) Gegen diese allgemeinen Anschauungen sind nun sehr gewichtige Einwüife erhoben worden. So macht Eddington, der seine Untersuchungen auf diesem Gebiet besonders weit getrieben hat, aufmerksam auf gewisse Sternsysteme, die in parallelen Bahnen durch den Raum ziehen. Am bekanntesten ist die Bärenfamilie (siehe diese Zeit- schrift, 1916 Nr. 10), der eine ziemlich große Zahl weit verstreuter Sterne angehören, z. B. auch Sirius, diese haben gleiche und gleichgerichtete Eigenbewegungen und auch gemeinsame physika- m Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 9 Frage Monistische Dualistische Hypothese Hypothese I. Art der Bewegung Das Universum ist Weder dynamisches ungefähr im dyna- noch statisches mischen Gleichge- Gleichgewicht wicht und nähert sich immer mehr dem statischen Gleich- gewicht 2. Verteilung der Ge- Entsprechend der Zwei, vielleicht noch schwindigkeiten der kinetischen Theorie mehr Siernstrome Sterne der Gase 3. Form des Milch- Ei Straßensystems 4. Zusammenhang von Geschwindigkeit und Spektraltypus Rotationsellip- 5. Entwicklungsgang eines Sternes Die mittlere Ge- schwindigkeit hangt ab von den MaHen der Sterne MV ■■ = Konstanz Kosmischer Staub, roter, gelber, weißer, gelber, roter Stern Spirale oder unregel- mäßig geformt DieGeschwindigkeit nimmt zu mit dem Alter der Sierne Gasnebe gelber, r lische Eigenschaften. Diese irren nur durch eine Gegend des Raumes, wo Sterne verstreut sind, die nicht zu dem Strom gehören, und werden doch nicht in ihrer Bahn in nennenswerter Weise gestört. So kommt man zu den Schluß, daß die schein- bare Analogie mit der kinetischen Gasiheoiie hier nicht am Platze ist, und daß die Sierne ihren Weg verfolgen nur unter Einfluß der allgemeinen Anziehung des Systems ohne Rücksicht autein- ander. Dagegen läßt sich einwenden, daß die von uns jetzt als zusammen gehörig betrachteten Sterne vielleicht nur der traurige Rest eines einst reichen Sternhaulen sind, der im Lauie der Zeiten eben durch solcheSiernannäherungenseine kleineren Glieder verloren hat. • Denn autlailenderweise sind die übriggebl ebenen Sterne alles an Masse sehr bedeutende Korper. tVlan kann sogar den Spieß umdrehen, und diese Stetnfamilien aU Stütze der kinetischen Gastheorie hei beiziehen. Nehmen wir diese Gruppe als einen ursprünglich kugel- förmigen Sternhaulen an, und lassen ihn ab und zu bei fremden Sternen vorbeigehen, so werden diese jedesmal eine gewisse Stoi ung ausüben, eine Störung der Richtung und der Gtsehwindigkeiien. So wird sich der Haufen systematisch vciandern müssen, und nach den Untersuchungen von Jeans muß der Haufen sich immer mehr ausbreiten und sich schließlich über eine Scheibe verteilen, die sich immer mehr verbreitert. Diese mit den Sternen besetzte Scheibe wird dann im Räume weiler- wandern, und ihre Ebene wird senkrecht auf der Bewegungsrichlung stehen. Nun sind die Vor- aussetzungen von Jeans in der Natur nicht streng erfüllt, der Haufen wird sich nicht geradlinig be- wegen, sondern in einem Kegelschnitt um den Schwerpunkt des Universums. So wird auch das Ergebnis nicht ganz der Theorie entsprechen, aber es ist doch auffallend, daß das Resultat Turner 's über die Bärenfamilie der Theorie so nahe kommt. Er zeigt, daß die zugehörigen Sterne über ein stark abgeflachtes Sphäroid verteilt sind, dessen Durchmesser etwa = 8 mal 10" Erdbahnradien be- trägt, dessen Dicke den 8. Teil davon. Einen anderen nicht geringen Einwand hat Poincare in seinen kosmologischen Vorlesungen gemacht. Er erinnert an den vorhin gemachten Schluß aus der Energieverteilung, daß M V^ ^ Kon- stanz sein soll, und folgert daraus, daß, wenn dieser Schluß richtig ist, dann müßten, die kleinsten Körper, die wir kennen, Meteore und Kometen mit last unendlich großen Geschwindigkeiten be- haltet sein, was doch nach der Beobachtung nicht der Fall ist. Wie kommt dies? Man könnte nach Poincare sagen, daß unser System eben noch nicht in dem endgültigen Zustand des stabilen G leichgewichtes ist, so daß die Kometen ihre großen Geschwindigkeiten eben noch nicht erlangt haben, sondern diese erst in Zukunft erreichen werden. Aber abgesehen davon, daß es eine wenig be- friedigende Hypothese ist, die so massige Körper wie die Fixsterne hinsichtlich ihrer Geschwindig- keiten ebenso behandelt wie die fast masselosen Kometen, so kann man gerade aus der Gastheorie den Grund dafür entnehmen, warum unsere Kometen so kleine Geschwindigkeiten haben. Gerade wie bei den Planeten die leichtesten Gase wegen ihrer zu großen molekularen Geschwindigkeiten aus den Atmosphären verschwinden, so sind eben diejenigen Kometen und Meteore, die jene ungeheuren Ge- schwindigkeiten erlangt haben, aus unserm Systeme entwichen. Und diesem Geschick sind nur die- jenigen Kometen entronnen, die vorher durch Fix- sterne und Planeten eingefangen sind. Diese sind dadurch Glieder des Sonnensystems geworden und lauten in Ellipsen um die Sonne. Dasselbe gilt auch für die Meteore und die feinen Teilchen des kosmischen Staubes. Alle diese Materie ist ent- weder dauernd durch einen Stern eingefangen oder für immer aus dem Universum entwichen, über die Grenzen der Pixsterne hinaus. Vielleicht liegt darin der Grund für die außerordentliche Leere des Raumes, deren überraschendste Wirkung die Abwesenheit jeder Spur einesAuslöschens des Licht- strahles im Räume ist. So ist also der Endzustand des Siernsystems ein solcher, der dem Maxwell- schen Gesetz entspricht, ein Raum, in dem sich nur eine Ansammlung von Sternen befindet und leer von Kometen, Meteoren und kosmischem Staube, weil dieser von den Sternen und Planeten eingefangen ist. (Charlier, Medderl. Lunds asironom. Obs. 1917.) Riem. N. F. XVII. Nr. 9 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. m Bücherbesprechungen. Von Biene, Honig und Wachs und ihrer kulturhistorischen und medizinischen Bedeutung von Fr. Berger, Zürich, Orell Füssli. S.-A. aus Schweizer Apotheker Ztg. 1916. In der lustigen Manier des lachenden Philosophen Demokritos-Weber wird in dem Büchlein über die Geschichte der Bienenzucht, der Wechsel- beziehungen zwischen Bienen und Pflanzenwelt, über Bienenkrankheiten, über den Bienenstich und dessen Heilkraft, über die Biene in der Volksheii- kunde und im Volksglauben, über den Honig, den Met und das Wachs geplaudert. Wie bei Weber wird auch hier eine unglaubliche Menge Literatur in kurzweiliger Art verarbeitet und man darf der rührigen Verlagsanstalt dankbar sein, daß sie die Zeitungsartikel zu einem besonderen Heftchen vereinigt hat. Erfreulich ist, daß der Verfasser nicht nur durch seinen Stil die Bekanntschaft mit dem nicht allzuviel mehr gelesenen Weber beweist, sondern daß er ihn auch an einer Stelle zitiert. Alien, die sich für die Bienen interessieren, sei das Buch empfohlen; sie werden sich nicht nur an dem Tatsachenmaterial und an der Darstellung erfreuen, sondern auch Anregung zu weiterer Forschung finden auf einem Gebiet, auf dem noch manches zu klären ist. Wächter. Der Botanikerspiegel von 1905 und 1910 un- wisseiischalilich und zweckwidrig, weil weder denk- noch folgerichtig. Eine Erinnerungsschrift zur 10. Jährung des l'odestages (27. Jan. 1907) Dr. Otto Kuntze's, des kundigsten, sach- lichsten und uneigennützigsten Förderers einer einheitlichen Pflanzenbeneiinung. Mit seinem Bildnis und dem von ihm sinngemäß verbesserten Nomenklaturgesetz, dessen Grundlage vor SO Jahren geschaffen worden. Von Andreas Voss. Vossianthus- Verlag (Andreas Voss). Beriin W. 1917. Dem in dieser sonderbaren Schrift abgedruckten K u n t z e ' sehen Nomenklaturgeselze sind die Worte Geibel's vorangesetzl: „Das ist die klarste Kritik von der Welt, „Wenn neben das, was ihm mißfällt, „Einer was Eigenes, Besseres stellt." Dagegen wird niemand etwas einzuwenden haben und weder Otto Kuntze noch seinem Jünger Andreas Voss kann es verwehrt werden, etwas „Eigenes, Besseres'' dem Schlechteren an die Seite zu stellen. Wenn dieses Eigene von den anderen allerdings nicht in der gewünschten Weise anerkannt wird, so ist schlechterdings nichts weiter dabei zu machen, als seine Hoffnung auf die Nach- welt zu setzen und allenfalls auf die Zeitgenossen zu schimpfen. Das hat schon Otto Kuntze getan und in der vorliegenden Schrift schimpft auch Andreas Voss, manchmal in recht amü- santer Weise. Der den Nomenklaturfragen ferner Stehende hat bei der Lektüre der Voss' sehen Streitschrift das wohltuende Gefühl, daß auch die direkt Betroffenen mit vergnügtem Lächeln über die KraftdUsdrücke des Verfassers zur Tagesordnung übergehen werden. — Wer sich für die Nomenklatur- fragen interessiert, wird in der vorliegenden Schrift sicher manches Anregende finden, wird sich für oder gegen Kuntze und Voss entscheiden und erhall einen Überblick über die Ergebnisse der verschiedenen Nomenklaturkongresse. P"ür die- jenigen Botaniker, die der Ansicht Watson's sind: „In my opinion botany is the science of plants and not the science of names" gilt wohl ganz allgemein die Meinung des Grafen Solras, daß der Name einer Pflanze keinen Wert hat, als daß er zur Verständigung unter den Botanikern dient (vorhegende Schrift S. 22,23). Aber selbst, wenn wir die Bedeutung eines Pflanzennamens dahin erweitern, daß er der Ausdruck für die Verwandtschaftsverhältnisse der Pflanzen ist, ver- mag Ref. nicht einzusehen, warum man durch „Gesetze" einen P~orscher zwingen will, sich an bestimmte von Kongressen beschlossene Regeln zu halten. Man kann jemanden nicht totschweigen auf die Dauer, wenn er etwa deutsche Diagnosen statt lateinischer publiziert, obgleich es vielleicht „Gesetz" ist, nur lateinische Diagnosen zu schreiben. Es wird niemandem einfallen, einem Pflajizenphysiologen vorzuschreiben, Phototropismus statt Heliotropismus zu sagen oder den Begriff Epinastie im alten oder neuen Sinne anzuwenden. Ebensowenig kann man einem Systematiker über die Begrenzung von Gattungen oder Arten Vorschriften machen, wenn seine wissenschaftliche Überzeugung von der anderer Fachgenobsen abweicht. — Prioriiäts- fragen sind — bei Lichte besehen — vor allem Eitelkeitsfragen , dereiwegen man sich nicht zu erregen braucht. ¥Än Forscher, der auf seinem Gebiete Leistungen aufzuweisen hat, wird in seinem Nachruhm nicht geschmälert, wenn einmal seine Piioruäisansprüche auf einen Pflanzennamen nicht zur Geltung kommen, und wenn die vielen Dilet- tanten auf dem Gebiete der Floristik — eine an sich sehr erfreuliche Erscheinung ~ sich gekränkt fühlen, daß man ihre Gattungen und ihre Arten nicht immer respektiert, so mögen sie sich mit Größeren trösten, denen die Mitwelt ihre Aner- kennung versagte. Wächter. H. Höfer Edler von Heimhalt, Die geo- thermischenVerhältnissederKohlen- becken Österreichs. Verlag für Fach- literatur, Berlin Wien, 1917. — Preis geh. 4 IVI. Einer Anregung des Verfassers zufolge haben die betreffenden österreichischen Behörden eine einheitliche Messung der geothermischen Verhält- nisse in den Kohlenbecken des Landes veranlaßt und gefördert. Es hat sich so ein reiches und, wie sich nun zeigt, praktisch und theoretisch gleich bedeutsames Erfahrungsmaterial gewinnen lassen. Der Verfasser unterbreitet es in der zu- ■ 36 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. 9 erst im „Berg- und Hüttenmännischen Jahrbuch" erschienenen Abhandlung der ÖfteniHchkeit. Es gelingt ihm damit zahlenmäßigdie Wärmeerzeugung des chemischen Inkohlung^prozesses zu erfassen und nachzuweisen. Sehr bemerkenswert ist, daß sie in jungen Flözen stärker ist als in alten und dementsprechend die Braunkohienlager erheblich wärmere Temperaturen aufweisen als die Stein- kohlen. Selbstverständlich arbeiten hier sehr viel verschiedenartige P'"aktoren durch- und gegenein- ander. Starke Unregelmäßigkeiten sind die Folga. Von Fall zu Fall litgt-n die Bedingungen anders. Weit entfernt die Beobachtungen damit abschheßen zu wollen, ist vielmehr eine kräuige Anregung zu weiteren umfassenderen Beobachtungen beab- sichtigt. Diese Anregung verdient wäimsie Unter- stützung, die Arbeit selbst vollste Beachtung in praktischen wie akademischen Kreisen. Edw. Hennig. zu umständlich ausgefallene Vorwort als einen kleinen Schönheitsfehler betrachten. Doch ge- bührt dem Herausgeber, Walter König, der Dank des Lesers für die Anregung zu dem Werke. V. Franz. Hermann v. Helmholtz: Drei Vorträge über Goethe. Herausgegeben von Walter König. Braunschweig, Friedr. Vieweg & Sohn, 191 7. 64 S. — Preis 80 Pf. Der schönste wissenschaftliche Lesestoflf ist der, aus dem ein Genius spricht. Ein Genius, Helm- holtz sprichthierüberden GeniusGoethe. Dasemp- findet der Jungling, der, fast noch Knabe, zum ersten Male die „Vorträge" in sich aufnimmt, und zehn- mal tiefer empfindet es der Mann. Die Sonder- ausgabe der zwei Vorträge über Goethe befriedigt daher ungemein. Mit Recht wurde von ei läuternden Anmerkungen abgesehen. Man kann sogar das Dr. D. van Gulik, „De Wichelroede" (Mede- deelingen van de Rijks Hoogere Land-, Tuin- en Boschbouwschool", TeilXII, Wageiingen 1917). Untersuchungen, die von der Natuurweten- schappelijk Gc/^elschap zu Wageringe mit ver- schiedenen Wünschelrutengängern angestellt wurden, haben einen vollen Mißerfolg der Rute gezeitigt. 4 Rutengänger bzw. Rutengängerinnen hatten an einer bestimmten Wegstrecke unter gegenseitiger Kontrolle Angaben über Wasservor- kommen zu machen und über einer künstlichen Leitung je 12 mal festzustellen, ob sie leer sei oder ein krältiger Strom hindurchginge. Die 48 letzteren Befragungen haben 23 richtige Antworten und 25 Versager ergeben, also ziemlich genau das, was bei bloßem Raten zu erwarten gewesen wäre. Der Verfasser gelangt daher zu dem Schluß, daß „die Wünschelrute ein Märchen ist", wenn- gleich er nicht die Erwartung hegt, damit das Problem nun endgültig aus der Weit geschafft zu haben. Er schlielSt sich daher voll und ganz den Ergebnissen Professor Weber 's in Kiel an, wo- nach Selbsttäuschungen und Wahrscheinlichkeits- vorsieilungen der Rutengänger die ausschließliche Ursache der Rutenausschläge wären. Edw. Hennig. Anregungen und Antworten. Schattenwurf des Jupiter. Wie ich mitteilte, gelang es mir am 5 Ukioi.er 1917, Qen Planeten Jupiter noch eine Stunde lang nach Sonnenaufgang am blauen Hmimelsgcwölbe bei hellem Sonnenschein ohne optische Hilli-niiuel zu eikennen. Ungefähr zur selben Zeil gelang linem anderen Beobachter, H. Sallentien aus Berlin-Grunewald, eine andere einfache, aber eindrucksvolle Beobachtung an diesem Gestirn. Der Genannte sah in der dunklen Nacht des I3. Oktober um II Uhr den Schattenwurf des Planetrn, also etwas, was außer bei Sonne und Mond bisher gleichfalls nur bei der Venus beobachtet worden ist. Der Ort der Beobachtung lag in Tirol, der Himmel war auß rordentlith klar, nur bedeckten vorbeiziehende Wolken zeitweilig den hellen Planeten. Ein Bleistilt warf auf ein Papier einen ganz schwachen, ver- waschenen Schatten, der sich jedesmal augenfällig verdeutlichte, wenn der Planet aus einer Wolke hervortrat, und der sicher vom Jupiter herrühite, da er am kürzesten war, wenn die Bleistiftspitze auf den Planeten gerichtet war. ^Astronomische Zeitschnlt XI. Jahrg. Nr. 12, 1917, S. 156.) V. Franz. Strengere Schonvorschriften für die Waldschnepfe. Zu der sehr berechtigten Forderung H. W. Frickhingcr's nach strengeren Schonvorschriften für die bei uns neuerdings über- winternde und dadurch Irüher zur Brut schreitende Wald- schnepfe (S. 4S9 d. Naturw. Woctien^chr.) sei mitgeteilt, daß Hessen dieser Fordrrung bereits nacbgt kommt n ist. Ein hessii-ches Gesetz bestimmt, daß Waldschnepten jetzt vom I. Februar bis 15. Juli Hegezeit haben, früher I. März bis 30. Juni. Die Waldschneple, ein zwar endemischer, also seit der Terliärzeit ureinheimischer Vogel des paläai kiischcn Faunen- gebiels, der aber sehr deutlich die zurzeit im Vogelrcicti ganz allgemein vorhandene Tendenz der Noidwärtsvtrschiibung des Verbreitungsgebietes zeigt, ist einer der Kronzeugen für meine These einer „\S iedcrkchrtnden Tertiärzeif ^d. h. wiederkehren- den tertiärzeitähnliihen Tierlebeusverbältnisses), worüber ein zweibändiges Werk in Bearbeitung ist ; vgl. übrigens in meinem „Vogeljahr-' (20 Jahre Vogclbcubacljturgen, Kointuburg 191 1) S. 302 die Versuche des von meiner Ttiese angeregten Herzogs von Northumberland mit gezeichneten jungen Waldschneplenl — Die von F'rhr. von Berg gesammeilen sialisiischen An- gaben über Waldschnepfen darf man nicht (alsch weiten; genau genommen beweisen sie eine Zunahme der Waldschnepfen in den 1 etzten Jahren (vgl. die drei verschiedenen Zeit- räume I) bei früher stark vermindertem Bestand. Wilhelm Schuster. Inhalt: C. Hoffmeister, Über Meleorbeobachtungen. (3 Abb.) S. 121. — Einzelberichte: Pascher, Quallenähnliche Flagellaten. S 130. Janicki und Rosen, Der Entwicklunaszyklus des breiten Handwurms, Dibolhrioceplialns latus L. (8 Abb.) S. 130. Charlier, Anschauungen vom Bau des Universums. S. 133. — Bücherbesprechungen: Kr. Berger, Von Biene, Honig und Wachs. S. 135. Andreas Voss, Der Boianikerspiegel. S. 135. H. Höfer Edler von Heimhall, Die geothermischen Vcrhältnis-e der Kohlenbecken Ö>terreichs. S. 135. Hermann v. Helmholtz, Drei Vorträge über Goethe. S. 136. D. van Gulik, De Wichelroede. S. 136. — Anregungen und Antworten; Schattenwurf des Jupiter. S. 136. Strengere Schonvorschrifien für die Waldschnepfe. S. 136. Manuskripte und Zuschriften werdi Druck der G, Pätz's en an Prof. Dr. H. Mi ehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. :n Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S, Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Sonntag, den lo. März igi8. Nummer 10. Zur Wünschelrutenfrage. [Nachdruck verboten.] Von Graf Carl von Das Interesse für die Wünschelrute ist in letzter Zeit außerordentlich gewachsen, und das Problem ist in wissenschafilichen Zeitschriften wie in der „Naturw. Wochenschr." (19 17 Nr. 19 u. 39, 191 8 Nr. 2), der „IVIünch. Mediz. Wochenschr." 19 17 Nr. 37 u. 44) u. a. m. zum Gegenstand leb- hatter Erörterungen geworden, die in ihren Ergeb- nissen miteinander oft in krassem Widerspruch stehen. Der Grund für diese Divergenz der Ansichten liegt wohl darin, daß das Wünschel- rutenphänomen eine weit kompliziertere Erschei- nung ist, als es zunächst den Anschein hat, da es auf der Grenzscheide verschiedener Disziplinen gelegen ist und von der schmalen Basis einer einzelnen Fachwissenschaft aus nicht hinreichend geklärt werden kann. Heute haben auch einsichtige Geologen, so Prof. Dr. W. Salomon und neuer- dings Major Dr. Kranz, erkannt, daß das Wünschel- rutenphäiiomen in erster Linie eine physiologische Erscheinung ist, und außer dem Geologen und Hydrologen haben hier auch der Psychologe, der Physiker und der Volkskundler ein Wort mitzu- sprechen. In einem Punkte herrscht wohl nur eine Meinung : Die Wünschelrute ist, wie der Schweizer Geologe A. Heim sich schon 1903 treffend ausgedrückt hat, ^j der „Fuhlhebel einer nervösen Erregung des Körpers". Über die Ursachen dieser nervösen Er- regung, sowie über die Art, wie sich diese in die Bewegung der Wünschelrute umsetzt, gehen die Ansichten bereits auseinander. In der 1 at können die Ursachen für die nervöse Erregung des Ruten- gängers sehr verschiedener Art sein. Die Ver- teidiger der Wünschelrute postulieren eine physi- kalische Einwirkung gewisser Substanzen, z. B. unterirdisch strömenden Wassers, auf das sensible Nervensystem des Rutengängers; die Gegner wollen nur psychische Faktoren als Erreger der VVünschel- rutenreaktion gelten lassen, be.-sienfalls unbewußte Wahrnehmung von Lokalanzeichen usw., die auf unterirdisches Wasser deuten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß beide Arten von Erregern der Reaktion, die hypothetische physikalische, von außen auf den Wünschelrutenmann wirkende, wie auch die intra- psychische in der Wirkung, dem Ausschlag der Rute, völlig übereinstimmen und weder vom Ruten- gänger, noch vom Beobachter ohne weiteres unter- schieden werden können. Über die Ursache, die sekundär den Ausschlag der Wünschelrute in den Händendes Rutengängers herbeiführt, stehen sich gleichfalls zwei Ansichten gegenüber: Ein Teil der Wünschelruten Verteidiger Klinckowstroem. sieht den Ausschlag als direkte Wirkung eines physikalischen Einflusses auf die Wünschelrute an, deren Drehung ohne Zutun des Rutengängers und ohne daß dieser es hindern könnte, erfolgen soll. Die Gegner — soweit sie nicht einfach an be- wußten Schwindel denken — und ein anderer Teil der Anhänger sehen im Ausschlag der Wünschelrute die Wirkung unwillkürlicher und unbewußter Bewegungen der Arm- und Hand- muskulatur, die ihrerseits eine Folge der nervösen Erregung des Rutengängers ist. Die letztere An- sicht vertritt auch der 19 12 gegründete Verband zur Klärung der Wünschelrutenfrage. Nimmt man nun als primäre Ursache dieser nervösen Erregung des Rutengängers eine physikalische Einwirkung der unterirdischen Reizquelle an, oder stellt man sich den Reaktionsvorgang als durch unbewußt bleibende Sinnes wahrnehmungen des Rutengängers — seien diese optischer, akustischer oder sonstiger Art — hervorgerufen vor, so stellt sich die Er- scheinung als ein reflektorischer Vorgang dar: Die Erregung des Rutengängers überträgt sich durch unwillkürliche und unmerkliche Muskel- aktion auf die im labilen Gleichgewicht gehaltene Rute, die als Hebel wirkt und umschlägt, wobei der Rutengänger die lebhafte Empfindung hat, daß diese Bewegung ganz ohne sein Zutun erfolgt. Es ist für den Physiologen keine ungewöhnliche Er- scheinung, daß nach Analogie vieler Erscheinungen der Überempfindlichkeit auf pathologischem Gebiet von einem prädisponierten menschlichen Organis- mus relativ minimale Reize mit oft sehr heftigen Muskelredktionen beantwortet werden. Ähnlich ist der Ablauf der Reaktion, wenn man rein psy- chische Reize als Erreger der Reaktion annimmt: Hier handelt es sich um sogenannte ideomo- torische Bewegungen. Wunsch, Erwartung, Wille sind allein schon im stände, die typische Wünschelrutenreaktion hervorzurufen, und der Suggestion und Autosuggestion sind hierbei Tor und Tür geöffnet. Wie schon Major Dr. Kranz (Naturw. Wochen- schr. 191 8 Nr. 2) hervorgehoben hat, dürfte es als gesichert gelten, daß man als Vermittler für die Umwandlung der nervösen Reaktion des Ruten- gängers in die Bewegung der Wünschelrute eine unwillkürliche und unbewußte Tätigkeit der Arm- und Handmuskulatur anzunehmen hat. Professor Graßbergers lehrreiche Arbeit,') sowie eine eben dahingehende eindringende Untersuchung von Stabsarzt Dr. Haenel, die demnächst in Heft 8 ') In der „Vierteljahrsschrift der Naturforschenden Ge- sellschaft zu Zürich", 1903 S. 287 ff. ') Graßberger, Die Wünschelrute und andere psycho- physische Probleme. Wien, 1917. — Vgl. mein Referat da- rüber in „Das Wasser", 1917, Nr. 27/28. 138 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. 10 der Schriften des Verbandes zur Klärung der Wünschelrutenfrage erscheinen soll, lassen darüber keinen Zweifel. Wenn Professor Dr. E. H e n n i g ^) und Professor Dr. H. Slursberg-) hier bei ihren Beobachtungen im Felde zu einer anderen Ansicht gelangt sind, so werden sie gewiß bei genauerer Prüfung dieses Teils des Reaktionsvorganges ihr Urteil revidieren. Trotz der von diesen beiden angeführten Gründe — zum Beispiel des anschei- nend selbsttätigen Abdrehens der Gabelenden in den scheinbar unbeweglichen Händen der Versuchs- person — muß angenommen werden, daß die Drehung durch die unmerkliche Tätigkeit der Supinatoren und Pronatoren in Verbindung mit der Elastizität und der Spannung der Rute zustande kommt. Daß sich diese unmerklichen Bewegungen der Hand- und Armmuskulatur unserer direkten Sinneswahrnehmung entziehen, ist kein Gegen- argument. Sie können durch besondere Versuchs- anordnung, wie sie Graßberger durchgeführt hat, nachgewiesen werden. Es sei hierbei bemerkt, daß bei den Rutengängern zuweilen auch noch mannigfache andere Reaktionserscheinungen auf- treten, wie Erhöhung der Pulsfrequenz, Schweiß- ausbruch, ferner besondere Sensationen, wie Prickel- gefühl in den Händen, Schüttelfrost oder der- gleichen, so daß manche dieser Leute der Rute ganz entraten können. Die Geologen sind nun meistenteils der An- sicht, daß die ganze Wünschelrutenreaktion auf psychische Ursachen, auf Suggestion und Auto- suggestion zurückzuführen sei, und sie suchen die Wertlosigkeit des Verfahrens, wie Major Kranz, einerseits durch Hinweis auf die oft geradezu phantastischen Hypothesen und Behauptungen mancherRutengänger und Wünschelrutenverteidiger, andererseits mit den häufigen Mißerfolgen der Rutengänger bzw. mit der kritischen Zerptiückung sogenannter Erfolge zu beweisen. Was zunächst das erste Argument anbetrifft, so muß man aller- dings das Mißtrauen der Geologen begreiflich finden. Was da, besonders seit Kriegsausbruch, an Behauptungen aufgestellt worden ist, spottet geradezu jeder Beschreibung. Das starke An- wachsen des allgemeinen Interessesfür die Wünschel- rute hat es mit sich gebracht, daß zahlreiche Phan- tasten und unklare Köpfe sich der Sache bemächtigt haben und Verwirrung stiften. Tatsächlich kann die Wünschelrute als Indikator rein psychischer Reize in der Hand eines geeigneten „Mediums" zu einem echt mittelalterlichen Rhabdomanten- Instrument werden, und sie wird, in dieser An- wendung — genau wie die Planchette der Spiri- tisten — auf keine Frage die Antwort schuldig bleiben. Sie wird bei schwangeren Frauen das Geschlecht des intrauterinen Kindes voraussagen, sie wird Krankheiten diagnostizieren, kurz sie wird ohne Zweifel als Orakel leichtgläubigen Menschen ein willfähriges Mittel zur Befriedigung des „meta- ') Naturw. Wochenschr. 1917, Nr. 19 u. 39. ") Münchener Mediz. Wochenschr. 1917, Nr. 44, S. physischenBedürfnisses"sein können. Offenbarungen werden wir aber weder hier, noch bei der spiri- tistischen Planchette erwarten können, sondern lediglich ein Echo aus dem Bewußtseinsinhalt, aus dem Gedankenkreise der Experimentatoren. So fand der Physiker Johann Wilhelm Ritter im Jahre 1807 bei seinen Pendelexperimenten in München die allgemeine Polarität in der Natur bestätigt, die von der naturphilosophischen Schule damals zum Weltprinzip erhoben wurde. So ist auch die „Rutenlehre" des Professor Benedikt in Wien zu erklären, der mittels seiner Wünschel- rutenversuche Reichenbachs Odhypothese zu einem fein differenzierten System, zu einer erstaun- lichen Zahlenmystik ausgearbeitet und erweitert hat. Aber diese Verirrungen dürfen uns nicht ab- halten zu versuchen, den echten Kern aus der Fülle überwuchernder rein ps\chischer Erschei- nungen herauszuschälen, wenn auch manchem dieser Versuch wenig aussichtsvoll erscheinen mag. Die üblichen Wünschelrutenbetätigungen, die ja keinen wissenschaftlichen, sondern wirtschaftlichen Zwecken dienen, werden hier allerdings niemals Klarheit schaffen können, ebensowenig wie eine darauf basierende einseitige Polemik, die sich die Geologen gern angelegen sein lassen. Ebenso wie der Geologe oft die Gültigkeit eines Erfolges mit guten Gründen wird bestreiten können, wobei schon der Begriff des Erfolges an sich von den verschiedenen Parteien verschieden definiert und gewertet zu werden pflegt, '■) so wird der Ruten- gänger bei sogenannten Mißerfolgen, die auch in den meisten Fällen durchaus nicht eindeutig klar liegen, mehr oder weniger berechtigte Erklärungen oder Entschuldigungen finden. Das beste und wohl einzige Mittel, um zu einer Klärung der Frage zu gelangen, wäre die systematische Durchführung einer dem physikalischen Experiment möglichst angenäherten tJntersuchungsmethode, deren Be- dingungen sich nach Belieben wiederholen lassen. Nun ist aber der Rutengänger keine Maschine, sondern ein allen Irrtümern und suggestiven Ein- flüssen zugänglicher Mensch, der im Laboratorium geviföhnlich ebenso versagt, wie hier ein Polizei- hund versagen würde. Es kämen also vornehm- lich Versuche im freien Gelände in Frage, wo sich wiederum die Versuchsbedingungen nur schwer so präzisieren lassen, daß das Ergebnis nachher ein eindeutiges ist. Versuche auf Kongressen, und mögen sie noch so gut vorbereitet sein, können wegen der Zusammendrängung auf wenige Tage, wegen der nur in geringem Umfange möglichen Rücksichtnahme auf die Witterung, auf die Er- müdung und Stimmung der einzelnen Rutengänger und wegen der unvermeidlichen Störungen und Flüchtigkeiten hier nicht zum Ziele führen, wie die Versuche des Verbandes zur Klärung der Wünschelrutenfrage in den Jahren 1912 und 1913, sowie die englischen und französischen Kongreß- 1) Vgl. darüber Prof. Dr. R. Weyrauch in Heft 3 der Schriften des Verbandes zur Klärung der Wünschelrutenfrage. Stuttgart 1912, S. 44 — 46. N. F. XVII. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 139 versuche im Frühjahr 191 3 gezeigt haben. Hier kann nur methodische experimentelle Untersuchung mit mehreren zuverlässigen und nach Möglichkeit von keinerlei Theorie infizierten Rutengängern, die unabhängig von einander zu prüfen wären, durch eine geeignete Untersuchungskommission weiter helfen, die unter möglichster Rücksichtnahme auf die Wünsche, die Eigenart, die Stimmung, den Gesundheitszustand usw. der Versuchspersonen Monate hindurch fortgesetzt werden. Daß aber tatsächlich ein echter Kern im Wünschelrutenphänomen steckt, das dürfte schon das Studium der ungemein reichen Literatur über die Wünschelrute zeigen. ^) Es liegen außer zahl- losen Einzelbeobachtungen doch immerhin auch eine Anzahl von Versuchen mit befähigten Ruten- gängern vor, die dem idealen physikalischen Ex- ') Vgl. meine Bibliographie der Wünschelrute, München 191 1, sowie die beiden Nachträge dazu in Heft 3 und Heft 7 der Schriften des Verbandes zur Klärung der Wünschelruten- frage, die bis Ende 1914 reichen. periment ziemlich nahekommen; so die Versuche des Münchener Städtischen Wasseramtes zum Auf- suchen von Wasserrohrbrüchen *), ferner die posi- tiven Ergebnisse bei den Talsperrenbauten von Tambach -) und Brüx "). Hier dürften Erklärungs- versuche, die mit Suggestion oder ideomotorischen Bewegungen arbeiten, versagen, und wenn hier der Zufall mitgespielt haben sollte, so spricht er jeder Wahrscheinlichkeitsberechnung Hohn. Doch ist schließlich die Erklärung des Phänomens zu- nächst von sekundärem Interesse. Wenn die Tat- sachen feststehen, so wird die Theorie schon folgen. ') Siehe Heft 5 der Schriften des Verbandes zur Klärung der Wünschelrutenfrage. Stuttgart 1913. ■-) Siehe Heft 4 der Schriften des Verbandes zur Klärung der Wünschelrutenfrage. Stuttgart 1913. ') Siehe R. Weyrauch, Die Talsperrenanlage der Kgl. Stadt Brüx in Böhmen. Stuttgart 1916. — Vgl. auch das Kapitel über die Wünschelrute inWeyrauch's Neubearbeitung von Otto Luegers Werk „Die Wasserversorgung der Städte", I. Bd. Leipzig 1914, S. 372 ff. Kleinere Mitteilungen. übereinstimmende Gesetzmäßigkeit bei den großen Erd- und Sonnen-Katastrophen 1917. Das Jahr 1917 war besonders reich an Sonnen- und Mondfinsternissen. Die Sonnenfinsternisse des Juni 18/19 ""d des Dezember 13 hatten außerdem die bemerkenswerte Eigentümlichkeit gerade gegen- über den geographischen Polargebieten der Erde, dem arktischen und dem antarktischen, sich ein- zustellen. Die schwersten der einigermaßen festgestellten vulkanisch-seismischen Katastrophen der Erde ließen, wie in den Jahren 1907 und 1909, so auch in 191 7 in ihrer geographischen Anordnung doppelte Antipodalität erkennen: 1917 Erd-Katastrophen vulkanischer Art: Bali Jan. 26 Italien April 26 San Salvador Anf Juni Meer bei Neuseeland Anfang Mai und Juni 26 Von der Sonnentätigkeit gilt das Gleiche, wenn ihre markanteste Erscheinung, die Bildung von Riesen-Sonnenflecken- Gruppen, in das Auge gefaßt wird. Riesen-Sonnenflecken-Grup pen 1917. Meridian- tt-__:-^,--.- . Numerus Kreuzung Hemisphäre j^,.^^^^ Juli 13 N 2421433 (Wiederkehr August 8.) II. Sept. 23 S 2421 505 III. Dez. 24 N 2421 597 IV. Dez. 31 S 2421604 Auf Dezember 1917/Januar 1918 reduziert, kehrten die Meridiankreuzungen an folgenden Tagen wieder; 1917 18 Dezember 11 Dezember 18 Gruppe II Gruppe I Unterschied, Tage: 7 6 Dezember 24 Dezember 31 Jan. 7 Gruppe III Gruppe IV Gruppe II Untersch. Tage: 7 7 An allen diesen Tagen fielen tatsächlich durch starke Fleckensignale angezeigte „tätige Meridiane" der Sonne nahezu mit dem für Erde und Sonne gemeinsamen Zentralmeridian der scheinbaren Sonnenscheibe zusammen. Wie die Unterschiede, je 6 bis 7 Tage, erkennen lassen, viertelten sie tatsächlich den 26,5 Tagfahrten betragenden Sonnen-Umfang. Von diesen Sonnenfleckengruppen waren also einander antipodal II und in, sowie I und IV. Da Gruppe IV sich bis zu ihrer Meridian- kreuzung noch erheblich entwickeln kann, erscheint von Bedeutung eine Beziehung der durch die Gruppen I und IV angezeigten Herde gesteigerter Sonnentätigkeit zu „den zwei, einander physisch antipodalen Hauptherden der Sonnentätigkeit", die in A. R i c c o ' s Memorie degli Spettroscopisti 191 2 — 1914 von mir zuerst für den Zeitraum 1625 — 1909, dann zurück bis zum Jahre 301 n. Chr. und weiter bis 1914 wahrscheinlich gemacht sind. ») Numerus T^•a• Sonnen- Julianus Differenz Rotationen dies I. I9i7julii3 2421433 2865 = 26,5X108,11 1909 Sept. 8 2418568 IV. i9i7Dez.3i 2421604 3021 = 26,5X114 i909Sept.23 2418583 ') Wilh. Krebs: i^wei einander physisch antipodale llauptherde der Sonnentiitigkeit. A. a. O. Catania, Anao 191«, 140 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. Gruppe I kreuzte demnach fast genau io8 Sonnenrotationen nach 1909 September 8, Gruppe IV genau II4 Sonnenrotationen nach 1909 Sep- tember 23 den Zentralmeridian. Wilhelm Krebs. Weiteres vom gabeligen Leinkraut^ Sile tie dichotoma Ehrhärt. In Naturwiss. Wochenschr. 191 7, S. 314, habe ich einiges, Fremdes und Eigenes, über die genannte Pflanze berichtet. Heute möchte ich noch ein paar Bemerkungen anfügen über ihre Verbreitung, ihre Ein- und Zweijährig- keit und ihre gelegentliche Gynodioecie (weibliche Zweihäusigkeit). Die Pflanze findet sich in älteren deutschen Florenwerken nicht oder nur ganz bei- läufig erwähnt, letzteres z. B. in Fi eck, Flora von Schlesien, 1881. Die späteren gehen in der Frage, ob ein- oder zweijährig, stark auseinander, und das Geschlechterverhältnis wird überhaupt erst, während alle mir hier zu Gebote stehenden Florenwerke nichts davon schreiben, von Hegi, 111. Flora von Mitteleuropa, 3. Bd., S. 283 richtig angegeben: „Nicht allzuselten trifft man nur rein weibliche Blüten an." Dabei hat (zitiert nach Correns, Ben Deutsch. Bot. Ges. 1906, S. 469) Ascherson schon i. J. 1893 in den Verhand- lungen des Brandenburg. Botan. Vereins, 35. Jahrg., auf jene Tatsachen aufmerksam gemacht. Als einjährig wird die Pflanze angegeben bei Ascherson-Graebner, Flora des nordost- deutschen Flachlandes, 1898/99, und beiGarcke (N i e d e n z u), Flora v. Deutschland, 20. Aufl. 1908 ; die gleiche Angabe noch bei Hegi a. a. O.; als zweijährig von Herrn. Wagner, 111. Flora V. Deut schland, 1 905 und von P o t o n i e , 111. Flora V. Nord- und Mitteldeutschland. 5. Aufl. 191O; als ein- und zweijährig bei Thome, Flora v. Deutschland, Österreich und der Schweiz, 2. Bd., und E. Hallier in der 5. Aufl. der Schlech- tendal-Langethal'schen Flora v. Deutschland, Österreich und der Schweiz, 12. Bd., 1883. Die letzte der drei Angaben ist richtig! Von dreien der von mir a. a. O. erwähnten Standorte (zwischen Liebau i. Schles. und dem Rabengebirge ; nw. Bromberg am neuen Kanal ; n. von Bromberg am Schützengraben) konnte ich reifen Samen ernten, den ich im Frühjahr 191 7 aussäte; ein Teil der Pflanzen hat schon im gleichen Jahr ge- blüht, andere nicht, sind also zweijährig. Dagegen haben alle, leider nicht sehr zahl- reichen Pflanzen, die ich bei beengten Raumver- hältnissen aufziehen und bisher zur Blüte bringen konnte, nur rein weibliche Blüten gebracht. Zweihäusigkeit ist bei den Verwandten unserer Pflanze ja in verschiedenen F"ormen vorhanden; Silene vulgaris (venosa, inflata) hat männliche, weibliche und Exemplare mit Zwitterblüten; bei S. otites sind letztere selten, rein männliche und rein weibliche herrschen vor; fast immer rein S. II — 14. Anno I9H, S. I — 2. Derselbe: Neue .Sonneu- fleckengruppen 1914. Anno 1914, S. 51 — 53. zweihäusig sind Melandryum album und rubrum. Bei Silene dichotoma sind dagegen rein männliche Stöcke (nach mündlicher Mitteilung von Correns) selten, es finden sich neben solchen mit zvvitte- rigen andere mit rein weiblichen Blüten. Über die Vererbungsverhältnisse hat Correns a. a. O. interessante Beobachtungen veröffentlicht; die zwitterigen Pflanzen geben in ihrer Nachkommen- schaft einen kleinen Teil rein weiblicher Stöcke, die rein weiblichen aber, mit Pollen der Zwitter bestäubt, nur ganz vereinzelt solche mit Zwitter- blüten. — Mir war an keinem der vier Standorte aufgefallen, daß Blüten nicht zwitterig gewesen wären, und den Samen hatte ich jedenfalls (ab- gesehen von Standort 4, wo nur ein Stock vor- handen war, der aber unmöglich rein weiblich gewesen sein kann, weil er sonst keinen Samen hätte ansetzen können) von mehreren Pflanzen gesammelt. Darum liegt der Gedanke nahe, hier die Gynodiöcie als eine induzierte, durch äußere Bedingungen hervorgerufene Eigenschaft anzusehen. Denn die Pflanze hat sich bisher, obwohl häufig mit Kleesaat eingeführt (vgl. u.), doch bisher in Deutschland kaum dauernd erhalten können. Herr Dr. Gentner, Assessor an der Kgl. Agrikukur- botanischen Anstalt in München, schreibt mir da- zu: „Die Pflanze tritt nur dann in Bayern auf, wenn sie mit aus dem südwestlichen Rußland stammendemKlee eingeführt wird, und verschwindet dann nach 2 Jahren wiederum vollständig. Eine Verbreitung durch Besamung aus den sich bei uns entwickelnden Pflanzen konnte ich bis jetzt noch niemals feststellen, obwohl ich der Frage seit mehreren Jahren mein besonderes Interesse zu- wandte." — Obwohl ich mir nun bewußt bin, das Verhalten nicht völlig damit aufklären zu können, möchte ich nach meinen Zuchterfahrungen ver- muten, daß in nördlicherem Kli ma geernteter Same dazu neigt, rein weibliche Pflanzen hervor- zubringen, i) die, wenn nicht Zwitter in der Nähe sind, steril bleiben müssen, wie das bei meinen Pfleglingen durchweg der Fall war; denn irgend- welche Parthenogenesis im engeren oder weiteren Sinne, Bildung von Adventiv-Embryonen oder dgl. kam bei diesen nicht vor. Darum wäre die Pflanze also durch das Ausbleiben der Antheren-Entwick- lung (als früh verkümmerte Anlagen habe ich diese in allen untersuchten Blüten gefunden) zum Aus- sterben verurteilt. Das kann aber allein nicht er- klären, warum die Pflanze, die doch keimfähige Samen in Menge hervorbringt, und deren Samen auch in unserem Klima keimen, sich nicht doch sollte ansiedeln können, denn ein einziger Zwitter würde für die nächsten 2 Jahre wieder die Nach- kommenschaft sicherstellen. Von meinen 4 Standorten habe ich die beiden ') Gegen diese Vermutung würde vielleicht sprechen, daß in den zu Leipzig ausgeführten Versuchen von Correns die Pflanzen sich nicht so verhielten; aber diese standen wohl unter besonders sorgfältiger Pflege, die wohl Ungunst des Klimas auszugleichen vermag. N. F. XVII. Nr. lo Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 141 schlesischen i. J. 1917 nicht wiedergesehen,') bei Bromberg aber sowohl an der Schachtschleuse I des neuen Kanals, wie auch am Rande des Schützengrabens die Pflanze wiedergefunden, am ersteren Platze in Menge, am letzteren Ort wieder- um nur in einem einzigen Stock weit und breit. Der letztere trug schon eine Anzahl mehr weniger reifer Kapseln, die noch an den langen Zweig- enden stehenden Blüten waren aber z. T. rein weiblich, die Antheren w. o. vielfach verkümmert; an dem anderen Standort war die Zahl der zwitte- rigen und der rein weiblichen Pflanzen ungefähr gleichgroß (ich habe den Samen nun getrennt ein- gesammelt, ihn aber dann zur weiteren Bearbeitung der Frage an Correns abgegeben). Wie die älteren Floren, so tun auch C. O. Harz, Landwirtschaftliche Samenkunde 1885, und F. Nobbe, Handbuch der Samenkunde, 1876, unserer Pflanze nicht Erwähnung. Mit Zunahme der Einfuhr von Kleesamen aus den wärmeren Klimaten Ungarns und Südrußlands ist aber die Pflanze auch in den Büchern dieser Richtung be- kannter geworden; z. B. schreibt O. Burchard, Die Unkrautsamen der Klee- und Grassaaten m. bes. Ber. ihrer Herkunft, 1900, auf S. 7: „in ost- europäischen Saaten haben wir oft massenhaft Silene dichotoma". und S. 25 : „häufig in russischen und schlesischen Kleesaaten auftretend". Die letzte Notiz scheint fast auf eine Einbürgerung in Schlesien zu deuten.-) Nach L. H. Pammel in The Weed Flora of Iowa (1913) ist S. d. in neuerer Zeit auch in verschiedensten Teilen der Vereinigten Staaten in Kleeäckern aufgetreten; ob eine Einbürgerung stattgefunden hat, ist aus den Angaben nicht zu entnehmen. Auch in Amerika ist aber der Samen- ansatz der Pflanze unregelmäßig. Überrascht war ich von der Bemerkung bei H e g i a. a. O. : Die Blüten . . . strömen gegen Abend einen betäubenden, an Piatanthera bifolia erinnernden Duft aus." Mir ist bisher weder in Freiheit noch an meinen kultivierten Pflanzen ein solcher Wohlgeruch aufgefallen; sollte vielleicht auch diese Eigenschaft in kühlerem Klima ver- loren gehen? Die Landwirtschaft hat oft genug die Erfalirung gemaclit, daß Saatgut aus wärmerem Klima dem aus nördlicheren Breiten stammenden vorzuziehen ist, wenn auch lange nicht unter allen Umständen. Hugo Fischer. Keimungshemmende und keimungsfördernde Stoffwechselprodukte. Unter dem Titel „Über das Altern der Pflanzen" ist in Nr. I (Jahrg. 191 7) ') Auf diese möchte ich schlesische Botaniker aufmerksam machen ; der eine Punkt ist oben beschrieben, der andere liegt beiderseits der Chaussee von Ostritz nach Nibrisch, Stationen der Görlitz-Zittaucr Bahn ■-) Hegi schreibt a. a. O. : In einzelnen Gegenden scheint Silene dichotoma sich allmählich einzubürgern, so z. B. in Westpreusen (im Kreise Konitz), in Pommern (Dramburg), in Bayern (Eching und Ostbahnhof bei München, bei Fürth seit 1887, mehrfach um Nürnberg. Vgl. dazu die obigen Angaben von Centn er. dieser Zeitschrift die Mitteilung von Zlataroff besprochen worden, nach welcher Kichererbsenkeim- linge durch gewisse in den Stoffwechselprodukten dieser Pflanze vorkommende Verbindungen (Harn- stoff, Guanidinkarbonat usw.) in ihrer weiteren Ent- wicklung gehindert wurden. Im Anschluß hieran sei es mir vergönnt, über einige Beobachtungen, die ich gelegentlich meiner mykologischen Studien machte, und die verwandte Erscheinungen betreffen, kurz zu berichten. Seit 19 13 habe ich eine Pestalozzia in Kultur, welche ich regelmäßig erhielt, wenn ich aus Krebsbeulen der italienischen Zypresse ') (ge- sammelt in Florenz) kleine Splitter steril heraus- präparierte und (unter Anwendung weitestgehender Vorsichtsmaßregeln zur Vermeidung von Fremd- infektion) auf sterile Nährböden (Möhren) übertrug. Diese Pestalozzia, auf deren genaue Be- stimmung hier nicht eingegangen werden soll — sie steht wahrscheinlich der P. funerea Desm. nahe — zeigte nun ein merkwürdiges Verhalten hinsichtlich der Keimung der Konidien. Letzere werden auf dem künstlichen Nährboden in großer Menge gebildet; die Sporenhäufchen gleichen glänzenden schwarzen Perlen (von Stecknadelkopf- größe), indem gleichzeitig mit den Sporen eine Flüssigkeit ausgeschieden wird, welche die Sporen vollkommen umhüllt. Da im Kulturgefaß die Luft mit Feuchtigkeit gesättigt ist, so trocknet diese Flüssigkeit zunächst nicht leicht ein. Eine Keimung der Sporen er- folgt nicht, solange diese von dem ausgeschiedenen Tropfen umgeben sind. Bringt man aber ein Klümpchen Sporen mit einer ausgeglühten Platinöse in steriles Wasser, so keimen die Sporen nach wenigen Stunden. Offenbar ist es der mit den Sporen ausge- schiedene Tropfen, welcher das Auskeimen im Sporenhäufchen verhindert, und erst dadurch, daß die Sporen durch Verteilung im Wasser von der ihnen anhaftenden F'iüssigkeit befreit werden, wird die Keimung ermöglicht. Was für Stoffe aber es sind, welche die keimunghemmende Wirkung ausüben, das dürfte schwer zu ermitteln sein, da es sich ja um äußerst minimale Mengen handelt. Nur so viel konnte ich feststellen, daß die Tropfen eine schleimige Flüssig- keit von schwach gelber Färbung ist, die sich in Wasser leicht löst. Solche keimungshinderndeStoffwechselprodukte kommen höchst wahrscheinlich bei vielen Pilzen vor; mit Sicherheit konnte ich ihre Anwesenheit bei einem anderen Pilz, den ich seit langer Zeit in Kultur habe, nachweisen, nämlich bei Sciero- pycnis abietina Syd. Auch dieser Pilz bildet in Reinkulturen auf seinem natürlichen Substrat (Fichtenzweige) große ') Bekanntlich ist die Ätiologie des Zypressenkrebses noch nicht endgültig geklärt. Es kommen in Betracht Bakterien, ferner Ceratostoma juniperium, und — nach meinem Be- fund — eine Pestalozzia. Infektionsversuche führten noch mit keinem dieser Organismen zum Ziel. 142 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 10 glänzende farblose Tropfen, in welchen die Konidien verteilt sind, ohne jemals zu keimen, sofern nicht die Flüssigkeit durch Waschen mit (sterilem) Wasser entfernt worden ist. Daß Pilze bei der Kultur in Nährlösungen Stoffwechselprodukte liefern, welche die Weiter- entwicklung hindern, ist namentlich von E. Küster ^) in anschaulicher Weise dargelegt worden. Küster zeigte gleichzeitig, daß die Stoffe größtenteils thermolabil sind, d. h. unwirksam gemacht werden können, wenn die Kulturflüssig- keit — in welcher die fraglichen Stoffe gelöst sind — aufgekocht wird. Die oben geschilderte Keimungshemmung der Konidien von Pestalozzia sp. und Sclero- pycnis abietina ist ökologisch gewiß nicht ganz bedeutungslos, wenn wir die in der freien Natur herrschenden Bedingungen zugrunde legen. Die kugeligen Sporenhäufchen werden hier nur dann nicht zerfließen, wenn länger andauerndes trockenes Wetter herrscht. Dann ist es aber nur zweckmäßig, wenn die Sporen von der gleichzeitig ausgeschiedenen Flüssigkeit an der Keimung ge- hindert werden, da das entstehende Myzel doch nur sehr ungünstige Wachstumsbedingungen vor- finden würde. Dazu kommt, daß Sporen, die gleichzeitig mit einer schleimigen F"lüssigkeit gebildet und von letzterer zusammengehalten werden, in der Regel nicht durch trockenen, sondern nur durch nassen Wind verbreitet werden. Bei feuchtem Wetter, das nicht nur die Ver- breitung, sondern auch die Keimung solcher Sporen •) Keimung und Entwicklung von Schimmelpilzen i gebrauchten Nährlösungen (Ber. D. Bot. Ges. Bd. .XXVI i 1908, S. 246). begünstigt, zerfließen die Sporenklümpchen leicht und die einzelnen Sporen werden von den keimunghemmenden Stoffen befreit. In einem gewissen Gegensatz hierzu steht nun eine andere Art von Keimung, die ich nament- lich bei Pilzen fand, deren Sporen durch trockene Luftströmungen verbreitet werden. Bei der Keimung der Teleutosporen von Puccinia graminis findet man häufig, daß nur die zu einem Klumpen zusammenhaftenden Sporen reichliche Promyzele (Basidien) bilden, während isolierte Sporen nur ganz vereinzelt zur Keimung gelangen. Sehr deutlich beobachtete ich ferner diese „Geselligkeitskeimung" bei Bulgaria poly- morph a. Auch viele Hymenomyzeten scheinen sich ähnlich zu verhalten, z. B. Agaricus cam- pestris. Was nun die Ursache für die schlechte Keimung vereinzelter, bzw. die reichliche Keimung geselliger Sporen sein könnte, darüber wage ich nur eine Vermutung auszuprechen. Man könnte sich vor- stellen, daß auch hier Stoffwechselprodukte und zwar keimungsfördernde Stoffe der keimenden Sporen selbst — im Spiel sind. In einem Klumpen von 10 — 20 Sporen werden immer einige enthalten sein, die durch große Keimungsenergie ausgezeichnet sind und von diesen dürfte ein Stoff ausgeschieden werden, der auf dem Weg der Diffusion zu den keimträgen Sporen gelangt und nun auch diese zur Keimung anreizt. Es würde sich wohl lohnen, diese zunächst hypothetische Ausscheidung keimungshemmender und keimungsfördernder Stoffe bei einer größeren Anzahl von Pilzen zu verfolgen. Neger. Bücherbesprechungen. Schmidt, Dr. Max, Die Aruaken. Ein Beitrag zum Problem der Kulturverbreitung. III und 119 Seiten mit i Karte. — 3,50 M. Die Aruaken sind sprachverwandte Stämme in Mittel- und Nordwestbrasilien und den angrenzen- den Staaten. Außer der Sprache haben sie noch manche kulturelle Eigenarten gemein, ja charak- teristische Elemente der Aruakkulturen sind teil- weise über die Grenzen des aruakischen Sprach- gebiets verbreitet. Das weite Gebiet, auf das die Aruakstämme verteilt sind, wird nicht von diesen allein bewohnt, sondern es leben neben ihnen fast überall auch Stämme anderer Sprach- und Kultur- zugehörigkeit. Mit diesen Stämmen leben die Aruaken teils auf friedlichem teils auf feindlichem F"uße. Die auffallendste Eigenart der aruakischen Kultur ist die Scheidung in eine Herren- und eine Arbeiterklasse, die auf dem Bestand zweier Ehe- formen beruht, der vaterrechtlichen und der mutter- rechtlichen Ehe. Die abhängige Bevölkerung heiratet nach mutterrechtlichen Prinzipien in den Haushalt der Herrenklasse hinein, diese aber holt sich die Frauen von auswärts und bleibt von deren Verwandtschaft unabhängig. Das Bestreben jedes zur Herrenklasse gehörigen Hausvorstandes ist, seiner Hausgemeinde möglichst viele männliche Arbeitskräfte durch Verheiratung seiner weiblichen Verwandten nach mutterrechtlichen Prinzipien ein- zuverleiben Die Männer, welche in eine Familie einheiraten, haben alle schweren Arbeiten zu ver- richten, während sie vom Besitz vollkommen aus- geschlossen bleiben. Die Herrenklasse ist strenge darauf bedacht, die untergeordnete Bevölkerung nicht in den Besitz von Gütern gelangen zu lassen, die nicht für den augenblicklichen Konsum bestimmt sind. Das gebrauchsfertige Kulturland gehört der Herrenklasse, ihr gehört das Haus, ihr gehören die Vorräte an Lebensmitteln, die für bestimmte Jahreszeiten angelegt werden müssen, und ihr ge- hören endlich die Vorräte an Gegenständen, die zum Austausch gegen andere Güter hergestellt werden. Den Bedarf fremder Arbeitskräfte bei N. F. XVII. Nr. 10 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 143 den Aruaken führt Schmidt auf die verhäUnis- mäßig hohe Entwicklung der Landwirtschaft bei diesen Stämmen zurück. Sicher ist, daß sich die Aruakkultur im Laufe der Zeit in Südamerika ausgebreitet hat, so daß sie nun auch Bevölkerungen umfaßt, die ehedem zu anderen Kultui kreisen gehörten. Darüber, wie die Ausbreitung der aruakischen Kultur vorsieh ging, ist Schmidt anderer Meinung als die meisten Ethno- logen, die hierüber schrieben. Er sagt: Nicht in ge- schlossenen JMassen haben sich die einzelnen Aruak- stämme von einem oder mehreren Zentren aus über das weite, gegenwärtig von Aruakkulturen beein- flußte Gebiet verbreitet, sondern die Herrenklasse als die eigentliche Ttägerin dieser Kulturen hat ihren Einfluß über immer weitere Bevölkerungs- einheiien des südamerikanischen Waidgebietes aus- gebreitet. Am besten ließe sich diese Art der Ausbreitung von Kulturen mit dem Ausdruck „Kolonisation" wiedergeben, da sie in allen ihren wesentlichen Momenten das umfaßt, was wir von unserem europäischen Standpunkt aus riiit diesem Wort besagen wollen. Die kulturellen Verschieden- heiten bei den einzelnen Aruakstämmen beruhen darauf, daß die Aruakkulturen bei der Schaffung ihrer Heirenstellung an den verschiedenen Orten mit verschiedenen Stämmen in Verbindung ge- treten sind, die nunmehr nach ihrer Durchsetzung mit der Aruakkultur die einzelnen Unterstämme der großen Kultureinheit bilden. Ebenso erklärt sich die Verschiedenheit der Aruakdialekte aus einer Verbindung der Aruaksprache mit jeweilig verschiedenen anderen -Sprachen. Inwieweit den Aruaken bei der Ausbreitung ihrer Kultur überlegene geistige Befähigung zugute kam, ist noch nicht vo ..g sicher. Sciimidt konnte jedoch in einem Fall beobachten, daß die mythologischen\'or.stelliipgen und die zeremoniellen Feste der als Herrenkl^s^^e eroDernd vordringenden .Aruak eine Hauptwaffe bei der ünlerwerlung der fremden Bevölkerung waren. Dureh die allgemein verbrei.ete Däfnonenfineht, die durch die Kii'i- handlungen namenliicli bei den Frauen in be- sonders hohem Grade wachgclialten wird, sowie durch den großen Einfluß des Zauberers, sind der mehr in die Geheimnisse dieses .-\ubflusses der Aruakkultur eingeweiliten Herrenklasse die Mittel an die Harid gegeben, eiien starken Diiick auf die WiUensiiandlungen der unterwonenen Bevöl- kerung auszuüben und dadurch ihre Abhängigkeit immer mehr zu verstärken. Wie aus dem Vorstehenden zu erkennen ist, gibt dieses kleine Buch Max Schmidt's viel Anregung und es gewährt der Völkerpsychologie manche neue Aussicht zur Lösung schwebender wichtiger Fragen. Deshalb ist zu wünschen, daß es recht viel Beachtung findet. H, Fehlinger. Arldt, Th., Prof Dr., Germanische Völker- wellen und die Besiedelung Europas. Dieterich- scher Verlag, Leipzig 1917, 226 S., 14X20,5 cm, geb. 6,— M. Ein neuer Arldtl Den „Völkern Mitteleuro- pas" folgen jetzt die „Germanischen Völker- wellen", eine historisch ethnographische Behand- lung der die Besiedelung Eluropas berührenden Fragen. Arldts Hauptarbeiisgebict ist eigentlich die dem naturwissenschaftlichen Forschungsgebiet angehörende Paläogeographie, die die Verbreitung von Wasser und Land der Vorzeiten und ihrer Lebewesen behandelt. Reichtum des gebotenen Materials kennzeichnet jene wie diese Arbeiten Arldts. — Auf ein Vorwort, in dem Arldt kurz seine Stellungnahme zu Rassefragen in Europa auseinandersetzt (S. I— Xllj, folgt eine Einlei- tung, die uns skizzenhaft die Bedeutung der germanischen Wanderungen im europäischen Kul- turkreise überhaupt zeichnet (S. 1 — 4). Inhaltlich gliedert sich das Buch in 12 Abschnitte, die nacheinander folgende Fragen behandeln : Die Ur- zeit, die arische Wanderung, semitische Beziehungen, Hethitischpalasgische, hellenische, iranische, kelti- sche, deutsche und slawische, normannische Wan- derung, deutsche Ausbreitung nach Osten, germa- nische Ausbreitung über See, Schlußwort; ein reicher Inhalt, der naturgemäß nicht immer eine gleichmäßig gute Behandlung erfahrt. Am schwäch- sten scheint m. E. der die rein deutschen Fragen behandelnde Abschnitt. Arldt betrachtet die Germanen nicht als Sprachgenossenschaft — diese ist zu wandelbar — , sondern rassenhaft, nach Körperbau und Habitus, also nach beständigeren Merkmalen. Von ihren Ileimatsitzen, für die Arldt mit neueren Forschern — Hirt wird aber nie genannt mit seinen grundlegenden Arbeiten — die Randländer der Ostsee annimmt, verlolgt er die einzelnen Wanderungen entweder von ihrem primären Ausgangsgebiete, eben der Ostsee, oder ihrem sekundären, den südrussischen Ländern der Umgebung des Kaspisees, bis ins Innerste von Asien, nach Indien und den malaiischen Archipel oder nach Afrika hinein. In Indien glaubt A. die höheren Kastenwesen noch germanischen Cha- rakter zu erkennen und auf Ceylon sollen die Weddas von der langen Lebensdauer des kraft- vollen germanischen Typus Zeuge sein, während in Afrika der kriegerische Geist der Hamiten germanischen Einfluß, durch semitische Beziehungen hierher verpflanzt, verraten soll. Nicht einmal, sondern zwei-, drei-, viermal verfolgen wir die sich wiederholenden um einem ins Rollen geratenen Steine gleichenden Wanderungen durch alle Länder Europas. Geschichtliche Zeugnisse belegen die Tatsachen der von den Völkern eingenommenen Wohnsitze und ihrer Kultur. Die Fragen der Ausbreitung und Wirkung germanischer Völker- wellen müssen nicht nur den Ethnographen, Geo- graphen und Kulturhistoriker interessieren, jeder Altphilologe sollte beim Interpretieren der alten Schriftsteller, eines Homer, Hesiod, Tacitus u. a. zu Arldts Buch greifen. Mag auch manches auf fantasievoller Hypothese und Vermutung beruhen, nicht ohne Gewinn legt man das Buch aus der Hand. 144 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. Ein „Aber" bleibt noch zu erwähnen. Das viel- leicht zu reichlich gebotene Material ist an keiner Stelle kontrollierbar. Dem Buch fehlt jeglicher Literaturnachweis, und das ist ein Hauptfehler, be- sonders bei einem Buche, das vorwiegend als eine Zusammenschweißung bereits bestehender Arbeiten zu einem besonders beleuchteten Ganzen sich er- gibt. Ein Schönheitsfehler Arldischer Bücher scheint die nur geringe Überarbeitung des Textes zu sein. In einem Zuge geschrieben, fehlt die schärfere Herausarbeiiung bestimmter sich über allgemeine Tatsachen erhebender leitender Linien und die Sichtung des TaiSdchenmaterials. Da ist es ein kleiner Vurteil des Buches, daö am Ende eines jeden Abschnitts kurze Zusammenfassungen über eine jede Wanderung geboten sind. Sie erleichtern die Durcharbeitung ganz wesentlich. Kärtchen zur Veranschauhchung der Wanderung vermißt man schwer. Trotz mancher kleinen Nachteile ist Arldts Buch eine verdienstvolle Leistung. In diesem Zu- sammenhange sind die jeden Deutschen jetzt mehr als sonst betreffenden Fragen noch nicht bearbeitet. So wird das Buch nicht nur der Lehrer bei der Behandlung der Ausbreitung deutschen Einflusses über die Welt mit Nutzen behandeln, sondern jedem Deutschen kann es manche Wahrheit sagen über Werden und Vergehen deutschen Geistes und deutscher Kultur. K. Krause. Fritz Sarasin, Neu-Caledonien und die Loyalty-Inseln. Reise-Erinnerungen eines Naturforschers. X+284S. Mit 184 Abbildungen im Text, 8 Tafeln in Hehogravüre und einer Karte. Basel, Verlag von Georg & Co., 1917. Sarasin erzählt uns in diesem Buche von seinem Aufenthalt auf Neu-Caledonien und den Loyalty-Inseln in den Jahren 191 1 und 1912. Sarasin gehört einem geistigen Geschlecht an, dessen Reihen heutzutage gelichtet sind. Die „alte gute Zeit" ist in diesem Forscher und Erzähler lebendig: er ist kein „Spezialist" im modernen Sinne des Wortes, er sieht auf seinen Reisen nicht nur Pflanzen oder Tiere oder Eingeborene, die einen so oder anders proportionierten Schädel haben oder auch diverse ethnographisch hoch be- deutsame Tänze aulzulühren wissen, sondern er sieht ein Ganzes. Die Menschen und ihre natür- liche Umgebung sind ihm ein Ganzes, sie sind lür ihn miteinander verwoben. Dieser Einstellung ist es zu danken, daß Sarasin 's Buch ein Muster lebendiger Darstellung ist. Das kommt äußerlich schon in der Einteilung des Buches zum Ausdruck. Das Thema Neu-Caledonien wird nicht nach den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen ab- gehandelt, die die einzelnen Teile des geographisch- ethnographischen Ganzen mit Beschlag belegt haben. Sarasin erzählt uns vielmehr, dem Gang seiner einzelnen Studienreisen folgend, was er auf diesen Reisen gesehen. Es wird über das Leben der Menschen berichtet, die sich bestimmten natür- lichen Bedingungen angepaßt haben und die in- folge der Berührung mit der europäischen Koloni- sation einen Ausgleich zwischen der primitiven und der europäischen Kultur versucht haben. So lernen wir das Land, seine Vegetation und Fauna, den anthropologischen Typus seiner Bewohner kennen, ihre Art zu wohnen und zu arbeiten, ihren Landbau und ihre Ernährungssitten, ihr geistiges und soziales Leben, nicht minder aber die Ge- schichte der europäischen Kolonisation auf Neu- Caledonien und den Loyalty-Inseln. Trotz der langdauernden Berührung mit den Weißen hat sich auf diesen Inseln eine primitive Welt erhalten, die, wie uns gerade die Untersuchungen von Sarasin zeigen, in wissenschaftlicher Beziehung bisher noch nicht ganz ausgebeutet war. Auf Einzelheiten kann in der Besprechung nicht eingegangen werden. Es sei nur darauf hingewiesen, daß der Bericht von Sarasin auch wertvolle Beiträge enthält zur Geschichte des Werkzeugs, zur Frage der Nah- rungsgewinnung bei Primitiven (Irrigationsanlagen zur kunstlichen Bewässerung der terrassenförmigen Tarofelder) und zum Verständnis der Kämpfe zwischen den Eingeborenen. Mit Ausnahme von sechs Bildern sind alle Abbildungen Originalaufnahmen des Verfassers, die einen bleibenden wissenschaftlichen Wert be- sitzen. Bei der Lektüre des Buches fühlt man die überragende Güte, mit der Sarasin Welt und Menschen betrachtet, und der einfache, äußerlich bedeutungslose Satz, mit dem er seinen Bericht beschließt, wird zu einem Erlebnis: „Am 17. Mai traf der „Si. Pierre" wieder ein, der uns nachNoumea zurückbringen sollte. Am folgenden 5. Juni schon nahmen wir endgültig Abschied vom caledonischen Boden, dankbar uns erinnernd an all' das Schöne und Gute, das uns dort zu genießen vergönnt ge- wesen." — Das Buch von Sarasin bedarf wohl kaum einer Empfehlung. Doch möchte ich den Lehrer darauf aufmerksam machen, daß das Buch, meiner Meinung nach, eine ausgezeichnete Lektüre für die reifere Jugend darstellt. Man kann aus dem Buche lernen, wie man ,, Land und Leute" beobachten soll. Aber neben diesen wissenschaftlichen Werten sind in dem Buche von Sarasin auch hohe ethische Werte enthalten. A. Lipschütz, Bern. Inhalt I Graf Carl von Kl inckowstroem, Zur WüQScbelrut Übercinsiimmeude Gcsel^imatiigkeit bei den großen Erd- und Sor vom gabeiigen Leinkraut, Sdtne dtchoioma Ehrhart. S. 140. Stoffwechselprodukte. S. 141.— Bücherbesprechungen: M a nUche Völkerweilen und die Besiedelung Europas. S. 143. Fritz Jitteilungen : W. Krebs, . H. Kiseher, Weiteres anfrage. S. 137. - Kleinere nen-Kalastrophen 1917. S. l_ Neger, Keimungshemmende und keimlingsfordernde L Schmidt, Die Aruaken. S. 142. T h. Arldt, Germa- Sarasin, Neu-Caledonien und die Loyalty-Inseln. S. 144. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. M i e h e , Berlin N Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S alidenstrafie 42, erbeten. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Sonntag, den 17. März igi8. Nummer 11. Über den Begriff der Reinheit bei Enzymen, ihre Benennung und die Wege, ihre chemische Struktur zu ermitteln. [Nachdruck verboten.] Dr. E. P. Häußler. Vor einiger Zeit wurde ich durch das Reper- torium der Chemiker-Zeitung auf eine Abhandlung „Über die chemische Natur der Enzyme" aufmerk- sam gemacht. Auf meme Biiie iibersandte mir der Verfasser derselben, Herr Privatdozent Dr. G. Trier in Zürich, in liebenswürdiger Weise einen Sonderabdruck, *) den ich mit um so mehr Interesse durchgelesen habe, als ich selbst vor meiner Einberulung zum Heeresdienst (April 1915) eingehende Untersuchungen über einige Enzyme auszufuhren hatte. Das Ergebnis der klaren Aus- führungen Triers bezüglich unserer heutigen Kenntnisse über die chemische Natur der Enzyme ist aber noch ein ziemlich eindeutiges „ignoramus". In diesem Urteil wurde ich übrigens auch bestärkt durch die während meiner jeweiligen Urlaube vor- genommene Durchsicht der Literatur, soweit sie mir zur Verfügung stand. Der der Eermentchemie und physik Eernerstehende mag sich wohl mit- unter tragen, warum eigentlich in diesem Spezial- gebiete trotz so unendlich vieler experimenteller Untersuchungen bis jetzt noch so wenig Klarheit geschaffen worden ist; und ich möchte deshalb im Nachfolgenden versuchen, teils auch als Er- gänzung zur Abhandlung Triers, die Gründe dalür klar zulegen. Wenn ich aber hierbei eines- teils nicht mit den Ergebnissen meiner eigenen Untersuchungen meine Ansichten erhärten darf, andererseits sie nur mit wenigen Belegen aus der einschlägigen Literatur ergänzen kann, so ist öie Ursache dalür einmal die, daß meine Versuche im wissenschaftlichen Laboratorium einer chemischen Fabrik ausgeführt worden sind, weshalb ich hier- über keine weiteren Angaben zu machen berechtigt bin, sodann aber auch, daß ich zur Zeit hier nicht über meine Bibliothek, sondern nur über wenige Bücher und Sonderabdrucke verfüge. ^) Bis jetzt existiert, meines Wissens, noch keine Methode, mit Hille derer man mit genügender Sicherheit entscheiden kann, ob ein Enzym, '") nach den in der Chemie herrschenden Begriffen rein ist oder nicht. Das hat seinen Grund darin, daß man eben von keinem Enzym auch nur eine einzige Eigen- schalt kennt, die erstens an ihm selbst festzustellen, und zweitens derart ist, daß sie durch eine Reihe chemischer und physikalischer Eingriffe sich nach ') Schweizerische Apothekerzeitung (1916) Nr. 12/13. ») Weil zur Zeit im Felde. 'j ich werde hier durchgehend den Ausdruck „Enzym" gebrauchen, ohne ihn jedoch in einen Gegensatz zu dem Aus- druck „Ferment" zu stellen. Art und Intensität nicht ändert. Das einzig Charakteristische eines Enzyms ist seine Wirkung auf das Substrat, und lediglich aus der Verände- rung, die das Substrat durch die Anwesen- heit des Enzyms erleidet, können wir überhaupt auf das Vorhandensein und aus der Art des Sub- strates und der Art seiner Veränderung auf die Art des vorhandenen Enzyms schließen. Weiter- hin könnte man noch sagen, daß wir auch die relative Reinheit, bzw. Stärke eines Enzyms gegenüber einem andern gleichen, oder mindestens gleichwertigen feststellen können, wenn wir beide Enzyme aus dem gleichen oder gleichwertigen Material nach der gleichen Methode abscheiden und beide so erhaltenen Substanzen auf das gleiche Substrat unter den ganz gleichen Bedingungen dieselbe Zeit einwirken lassen. Wir könnten dann z. B. sagen, das Enzym A ist stärker als das Enzym B, oder genauer aus- gedrückt, die Substanz A ist stärker enzymhaltig als die Substanz B, wenn eine bestimmte Gewichts- menge der Substanz A in derselben Zeit eine größere Gewichtsmenge des Substrates verändert als die gleiche Gewichtsmenge der Substanz B. ') Mathematisch ausgedrückt, A ist stärker, bzw. reiner als B, wenn *' ; '^ wobei t = t / t die Zeit der Einwirkung der Enzyme auf das Substrat bedeutet, S = die angewandte Menge Substrat in jedem der beiden Versuche, Si = die beim Versuche mit Enzym A zurückbleibende un- veränderte Gevvichtsmenge von S, und Sj = die beim Versuche mit Enzym B zurückbleibende un- veränderte Gewichtsmenge von S. Bedingung ist aber, daß die zur Untersuchung gelangenden enzymhaltigen Substanzen nicht nur nach der ganz gleichen Methode, sondern auch aus gleich- wertigem Material gewonnen wurden. Beispiels- weise, wenn es sich um ein Pepsin, — also nicht um Pepsin schlechthin — handelt, daß die pepsinhaliigen Auszüge beide aus der Magenschleim- haut derselben Tiergattung und -Rasse gewonnen werden, zur selben Zeit, bei gleicher Fütterung, gleichem Gesundheitszustande, gleichem Aker und Geschlecht der Tiere. Denn nur so kann die Möglichkeit, daß zwei, ihrem Wesen oder ihrer Struktur nach verschiedene Enzyme miteinander ') Diese Definition ist insofern noch nicht scharf genug, als ja die Enzyme — als Katalysatoren, und zwar wohl meist posiüve — , den Verlauf der Reaktion nur beschleunigen. Da sie ihn aber so beschleunigen, daü er meßbar wird, so kann, im Inlercsse der Einfachheit, wohl von einer diesbezilgliihen Präzisierung abgesehen werden bei den weiteren Austührungen. 146 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. verglichen worden sind, mit großer Wahrschein- lichkeit ausgeschlossen werden. Wir könnten ferner unsere beiden enzymhal- tigen Substanzen A und B noch schärfer gegen- einander unterscheiden; und zwar folgendermaßen : A ist m mal stärker, bzw. reiner als B, wenn wir beim Versuche mit dem Substrat finden, daß (S-s J _ ^ (S-s,) t t Wir haben hier m mal stärker wirksam gleich gesetzt m mal reiner. A priori könnte man das wohl annehmen , aber die zahlreichen Ver- suche haben ergeben, daß diese Annahme nicht immer zutrifft. Es gibt wohl Enzyme, bei denen, — aller Wahrscheinlichkeit nach ') — Reinheit und Stärke der enzymatischen Wirkung in einem linearen Verhältnis zueinander stehen; aber es existieren auch solche, wo die aus angewandten Mengen Enzymen und Mengen des durch dasselbe zersetzten Substrates als Abscissen bzw. Ordinaten erhaltene Kurve eine logariihmische Funktion darstellt. ^) So haben wir nun bereits, nach der Art der Beziehung zwischen Stärke und Reinheit, die Enzyme, ohne weitere Rücksicht auf die Natur der Substrate und die Art ihrer Spaltprodukte, in 2 Klassen einteilen können. Bei den Enzymen der ersten Klasse, also denen mit einem linearen Verhältnis von Stärke der enzymatischen Wirkung zu chemischer Reinheit, ließe sich nun weiterhin denken, daß durch Lösen — in Wasser, Kochsalzlösungen oder einem andern Vehiculum — und mehrmalige Wiederholung der zurEnzymisolierung angewandten Methode.siärkere, bzw. reinere Enzyme — durch den Grad ihrer Wirkung auf das Substrat bestimmt — sich er- haltenließen, und daß man nach n Wiederholungen bei einer enzymatisch wirkenden Substanz anlangt, die gegenüber der vorhergehenden der (n — ij"" Abscheidung keine Steigerung ihrer Wirksamkeit gegenüber dem Substrate autweist. Wir hätten dann ein reines, bzw. das reine Enzym, in Händen. Diese Annahme ist jedoch nicht richtig, und zwar deshalb nicht, weil wir nicht wissen können, ob nicht die angewandte Abscheidungs- bzw. Reinigungsmethode als solche das Enzym, wenn auch nur schwach, schädigt; d. h. genauer ausgedrückt, folgendermaßen wiikt: sie macht das Enzym a mal stärker wirksam durch Abscheidung von Verunreinigungen (= nicht enzy- matisch wirkender Substanzen) und gleichzeitig ') Denn wir nehmen an, daß hier die Verunreinigungen keinen Einflufl auf die Katalyse ausüben. ^) Zu diesen Ergebnissen konnte man gelangen, auch ohne über ein wirklich reines Enzym zu verfügen, einfach indem man steigende Mengen an Enzym zu den Versuchen nahm. Angenommen, man hätte ein Enzym von So»/,, Reinheit; so b mal schwächer wirksam durch die chemische, bzw. physikalische Einwirkung auf seine Struktur. Nun können wir wohl I. gleiche Mengen der- selben ursprünglich erhaltenen enzymisch wirk- samen Substanz mit verschiedenen Methoden gegenüber verschiedenen Substraten prüfen. Hätten wir nun so ermittelt, welche Kombi- nation von Methode und Substrat die beste ist, d. h. welche Methode die größte analytische Ge- nauigkeit besitzt, ^) so könnten wir 2. mit dem so gefundenen Prüfungsverfahren untersuchen, bei welcher Art der Reinigung (stoffliche Beschaffen- heit des Fällungsmittcis, Temperatur, Grad der Alkalität bzw. Acidität der Dialysenflüssigkeit usw.) die Werte für die enzymatische Wirkung am raschesten in die Höhe gehen und wir würden nun bei Anwendung dieser so ausgesuchten Reini- gungsmethode den Weg einschlagen, bei dem das oben erörterte Verhalten von a:b am vorteilhaf- testen wird, nämlich a möglichst groß, b möglithst klein. Reinigungsverfahren aber, bei denen b = ist, scheinen nicht zu existieren, jedes schädigt die Wirkung des Enzyms etwas, wenn auch nur wenig. Bezeichnen wir als Rcinigungs- bzw. Ver- stärkungsquotienten (a, aj, a^ . . . a^) das jeweilige Verhältnis der zersetzten Substratmengen, wie sie durch zwei in der Reinigung aufeinander folgende gleiche Quania Enzym erhalten werden, so ergibt sich, daß, da im Anfange am meisten Unreinig- keiten entfernt werden ''j a ^ a^ / a^ . . . ) a^ und somit nach n maligem Umfallen die Summe der Quotienten nicht n mal a sondern (aj +83 -f ag + ... + a„) ist. Umgekehrt wird aber das Enzym bei jeder Reinigung um einen gewissen Betrag b geschädigt. Bezeichnen wir analog b, b,, b^ . . . b^ als Schädi- gungs- bzw. Schwäcnungsquotienten, so beträgt die wirkliche Verstärkung des Enzyms nach den aufeinanderfolgenden Abscheidungen nur a — b, a, — bj, aj — bj . . . an — bn. Nach n Umfällungen beträgt die Schädigung dann mindestens n mal b. „Mindestens" deshalb, weil durch die fortschreitende Reinigung das Enzym empfind- licher wird (vielleicht durch Entfernung von Schulz- kolloiden), sehr wahrscheinlich beträgt aber die Schädigung (b+bj-f b2+ . . . b„) wobei b^bj b^... bn ist. Wir müssen also bei unserm Reinigungsver- fahren nach einer n'"" Umfällung oder Dialyse ein Maximum an enzymatischer Wirkung erhallen, das Produkt der n+ 1"" Umtällung zersetzt wieder sind E g Reinenzym enthalten, und 2 a g würden ^ 100 ^ ' ^ also a g Reinenzym entsprechen; sofern wir auch hier die Annahme zu machen berechtigt sind, dafl die Verunreinigungen auf den Verlauf der Katalyse ohne störenden Einflufl sind. ') Wir müßten also, wenn wir über q Methoden und p verschiedene Substrate verfügen q mal p Versuche ansetzen, von denen jeder einzelne wieder mehr oder weniger weitgehende Variationen zuließe in bczug auf Temperatur, H-lonenkonzen- tration, Gegenwart von Neutralsalzen usw. Wie oft wird aber in der Praxis nur eine Methode und ein Substrat angewandt und dann gleich darauf ein Reinigungsverfahren aufgebaut, das eine Substanz liefert, aus der dann weitgehende Schlüsse auf die Natur der Enzyme gezogen werden I *j Analog dem Ausschütteln — Extrahieren — mit einem guten Lösungsmittel. N. F. XVII. Nr. 1 1 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 147 weniger vom Substrat in der Zeit t. Mathematisch ausgcdrüci(a„+,— bn+4 Das Enzym wird wieder schwächer. Können wir nun aber auch behaupten, daß 1. das Enzym, in Bezug auf seine Struktur oder seine Konzentration, wieder unreiner werde? und 2. daß wir in der n"° Abscheidung das Enzym mit seiner wirkhchen iVlaximalslärke, womöghch gar das reine Enzym als solches in Händen hatten? Letzteres auf keinen Fall, schon deswegen, weil wir weder die wirklichen Werte von a, aj, a2...ao, noch die von b, h^, b2...bn kennen, sondern nur ihre Differenzen a — b, ai — bj, a^ — b^. . . a„ - b^, und aus diesen die Quotienien nicht berechnen können, da, wie oben ausgeluhrt die Verstäikungsquotienten immer kleiner und die Schadigungsquouetiien sehr wahrscheinlich immer größer werden. Da wir aber bis jetzi über keine andereiVlöglichkeit verfugen — als eben nur durch die Starke der Wirkung auf das Substrat — die absolute Rein- heit eines Enzymes zu ermitteln, so folgt daraus, daß wir nur imstande sind, die relative Reinheit eines Enzyms gegenüber einem andern gleichen oder gleichwertigen festzustellen. Es fehlt uns gewissermaßen ein zweiter Be- obachtungsposten, ummich zeitgemäßauszudrücken. II. Nun wird man mir vielleicht einwenden, daß das eine alle Tatsache sei, daß Enzyme durch die Reinigung sowohl verstärkt als auch etwas ge- schwächt würden, und daß mit Hille einer solchen mathematischen Spekulation sich auch über die Abscheidungsprozcsse mancher anderer chemischer Körper der btab brechen lasse. Dem gegenüber sei Folgendes bemerkt. Diese kiuische Betrachtung der Abscheidungs- methoden eines „reinen" Enzyms scheint doch nicht häufig genug angestellt worden zu sein, denn sonst würde man nicht in Lehrbüchern wie auch in Veröffentlichungen in den Zeitschriften noch so viele Darstellungs verfahren „reiner" Enzyme — und Versuche mit solchen — angegeben finden, bei denen man sich schon nach kurzer Über- legung fragen muß „womit ist denn bewiesen, daß nun ein reines Enzym vorliegt?" Es wäre mir ein Leichtes, hätte ich die einschlagige Literatur hier, solche Fälle zu zitieren. Viellach wurde ein- fach solange umgefällt, bis die Biuretreaktion verschwunden war, wobei man es oft gar nicht mehr für nötig fand, den so erhaltenen abiureten Körper auf seinen enzymatischen Wert zu prüfen (Ij. Abgesehen davon, daß der Ausfall der Biuret- reaktion sehr von der Praxis ihrer Ausführung abhängt, ist es andererseits noch gar nicht be- wiesen, daß Eiweißlreiheit identisch ist mit Enzym- reinheit. Auch die Beobachtung, daß durch wiederholtes Dialysieren der Aschengehalt eines enzymischen Körpers auf ein Minimum gesunken ist, beweist letzten Endes noch nicht, daß nun ein reines Enzym vorliegt. Und oft sind auch die Abscheidungsmethoden ziemlich brutaler Art. Rosenthaler gibt zwar in seinem sehr guten Büchlein „Grundzüge der chemischen Pflanzen- untersuchung" ^) an, daß „trotz vieler darauf ge- richteter Bemühungen noch keine Methode gefunden worden" sei, „die es gestattet, Enzyme in chemisch reinem Zustande darzustellen", und erwähnt auch, daß einzelne bei langer Behandlung mit Weingeist ihre Wirksamkeit einbüßen, aber bereits eine Seite weiter erwähnt er das Verfahren von Wrob- lewski'-'j zur Darstellung von Diastase, nach welchem wiederholt mit verdünntem Alkohol aus- gezogen und mit starkem wiedergefällt wird, üb aber Wroblewski auch stets seine Diastase auf ihre zu- oder abnehmende Wirksamkeit geprüft hat, ist mir, da ich leider über die ÜnginalaOnand- lung nicht verfüge, nicht bekannt. Ich bezweifle es. Es ist allerdings eine rechnerische Überlegung, die ich im Obigen angestellt habe, aber ich wurde schon damals dazu veranlaßt, als ich die Wirk- samkeit, also nach der vulgären Annahme die Reinheit, einer sehr großen Anzahl von Präparaten gleicher und wesensähnlicher Enzyme zu prüfen hatte und selbst dargestellte Produkte durch die verschiedenartigsten Keinigungsmethodenauf einen möglichst hohen Stärkegrad bringen wollte. Ich gelangte zu sehr hohen Werten, die aber beim wcileien „Reinigen" der Präparate wieder zurück gingen. Nun muß ich allerdings hinzu- fügen, dalä icn dann leider — es war eben nicht der Zweck der damaligen Versuche — die „Reinigung" nicht weiter wiederholte, ^) um so auch Weiler durch die Erfahrung der Praxis die Annahme, daß der enzymaiische Wert immer sinkt, vollkommen erharten zu können. Aus dem gleichen Grunde, aus dem es nicht mit Sicherheit möglich ist, ein reines Enzym darzustellen und als solches zu diagnostizieren, ist es auch noch kaum möglich, bei enzymatisch wirkenden Substanzen, die wir doch vorläufig noch als Gennsche verschiedener Verbindungen, zum Teil sehr ähnlicher Art, ansehen müssen, festzustellen, welcher Bestandteil der Träger der enzymatischen Wiikung ist. Wir können wohl aucn hier die enzymatische Substanz in ihre Haupt- bestandteile zerlegen und diese auf ihre enzyma- tische Wirkung prüfen, sind dann aber noch lange nicht berechtigt, die enzymhaltige Gruppe oder Komponente derjenigen Fraktion zuzusprechen, die am stärksten enzymatisch wirkt; eben deshalb nicht, da wir wieder nicht wissen, wie stark das Irennungsverfahren die enzymaiische Eigenschaft geschädigt hat. Dazu kommt hier noch der Um- stand, daß gewöhnlich bei solchen Zerlegungen, ') Loc. cit. pag. 94 fi. "-) Zcitschr. 1. phybiolog. Chemie 24 S. 178 (1898) und Berichte d. deutsch, ehem. CieselUchafl 31 S. I130 (ibgS). ^j Immerhin noch 2 — 3 mal nach der Erreichung des Maximalwertes. 148 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. je nach der Natur der abzuscheidenden Verbin- dungen, verschiedene chemische Agenlien be- nutzt werden müssen, und man also deshalb schon gar nicht mehr mit Sicherheit sagen kann, daß m der Abscheidung mit der stärksten enzymaiischen Wirkung das Enzym enthalten ist. Außerdem be- einträchtigt die große Neigung zahlreicher Nieder- schläge, Enzyme zu adsorbieren, das Urteil in hohem Maße. Beispielsweise man wolle ermitteln, ob in einer diastaiisch wirkenden Substanz der eiweißartige Anteil das Enzym enthalte, oder die Polysaccharide, vielleicht auch die Monosen. Zu diesem Zwecke wird man verschiedene sanfte Eiweililailungsmiiiel anwenden und die so erhaltenen Aiederschläge, womöglich nach der Dialyse, aut ihre enzymaiiscne Stärke prüfen, dann werden die Kohlenhydrate durch einige ihrer üblichen Fallungsmiiici von- einander zu trennen sein — wobei allerdings die Verwendung von Alkohol kaum zu umgehen sein wird — und die so erhaltenen Fraktionen eben- falls auf ihre diastatische Wirkung zu untersuchen. Sehr wahrscheinlich werden alle Abscheidungen enzymatisch wirken, weil sie alle Enzym absorbiert haben, und um so mehr, je mehr ihie Obertiache die Adsorption begünstigt. Die Folge wird also sein, daß wir zuerst versuchen mußten, durch Lösen unserer Abscheidungen und Dialyse oder Umfallung derselben, festzustellen, ob die enzyma- tische Wirkung der Abscheidung als solcher zu- kommt, oder lediglich als Verunreinigung anzu- sehen ist. Und so wird, wie man leicht einsieht, eine Schwierigkeit nach der andern sich einstellen, die wohl zum Teil experimentell zu beheben sind, die aber doch nachher einen zuverlässigen, sicheren Aufschluß darüber, welcher Bestandteil der unter- suchten Substanz nun der Träger der diastatischen Eigenschaft sei, nicht gestatten. Handelt es sich aber darum, den enzymhaltigen, bzw. den am stärksten enzymatisch wirkenden Bestandteil einer Substanz zu isolieren, zwecks Feststellung seiner chemischen Natur, so muß man hier wiederum in Erwägung ziehen, daß vielleicht der zu untersuchende enzymatische Körper schon in einer, zum Studium hinsichtlich seiner Zusam- mensetzung und womöglich auch noch der Struktur, genügenden Reinheit vorliegt, daß aber trotzdem seine enzymatische Stärke zurückgegangen ist und wir ihn eben deshalb wieder als unrein ansehen werden. Es ist uns also die Möglichkeit genommen, ihn nun — mit gutem Gewissen — zur Analyse zu verwenden. Das möge • an folgendem Vergleich illustriert werden — wiewohl immer zu bemerken ist, daß alle Vergleiche hinken, und umsomehr in bezug auf das allgemeine Thema, als sie auf den einzelnen Fall zugeschnitten werden. In einem Gemische der verschiedenartigsten Verbindungen, darunter namentlich unlösliche Salze organischer Säuren, befinde sich — als einzig optisch-aktiver Körper — die d- Weinsäure (natürlich auch als Salz), von der wir nur wissen würden, daß sie rechtsdrehend ist. Eine nicht zu umgehende Methode bestände darin, daß man das üemisch mit Laugen zu kochen, oder mit Sauren zu erhitzen hatte. Wie ott und in welcher Starke dies geschehen mußte, hinge von der Art der verunreinigenden Substanzen und der Geschicklichkeit des Umersuchers ab. Was wird nun die holge sein? Man wird die erhaltenen Fraktionen — o. h. die Niederschlage nach ihrer Wiedeilosung — im Fuiarisaiionsapparat prulcn, je reicher sie an d- Weinsäure gewurden sind, um so stärker ist die Drehung, je oiicr aber die Iso.ierungsmeihoden wiederholt werden und je siaiker ilue Euiwiikung ist, um so mehr wird Antiwcinsäure gcbiluet, wodurch wieder ein Ruck- gang der oplisclien Drehung bewirkt wird. Wann, d. h. bei welcher spezifischen Drehung [a] , ist nun der gesuchte Körper in reinem Zustande vor uns, zur Konsiiluiionscrmiitelung geeignet r Die dVVeinsauie ais solche wird uns nielir oucr weniger verluien gehen, und wir erhallen ein Uemisch von dieser mit Antiweinsäuie und 1 raubensäure. Letztere wird sich, als schwerer lösliches balz, ein- mal bei irgend einer Uperation abscheiden und, well inaktiv, ohne weiteres vernachlässigt werden, wahrend sie doch, nach entsprechender Reinigung zur Ermittelung der Konstitutionstoimel genügen wurde. Wir wurden hingegen mit dem am siäiksien aktiven leil weuerarbcilen, und so auch der Anti- weinsaure verlustig gehen. Der Vergleich ließe sich noch bedeutend weiter ausspinnen; selbst zu der Möglichkeit, aus dem Razcmat durch irak- tioniertcs Auskristallisieren oder Umlailcn (des- selbeiij aus einer Lösung einer andern optisch- aktiven Substanz wieder, wenn auch nur unreine, Antipoden zu erhallen, könnte man wohl hin und wieder Analogien bei der Aufarbeitung von enzym- haltigen Substanzen finden. In ähnlicher Weise ließe sich damit auch die Isolierung eines ätheri- schen Öles lediglich auf Grund einer optischen Aktivität aus einem Gemisch inaktiver lerpcne vergleichen. Es sei z. B. in einem Gemische das optisch aktive Terpineol vorhanden und zu isolieren. Durch Wasserabspaltung geht es, je nach dem angewandien Reagens in aas inaktive Terpinolen, bzw. das razemische Dipenten über — das seiner- seits weder aus den beiden aktiven Limoncnen besteht, während umgekehrt durch Wasseranlage- rung — und zwar reversibel — Tcrpinhyarat entsteht. III. Der Vergleich optisch-aktiver Körper mit enzymatisch wirksamen, in bezug auf den Gang der Isolierung, die Beurteilung der Reinheit der erhaltenen Abscheidung und den Zusammenhang zwischen Wirkungswert und Reinheit, ist insofern auch vorteilhaft und passend, als einmal bei beiden die charakierisiischen Eigenschaften nicht an den betreffenden Substanzen selbst gemessen werden, sondern am chemischen, bzw. physikalischen Ge- bilden (Zersetzung von Substrat — Drehung der N. F. XVn. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 149 Schwineungfsebene des polarisierten TJchtstrahls). Dann aber auch deshalb, weil sie, Enzyme und optisch-aktive Körner, sich noch in vielen F-ieen- tümlichkeiten ähnlich sind. So kann das eleiche Enzvm auf das ^'eirhe Substrat eanz verschieden stark einwirken, je nach dem Grade der H- oder OH Tonenkonzemratinn, während die optische Drehungf Herseiben Substanz verschieden sein kann, — bei gleicher Konzentration sogar — je nach der Art des Lösungsmittels. Hingeeen aber benennen wir die Enzyme nach der Art ihrer Wirkung auf die Art des Substrates, oder auch nach den eebildeten Spaltprodukten — weil das eben die einzige Eigenschaft ist, durch die sie uns von ihrem Dasein Kunde geben; während wir bei den optisch aktiven Körpern zu- meist nur das Vorzeichen des Drehungswinkels (o oder 1, + oder — ) als Ergänzungsmerkmal zu dem Namen setzen. Da wir aber mit Wissen noch kein reines Enzym erhalten haben, auch nicht mit positiver Sicherheit sag-en können, daß es wirklich solche Substanzen eibt — bis zu Vorstelluneen wie im- materiellen Energiezentren usw. braucht man noch gar nicht zu gelangen — ihr ganzes Dasein sich nur durch ihre Wirkungen offenbart, die dazu noch verschwinden können, ohne daß es uns mög- lich ist, eine besondere stoffliche Veränderung nachzuweisen, so darf die Frage aufgeworfen werden, ob wir denn berechtigt sind, zu sagen: dieser oder jener Körper ist ein Enzym, oder ent- hält ein Enzym, weil er neben so und so vielen andern, sehr genau feststellbaren chemischen und physikalischen Eigenschaften noch die Fähigkeit besitzt, Zersetzungen, Oxydationen oder Reduk- tionen von bestimmten Substanzen katalytisch zu beschleunigen. Wir müssen uns fragen, ob wir nicht logischer bei der Benennung des betreffenden Körpers diese Fähigkeit als adiektivisches Merkmal beizufügen hätten, so wie wir — um bei unsern Beispielen zu bleiben — sprechen von einer d- Weinsäure; einem d-1-Amoniumtartrat, einem links-Limonen und einem Terpinolen. Es gäbe also dann für uns keine Diastase, keinPepsin, noch TrypsineundKatalasen.sondern bei- spielsweise eine diastatisch wirkende Alkoholfallung, einen Kochsalzauszug, der in saurer Lösung Pro- teine bis zu Peptonen hydrolysiert, zum Unterschied von einem solchen, der schwach alkalischer Reak- tion die Spaltung bis zu den Aminosäuren durch- führt, einen durch Eindunsten im Vakuum er- haltenen wässerigen Leberauszug, der Wasserstoff"- superoxyd zersetzt. Statt „Maltase" würden wir sagen, ein „Maltose vergärender Hefepreßsaft" feben je nach der Herstellung) usw. Man wird mir einwenden, daß damit auch keine präzisere Bezeichnungsweise geschaffen würde, wohl aber eine viel umständlichere. Die Bezeichnung kann aber doch nur soweit präzis sein, wie eben unsere, aus experimentellen Versuchen erworbene Kenntnis von diesen Körpern. Aber sie ist umständlich, diese Art der Be- zeichnung, und deshalb werden, auf Kosten der genaueren Definition, selbstverständlich die Maltasen und Katalasen, die Pro- und gewöhnlichen Pepsine, die Steapsine und PapaVne und das ganze Heer der andern „ine" und „äsen" nicht mehr aus der Literatur verschwinden. Aber die Begriffe werden dadurch nicht klarer und die Reinheit der Präparate bleibt so zweifelhaft wie zuvor. (Schüler): Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein. (Mephisto): Schon gut! Nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen; Denn eben wo Begriffe fehlen, Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. Mit Worten läßt sich trefflich streiten, Mit Worten ein System bereiten. An Worte läßt sich trefflich glauben. Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben. (Faust l. Teil). Ebenso hypothetisch wie die reinen Enzyme sind bis jetzt für uns auch die in dem Blutserum und wahrscheinlich auch andern Körperflüssig- keiten „vorkommenden" Hämolysine, Agglutinine und anderen Antikörper; auch sie hat man sich allmählich angewöhnt, als wirklich existierende Körper vorzustellen und aus den mit ihnen, bzw. den betreffenden Sera angestellten Versuchen und Wertigkeitsbestimmungen die Schlüsse mit der- selben Bestimmtheit gezogen, wie aus dem Ergebnis einer Titration in der Maßanalyse. Und doch sind auch hier, gegenüber den Bazillen als wirkliche Körper, die Reaktionskörper im Blute nur „sprachlich materialisierteBegriffefür Eigenschaften, die die Körpersäfte unter der Einwirkung der Bakterien annehmen". „Die veränderte Eigen- schaft des betreffenden Körpersaftes, der wir das Zustandekommen des Phänomens ( — — der Agglutination, Präzipitation, Komplementablenkung usw.) zuschreiben, bezeichnen wir je nach der Wirkungsweise, in der dieselbe wahrgenommen werden kann, als Agglutinine, Präzipitine, Hämo- lysine usw. — Infolge der Verschiedenheit der Erscheinungsform , in der wir sinnlich die ver- änderte Eigenschaft der Körpersäfte eines infizierten Organismus wahrnehmen können, drücken wir also die veränderte Eigenschaft je nach der Er- scheinungsform aus, in der sie für uns wahrnehm- bar wird und schreiben die Eigenschaft, die die verschiedenen Erscheinungsformen bedingt, nur deshalb hypothetischen Körpern zu, um sprach- begrifflich die Veränderungen der Eigenschaft der Körpersäfte auseinander halten zu können. Die Gesamtheit der hypothetischen Körper, welche der veränderten Eigenschaft der Körper.säfte entspricht, bezeichnen wir mit einem Kollektivbegriff als Antikörper oder Reaktionskörper. Diese Reaktions- körper .sind also keine eigentlichen Körper, sondern Eigenschaften, die durch Änderung der bioche- mischen Funktion bestimmter Gruppen von ISO Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. 1 1 Körperzellen von diesen auf die Körpersäfte über- getreten sind". *) IV. Weiter vorn habe ich ausgeführt, inwiefern ein Vergleich der Enzyme mit optisch aktiven Körpern manche Analop^ien erp^ibt. Der Vergleich läßt sich auch dadurch ergänzen, daß nach Ansicht Vieler bei den Enzymen die Konfiguration des M'^leküls der betreffenden enzymatisch wirkenden Verbindungen wohl von größerer Bedeutung ist als die Struktur des Mole- küls. Veranlassung zu dieser Ansicht gaben nament- lich die Vergärungserscheinungen bei den Zuckern. Umgekehrt bietet aber auch ein Vergleich der Enzyme mit den Antikörpern, bzw. den Antigenen, viel Interessantes. Die Theorie, daß die Wirkung der Enzyme nicht auf ihrer Konfiguration, sondern besonders konstruierten Atomgruppen beruhe, hat ebenfalls ihre Anhänger gefunden und ließe sich in Parallele setzen zu der Wirkung der „Seiten- ketten" bei den Antikörpern. Beide Theorien übrigens, die der Konfiguration, und die der Seitenkettenwirkung, finden eine ge- wisse Bestätigung in der Art der Spezifität der Enzyme. ') Die Bewertung der Blutuntersuchung und der Mallein- reaktion bei der diagnostischen Rotztilgung vom Standpunkte der Beziehung der rotzigen Infektion zum Blute und zur Lymphe. Von M. Müller, Zeitschrift f. Veterinärkunde 28, 273(1916). In alkoholische Gärung geraten bekanntlich nur Triosen, Hexosen und Nenosen, aber unter den Hexosen gibt es solche, die rascher — gegen- über den andern — vergoren werden. Ebenso haben auch die serologischen Forschungen ergeben, daß viele Antikörper nicht nur mit ihrem spezi- ellen Antigen, sondern auch mit Abscheidungs- produkten verwandter Bazillenarten, eine, wenn auch schwächere positive Reaktion geben. In Übeinstimmung mit diesen beiden Tatsachen stehen die Beobachtungen, daß es unspezifisch und spezifisch wirkende Enzyme gibt. Sicher ist, daß weder die eine noch die andere Theorie, das Wesen der Enzyme zu erklären (Konfiguration des Moleküls — bzw. Wirkung der Seitenketten) gewonnen worden ist durch Isolierung eines Enzyms und chemische Untersuchung des- selben, sondern nur durch das Studieren seiner Wirkungen. Daß aber trotzdem immer noch so viele Unter- suchungen mit „reinen" Enzymen, und noch so viele Isolierungen vorgenommen werden, beruht eben, meiner Ansicht nach, auf der zu engen Definition der Enzyme. Man wird die Enzyme nicht erforschen an ihnen selbst, sondern nur durch das Studium ihrer Wirkungen. *) *) .\ls Bestätigung dieser Ansicht mögen die neueren Arbeiten von H erzfei d gelten. (Biochemische Zeitschrift 68, S. 402 und 70, S. 262 (1915).) Zoologisches ans der Jagdliteratur. Von Prof. Dr. Rabes, Halle a. S. Vor 4 Jahren habe ich schon einmal unter diesem Titel hier in der Jagdliteratur niedergelegte Beobachtungen, die mir auch für den nichtiagenden Naturwissenschaftler, insbesondere den Biologen, von Interesse zu sein schienen, mitgeteilt. Da kam der Krieg. Nicht als hemmendes Moment trat er zunächst auf — wenn er das späterhin in gewissen Grenzen auch sein mußte — sondern bereicherte nach kurzer Zeit die Jagdliteratur mit der Schilde- rung der Tierwelt in den besetzten Gebieten, be- sonders der russischen, und brachte zugleich eine Fülle von Beobachtungen über das Verhalten der Tiere innerhalb der Kampfzone. So abwechslungsreich und interessant im einzelnen diese Berichte auch sind, sie zeigen alle dasselbe : viele Tiere gewöhnen sich in relativ kurzer Zeit an den Kampflärm und bleiben, soweit es ihnen möglich ist und ihre Körpergröße oder angeborene Scheuheit sie nicht zum Auswandern zwingt, an ihrem Standorte. Fuchs- und Hasenspuren ziehen sich im Osten über die Schützengräben dahin und gehen durch die Drahtverhaue, zahlreiches Birk- wild befindet sich dicht hinter den Linien, Reb- hühner balzten zwischen den Schützengräben, eine Schnepfe brütete 60 m hinter einem Kampf- und Hauptgraben, der täglich starkes Artilleriefeuer bekam u. a. m. ; alle suchen ihrer Heimat treu zu bleiben. Noch mehr, die kleinen Sänger schweigen selbst bei starken Kanonaden oder inmitten heftigen Gewehrfeuers nicht völlig, sondern lassen von luftiger Höhe ihre Stimme erschallen, gerade als wüßten sie, ein wie winziges Objekt für die großen Geschosse der Menschen sie sind, und wie selten sie getroffen werden. . Interessant ist ein Bericht aus dem Osten über den Biber in den sog. Rokitnosümpfen, wo er wenig oder gar nicht an den breiteren Flußläufen, mit Vorliebe dagegen an kleineren Nebenflüssen, Bächen und Kanälen vorkommt. Der Grund da- für wird in dem Umstände gesucht, daß er dort das Wasser durch Dammbauten leichter und be- liebig anstauen kann, damit die Einfahrt zu seinem Baue unter Wasser bleibt. Gefällte Nadelhölzer wurden nicht beobachtet, von Laubhölzern fast ausschließlich Eichen, vereinzelt Birken. Sein Fort- bestehen soll auch dort infolge fortwährenden Nachstellens (Fang mit der Schlinge seitens der Eingeborenen) stark gefährdet sein. — Wölfe wurden des öfteren von Feldgrauen erlegt. Da ihnen aber sonst wenig nachgestellt ist, sollen sie sich in den letzten 3 Jahren beträchtlich vermehrt haben und einsamen Wanderern, auch einzelnen N. F. XVn. Nr. 1 1 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 51 Soldaten, gefährlich geworden sein. Daß sie auch in die Provinz Ostpreußen übertraten und beträcht- lichen Schaden in den Wildbahnen anrichten, war zu erwarten. — Auch über die Wald seh n ep fe wird aus dem Westen und Osten oft berichtet. Die Beobachtung, daß im Juni und Juli, also nach der Brutzeit, ein äußerst lebhafter Schnepfenstrich in den Gegenden, in denen die Schnepfe brütet, stattfindet, hatte zu der Annahme geführt, daß die Schnepfe ein zweites IVIal brüte und jene Beob- achtung den Sommer Balzflug darstelle. Schon vor dem Kriege hatte sich ein langer Streit über diese Frage entwickelt. Jetzt scheint er dahin entschieden zu sein, daß der sommerliche iVlorgen- und Abendflug nur mit der Nahrunor'^suche zu- sammenhängt, bei dem die Schnepfen, ähnlich den Rebhühnern, die laut kirrend zum Äsnngsplatze fliegen und ihn morgens ebenso verlassen, ihre Stimme hören lassen. Zudem ist wohl noch nicht ein Sommergelege der Schnepfe, das ja den end- gültigen und ausschlagenden Beweis gäbe, ge- funden, ganz abgesehen davon , daß die Wald- schnepfe mit einer zweiten Brut eine Ausnahme in der Schnepfengattung machen würde. Ein anderes interessantes l-'lugwild, von dem aus Nord- frankreich öfter berichtet wurde, ist der Zwerg- trappe. Bekanntlich hat sich dieser in Thüringen, in der Nähe von Greußen, schon vor längerer Zeit angesiedelt. Ob er dort auch heute noch heimisch ist, entzieht sich meiner Kenntnis, ist auch aus der neuesten Auflage des Brehm nicht klar zu ersehen. Vor 10 Jahren und früher enthielten die Jagdzeitschriften in jedem Herbste mehrfache No- tizen über in Deutschland erlegte und beobachtete Zwergtrappen. Seit 6 — 8 Jahren ist das völlig verstummt. Demnach muß der schmucke Vogel das Bestreben, in Deutschland sich weiter anzu- siedeln, was doch aus dem häufigen Vorkommen unzweifelhaft hervorging, aufgegeben haben. Um so interessanter wäre es dann, zu erfahren, ob die Kolonie in Thüringen sich erhalten hat. Innerhalb der Mitteilungen, die nicht direkt unter dem Einflüsse des Krieges stehen, spielen stets Beobachtungen, die sich auf die Ernährung unserer heimischen Wildarten beziehen, eine ge- wisse Rolle. So wurde z. B. festgestellt, daß Wild^ichweine, die ja als Allesfresser bekannt sind, sich in dem seichten Abzugsgraben eines Sees an den darin massenhaft lebenden Teichmuscheln gütlich taten. Mit ihren starken Zähnen zer- malmten sie die festen Muschelschalen, so daß der saftige und nahrhafte Inhalt ihnen zugänglich wurde. — Eine Mitteilung über dieFrühiahrsnahrung der Wildtauben hatte zur Folge, daß noch eine Reihe anderer Jäger ihre Beobachtungen zu diesem Thema kundgaben. Folgende Speisetafel der Ringel- tauben kann danach aufgestellt werden: Im Früh- jahre nehmen sie frische Triebe von Raps, Vogel- miere, zarte Triebe von anderen Unkräutern, unter denen z. B. auch Sauerampfer nicht fehlt. Eine im April geschossene Ringeltaube hatte 64 Buch- eckern, sonst nichts weiter, im Kröpfe. Der Sommer bringt zu der Grünzeugnahrung bald Samen von Kreuzblütlern (Hirtentäschel u. a.), da- neben Insekten und kleine Nacktschnecken, sowie Getreide. Eine Taube hatte etwa 40 große Kir- schen, nicht zerhackt, sondern unversehrt, im Kröpfe. Der Herbst bietet ihnen neben Sämereien und Getreide wieder Bucheckern, von denen der Kropf oft „zum Platzen voll" ist; selbst Eicheln, von denen ein Exemplar sieben haselnußgroße Stücke im Kröpfe hatte, werden aufgenommen. Das Verschlucken solch großer Früchte stellt recht weitgehende Anforderungen an das Ausdehnungs- vermögen des Schlundes! Auch Mitteilungen über abweichende Fär- bungen unserer Tiere, die ja wohl am meisten mit ins Auge fallen, sind nicht selten. Über auf- tretende weiße Rehe oder über gescheckte (also teilweise albinotische) Stücke wird wiederholt be- richtet, wie andererseits bekannt sein dürfte, daß schwarze (bzw. ganz dunkelgefarbte) Rehe in Teilen der Provinz Hannover und einzelnen angrenzenden Gebieten zum normalen Bestände an Rehwild ge- hören und ihre schwarze Färbung kräftig vererben. Welche Gründe das Auftreten solcher albinotischen bzw. melanotischen Tiere hervorrufen, ist noch unbekannt. Viel seltener ist das Auftreten der weißen Farbe bei Füchsen, wie solche bei 4 Jung- füchsen in der Nähe Wetzlars beobachtet wurde. Zwei davon wurden geschossen, die anderen zur weiteren Beobachtung leben gelassen; doch sind sie verschwunden. Daß es sich bei diesen weißen Füchsen um Albinos handelte, bewiesen die hell- fleischfarbene Färbung der Nase, der Schnauzen- ränder und der Ballen unter den Zehen. Anderer- seits wurde in Westpreußen ein schwarzer Jung- fuchs erlegt, der einem Geheck sonst normal gefärbter Füchse entstammte. Bis auf die weiße Schwanzspitze war an dem Tiere alles schwarz, auch Kehle und Unterseite. Die alte Frage nach den Ursachen für die verschiedeneGeweihfärbung bei Reh und Hirsch ist immer noch nicht zur Ruhe gekommen. Doch scheint sich die Frage dahin zu klären, daß äußere Einwirkungen ausschlaggebend sind, wie z. B. Fegen des frischen Gebildes an verschiedenen mehr oder weniger gerbsäurereichen Hölzern, so- wie die Berührung mit humusarmer (Sandboden) oder humusreicher (Moor) Erde, welch letztere vermöge ihres reicheren Gehaltes an färbenden Substanzen allgemein auch eine dunklere Färbung der Geweihe hervorzurufen vermag. Dabei spielt die Beschaffenheit der Geweihsubstanz eine große Rolle insofern, als porösere Geweihe mehr färbende Substanz aufnehmen und dunkler werden. Zur Erforschung das Vogelzuges sind vielerorts (bekannt ist dadurch besonders die Vogelwarte in Rositten auf der kurischen Nehrung 1) Berin- gungsversuche angestellt. Prof. Thiene- mann hat ja bei uns darüber eingehend berichtet, von anderen Ländern beteiligen sich besonders Schweden, Österreich-Ungarn, England und die Schweiz daran. In Ostholstein wurde ein beringtes 152 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. Bläßhuhn gefaneen. Nachforschungen, die auf Grund der Aufschrift des Ringes in Bern angestellt wurden, ergaben, daß der Vogel 191 5 bei Luzern auf dem Vierwaldstättersee gefangen, im Mai 1916 in Freiburg (Schweiz) beringt und bei dieser Stadt untergebracht war. Da ihm in der Gefangenschaft die gestutzten Flügelfedern nachgewachsen waren, konnte er im Frühjahre 191 7 nach seiner alten Heimat zurückkehren. Zugleich liefert die Beob- achtung einen Beweis für das Festhalten der Vögel an ihrem Brutgebiete und für den Wert, den die z. T. geschmähten Beringungsversuche besitzen. Noch in einer anderen Richtung kann Kenn- zeichnung des Wildes von Wert sein, für seine Altersbestimmung: In der Gegend von Aurich wurde ein Hase erlegt, der am Halse eine kleine Blechtafel trug. Nachdem der Rost von dieser entfernt war, kam die Inschrift zum Vorschein : „Zwei Monate alt in Freiheit gesetzt 1910". Das hohe Alter von 7 Jahren dürfte bei uns ein Hase selten erreichen. Sein Fell war „sehr grau, und seine Seher waren trübe". Dieses dürfte m. W. die erste genaue Angabe sein über das Alter, das ein Hase in der Freiheit erreichen kann; denn wenn Brehm auch erzählt, daß sein Vater einen Hasen schoß, den er schon 8 Jahre kannte, so führt er doch keinen bindenden Beweis für die absolute Richtigkeit jener Beobachtung an. Die Mutterliebe der Tiere, die sie veran- laßt, ihre Nachkommenschaft mutvoll zu verteidigen, ist hinreichend bekannt. Interessant ist dafür folgender Beleg: Ein Trapphahn kam bei der Balz einem Neste des großen Brachvogels zu nahe. Sofort erhob sich der Vogel und griff den Trappen an. Auf seine Rufe kamen ihm schnell zwei andere Brachvögel zu Hilfe, und alle drei, die sich wie Zwerge gegen den Trapphahn ausnahmen, griffen diesen aus der Luft und von der Erde aus so herzhaft an, daß der Riese nach einigem Zögern das Feld räumte. Wie wenig noch manche unserer häufigeren, aber versteckt lebenden Tiere genauer bekannt sind, beweist die seit 1908 erörterte Frage über die Körperlänge des Mauswiesels und die damit zusammenhängende Frage, ob nicht ver- schieden große Lokalformen zu unterscheiden seien. Denn wenn bei einem so kleinen Tierchen, die Länge der Männchen (24,5 — ;^4 5 cm) um 10 cm (d. i. ein Drittel der Gesamtlänge !l die der Weib- chen (ig — 24 cm) um 5 cm schwankt, so ist letztere 'Annahme sehr naheliegend, vorausgesetzt, daß es sich in allen untersuchten 141 Fällen um völlig erwachsene Tiere handelt. Auch die Be- obachtung eines Überwiegens des männlichen Ge- schlechtes (von 141 Stück waren 103 Männchen) ist noch ungeklärt, da einerseits ein Wurf von 9"Jungen 7 Männchen, ein anderer von 7 Jungen aber nur 2 Männchen enthielt, wie endlich auch die Frage noch zu lösen wäre, ob das Wiesel in einem Jahre mehreremale wirft oder ob bei ihm (ähnlich wie beim Fischotter) die Wurfzeit an keinen bestimmten Zeitpunkt gebunden ist. Das Ganze aber gibt uns einen Begriff davon, wieviel in der Biologie selbst unserer heimischen Tiere noch zu klären, zu beobachten und zu erforschen ist. Und dabei sind die Wiesel nicht selten, wie aus einigen Fangergebnissen hervorgeht, die uns das am klarsten zeigen können: Auf einem öster- reichischen Revier von 600 ha Größe wurden in einem Jahre 153 Wiesel gefangen, auf einem märkischen Reviere in 8 Jahren je 99 — 186, auf einem lansitzer Reviere in 5 Jahren je 165 — 177 große Wiesel ! Nicht selten kann der Jäger eigenartige Schuß- wirkungen beim Flugwild beobachten, wenn z. B. einzelne Rehhühner nach dem Schubse an- fangen, in die Höhe zu steigen, zu „himmeln", wie der Jäger sagt. Meist ist die Ursache dazu eine Verwundung der Lunge durch ein Schrotkorn. Das Tier kommt durch das ausströmende Blut in Erstickungsgefahr, schlägt in seiner Todesangst noch sehr lebhaft mit den Flügeln, aber schon wird der Flug direkt'onslos und statt nach vorn zu fliegen, steigt das Tier nur immer in die Höhe. Ist es erstickt, so hört plötzh'ch das Flügelschlagen auf und „wie ein Stein" fällt es tot zur Erde. Seltener breitet das himmelnde Huhn oben die Flügel aus und geht langsam im Gleitfluge her- nieder: dann hat es eine Schußverletzung an dem einen oder an beiden Augen. Ein Trapphahn hatte ein Schrotkorn ins Hinterhirn erhalten: er kam auf den Schützen zu, nahm Balzstellung an und fiel nach etwa 2 Minuten tot auf die Seite. Der Beobachter meint, das Schrotkorn habe beim Ein- dringen ins Hirn das Zentrum der Nerven für die geschlechtliche Erregung gereizt und dadurch das sterbende Tier zur Annahme der Balzstellung ge- zwungen. Zum Schlüsse möchte ich noch über ein neu eingebürgertes Wild, das M u f f 1 o n , kurz berichten. Der erste Einbürgerungsversuch in freier Wildbahn erfolgte durch den Herzog von Anhalt in dem Revier von Harzgerode am Selketal (abgesehen von dem Einsetzen der Wildschafe in dem einge- gatterten Hofiagdreviere Göhrde S. M. des Kaisers). Im Harzgeroder Revier wurden 1906 6 Stück Muffelwild ausgesetzt, die sich an den Selkehängen bald eingewöhnten. Später wurden noch in ver- schiedenen Tahren neue Tiere — im ganzen 17 Stück — hinzugefügt und ietzt haben sie sich über ein beträchtlich weiteres Gebiet im Ostharze verbreitet. Im allgemeinen leben die anspruchslosen Tiere ziemlich verborgen, sind aber nicht gerade als sehr scheu zu bezeichnen, wenn sie auch vortrefflich von ihren Sinnen Gebranch zu machen wissen. Schaden richten sie im Walde nicht an, sondern sind sehr genügsam in ihrer Nahrung, wenn sie auch nicht ganz verschmähen , abends zuweilen auf die Felder auszutreten und sich an saftigem Klee, auch an Kartoffeln, gütlich zu tun. Die guten Erfahrungen, die im Harze gemacht wurden, ermutigten zu weiteren Versuchen, die' im Taunus und in verschiedenen Wildgattern gemacht sind. Überall jbürgert sich das' Mufflon leicht und gut N. F. XVn. Nr. 1 1 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 153 ein, so daß wir die berechtigte Hoffnung haben, mit ihm unsere Wildbestände zu bereichern, ohne dabei Unannehmlichkeiten mit in Kauf nehmen zu müssen. Vorstehende kleine Auswahl zeigt wohl zur Genüge, daß der Biologe die Beobachtungen, die in der jagdlichen Presse geboten werden, nicht unbeachtet lassen darf. Oft wirkt schon die Ur- wüchsigkeit und Frische, mit der die Beobachtungen dargestellt werden, direkt anregend, vielfach aber zeigen sie, daß in der Biologie un«erer heimischen Tiere noch gar mancherlei richtigzustellen oder neu hinzuzufügen ist. Wie ist die Lösung des Klimaproblems der permokarbonen Eiszeit möglich? [Nachdruck verboten.] Von Dr. W. R. Eckardt, Essen. Penck's,^) der indessen nicht zwingend für eine Hypothese von Polverschiebungen ist. Das kann vielmehr nur der eeologische Nachweis sein, daß für die Permokarhonzeit die bis heute so gut wie ausschließlich nur in niederen Breiten gemachten Gla/ialfiinde auf diese beschränkt blieben, während die permischen .^hlaeerungen der höheren Breiten nichts von einer ehedem stärkeren Abkühlung des irdischen Klimas erkennen ließen. Nur so hätten wir einen zwingenden Beweis f ü r eine Polverlagerung, bzw. für stattgefundene Krustenwandernneen größerer Erdgebiete. Denn jede stärkere Abkühlung des irdischen Klimas muß sich zuerst und am deutlichsten stets an den Polen oder doch in deren unmittelbarer Nähe zeigen. Fs ist daher auseeschlossen, daß iemals auf der Frde eine Abkühlung, die zur Bildung großer Binnenlandeismassen, deren Enden zum Teil ins Meer kalben, führen mußte, in den Tropen und in den Passatzonen ihren Anfang hätte nehmen oder auf diese hätte beschränkt bleiben können, während die höheren Breiten überhaupt nicht merklich von jener Abkühlung betroffen worden wären. Auch wäre es gar nicht einzusehen, warum sich gerarle die Tropen oder Subtropen abgekühlt haben sollten bis zu einem Klima mit schneeigen Niedersrhläeen und Frosterscheinungen selbst in manchen Teilen ihrer Niederungen, während doch die Polargegenden gar nicht kalt gewesen wären, also auch den Ozean und somit auf Umwegen die niederen Breiten gar nicht stärker hätten ab- kühlen können.'') Sehen wir uns das Klima der Permformation auf der Nordhalbkugel an, so finden wir keine sicheren Eisspuren als Äquivalent derausgedehnten der Südhalbkugel, und zwar namentlich nicht in höheren Breiten des Nordens. Wenn auch die Rotlieeenzeit nach v. Lozinski unter der Herrschaft eines subarktischen Klimas gestanden HInsichtlirh einer plausibelen Erklärung der abnormen Wärmeverhältni«se in den eeolog-iochen Klimaten bietet die permokarbone Eiszeit mit ihren gewa'tig-en Gletscheran<;dehnungen namentlich in d^n Pas=at7onen zu beiden Seiten des Äquators un- grleich größere Schwierigkeiten alsdie warmen Polar- klimate, die fast die Reg-el für die Vergangenheit der Erde genannt werden können. Fr. v. KernPr hat daher die permokarbone Eiszeit mit Recht als „das dunkelste der paläothermalen Probleme" genannt. ^) Es fragt sich nun in erster Linie, ob die per- mokarbone Eiszeit im eeoloei'schen Klimanroblem insofern etwa eine Ansnahmestelhmg einnimmt, als die Annahme von Polverschiehnneen oder von großen Krustenwanderungen zu ihrer Erklärung unbedingt notwendig er«rheint. Nach dem heutieen Stand der Forschung läßt sich die Möglirhkeit der Lö«ung des permokar- bonen Glazialphänomens kurz in folgende Sätze zu- sammenfassen : T. Sollte der Geologie der einwandfreie Nach- weis einer starken Abkühlung und vor allem von au<;£redehnteren Vereisungen der Polar/onen zur Permokarhonzeit gelingen, dann konnten auch weite Gebiete der Subtropen vergletschert sein und es erübrigt sich die Annahme von Polver- schiebuneen oder Krustenwanderungen, auch wenn solche bis zu einem gewissen Grade stattgefunden haben sollten. 2. Sollte dagegen der Geologie der Nachweis eelineen, daß die höheren Breiten der Erde in der Perm form ation. ähnlich wie im Karbon und im Mesozoikum ein warmes Klima besessen haben, so ist die Annahme von Polverschiebungen unver- meidlich. V Sollte sich ein bestimmter geologischer Nach- weis überhannt nicht erzielen lassen, wie die klima- tischen Verhältnisse der Polarzonen im Permokarbon beschaffen waren, so muß die Frage, ob Pol- verschiebuneen stattgefunden haben oder nicht, unentschieden bleiben. Was die Geologen und Klimatologen für die Hypothese einer Polverlagerung, bzw. von Wande- rungen der Erdkruste zur Permokarhonzeit ein- nehmen konnte bzw. mußte, war der Ideengang ') Das paläoklimatische Problem. Mitteilungen der Geol. Ges. Wien 11. 19U. ') Vgl. hierüber: W. R. Eckardt, Das Klima der per- mokarbonen Eiszeit. Naturw. Wochenschr. N. F. 15. Bd. Nr. 10. :9l6. -) Lediglich von diesem Standpunkte aus hatte ich das Problem der permokarbonen Eiszeit in Heft 29 der Zeitschr. „Die Naturwissenschaften" V. Jahrg. 1917 folgerichtig beleuchtet und war zu dem Ergebnis gekommen, daß von diesem Gesichts- punkte aus die Annahme von Polverlagerungen oder von Krustenwanderungen zur l.nsuni; dirses Klitinr-il«''!- unver- meidlich sei. 154 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr haben könnte, ') so ist doch ebensowenigf wie diese Fragte auch noch vieles andere in seinem Verhältnis zum Klima noch lange nicht geklärt. Die Frage : „War unter der Voraussetzung kalter Polarklimate eine Vereisung weiter Gebiete der Subtropen zur Permokarbonzeit möglich, ohne daß eine Fol- verschiebung stattgefunden hat?" hat bis zu einem gewissen Grade bereits Fr. v. Kern er in seiner neuesten hochwichtigen Studie: „Untersuchungen über die morphogene Klimakomponente der per- mischen Eiszeit Indiens" ^) beantwortet, wenn diese rechnerische Untersuchung auch keineswegs eine Lösung dieses Problems zum Ziele hat, sondern nur klimatolngische Feststellungen bezweckt, die zu den unerläßlichen Vorarbeiten für jeden ernst- haften Erklärungsversuch der permi«chen Eiszeit Indiens zählen. Fr. v. Kerner will eine Beant- wortung der Frage versuchen, was für thermische Verhältnisse sich bei der für die Paläodyas ver- muteten Land- und Meeresverieilung für Südasien ergeben würden. Der Versuch erfolgte unter rein klimatologischen Gesichtspunkten nach verschie- denen Methoden und auf verschiedenen Grundlagen, indem von den Ergebnissen der geologischen Forschung nur das paläogeographische Bild ent- lehnt wird, wohingegen die aus der Beschaffenheit und aus den Einschlüssen der marinen und terre- strischen Sedimente gezogenen paläoklimatolo- gischen Schlüsse gänzlich außer Betracht bleiben. AlsGrundlagefürdieKonstruktion der morphogenen Paläoisothermen') benutzte Fr. v. Kerner die von Frech entworfene Darstellung der Kontinente und Meere am Schluß der Steinkohlenzeit und stellte auf diese Weise rechnerisch fest, daß die morphogenen Isodiakrinen (Isothermen der Gegen- •) Vgl. hierüber: E. Dacque, Grundlagen und Methoden der Paläogeographie. Jena 191 5. S 413 ff. ») Sitzungsber. der Kaiierh Akad der Wiss. in Wien. Math.-Nat. Kl. Abt. 1. 126. B. 2. u. 3. Heft. ') Das sind die Linien gleicher Wärme der Vorzeit, so- weit sie sich aus der Verteilung des Festen und Flüssigen an der Erdoberfläche ergeben. wart minus Paläoisothermen) des Juli im nord- westlichen Vorderindien einen Unterschied von — 20" aufzuweisen hatten, so daß die Temperatur im Meeresspiegel in der dortigen Gegend zur Permokarbonzeit im Juli nur 15" betrug. Man sieht also, daß unter solchen Umständen die kritische mittlere Jahrestemperatur von 10" (das ist die höchste, bei der jetzt ein Gletscher zu leben vermag) wahrscheinlich in der Tat nicht überschritten wurde! Da v. Kern er des weiteren gezeigt hat, unter welchen naheliegenden natür- lichen Bedingungen ein Polarstrom nach Durch- querung der sonnigen Subtropenzone noch kalt in der Äquatorialzone anlangen könnte, und auch des weiteren erörtert hat, wie trotz des Vorhandenseins dieser kühlen Strömung die Feuchtigkeit für reich- lichere Niederschläge geliefert werden kann, so gewinnt die Annahme an Wahrscheinlichkeit, daß auch die permokarbone Eiszeit keine Sonder- stellung im geologischen Klimaproblem einnimmt, sondern ebenfalls ohne Polverschiebungen oder Krustenwanderungen sich erklären lassen dürfte. Nur die ausgedehnten Eisfelder der Südhalbkugel würden einem Erklärungsversuch, der seine Zu- flucht nicht zu hypothetischen Hilfsfaktoren nimmt, einige Schwierigkeiten bereiten. Doch wäre es immerhin möglich, daß die Erde eben vom Karbon her ein anscheinend außergewöhnlich aus- geglichenes maritimes Klima auch noch im Perm besaß, in dem die heutige starke Akzentuierung der Tropen imd Subtropen wegfiel , dafür aber der um die Wende des Paläozoikums einsetzende gewaltige Gebirgsbildungsprozeß die schneeigen Niederschläge in entsprechender Höhenlage in allen Zonen außergewöhnlich förderte. Wenn es somit nach alledem auch noch keines- wegs feststeht, ob die permokarbone Eiszeit ein regionales Phänomen oder eine Allgemeinerschei- nung war, so ist es doch sicher, daß die Lösung dieses Klimarätsels nur im Sinne eines der beiden näher gekennzeichneten Gesichtspunkte erfolgen kann. Einzelberichte. Physiologie. Einfluß a lkoholischer Getränke auf die Reaktionszeit. Wie früher (19 16, S. 660 d. Bl.) mitgeteilt wurde, wird die Reaktionszeit, d. h. die Zeit, welche vom Moment des Empfangs eines Sinnesreizes bis zur Auslösunng einer zweck- bewußten Tätigkeit verstreicht, durch Alkohol ungünstig beeinflußt, d. h. verlängert. Wie Ver- suche im pharmakologischen Institut der Univer- sität Greifswald ergaben, wurde nach dem Genuß schon kleiner Mengen von Alkohol das Wahr- nehmungsvermögen für hellere und dunklere Töne von Rot und Grün verlangsamt. Schon in der ersten Mitteilung wurde von Prof. Hugo Schulz darauf hingewiesen, daß es zweckmäßig sein würde, festzustellen, ob diese Ergebnisse auch dann Gültigkeit haben würden, wenn nicht nur mit Wasser verdünnter Alkohol, sondern dieser in Gestalt eines alkoholischen Getränkes genommen würde. Entsprechende Versuche wurden im Sommersemester 1917 ausgeführt (Hugo Schulz, Pflüger's Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Tiere, 166. Band, 5. Heft, 1917). „Es war von vornherein nicht abzusehen, ob nicht die in diesem Falle mit aufgenommene Neben- substanz, Hopfenbitter beim Bier, das sogenannte Bukett beim Wein und Kognak, irgendwelche besondere Wirkung mit sich bringen könnten." An den Versuchen beteiligten sich 9 Herren und 2 Damen. Zwei Herren mußten ausscheiden, weil die bei den Versuchen erhaltenen Zahlen bei N. F. XVn. Nr. II Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 155 ihnen ganz unregelmäßige und teils einander widersprechende Resultate ergaben. Die unter- suchten Getränke waren : Bier 2 5 ccm ; Wein looccm ; Kognak 20 rem; Sekt lOO ccm. Es ergab sich für alle Beteiligten eine deutliche Abnahme der Fähigkeit, Hell und Dunkel bei Rot und Grün unterscheiden zu können. Die Abnahme schwankte in weiten Grenzen. Die stärksten Abweichungen fanden sich bei den an den Genuß von Bier in den Vormittagsstunden gar nicht gewöhnten Damen. Bei den Herren lagen die Werte für die Abnahme des Unterscheidungsvermöeens er- heblich niedriger. Setzt man den Wert Nj = 100 und berechnet darauf die Werte für R und G, so erhält man für Rot als niedrigsten Wert iii, als höchsten 155, bei Grün als niedrigsten Wert 120, als höchsten 145. Ebenso wie beim Bier haben die am Versuch beteiligten Damen auch beim Wein die stärkste Herabsetzung der Unter- scheidung von Hell und Dunkel bei Rot und Grün aufzuweisen. Die individuellen Schwankungen aller Versuchsteiln^hmer lagen auch bei Wein und Kognak für Grün innerhalb engerer Werte als für Rot. In jedem Fall ergab sich eine deut- liche Herabsetzung des Farbenwahrnehmungsver- mögens, namentlich für Rot, durch den Genuß alkoholischer Getränke. Ebenso zeigten die Ver- suche die Wirkung einer Gewöhnung an den Alkoholgenuß. Die großen IVIittelwerle aus allen Beobachtungen und für die einzelnen Getränke stellten sich bei Bier für Rot auf 145, für Grün auf 140, bei Wein Rot 131, Grün 125, bei Kognak Rot 142, Grün 134, bei Sekt Rot 125, und Grün 105. Von allen Getränken wirkte am nachteiligsten das Bier, während im Gegenteil beim Sekt die Herabsetzung der Gesichtswahrnehmung weniger groß war, was vermutlich mit der erregenden Wirkung der mit aufgenommenen Kohlensäure zusammenhängt. Recht interessante Ergebnisse hatten die Ver- suche mit Koffein. Es fiel auf, daß die erregende Wirkung nach Kafifeegenuß hei Teegenuß fehlte, obwohl der Tee doch auch Koffein enthält. Die Aufnahme von reinem Koffein blieb wirkungslos. Es war offenbar nicht reines Koffein, sondern die beim Rösten des Kaffees entstehenden Neben- produkte, welche die günstige Verkürzung der Reaktionszeit zur Folge hatten. Ebenso hatte koffeinfreier Kaffee dieselbe Wirkung, wie koffein- haltiger.^) Die Versuche mit Kaffee erwiesen durchweg und ohne Ausnahme eine zum Teil ganz beträchtliche Zunahme des Unterscheidungs- vermögens für Hell und Dunkel bei Rot und Grün bei allen an den Versuchen Beteiligten. Der mittlere Wert aus sämtlichen Versuchen stellt sich für Rot auf 75, für Grün auf 79. Die Schluß- folgerung aus obigen Versuchen für die Verkehrs- beamten im Eisenbahn- und Schiffahrtsdienst so- wie für die Feldsoldaten ergibt sich von selbst, ') Es scheint aber, daß die Köstprodukte des b u h u c n - k ;i f fe es in Frage kommen ; Malzkaffee war nämlich unwirksam. wenn auch deren strikte Durchführung wenig an- genehm sein wird. Kathariner. Anthropologie. Die Ungarn. Um das Jahr 800 unserer Zeitrechnung kam das Reitervolk der Magvaren nach Mitteleuropa, wo es weite Gebiete mit Krieg überzog und verwüstete. In alten Be- richten werden diese Magyaren ähnlich wie die Avaren geschilfert; sie haben deutliche Zeichen mongolischer Abkunft an sich getragen, wie die kurze gedrungene Gestalt, das breite Gesicht, die flache Nase und die gelbe Hautfarbe. Nach langen Kämpfen wurde das kriegerische Ungestüm des Maeyarenvolkes bezwungen und es wurde zur Seßhaftigkeit veranlaßt. Man hat in moderner Zeit zu wiederholten Malen versucht, die Nach- kommen der alten Magyaren festzustellen, die durch mongolische Körpermerkmale ausgezeichnet sein müßten. Aber alle diese Bemühungen waren vergeblich. Die heutigen Magyaren unterscheiden sich nur mehr durch die Sprache von ihren Nach- barvölkern. Zu dem Ereebnis kommt auch Prof. J. K o 1 1 m a n n in einer Studie über „Die Ungarn", die er im Jahrg. 1917 der Zeitschrift für Ethno- logie S. I — 8 veröffentlichte. Die Schädel, die in ungarischen Gräbern aus der Zeit der Arpaden, der ersten Heerführer der Magyaren, gefunden wurden, zeigen zwei verschiedene Formen, eine kurze und eine lange, aber diese beiden Formen kommen erstens schon in der Steinzeit vor, und zweitens sind sie gegenwärtig noch in Ungarn nebeneinander vorhanden. Die langen Köpfe (die wohl nur eine kleine Minderheit sind) entsprechen dem sog. germanischen oder nordischen Typus, die Kurzköpfe mit breitem Gesicht gehören zu den Formen, die gewöhnlich als slawisch bezeichnet werden und die von Frankreich bis tief in den Osten hinein zu finden s'nd. Es ist anzunehmen, das etwa vier Fünftel der Ungarn breitköpfig, ein Achtel mittelköpfig, und der Rest langköpfig sind. Aber es finden sich unter ihnen keine „sarma- tischen" Köpfe, welche auf asiatische Verwandt- schaft hinweisen würden. Die Magyaren der Jetzt- zeit sind in somatischer Beziehung ebensowenig einheitlich wie ihre Nachbarvölker. Ko 11 mann schreibt unter anderem : Was früher überraschendes, fast peinliches Aufsehen erregte, daß mehrere Formen der Magyaren aufgestellt wurden, z. B. von Janko, indem er von kleinen Magyaren der Tiefebene, von den großen Szeklern, den braun- äugigen Kumanen und blauäugigen Jazygen er- zählte, erscheint jetzt als eine Auffassung tieferer Einsicht. Wie in allen Ländern Europas, so gibt es auch in Ungarn in der Jetztzeit wie der Ver- gangenheit mehrere Formen, und die erste Auf- gabe der Forschung besteht darin, zunächst die verschiedenen Gestalten festzustellen und dann ihre Verteilung zu erkunden. Aus der Art der Bestattung, aus Waffenschmuck, Zier und Geräte aller Art läßt sich dann wohl ein Schluß über die herrschende Bevölkerung innerhalb einer be- 156 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. stimmten Zeit gfewinnen, was jetzt beim Fehlen entsprechender Untersuchungen undurchführbar ist. Blaue und ^raue Augen wiegen bei den Ungarn vor; braunäugig ist etwa ein Drittel. Blondes Haar ist ebenfalls häufig. Kollmann meint, man könnte daran denken, d^ß die dunklen Typen vielleicht von Turkvölkern abstammen, die hellen von blonden Finnen. Al'ein diese Hypothesen würden auf unsicherem Boden ruhen, .«olange nicht weitgehende Untersuchungen ausgeführt sind. Blonde und Brünette sind ja auch überall in Österreich noch vertreten. Von den Sprach- und Geschichtsforschern werden die Finnen Nord- euronas allerdings fast allgemein als nahe Ver- wandte der Magyaren betrachtet, aber man ging dabei lediglich von lingui'itischen Tatsachen aus. Die Finnen der Gegenwart haben überdies eben- falls keine asiatischen Züge an sich, obzwar sie, wie die Magyaren, eine asiatische Sprache reden. Kollmann hä't es für unwahrscheinlich, daß sich keine Nachkommen des magyarischen Kriegervolkes erhalten hätten. Da aber asiatische Typen in Ungarn fehlen, so scheint die vollständige Ausrottung jenes Volkes doch nicht von der Hand zu weisen zu sein. H. F'ehlinger. Geologie. Über „die Grundlagen der Montan- industrie im Königreich Polen" schreibt Dr. W. Petraschek in der „Montanistischen Rund- schau" Nr. 15 — 19, Jahrg. 191 7: Die in den letzten Jahren in Polen aufblühende Montanindustrie verdankt ihren Aufschwung dem großen russischen Absatzgebiet, den guten Preisen. 1910 wurden 45000 Arbeiter beschäftigt, die für 220 Millionen Kronen produzierten. Ihre Entwicklung beruht auf dem Steinkohlen- gebiet von Debrowa, der Fortsetzung des ober- schlesischen Gebietes. An Flächeninhalt betragen die einzelnen Gebiete: im polnischen Anteil 320 qkm ? „ oberschlesischen Anteil 2800 „ „ österreichischen „ 2517 „ Gewonnen wurden 1913 an Steinkohlen: im polnischen Anteil 6838 587 t = 1 1,0 */„ „ oberschlesischen Anteil 43 80 1 056 t = 70 6 "/(, „ österreichischen „ 1 1 367945 t = 18,3 "/g Man kann also von einer intensiven Ausnützung der Flöze reden , hervorgerufen durch gute Schachtanlagen. Polens Kohlenbecken ist auf seine Flöze noch nicht hinreichend untersucht. Die Fläche ist etwas größer als oben angegeben, wenn auch nur schwächere Flöze in guter Qualität auf der noch nicht berücksichtigten F"läche vorkommen. Viel- leicht mißt es etwas mehr als 450 qkm. Ver- mutete Kohlenbecken weiter im Osten Polens sind noch nicht nachgewiesen. Nach der Kohlenführung kann man im pol- nischen Kohlenbecken einen kohlenreichen Teil von einem kohlenarmen Teil unterscheiden. In letzterem kennt man 6 Fltämme wachsen mit Vorliebe Ledum palustre imd Empeiium nigrum. Auch Farne sind leich vertreten. Einen großen Raum nehmen sumpfige und moorige Wiesen ein (2). Im Mai standen sie noch völlig unter Wasser und wurden erst Ende Juni gangbar. Hier wachsen einige Oichi- dacecn, die sonst sehr wenig in der Libauer Flora vertreten sind; (Jrchis niaculaia, incarnata, Plalanlhera bilolia, Gymna- denia odoratissima. Charakteristisch sind Comarum palu>tre, das um so kräftiger wird, je feuchter der Standort ist; Primula farinosa, Pinguicula vulgaris. Daneben treten auf: Drosera rotundilolia, Polygala amara, Pedicularis palustiis, Eiiophorum polystacliiuni. Weniger leucht wachsen Parnassia palustris^ hpilobium palubtre, Lathyrus paluster, Alectorolophus major. In den zahlreichen Gräben und Teichen wachsen: Hoitonia palustris, Ceratophyllum demersum, Lemna trisulca, polyrhiza, Potamogeton natans, crispus, Aliüma plantago, Hydrocbaris N. F. XVn. Nr. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 159 morsus ranae, Elodea canadensis, eine Myriophyllum- und eine Calhtriche-Art. In tieferen Gewässern findet man Nuphar luteum. Als Verlandungspflanzen treten auf: Ranunculus lingua, Sium laiifolium, Lythrum hyssopifolia;?), Myosolis caespilo»um, Bidens cernuus, Polygonuni amphibium, SparganiumArten und Typha latifolia. Am ausgeprägtesten findet sich diese Flora in der Verlandungszone des Tosmar-Sees (3). Dort wächst auch verstreut Meiiyanthes trifoliata, das sonst reichlicher auf den sumpfigen Wiesen gedeiht. Westlich vom Tosmar-See erstrecken sich Moorgebiete, die in der Hauptsache zwischenmoorigen Charakter tragen. Nach dem See zu gehen sie in fast baumlose mit Sphagnum bewachsene Hächen über, die zuletzt in die Verlandungszone auslaufen. Nach VV zu wird das Zwischenmoorgebiet fast überall von Erlenbrüchen abgelöst, auf die an 2 Stellen eine Art natürlicher Parklandschaft folgt: Wiesenflächen mit ein- gesprengten Gehöhgruppen (4). Diese Gehölze werden zusammengesetzt von Frangula alnus, Sorbus aucuparia, Viburnum opulus, Corylus avcliana, Beiula alba, Salix-Arten, Populus tremula, Juniperus communis und Pinus silvestris. Am Rande und auf den Wiesenflächen wachsen folgende Arten : Lythrum salicaria, Epilobium angustifolium, Ulmaria pentepetala, Sanguisorba officinalis, Lathyrus pratensis, Lysimachia vulgaris, Galeopsis tetrahit, eine Euphrasia-Art, Knautia arvensis, Succisa pratensis, Solidago virga aurea. Die Brüche {5) zeigen teilweise den Charakter echter Erlenbrüche (A. glutinosa). Dann herrschen auf dim mit moderndem Laub bedecken Boden Pilze und Moose vor. Teilweise sind Übergänge zu der Paiklandschaft vorhanden. Hier wachsen einige Pflanzen des feuchten Kiefernwaldes: Pirola-Arten, Scutellaria, Trientalis, Majanthemum. Von baum- artigen Gewächsen treten an solchen Stellen Frangula alnus, Beiula alba und niedrige Pinus silvestris auf. Charakteristisch sind 2 Umbelliferen, Ton denen die eine als Laserpitium prutenicum v. glabrum bestimmt wurde. In den zwischenmoorigen Gebieten (6) erreicht die höchste Ausbildung die auch sonst allgemein verbreitete Calluna vul- garis ; ferner besonders Ledum palustre und Vaccinium uligi- nosum. Sonst wachsen hier noch Riedgräser, Moose (Sphagnum) und einige Cladoniaceen. Vereinzelt sieht man in kräftigen Exemplaren Drosera rotundifolia. Der Baumbestand wird von Betula alba, B. pubescens, Juniperus communis und Pinus silvrstris gebildet. Auf einer mit niederen Salix Arten und Birken bewachsenen Lichtung war der Boden weithin mit Marchantiaceen bedeckt. Es bleibt noch das sich östlich nach dem Tosmar zu an- schließende Gebiet (7). Baumwuchs fehlt hier gänzlich. Es dominieren Sphagnum-Arten. Als Charakterpflanzen sind Rubus chamaemorus, Vaccinium oxycoccus und Andromeda polifolia zu nennen. Weniger häufig fand ich Myrica gale. Zu erwähnen ist noch, daß namentlich auf trockenerem Boden Betteroa incana außerordentlich verbreitet ist. Noch Mitte November standen bei kaltem, regnerischen Wetter viele Exemplare in Blüte. (G^) W. Schwartz. Botanisches vom östlichen Kriegsschauplatz. In Nr. 24 des vorigen Jahrgangs wurde hier von auffallenden Pnanerogamen auf den Knegssthauplätzen in hrankrtich, Galizien und Wol- hynien berichtet. Es dürlte die Leser interessieren, zur Er- gänzung etwas über die Pflanzenwelt an einem nordrussischen Frontabschnitt zu hören. Es handelt sich um die Gegend südwestlich von dem viel- genannten Baranowitschi, ein teils flaches, teils hügeliges Ge- lände mit überwiegend sandigrm, trockenem Boden. Ausge- dehnte Kiefernwaldungen verleihen der Landschaft ein an Ostdeutschland erinnerndes Gepräge. Sie weisen gute alte Bestände auf, die der Heeresverwauung in mehrfacher Hinsicht sehrzu siaitcn kommen, sind wenig durchforstet, vielfach urwald- artig, in der Nähe der Schara und ihrer Nebenflüsse sumpfig. Fast überall finden sich zwischen den Kiefern Birken und Fichten in giöücrcr Zahl, außerdem vereinzelt Aspen (Populus tremula) eingesprengt. Die Fichten kommen nur stellenweise gut lort; nicht selten sind zaptrntragende Stämme erst 2 — 3 m hoch, was auf ein äußerst träges Wachstum schließen läßt. Als Unterholz sieht man viel stiauchförmigen Wacholder. Die Bodenflora besteht zur Hauptsache aus Heidekraut, Preifiel- und Blaubeeren, Moosen und Gräsern. Dazu gesellen sich aber in wechselnder Menge eiue ganze Reihe von Büten- pflanzen, deren lebhalte Farben Abwechselung in das eintönige Bild bringen. Der erste Frühlingsbote ist die Kuhschelle (PulsatiUa patens); ihre blauvioletten Blütenglocken werden schon sichtbar, bevor der Schnee ganz geschmolzen ist. Dann erscheinen Lungenkraut, Veilchen, Rosetten des Fingerkrauts (Poicntilla colliua), Polster von Antennaria dioica und andere, aus der heimischen Flora bekannte Frühlingspflanzen. Später sind besonders blutroter Storchschnabel (Geranium sangui- neum), Lupincnklee (Trifolium lupinaster), Wachtelweizen (Melampyrum praiense), Weidenröschen, Braunelle (Brunella grandifloia) häufig. An lichteren Stellen fallen Arnika, Berg- klee (Trilolium montanum), Sandnelke (Dianthus arenarius), Sandtragant (Astragalus arenarius), Graslilie (Anthericum ramosum), im Spätsommer Eberwurz (Carlina vulgaris), Schwalbenwurz (Vincetoxicum) und Eergsilge (Peucedanum oreoselinum) auf. Einen üppigeren Pflanzenwuchs zeigen schattige Stellen, an denen gleichzeitig der Boden bindiger und feuchter ist. Siebenstern, Schattenblümchen und der farbenprächtige Hain- wachtelweizen (Melampyrum nemorosum) bilden dort im Früh- sommer dichte Blumeuieppiche. Die Gattung Lathyrus ist mit 3 Arten (L. Silvester, montanus, niger), Pirola n,it 4 Alten (P. umbellata, secunda, rotundifolia, chlorantha) vertreten und aus der Familie der Orchideen kommen Gymnadenia canopea, Platanihera bifolia, Goodyera repens und Epipactis rubiginosa vor. Stellenweise bildet Lycopodium annotinum ausgedehnte Polster. Die Fichten sind hier kralliger entwickelt und oft vom Fichtenspaigel (Monotropa) begleitet. Die von Waase (S. 33Ö v. J.) hervorgehobene Lebens- zähigkeit angekohlter Birken konnte ich bei einer älteren, aus Kielern und Birken gemischten Schonung beobachten, die im Mai von einem starken Brande heimgesucht worden war: Die Buken waren Anfang Juni wieder vollständig grün, während die Kiefern nur verirocknete braune Nadeln tiugen. Dieses unterschiedliche Verhallen mag seinen Grund wohl darin haben, daß Holz und Rinde der Kiefer ihres hohen Harz- gehaltes wegen vom Feuer mehr mitgenommen werden als die saftreichen Stämme der Birken. Einen besonderen, durch die Bodenfeuchtigkeit bedingten Charakter gewinnt der Wald in der Nähe der Schara und ihrer Nebenflüsse. Unter die Kiefern und Fichten mischen sich Eichen, Ebereschen, Haselsträucher, Faulbaum (Frangula alnus), Spindelbaum (Evimymus verrucosa), besonders aber Erlen. Das Unterholz ist dicht, der Boden mit vermodernden Resten vom Sturme gebrochener Bäume, mit wirrem Wurzel- geflecht und moosüberwBchscnen Steinen bedeckt. Stellen- weise (so bei Gatj an der Lahoswa) enifaliet sich hier eine aus Ledum, Andromeda, Vaccinium uliginosum und Eriophorum bestehende Sumpfflora zu großer Üppigkeit. Im Schutze und am Rande der Gebüsche erscheinen im Frühjahr Anemone, Leberblümchen, Sauerklee, Chrytoplenium alternifolium, Gold- i6o Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. U nessel (Laraium Galeobdolon), Stellaria nemorum iu grofier Menge, wäbrend Gundermann, Seidelbast (Daphne mezereum), Springkraut [Impatiens noluangere), hinbeere ^^■arls quadrifolia), Engelwurz (Archangelica olricinalisj und Brustwurz (Angelica silvcstris) seltener sind. In einem Erlenbruche bei Tartak fielen mir Scblangen- wurz (Calla palustris) und Fieberklee (Menyanthes) durch reichliches Voi kommen auf. Über die mehr oder minder sumpfigen Wiesenstreifen, die sich zwischen Wald und EluB einschieben, breitet sico zu allen Jahreszeiten ein reicher Blütenfior. Zum gröBlen Teil sind es allgemein verbreiteie und bekannte Arien, wie Hahnen- tuB, Wiesenknoterich, Kuckuckslichlnelke , Glockenblume, Klappertopt usw. Hervorgehoben sei das Vorkommen von Kohlüisiel (Cirsium oleraceumj, vierkantigem Weidenröschen (Epilobium adnatum), borstiger Glockenblume (Campanula cervicaria), fleischfarbiger Ürchis (Urchis incarnata), Gänse- distel (aonchus paluster) und Holunderbaldrian (Valeriana sambucuolia). Der kriechende Günsel (Ajuga reptans) wird hier 40 cm hoch und trägt ebenso olt roie wie blaue Blüten. Die kleine Braunelle, die übrigens auch an trockeneren Orten wächst, blüht nicht seilen weiU. Unmittelbar am Ufer tritt besonders Eupatorium canna- binum massenhaft auf, daneben Zweizahn (Bidens tripaititusj Sumpfziest (Stachys palustris), Wolfstrapp ^Lycopus europacus), Spierstaude (Ulmaria filipenaula), Wasserschierling u. a. Der Wasserspiegel der ziemlich schnell strömenden Lahoswa ist hier und da dicht mit Blüten von Rauunculus fluitans besäet; an runigeren Stellen finden sich Kanunculus aqualilis und Froschlotfcl. Bei Slonim, wo sich die Schara in ein System von Teichen und Sümpfen auflöst, beleben weiße und gelbe Wasserrosen, Schwertlilie, Wasserliesch (Buiomus umbellalus), Schwarzwurz (Symphylum olficinalej mit rötlichen und weiBen Blüten und Engelwurz (Archangelica) das im übrigen von Schilf und Binsen beherrschte Landschatisbild. Mit den Kiefernwäldern wechseln ausgedehnte Heiden, auf denen merkwürdigerweise der Ginster vollständig fehlt, und Sandflächen mit dürftiger Vegetation. Zuzeiten sind aller- dings auch diese mit zahlreichen Blumen bedeckt. Im Erüh- jahr erscheinen sie von weitem wie mit Schnee bedeckt von den Bluten der Sandkresse (AraDis arenosa). Dazwischen finden sich Sandveilchen (Viola arenaria), Aciterstiefmütterchen, Fingerkraut (Potentiila collina, später argentea) und Katzen- pfötchen (Aniennaria dioica). Wenn Arabis abgeblüht hat, bedecken sich die Felder mit den zierlichen gelben Blüten- koptchen des kleinen Habichtskrautes (Hieracium pilosella), wozu sich Gipskraut (^Gypsophila fastigiala), Lupinenklce, Tragant (Astragalus danicus, später arcnariusj, Heidegünsel (Ajuga genevensis), Leimkraut (Silene nulans und vulgaris! u. a. gesellen. Im Hochsommer schränken Trockenheit und Wärme den Fflanzenwuchs erheblich ein, doch ermöglicht die ergiebige Taubildung immer noch einer Anzahl von Arten ein zersireutes Vorkommen. Es seien nur Johanniskraut, Strohblume (Heli- chrysum arenarium), Berufskraut (Erigeron acer; , Leinkraut (Linaria vulgaris), Sonnenröschen, Stein- und Pechnelke, Wund- und Hornklee und Königskerze genannt. Wenn die Zeit der Heideblüte vorüber ist, nimmt auch hier die Vegetationsperiode ihr Ende. Eiuzelne Nachzügler, besonders von llelichrysum, erscheinen noch im Oktober. Den spärlichsten Pflanzenwuchs weisen Dünen bei Kolbo- witschi an der Schara auf. Außer vereinzelten Grasbüscheln (die Art war wegen vorgerückter Jahreszeit nicht mehr zu be- stimmen) sind dort nur Wacholdergesträuch und verkrüppelte Kiefern zu sehen. Nur kleine Teile des Landes sind, der dünngesäcten Be. völkerung entsprechend, in Kultur genommen. Die Äcker liegen meistens brach, seitdem die bäuerlichen Besitzer vor den deutschen Truppen die Flucht ergriffen haben. So konnte sich hier allerlei, genugsam bekanntes „Unkraut" breil machen. Bemerkenswert ist die Häufigkeit von Galeopsis ladanum. Auf Schutthaufen bei dem jetzt verlassenen Dort Gaij fand ich u. a. Bilsenkraut, schwarzen Nachtschatten und Seifenkraut i^Saponaria olficinalis) und zwischen den Mauerresten der seinerzeit zu- sammengeschossenen Neustadt von Slonim Hundszunge (Cyno- glüssum), Herzgespann (Lconurus cardiaca) , Zackenschote (^Bunias orientahsj, Malve (M. neglecta und silvestris), Stein- klee u. a. (o.C; Dr. F. Esmarch. Zu dem letzten Absatz des Artikels „Fronttiere und Etappen- tiere" in Nr. 50 der Naiurw. Wochenschr. möchte ich mir lolgende Mitteilung erlauben: Seit dem Sommer vorigen Jahres werden von der Heeres- leitung auch tür Pierde Gasmasken geliefert. Daß solche bis- her nicht verausgabt worden sind, liegt nicht, wie Verfasser annimmt, daran, daß die Wirkung des Gases auf Pferde eine geringere ist als die aal Menschen, sondern ist lediglich darauf zurucKzufuhren, daß sich der Herstellung einer für Pferde wirklich brauchbaren Gasmaske erhebliche technische Schwierig- keiten entgegenstellten. Auch sind unsere Truppenpferde durchaus nicht so selten der Einwirkung von Kamplgasen aus- gesetzt, z. B. beim Vorbringen von Munition, bei Beschießungen rückwärtiger Orlschalten, Protienlagcr durch Gasgranaten. Um Verlusten unseres sciion durch Seuchen ständig bedrohten, wertvollen Plerdeniater als durch dieses Kampfmittel entgegen- treten zu köunen, werden seit Beginn 1917 ständig Veiennär- olfiziere zu Kursen an die Heercsgasscbule kommandiert, in denen die pathologische Anatomie und die Therapie der Gas- vergiltungen bei Pierden den Gegenstand einer eingehenden Belehrung bildet. Kelches Material über das Verhalten von Pferden bei Gasangriffen, sowie über die Wirkung des Gases, bietet die ,,Zeitschrm lür Veierinärkunde." ( U.C. ) Meyer. Zum Artikel über die Empfindlichkeit der Tiere gegen Kampfgase kann ich folgendes mitteilen. In einem Unterstand aus beton, der aber nicht bewohnt wurde, hatte sich ein Schwalbenpaar eingenistet und, obwohl häufig mit Gas ge- schossen wurde, Junge ausgebrütet. Die Pflanzen in der Umgebung waren abgestorben, die Schwalben blieben ruhig in dem Unterstände. Da dieser tiefer als der Graben war und einen sehr großen Eingang hatte, mußte Gas auch in ihm hineingedrungen sein. Heine. Literatur. Wagner, M., Biologische Untersuchungen an der Kar- toffelpfl.»iize. Ausgabe A lür allere Volksschüler; Ausgabe B für Schüler höherer Lehranstalten. Leipzig. Th. G. Fischer u. Co. — 20 bzw. 80 Pf. Ludowici, A., Spiel und Widerspiel. Ein W^erkzeug zum Ausgleich der Widersprüche. 2. verb. Aufl. vom Buche „Das geueiische Prinzip". Mit 2 farbigen Tafeln. München '17. F. B.uckniann A.-G. — 6 M. Kühn, Prof. Dr. G., Anleitung zu tierphysiologischen Grundversuchen. Mit 74 Textabbildungen. Leipzig '17. Quelle u. Meyer. 3,80 M. Inhalt: E. P. Häußler, Über den Begriff der Keinheit bei Enzymen, ihre Benennung und die Wege, ihre chemische Struktur zu ermitteln. S. 145. Kabes, Zoologisches aus der Jagdliieraiur. S. 150. W. R. Eckard t. Wie ist die Lösung des Klimaproblems der permokarboi.en Eiszeit möglich? S. 153. — Emzeibericbte: Hugo Schulz, Einfluß alkoholischer Getränke auf die keaktionszeit. S. 154. J. K ol 1 m an n , Die Ungarn. S. 155. W. P e t r a s c h e k , Über „die Grundlagen der Montanindustrie im Königreich Polen" S 156. — Anregungen und Antworten: Astrologie im 20. Jahrhundert. S. 158. Zur Flora von Kurland. (I Abb.) S. 1 5S. Botanisches vom östlichen Kriegsschauplatz. S. I59. Fronitiere und Eiappcntiere. S. 160. Empfindlichkeit der Tiere gegen Kampfgase. S. 160. — Literatur: Liste. S. 160. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Mi ehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G, Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H,, Naumburg a. d, S, Naturwissenschaftliche Wochenschrift. Sonntag, den 24. März igi8. Nummer lä. Zur Phylogenie des Blattgrünfarbstoflfes. [Nachdruck verboten.) Von Dr. HugC Im Jahrg. 1913, S. 343 der Naturw. Wochenschr. habe ich einen Aufsatz „Zur Phylogenie der At- mung" veröffentlicht. Die dort niedergelegten Betrachtungen hatte ich als Einleitung zu einem Vortrag in cierGesellschaftNaturforschender Freunde verwendet, der unter dem Titel „Beziehungen der Fortpflanzung zum Stoffwechsel im Pflanzenreich" die Förderung der Blühwiligkeit durch gesteigerte Kohlenstoff-Ernährung zum Hauptgegenstand hatte (vgl. Sitzungsber. d. Ges. N. Fr. 191 2, S. 517). Nach dem Vortrag trat unser f Potonie an mich heran mit dem Antrag, ihm für „seine" Wochenschrift jene Gedanken etwas ausführlicher niederzuschreiben; so entstand jener Aufsatz, dessen Grundgedanken ich in Kürze hier wiederholen muß: Wir kennen drei Gruppen von Bakterien, deren Atmung nach folgenden Gleichungen verläuft: NHg + 30 = HNO2 + H,0 .... HNOa + O = HNOs' H2S-|-0 = S-|-H20... S + 03 + H.20 = H2S04 Ha + O = H2O. Gemeinsam ist diesen Nitro-, Schwefel- und Wasser- stoffbaklerien, daß sie keinen Kohlenstoff, sondern andere Stoffe veratmen, und daß bei allen drei Vorgängen eine Verbrennung von Wasserstoff statt- findet. Den Übergang zu den Kohlenstoffatmern (alle übrigen Pflanzen, sämtliche Tiere) bilden die Methan- und die Kohlenoxydbakterien : CH, + 2 Oj = CO2 + 2 H^O. CO -f O = CO2. Alle diese Organismen sind auf niedersten Ent- wicklungsstufen, eben als „Spahpilze" stehen ge- blieben, zu höheren Graden haben es nur die Kohlenstoffatmer gebracht. Warum, ist schwierig zu sagen, wir müssen uns mit der F"eststellung der Tatsache begnügen. Die Kohlenstoffatmung, die nach der F~ormel: C«Hi2 Og + 6 0„ = 6 CO., + 6 H^O verläuft, unterscheidet sich nun in einem wesent- lichen Punkte von den anderen : Ammoniak, Schwefelwasserstoff, freier Wasserstoff und Methan kommen in weiter Verbreitung in der freien Natur vor, als Abfallstoffe bakterieller Zersetzung. Das zur Atmung verwendete Kohlenhydrat jedoch ist ein Aufbauprodukt, das irgendwie gewonnen sein will. Die Tiere, alle Pilze einschl. der Bakterien und die chlorophyllfreien höheren Pflanzen nehmen es von außen auf, nur in der grünen Pflanze wird Kohlenhydrat erzeugt, entsprechend der Formel: 6 COj + 6 HaO = CeHj^Oe + 6 Og, welche die genaue Umkehrung der vorigen ist Dieser „Assimilationsvorgang" ist bekanntlich ge- bunden I. an ein lebendes^) Substrat, 2. an den Besitz des Blattgrünfarbstoffes, 3. an die Mitwirkung des Lichtes, 4. an das Vorhandensein eines ge- wissen (nicht allzu hohen) Kohlensäuregehaltes der umgebenden Luft, 5. an eine mittlere Temperatur. Er ist ein energieverbrauchender, „endothermischer" Vorgang, im Gegensatz zu der „exothermischen", Energie liefernden Atmung, die ja in keinem Falle etwas anderes ist als Energiequelle. Weil dem so ist, weil Atmung und Assimilation entgegengesetzte Vorgänge sind, deren einer den anderen aufhebt, ist es ausgeschlossen, daß sie in einem und dem- selben Organismus (eben der grünen Pflanze) ver- einigt sein könnten, ohne daß Energie von außen zugeführt wird, wie es eben in der Natur durch das Sonnenlicht ge- schieht. Bei den ersterwähnten drei Bakterien- gruppen ist das anders : auch sie zerlegen Kohlen- säure und bauen Kohlenhydrate auf, aber ihre Energiequelle ist dabei nicht das Licht, sondern ihre besondere Atmung, die eben keine Kohlen- stoffatmung ist. Wie wir von diesen Nicht- Kohlenstoffatmern in den Methan- und Kohlenoxydbakterien einen Über- gang sehen zu der gewaltigen Mehrheit der Kohlen- stoffatmer, so stehen auch die höheren, Blattgrün führenden Pflanzen nicht vereinsamt und weit ab- getrennt, sondern durch Übergänge angeschlossen da: über die Purpurbakterien und die den Spalt- pilzen nahe verwandten Spaltalgen, Blaualgen oder Cyanophyceen. Mit diesem Befund steht es in Widerspruch, wenn von Gegnern der „Urzeugung" behauptet wird, es müsse, wenn man eine solche gelten lassen wolle, der gesamte verwickelte Chlorophyll- apparat als mit einem Male gegeben betrachtet werden, weil die ganze lebende Natur notwendig auf den Wechsel von Assimilation und Atmung angewiesen, und eine allmähliche Entwicklung der Chlorophylltätigkeit undenkbar sei. Die oben be- tonten Tatsachen lehren, daß eine solche Behaup- tung unwissenschaftlich ist. Aber freilich, nicht jedem kommt es in erster Linie darauf an, wissen- schaftlich sein zu wollen; bescheidene Leute be- gnügen sich mit dem Schein. Wir werden also nicht fehlgehen mit der Vor- stellung, daß das Chlorophyll und seine Funktion als etwas Entwickeltes, phylogenetisch Erworbenes anzusprechen sei. Was dieselbe für die Forschung ') Auf die sehr interessante künstliche Nachahmung aus unbelebter Materie gehe ich hier nicht ein, weil sie hier nicht zum Gegenstand gehört. l62 ' Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. 12 besonders interessant macht, ist der Umstand, daß hier ein komplizierter Farbstoff von höchst merk- würdigen Eigenschaften tätig mitwirkt. Auf diese, durch die neueren Arbeiten namentlich von VVill- stätter und seinen Schülern z. T. aufgeklärten Eigenschaften will ich hier nicht näher eingehen; auch der Umstand, daß es eigentlich vier Farb- stoffe, zwei blaugrüne und zwei gelbe sind, welche das „Blattgrün" zusammensetzen, ist für das, wo- rauf ich hinaus will, nicht von Belang. Vielmehr genügt hier der Hinweis, daß diesem Farbstoff, der hier als einheitlich gesetzt sein möge, eine Aufgabe besonderer Art bei der Assimiiations- tätigkeit der grünen Pflanzenteile zukommt. Sehr bezeichnend für diese Aufgabe ist es nun, daß hier nicht die üblichen „chemischen", d. h. die blauen, violetten und ultravioletten Strahlen des Sonnenlichtes zur Ausnützung gelangen, son- dern daß die roten bis gelben, dann wieder die blauen, weniger die violetten, zur chemischen Arbeitsleistung herangezogen werden, während die grünen und die am wenigsten brechbaren der roten Strahlen selbst durch dicke Schichten des Farbstoffes nicht verschluckt werden. Nun ist es ja gewiß richtig, daß die Bezeich- nung „chemische Strahlen" im obigen Sinne nicht völlig zu Recht besteht; sie stammt aus jener Zeit, wo man von solchen chemischen Wirkungen kaum mehr als die Zersetzung der HalogenSilber- salze kannte; jetzt wissen wir, es gibt in allen Teilen des Spektrums Strahlen, welche diese oder jene chemische Wirkung auslösen. Andererseits ist doch eine solche Wirkung vorwiegend den kurzwelligen Strahlen eigen, und wir haben bei der Assimilationsarbeit der grünen Pflanze doch mit der unumstößlichen Tatsache zu rechnen, daß nicht einfach die assimilierenden Zeilen die strah- lende Energie auffangen, sondern daß die chemische Wirkung dadurch zustande kommt, daß in den Zellen jenes Farbstoffgemisch vorhanden ist, das, wie die Tcleologie sagen würde, „eigens zu diesem Zweck erzeugt wird". Wir haben hier einen leid- lich guten Vergleich in der photographischen Technik: die alte Chlor- oder Bromsilberplatte wurde fast nur von Blau oder Violett beeinflußt, Grün, Gelb, Rot wirkten wie Schwarz. Durch Bei- gabe von „Sensibilatoren", bestimmter Farbstoffe, wie Eosin u. a., wurde erreicht, daß die Empfind- lichkeit derselben Silbersalze mehr in die Mitte des Spektrums gerückt wurde. Ohne Zweifel muß also der Chlorophyllfarb- stoff eine sehr wichtige biologische Bedeutung haben. Auf die eine Seite dieser Beziehungen hat seinerzeit Stahl in seinem schönen Buch „Zur Biologie des Chlorophylls, Laub- farbe und Himmelslicht" (Jena, G. Fischer, 1909) hingewiesen, als Vorlauter erschien die Studie „Laubfarbe und Himmelslicht" in Jahrg. 1906 der Naturw. Wochenschr., S. 289 ff. Seine Ausführungen, soweit sie das allgemeine Assimilationsproblem angehen, gipfelten etwa in folgenden Gedanken : Die grüne Pflanzenzelle ver- schluckt nicht gleichmäßig alle Strahlen des Sonnenlichtes, in welchem Falle sie grau bis schwarz erscheinen müßte, sondern sie trifft eine Auswahl, indem sie die dunkelroten und die gelben bis grünen hindurchläßt, die roten, rotgelben, blauen und violetten absorbiert. Dadurch wird vor allem eine zu starke Erwärmung vermieden, die bei ungeschwächter Sonnenstrahlung eintreten müßte, denn die dunkelroten und auch noch die gelben bis grünen Strahlen sind von stark wär- mender Wirkung (warum nun aber doch die roten bis rotgelben Strahlen aufgehallen werden, erklart Stahl nur teilweise). Die grüne Zelle absorbiert nun aber die beiden Strahlengatiungen, die ihr in der Natur am günstigsten zur Veitugung stehen; das sind in dem durch unsere Atmosphäre ge- gangenen direkten Sonnenlicht die roten und rot- gelben, in dem von der Atmosphäre wiederge- spiegelien Himmelslicht die blauen und violetten Strahlen. Grünes Licht steht also den Blättern in geringerem Grade zur Verfügung, auf dieses wird Verzicht geleistet. Und die dunklen Wärme- strahlen bis ins Rot hinein würden bei hohem Sonnenstand zu starke Erhitzung bedingen, bei tiefem Stand sind sie von dem weiten Weg durch die Lultschichten zu staik abgeschwächt, um viel nützen zu können. — Soweit Stahl. Ich meine aber, wir können in der Deutung der Tatsachen, ohne uns von diesen ungebühilich weit zu entfernen, noch einen guten Schritt weiter gehen. Wir können fragen: wie kommt es, daß die stärkste, ausgiebigste Tätig- keit des Chlorophyllapparates gerade an die weniger brechbaren Strahlen des Rot und Rotgelb ge- bunden ist, seitens derer die Gefahr zu starker Erwärmung doch ohne Zweifel bestehen bleibt? — und daß sie an diese Strahlengattungen ge- knüpft wird durch einen „eigens zu diesem Zwecke erzeugten" Farbstoflr Ich glaube, daß die oben zum Vergleich heran- gezogene „larbenempfindliche" Platte uns auf den Weg der richtigen Deutung hinweist. Mit den Platten der alten Art konnte und kann man nur bei hohem Sonnenstand Aufnahmen, namentlich Momentaufnahmen machen, weil auf sie nur die kurzwelligen Strahlen einwirken, welche bei nie- drigem Sonnenstand in hohem Maße abgeschwächt zur Erde gelangen. Die farbeiiempfindhche, durch bestimmte Farbstoffe sensibilierte Platte erweitert diese Möglichkeit bedeutend, weil sie eben auch die weniger brechbare Hälfte des Spektrums aus- zunützen gestattet. So verhält es sich auch in der grünen Zelle. Sie besitzt, wie lange bekannt, zwei Absorp- tions- und Assimilations Maxima, eines in der rechten, eines in der linken Hälfte des Spektrums, das letztere aber ist das größerei Bestünde nur eine Assimilation in Blau und Violett, so wäre die grüne Pflanze (ganz wie der Photograph vor Er- findung der farbenempfindlichen Platt ej bei niederem Sonnenstand, bei welchem vorwiegend die roten bis gelben Strahlen noch die Erdoberfläche er- N. F. XVII. Nr. 12 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. «63 reichen, zur Untätigkeit verurteilt. Durch das Maximum im Rot und Rotgelb gewinnt sie aber an hellen Sommertagen, aut der Höhe der Vege- tation, zwei bis drei Stunden des Morgens und ebensoviel des Abends. Denken wir uns also zwei Pflanzenarten, oder etwa Rassen derselben Art, in Wettbewerb miteinander, die eine nur im Blau und Violett, die andere auch noch im Rot und Roigelb lebhaft assimilierend, so leuchtet ohne weiteres ein, daß die letztere ganz bedeutend im Vorteil sein muß, weil sie die besserernährte ist. Die Stunden des Sonnenscheins nach Möglich- keit (ür ihre Ernährung mit Kohlenstoff auszu- nutzen, muß aber für die Pflanze darum von be- sonderer Wichtigkeit sein, weil sie gerade im hellsten Sonnenschein nur einen geringen Bruchteil der strahlenden Energie auszuwerten imstande ist. Das liegt in erster Linie daran, daß der zweite Faktor des Assimilationsvorganges, die atmosphä- rische Kohlensäure, stets nur im Minimum vor- handen ist: etwa '/^ Liter in einem Kubikmeter Luft ! Die Pflanze kann nachweislich, wenn auch die übrigen Bedingungen günstig sind, vielmal höhere Konzentrationen von Kohlensäure mit Nutzen für ihre Entwicklung verarbeiten (was viele Jahre lang unter Berufung auf die un- richtige Arbeit von Brown und Escombe in Proceed. Roy. Soc. 70, 1902, S. 397 bestritten worden ist); solche stehen aber nur selten, z. ß. über einem von dichtem Pflanzenwuchs über- schatteten, humusreichen Boden, den assimilieren- den Zellen zur Verfügung. Angesichts der in der freien Luft stets nur geringen Kohlensäuremenge ist eine Verlängerung der Assimilationsdauer sicherlich der Pflanze von großem Nutzen. Es kommt aber noch eins dazu: es kann kein Zweifel mehr sein, daß ein Gedanke, den ich zuerst im Jahre 1898 öffentlich ausgesprochen, seine Rich- tigkeit hat : daß die Blüten- und Frucht- bildung ganz besonders durch ein Über- wiegen der Kohlenhydrate im Gesamt- stoffwechsel der Pflanze begünstigt, sowohl be- schleunigt als auch vervielfältigt wird. Es wird also eine auch die ersten Morgen- und die letzten Abendstunden ausnützende Pflanze gerade auch in Rücksicht auf ihre Fortpflanzung, aut Erhaltung der Art günstiger gestellt sein, als eine Pflanze, der diese Fähigkeit fehlt. Darum bin ich überzeugt, daß wir berechtigt sind, gerade in dieser Eigenschaft des Biattgrün- farbsioffes, minder brechbare Strahlen der Aus- nützung zuzuführen, eine besonders wichtige, phylo- genetisch und unter Mitwirkung der Auslese er- worbene Eigenschaft der Pflanzenzelle zu erblicken; „unter Mitwirkung der Auslese", nicht „durch die Auslese" — denn die Auslese allein tut's freilich nicht 1 Diese Betrachtungsweise gewinnt noch be- trächtlich an Boden, wenn wir uns eine unbe- strittene Tatsache aus der V^or- und Urgeschichte unserer Pflanzenwelt vor Augen fuhren. Ver- schiedene Umstände beweisen eine Abwanderung der Pflanzenwelt (wie auch der Tierwelt) von den Polen zum Äquator. Schon die einfache Erwägung, daß derjenige Grad von Abkühlung, der das Dasein lebender Wesen erst möglich machte, an den Polen zuerst eingetreten sein muß, weist uns darauf hin. In den Polarländern erhebt sich die Sonne aber niemals sonderlich hoch, und ob das zur Zeit der ersten Lebewesen wesentlich anders war (stärkere Neigung der Erdachse zur Ebene ihrer Bahn ?), mag dahingestellt bleiben. Für unsere phylogenetische Betrachtung brauchen wir aber nur einen Bruchteil derjenigen Zeit, die seit dem Auftreten der ersten Organismen verstrichen sein mag, in welcher Zeit eine wesentliche Ände- rung jener Neigung nicht anzunehmen ist. Die Vorfahren unserer heutigen Pflanzenwelt haben jedenfalls den Polen näher gelebt als heut, und standen ganz besonders unter dem Einfluß jener oben betonten Auslese, welche einer Verlegung des Assimilaiionsmaximums in die linke Hallte des Spektrums günstig war. Wenn wir somit in der Rot- bis Rotgelb- Emphndlichkeit der grünen Pflanzenteile eine An- passungserscheinung zu sehen haben, so ist wohl der Hinweis nicht ohne Interesse, daß wir an uns selbst etwas ganz Ähnliches verwirklicht finden: Auch unser Auge wird nicht am stärksten von den „chemischen" Strahlen betroffen, sondern vom hellen Gelb und Grüngelb. Wir sagen „hell", aus eben dem Grunde — die Pflanze würde Rot und Rotgelb heller finden als Gelb und Grün. Nun besitzt aber auch die Netzhaut unseres Auges einen Farbstoff, der in ganz ähnlichem Sinne wirkt wie das Chlorophyll, das ist der wegen seiner raschen Zersetzlichkeit so schwer zu fassende „Sehpurpur". Wie die Farbe des Chlorophylls kom- plementär ist zu den roten bis rotgelben Strahlen, so die des Sehpurpurs zu den gelben bis gelb- grunen. Auch hier dürfen wir uns die Piage stellen: was bedeutet eine solche Vorrichtung, die Empfindlichkeit des Auges in die weniger brech- bare Spektralhäfte zu verlegen ? Nun, der Mensch, der blau- und violeitempfindliche Augen hätte, für den wäre der Tag am Morgen wie am Abend um etliche Stunden verkürzt, an einem hellen Wintertag unserer Breiten wäre er nahezu zur Blindheit verurteilt. Wir müssen uns aber klar machen, was das für den Naturmenschen, der künstliches Licht noch nicht kannte, bedeutet 1 Die wissenschaftliche Menschenkunde vertritt wohl allgemein den Standpunkt, daß unser aufrechter Gang entstanden ist während des Lebens in der Steppe. Das Wald- und Baumleben hätte dazu nie geführt. Das Bedürfnis, über den hohen Gras- wuchs hinwegzusehen, machte die aufrechte Hal- tung zur Notwendigkeit (man denke an den „Männchen machenden" Hasen); noch heut be- wundern wir an Naturvölkern die ungemeine Schärfe des Sehvermögens, zumal in die Ferne. Der Urmensch war geradezu darauf angewiesen, sein Auge möglichst frühmorgens und möglichst spätabends noch gebrauchen zu können, sei es j64 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. 12 zum i^lrspähen einer Beute, sei es zum Erkennen nahender Gefahr. So können wir uns also einfach und zwanglos die Gelbgrün-Empfindlichkeit unserer Netzhaut auch als etwas aus den Lebensbedingungen heraus Gewordenes vorstellen. Die Prianzenzelle ibt aber unserem Sehorgan in dieser Art des AngepatJiseins noch überlegen, ihr Maximum hegt nocn mehr dem kurzwelligen Ende des Spektrums genähert als das unseres Auges. Auen das ist nicht schwer zu begreiten. Erstens dürtte für die Anpassung des Auges eine weit kürzere Zeit anzusetzen sein als lur die Pflanzenwelt, die schon in sehr primitiven Ver- tretern, - einzelligen Algen, den komplizierten Chlorophyllapparat besitzt und ihn schon sehr frühzeitig besessen haben muü. Zweitens war iür den Urmenschen der Gesichtssinn nur ein Hilfs- mittel neben Gehör und Geruch, die Pflanze ver- fügt (da die Ernährung mit humusartigen oder aus dem Humus stammenden organischen Nährstoffen nur von ganz untergeordneter Bedeutung ist; die Mykorrhiza ist eine recht spät aufgetretene An- passungj nur über diese eine Art der Ernährung mit Kuhlenstoff. Und darum ist es eben tür die Pflanze der unumgängliche Weg zur Erwer- bung dieses ihres wichtigsten Baustoffes, dem- gegenüber das Auge für iVlensch und Tier doch erst im zweiten Grade in Betracht kommt. So ist es wohl zu verstehen, wenn die Anpassung des grünen Blattes an die Naturbedingungen, an die weniger brechbaren Strahlen, einen groläen Schritt weiter gegangen ist als die Anpassung unseres Auges. Die Ablenkung von Lichtstrahlen im Gravitationsfeld. [Nachdruck verboten.) Von Karl Kuhn. Von allen Naturkräften bietet die Schwerkraft der Forschung bisher die größten Schwierigkeiten. Man kann das Gravitationsleid der Erde weder künstlich verstärken noch kann man es zu Ver- suchszwecken abschirmen und schwächen, man kann die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Gravi- tation nicht messen und so kommt es, daß unser Wissen vom Wesen der Schwerkraft ein geringes geblieben ist. In den letzten Jahren aber hat A. Einstein das außerordenthch fruchtbare Prinzip der allgemeinen Relativität aufgestellt und gründete darauf eine geistreiche Theorie der Gra- vitation, die von vielen Physikern 'j als die Lösung des Rätsels der Schwerkralt betrachtet wird. Es handelt sich dabei zunächst um einen rein theo- retischen Angriff auf das Rätsel der Gravitation und eine solche spekulative P'orschungsmethode findet in der Regel nur dann besonderen Anklang, wenn sie zu Folgerungen luhrt, welche experimentell geprült werden können. Dies ist bei E i n s t e i n ' s Gravitationstheorie der Fall, wenn auch die voraus- gesagten Erscheinungen meistens an den Grenzen der heutigen Meßgenauigkeit liegen. Eine Folgerung aus Einstein's Gravitations- theorie ist die Erscheinung, daß Lichtstrahlen in starken Schwerkrafifeldern aus ihrer geradlinigen Bahn abgelenkt werden sollen. Um den Sinn der Ablenkung eines Lichtstrahls durch Gravita- tionsfelder zu erlassen, sei folgendes von Einstein stammendes Beispiel angeführt. Denken wir uns einen Physiker in einen Raum eingeschlossen, welcher keine Fenster hat, durch die der Beobachter hinaussehen kann. Öffnet der Physiker seine Hand, in welche er einen Stein genommen hat, so fällt der Stein mit zunehmender Geschwindigkeit zu Boden. Schleudert er den Stein wagrecht von sich, so fliegt der Stein nicht in wagrecnter Richtung weiter, sondern er nähert sich zugleich dem Boden und fällt nieder. Ein wagrecht ausgespritzter Wasserstrahl erreicht eben- ') Physika!. Zeitschr. XVIII (1917) S. 551. falls den Fußboden. Der Physiker wird daraus den Schluß ziehen, daß auf alle diese Körper die Schwerkraft der Erde oder irgendeines anderen Wellkörpers einwirkt. Wenn der Physiker statt eines Wasserstrahles einen Lichtstrahl wagrecht aussendet, so ist nach den bisherigen Anschauungen eine Ablenkung im Gravitationsfeld nicnt zu er- warten. Denken wir uns jetzt den Physiker soweit in den Weltraum hinausversetzt, daß die Anziehungs- kraft aller schweren Massen gleich Null geworden ist, so wird ein losgelassener Stein Irei im Raum schweben bleiben, ein wagrecht geworfener Stein, ein wagrechter Wasserstrahl oder ein Lichtstrahl werden ihre geradlinige Bahn unbeeinflußt bis zur Wand des Beobachtungsraumes iortsetzen, ohne eine Neigung zu zeigen sich dem Boden zu nähern. Wird der Beobachtungsraum durch irgend- welche äußere Vorrichtungen, ähnlich wie ein Auf- zug, in beschleunigte Bewegung nach oben ver- setzt, so wird ein aus der Hand losgelassener Stein die Bewegung beibehalten, welche er im Augen- blick des Loslasscns hatte, zugleich nähert sich ihm aber der Fußboden des Beobachtungsraumes mit zunehmender Geschwindigkeit und schließlich schlägt der Stein auf den Boden auf. Dem wag- recht geworfenen Stein oder einem wagrecht aus- gesandten Wasserstrahl nähert sich der P"ußboden ebenfalls und da der Physiker in dem abgeschlossenen Raum dessen beschleunigte Bewegung nach oben nicht beobachten kann, so lallt Iür ihn der Stein oder der Wasserstrahl genau so zu Boden wie vorher im Schwerkrattfeld. Auch ein Pendel würde in dem von Gravitationskrälten Ireien, nach oben beschleunigten Beobachtungsraum seine regel- mäßigen Schwingungen ausluhren, kurz es lassen sich dem Physiker alle Erscheinungen der Schwer- kraft durch die ihm verborgene Bewegung des Beobachtungsraumes vortäuschen. Aber ein Versuch kann Aufschluß geben, ob ein Gravitationsfeld wirklich vorhanden oder nur vorgetäuscht ist, nämlich das Experiment mit dem N. F. XVn. Nr. 12 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 165 wagrechten Lichtstrahl. In einem Gravitationsfeld ist eine Ablenknng desselben wie bei einem Wasserstrahl nicht zu erwarten ; in dem nach oben beschleunigten Beobachtungsraum ist jedoch zu gewärtigen, daß der Lichtstrahl scheinbar in einer sehr schwach gekrümmten Linie sich dem Fuß- ■ boden etwas nähert. Denn während der sehr kurzen Zeit, welche der wagrecht ausgesandte Lichtstrahl zum Durcheilen des Beobachtungsraumes braucht, nähert sich ihm der bewegte Fußboden etwas und der Punkt, wo der Lichtstrahl die Wand trifft, muß also etwas näher dem Boden liegen wie der Ausgangspunkt des Lichtes, d. h. der Lichtstrahl wird sich wie ein Wasserstrahl von gleicher riesiger Geschwindigkeit etwas dem Boden nähern. Nach Einst ein 's Gravitationstheorie muß auch in einem wirklichen Gravitationsfeld ein Lichtstrahl eine Krümmung erleiden und bei totalen Sonnenfinsternissen muß sich diese wichtige Folge- rung durch astronomische Messungen prüfen lassen. Es müssen nämlich die Lichtstrahlen von Fixsternen, welche in der Nähe des Sonnenrandes das starke Schwerkraftfeld der Sonne durchsetzen, eine Krüm- mung erleiden, die im günstigsten Fall Ortsver- änderungen der Sterne von 1,75 Bogensekunden bewirkt. Solche geringe Ortsveränderungen der Sterne infolge Ablenkung der Lichtstrahlen durch die schwere Masse der Sonne sind mit den modernen Hilfsmitteln der Astronomie gerade noch meßbar. Es wurde daher im Jahre IQ14 durch die Astro- nomen E. Freundlich und W. Zurhellen') der Berliner Sternwarte eieens zu diesem Zweck eine Expedition nach Feodosia auf der Krim aus- gerüstet, um dort während der totalen Sonnen- finsternis am 21. August T914 mit 4 speziell ge- bauten photographischen Fernrohren den Sternen- himmeL in der Umgebung der verfinsterten Sonne aufzunCTimen. Der ausbrechende Krieg machte die deutsche Finsternisexpedition unmöglich ; die Astronomen Freundlich und Z u r h e 1 1 e n wur- den erst nach längerer Gefangenschaft von Ruß- land ausgeliefert; Zurh eilen erlitt im Sommer 1916 den Heldentod. Die wissenschaftlichen Aus- rüstungseegenstände der Expedition sind noch jetzt in den Händen der Russen. Freundlich und die Eneländer Dyson undTurner untersuchten nun die photographischen Platten mit den Aufnahmen älterer Sonnenfinster- nisse nach Sternen in der Nähe des Sonnenrandes, welche die von Einstein geforderte Ortsverände- rung durch Krümmung der Lichtstrahlen aufweisen könnten. Leider genügten die untersuchten Platten den hohen Anforderungen an Genauigkeit für den Nachweis des Einst ei neffekts nicht und Dyson macht daher den Vorschlag während der totalen Sonnenfinsternis am 29. Mai 1919 die entscheiden- den Messungen durchzuführen. ') Vgl. dea eingehenden Bericht von Ü. Birck (vom astrophysikalischen Observatorium in Potsdam") über die Ein st ein 'sehe Gravitalion'Jtheorie und die Sonnenfinsternis im Mai 1919 in ,, Die Naturwissenschaften" Bd. V S. 689 — 696. Eine Sonnenfinsternis kommt so zustande, daß der Mond zwischen Erde und Sonne tritt und da- durch das Sonnenlicht von der Erde während seines Vorüberganges vor der Sonne abschirmt. Bei der Finsternis gegen Ende des Mai 1919 berührt der Kernschatten des Mondes die äquatorialen Teile Südamerikas, des Atlantischen Ozeans und Afrikas. Der Atlantische Ozean kommt für Expeditionen, die festen Boden brauchen, nicht in Betracht. Auch Afrika dürfte für die Beobachtungen nicht sehr günstig sein. Die Wahrscheinlichkeit dort auf klaren Tageshimmel rechnen zu können ist nicht sehr groß und günstige Bewölkungsverhältnisse sind eine Vorbedingung für den Erfolg. Dazu kommt, daß die verfinsterte Zone in Afrika nach den Angaben des Londoner internationalen Schlaf- krankheitsbureaus vier größere Seuchenherde durch- setzt, wo die Tsetsefliege Glossina palpalis vor- kommt, durch deren Stich der Erreger der Schlaf- krankheit, das Trypanosoma gambiense, über- tragen wird. Günstiger liegen die Verhältnisse in dem ge- sunden Hr>chland des brasilianischen Küstenstaates Cearä und die englischen Expeditionen haben besonders die Stadt Sobral im Auge, da sie durch die Bahn mit dem Hafen von Camocin verbunden ist. Shackleton stellt Auskünfte über die meteo- rologischen Verhältnisse der brasilianischen Küsten- stadt Fortaleza (Cearä) in Aussicht. Die Dauer der vollständigen Sonnenverfinsterung, während welcher der Fixsternhimmel sichtbar wird, beträgt für die einzelnen Beobachtungsorte 5 — 6 Minuten. In der Nähe der verfinsterten Sonne sind nach Dyson 5 Sterne von der ersten bis siebenten (Tröße vorhanden, welche eine Ei n st ein' sehe Verschiebung von 0,5 — 1,2 Bogensekunden zeigen müßten. Schwächere Sterne wie die der siebenten Größe werden kaum beobachtbar sein. Eine Störungsquelle macht sich vielleicht bei allen tropischen Landstationen sehr unangenehm bemerkbar, nämlich die Luftunruhe. Durch sie kann tagsüber möglicherweise ein so starkes Zittern der Sterne im Fernrohr auftreten, daß auf der photographischen Platte nur verwaschene Bilder entstehen. Erfahrungen aus den Tropen sind darüber kaum vorhanden und für die Expeditionen sind Seestationen auf Inseln jedenfalls Landstationen vorzuziehen. I. Evershed macht auch den Vor- schlag auf einer der Inseln im Golf von Guinea Witterung und Luftunruhe im Mai 1918 zur Vor- bereitung für die Expedition 1919 zu beobachten. Sollte es im Jahre T919 den Astronomen ge- lingen, die Ablenkung der Lichtstrahlen im Schwer- kraftfeld der Sonne zu beobachten, so wäre damit für die scharf-iinnige Gravitationstheorie Einst ein 's ein überzeugender experimenteller Beweis geliefert und deshalb ist zu wünschen, daß an möglichst vielen verschiedenen Plätzen Aufnahmen vorbereitet werden, um durch einen glücklichen Zufall eine gute photographische Aufnahme auf eine Platte zu bekommen, welche uns das Rätsel der Schwer- kraft vielleicht lösen würde. i66 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. 13 Einzelberichte. Geologie. Bei allen vulkanologischen Unter- suchunpfen wird man stets die Zahl, sowie die Art und Bedeutung der Vulkanausbrüche in histo- rischer Zeit zu berücksichticren haben. Ein ge- naues Verzeichnis aller bisher bekannter vulka- nischer Ereignisse, das bei der Unzuverläßlichkeit der Überlieferung und der verschiedenen Aus- deutungsmöglichkeit einzelner Quellen allerdings niemals lückenlos sein kann, gibt K. Sa p per in seinem Ka talog d er geschichtlichen Vulkanaus- brüche (Schriften der Wissenschaftl. Gesellschaft in Straßburg, 1917, 27. Heft). Die genaue Durcharbeitung des Stoffes hat, unter weitgehender Verwendung statistischer Zu- sammenstellungen, eine Anzahl Resultate ergeben, die zum Teil in diesem Werk mitgeteilt sind, namentlich aber in einer anderen, mit reichlichem Kartenmaterial ausgestatteten Abhandlung des- selben Verfassers niedergelegt sind, welche als Beiträge zur Geographie der tätigen Vulkane in der Zeitschrift für Vulkanologie erschienen ist (Jahrg. IQ17, Bd. III). Bei allen diesen zahlenmäßigen Untersuchungen ist eine scharfe Definition der einzelnen Begriffe nötig. Als „Vulkan" ist mit F. v. Wolff eine eine Erdstelle zu verstehen, wo Magma und seine Produkte ausgetreten sind oder noch austreten. Als tätige Vulkane sind diejenigen Feuerberge zu bezeichnen, die „in geschichtlicher Zeit Au>.brüche gehabt haben"; zu den geschichtlichen Ausbrüchen sind auch jene zu rechnen „deren Stattfinden unter den Augen des Menschen durch archäolo- gische oder geologische Funde oder unzweifelhaft mündliche Tradition sichergestellt sind". Unter „Ausbruch" ist jede Betätigung eines Vulkans ver- standen, die magmatische Stoffe (Lava, Locker- massen, Gase) in größerer Menge während eines meist kurzen Zeitraumes an die Erdoberfläche befördert." Als Grundlage für die statistischen Berech- nungen ist die möglichst genaue Zahl der tätigen Vulkane festzustellen. Das ist nicht leicht, zumal über die Äußerungen von submarinen und sub- glazialen Vulkanen verhältnismäßig wenig An- gaben vorliegen. Auf der atlantisch -indischen Erdhälfte beträgt die Zahl der tätigen Vulkane mindestens 94, darunter 33 submarine Ausbruchs- stellen es sind das die Vulkane im Mittelmeer- gebiet, im atlantischen Ozean, auf dem afrikanischen Festland, im indischen Ozean und auf dem asia- tischen Kontinent. Auf die pazifische Erdhälfte, wo die Vulkangebiete hauptsächlich in der Um- randung des pazifischen Ozeans liegen, kommen ^,1,6, einschließlich 47 submariner Ausbruchsorfe. Die überwiegende Mehrzahl der tätigen Vulkane ent- fällt also auf die pazifische Erdhälfte, und zwar auf die pazifische Umrandung (321). Dementsprechend ist auch die Zahl der Menschenverluste infolge vulkanischer Ausbrüche auf der pazifischen Erdhälfte ganz bedeutend höher als die auf der anderen Hälfte. Dabei tritt als ver- stärkendes Moment hinzu, daß die pazifische Um- randung das Gebiet explosiver Ausbrüche ist, während im atlamisch-indischen Gebiet die effusive Tätigkeit (Lavaförderung) überwiegt. Explosive. Ausbrüche erfordern aber schon an und für sich mehr Opfer als die effusiven Aufbrüche. Die Gesamtzahl der Menschenverluste durch Vulkan- ausbrüche seit dem Jahre 1 500 n. Ch. beträgt auf der pazifischen Erdhälfie mindestens 176 000, auf der atlantisch-indischen Erdhälfie hingegen im Minimum nur 13 600 Opfer. Besonderes Interesse beansprucht die Frage der Verbreitung der Vulkane nach Breitenzonen. Hier zeigt das Zahlenmaterial die Richtigkeit der Schneider'schen Behauptung, daß nämlich die Vulkane sich auf die niedrigen Breiten zusammen- drängen; zwischen 20" nördlicher und südlicher Breite kommen allein 202 tätige Vulkane. Immer- hin ist die Abnahme der Vulkanzahl nach den Polen hin keineswegs regelmäßig, es prägt sich vielmehr ein Wechsel vulkanarmer und vulkan- reicher Breitenzonen heraus, nicht nur auf der nördlichen Halbkugel, sondern auch auf der Süd- hemisphäre. Die Asymmetrie zwischen nördlicher und südlicher Halbkugel kommt auch in der un- gleichen Zahl der tätigen Vulkane zum Ausdruck. Die nördliche Halbkugel mit ihrem komplizierten geologischen Bau besitzt zwei Drittel der Gesamt- zahl, die tektonisch viel einfacher gebaute süd- liche Halbkugel nur ein Drittel davon. Die Zahl dertätigen Vulkane ist in den einzelnen Vulkangebieten sehr verschieden; um für zahlen- mäßige Vergleiche brauchbare Werte zu finden, die auch die Unterschiede in der Größe der Vulkangebiete berücksichtieen, wird der Begriff derVulkananordnungs oderReihendichte eingeführt, indem man von der Tatsache ausgeht, daß die Vulkane meist in relativ schmalen Zonen ent- wickelt sind. Die Längsersi reckung des Vulkan- gebietes in Kilometern in Verhältnis gesetzt zu der Zahl der tätigen Vulkane des gleichen Gebietes bezeichnet die Anordnungsdich'e. Die mittlere Annrdnungsdichte sämtlicher Vulkan- gebiete und Zonen beträgt dann 1:135. Vulkan- gebiete mit hoher Anordnungsdichte sind nur wenig vorhanden; es sind namentlich die beiden islän- dischen Zonen (1:25), die Molukkenzone (1:50), Gazellen - Halbinsel (1:25), Mittelamerika (1:50) usw. zu nennen. Viel häufiger sind die Vulkan- gebiete mit mittlererundgeringerAnordnungsdichte. Gehen wir von der Zahl und Anordnung der Vulkane zu ihrer Tätigkeit über, so ist zunächst die Individualität der einzelnen Vulkangebiete hin- sichtlich ihres Tätigkeitsverhaltens zu erwähnen. Diese äußert sich einerseits in dem gleichzeitigen Auftreten mehrerer Ausbrüche innerhalb einer Vulkanzone, wie z. B. im javanischem Gebiet die Ausbrüche vom August 1772 an drei selbständigen Ausbruchsstellen, und im Sangigebiet am 7. Juni N. F. XVn. Nr. 12 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. t67 1892 beim Awoe und Siauw gleichzeitig erfolgten. Andererseits macht sich diese Einheitlichkeit ge- wisser Vulkanzonen durch die abwechselnde Aus- bruchsiätigkeit in den verschiedenen Teilen bemerk- bar, so vor allem bei den Canarischen Inseln zwischen Tenerife und Palma bzw. Lanzarote. Die Häufigkeit der Vulkanausbrüche in den einzelnen Gebieten ist sehr verschieden. Ein jeder Vulkan zeigt intermittierende Tätigkeit; bei manchen dauern die Ruhepausen Jahrhunderte, bei anderen nur Jahrzehnte, oder gar Monate, Stunden und Minuten. Erwacht ein Vulkan nach längerer Ruhepause zu erneuter Tätigkeit, so kann die neue „Tätigkeitsperiode" Wochen oder Monate (Kraka- tao 188^), sogar Jahrhunderte dauern, wie beim Stromboli. Bei länger anhaltender Tätigkeit machen sich Schwankungen in der Stärke bemerk- bar, die jedoch einen Höhepunkt erkennen lassen. Recht gleichmäßig ist die Tätigkeit bei den ständig tätigen Vulkanen, wobei hauptsächlich an die Explosivvulkane zu denken ist, da ständig tätige Lavavulkane sehr selten sind. Wir unterscheiden dabei, je nachdem die Zwischenräume zwischen den einzelnen Explosionen sehr kurz sind oder Stunden und Tage betragen, zwischen kurzrhyth- mischer Tätigkeit, wie beim Izalco, und lang- rhythmischer Tätigkeit. Bei zahlenmäßieen Unter- suchungen und Vergleichen über die Tätigkeits- frequenz der Vulkane in den verschiedenen Ge- bieten erscheint es am zweckmäßigsten als „Einheit jeweils die Kalenderjahre zu nehmen, in denen Tätigkeit festgestellt wurde". Die ständig tätigen Vulkane werden also die höchste Zahl der Tätig- keitseinheiten, nämlich lOO in einem Jahrhundert aufweisen. Recht hoch ist die Zahl bei Vulkanen mit häufigen und langen Tätigkeitsperioden; so sind auf den Vesuv für das ig. Jahrhundert 88 Einheiten anzurechnen. Sie bedingen in erster Linie die Höhe der Frequenz in den einzelnen Vulkangebieten, denn die meisten Vulkane haben in geschichtlicher Zeit nur i oder 2 Ausbrüche zu verzeichnen. Dementsprechend zeigt die Tätig- keitsfrequenz in den einzelnen Gebieten ganz außerordentlich große Unterschiede. Durch hohe Frequenz fällt das mittelmeerische, indonesische und malaisrhe Vulkangebiet auf, geringe Frequenz zeigen die Vulkangebiete des atlantischen Ozeans, des asiatischen Festlands, sowie der östlichen und nordwestlichen Umrandung des Stillen Ozeans. So beträgt die Frequenz der Neuhebriden Zone mit den wenigen tätigen Vulkanen allein 12 ^j^, der Ge=amtfrequenz der Erde. Stellt man die Häufigkeitszahlen für die einzelnen 10 Grad Breiten- gürtel zusammen, so kommt in dieser Statistik die Richtigkeit des Schneid er 'sehen Satzes von der Konzentration des Vulkanismus um den Äquator klar zum Aufdruck. Über die Förderungsleistung der Vulkane hat der Verf. für die letzten Jahrzehnte bereits früher nähere Untersuchungen angestellt, deren Resultate auch in der Naturw. Wochenschr. N. F. Bd. 1 5 S. 7 1 7 referiert sind. Die Ausdehnung des Stoffes auf die gesamten tätigen Vulkane zeigt, keine wesent- lichen Abweichungen der damaligen Ergebnisse, so daß auf dieses Referat verwiesen werden kann. Es mögen nur einige Angaben aligemeineren Inhaltes besonders hervorgehoben sein. Für die ganze Erde wird vom Jahr 15CO n. Chr. an eine Gesamtförderung an Lava von 50 cbkm, an Lockermassen von gegen 300 cbkm berechnet. Für die Höhe der Förderleistung sind in erster Linie die Riesenansbrüche maßgebend, dann erst die Eruptionen der häufig oder ständig tätigen Vulkane. Der Höhepunkt vulkanischer Förderung ist der Lockerausbruch des Tambora im Jahre 18 15, dessen Förderung auf 150 cbkm angegeben wird und demnach die Summe aller übrigen Riesen- ausbrüche noch übertrifft. Untersucht man, wie sirh die geförderten Lavamassen auf die einzelnen 10" Breitenzonen verteilen, so ergibt sich auch hinsichtlich dieses Putiktes für die Lockerförderung eine Abnahme vom Äquator nach den Polen hin. Überhaupt ist es das wichtigste Resultat der referierten Abhandlungen, die Richtigkeit des Schneider' sehen Satzes zahlenmäßig belegt und sichergestellt zu haben. Es ist nun verschiedentlich ein Zusammenhang der Vulkanausbrüche mit den Maxima und Minima der Sonnenfleckenbedeckung angenommen worden. Um diese Frage klarzustellen hat der Verf. eine Ausbruchsfrequenzkurve gezeichnet und diese unter die Sonnenfleckenbedeckungskurve gesetzt. Ihre Betrachtung ergibt, daß ein kausaler Zusammen- hang zwischen beiden nicht festgestellt werden kann. Für die Vulkane lassen sich vom Jahr 1749 bis 1914 siebzehn verschiedene Häufigkeitsperioden von wechselnder i^änge erkennen, denen nur 15 Sonnenfleckenperioden gegenüberstehen von durch- schnittlich II jähriger Dauer. Kurz zu streifen ist schließlich noch die Frage, inwieweit die vulkanische Tätigkeit das Klima beeinflussen kann. Es ist erklärlich, daß durch starke Lockerausbrüche eine mechanische Trübung der Atmosphäre eintritt, die die Sonnenstrahlen- wirkung beeinträchtigen kann. Hierfür können aber nur die großen Lockerausbrüche in Betracht kommen, und auch nur dann, wenn sie leicht schwebende und verfrachtbare Feinstaubmassen fördern. Solche Ausbrüche können gelegentlich leichte Abkühlungen hervorrufen, die sich über einzelne Zonen oder auch die ganze Erde erstrecken. Unsere heutige Kenntnis von den Klimawirkungen der modernen Lockerausbrüche genügt aber noch nicht, um zu entscheiden, ob die starke Vulkan- tätigkeit im Tertiär und Diluvium die Ursache der diluvialen Eiszeit gewesen ist. Leidhold. Die großen Dünengebiete Norddeutschlands behandelt K. Keil hack in einer überaus inter- essanten Abhandlung, welche mit einer Übersichts- karte im Maßstab i : 4000000 in der Zeitschrift der deutschen Geologischen Gesellschaft 69. Band, Monatsber. Nr. 1—4, 191 7 erschienen ist. Aus- schließlich mit den Dünen ,beschäftigen sich in i68 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 12 der Deutschen Literatur 3 Werke (Sokolow (1884), deutsch von Arzruni (1891), Gerhardt-Jensch 1900 und Solger u. a. 1910), deren überwiegender Teil den Küstendünen gewidmet ist, während die kontinen- talen Dünen kürzer besprochen werden. Dies ent- spricht durchaus nicht ihrer jeweiligen Bedeutung, da beispielsweise mit den Sandmassen des größten unserer deutschen Binnendünengebiete die Küsten- dünen der Nordsee von Flandern bis Jütland und mit denen des zweiterößten unserer Binnendünenge- biete sämtliche Dünen der Ostseeküste sich auf- schütten lassen. Die Dünen zerfallen in 2 Gruppen : 1. die Küstendünen, 2. die kontinentalen oder Binnenlandsdünen. Die Küstendünen der Nordsee verlaufen der Küste entlang von Calais bis Jütland. Der ge- waltige Dünengürtel verläßt an der Nordspitze von Nordholland das Festland, folgt den ost- friesischen Inseln bis Wangeroog, wendet sich dann nach N gegen die nordfriesischen Inseln bis Fanö und geht Esbjerg gegenüber bei Stelling auf das Festland, daß er bis Skagen innehält. Die Ostseeküste zeigt an der westlichen Föhrdenküste keine Dünen. Diese beginnen erst am Darß, verlaufen dann der Küste entlang — durch zahlreiche diluviale Kliffküsten unterbrochen — über Hiddensoe, Rügen, Usedom und Wollin, gehen von der Dievenow-Mündung an auf das pommerisch-westpreußische Festland über, bilden den Haken von Heia, die Kurische und Frische Nehrung, treten dann wieder auf das Festland über und folgen schließlich der Küste Kurlands bis zum Beginne des Rigaischen Meerbusens. Die Länge des Dünenzuges an der Nord- und Ostküste beträgt je 1000 km. Bei Betrachtung der Verbreitungskarte der Dünen fällt sofort dasgewaltigeÜberwiegen der Festlandsdünen über die Küsten- dünen auf. Ihre Verbreitung ist indessen sehr ungleichmäßig. Die großen Binnendünengebiete Norddeutschlands sind an flie breiten diluvialen Urstromtäler geknüpft, mit denen Staubecken und ausgedehnte Sanderflächen eng zusammenhängen. Wo Dünen auf den Hochflächen vorkommen, wie z. B. in der Umgebung von Berlin, sind sie nicht weit von solchen dünenreichen Tälern, Staubecken oder Sanderflächen entfernt. Frei von großen Dünengebieten sind alle großen Hochflächen nörd- lich und südlich des Netzes unserer Urstromtäler, sowie die großen Hochflächen innerhalb dieses Netzes. Die westlichsten großen Dünengebiete Deutsch- lands befinden sich am Niederrh ein, nordwest- lich und östlich von We«el, zusammen 30 — 40 km lang. Sonst fehlen größere Dünengebiete in der Gegend_des Unterrheins, dagegen ist am IVIittel- rhein zwischen Frankfurt-Darmstadt-Speyer- Schwetzingen ein gewaltiges Binnendünengebiet entwickelt, dessen Dünen den Terrassen, vornehm- lich der jüngsten von Rhein und Main aufgesetzt sind. Ein weiteres süddeutsches Binnendünen- gebiet ist dasjenige der Gegend von Nürnberg, das seinen Ursprung zerfallenem Keupersand: stein verdankt. Im Gebiete der Ems, deren breites Tal am Teutoburger Wald in der bis 300 m hohen Sand- fläche der Senne beginnt, sind den Sandern wie den Terrassenflächen eines Stausees Dünen auf- gesetzt, die in ost-westlichen Zügen angeordnet sind. Das Material dieser Dünen entstammt dem neokomen Teutoburger Wald-Sandstein. Wo die Ems in das ostlriesische Marschland eintritt, sind bis 30 km lange Dünenzüge den gewaltigen Tal- sandflächen der unteren Ems aufgesetzt. Zwischen unterer Ems und unterer Weser liegt ein ausgedehntes Dünengebiet, dessen Dünen auf Talsandflächen liegen oder aus Mooren hervor- ragen oder weite Hochflächen bedecken. Nach Norden wird die Dünenlandschaft flacher und taucht dann unter die weiten Marschengebiete zwischen Dollart und Jade unter. Im Flußgebiet der Weser kommen Dünen- gebiete oberhalb der Allermündung, sowie lang- gestreckte schmale Dünenzüge an der unteren Weser von Bremen an 50 km aufwärts vor. Zwischen unterer Weser und unterer Elbe be- findet sich in der sonst von großen Dünengebieten freien Lüneburger Heide ein größeres schmales Flugsandgebiet im Kr. Bremervörde. Das untere Elbetal ist bis Lauenburg frei von größeren Dünengebieten, dann aber beginnt eine bis in die Gegend der Havelmündung reichende Anhäufung gewaltiger Flugsandmassen, die ein Gebiet von 1800 qkm einnehmen. In der Gegend von Wittenberge drängen sich die 3 großen Urstromtäler des mittleren und öst- lichen Norddeutschlands zusammen und gleich- zeitig nehmen die großen Dünengebiete an Zahl und an Umfang zu. Beim Verfolgen dieser Ur- stromtäler ist beim südlichsten derselben ein größeres Dünengebiet gegenüber von Magdeburg am Westrand des Fläming zu erwähnen. Große Dünengebiete liegen von Wittenberg an auf der linken und von Torgau ab auf der rechten Eib- seite. In der Lausitz befindet sich eines der größten geschlossenen Dünengebiete Norddeutsch- lands mit prächtigen Bogendünen und einge- schalteten Hochmooren zwischen Neisse und Spree im Gebiete der Städte Spremberg, Weißwasser und Rothenburg. Weiterhin zu erwähnen sind die Dünengebiete im Flußgebiet des Bober und Queiß. Auf eine große, zwischen Breslau, Brieg und Oppeln liegende Lücke folgt im Gebiet der von der Malapane durchflossenen Ebene ein an Bogendünen reiches Einzeldünengebiet von 100 km Länge und 30 km Breite. Östlich der Oder liegen 4, westlich davon ein größeres Dünengebiet. Im Eibtal erstreckt sich bei Dresden im Gebiete der Dresdener Heide ein großes Dünengebiet. Im nächstfolgenden Glogau-Baruther Ur- stromtal befinden sich die ersten großen Dünen- gebiete zwischen Burg und Rathenow. In der Gegend N. F. XVn. Nr. 12 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. i69 südlich von Berlin lieeen zwischen Luckenwalde und Baruth mächtige Dünen. Der Nnrdrand des Fläming sowie die nördliche Hochfläche des Ur- stromtales sind von Dünen bedeckt. Im Tale ziehen sich meilenlange ost-westlich verlaufende Strichdünen und prachtvolle nach W greöffnete Bogendünen bis 7um Spreewald hin. Ostlich des- selben befindet sich ein großes Dünengebiet auf dem Talsand bei Kottbus, sowie große Strirhdünen zwischen Kristianstadt und Neusalz a. d. Oder. Zwischen dem Glogfau-Baruther und dem nörd- lich davon gelegenen Warschau-Berliner Urstrom- tal liegen mehrere größere Dünengebiete und zwar eines im Eibtal zwischen Havel und F.lbe, ein anderes nordöstlich von Rathenow, im War- schau-Berliner Urstromtal die zahlreichen Dünen der Umgebung von Berlin, deren größte das das Warschau-Berliner mit dem Thorn-Kberswalder verbindende Nord-Südtal Spandau-Oranienburg bildet. Westlich von ihm sind die gewaltigen Flugsandmassen des Landes BHlin südlich von Kremmen, östlich davon die Dünengebiete von Erkner, Fürstenwalde, Storkow und Müllrose, so- wie im südlichen Obra-Tal gelegen. Auch im Gebiete des nördlichsten der 4 Ur- stromtäler tritt uns ausgedehnte Dünenbildung entgegen. Ganz besonderer Erwähnung bedarf das große Dünengebiet imWarthetal, daß sich 1 50 km weit nach Osten verfolgen läßt und im Zwischenstromgebiet zwischen Warthe und Netze seine gewaltigste Entfaltung erlangt. Weiter nach Osten zieht sich vom Netze tal bei Nackel über das Weichseltal bei Thorn bis zur russischen Grenze das nordöstliche große Binnendünengebiet Norddeutschlands mit 80 km Länge und 1 5 km Breite. Alle diese Dünen sind zum überwiegenden Teile der höheren, zum verschwindenden Teile der niederen Stufe des Taldiluviums aufgelagert. Westlich von Thorn liegen auf einer tieferen Terrasse gewaltige Dünen von 30 km Länge und nur I — 2 km Breite. Arm an Dünen ist das pommersche Urstromtal. Westlich wie östlich der Oder kommen in .den Wäldern des Haff- stauseegebiets umfangreiche Dünen vor. Dünen frei sind im Ostseegebiet der west- liche Teil mit seiner reich gegliederten Föhrden- küste, weiterhin die baltische Seenplatte mit ihren weit ausgedehnten tonigen Geschiebemergelflächen, nahezu dünenfrei die Lüneburger Heide, der Fläming und der Lausitzer Grenzwall. Die Gesamtflächeder norddeutschen Binnen- dünengebiete schätzt Keil hack zu 12000— 1 5 000 qkm, was etwa 3 — 4 "/„ des gesamten nord- deutschen Bodens entspricht. Berücksichtigt man auch noch die zahlreichen kleineren Dünengebiete, so ergeben sich vermutlich 4 — 5 "|^^, vielleicht sogar ö"/,, Anteil an Dünen. Die Dünen kommen sowohl auf Ablagerungen der 2. Eiszeit wie auch solchen der letzten Ei'^zeit vor. Der Flugsand tritt sowohl auf der Hoch- fläche wie in den Tälern, auf den Sanderflächen wie auf den Ebenen der großen Stauseen auf. Die Dünensande sind überwiegend aus den Sanden des glazialen Diluviums hervor- gegangen. Ganz untergeordnet hat der Kreide- sandstein im Teutoburger Wald und der Keuper- sandsfein Frankens das Material zu den Dünen geliefert. Alle Beobachtungen sprechen für die Ent- stehung durch westliche Winde, allen voran die nach W geöffneten Bogendünen sowie die Lage vieler Dünengebiete zu den Flächen, die das Sandmaterial geliefert haben. Viele Dünen- gebiete sind auf ihrer Ostseite von Geschiebe- mergel begrenzt, der unmöglich das Ausgangs- material zu Dünenbildung geliefert haben kann. Alle großen kontinentalen Dünen sind nach Keilhack fossile Bildungen. Neue Dünen entstehen nur an unseren Küsten und da wo durch menschliche Eingriffe kahle Sandflächen geschaffen werden (Truppenübungsplätze). Voraussetzung für die Entstehung ist der Mangel an Vegetation sowie ein trockenes Klima, was am Ende der Eiszeit der Fall war. Der größte Teil der Binnen- dünengebiete dürfte in den älteren Abschnitt der Postglazialzeit zu verlegen sein, als noch keine geschlossene Walddecke Norddeutsch- land überkleidete und ein trockenes steppenartiges Klima herrschte. Die Ancylus- und Litoriazeit dürften die Hanptperioden der Dünenbildung ge- wesen sein. Für das hohe Alter der Dünen sprechen die tiefgreifende Verwitterung, das Auf- treten von Dünen innerhalb der Moorgebiete und anthropologische Funde. Umlagerungen und Neubildungen von Dünen können natürlich auch bis auf den heutigen Tag erfolgen. Hohenstein, Halle. Über Jüngeren und Älteren Löß im Fluß- gebiet der Weser berichtet O. Grupe im eben erschienenen Jahrbuch der Kgl. preuß. geolog. Landesanstalt für IQ16, Bd. XXXVII, Teil i, H. I. Der Jüngere Löß ist normal im un verwitterten Zustand ein hellgelber kalkhaltiger feiner Quarz- sand mit geringem Tongehalt. Vielfach ist er von dünnen bisweilen mit Kalk ausgekleideten Röhrchen in senkrechter Richtung durchzogen. Wipderholt sind ihm Lagen von feinen Sanden oder Schottern oder Gesteinsbröckchen einge- schaltet und zwar sowohl in den Tälern wie in höheren Lagen an den Hängen der Täler oder selbst im Bereiche weitausgedehnter ebener Flächen. Der Löß ist also durchaus kein homogenes Ge- stein, vielmehr kann er nicht selten zu einem Sandlöß oder Schotterlöß werden. Nach Ansicht von Grupe kann es sich nicht allgemein um nachträgliche Umlagerungen des Lößes handeln, wenngleich umgelagerter Löß wie in allen Löß- gebieten vorkommt. Durch die ungleichförmige Zusammensetzung und die gröberen Einschaltungen verliert der Löß eine seiner charakteristischen Eigenschaften, die Schichtungslosigkeit. 'Die Sand- und feinen Schotterlagen verleihen ihm [ein „geschichtetem" I70 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVIT. Nr. 12 Aussehen. Besonders deutlich erkennbar ist diese Erscheinung in der 2 — 5 m mächtigen Verwitte- runpfszone, in welcher sich infolge der Oxydation die Verunreinigungen schärfer markieren. Der Löß kann bis zu 20 m mächtig werden. Fossilien führt er selten. In der Gegend von Höxter findet man in ihm die charakteristischen Lößschnecken Helix hi«pida, Pupa muscorum, Succinea oblonga. An Wirbehierre^ten fand man bei Selxen südwestlich Hameln Cervus elaphus, bei Grifte südlich Cassel Equus caballus, westlich Einheck Rangifer taranHus. Was das Alter des Jüngeren Lößes anbelangt, so ist für diese Frage seine Beziehung zu den 3 Weserterrassen wichtig. O. Grupe hat in einer früheren Abhandlime die 3 Weserterra'^sen den Ablagerungen der 3 Eiszeiten zeitlich erleichgestellt. Löß in typischer Ausbildung bedeckt die Obere und Mitt'ere Terasse, fehlt aber der Unteren Terasse, die mit unreinen sandieen oder tonigen Flußlehmen bedeckt ist. Die Mittlere Terrasse wird nicht immer in ihrer ursprünglichen Form mit Löß bedeckt, vielmehr ist dieser häufig dis- kordant über die Glieder der ziemlich erodierten Mittleren Terrasse abgelagert, wobei er deren morpholng-ische Gestalt wieder herstellt. N^ch einer früheren Auffa'ssung von Grupe würde zwischen die Ablae^rung der Mittleren Terrasse und diejenjcre des Lößes eine bedeutende Erosion, nämlich diejenigre der letzten Interglazialzeit fallen und dam't auf Grund dieser Annahme sich als Alter des Lößes das Ende der letzten Inferelazial- zeit ereeben. Diese Auffassung würde mit den Verhältni«;«en im Rheintal übpreinstimmen, wo auch die Niederterrasse keinen Löß führt, dagegen mit der Auffassung eines iuneglazialen Alters des Lößes in d^n östlichen Gebieten in Widerspruch stehen. Diese verschiedenartigen Ansichten hin- sichtlich der Alter-sfragre des Lößes lassen sich nach Grupe in F.inklane miteinander bringen. Die unreinen sandie^n Fhißlehme der Unteren Terrasse und der Löß der Mittleren Terra'sse können gleichaltrig sein, wenn man von der Vorstellung ausgeht, daß der im Rereiche der Unteren Terrasse unter Wasserbedeckung abgesetzte Löß ein anderes Aussehen erhielt als der an den Hängen äolisch entstandene Löß. Letzterer blieb rein, während der ins Wasser gefallene Lößstaub sich mit den Sauden und Tonen mengte, stärker ausgelaugt und verunreiniget wurde. Wo die Weser stärkere Strömunsf besaß, wurde er fortgeschwemmt, da- durch würde sich auch das Fehlen auf den Schotter- ablagerungen der unteren Terrasse erklären. Die Entstehung des Jüngeren Lößes fiele danach in die Periode der Unteren Terrasse und damit auch in die Periode d^r letzten Vere'sung. Der Weserlöß ist durch subaerisch wirkende Kräfte, vor allem durch den Wind, sodann durch Regengüsse und periodische Wasserfluten entstanden zu denken. Älterer Löß ist im Gegensatz zum Jüngeren Löß nicht so häufig. Im Flußgebiet der Weser ist er an einigen wenigen weit voneinander ent- fernt gelegenen Punkten unter Jüngerem Löß auf- geschlossen. Der Ältere Löß ist stets kalkfrei. Der Schnitt zwischen kalkha'tigem Jüngeren Löß und kalkfreiem Älteren Löß ist sehr scharf. Zwischen beiden Rildungszeiten müssen längere Zwischenäume liegen, in welchen die Verwitterung des Älteren Lößes erfolgte. Die starke Verun- reinigung und Verzahnung mit Schotter- und Ge- steinsschuttmassen, die oft den Löß überwiegen, sprechen mit großer Wahrsrheinlichkeit für die Annahme, daß der Ältere Löß mitsamt den ihn begleitenden Detritusmassen umgelagert ist und sich nicht mehr auf ursprünglicher Lagerstätte befindet. Dies ändert nichts an der Tatsache des einstigen Vorhandense ns von Älterem Löß. Ober- flächlich sind beide Bildungen infolge ihrer gleich- förmigen Beschaffenheit nicht zu unterscheiden. Hohenstein, Halle. Der Einfluß des Windes auf die Verteilung der Gletscher wurde von Fredrik Enquist in einer beachtenswerten Abhandlung im Bulletin of the Geological Institution of the University of Upsala XIV Bd., 191 7, S. i — 108 untersucht. Als Zusammenfassung seines allgemeinen Teiles stellt der Verfasser folgenden Satz auf: „Gletscher und perennierende Schneefelder sind hauptsächlich auf der Seite eines Berges ausge- bildet, die im Lee der vorherrschenden schnee- führenden Winde liegt." Im Hochgebirgsorebiet des nördlichen Skandi- navien liegen die Gletscher wie die perennierenden Schneefelder überwiegend auf der O-itseite der Berge. Die Verteilung des fallenden und in ge- wissen Fällen des schon gefallenen Schnees wird ganz besonders durch die herrschenden Winter- winde bestimmt, welche den Schnee von den windumwehten Teilen der Berge auf die Leeseite derselben treiben, wo er sich in geschützten Ge- bieten anhäuft. Hier bleiben während des Sommers Schneefelder oder es bilden sich unter gewissen Voraussetzungen Gletscher aus. Die Orientierung letzterer wird ausschließlich von der Richtung der vorherrschenden niederschlagführenden Winter- winde bedingt. Im Gegensatz dazu steht die Verteilung der Niederschläge — sowohl Regen wie Schnee — , die überwiegend auf der Luvseite der Berge fallen, weil die feuchtigkeittragenden horizontal gehenden Winde gezwungen sind, auf dieser Seite der Berge aufzusteigen und dabei infolge Abkühlung ihre Feuchtigkeit abzugeben. Die Ungleichheit in der geographischen Ver- teilung des Schnees bedingt der Wind, welcher den auf der Erde liegenden Schnee fortwährend treibt und umlagert, bis die Leeseite erreicht ist. Niederschlagsreichere Gebirge werden größere Gletscher und ausgebreitetere Schneebederkung tragen als solche von gleicher Höhe, über denen weniger Schnee niederlallt. Dadurch wird die gesetzmäßige Verteilung des Schnees nicht ver- N. F. XVn. Nr. 12 Naturwissenschaftliche Wochenschrift 171 ändert, dagegen die absolute Größe der Ver- gletscherung. Mit zunehmender Höhe wird die Beständigkeit der vorherrschenden Windrichtung noch verstärkt, wofür nach Hann das Westwind- gebiet der nördlichen Halbkugel ein gutes Beispiel ist. Windschnelligkeit und Wind-Stärke nehmen mit großer Höhe zu, so daß der Wind hier noch mehr zu treiben und umzulagern vermag, zumal die Vegetation hier keinen Schutz mehr gewährt wie im Tiefland. Gletscher und Schneefelder kommen — wenn auch in bedeutend geringerer Ausdehnung — auf der Luvseite der Berge vor, da Schneefälle bei anderer Windrichtung oder Windstille eintreten können oder durch Auftauen und Wiederzuge- frieren, durch die Sublimationskruste, Zusammen- kristallisation usw. der Schnee so fest werden kann, daß er nicht mehr bewegt werden kann. Zur Ausbildung eines Gletschers ist erforderlich daß mehr Schnee niederfällt als schmilzt. Der ständige Schneeüberschuß bildet das sonst unbe- wegliche Schneefeld zu einem Gletscher um. Die absolute Höhe, wo dieses eintritt, ist in den ein- zelnen Teilen der Erde verschieden. Die untere Grenze für die Ausbildungsmöglichkeit der Gletscher — die „Vergletscherungsgrenze" — liegt im allge- meinen einige Hundert Meter höher als die klima- tische Schneegrenze und ist in den Polargebieten niedriger, in den Äquatorgebieten höher. Die Höhenlage der Vergletscherungsgrenze wird durch Niederschlag und Temperatur bestimmt und läßt sich aus der Kenntnis von Höhe und Lage der gletschertragenden und nichtgletschertragenden Gebiete kartographisch mit großer Genauigkeit konstruieren. Sie liegt tief, wenn die Niederschlags- menge groß und die Temperatur hinreichend tief ist. Die Gletscher liegen im allgemeinen größten- teils unter der Vergletscherungsgrenze. Die Größe der Vergletscherung ist von der Höhe und Ausdehnung eines Berges über der Vergletscherungsgrenze abhängig. Sie ist groß, wenn der Berg weit über die Vergletscherungs- grenze reicht (mehrere große Gletscher), dagegen klein, wenn der Berg nur unbedeutend über ihr liegt (einzelner kleiner Gletscher). Aus der verschiedenen Verteilung der Glet- scher läßt sich die Richtung der vorherrschenden Winterwinde in gletschertragenden Gebieten heraus- finden. Das Studium der Spuren der eiszeitlichen Gletscher, vor allem die Orientierung der Moränen und Gletschernischen ermöglicht das direkte Ab- lesen der damals vorherrschenden Winde. Durch Vergleich mit den jetzigen Verhältnissen besitzen wir ein ausgezeichnetes Hilsmittel , um sichere Schlußfolgerungen hinsichtlich des Klimas der Eiszeit ziehen zu können. Während der Eiszeit lagen die Gletscher weit unter der jetzigen Ver- gletscherungsgrenze. Ein großer Teil von Europa hat durchschnitt- lich westliche Winde, die eine Neigung nach Nordosten haben. Deswegen sind die Gletscher 'und Schneefelder größtenteils nach Nordosten exponiert, wie z. B. beim südlichsten Gletscher Europas auf der Sierra Nevada, in den Pyrenäen, den Alpen. Der außerordentlich enge Zusammen- hang zwischen der vorherrschenden Windrichtung und der Lage der Schneeflecken, die nach dem Winter liegen bleiben, istim Schwarzwald recht deutlich. Die Winde überwiegen ans dem west- lichen Quadranten, die Schneefelder besitzen g-anz überwiegend nordöstliche Exposition. Auf Hoch- flächen und Kämmen wird der Schnee ühergeweht und bildet auf der Nordostseite typische „Wächten". Zur Eiszeit lagen die Verhältnisse ähnlich. Auf den von der württembergischen geologischen LandesJiufnahme herausgegebenen geologischen Kartenbltättern (1:25000) sind die glacialen Bildungen mit großer Genauigkeit eingetragen und dabei die ganz sicheren und die mutmaß- lichen verschieden bezeichnet. Die als sicher wie auch die als mutmaßlich bezeichneten Gletscher sind durchgehend von Winden orient'crt. die von Südwesten kamen. Ein Kärtchen mit Gletscher- nischen im Forbachtal südwestlich von Freuden- stadt illustriert dies schön. Die Gletscher waren sehr zahlreich, aber nur ganz klein und lagen in der Regel auf der Leeseite der Berge. Offen- sichtlich ist hier die Gleichheit der Orientierung der Eiszehgletscher mit den Schneeresten der Gegenwart während des Hochsommers. Daraus kann der Schluß gezogen werden, daß Winde aus Südwest sowohl zur Ei.szeit wie heute diese Orien- tierung verursacht haben. Dasselbe lassen auch vergletscherte Gebiete anderer Teile von Mittel- europa erkennen. In den Vogrsen sind zahlreiche Kare- und Zirkustäler am östl Steilabhang, während die Abdachung nach Westen sanft ist. Der ein- zige Gletscher des Thüringer Waldes lag im Schneetiegel am Nordostabhang des Schneekopfes, wo sich auch gegenwärtig noch der winterliche Schnee am längsten hält. Südwestliche Winde orientierten weiterhin die Eiszeitgletscher des Riesengebirges, der Tatra, der Alpen, der Ost- karpathen. der Balkanhalbinsel und ganz besonders des skandinavischen Hochgebirges. Die meteorologischen Verhältnisse während der Eiszeit waren andere als heute. Ausgeprägt hoher T,uftdruck lag über den großen Inlandeisen der nördl. H-ilbkugel infolge der Abkühlung der darüber liegenden Luftschicht. Das Islandmini- mum, welches heute über dem nördlichen At- lantischen Ozean ein niederes Luftdruckgebiet bildet, existierte damals nicht, dagegen war ein aus- geprägt niederes Luftdruckgebiet im Gebietedesheu- tigen Azorenmaximums vorhanden. Seine Nord- grenze lag an der Südgrenze des jetzigen Island- minimums, seine westliche Ausdehnung mag sich noch über Teile von Nordamerika erstreckt haben. Das jetzige Azorenmaximum war nach Süden über den Wendekreis hin gedrängt. Bedeutend kräftiger war das heute über dem nördlichsten Teile des Stillen Ozeans lagernde Minimum. Während des ganzen Jahres lag ausgeprägt hoher Luftdruck über den Inlandeisen, ebendeshalb müssen auch die 172 Naturwissenschaftliche Woch enschrift. N. F. XVII. Nr. 12 beiden Minima das ganze Jahr über gut ausge- bildet gewesen sein. Hinsichtlich der übrigen Teile der Erde liegt kein Grund zu der Annahme einer nennenswerten Veränderung der jetzigen Luftdruckverteilung vor. Die .Antipassate wehten während der Eiszeit über demselben Gebiete und in denselben Richtungen wie heute. Eine Pol- verschiebung seit der Eiszeit hat also nicht statt- gefunden. Die wertvollen Untersuchungen von F. Enquist werden in vielerlei Hinsicht befruchtend auf das Klimaproblem der Eiszeit wirken. Hohenstein. Chemie. Die Versuche zur Lösung der Stick- stoffrage im feindlichen Ausland behandelt Prof Dr. H. Großmann in Berlin in einem Aufsatz in der „Technischen Rundschau", XXIV, Nr. i, 2. Januar 1918. Es ist heute allgemein bekannt, daß es Deutschland infolge der Abschneidung von der chilenischen Salpeteterzufuhr nur durch die von vollem Erfolg gekrönten, gewaltigen An- strengungen der chemischen Industrie gelungen ist, die großen Gefahren zu überwinden, die ein Mangel an Salpetersäure für die Schlagfertigkeit eines Millionenheeres bedeutet hätte. Man ist sich heute auch im Auslande in den Fachkreisen vollkommen darüber klar geworden, was durch diese außer- ordentliche Leistung der deutschen chemischen Industrie erreicht worden ist. Erst unlängst ist im englischen Parlament von Sir. W. Pearce un- umwunden zugegeben worden , daß ohne diese Leistung der deutschen chemischen Industrie auf dem Gebiete der Stickstoffrage, der sich noch eine ganze Anzahl ebenso wichtiger Erfolge an- geschlossen haben, Deutschland schon nach ver- hältnismäßig kurzer Zeit gezwungen gewesen wäre, den Krieg aufzugeben. Auch in Frankreich hat man diese Leistung voll erkannt. Das zeigt ein Vortrag des Pariser Professors CamilleMatignon über „die Anstrengungen der Deutschen auf dem Gebiete der Stickstoffrage", den dieser Gelehrte am 19. März 1916 am Pariser Conservatoire des Arts et Metiers gehalten hat und der neuerdings auch in deutscher Sprache durch die „Dokumente zu Eng- lands Handelskrieg" der Allgemeinheit zugänglich gemacht worden ist. Darin wird hingewiesen, „daß die deutsche chemische Industrie der Mittel- mächte tatsächlich vor einem Zusammenbruch ohnegleichen gerettet habe. Wäre der Krieg ein paar Jahre früher unter den gleichen Bedingungen ausgebrochen, so hätte er Deutschlands sicheren Zusammenbruch herbeigeführt, denn vor den neuen Erfindungen hätte Deutschland, wenn es von einer Blokade bedroht gewesen wäre, keineswegs eine solche von etwas längerer Dauer aushalten können." Frankreich selbst ist im Verlaufe des Krieges immer abhängiger von der ausländischen Zufuhr an Stickstoffverbindungen für Industrie und Land- wirtschaft geworden, da die eigene Produktion Synthetischerverbindungen ihres geringenUmfanges wegen keinerlei Ersatz bieten konnte. (Daraus ersieht man, von welch großer Wichtiekeit die Versenkung eines jeden Seglers mit Chilisalpeter, und wäre er noch so klein, durch unsere Unter- seeboote ist. Ref) In Frankreich wurden vor dem Kriege rund 70000 Tonnen schwefelsaures Ammoniak in den Gasanstalten und Kokereien des Nordens gewonnen, während Englands Pro- duktion im letzten Jahre vor dem Kriege 430000 Tonnen und Deutschlands Sulfatgewinnung 550000 Tonnen betraeen hatte. Die Besetzung eines großen Teils der französischen Steinkohlenbezirke durch die deutschen Truppen mußte naturgemäß auch die französische Ammoniakgewinnung wesent- lich einschränken und das Interesse auf die synthe- tische Gewinnung des Ammoniak nach verschie- denen Verfahren hinlenken. Zu diesem Zwecke stand nur die kleine französische Kalkstickstoflf- fabrik in Notre Dame de Briangon zur Verfüeung. Deren Produktion war nur verhältnismäßig gering. Die großen Hoffnungen, die man ferner an das Verfahren von Serpek geknüpft hatte, scheinen sich bisher nicht verwirklicht zu haben. Die Versuche, in St. Jean de Maurienne aus Aluminium- nitrid Ammoniak zu gewinnen, dürften bisher an den technischen und wirtschaftlichen Schwierig- keiten des Verfahrens gescheitert sein. Wenn man von den kleinen Versuchsanlagen in den französischen Alpen und Pyrenäen absieht, wo Salpetersäure aus dem Stickstoff der Luft gewonnen werden soll, so ergibt sich, daß Frankreich für militärische und landwirtschaftliche Zwecke in erster Linie auf die Beschaffung von Chilesalpeter auf dem Seewege angewiesen erscheint. Je schwieriger nun diese Beschaffung im Verlaufe des Krieges geworden ist, um so größer sind auch die Mißstände insbesondere in der Landwirtschaft geworden, wie aus den Novemberverhandlungen der französischen Kammer und den Kbgen der französischen Landwirte mit aller Deu'lichkeit her- vorgeht. Der Mangel an notwendigem Stickstoff- dünger hat sich in dem ständigen Rückgang der Ernteergebnisse deutlich offenbart. Auch in England beginnt man unter dem Zwange der Not neuerdines den synthetischen Arbeiten zur Gewinnung von Stickstoffverbindungen ein größeres Interesse entgegenzubringen. Im „Statist" vom i 5. November 191 5 wird mit Bedauern vermerkt, daß England die einzige Großmacht sei, die keine inländische Luftslickstoffindustrie auf- weise. Zurzeit plant man anch in England die Herstellung von Kalkstickstoff im großen. Eine kleine Anlage für die Herstellung von Salpeter- säure nach dem Lichtbogenverfahren ist in Man- chester im Entstehen begriffen. Ferner soll eine weitere kleine Anlage zur Herstellung von Am- moniak nach dem Verfahren von Haber und der Badischen Anilin- und Sodafabrik schon fertig sein. In der letzten Hauptversammlung der „Society of Chemical Industry" hat Maxted über diese Versuche berichtet. Dabei hat er übrigens ohne weiteres seine Abhängigkeit von deutschen N. F. XVII. Nr. 12 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. i;3 Arbeiten rückhaltslos zugegeben. Aus dem Vor- trag ist ferner noch zu entnehmen, daß man sich aucft in England schon seit längerer Zeit eifrig mit der (jtewinnung von Salpetersäure aus Am- moniak beschäftigt. Die gleichen Bestrebungen zur Gewinnung von Ammoniak und Salpetersäure auf synthetischem Wege findet man auch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika am Werke. Hier hat man auf Veranlassung der Regierung ein besonderes Ko- mitee gebildet, daß die Versorgung mit Salpeter- säure und anderen Stickstoffverbindungen regeln soll. Auch in den Vereinigten Staaten will man jetzt Ammoniak nach Haber im großen herstellen. Die (jeiieral Chemical Company hat neuerdings den An.spruch erhoben, diese Synthese des Am- moniaks aus Sticksiotf und Wasserstoff unter weit eintdCheren Bedingungen durchführen zu können als die Badische Anilin- und Sodafabrik. Ob diese Angaben tatsächlich zutreffen, läßt sich zur Zeit nicht entscheiden. Jedenfalls sind die Amerikaner im Begriffe, ihre eigene Ammoniakproduktion in ganz außerordentliciicrweise zu steigern. Außer- dem haben sie im Kriege bedeutend größere Mengen Salpeter aus Chile eingelührt. Nach den otnzieilen Angaben von Charles F. Parsons vom Bureau of Mines rechnet man für das Jahr 1917 mit einer Ammoriiakgewinnung aus den Kokereien und Gasanstalten in Hohe von minde- stens 150000 Tonnen, was rund 450000 Tonnen schwefelsaurem Ammoniak entsprechen würde. Ob die großzügigen Pläne der Vereinigten Staaten aul diesem Gebiete noch im Verlaufe des Krieges in lirscheinung treten werden, steht dahin, hs wäre aber unberechtigt, diese großen Anstrengungen, die auch im Prieden ihre Be- deutung zum Teil behalten dürften, gering zu achten. Immerhin dürlte Deutschland auch auf diesem Gebiete einen technischen und wirtschaft- lichen Vorsprung besitzen, der nicht zu unter- schätzen ist und der sich auch zur P'riedenszeit als ein sehr wertvoller Aktivposten in der welt- wirschaltlichen Bilanz erweisen wird. F. H. Astronomie. Einem eigentümlichen System scheint man auf die Spur gekommen zu sein. Am 12. Okt. 1915 fand Innes bei « Centauri einen schwachen Stern der 11. Größe, der eine gleich- große und gleichgerichtete Eigenbewegung halte, wie a Centauri. Er bestimmte diese zu — 3,66 und +0,83 Sek. in AR und D, während die Parallaxe zu 0,80 Sek. gefunden wurde mit dem mittleren F"ehler von 0,10 Sek. Nun hat jetzt Voute das System eingehend vermessen, und in der Tat eine noch viel größere Übereinstimmung zwischen Haupt- und Nebenstern gefunden. Wäh- rend a Centauri die Parallaxe 0,759 Sek. hat, und die jährliche Eigenbewegung 3,08 Sek. im Bogen größten Kreises beträgt, mit dem Positionswinkel 281,4 Grad, hat der Begleiter die Eigenbewegung 3,76 Sek. im Positionswinkel 282,7 (jtrad und die Parallaxe von 0,755 Sek., das sind also in An- betracht der Unsicherheit der Messung durchaus identische Werte, wodurch die Zusammengehörig keit des Paares bewiesen zu sein scheint. Auf- fallend ist nur der erhebliche Abstand beider Sterne, der 2 Grad 12 Min. beträgt, also über 4 Vollmondsbreiten. Das sind bezogen auf die an- gegebene Parallaxe etwa lOOOO Erdbahnradien. Sind nun die beiden ein physisch verbundenes System, so gäbe das eine Umlaufszeit von etwa 1000000 Jahren, also eine ganz ungewöhnlich große und wenig wahrscheinliche Zahl. Anderer- seits besteht noch die Möglichkeit, daß wir es mit den Gliedern einer Familie zu tun haben, wie es die Hyaden sind oder die Bärenfamilie, bei der eine größere Anzahl von räumlich weit ge- trennten Sternen doch gemeinsam gerichtete und gleichgroße Eigenbewegungen zeigen, vergleichbar einer Anzahl von Geschossen, die mit einem Schuß aus der Kanone geschossen sind und nun je nach ihrer Größe in verschiedenen Abständen mit gleicher Geschwindigkeit hintereinander her fliegen; eine Erscheinung, die die Glazialkosmo- gonie auf einen gemeinsamen Ursprung zurück- luhrt, der in der Explosion in einem Mutterkörper gelegen hat, bei der die gesamte Materie aller der zusammengehörigen Körper auf einmal aus- gestoßen wurde, und erst nach und nach die ein- zelnen Körper gebildet hat. Vielleicht gelingt es, noch mehr Glieder dieser Familie um a Centauri aufzufinden. Riem. Schon vor Jahren hat Berberich darauf hingewiesen, daß sich bei den Kometen, die in- folge ihrer kleinen Bahnen schon nach wenigen Jahren wiederkommen, in auffallender Weise zeigt, wie ihre Helligkeit zusehends geringer wird, und wie die Schwcileutwickluiig immer durltiger. Er gab als Grund an, daß offenbar bei der bchweif- entwicklung eine ganz beträchtliche Menge Materie verbraucht wird, cie dem Kometen dauernd ver- loren geht. Gelangt dann der Komet in eine größere Entfernung von der Sonne, so hört die Abstoßung auf, und der Körper reichert sich wieder an, indem er Materie, die ihm auf seinem Wege begegnet, an sich zieht. Bei kurzen Umlaufs- zeiten ist aber der Gewinn geringer als der Verlust, der Komet verarmt allmählich. Bei den Kometen aber, die hinreichend lange Umlaufszeiten haben, genügt die Zwischenzeit, um sich wieder so stark anzureichern, daß der Körper immer von neuem in erlreulichem Glänze erscheinen kann. Diesen Gedanken, der damals ohne eingehende Beweis- lührung gewissermaßen als ein Beobachtungs- ergebnis ausgesprochen wurde, hat nun Hole- ts check eingehend wissenschaftlich bearbeitet (Denkschr. Wiener Akad. 1917). Er hat 22 Ko- meten bearbeitet, die zwischen 3,3 Jahren — Encke'scher Kumet — und 76 Jahren — Halley- scher Komet — Umlaufszeit haben. Wir haben also bei mehreren Kometen ein recht reichhaltiges Material zur Verfügung. Holetschek faßt die Ergebnisse seiner Untersuchungen zu folgenden 174 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. Erklärungen zusammen. Es gibt nur Kometen mit gleichbleibender Helligkeit und solche mit abnehmender. Die seit längerem bekannten Ko- meten seheinen auch die dauerhafteren zu sein, während die neuerdings gefundenen dieschwächeren sind. Hier gilt offenbar der Satz vom post hoc, ergo propter hoc, denn eist die Hilfsmiuel der Gegenwart, Trockenplatte und Spiegelteleskop, lassen uns die schwachen Dinger erkennen. Zu dem bisweilen auffallend starken Abnehmen der Kometen scheint auch die auflösende Kraft der großen Planeten beizutragen, die das lockere Ge- lüge des als Kometenkopf erscheinenden Meteor- schwarmes ganz auflösen können. Denn drei Kometen sind auf die Verlustliste zu setzen. Der Komet Biela mit einer Umlaufszeit von 6,6 Jahren teilte sieh unter den Augen der Astronomen, er- schien dann noch einmal 1852, um nicht wieder- zukommen. Seine Reste erscheinen als ein Meteor- schwarm. Im Jahre 1879 erschienen zum letzten Male die Kometen Brursen mit 5,5 Jahren und Tempel Nr. i mit 6,0 Jahren Umlaufszeit. Von diesen sind Spuren nicht aufgefunden worden trotz allen Suchens. Jedenfalls ist also eine Zunahme der Helligkeit und des Schweifes niemals beob- achtet worden, und auch die beständigen Kometen scheinen zur Abnahme zu neigen, wenigsiens macht der Halleysche ganz den Eindruck, und beim Encke'schen wird jedenfalls der Schweif immer kleiner. Der Aullösungsprozeß scheint all- gemein zu sein, nur das Tempo ist verschieden. Riem. Zoologie. Meer und Süßwasser in der Phy- logenese der Fische. Da üie mii wenigen Aus- nahmen das Meer bewohnenden Knorpelfische, Selachier oder Elasmobranchier, die Sehmelz- schupper oder Ganoiden und die Knochenfische oder Teleostier als stammesgeschichllich aufein- anderfolgende Abteilungen zu betrachten sind, so scheint allerdings damit auch der Ursprung der Teleostomi, wie man die Ganoiden und Teleustier zusammenfassend nennt, im Meere zu suchen zu sein, in welchem auch Amphioxus — nach neuerer Nomenklatur Branchiostoma — und die Tuiiikaten leben und überhaupt olt die Wiege des Lebens gesucht wird. Beachtenswerte Gründe jedoch lür die Annahme, daß die Teleostomi und insbesondere die Teleostier dem Süßwasser entstammen, faßt P. A. D i e t z im Zoologischen Anzeiger, Band XLIX, 19 17, Nr. 3/4, zusammen. Die Ganoiden zunächst sind heute sämtlich Süßwassertiere; und da ihre wenigen, stark spezia- lisierten und dabei alles andere eher denn einen verkümmerten Eindruck machenden Vertreter über alle Festländer der Erde und nicht auf Inseln ver- breitet sind, so erscheinen sie wie Relikte einer großen autochthonen Süßwasserfauna. Wenn auch die Störe das offene Meer nicht scheuen, zur Fortpflanzung steigen sie immer wieder ins Süß- wasser. Die meisten fossilen Ganoiden liegen in Ablagerungen deutlich fluviatiler Herkunft. Unter den Teleostiern sind die weniger spezialisierten, die 40 Familien der Physostomen Günther 's oder, was in Boulenger's System ungefähr dasselbe ist, die Malacopterygii, Ostario- physi, Symbranchii, Apodes und Haplomi, der Mehrzahl nach echte Süßwasserfische; so die zahl- reichen Karpfen-, Zahnkarpfenarten und andere, im ganzen 23 artenreiche Familien. Zwei Familien, die Salmonidae und Clupeidae enthalten Über- gangsfurmen zwischen Süßwasser- und Meerbe- wohnern und suchen, soweit meerbewohnend, zum Laichen das Süßwasser auf, wie der Lachs und die Finte, Clupea alosa, oder doch wenigstens die Küstennahe, wie der Stint, Osmerus eperlanus, der Hering und die meisten anderen Clupeidae. Fünf Familien reiner Seefische unter den Physostomi sind dagegen nur in spärlichen Arien, zum Teil nur in einer, vertreten. Sieben weitere Familien sind Tiefseefische mit abweichendem Köi perbau und geben über den ursprünglichen Lebensort keinen Aufschluß. Auch die Scopelidae sind Tief- seefische oder, soweit sie heute die Oberflächen- schichten beleben, wohl ehemalige Tiefseefische. Eine andere Beurteilung verlangen die Aalartigen, die Anguillidae und mit ihnen die Apodes, also auch die schon erwähnten Muraenidae. Sie sind zwar meist Meeres-, ja großenteils Tiefseebewohner. Ihnen wäre aber vielleicht nach Anzeichen des Körperbaues eine Stellung außerhalb der Physo- stomen anzuweisen; und doch konnte das lang- jährige, allerdings nicht der Fortpflanzung dienende Süßwasser leben des gemeinen Aals eine Erinnerung an die vorzeitlichen Gewohnheiten sein. — Über die Lophubranchier wird noch zu sprechen sein. Die Acanthopterygier, welchen Begriff Dietz so weit ausdehnt, bis er nahezu alle Physo- clisten umfaßt, stellen zwar meist Seetiere, und nur sekundär sind einige Gadiformes, wie die Quappe, mehrere Gobiidae, einige Bleuniidae und die Plunder unter den Pleuronectidae ganz oder zeitweilig zum Süßwasserleben übergegangen. Aber sieben durchaus das Süßwasser bewohnende Familien der Acanthopterygier gehören mit Aus- nahme einer, die wieder gesondert zu beurteilen ist, sämtlich zu den am wenigsten spezialisierten und noch physostomenähnlichsten Acanthoptery- giern, zu den Perciformes. Auffällig ist auch, daß unter den Cateosiomi, unter welchem Namen Boulenger die Lophobranchier, wie Seepferd- chen und Seenadel, und die Gasterosteidae zu- sammenfaßt, die letzteren, die Stichlinge, die viel weniger spezialisierte und zugleich die meist süß- wasserbewohnende Familie darstellen. Im Süßwa>^ser scheint also der Teleostomen- stamm auf der Ganoidenstufe, ebenso noch der Teleosiierstamm auf einer gewissen Physostomen- stufe, selbst der Acamhopterygierstamm auf einer Perciformenstufe und der wohl noch in unsicherer systematischer Stellung verharrende Cateostomen- stamm etwa auf einer Gasterosteidenstufe gelebt zu haben. Schließlich vergißt Dietz nicht, auf die Os- N. F. XVII. Nr. 12 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. »7S motik des Fischblutes nach den Untersuchungen Dekhuyzen's hinzuweisen, die bei den poikilos- moiischen i?elachiern einen hohen osmotischen Druck des Blutes wie bei allen marinen Kverte- braten, bei den mehr homoiosmotischenTeleosuern, und zwar auch bei mehrbewohnenden, einen viel geringeren nachwiesen; auch letzteres spricht für ihre Herkunft aus dem Süßwasser. Auf Grund dieser sehr einleuchtenden Dar- legungen nimmt Die tz an, daß die Teleostier aus seiacliierähnlichen Formen mit Übergang ins Siaß- wasser hervorgegangen seien. V. Franz. Bücherbesprechungen. Christen, Dr. med. et phil. Th., Die mensch- liche Fortpflanzung, ihre Gesundung und ihre Veredelung. l86S. Bern, Ver- lag Hallwag. (Erscheini künftig: München, Ver- lag E. Reinhardt). — Preis geb. 5 M. „Über das menschliche Geschlechtsleben und all die vielen, zum Teil recht verwickelten Fragen, die damit zusammenhängen, ist schon viel ge- schrieben worden, von wissenschaftlich bedeuten- den, hochernsten Büchern hinunter bis zur be- denklichsten Schundware", so bemerkt der Verf. einleitend in der vorliegenden Schrift. Trotz des Vorhandenseins einer reichen Liteiatur ist indessen das Erscheinen eines neuen Buches, in dem das Sexualproblem von wissenschaftlicher Seite allge- mein verständlich dargestellt wird, nur zu begrüßen, denn einmal bietet eine solche Schrift eine gute Waffe im Kampfe gegen die Schundliteratur auf diesem Gebiete, und dann sind die behandelten Fragen gerade in der gegenwärtigen Zeit von so außerordentlicher Wichtigkeit, daß nicht genug für Verbreitung dieser Kenntnisse in den weitesten Kreisen geschehen kann. Der Krieg ist für alle unmittelbar daran beteiligten Nationen ein furcht- barer Aderlaß. Gerade die Männer stehen im Felde, die sich im zeugungsfähigen Alter befinden, jahrelang sind sie an der Ausübung des normalen ehelichen Geschlechtslebens behindert. Der Krieg ist weiterhin ein schlechter Aublesefaktor. Die körperlich Tauglichsten, von denen die beste Nach- kommenschaft zu erwarten gewesen wäre, geben ihr Leben hin, ohne zur Fortpflanzung gekommen zu sein, oder kehren an ihrer Gesundheit schwer geschädigt in die Heimat zurück. Zwar ist für die Zeit nach einem Kriege in der Regel eine er- höhte Fortpflanzung charakteristisch, aber der gegenwärtige Krieg hat schon zu lange gedauert und ist zu blutig, als daß dadurch die Verluste wieder ausgeglichen werden könnten. Die rasse- hygienischen Bestrebungen, die bereits vor dem Kriege mehr und mehr Anhänger gefunden haben, müssen nach dem Kriege allgemein, auch seitens des Staates, nachdrücklichste Förderung er- fahren, es gilt, Mittel und Wege zu finden, die menschliche Fortpflanzung in gesunde Bahnen zu lenken. Wie das geschehen kann, möchte Christen in seiner Schrift darlegen. Es ist wahr, er stellt an den Optimismus seiner Leser keine geringen Anforderungen, aber wohin kämen wir, wenn wir diesen nicht besäßen und in stiller Resignation den Dingen ihren Lauf lassen wollten ? Man kann auch Christen beipflichten, wenn er dafür eintritt, die sexuelle Frage gleich von mög- lichst vielen Seiten aus anzufassen. Sie ist ein materielles und ein ideelles Problem, gesundheit- liche und wirtschaftliche P"ragen stehen auf der einen Seite, sittliche und religiöse auf der anderen. Dementsprechend setzt sich die Schrift Christen 's aus mehreren Teilen zusammen, aus einem natur- geschichtlichen , einem gesundheitlichen , einem sozialen und einem erzieherischen Abschnitt. Der naturgeschichtliche Teil, in dem einiges über die menschliche Entwicklung, über Vereibung, innere Sekretion und verwandte Fragen gesagt wird, ist recht kurz gehalten; man hätte eine etwas ausführlichere Darstellung gewünscht. Bei Be- sprechung einer kürzlich erschienenen Schrift von Doflein über die Fortpflanzung, die Schwanger- schaft, und das Gebären der Säugetiere ') wurde bereits darauf hingewiesen, wie erschreckend ge- ring in weiten Kreisen die Kenntnisse über die biologischen Grundlagen der P^ortpflanzung, über Befruchtung, Schwangerschaft, Geburtsakt usw. sind. Eine Besserung dieser Verhältnisse bedeutet aber zweifellos einen wichtigen Faktor bei den Bemühungen um eine Gesundung des mensch- lichen Geschlechtslebens. Der zweite Teil, in dem die Bedeutung von Krankheiten und Gebrechen (die Unfruchtbarkeit und ihre Ursachen, die Verirrungen des mensch- lichen Geschlechtstriebes, die Störungen der Fort- pflanzung, die Entartung des Menschengeschlechtes und ihre Ursachen, die Geschlechtskrankheiten) für die sexuelle P>age behandelt wird, ist wesent- lich ausführlicher. Besonders eindringlich werden die Gefahren des Alkoholismus, der schlimmsten Quelle der Entartung, und der Geschlechtskrank- heiten geschildert. Der Kampf gegen diese Geißeln der Kulturmenschheit muß mit den schärfsten Waffen gefuhrt werden. Auf den dritten Abschnitt, der den sozialen Teil der sexuellen Frage behandelt, legt Christen den größten Wert, da gerade die soziale Seite der Frage, und vornehmlich das rein wirtschafiliche Moment, in den bisherigen Schriften nur ganz oder überhaupt nicht zur Diskussion gestellt worden ist. Hier entwickelt der Verfasser einen besonders weitgehenden Optimismus, und er dürfte recht be- halten, wenn er der Meinung Ausdruck gibt, daß dieser Teil am meisten auf Widerstand stoßen ^) Siebe Seite 439 f. des vorigen Jahrganges dieser Zeitscbr. 176 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. wird. Es ist Sache der Nationalökonomen, sich mit den Vorschlägen Christen's auseinander- zusetzen, hier möge eine kurze Andeutung darüber genügen, auf welchem Wege er eine Lösung des Problems sucht. Nur auf ürund einer natürlichen Wirtschaftsordnung hält er eine Aufwärtsentwick- lung des Menschengeschlechtes für möglich, nur durch Überwindung des Kapitalismus können gesunde wirttchaitliche Zustände geschaffen werden. Die Prostitution hat ihre Hauplursache in der materiellen Notlage der arbeitenden Frauenwelt. Die Grundrente muß an die Mütter des Landes abgeführt werden nach Maßgabe ihrer Kinderzahl, eine zinsfreie Wirtschaft muß an die Stelle der Zins- und Rentenwirtschaft treten. Es sind in der Hauptsache die Lehren des amerikanischen Bodenreformers H. George, des französischen Sozialisten P. J. Proudhon und des deutschen Wirtschafisreformers S. Gesell, auf denen Christen fußt. Der vierte Teil, das sittlich-religiöse Moment der sexuellen Frage umfassend, ist wieder ziemlich kurz gehalten. Zu einer ausführlichen Darstellung dieser Seite des Problems, die gewiß nicht weniger wichtig ist als die materielle Seite, vielleicht diese an Wichtigkeit sogar in mancher Hinsicht noch überragt, lag allerdings insofern keine Veranlassung vor, als die ethischen Fragen bereits in einer Reihe vorzüglicher Schriften — es seien nur die von Förster, Lhotzky, Wegener genannt — behandelt worden sind. Nachtsheim. Trendelenburg gibt in dem außerordentlich klar und anschaulich geschriebenen Büchlein zunächst eine Übersicht über die stereoskopischen Methoden der Raummessung überhaupt, um dann eingehend einen von ihm konstruierten Apparat zu besprechen, mit dessen Hilfe es möglich ist, stereoskopische Röntgenaufnahmen herzustellen, die in allen drei Dimensionen völlig dem durchleuchteten Objekte gleichen. Ein solches „objektgleiches" Röntgen- raumbild liefert der Aufnahmeapparat dann, wenn die perspektivischen Zentren der Aufnahme (die Brennflecke der Antikathoden) zu den beiden photographischen Platten genau ebenso orientiert sind, wie später bei der stereoskopischen Betrach- tung der Platten die Drehpunkte der beiden Augen des Beobachters. Dieser wichtigsten Forderung entsprechen die nach den Angaben des Verf. von der Firma Leitz in Wetzlar gebauten Aufnahme- und Betrachtungsapparate. Die beiden Röntgen- plalten werden in einem nach dem Prinzipe des Wheatstone'schen Spiegelstereoskopes gebauten Apparate betrachtet, und da unbelegte Spiegel zur Verwendung kommen, kann der Beobachter (wenn er über eine normale binokulare Tiefen- wahrnehmung verfügt) an dem virtuellen Spiegel- raumbilde mit Hilfe eines Zirkels unmittelbar alle ihn interessierenden Distanzen bis auf Bruchteile eines Millimeters genau ausmessen. Gerade diese außerordentliche Einfachheit und Genauigkeit des Meßverfahrens macht den Trendelenburg'schen Apparat zu einem wertvollen Hilfsinstrumente des Chirurgen. v. Brücke, Innsbruck. W. Trendelenburg. Stereoskopische Raum- messung an Röntgenaufnahmen. J. Springer, Berhn 19 17. Für jeden Chirurgen, der die Aufgabe hat, einen tiefer eingedrungenen, im Röntgenbilde sichtbaren Fremdkörper operativ zu entfernen, ist es von größler Wichtigkeit, diesen Fremdkörper schon vor Beginn der Operation möglichst genau lokalisiren zu können, da er nur dann hoffen kann, ihn bei der Operation rasch aufzufinden und nicht beim Suchen unnötig große und oft gefährliche Neben-Verletzungen zu setzen. Als der weitaus verläßlichste Weg zur Fremd- körperlokalisation hat sich die Aufnahme stereo- skopischer Röntgenbilder erwiesen, die — ähnlich wie andere stereoskopische Photographien — durch Doppelaufnahmen von zwei verschiedenen Standpunkten aus gewonnen werden können. Zuntz, N., Ernährung und Nahrungs- mittel. 3. Aufl. Mit^ 6 Textabbildungen und einer Tafel. 19. Bändchen der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt". Leipzig und Berlin. B. G. Teubner. 1918. — 1,50 M. Die neue Auflage des Frentzel'schen Büch- leins ist von N. Zuntz so weitgehend umge- arbeitet worden, daß das Bändchen nunmehr unter seinem Namen erscheint. Der bekannte Physiologe wird in der jetzigen Zeit ein besonders aufmerk- sames Lesepublikum auf einem Gebiete finden, auf dem er selber in mannigfacher Hinsicht zum Allgemeinwohl tätig ist. Die sorgfältige und sehr reichhaltige Darstellung gibt dem Leser eine aus- gezeichnete Darstellung der allgemeinen Ernäh- rungsphysiologie sowie der wichtigsten Nährstoffe. Miehe. Inhalt! Hugo Fischer, Zur Phylogenie des Blattgrünfarbstoffes. S. 161. Karl Kuhn, Die Ablenkung von Lichtstrahlen im Graviialionsfeld. S. 164. — Einzelberichte: K. Sapper, Katalog der geschichtlichen Vulkanausbrüche. Briiräge zur Geographie der tätigen Vulkane. S. 166. K. K eil hac k, Die großen üiinengebiete Norddeutschlands. S. 167. O. Grupe, Über Jüngeren und Alleren Löfl im Fluflgebiel der Weser. S. 169. Fredrik Enquist, Der Einfluß des Windes auf die Verteilung der Gletscher. S. 170. H. Groß mann. Die Versuche zur Lösung der Slickslofftrage im feindlichen Ausland. S. 172. Innes, « Centauri. S. 173. Berberich, Verringerung der Helligkeit der Kometen. S. 173. P. A. Dietz, Meer und Süßwasser in der Phylogenese der Fische. S. 174. — Bücherbesprechungen: Th. Christen, Die menschliche Forlpflanzung, ihre Gesundung und ihre Veredelung. S. 175. W. Tre ndelen bürg, Stereoskopische Raummessung an Röntgenaufnahmen. S. 176. N. Zuntz, Ernährung und Nahrungsmittel. S. 176. Manuskripte und Zuschriften werden an Prof. Dr. H. Miehe, Berlin N 4, Invalidenstraße 42, erbeten. Verlag von Gustav Fischer in Jena. Druck der G. Pätz'schen Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumbtirg a. d. S. Naturwissenschaftliche Wochenschrift. »Ige 17. Bani I Reihe 3^, ] Sonntag, den 31. März igi8. Nummer 13. [Nachdruck verboten.] über Wasserinüben. Von K. Viets, Bremen. Mit 7 Abbildungen im Text. Bereits mehrfach wurde in diesen Blättern zu- sammenfassend über niedere Tiere berichtet, auch über solche, die weniger aus Gründen ihres Nutzens oder Schadens für den Menschen von Interesse und seiner Beachtung wert sind. Es ist daher wohl am Platze, auch einmal ein grob umrissenes Bild unserer Kenntnis von den Wassermilben zu bringen. So ganz unbekannte resp. nie gesehene Tiere dürften diese Milben, die in grolier Zahl und Mannigfaltigkeit, in oft prächtig leuchtenden Farben in allen bewachsenen stehenden und fließenden Gewässern anzutreffen sind, nicht sein, daß nicht bereits der Wunsch bestanden haben sollte, einmal näheres darüber zu hören, ohne erst mühsam die zahlreiche, zerstreute Literatur in Anspruch nehmen zu müssen. Die Wassermilben sind durchaus nicht alle klein, so klein wie unter den bekannteren Milben beispielsweise die gefürchteten Wohnungs- und Krätzmilben, wie die Mehl- und Käsemilben. Alle Wassermilben sind als solche im erwachsenen Zustande auch mit unbewaffnetem Auge zu er- kennen, die kleinsten Formen von nur 0,3 mm Größe allerdings wohl nur für geübtere Augen. Die größten unter den Wassermilben, beispiels- weise die leicht an den nachschleppend getragenen Hinterbeinen erkennbaren roten Kylais-Arten und die fast kugelrunde, symmetrisch schwarz und rot gefleckte Hydrarachna geographica erreichen Größen von 7 — 8 mm. Unsere Kenntnis der Hydracarinen, der Hydrach- niden älterer Autoren, ist, wenn wir der relativ geringen Größe, ihrer Unbedeutenheit im Haus- halte der Natur, wenigstens was einen eventuellen Schaden oder Nutzen lür den Menschen anbelangt, Rechnung tragen, immerhin schon ziemlich alt. Den alten Mikroskopikern F'risch, Swammerdam, Roesel von Rosenhof u. a. entgingen diese lebhaften Wasserbewohner nicht. Erst der hervor- ragende dänische Forscher O. F. M ü 1 1 e r ^j lieferte in seinen „Hydrachnae" eine Darstellung dieser Tiergruppe,die noch heute,nach länger als 1 2 5 Jahren, als eine für den Systematiker brauchbare Bearbei- tung von mehr als nur historischem Werte erscheint. Von Müllers 49 beschriebenen und auf Tafeln abgebildeten Wassermilbenarten, die er alle in eine Gattung — Hydrachna — einordnete, sind bis jetzt etwa ^/^ wiedererkannt worden, ein Be- weis der Sorgfalt und Genauigkeit, mit welcher die Kennzeichnung dieser Tiere trotz der damaligen primitiven Mikroskope und der gleichfalls erst in ihren Anfängen stehenden bildlichen Reproduktions- technik erfolgt war. Den weiteren Ausbau der Hydracarinen-Syste- matik zu verfolgen, erübrigt sich hier. Als Mark- steine auf dem Wege unserer systematisch-morpho- logischen Erkenntnis der Hydracarinen mögen nur R. Piersigs großes Werk über „Deutschlands Hydrachniden" '^) und seine „Hydrachnidae" ^) im Tierreich genannt werden. Diese letztere, erst 1901 abgeschlossene Bearbeitung stellt insgesamt, als bis dahin von der ganzen Erde bekannt, 550 Arten fest. Wenige Jahre später, 1909, er- brachte F. Koenikes*) Zusammenstellung der rein deutschen Hydracarinen-Arten 267 Formen. Seitdem ist die Zahl der bekannten Arten, nament- lich die der außerdeutschen, erheblich gewachsen, sind doch bis jetzt insgesamt etwa 1300 Wasser- milbenformen beschrieben worden. Und auch die Zahl der in Deutschland gefundenen Arten hat sich seit Koenike's Bearbeitung wieder um fast 100 vermehrt.^) Neben dem rein systematischen Studium wurde schon früh mit entwicklungsgeschichtlichen und anatomischen Forschungen bei den Hydracarinen begonnen. Als besonders günstiges Objekt boten sich die in Muscheln in und zwischen deren Kiemen lebenden parasitischen Ünionicola(syn.: Ataxj- Arten dar. Alle Entwicklungsstadien vom Ei bis zur erwachsenen Form, der Imago der Milbe, finden sich hier nebeneinander. P. J. v. B e n e d e n ') und Claparede'j stellten als erste den Ent- wicklungsgang der Wassermilben fest. Nach ihnen und späteren Berichtigungen und Ergänzungen sind drei Penoden der Entwicklung zu unterscheiden. Jede dieser Perioden umfaßt drei Phasen und endet je mit einem meist freilebenden Stadium. Die erste Penode endet mit dem Stadium der Obeinigen Larve (Abb. 1), die zweite mit dem der Sbeinigen, ') O. F. Müller, Hydrachnae, quas in aquis Da palustribus detexit, descripsit etc. Lipsiae, 1781. *) R. Piersig, Deutschlands Hydrachniden. Zoologica, Heft 22. Stuttgart, Schweizerbart, iSgy — 1900. ä) R. Piersig, Hydrachnidae. Tiereich, 13. Lief. Berlin, Friedländer, 1901. ') f. Koenike, Acarina. In: A. Brauer, Die Süfl- wasserfauna Deutschlands. Heft 12, S. 13 — 184, Fig. 7 — 277. Jena, G. Fischer, 1909. *J K. Viets, Die Fortschritte in der Kenntnis der Hydra- carinen ^1901 — 1912). 1. Teil. Europa. II. Teil. Die außer- europäischen Erdteile. Arch. Hydrobiologie. Bd. Vlll. 1913, S. 589-629. Bd. IX. 1914, S. 550—578. °j T. J. van Beneden, Recherchessurl'histoire naturelle et le developpement de l'Atax ypsilophora. . . . Mem. Acad. R. Sei. Belgique. 1848. To. XXiV, p. 1 — 24. Taf. I. ';Ed. Claparfede, Studien an Acariden. Zeitschr. wiss.Zool. 1869. Bd.XVUI, H.4, S. 445— 556, Taf. XXX— XL. 178 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr. 13 geschlechtlich unentwickelten Nymphe (Abb. 2) und die dritte mit dem der adulten, geschlechts- reifen Form, der Imago (Abb. 3, 4). Erst bei ganz verschwindend wenigen Milbenformen ist die lückenlose Entwicklung bekannt und auch nur in den jeweils frei beweglichen Stadien. Bei den allermeisten Arten kennen wir die Jugendstadien gar nicht oder nur so ungenügend, daß eine Be- stimmung von Larven z. B. auf die größten Schwierigkeiten stößt, nur selten und nur bei den bekanntesten Gattungen bis auf das Genus und fast nie mit Sicherheit bis auf die Art möglich ist. Hand in Hand mit der Untersuchung entwick- lungsgeschichtlicher Fragen wurde auch die äußere und innere Morphologie *j gefördert. Vielfache Differenzen entstanden namentlich betreffs der Deutung der Verdauungsorgane der Hydracarinen. Abb. 2. Piona nodata (Müll.) Junge Nymphe. 400 fi lang. Orig. Abb. I. Piona nodata (Müll.) Larve. 435 fi lang (mit Mundorgan). Orig. Die Ansicht, daß bei den Wassermilben ein durch- gehender Verdauungskanal mit echter Analöffnung bestehe, hat sich als irrig erwiesen. Genaue Unter- suchungen lassen erkennen, daß der Darm nach hinten blind in der Leibeshöhle endet, daß ein Rektum und Anus fehlen. Exkretorische Tätigkeit übernimmt ein besonderes, längs der Rückenmitte gelegenes schlauchförmiges Organ, das bei den meisten Wassermilben als eine vorn gegabelte, Yförmige, meist leuchtend gefärbte Zeichnung durch die Haut hindurchscheint. Dieses Exkretions- organ endet meistens ventral nahe oder am Hinter- rande des Körpers mit einer feinen Öffnung. Eigenartig ist auch die Atmung der Wasser- milben. Schon früheren Forschern war aufgefallen, daß die meisten Hydracarinen wohl Stigmen *) und ein mit Luft gefülltes Tracheensystem besitzen, daß sie aber nie, auch Nichtschwimmer und Tiefeniiere nicht, an die Wasseroberfläche kommen, um zu atmen. Auch spätere Versuche, bei denen Hydra- carinen lange Zeit so unter Wasser abgesperrt wurden, daß ein Luftholen von der Wasserober- fläche ausgeschlossen war (Vleet^")), konnten kerne Auf klärung bringen. Nach Thor' s *') Unter- suchungen sind die beiden äußeren Tracheenenden mit den Tracheenöffnungen (Stigmen) frei beweg- lich. Sie werden bewegt durch die hebelartig an den zweiMandibeln befestigten sogen. Luftkammern. Thor vermutet, daß durch die zarte Verschluß- membran der Stigmen der Übertritt des Sauerstoffs aus dem Wasser in die Lufikammer erfolgt. Recht auffallend ist bei vielen Wassermilbenarten der das männliche Geschlecht betreffende sexuelle Dimorphismus. Die Männchen der artenreichen ?Abb. 3. Piona nodata (Müll.) (/. 735 // lang. Orig. Gattung Arrhenurus zeigen in ihrer Körpergestalt nicht selten geradezu bizarre Bildungen. Ecken, Fortsätze und Höcker des Rumpfes, ein eigenartiger hinterer Körperanhang, oft lang und spindelförmig (Abb. 5), oft eingekerbt oder lochartig durchbrochen, oft mit großen Seitenecken und mit hinten in der Mitte aufgesetztem Petiolus, einem anker-, stab- oder spateiförmigen Chitingebilde, ferner ge- krümmte Borsten und hyaline Anhängsel verleihen dem Tiere (Abb. 6) ein eigenartiges Aussehen. Ganz anspruchslos in der Form sind dagegen die meist eilörmigen, höchstens durch einige Höcker- bildungen au^gezelchneten Weibchen der Gattung. Einen Petiolus tragen auch die Männchen der Gattung Hydrochoreuies, dazu noch am dritten Beinpaare ein hakiges Greiforgan. Ähnliche Greif- en the moutb-parts and respira- holosericea Latr. etc. Inaug.-Diss. ") cf. die Literaturzusammenstellung in Viels, Fort- schritte . . . 1. c. II. Teil. S. 571—574. *) Die Stigmen liegen auf der Oberseite des Mundorgans nahe dessen Grunde. '») A. H. van Vlee tory-organs of Limnochar( Leipzig, 1897. ") Sig. Thor, Recherches sur l'anatomie compar^e des Acarieus prostigmatiques. Ann. Sei. Nat., Zool. 8. S6r. To. XIX. Paris 1903. N. F. XVn. Nr. 13 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 179 und Klammerorgaiie finden sich bei den Männchen mehrerer Gattungen. Die Vermutung, daß der- artige Organe zum Ergreifen und Festhalten des Weibchens während der Copula zu dienen haben werden, hat sich bei manchen dieser Gattungen bestätigt und dürfte bei den übrigen auch zutreffen. Diese Funktion der Greiforgane an den Beinen ist erst bei drei Gattungen, bei Piona^^), Kongs- bergia'^) und Acercus ^*) tatsächlich beobachtet worden. Die Piona-Männchen besitzen an den vierten Beinen ein eigenartig gekrümmtes, mit kurzen Dornen besetztes viertes Glied. '^) Zur Ergreifung Abb. 4. Piona nodata (Mall.) 9. 1020 /i lang. Orig. und Übertragung des während der Brunstzeit in einer oft umfangreichen und vertieften Samentasche ver- wahrten Spermapaketes sind außerdem die End- glieder der dritten Beine durch Modifikation der Krallen zu einem sog. Samenüberträger umgestaltet worden. Der eigentliche Begaltungsvorgang erfolgt bei Piona in ähnlicher Weise wie bei Acercus, einer verwandten Gattung, deren Männchen in den Hinterbeinen meist durch Verbreiterung des vierten Gliedes ausgezeichnet sind. Die Weibchen beider Gattungen sind geschlechtlich nicht besonders charakterisiert. Die Copula bei diesen beiden Gattungen geschieht in der Weise, daß das Männ- chen sich am Weibchen mit Hilfe namentlich der zweiten und vierten Beine festklammert. Bei Acercus hängt dabei das Männchen so unter dem Weibchen, daß, letzteres in normaler Stellung gedacht, das Kopfende des Männchens senkrecht nach unten hängt (Abb. 7) und sein hinteres Körperende dem weiblichen Vorderkörper genähert ist. Das von den Samenüberträgern der dritten Beine erfaßte Samenpaket '*) kommt bei dieser Lage in die Nähe der weiblichen Geschlechtsöffnung und wird unter zitternden, tupfenden Bewegungen der dritten Beine auf der Genitalöffnung hin und her bewegt. '^J K. Koenike, Seltsame Begattung unter den Hydrach- niden. Zool. Anz. 1891. Vol. XIV, p. 253 — 256, Fig. I. ") Sig. Thor, Zwei neue Hydrachniden-Gattungea etc., nebst Bemerkungen über die Begattung von Hjartdalia n. g. Zool. Anz. 191 1. Vol. XXIV, p. 673— 6S0. ■*) K. Viets, Über die Begatlungsvorgänge bei Acercus- Arten. Intern. Revue Hydrobiol. 1914. Biol. Suppl. zu Bd. VI. p. 1 — 10. ") In Abb. 3 ist das Glied in Aufsicht dargestellt und dieses daher nicht gut als Hakea erkennbar. Abb. 5. Arrhenurus caudatus (Degeerjo^. 1410 /< lang.^Orig. wobei wahrscheinlich die Spermatophoren geöffnet werden und das Sperma in die Öffnung gelangt. Dieser interessante Vorgang ist bei der in stehen- den Gewässern (Gräben und Tümpeln, Freiland- becken und anderen, selbst kleinen, wenn auch im Hochsommer austrocknenden Wasseransammlun- gen) häufigen Piona nodata (O. F. Müll.) leicht zu beobachten. Im Frühjahr sind Männchen und Weibchen meist in großer Anzahl erhältlich. Die Männchen tragen in der Zeit die dritten Beine fast regelmäßig bereits eingekrümmt, mit in der Samentasche ruhenden Gliedenden. In einer kleinen Schale Wasser mit den Weibchen zusammengebracht ") an einem Stachelpolster hängende Spermatophoren- schläuche. i8o Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 13 findet man dann nach ganz kurzer Zeit bereits kopulierende Paare. Wie auf vielen anderen zoologischen Gebieten begann auch in der Hydracarinologie die Ökologie erst in jüngerer Zeit besondere Bedeutung zu ge- winnen. Damit ist jedoch nicht eine Vernach- lässigung der Systematik und Morphologie ge- meint. Es begann eine intensivere Erörterung der Fragen nach der Lebensweise dieser Tiere und im Zusammenhange damit die Erkennungs- und Erklärungsversuche der aus der Lebensweise resul- tierenden, den Bau der Hydracarinen betreffenden Faktoren. Die Anpassungserscheinungen bei den Wassermilben, ihre Verbreitungsweise und Wohn- gebiete, ihre Entwicklungsgeschichte sind Gebiete, die vorwiegend erst in diesem Jahrhundert er- örtert wurden. in ihnen stattfindenden Vermoderungsprozesse einen geringeren Sauerstoffgehalt als beispielsweise Ge- birgsbäche. Dem jeweiligen Milieu mußten sich die Hydracarinen in Lebensweise und Körperbau anpassen. Von Zschokke,^») Walter'^») und S t e i n m a n n "') wurden diese Änpassungserschei- nungen der Wassermilben schweizerischer Gewässer eingehend untersucht und von anderen Forschern ^'■^) sowohl bei Hydracarinen als auch für andere Tier- gruppen weitere Belege beigebracht. Das betreffs Lebensweise und Körperbau der Wassermilben einschneidendste Moment ist offen- bar das der Wasserbewegung. Hydracarinen stehenden Wassers sind fast ausnahmslos Schwim- mer, die zum Teil recht geschickt mit Hilfe ihrer mit langen und zahlreichen Schwimmhaaren versehenen, Abb. bruzelii Koe o'. II2S fi lang. Orig. C. L. Koch,'*) der etwa ein halbes Jahr- hundert nach O. F. Müller eine systematische Bearbeitung der Wassermilben brachte, teilte diese in Fluß- und Weihermilben ein. Damit traf er, ohne es freilich zu wissen und zu wollen, ohne damit die Hydracarina ihrer Ökologie entsprechend richtig gewertet zu haben, in dieser Hinsicht und rein dem Namen nach das Richtige. Die typischen Bewohner der fließenden Gewässer, am ausge- prägtesten die alpinen Bachhydracarinen, die tor- renticolen Arten, haben als F'olge ihrer Vorliebe für schnell fließendes, dauernd tief temperiertes, sauerstoffreiches Wasser den Bewohnern der stehenden Gewässer gegenüber ganz aparte An- passungserscheinungen aufzuweisen. Stehende Ge- wässer zeigen eine jahreszeitlich stark wechselnde Wassertemperatur, besitzen infolge der fehlenden dauernden Wasserbewegung, der relativ größeren darin lebenden Organismenmenge und wegen der Abb. 7. Acercus ornatus (Koch). ) V. Brehm, Die Bedeutung der japanischen Corallin- Age für den europäischen Süßwasserbiologen. IX» Congrfes int. Zool. ä Monaco. Rennes 1914. p. 556. '•ä«) z. B. Wasserkäfer und Wanzen, Libellen und Mücken. l82 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVII. Nr. 13 und transportieren am Körper, an Beinen und Flügeln Jugendstadien von Wassermilben. Wasser- vögel werden auch nicht selten in Schlammteilen an ihren Füßen den Transport bewerkstelligen, widerstehen doch Hydracarinen sehr wohl selbst längerer Austrocknung. In derselben passiven Weise wandern sicher auch zumeist die Hydra- carinen der fließenden Gewässer des Tieflandes. Diesen Formen, die in ihren Anpassungserschei- nungen jedoch nicht die extrem torrentikolen Züge zeigen, die in dem wechselnd temperierten, nicht dauernd eisigen Wasser der relativ gemäßigt strömenden Flüsse und Bäche leben, die nicht ausgesprochen stenothermen, eustenothermen, son- dern nur hemistenothermen Charakters sind, die zum Teil noch schwimmen können, ihnen wird man die Möglichkeit auch aktiven Wanderns nicht absprechen dürfen. Wie geschah aber die postglaziale Verbreitung der Hydracarinen ins Hochgebirge,-') bis an die Eisregion ? Die Antworten sind hypothetisch hier wie dort. Manche Arten wandern aktiv, andere passiv. Nähere Aufschlüsse können hier erst weitere Untersuchungen vor allem der Entwick- lungsgeschichte der Wassermilben bringen. In den wenigsten Fällen wissen wir etwas über die Lebensweise der Hydracarinenlarven, über die Zeit und vor allem den Ort ihrer Entwicklung bis zur Nymphe. Manche dieser winzigen Larven laufen und springen aus dem Wasser. Wo bleiben sie? Sie besteigen (ob immer?) ein Insekt, auf dem sie die nächste Entwicklungszeit verbringen. Wir wissen nur in den wenigsten Fällen, welcher Art die Wassermilbenlarven auf einem Insekt angehören. Wir wissen im anderen Falle nicht, welches Wirts- tier wir einer eben ausgeschlüpften Hydracarinen- larve als ihr zusagend zuweisen sollen. Ein Expe- rimentieren stößi hier auf außerordentlicheSchwierig- keiten. Andere Larven (Lebertia, wie neuerdings von Walter-') bekannt gegeben), Bewohner kalter Bäche, lassen vermuten, daß ihre Entwicklung ohne Zuhilfenahme eines Wirtstieres vonstatten geht. Erstere mögen passive, diese aktive Wanderer sein. Wie die Einzelentwicklung der Hydracarinen noch zahllose Rätsel und Unklarheiten birgt, so sind noch ebenso sehr die Abstammungs- und Verwandtschaftsverhältnisse ^*) der großen Milben- gruppen untereinander verschwommen und in der Vorzeit vergraben, die in diesem Falle aller Wahr- scheinlichkeit nach keine fossilen Zeugen ans Licht bringen wird. Wir durchstreiften ein kleines und doch weites, unbegrenztes Gebiet. Scheinbar isoliert betrachtet und doch in innigem Zusammenhang stehend mit allgemein-zoologischen Fragen ist es ein Gebiet, dessen Bearbeitung wohl reiche Früchte der Er- kenntnis trug, das aber gleichzeitig neue Fragen stellt und zu den neuen immer neue hinzufügen wird. *') C. Walter, Beitrag zur Kenntnis der Entwicklung bachbewohnender Milben. Verh. Naturf. Ges. Basel. 1917, Bd. XXVllI 2. Teil, p. 148—164. 2') E. Reuter, Zur Morphologie und Ontogenie der Acariden etc. Acta Soc. Sei. Fennicae. Tora. XXXVI, Nr. 4. Helsingfors 1909. Resnpination bei dorsiventralen nnd isolateralen Pflanzenorganen. (Nachdruck verhotcn.l Von F. W. Neger, Tharandt. Mit 7 Abbildungen im Text. Unter Resnpination versteht man bekanntlich die Erscheinung, daß ein dorsiventrales Organ, z. B. ein Blatt oder eine zygomorphe Blüte sich so umdreht (durch Drehung des Blatt- oder Blüten- stiels), daß die Oberseite nach unten zu liegen kommt und umgekehrt. Aber auch isolaterale Organe können eine ähnliche Umorientierung erfahren, nur daß man dann nicht mehr gut von Ober- und Unterseite und Umschaltung derselben sprechen kann. Einige der auffallendsten im Pflanzenreich vorkommenden Fälle von Resupination und ihre Bedeutung für das Leben der betreffenden Pflanzen — soweit wir darüber etwas wissen — sollen im folgenden kurz erörtert werden. Der bekannteste Fall von Resupination bei Blüten ist der von Orchideen, deren Blattstiel bzw. unterständiger Fruchtknoten so gedreht ist, daß die ganze Blüte sozusagen auf den Kopf zu stehen kommt. Das größte Blumenblatt, das sog. Labellum, ist das obere des inneren Kreises und müßte demgemäß — wenn die Blüte nicht resu- piniert wäre — die oberste Stelle der Blüte ein- nehmen. Die Blüten der Orchideen sind so hochentwickelte Anpassungen (Ökologismen) an die besonderen Verhältnisse der Pullenübertragung durch Insekten, daß es ein aussichtsloses Unter- nehmen wäre, den vermutlichen Ursachen dieser Resupination nachzugehen zu suchen. Etwas leichter verständlich sind die ursäch- lichen Verhähnisse bei einigen Blattresupinationen, wie wir sie namentlich bei langen grasähnlichen Blättern finden. Indessen lassen sich diese Er- scheinungen durchaus nicht auf eine Formel bringen, vielmehr bestehen sowohl hinsichtlich des Zustandekommens als auch der ökologischen Be- deutung große Unterschiede. Als Typen können gelten Liiziila albida, Poa nenioralis, sowie eine große Anzahl anderer Gräser, z. B. Aira caespitosa und Pflanzen mit grasähnlichen Blättern. Ist Luzula albida einseitig beleuchtet, wie dies an natürlichen Standorten — Waldränder -^ oft vorkommt, so nehmen die Halme eine schiefe, dem Licht zugewendete Stellung an ; infolgedessen schlagen die Blätter der lichtabgewendeten Seite N. F. XVn. Nr. 13 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. ■83 nach der Lichtseite über, während die der Licht- seite ihre ursprüngUche Stellung beibehalten. Da sich bei dieser Pflanze die Spaltöffnungen nur an der Blattunterseite befinden, so sind diese nun an den übergeschlagenen Blättern nach oben gewendet. Diese zwangsweise Änderung der normalen Vege- tationsbedingungen scheint der Anlaß dafür zu sein, daß sich die nach der Lichtseite überge- schlagenen Blätter in der vorderen Hälfte um 1 80 " drehen und so wieder die normale dorsiven- Abb. I. Lujula albida 1 übergeschlagenen und nachträglich resu- pinierten Blatt ( Morph. Oberseite gestreift, Unterseite dunkel.) trale Anordnung hergestellt wird. Jedenfalls sind es nur die infolge ihres Gewichts übergeschlagenen Blätter, an welchen man die genannte Resupination beobachtet, nicht aber die in normaler Lage ver- harrenden Blätter (Abb. l). In diesem P'all von Resupination scheint also die Rücksicht auf die Wasserökonomie der maß- gebende Faktor zu sein; durch die Resupination gelangen die Spaltöffnungen wieder in normale Lage, d. h. es wird verhütet, daß die Transpiration zu groß wird. Anders liegen die Verhältnisse bei Poa nemoralis, einer Graminee, welche ähnliche Standorte bevorzugt wie Luzula albida — näm- lich Waldränder. Auch hier schlägt infolge schiefer Stellung der Halme ein Teil der Blätter, d. h. die der Schatten- seite, nach vorn, nämlich nach der Lichtseite über. Indessen kommt es hier in der Regel zu keiner nachträglichen Resupination (wie bei Luzula), sondern die übergeschlagenen Blätter verharren in der Zwangslage und stellen sich, ebenso wie die nicht übergeschlagenen Blätter der Lichtseite, auf das große diffuse Tageslicht ein. Das Ausbleiben der Resupination dürfte hier damit zusammen- hängen, daß diese Blätter nicht streng dorsiventral Abb. 2. Blatt von Poa nemoralis in Feuchtkullur, stark resupiniert. Abb. 3. a) sechsmal gedrehtes Blatt von Typha an- gustifolia. b) Im Stiel gedrehtes Blatt einer Alstroemeria. gebaut sind; sie tragen auf beiden Seiten Spalt- öffnungen — auf der Oberseite allerdings mehr als auf der Unterseite — und es ist daher wohl gleichgültig, welche Blattseite dem die Transpira- tion fördernden diffussen Tageslicht zugewendet wird. Nur zuweilen beobachtet man auch bei Poa nemoralis eine halbe Drehung der Blätter, meist derart, daß die vordere Hälfte der Blatt- fläche vertikal steht (Abb. 2). Dieser Fall leitet nun zu dem dritten Typus über, der durch zahlreiche andere Gräser und Pflanzen mit grasähnlichen Blättern vertreten wird. Die meisten hierher gehörigen Pflanzen besitzen nicht dorsiventral, sondern mehr oder weniger isolateral gebaute Blätter, d. h. ein Unterschied i84 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr 13 zwischen Ober- und Unterseite ist wenig ausge- prägt, oder fehlt ganz. Bei den meisten Getreidearten, bei Quecke und vielen anderen Gräsern sind die Blätter häufig um 180" um ihre eigene Achse gedreht. Es sind verschiedene Versuche gemacht worden, für die Drehung der Grasblätter eine einleuchtende Erklärung zu finden. Czapek hat die Frage bei Alstroemeria-hr\.tn auch experimentell verfolgt und gefunden, daß die Drehung der Blätter dieser südamerikanischen Amaryllidaceen auch im Fin- steren — wenngleich etwas langsamer — erfolgt (Abb. 3 b). Bezüglich der Entstehung dieses Vorganges kommt er zu einer Erklärung, die auch Goebel vertritt: „Die verkehrt orientierten Blätter der Alstroemeria sind im Lauf der phylogene- tischen Entwicklung aus solchen mit Profilstellung hervorgegangen; diese Stellung, die als Schutz gegen die intensive Besonnung und Transpiration angenommen wurde, änderte sich bei ver- änderten Verhältnissen wieder in Flächenstellung, aber nicht durch Rückgängigmachen der Drehung von 90°, sondern durch Weiterdrehen bis zu 180". Damit nahm das Blatt wieder dorsiven- tralen Charakter an." b. 4. Blatt von Lolium perenne aus Feuchtbultur (steriler Sproß) viermal resupiniert. In ähnlicher Weise denkt sich Goebel die Drehung der Blätter gewisser Gräser entstanden, z. B. bei Melica 7iutans. Er erinnert daran, daß nahe Verwandte derselben als Xerophyten Rollblätter besitzen, bei welchen die Unterseite den anatomischen Bau, der sonst der Oberseite zukommt, besitzen. Wenn nun solche Xerophyten sich wieder feuchteren Standorten anpassen, so wird das Blatt wieder flach und die mit Spalt- öffnungen besetzte Oberseite muß, um übermäßige Transpiration zu vermeiden, Unterseite werden, was eben nur durch Resupination möglich ist. Gegen diesen zweifellos einleuchtenden Er- klärungsversuch ist namentlich folgendes einzu- wenden: Bei vielen der hierher gehörigen Pflanzen geht die Drehung weiter (Abb. 4), bei manchen macht sie 360", oder sogar ein n-faches von 180" aus (z. B. 3— 4 X 180"). Dann kommt aber wieder die mit Spaltöffnungen versehene Blattseite nach oben zu liegen und der Nutzen der Resu- pination, soweit durch dieselbe Transpirationsschutz erzielt werden soll, wird hinfallig. Also müssen (wenigstens in diesen Fällen) für das Zustande- kommen der Resupination andere Faktoren maß- gebend sein. Der Vollkommenheit halber sei noch erwähnt, daß Stahl in der Drehung eine Erhöhung der mechanischen Festigkeit erblickt (besonders bei Alsfroenierta u. a.), und zwar zum Schutz gegen die mechanische Wirkung des Anpralls der Regentropfen. Gegen diese Deutung könnte manches eingewendet werden, z. B. daß viele zentralchilenische Alstroemeria- h.\\.tn gerade in der regenlosen Zeit vegetieren, also diesen Regen- schutz nicht nötig haben. Das gleiche gilt von einer nahe verwandten Liane Bomarea salsilla welche gewiß nicht viel von Regentropfen aus- zustehen hat, da sie durch das Blätterdach der Stützpflanze dagegen geschützt ist. Gegen'die'Annahme, daß, wie Goebel meint, die Wasserökonomie — Transpirationsbedingungen — 'maßgebend sei für die Drehung, spricht ins- besondere der Umstand, daß viele der hierher zu rechnenden Gräser (z. B. Triticuvi repens u. a.) (Abb. 5) Spaltöffnungen auf beiden Blattseiten besitzen, also nahezu oder vollkommen isolateral gebaut sind. Für solche wäre also eine Resu- pination vom Standpunkt des Transpirations- schutzes ganz bedeutungslos. Aber auch bei vielen anderen Pflanzen mit langen grasähnlichen Blättern — von mehr oder weniger isolateralem Bau — ist die ein- bis mehr- malige Resupination eine verbreitete Erscheinung, ich erinnere an Iris, Sparganiwn, Typha migusti- folia, sowie namentlich an südamerikanische Ery}7gium Arien (E. broniehaefülimn), und zwar ist die Anzahl der Drehungen bei einem Blatt um so größer, je länger es ist. Sehr instruktiv ist in dieser Hinsicht Typha angiisfi/olia (Abb. 3 a). Umgekehrt zeigen auffallend kurze Blätter bei Gräsern in der Regel keine oder nur eine schwache Resupination. Dies läßt vermuten, daß durch die Resupination die Biegungsfestigkeit erhöht werden soll, die N. F. XVn. Nr. 13 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. 185 offenbar um so mehr gefährdet ist, je länger ein schmales bandartiges Blatt ist. Bis zu einem gewissen Grad ließ sich .dies durch ein einfaches Experiment nachweisen. Wird Poa nemoralis — bei Beleuchtung von oben, so daß ein Neigen des Halmes verhindert wird — teils im feuchten Raum, teils in trockener Luft kultiviert, so ist die Resupination bei Pflanzen der ersteren Gruppe viel deutlicher als bei denen der letzteren (Abb. 2, 4). Umgekehrt ist — wie wir wissen und wie der gleiche Versuch zeigt — das mechanische Gewebe bei den Trockenkultur- pflanzen viel kräftiger entwickelt. Es scheint also der Grad der Resupination, welche die Biegungs- festigkeit zweifellos erhöht, in umgekehrtem Ver- hältnis zu stehen zur Entwicklung des mecha- nischen Gewebes, oder erstere kann letzteres bis zu einem gewissen Grad ersetzen (Abb. 6). Sehr einleuchtend ist dies bei den riesig langen Blättern des Rohrkolbens, die obwohl schmale und ziemlich 'dünne Bänder, selbst bei Abb. 6. Blattquerschnite von Poa nemoralis ; oben Trockenblatt, unten Feuchlblatt (rechte Blatthälfte), beide bei gleicher Vergrößerung gezeichnet ; mechanische Elemente schwarz. Starker Windbewegung nicht geknickt werden oder überhängen, sondern sich immer wieder senkrecht aufrichten. Auch für die Einhaltung der fixen Lichtlage dürfte das I — n mal gedrehte Blatt besser befähigt sein als ein dünnes, biegsames, nicht ge- drehtes und daher leicht überhängendes. Welchen Wert die spiralige Drehung für band- artige Gebilde hat, um eine feste gerade Form anzunehmen, zeigt die nebenstehende Abbildung 7, bei welcher zwei gleich große und zwei gleich schwere Papierstreifen, der eine glatt, der andere aufgerollt miteinander verglichen werden. Einen der merkwürdigsten Fälle von Resu- pination finden wir bei den Arten der Gattung Picea, Sect. Omorica}) Bei diesen Bäumen sind die Nadeln nicht vierkantig wie bei der Sect. Eupicea, wohin unsere gewöhnliche Fichte gehört, sondern zweiflächig wie bei den meisten Abies- Arten, nur mit dem Unterschied, daß die beiden SpaltöfTnungsreihen nicht die Unter-, sondern die Oberseite der Nadeln einnehmen. Dadurch, daß die Nadeln im Nadelstiel eine mehr oder weniger starke Drehung erfahren, kommt die mit Spalt- öffnungen versehene Nadelseite nach unten zu liegen. Interessant ist nun das Verhalten solcher Nadeln, die sich, infolge ausbleibender Drehung des Nadelstiels, so orientieren, daß die Spalt- öffnungen tragende (morphologische) Oberseite nicht dem Boden zugewendet sind. Solche Nadeln gibt es aber immer eine größere ."Anzahl, nament- lich in der Nähe der Terminalknospen, wo etwa 10 — 15 Nadeln mehr oder weniger kegelförmig zusammenneigen und die Knospe gewissermaßen einhüllen. Diese Nadeln zeigen nun häufig auch auf der sonst spaltöfifnungsfreien Seite eine oder einige ') Dahin gehören außer der Picea omorica (Bosnien, Serbien) noch P. ajanensis und P. hondoensis (Japan), sowie P. sitchensis (pazif. Nordamerika). Abb. 7. (Erklärung im Text.) ; kurze Reihen von Spaltöffnungen, und zwar nicht nur an jenen Nadeln, deren morphologische Unter- seite (sonst spaltöffnungsfrei) nach unten gewendet ist (infolge geringer oder ganz fehlender Resu- pination), sondern auch an jenen Nadeln, deren spaltöffnungslose Seite dem Licht zugewendet ist. Hieraus geht hervor, daß nicht die unnatür- liche Lage — Spaltöifnungsseite nach oben — die Veranlassung zur Ausbildung von Spaltöffnungen an der sonst spaltöffnungsfreien Blattseite sein kann. Vielmehr scheint hierfür ein anderes Moment maßgebend zu sein. Alle diese die Knospe umhüllenden Nadeln nähern sich sehr dem Bau der Nadeln der Sect. Eupicea, d. h. sie sind mehr oder weniger vierkantig; und gerade bei den vierkantigen Fichtennadeln finden sich bekanntlich Stomata auf allen vier Seiten. Die Sachlage ist also die folgende: Die die Knospe umhüllenden Nadeln verzichten auf ihre Dorsiventralität (Zweiflächigkeit) und nähern sich dem vierkantigen Nadeltypus. Hand in Hand I86 Naturwissenschaftliche Wochenschrift. N. F. XVn. Nr.